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Phosphoros von Nis-Momme Stockmann – Ein Gastspiel des Münchner Residenztheaters in der Regie von Anne Lenk bei den ATT 2015 im Deutschen Theater Berlin

Montag, Juni 22nd, 2015

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(c) Deutsches Theater Berlin

(c) Deutsches Theater Berlin

In seinem, 2014 als Auftragsarbeit für das Residenztheater München in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen entstandenem Theaterstück Phosphoros schließt Autor Nis-Momme Stockmann unmittelbar an sein letztes Stück Die Kosmische Oktave an. Das Prinzip der kosmischen Harmonie auf das menschliche Leben übertragend entwarf der Autor ein in zeitlichen Dekaden immer wiederkehrendes Generationenbild als eintönigen Gleichklang. Daneben setzte er in Anlehnung an Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften das Wirken von Naturgesetzen auf zwischenmenschliche Beziehungen. In Phosphoros nimmt Stockmann nun Bezug auf den kosmischen Morgenstern (in der Antike Phosphoros genannt), der auch Abendstern, also gleichzeitig Licht- und Schattenbringer ist. Und auch Wissenschaft und Musik spielen hier wieder eine Rolle.

Die Hauptfiguren im Stück, der Physikprofessor Lew Katz (Johannes Zirner) und der Kontrabassist Basil (Lukas Turtur), stecken in einer Lebenskrise, die man zumindest beim Lew getrost auch eine faustische nennen könnte. Ihn plagen Kopfschmerzen, gedankenlose Studenten und Neuerungen an seiner Fakultät, die seine Liebe zur Physik auf eine harte Probe stellen. Im Privaten läuft es ähnlich schlecht. Lews Egozentrik und seine hypochondrischen Anfälle belasten die Beziehung zu seine Frau Anne (Katrin Röver), die es lieber etwas einfacher hat und auch die banalen Dinge des Alltags wie die Reparatur des Daches für wichtig hält. Lew sieht die Sache dagegen etwas komplexer, weiß aber auch nicht wie er seine Probleme lösen soll, wo überhaupt das Problem ist, und flüchtet sich so in die fixe Idee krank zu sein. Er wartet auf einen Krebstest und geht regelmäßig zur Psychologin Schäfer-Werle (Juliane Köhler), um sich seinen Traum deuten zu lassen, in dem er als Clown vor lauter bekannten Leuten im Publikum eine Jonglage-Nummer aufführen soll und Angst vor dem Versagen hat.

Ähnlich geht es dem Musiker Basil, der einst großes Talent nun auf Dauertournee in einem Provinzhotel gestrandet ist und auf seine Assistentin Eva (wieder Juliane Köhler) wartet, die ihm seit Jahren den Bass hinterherträgt. Im Hotelrezeptionisten Schröder (Thomas Gräßle) trifft er auf einen zynischen Lebensphilosophen, der ihm derweil ein paar ungeschönte Wahrheiten verkündet. Der Katalysator für den Wandel in Lews Leben ist die prekär beschäftigte DB-Service-Kraft Marlene (Genija Rykova), die ohne Abi in Physikseminare geht und Lew durch ihr kluges, unorthodoxes Denken aufgefallen ist. Marlene steckt aber ebenfalls in einer Krise, die einerseits eine rein monetäre ist, sie aber ähnlich wie Lew auch an der Welt und der denkfaulen Masse Mensch verzweifeln lässt. Damit es schön kompliziert bleibt, schmückt Autor Stockmann sein Stück mit jeder Menge wissenschaftlich-philosophischer Vorträge und Diskurse um physikalische Begrifflichkeiten sowie weiteren Randfiguren aus, und lässt alles immer wieder aufs schönste miteinander kollidieren.

Phosphoros - (c) Andreas Pohlmann

Phosphoros vom Residenztheater – Foto (c) Andreas Pohlmann

Der wissenschaftlichen Theorie von Zeit und Raum, dem scheinbar vorbestimmten Gang des Menschen von der Geburt bis zum Tod und der alles entscheidenden Lebensfrage: Warum das alles? setzt Stockmann noch das hier immer wieder chorisch angekündigte metrologische Natur-Ereignis eines aufkommenden Sturms entgegen, dessen Urgewalt die Figuren nun im doppelten Sinne auf sich zurück wirft. Bei 200 Seiten Text birgt das natürlich auch die Gefahr der Überforderung des Publikums. Es ist der Regisseurin Anna Lenk zu danken, dass sie Stockmanns Textkonvolut klug gerafft und mit einem Ensemble von 9 Schauspielern in immerhin 20 Rollen frisch und über 3 Stunden immer spannend zu inszenieren vermag.

Auf der kahlen Bühne von Judith Oswald dient nur ein riesiger Scheinwerfer als Requisit, unter dessen Licht sich die Figuren immer wieder drängen, in die Dunkelheit der Bühne oder in die erste Reihe des Parketts flüchten. So lassen sich auch wunderbar die Physikvorlesungen Lews oder die Vorträge des Literaturgurus Lindenblatt (Franz Pätzold), der seine Schreibgruppe examiniert, darstellen. Die im Stück angedeutete Gleichzeitigkeit von Raum und Zeit nutzt die Regisseurin geschickt, in dem sie die einzelnen Szenen immer schneller in einander verschränkt und schließlich fast parallel ablaufen lässt, wobei sich die Figuren immer wieder selbst von der Bühne verdrängen müssen. Das schafft eine durchgehende Dynamik und viel Raum für Figurenspiel und Slapstick.

Phosphoros vom Residenztheater - (c) Andreas Pohlmann

Phosphoros vom Residenztheater – Foto (c) Andreas Pohlmann

Die Ambivalenz der einzelnen Figuren oder gar Austauschbarkeit ihrer Charaktere und Egotrips verdeutlichen die farblich akzentuierten Kostüme von Silja Landsberg, die auch beim Rollenwechsel von den Schauspielern nicht getauscht werden. Letztendlich kranken hier alle auch an ähnlichen Symptomen des modernen Menschen. Nur unterschieden durch die Art und Weise diese je nach Mentalität zu beklagen, sich mit ihnen einzurichten oder gar an einer Änderung zu arbeiten. Die Suche nach Regel für das Leben wird hier immanent sichtbar. Bei Lew ist es der Glauben an die Physik „als Werkzeug das uns gegen die Unwegsamkeit der Urkräfte des Kosmos schützt und uns hilft uns selbst in ihm zu begreifen und zu verstehen.“. Anna sucht ihren Halt in den alltäglichen Dingen und in Lebenshilfeseminaren. Basil dagegen flüchtet sich in vergangene Karriereträume, Affären und Alkohol. Nur Marlene rebelliert vehement wütend gegen ihre Umwelt, während Lebenszyniker Schröder und Zugbegleiter Jörg (Arthur Klemt) sich damit abgefunden haben, nichts ändern zu können.

Mensch oder Dachpappe, Chaos oder Ordnung – Es läuft was mit dem Denken schief. Das ist die recht stimmige Quintessenz von Stockmanns Stück. Das Leben selbst in der Hand zu haben, es zu gestalten und die Liebe freizusetzen, kostet die Figuren zu viel an Lebenszeit und Lebenssaft. Anna wird ihr plötzlich neu gewonnenes Zutrauen zu Jörg schließlich sogar zum Verhängnis. Aber gemeinsam mit Eva werfen die beiden Frauen ihre Lebenspäckchen aus dem ICE. Das ist zumindest ein Anfang. Liebe, Glücklich sein, oder seine Ruhe haben, das ist eine Entscheidung, die sich für Lew, Basil und Anna so eindeutig nicht finden lässt, auch wenn der Physiker in einem nachgeschobenen Epilog endlich das Ende seines Traumes bei einer Rede zur Verleihung der Heisenbergmedaille erzählen kann. Ob es ein glückliches ist, vermag man nicht wirklich zu sagen. Aber wir stehen am Anfang großer Ereignisse, wie es in Stockmanns Text so schön heißt. Na dann…

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Phosphoros (20.06.2015)
von Nis-Momme Stockmann
Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 31. Mai 2014
Gastspiel des Residenztheaters München am Deutschen Theater Berlin zu den ATT 2015
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Silja Landsberg
Musik: Jan Faszbender
Licht: Uwe Grünewald
Dramaturgie: Andrea Koschwitz
Mit:
Johannes Zirner… Lew Katz
Juliane Köhler… Schäfer-Werle, Eva
Katrin Röver… Anne Katz
Genija Rykova… Marlene
Franz Pätzold… Boris, Frank Seibl, Lindenblatt, Alte Frau
Lukas Turtur… Basil, Jonas
Thomas Gräßle… Schröder, Martin
Katharina Pichler… Berle, Frau Kadow, Sprechstundenhilfe
Arthur Klemt… Jörg, Dekan
Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden, eine Pause

Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/phosphoros

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Zweimal Nis-Momme Stockmann in Berlin – „Die kosmische Oktave“ in der Regie von Ulrich Rasche an den sophiensaelen und Milan Peschels Inszenierung „Der Freund krank“ an den DT-Kammerspielen.

Samstag, März 29th, 2014

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Lass uns von Liebe sprechen! – Regisseur Ulrich Rasche inszeniert Die kosmische Oktave von Nis-Momme Stockmann in den Sophiensælen

„Zeit ist die Schwingungsdauer periodischer Erscheinungen“ heißt es in dem Buch Farbton, Tonfarbe und die Kosmische Oktave von Hans Cousto. Der schweizer Mathematiker, Musikwissenschaftler und Astrologe entwickelte in den 1970er Jahren das alte Prinzip weiter, dass jedem Planeten eine Frequenz bzw. ein bestimmter Ton zugeordnet werden kann. Cousto versuchte mittels des Oktavgesetzes diese Töne hörbar zu machen. Er benutzte dafür tatsächliche Frequenzen, die sich auf die periodischen Umlaufzeiten der Planeten bezogen. Zwischen den einzelnen Frequenzen der Planeten wirken dabei gewisse Verwandtschaften. Auch in Hermann Hesses Roman Das Glasperlenspiel gibt es solche Verknüpfungen von Musik und Mathematik. Cousto bezog sich bei seinen Betrachtungen auf Johannes Keplers Werk Harmonices mundi (Harmonik der Welt), das wiederum auf Pythagoras’ Harmonien im All zurückgeht.

„Ich fühle mich von einer unaussprechlichen Verzückung ergriffen ob des göttlichen Schauspiels der himmlischen Harmonie.“ schwärmte Keppler, und Goethe, als großer Universalgelehrter, hatte im Faust I gedichtet: „Die Sonne tönt nach alter Weise / In Brudersphären Wettgesang, / Und ihre vorgeschriebne Reise / Vollendet sie mit Donnergang.“ Einmal Gott als Baumeister der Ordnung der Welt und des Universums. Daneben die Naturphilosophie der Pantheisten. In beiden Prinzipien schwingt die kosmische Oktave als Urgesetz der Harmonie. In der spirituellen Meditation wie auch in der Musik stimmt man sich z.B. mittels Klangschalen oder Stimmgabeln auf einen bestimmten Grundton ein. Mit diesen Prinzipien kennen sich Dramatiker Nis-Momme Stockmann, der auch tibetische Sprache und Kultur studiert hat, sowie Regisseur und Musiktheaterspezialist Ulrich Rasche anscheinend bestens aus.

Die kosmische Oktave. Corinna Kirchhoff in den Sophiensaelen. Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Die kosmische Oktave. Corinna Kirchhoff in den Sophiensaelen. Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Nun muss man keine Angst haben, dass das hier in einem astrologisch-esoterischen oder musiktheoretischen Vortrag endet. Das Prinzip der kosmischen Harmonie übersetzt Stockmann in seinem Text Die kosmische Oktave als einen zeitlich periodisch immer wiederkehrenden, eintönigen Gleichklang, den er schlicht mit dem menschlichen Leben selbst gleichsetzt, und dabei insbesondere mit der Zeiteinheit von Dekaden bzw. Generationen als sich unabänderlich wiederholende Konstante arbeitet. Wieder Goethe griff in seinem Roman Die Wahlverwandtschaften auf die Wirkungsweise chemischer Elemente als Vergleich von zwischenmenschlichen Beziehungen mit den Naturgesetzen zurück. Der Versuch, im Zuge der Aufklärung – dem Zeitalter der Entdeckung des Ichs – zu untersuchen, inwieweit Leben und Liebe wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten oder dem eigenen Willen unterliegen. Und das ist dann die zweite, eigentliche Beziehung, auf die sich Nis-Momme Stockmann bei seinen Überlegungen beruft.

Es geht also kurzgesagt um Zeit, Generationenkonflikte, die Chemie zwischen den Menschen und das große Ganze, die Welt an sich. Wo es bei Goethe noch an den herrschenden Konventionen scheitert, die die Protagonisten an der Entfaltung ihrer selbst hindern, kommt Stockmann Generationen später in seinem Text zu der Erkenntnis, dass nun dem Menschen plötzlich sein eigenes Ego im Weg steht. Dabei tritt der Mensch seit Jahrzehnten eigentlich schon entwicklungstechnisch auf der Stelle, was hier nicht den wissenschaftlichen Fortschritt meint, sondern den ganz persönlichen, menschlichen Entwicklungsprozess. Als Objekt seiner Untersuchung wählt Stockmann dann ganz naheliegend auch die deutsche Kleinfamilie und sich selbst als Haupt-Protagonisten. Zumindest ist dieser ein Alter-Ego des Autors. Sein Goethe’sches Landgut ist die heimatliche Insel Föhr, auf der er mit seinen Eltern und dem Bruder aufgewachsen ist.

Zunächst jedoch schält sich in den Sophiensælen die Schauspielerin Corinna Kirchhoff aus dem Dunkel und führt einen langen Monolog der inneren Erstarrung. Nach dem Motto: „Wie konnte das passieren?“ denkt ihre müde Figur am Totpunkt ihrer Geschichte über vor Jahren gefasste Ziele nach und resigniert. Hat sich aufgegeben wie kaltes, totes Fleisch. Letztendlich entspringt dieses Loslassen aber auch einer Art befreiender Müdigkeit, in der sie liegt wie einem Boot. Völlig ruhig und entspannt zerdehnt Corinna Kirchhoff dabei langsam die Silben, deklamierend wie noch bei Peter Stein an der alten Schaubühne. Die anwesende Edith Clever dürfte dabei ihre helle Freude gehabt haben. Förmlich in sich ruhend spricht die Kirchhoff dann vom Gongschlag auf die Mitte des Universums, vom perfekten, runden Ton.

Danach werden drei große Laufbänder angeworfen und die Darsteller beginnen sich auf ihnen fast unmerklich gegen die Laufrichtung zu bewegen, wie gegen einen unsichtbaren Strom. Dazu erklingen leise monotone Bassläufe. Passend zum formal strengen Inszenierungsstil von Regisseur Ulrich Rasche hat der US-Amerikaner Ari Benjamin Meyers eine ruhige, minimalistische Musikuntermalung für Stockmanns Fließtext komponiert. Die Darsteller teilen sich wechselnd die Erzählstimme und im Zusammenwirken von Text, Schrittfolge und Musik entsteht ein Sog, der einen versucht in die Geschichte hineinzuziehen. Stockmann spricht von seiner Kindheit, der abgeschlossenen Welt seiner Eltern mit ihrer 60er und 70er-Jahre-Einstellung, einer freundlichen, gutgelaunten Strickpullover- und Latzhosen-Mentalität. Er selbst ist ein Kind der 80er, die ihm nicht viel sagen mit ihren schnelllebigen Modetrends, Popmusik, Zynismus und Depressionen, die seine Eltern schon erfasst haben. Einerseits ergreift ihn die Angst, an dieser Zukunft eifrig mitzuschrauben, selbst „Fürsprecher der kapitalistischen Grundordnung“ zu werden. Anderseits findet er sich auch cool in seiner Außenseiterrolle auf Föhr.

Die kosmische Oktave. Timo Weisschnur, Miguel Perez Inesta Sax, Toni Jessen, Guillaume Francois / Tenor und Bettina Hoppe in den Sophiensaelen. Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Die kosmische Oktave. Timo Weisschnur, Miguel Perez Inesta Sax, Toni Jessen, Guillaume Francois / Tenor und Bettina Hoppe in den Sophiensaelen. Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Stockmann zeigt hier ein sich selbst reflektierendes Ego, aber auch eine ganz normale, universelle Einzelbiografie verloren im Massenphänomen eines normativen Individualismus mit der Sehnsucht zur Uniformierung. Die Schizophrenie einer Gesellschaft, ausgedrückt durch ein ins Vielfache transformierte Individuum, das wie auf einem Laufband ständig auf der Stelle tritt. Eingesperrt in einen bestimmten Zeitkosmos mit Cokooning und Tunnelblick. Sei individuell! Glaube an dich selbst! Das sind die Parolen dieser Zeit. Aber was ist noch wahr und was kann man denn überhaupt sein? Nicht dies, noch das, wie er verwirrt feststellt. Nur Schriftsteller, ein Berufsbild für die Ewigkeit, sozusagen. Womit ein neues Dilemma auftaucht: Worüber schreiben? Stockmann kombiniert und variiert hier Themen seiner bisherigen Werke zu einer kritischen Selbstbetrachtung inklusive weit ausholendem Rundumschlag auf Weltall, Erde, Mensch. Es kommt nicht gut weg bei ihm, was sich da so aus der harmonisch wabernden, kosmischen Ursuppe erhoben hat. Aus diesem Schlamm will der junge Autor aufsteigen, dem System der Heuchelei die bürgerliche Maske abreißen.

Das ist groß gedacht und knallig hingerotzt. Stockmann kleckert nicht mit Worten. Er klotzt und kotzt die Monologe und später auch dialogähnlichen Passagen aufs Papier. Vom pubertären Autismus eines leicht adipösen Jungen, der alles in sich hineinfrisst und im dänischen Feriencamp seine erste, unerfüllte Liebe erfährt, von der herablassenden Beziehung zu seinem kleinen Bruder, den er quält und dem später zum bodenständigen Sozialpädagogen Herangewachsenen Naivität vorwirft. Um das Wechseln von Winterreifen entspinnt sich zwischen beiden ein zynischer Dialog über die Größe von Lebensentwürfen und des eigenen Egos. „Du bist ein trauriges, selbstgerechtes narzisstisches Arschloch“, ist die scharfe, treffende Analyse des Bruders. Den nächsten Ego-Dämpfer erhält der Jungdramatiker von seiner Koffer packenden Ex, die ihm im Gehen noch unter die Nase reibt: „Du weißt gar nichts über Liebe. Du solltest auch wirklich nicht darüber schreiben. Du solltest einfach mal die Fresse halten.“ Der hehre Anspruch des Dichters scheint am eigenen kleinen Leben zu scheitern.

Regisseur Ulrich Rasche teilt Nis-Momme Stockmanns Textschwall geschickt auf und zwingt seine sieben Darsteller in formal streng durchchoreografierte Schrittfolgen, die sie auf den parallel nebeneinanderstehenden oder auch mal schräg voneinander weglaufenden Bändern performen. Neben Corinna Kirchhoff stehen hier Toni Jessen, Bettina Hoppe, Kornelia Lüdorff, Dorothea Arnold, Timo Weisschnur und Dominik Paul Weber auf dem Band. Sie werden beim Sprechen und auf der Stelle Schreiten vom Tenor Guillaume Francois und den Musikern des Zafraan Ensembles Miguel Pérez Iñesta, Zoé Cartier und Thomsen „Slowey“ Merkel begleitet. Durch den permanenten Gleichschritt und Gleichklang bekommt das Gesagte Stringenz und eine Bedeutsamkeit, die man dem Text allein vielleicht absprechen würde. Dennoch hätte man sich im zweiten Teil nach der Pause durchaus auch eine Schrittfolge die über den Wechsel von frontalem zu seitwärts ausgestelltem Laufbandtreten hinausgeht.

Stockmann geht nun noch einmal in die 80er Jahre nach Föhr und berichtet vom Ausbruch der Mutter aus den eingefahrenen familiären Bahnen. Ein Akt der Befreiung aus der Melancholie und ständigen Verfügbarkeit. Sie sieht im bundesrepublikanischen Modell der Kleinfamilie nicht mehr ihre Möglichkeiten. Die Enttäuschung des Ich-Erzählers äußert sich in einer weiteren wortreichen Abrechnung mit den bürgerlichen Kleinzielen, der Bereitschaft zum Selbstbetrug, in dem sich alles aufzulösen beginnt. Daraus folgt tiefschwarzer Zorn, aber auch die Erkenntnis, sich immer wieder für die Liebe zum Idioten machen zu wollen. Das Stück kulminiert schließlich in einer großen Philippika für die Liebe, die Toni Jessen nun ganz allein auf dem Band halten darf. Dazu brandet endlich auch die Musik noch mal auf und treibt Worte und Erzähler förmlich an. „Lasst uns von Liebe sprechen!“ ist seine Aufforderung. „Sie existiert. Lasst uns sie zurückholen in den Raum der Möglichkeiten.“ Ein Plädoyer fürs große Gefühl, dafür aus dem Gleichklang des eigenen kleinen Zeitkosmos‘ auszubrechen, und das Grundprinzip der Harmonie in der Liebe wieder zu beleben. Denn diese Liebe zieht an uns. Und da ist Stockmann bei aller Moral auch ganz romantischer Idealist.

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DIE KOSMISCHE OKTAVE
Sophiensæle
Premiere war am 21.03.2014

REGIE, BÜHNE Ulrich Rasche
TEXT Nis-Momme Stockmann
MUSIK Ari Benjamin Meyers
KOSTÜME Sara Schwartz
MIT Corinna Kirchhoff, Toni Jessen, Bettina Hoppe, Kornelia Lüdorff, Dorothea Arnold, Timo Weisschnur, Dominik Paul Weber sowie Guillaume Francois (Tenor) und Mitgliedern des Zafraan Ensemble: Miguel Pérez Iňesta, Zoé Cartier, Thomas Merkel
PRODUKTIONSLEITUNG Eva-Karen Tittmann
TECHNISCHE LEITUNG, LICHTDESIGN Arne Schmitt
TON Marian Kuch
REGIEASSISTENZ Benjamin Eggers

Dauer: ca. 160 Minuten mit Pause

Eine Produktion von Ulrich Rasche in Koproduktion mit Kampnagel Hamburg, Kunstfest Weimar und SOPHIENSÆLE. Mit freundlicher Unterstützung des Schauspiels Frankfurt / Main.

Weitere Infos: http://www.sophiensaele.com/produktionen.php?IDstueck=1213&hl=de

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Gegen die gut gepamperte Selbstgewissheit – Der Freund krank von Nis-Momme Stockmann in der Regie von Milan Peschel an den DT-Kammerspielen.

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält, in derber Liebeslust, Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust Zu den Gefilden hoher Ahnen.“ Johann Wolfgang Goethe, Faust I

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Nis-Momme Stockmann bei der Konferenz Theater und Netz im Mai 2013 - Foto: St. B.

Der große zornige Grübler. Nis-Momme Stockmann bei der Konferenz Theater und Netz im Mai 2013
Foto: St. B.

Irgendwie scheint dieser Ich-Charakter aus Nis-Momme-Stockmanns Stück Der Freund krank nicht allein für eine einzige Figur geschaffen zu sein. In der Frankfurter Uraufführung mühten sich ganze drei Darsteller mit ihm ab. In der obligaten Zweitaufführung, die Milan Peschel an den DT-Kammerspielen besorgte, kommt man nun mit nur zweien aus. Wobei einer wenn er nicht gerade dem anderen ins gedankenschwangere Wort fällt, auch mal regungslos den gewindelten kranken Freund Mirko aus dem Titel des Stücks geben muss. Moritz Groove und Daniel Hoevels, zwei der wohl derzeit besten Schauspieler des DT-Ensembles, teilen sich diesen zwiegespaltenen Ich-Part ganz kameradschaftlich selbstlos, und der typisch lustbetonte Regiestil von Milan Peschel sorgt wie nebenbei für einige sehr schöne Slapstickmomente, für die wohl nicht nur allein Buster Keaton Pate stand.

Das Bühnenbild von Nicole Timm zeigt einen toten Ort als Westernstadtkulisse an der einst Prosperität und Leben bringenden Bundestraße 1, die nun, bald selbst umgeleitet, einer noch schnurgeraderen, anonymen Autobahn weichen muss, einer dieser pulsierenden Verbindungsadern durch unsere schöne Fortschrittswelt. Aus dieser kommt der Ich-Erzähler ohne Namen und Eigenschaften mit Koffer und Verstärker in der Hand, um seine alten Freund Mirko zu besuchen. Der scheint den Verstand verloren zu haben, liegt er doch seit Wochen reglos im Bett und muss von seiner Frau Nora (die nicht minder großartige Kathleen Morgeneyer) gewindelt werden. An diesem Ort nun holt den sich verdoppelnden Charakter seine Vergangenheit ein. Trübe Kindheitserinnerungen von ihn verprügelnden Baschis, herumhängenden Moped-Gangs und dem Nachbarn Trullmann mit seinem bellenden „Woll, ja“ nehmen wieder Gestalt an. Peschel-Unikum Martin Otting bekleidet mit seinem unnachahmlich kratzigen Organ kongenial einige dieser komischen Nebenrollen.

Nach Schließung der hiesigen Aromafabrik werden bald nur noch Auspuffemissionen die Luft anreichern. Zukunftsangst und Lethargie machen sich breit. Wie in einem Wild-West-Film lässt Peschel dieses Albtraum-Kopfkino des sich von der Meute gehetzt fühlenden Ichs vor uns ablaufen. Und irgendwie fühlt sich der Gespaltene schuldig an der Situation. Zwischen dem Gefühl einfach nur helfen zu wollen und der wieder aufkeimende alten Liebe zu Nora, die nun ein Kind von Mirko erwartet, ist er hin- und hergerissen. Diese Unsicherheit nutzt Peschel dann für sein Slapstickfeuerwerk mit Küchenstuhl und Kaffeetassen. In billigem Wohnküchenambiente ringt der Ich-Erzähler nach Worten, und seine mit den Jahren gut gepamperte „Scheiß Souveränität“ fällt langsam in sich zusammen, wie der leblose Körper seines Freundes. Dass es in seinem Inneren tatsächlich eine zweite dunkle Seite gibt, erfährt man erst, als der eigentliche Immobilienhändler bereits die gesamte Stadt verkauft hat.

In ihm wohnt wie bei vielen ein Geist, der stets nur Gutes will und dennoch Böses schafft. Das auch wissend, kann er dennoch nicht die richtigen Entscheidungen treffen. Nun ist Stockmanns Ich-Figur beileibe kein Mephisto oder Faust, obwohl er seine Seele für etwas scheinbar Höheres an den Teufel Mammon verkauft hat. Mit letzter Energie klammert er sich aber noch an ein Gefühl lebendig zu sein, eine Vorstellung von Liebe und einem Leben mit Nora und Kind. Ein Traum den er zum Schluss mit seiner alten abgelegten Haut begraben muss. Einst einfach abgestreift, haften Freund und leblose Hülle nun wie ein schlechtes Gewissen aus der Vergangenheit hinderlich am Protagonisten. Nun selbst in Windeln werfen Grove und Hoevels Schaufeln voll Erde auf die Bühne. Hand in Hand stehen dann beide vor der Videoprojektion einer Straße ins Nirgendwo.

Irgendwann wird im Hintergrund mal ein überdimensionaler Falten-Albtraum aufgeblasen. Ein Riesenbaby, das nach und nach wieder in sich zusammensackt. Vielleicht lässt Peschel aber auch nur die überschüssige Luft aus Stockmanns 160-Seiten-Skript. Zu einem ausgelassenen „Go Your Own Way“ wird der leere Sack dann gemeinschaftlich entsorgt. Das es Stockmann auch ernst ist, mit seinem moralischen Appell an Deutschland (Was für ein Land?), versucht Peschel aber nicht etwa einfach nur billig zu verjuxen. Er gibt dem antikapitalistischen und zivilisationsmüden Wutgeheul der Ich-Figur genügend Raum. Es geht um verlorene und falsche Werte, einfache Menschen mit ihrer antrainierten Aufrichtigkeit und die Möglichkeit einer totalen Verweigerung. Nicht ohne angemessenen Strich, den diese ausufernden, von lauter Selbstzweifeln diktierten Reflexionen, mit philosophisch-literarischen Zitaten von Goethe über Nietzsche bis zu Scott Fitzgeralds „Großem Gatsby“ angereichert, auch dringend nötig haben.

Deutsches Theater und Kammerspiele - Foto: St. B.

Deutsches Theater und Kammerspiele
Foto: St. B.

Ein nur gefälliger Abend ist daraus dennoch nicht geworden. Es ist das Beste was Stockmanns für das herkömmliche Theater relativ unangepasstem Text auf der Bühne passieren konnte. Eine gute und ungemein wichtige Inszenierung für Nis-Momme Stockmann und das Deutsche Theater Berlin. Als echte Uraufführungsbühne für junge Dramatik hängt das DT trotz einiger Bemühungen ja leider immer noch meilenweit hinterher. Wer Stockmanns neuestes Stück „Der Clown“ sehen will, muss dann Anfang Juni nach München fahren.

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Der Freund krank
von Nis-Momme Stockmann

Premiere vom 22. Februar 2014
an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin

Regie: Milan Peschel
Bühne und Kostüme: Nicole Timm
Dramaturgie: Juliane Koepp
Licht: Marcus Scherle

Mit: Moritz Grove, Daniel Hoevels, Kathleen Morgeneyer, Martin Otting

Dauer: 120 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/der_freund_krank/

Zuerst erschienen am 23.02.2014 auf Kultura-Extra.

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Doppelpremiere im bat-Studiotheater (1): „Das blaue blaue Meer“ von Nis-Momme Stockmann und „Der Kampf des Negers und der Hunde“ von Bernard-Marie Koltès

Dienstag, Februar 4th, 2014

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Am 31. Januar lud das bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch zu einer interessanten Doppelpremiere. Die 3. Studienjahre Regie und Schauspiel brachten zwei sehr unterschiedliche Gegenwartsdramen auf die kleine Bühne in der Belforter Straße. Es begann mit dem 2010 in Frankfurt uraufgeführten Sozial-Drama Das blaue blaue Meer von Jungdramatiker Nis-Momme Stockmann. Das Stück handelt von den Problemen junger Leute in einer Plattenbausiedlung. Danach folgte das Stück Der Kampf des Negers und der Hunde des französischen Dramatikers Bernard-Marie Koltès. Obwohl bereits 1981 in New York uraufgeführt, hat das Drama um den Tod eines schwarzen Arbeiters auf einer französischen Baustelle in einem westafrikanischen Land nichts an Aktualität eingebüßt. Besonders die Inszenierung des im letzten Jahr verstorbenen Regisseurs Dimiter Gotscheff 2003 an der Berliner Volksbühne gilt als legendär und (bezüglich des Themas Blackfacing) umstritten gleichermaßen.

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Das blaue blaue Meer von Nis-Momme Stockmann - (c) bat-Studiotheater

Das blaue blaue Meer von Nis-Momme Stockmann – (c) bat-Studiotheater

Passend für eine Hochhaussiedlung lässt Regisseurin Sarah Wenzinger Nis-Momme Stockmanns Stück Das blaue blaue Meer auf einem Gerüst (Bühne: Hannah Geldbach) mit mehreren Ebenen spielen, das die drei Darsteller Katherina Sattler, Gabriel Schneider und Thieß Brammer schon zu Beginn rege beklettern. Ein maschinelles Geräusch bohrt sich dabei in die Gehörgänge des eintretenden Publikums. Die ersten Sätze sprechen die drei zunächst chorisch durcheinander, bis sich die einzelnen Rollen herausschälen, die aber während des Spiels immer mal wieder gewechselt werden. Das wirkt von Anfang an sehr dynamisch und körperbetont, ganz im Gegensatz zum eigentlichen Stillstand der Stockmann‘schen Figuren.

Das blaue Blaue Meer - Foto: Scherin Moaiyeri

Das blaue Blaue Meer
Foto: Scherin Moaiyeri

Hauptprotagonist Darko (Gabriel Schneider) sinniert über die Sterne, die man eigentlich sehen müsste, aber im ewigen Grau des Himmels über der Siedlung verschwunden scheinen. Ansonsten säuft er am liebsten mit seinem Kumpel Elle, dem schon ein paar Hirnsynapsen mehr abhandengekommen sind. Thieß Brammer hängt dabei im Gerüst, ganz abwesend röchelnd und schnarchend. Keine Hoffnung oder Zukunft nirgends. Plastisch ausgemalt wird das mit Unglücks- und Selbstmordberichten aus dem „Biotop der Perversionen“. Dass Darko mal eine Vergangenheit mit Eltern, Geschwistern, Karate und Musik hatte, blendet er durch den Alkohol konsequent aus. Als ihm die junge Prostituierte Motte (Katherina Sattler) begegnet, scheint so etwas wie ein neues Ziel auf. Motte erzählt ihm vom blauen Meer in Norwegen. Gemeinsam will man weg. Wenn da nicht noch Meese wäre. Genau wie Darko, an dem eine ungesühnte Schuld nagt, hat auch Motte ein Geheimnis, dass sie fanatisch fixiert in der Siedlung gefangen hält.

Als vierter Protagonist ist da noch Elles Schwester Ulrike, die stumm an Darko hängt. Das vom Vater missbrauchte Mädchen wird hier durch eine Schreibtischlampe mit roter Glühleuchte dargestellt, die beim finalen Sprung vom Hochhaus einfach nach unten klatscht. Die drei jungen Schauspieler meistern Stockmanns sehr ausladenden, prosaischen Text hervorragend, besonders tut sich hier Katherina Sattler mit einem starken Solo beim gescheiterten Zoobesuch von Motte und Darko hervor. Die Regie verzichtet weitgehend auf knallige Effekte. Sparsamer Video- und Musikeinsatz tun ihr Übriges für eine rundum gelungene Umsetzung.

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Mächtig Aktion herrscht auch bereits zum Einlass der zweiten Inszenierung des Abends. Vor glitzerndem Lametta-Vorhang (Bühne: Lena Schmid) tanzt das Ensemble in folkloristischen Kostümen zu afrikanischer Showmusik. Unterbrochen wird das lustige Treiben schließlich durch eine Figur, die als Schattenriss hinter einem Folienvorhang auftaucht und mit einer durch Mikro verfremdeten Stimme die Rückgabe der Leiche fordert. Der Schwarze Alboury, der gekommen ist, seinen toten Bruder in die Familie heimzuholen, wird hier von Rouven Stöhr als geheimnisvoller Mann mit Stock, Zylinder und zunächst schwarzer Totenmaske dargestellt. Darunter ist er weiß geschminkt.

Der Kampf des Negers und der Hunde von Bernard-Marie Koltès - (c) bat-Studiotheater

Der Kampf des Negers und der Hunde von Bernard-Marie Koltès – (c) bat-Studiotheater

Noch blasser bleiben allerdings die eigentlich weißen Charaktere. Regisseur Gordon Kämmerer verlegt die Handlung auf eine deutsche Baustelle. Die Freundin des Bauleiters Horn, Léone (Sylvana Schneider), reist daher auch aus Berlin an. Der in sich zerrissene, entscheidungsschwache Horn (Max Thommes) deckt den Mord seines Ingenieurs Cal (Moritz Kienemann), der ihm im Gegenzug die Freundin ausspannen will. Léone fühlt sich da immer mehr vom fremden Afrika und dem beharrlichen Schwarzen Alboury angezogen. („Schwarz ist meine Farbe.“) Die fiebrige Atmosphäre zwischen den Weißen in Koltès‘ Stück um Lüge, Angst und Verrat treibt Kämmerer mit schweißtreibendem Spiel von Anfang an in eine überdrehte Farce.

Der Kampf des Negers und der Hunde - Foto: Ingrid Raab

Der Kampf des Negers und der Hunde
Foto: Ingrid Raab

In wenigen Szenen können die Darsteller dann auch mal Tiefe aufscheinen lassen. Etwa in dem eindrucksvollem Wolken-Monolog Albourys, in dem er die Notwendigkeit von Nähe mit der fehlenden Wärme beschreibt („Die Wolke folgt unserer Familie,… eine unübersehbaren Familie aus Toten“). Womit natürlich das afrikanische Volk insgesamt gemeint ist. Im Gegensatz dazu stehen Cals Wahn- und Großmachtfantasien über spuckende Neger und die ungestörte koloniale Ausbeutung Afrikas. Das Ende, an dem Cal erschossen wird, bleibt diffus offen. So wie diese Geschichte eigentlich auch immer noch nicht auserzählt ist. Die Regie setzt hier auf eine Videoeinspielung aus Wes Cravens Horrorklassiker The Serpent and the Rainbow von 1988, der eigentlich in Haiti spielt. Die Folterszene mit Pill Pullman als ängstlichem pretty Whiteface scheint aber doch etwas bemüht. Insgesamt trumpft die Inszenierung mit vielen Showeffekten und furios agierenden Darstellern mächtig auf, wirkt aber mit knalliger Musik, etlichen Videoprojektionen und einer großen Leuchthyäne auch recht überladen. Weniger ist da oft mehr.

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Das blaue blaue Meer
von Nis-Momme Stockmann
Regie: Sarah Wenzinger 3. Stj. Regie
Bühne: Hannah Geldbach
Video: Diana Bauer
Dramaturgie: Hannes Oppermann MA Dramaturgie
Musik: Paul Seidler und Jerome Huber.
Regieassistenz: Nick Neddermeier.
Ausstattungsassistenz: Navina Roline Patzschke.
Es spielen: Katherina Sattler, Gabriel Schneider und Thieß Brammer alle 3. Stj. Schauspiel

Der Kampf des Negers und der Hunde
von Bernard-Marie Koltès
Regie: Gordon Kämmerer 3. Stj. Regie
Bühne: Lena Schmid
Kostüme: Jana Wassong
Dramaturgie: Gerhild Steinbuch MA Dramaturgie
Es spielen: Sylvana Schneider, Moritz Kienemann, Rouven Stöhr alle 3. Stj. Schauspiel
Max Thommes 4. Stj. Schauspiel

Dauer: jeweils ca. 60 Minuten, eine Pause zwischen den Inszenierungen

(c) bat-Studiotheater

(c) bat-Studiotheater

Die nächste Doppelpremiere findet am 21.02.14, 19:30 im bat-Studiotheater statt.
Auf hoher See von Slawomir Mrozek und
Philoktet von Heiner Müller

Weitere Infos: http://www.bat-berlin.de/

Zuerst erschienen am 03.02.2014 auf Kultura-Extra.

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Drei Mal Leben und Sterben – ganz unterschiedliche Generationenkonflikte in drei Inszenierungen am DT und HAU Berlin

Sonntag, April 10th, 2011

Am 05.04.11 war im HAU 2 noch einmal das seit einem Jahr laufende und zum Theatertreffen 2011 eingeladene Stück „Testament“ der Performancegruppe „She She Pop“ zu sehen. Grund war die Verleihung des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost. Herzlichen Glückwunsch dem Team noch nachträglich zu dieser verdienten Ehrung. Anhand des Shakespeare-Dramas um den greisen „König Lear“ der seine Macht aufgibt, sein Reich an seine drei Töchter aufteilen will und an den ungeregelten Verhältnissen aller untereinander scheitert, verhandelt das Performerteam mit ihren Vätern den Generationenvertrag neu aus. Eine verspätete Vorbereitung zum Generationenwechsel nennt sich der Abend im Untertitel und weist damit schon darauf hin, dass man meist erst viel zu spät über das Altern der Elterngeneration und die damit auftretenden Probleme und Unannehmlichkeiten nachdenkt, auf die man nie so richtig vorbereitet scheint.
Zuerst stellen die mitwirkenden Performer (zwei Töchter und ein Sohn) ihre Väter vor, nur eine Tochter wollte ihren Vater lieber nicht auf der Bühne sehen. Die Väter nehmen dann auf Sesseln Platz, ihre Gesichter werden groß auf umrahmte Leinwände an die Bühnerückwand geworfen. Es sind Herren zwischen 60 und 70 Jahren aus dem gutsituierten Bildungsbürgertum meist schon im Ruhestand, durchaus theaterbegeistert aber kritisch gegenüber dem Performancegedanken der Töchter. In nachgespielten Probenausschnitten wird der Kampf um die Deutungshoheit dieses Theaterexperiments verdeutlicht. Streit bleibt nicht aus und die Väter drohen schon mal damit das Ganze platzen zu lassen. Das Ergebnis ist dennoch interessant anzusehen. An einem Flipchart werden erst mal verschieden Themen aufgeschrieben, die verhandelt werden sollen.
Der Text des Shakespearestücks läuft auf einer Leinwand mit und wird in Auszügen zu jedem Akt gelesen. So bleibt das Stück als Hintergrund und Aufhänger erhalten und wird mit heutigen Entsprechungen neu interpretiert. Zum Beispiel die Aufteilung des Reichs mit dem Anspruch der Kinder auf die Hinterlassenschaft der Väter. Was möchte man erben, auf was hat man ein Recht. Beispiele werden von den Töchtern aufgeführt. Ein Diagramm zeigt das Verhältnis von Liebe der Nachkommen proportional zur Abgabe des Vermögen der Eltern. Ist es besser alles sofort abzugeben oder sich die Liebe mit einer rationierten Werteabgabe dauerhaft zu sichern. Das ist natürlich ironisch gemeint, ernster wird es schon wenn noch Enkel ins Spiel kommen, sich die alleinstehenden Töchter dadurch benachteiligt fühlen und die Enkelstunden in einen monetären Ausgleich umrechnen. Das nächste Problem tritt zwangsläufig auf, wenn die Väter mit ihrem Tross „Ritter“ zu den Töchtern ziehen und diese nicht darauf vorbereite oder eingerichtet sind. Dies wird anhand der Bücher eines der Väter bildlich am Flipchart verdeutlicht. Aber es geht natürlich auch um lieb gewordenen Eigenheiten, die die Töchter natürlich ganz anders sehen und schließlich ist man bei der Würde der Väter angelangt, die sich darüber definiert im Alter noch gebraucht zu werden und auch vehement einfordert wird. Es geht darum gemeinsam Zeit zu verbringen, dem anderen aber trotzdem genügend Platz für sich zu lassen.
Ein Generationenkonflikt wäre aber kein Konflikt, wenn es nicht auch um verschiedene Interessen und Ansichten ginge, hier im speziellen die der politisch aktiven 68er-Generation zur heutigen, die das ewige Gerede von früher nur nervt. Es werden einige Vorurteile und Klischees ausgetauscht. Letztendlich gipfelt das dann im besagten Generationenwechsel, zu dem die Sturmszene im Lear genutzt wird. In einem gemeinsamen Ritual, werden den Vätern die Hemden ausgezogen und letzte Lieblingslieder gemeinsam gesungen. Dann treten die Töchter in die Stiefel ihrer Väter und nehmen auf den Sesseln Platz. Die nun hilfsbedürftigen Väter sind dem Schutz der Töchter anheim gegeben, das Pflegethema wird nun verhandelt. In einem Monolog spricht eine Tochter über den immer mehr verfallenden Körper des Vaters, den sie bis zum Tod begleitet. Die Tochter deren Vater nicht an der Performance teilnimmt, vergibt ihm in einem weiteren Monolog, dass er nie wirklich für sie da war und lieber für die Arbeit gelebt hat Es werden letzte Fragen gestellt, die natürlich nicht zur Gänze beantwortet werden, einer der Väter liegt dazu in einem Pappsarg. In einem schönen Schlussbild liegen die Väter und Töchter wie Lear und Cordelia im Tod vereint im Knäuel auf der Bühne.
Das mag alles sehr oberflächlich erscheinen, viele Themen können natürlich nur angerissen und skizziert werden. Die angestrengte Arbeit zu diesem Theaterstück ist auf der Bühne natürlich nicht komplett abzubilden. Es liegt hier am Zuschauer, das für ihn wichtige zu entnehmen und selbst mit seinen Eltern im gemeinsamen Dialog durchzuspielen. In der Laudatio zur Verleihung des Preises im Anschluss an die Vorstellung ist von einem „gleichermaßen mutigen wie berührenden Dokumentartheater-Abend“ die Rede, der ein großes Wagnis eingehe zu einer echten Begegnung über den Generationenkonflikt hinaus. Dem kann man durchaus zustimmen.

Ganz anders da das neue Stück „Die Ängstlichen und die Brutalen“ vom viel versprechenden und preisgekrönten Jungautor Nis Momme Stockmann, das am 07.04.11 an den Kammerspielen des DT aufgeführt wurde. Hier ist der Vater bereits tot und die Nachkommen stehen entgeistert vor den Überresten gelebten Lebens. Die Bühne läuft nach hinter schräg an, auf einem Sessel sitzt eine zur Seite gesunkene Puppe, eine kahle verdreckte Matratze, zwei Umzugskartons und ein Telefon, das sind die sparsamen Requisiten. Die Wände zieren Sprüche wie „Geduld braucht es für das Hineinwachsen eines Menschen in die Welt“. Das mutet wie Waldorfschulpsychologie an oder soll sehr existentialistisch klingen, ist aber doch nur pseudophilosophische Brühe. Es sind Zitate aus dem Stück und stehen auf vielen Zetteln, die in den Kisten auf der Bühne verborgen sind. Elaborate des verstorbenen Vaters, den seine beiden Söhne da auf dem Sessel finden, in seiner finalen Kacke.
„Kacke!“ ist dann auch das meist gebrauchte Wort zu Beginn des 90-minütigen Kammerspiels über die Unfähigkeit der beiden Brüder, mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters klar zu kommen, den sie sichtlich nicht wirklich gekannt haben, noch bisher irgendein geartetes Interesse an dessen verflossenem Leben zeigten. Und so dreht sich all ihr Bestreben erst mal um die Suche nach einer Möglichkeit aus dieser absurden Situation wieder heraus zu kommen, die Schuld für die Situation beim Pflegdienst zu suchen oder sich gegenseitig in die Schuhe zu schieben. Mit der Klobürste muss Berg den Vater säubern, diese bleibt dann der Puppe im Hintern stecken, als sichtbares Zeichen, das in Würde Sterben in dieser Welt so nicht möglich ist.
So weit so gut, daraus ließe sich schon etwas machen. Aber Autor Stockmann will die ganz große Familientragödie bedienen und so haben beide Söhne jede Menge Mutti- und Vati-Komplexe und halten sich ihre verpfuschten Leben vor. Der ältere Eirik (Werner Wölbern) hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, die er noch nicht überwunden hat und der etwas tollpatschig, unsicher wirkende jüngere Berg ist sichtlich nicht in der Lage eigene Entscheidungen zu treffen. So wird er auch von seinem großen Bruder tyrannisiert und rumgeschupst, das führt bis zu einem ersten Gewaltausbruch mit dem Abrasieren des Schurrbarts, da der zu sehr an den überpräsenten Vater erinnert. Berg revanchiert sich dann mit dem Geständnis mit Eiriks Frau geschlafen zu haben, nur um ihm etwas weg zu nehmen. Nachdem beide hinter den wahren Grund des Gestanks in der Wohnung des Vaters gekommen sind, es hebt sich die Bühnenrückwand und eine riesiger Berg Müll kommt zu Vorschein, eskaliert das Ganze zum verzweifelten Selbstreflektionsdrama und beide werfen sich ihre Ängste und psychotischen Traumsequenzen über Spinnen, Katzen, Mütter und Väter (Freud lässt grüßen) ungefiltert an den Kopf, unfähig zur wirklichen Kommunikation miteinander. „Hör auf, ich will das alles nicht hören.“
Beim verzweifelten Aufräumen fällt ihnen dann die Zettelsammlung des Vaters mit Gedichten und philosophischen Abhandlungen in die Hände. Das nimmt ihnen nun gänzlich die Fassung. „Hast du das gewusst?“ und „Ich fühl mich verarscht.“ sind die Reaktionen, was wunder, der Zuschauer fühlt dies mit zunehmendem Maße auch. Der junge Regisseur David Bösch deckt lieber den Mantel des Schweigens über den Inhalt der Zettelkisten, ein Zitat ist im Programmheft abgedruckt. Es scheint als wollte Bösche retten was zu retten ist, die beiden ehrlich bemühten Darsteller Werner Wölbern und Christoph Franken sind aber nicht mehr zu retten. Stockmann zieht seinen Figuren ohne ersichtlichen Grund, plötzlich den Boden unter den Füßen weg, sie straucheln und stürzen ziellos in der einsamen Gedankenwelt ihres Autors herum, aussichtslos der totalen Leere ausgeliefert. Schließlich erhebt sich der geknechtete Berg über seinen Bruder Eirik und erschlägt ihn nach einem weiteren Gewaltexzess im Müllberg. Einen Ausweg aus der Situation findet er nicht, gefangen in seiner Angst vor dem wahren Leben bricht er zusammen.
Das Stockmann die Seele der kleinbürgerlichen Familie feinfühlig sezieren kann, hat er in „Kein Schiff wird kommen“ bewiesen, hier zeigt er nur große Abgründe, aber ohne wirklich deren Tiefen auszuloten. Gähnende, nihilistische Leere beherrscht trotz der großen Müllberge die Bühne. Durch dieses Stück weht so tief der schwere Atem von Beckett, dass kein hochrangiger Regisseur mehr Lust verspüren wird, diese hohlen, ausgelutschten Signifikanten noch mit Leben zu füllen. Stockmann erliegt hier sichtlich selbst dem „Teufel Signifikant“, den er eigentlich anprangern wollte. Wenn die neue Form der Dramatik bedeutet, jegliche Relevanz zu verweigern, so ist das Stockmann hier bestens gelungen. Man kann sich die eigene Autorenschaft aber auch schön reden, nur wird Stockmann so irgendwann als Schaumschläger nicht als großer Dramatiker enden. Es ging ihm um das Anliegen des Autors, als Seele seiner Arbeit, dieses Stück ist aber leider seelenlos und ein Anliegen nirgends greifbar. Dem Markt wird es egal sein, Allgemeingültigkeit und Nachhaltigkeit sind mit diesen gesichtslosen Figuren allemal gegeben, die Frage ist nur, wie lange das Publikum das noch mitmacht.

Große Themen werden auch in der zweiten Premiere im Deutschen Theater am 08.04.11 verhandelt. In den Stücken „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“, erzählt die niederländische Autorin Judith Herzberg die Geschichte einer jüdischen Familie von 1972 bis 1998. Stephan Kimmig hat diese drei Teile nun zu einem 4 ½-stündigen Abend „Über Leben“ zusammengefügt. Judith Herzberg, Jahrgang 1934, ist Tochter von Holocaust-Überlebenden und hat von 1943-45 in wechselnden niederländischen Familie auf dem Lande gelebt. Ihre Erfahrungen dieser Zeit sind in dieses Werk mit eingeflossen.
Die Hauptperson Lea (Susanne Wolff) ist ebenfalls bei einem nichtjüdischen Ehepaar aufgewachsen und liebt die Pflegemutter Riet (großartig Christine Schorn), die ziemlich offen ihre Rechte einfordert und immer wieder für kuriose Einwürfe sorgt, genauso wie ihre leiblichen Eltern Ada (Almut Zilcher) und Simon (Christian Grashof). Im ersten Teil wird Leas dritte Hochzeit gefeiert, neben dem Bräutigam Nico (Daniel Hoevels) sind die früheren Männer Leas, die Exfrau von Nico sowie etliche Verwandte und Bekannte anwesend. Durch dieses weitverzweigte Gestrüpp der Verhältnisse muss man sich erst mal durchfinden, bis die Beziehungen der Figuren zueinander klar werden. Die Grundidee Herzbergs war, dass das Stück auf einem Balkon vor dem Hochzeitsaal stattfindet. Eine etwas boulevardeske Situation, Kimmig lässt hier die Protagonisten alle zusammen auf der Bühne stehen, die Figurengruppen im Gespräch treten immer wieder aus dem Kreis heraus und tanzen ansonsten zu Lateinamerikanischer Musik. Das wirkt etwas statisch, ist aber mit 1 Stunde recht kurz und reicht so zur Einführung aller Personen. Wir erfahren, das Nico immer noch in seine Ex Dory (Maren Eggert) verliebt ist und das diese einen Vaterkomplex hat, begründet dadurch ihn nie kennen gelernt zu haben, da er im Holocaust umgekommen ist. Sie versucht immer wieder Informationen aus Simon herauszubekommen. Das ist das eigentliche Problem des Stücks, dass nicht über dieses Thema gesprochen werden kann. Der einzige der immer wieder laut über seine tote Frau klagt ist der nichtjüdische Zwart (Markwart Müller-Elmau) Vater von Nico, der nun mit Duifje (Simone von Zglinicki) verheiratet ist und diese seine Stiefgattin nennt. Ada ist durch die Geschehnisse im Lager traumatisiert und will eine stationäre Therapie machen. Simon hält das für Untreue und droht sie zu verlassen. Er wird später ein Verhältnis mit Dory anfangen aus dem ein Sohn (Isaac) entsteht, der bei Simon und Lea aufwachsen wird, da Dory als Geigerin ständig auf Tour ist. Auch Leas dritte Ehe wird scheitern, Nico geht zu Dory zurück.
Komplizierte Zusammenhänge, die noch durch weitere Nebenpersonen wie Freunde von Nico und Lea komplettiert werden. Ihr erster Ex David bringt sich gleich bei ihrer Hochzeit mit Nico um und der zweite Mann Alexander (Peter Moltzen) ist mit einer Prostituierten verheiratet und zieht im 2. Teil „Heftgarn“ mit Frau und Kind in die Nähe von Ada und Simon, da er selbst ohne Eltern eine innige Beziehung zu Ada aufgebaut hat. Es dreht sich im Großen und Ganzen um die Menschen die fehlen und das schwierige Leben mit dieser Last überlebt zu haben. Eine ziemlich leergeräumte Bühne mit hohen Sperrholzwänden dreht sich und symbolisiert die vergehende Zeit. Dennoch ist dieses Stück nie schwermütig oder pathetisch. Der Text von Judith Herzberg besitzt eine große Ironie, die sich im 2. Teil nach und nach entfaltet, leiser Humor und die sparsame Bebilderung von Stephan Kimmig verhelfen diesem schweren Thema ohne jeglichen Einfühlungskitsch und Betroffenheitsgedusel zu seinem Recht. Von Rührseeligkeit keine Spur. Es wird geliebt, geboren und gestorben. Ada stirbt und auch Alexander und seine Frau kommen bei einem Autounfall ums Leben. Von außen dringt immer wieder nur ein Klempner in die abgeschlossnen Welt der Familie ein, die sich ganz um sich selbst dreht. Diese Figur steht aber nicht nur für einen schönen Running Gag im zweiten Teil, in dem Gerber mit Rohrzange mal von links und mal von rechts über die Bühne latschen darf und schönen, trockene Sätze abliefert, sondern für die Außenwelt, die ein echtes Interesse am Leben dieser Familie als ganz normale Menschen zeigt. Kluiters begleitet den Lebensweg der Figuren und ist selbst noch am Schluss als Stromableser da, wenn Simon schon alt und klapprig ist und ihn kaum noch wiedererkennt.
Im Zentrum des 3. Teils steht nun Simon, der nach dem Tod von Ada allein mit Lea im Haus der Familie lebt, das längst an Hans (Jörg Pose) den alten Freund von Nico verkauft ist, aber Simon kann wieder nicht mit seiner Tochter darüber sprechen. Hans hat seine Frau Pien (Meike Droste), die er auf der Hochzeit Leas kennen gelernt hat, mit sieben Kindern sitzen lassen und ist in Amerika zu Reichtum gelangt. Die Kinder sind nun selbst erwachsen und rebellieren gegen die ältere Generation wie Isaac (Paul Schröder), der nicht Stellvertreter für die vielen Toten des Holocaust sein will, fordern ihre Geschichte ein, wie Xandra (Claudia Eisinger), die im Waisenhaus aufgewachsene Tochter von Alexander oder lehnen ihre Väter ganz ab, wie Piens und Hans Sohn Chaim (Moritz Grove). Die Figuren stehen dazu dicht an der Rampe und artikulieren ihre Wut oder Resignation. Aber es wird auch noch mal träumerisch und die Toten Ada und Alexander nehmen die Hinterbliebenen noch mal an die Hand und bitten zu einem letzten Tänzchen. Am Sterbebett von Simon schließt sich der Kreis, alte Wunden zwischen Lea und Dory werden wieder aufgerissen oder man versucht sich zu versöhnen. Und der alte Fuchs Simon will und will nicht sterben. Ein Theaterabend mit großartigen Schauspielern, wie es lange keinen mehr am DT gab. Dank an das Team und an Stephan Kimmig, dass er diese Stücke von Judith Herzberg wieder ausgegraben hat und sich mit seiner Inszenierung alles in allem wohltuend zurückhält. Nach dem nihilistischen Debakel vom Vorabend in den Kammerspielen, ist das ein reines Fest fürs Leben, das auch den Blick auf den Tod, das Unfassbare sowie die Schwächen der Menschen und ihre Unfähigkeit damit umzugehen nicht ausspart.

Judith Herzberg und Stephan Kimmig im Gespräch   (tip Berlin)

In der Nische – zwei Stücke von Nis-Momme Stockmann in Berlin

Samstag, Oktober 23rd, 2010

„Kein Schiff wird kommen“ in der DT-Box und „Das blaue, blaue Meer“ im Heimathafen Neukölln

Die ganz großen Themen sind die Sache nicht von Jungautor Nis-Momme Stockmann, ganze vier Stücke sind von ihm aber bereits seit 2009 uraufgeführt worden. Eine Menge für einen 29-jährigen, der bereits den Heidelberger Stückemarkt und einen Werkauftrag vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens erhalten hat. Theater heute wählte ihn zum Nachwuchsdramatiker des Jahres 2010. Mit „Kein Schiff wird kommen“ wurde er für den Mühlheimer Dramatikerpreis 2010 nominiert. Das ist eine Menge Lorbeer und so durfte man zu Recht gespannt sein auf die Zweitaufführung des Stückes in der Box des Deutschen Theaters. Eingerichte wurde es hier vom jungen Regisseur Frank Abt, die Bühne ist von Anne Ehrlich. Vor einen roten Samtvorhang tritt Paul Schröder, er spielt einen Jungautor in Stockmanns Stück und erzählt etwas von Relevanz und Nachhaltigkeit im Theater. Der Markt braucht große Themen, so wollen es die Intendanten. Eine schöne Persiflage auf den aktuellen Theaterbetrieb. Als der Vorhang zur Hälfte aufgezogen wird, steht dort ein kleiner Tisch und der Autor sitzt und schwitzt sich das Große aus den Rippen. Ein Stück zum Jubiläum der Wende soll es sein. Ein Thema das ihn eigentlich nicht interessiert, er hat keine Beziehung dazu, da er 1989 eigentlich noch ein Kind war. Ein Brüderpaar am See hätte er noch anzubieten, aber diese Sachen sind nicht gefragt und auch eher inflationär. So quält er sich, brütet, wütet und fährt schließlich verzweifelt zu seinem Vater, der allein auf der Nordseeinsel Föhr lebt, wo auch Stockmann herkommt. Der Vorhang geht nur ganz auf und zeigt eine Mauer mit Schieferplatten, hinter einer Folie sitzt ein Mann am Tisch.
Der Texts Stockmanns ist nicht genau in Rollen geteilt, die Monologe des Jungen und die Dialoge mit dem Vater teilen sich Paul Schröder und ein zweiter Schauspieler, Elias Arens. Er gibt den eher ruhigen Part und übernimmt dabei immer mehr die Rolle des Vaters, der Sohn nervt mit seinen Fragen und Geschichten, die er schon hundertmal erzählt hat. Es steht eine Mauer zwischen ihnen, die nur sehr langsam durchsichtig wird, wenn es um die Vergangenheit geht blockt der Vater ab. Der Sohn kommt nicht durch bei ihm und ist wiederum in seiner eigenen Verbohrtheit gefangen. Zur Wende hat der Vater auch keine große Geschichte zu erzählen und fragt warum der Sohn denn nicht auch etwas ganz Gewöhnliches schreiben kann. Dann erzähl mir was von Mutter. Hier fällt krachend die Mauer und Markwart Müller-Elmau sitzt nun als Vater am Tisch und windet sich. Die Mutter die zur Zeit der Wende begann Gespenster zu sehen, ist immer still anwesend in der Figur der Akkordeon spielenden Silke Lange. Sie zupft den aufgeregten Jungen am Ärmel und drängt sich immer mehr in sein Bewusstsein. Er fährt nach Hause und beginnt, gequält von albtraumartigen Sequenzen und der großen Angst vor dem Versagen, seine Geschichte nieder zu schreiben.
Keine Frage, Paul Schröder trägt die Aufführung über die 90 Minuten hervorragend, allerdings vermittelt dieser ständig aufgeregt Text ausspeiende Angry Young Man eine Redundanz, die durch den eher ruhigen Part von Elias Arens kaum gebrochen werden kann. Das ist auf Dauer enervierend und trägt nicht viel zum Verständnis des eigentlich recht persönlichen und tief ins Innere eines Zerrissenen führenden Textes von Stockmann bei. Die Mauer fällt dann recht unvermittelt. Das dieses sich Freischreiben des Sohnes auch eine Befeiung für den Vater ist, dreht Abt hier in seiner Inszenierung völlig um. Der Vater liest zu Schluss mit zitternder Stimme die Geschichte des Sohnes über das langsame Sterben der Mutter vor. Es ist sicher für beide Seiten schmerzhaft, wenn das persönliche Drama einer ganzen Familie ans Licht tritt, aber das in einem alten einsamen gebrochenen Mann hinter einer Folie darzustellen, ist einfach zu platt. Hier kommt dann doch der Bezug zum eigentlichen Vater-Sohn-Konflikt zu kurz und der Kontrast zum großen Thema fehlt. Das was Stockmann wichtig ist, der Blick in die Nische anstatt ständig nur an der Oberfläche zu kratzen, erstarrt in Plattitüden, das Stück ist nach hinten raus leider auch einfach etwas dünn. Der Bruch zwischen den Zweifeln und der eintretenden Erkenntnis des Sohnes, über was er eigentlich Schreiben will und muss, war in der Stuttgarter Inszenierung glaubwürdiger dargestellt. Hier erscheint er mir zu abrupt vollzogen. Der rote Vorhang ist aber durchaus eine schöne Metapher. Steht man davor erwartet man gespannt eine große tragische Geschichte, wenn er sich dann öffnet, zeigt er meist nur ein kleines persönliches Drama, das aber durchaus auch Relevanz für das große Publikum haben könnte. Trotzdem ist natürlich Frank Abts Inszenierung durchaus sehenswert.

Wie man einen schwierigen widersprüchlichen Text von Nis-Momme Stockmann ganz unaufgeregt und trotzdem eindrucksvoll aufführen kann, zeigt die Inszenierung von „Das blaue, blaue Meer“ in der Regie von Stefanie Aehnelt im Heimathafen Neukölln.
Die Stockmannsche Nische ist hier eine Sozialbausiedlung am Rande der Stadt, am Rande der Gesellschaft mit einer Tafel am Eingang, die genau über alle Gewalttaten berichtet und diesen Ort so zu einer skurrilen Endstation gescheiterter Existenzen deklariert. Angelegt von Politikern und Stadtplanern, um das Elend auszusperren und so, dass man darin nur verloren gehen kann.
Auf der Studiobühne, die wie ein Kinderspielplatz in so einem Neubauwohngebiet von Svenja Kuhr gestaltet ist, sind die drei jugendlichen Protagonisten ständig präsent. Darko, dargestellt von Nico Ehl, hat sich dem Suff ergeben, er erzählt vom sternenlosen Himmel über der Siedlung, keine Hoffnung oder Zukunft nirgends, das er mal eine Vergangenheit hatte mit Geschwistern, Karate und Musik blendet er durch den Alkohol konsequent aus. Sein Freund Elle (Roald Schramm) mit dem er sich regelmäßig zum gemeinsamen Trinken trifft, ist schon eine Stufe weiter, sein Auftreten ist bereits sichtlich vom Delirium geprägt. Dahin ist Darko auf dem besten Weg, im Vollrausch entgeht er nur um Haaresbreiten dem Tod auf den Eisenbahngleisen, sein Fuß bleibt dabei aber auf der Strecke. Der Arzt legt ihm ernsthaft nahe mit dem Saufen aufzuhören, aber Darko ist bereits wie in einer Art Zeitschleife gefangen. Das Ausweg führt meist nur über einen finalen Sprung von einem der Plattenbauten.
Der Text von Nis-Momme Stockmann ist hier ebenfalls zu großen Teilen ein wütender Monolog der Hauptfigur Darko über die Sinnlosigkeit seines Daseins, zwischen Arbeitsamt, Siedlungsalltag mit Gewalt, sexuellen Missbrauch und Selbstmord und den einsilbigen Saufgelagen mit seinem Kumpel Elle. Roald Schramm übernimmt auch immer wieder die andere Rollen. Das ist in seiner Drastik kaum auszuhalten, jedoch durch die sparsame Mimik, Gestik und seine kräftige Sprache macht Nico Ehl aus seinem Darko keine übergroße Leidensfigur, sondern einen Menschen, der immer noch irgendwie an etwas zu glauben scheint. Er kämpft sich geschickt durch den philosophierenden Text von Stockmann mit seinen ständigen Fragen und Rückkopplungen. Seine vergebliche Suche nach den Sternen führt ihn schließlich zu Motte, einer jungen Prostituierten, in ihrer Rätselhaftigkeit bestechend glaubwürdig von Salome Dastmalchi dargestellt, die ebenso wie er in dieser Siedlung gefangen scheint. Sie hat aber auch einen Traum, den vom blauen Meer wohin sie irgendwann will. Allein es bleibt ein Tagtraum, dem auch beide gemeinsam nicht entfliehen können. Selbst ein Besuch im Zoo wird zum Desaster und sie können die Tiere schließlich nur durch den Zaun sehen. Sie bleiben letztendlich draußen und gefangen in ihrer Welt, die wir wiederum oft genug einfach ausblenden. Das Leben von Darko und Motte spielt sich weiterhin zwischen dem Traum von Norwegen mit Meer und Sternen und der sinnlosen Realität des Plattenbaus ab. Die Liebe bleibt immer da zwangsläufig auf der Strecke, wo es an echten Perspektiven fehlt. Das Warum ist als ständig bohrende Frage in den Text des Stückes eingeschrieben.

Das Anliegen des Autors oder der „Teufel Signifikant“

Dienstag, Juni 29th, 2010

zur Rede Nis-Momme Stockmanns bei der Theaterbiennale in Wiesbaden 2010

 

Der Zaunlattenabreißer Nis Momme Stockmann gibt keine Ruhe und das ist wohl auch gut so. Es geht ihm um den Behuf des Autors. „Erste Priorität hat immer, muss immer haben: Zweifeln, Anliegen transportieren, anstiften zum Zweifeln.“ Das autorielle Anliegen Jelineks sind ihre Anliegen. Das ist erst mal eine merkwürdige Aussage, denn welche Anliegen wären das denn genau? Die Relevanz des Autors ergibt sich doch nicht nur aus seinem Anliegen, sondern auch aus der Form wie er mit gewissen Anliegen umgeht, denn lesbar sollte das Ganze schon sein, sonst wird der Text beliebig. Neues wagen, das Prinzipielle aus der Dramatik vertreiben und „Häresie bringen“, das sind die Anliegen Stockmanns. Genügt das? Es ist zumindest ein hehrer Anspruch. Was das so genannte Anliegen des Autors ist, sollte er aber natürlich immer noch selbst bestimmen und da hat Stockmann recht. „Die Seele der Arbeit muss das Anliegen sein.“ sagt er, und wer das nicht ernst nimmt, hat damit seine Seele verkauft an den schnellen Erfolg.

„Welchen Autor braucht das Theater dann? Das kann nur das Theater und in erster Linie das Publikum beantwortet. Und das Publikum kann sich auch nicht auf seinen passiven Status berufen. Es muss nach seinen Autoren schreien. Es muss einen von Ihnen zum Autor erklären!“ Dagegen stehen dann wieder die Aussagen der im Theaterbetrieb stehenden und den Zuschauer für unmündig haltenden Profis. Siehe Klarnamendebatte etc. Das Namenlose Publikum hat nach wie vor keine Stimme und wird sie auch so leicht nicht bekommen. Rene Pollesch weist ja auch daraufhin, das wir als Zuschauer nicht mehr teilhaben können, ironisch gesagt „betrogen ums interaktive Theater“. „Seid froh! Seid glücklich! Diesem unerbittlichen Amüsierbetrieb entkommen zu sein.“ Theater ist nicht beendet, wenn wir den Zuschauerraum verlassen haben, es muss weiter gehen, sonst geht wie im Verblendungszusammenhang der Schauspieler mit dem Partner nach Hause und wir sitzen interpassiv da und schauen nur noch bei der Liebe zu.

„Das widerlichste Kind des Marktes in der Kunst ist der Teufel Signifikant“, sagt Stockmann. Gib mir ein Zeichen. Wartet man da nicht immer bei einem neuen Autor oder Stück darauf? Nur wenn nichts signifikant ist, was hat dann noch eine Bedeutung? Ist Bedeutsamkeit wichtig? Es geht Stockmann nicht um Antworten sondern um die Fragen, aber auch diese können ein Signifikant sein. Nur, wenn schon nicht mal die richtigen Fragen aufgeworfen werden, wozu geht man dann noch ins Theater und das geht einem ja nicht nur bei der Gegenwartsdramatik so.

„Wann haben sie sich zum letzten Mal wirklich umgestürzt gefühlt nach dem sie ein Theater verlassen haben?“ Da hat sicher jeder mal so ein Erlebnis gehabt, nur diese sind selten und nicht ständig reproduzierbar. Das Bemühen darum, ist das Ziel von Stockmann und daran muss man ihn jetzt mehr denn je messen. Nur kann man nicht jeden Autor sofort nach einem diagnostizierten Misserfolg fallen lassen, denn das bringt dann nämlich erst den für den Markt schreibenden Autor hervor.

„Ich möchte niemanden etwas geben. Ich möchte den Menschen eher etwas wegnehmen – die scheiß Souveränität im Umgang mit der Welt.“ Das ist richtig, aber irgendwas muss einem eine Geschichte auch geben. Also die Naivität und Neugier dem Zuschauer zurück geben, das wäre schon ein erstrebenswertes Ziel eines Autors.

Der Vergleich Stockmanns des Autors mit Prometheus ist zwar etwas hochtrabend aber nicht abwegig. Prometheus hat den Menschen das Feuer wiedergebracht, also die Kultur, den Umgang, sprich die Deutung überlässt er ihnen aber selbst. Auch verkörpert Prometheus nach Goethe den Trotz des schöpferischen Genies gegen das vorherrschende System, er verkörpert das Prinzip des idealistischen Kampfes und ist so der These Stockmanns sehr nahe. Der Autor der Zukunft als entfesselter Prometheus, befreit aus dem Konnotationsgefängnis der Theater, eine interessante Sichtweise.

Die Rede ist auf www.nachtkritik.de nachzulesen.

Zur Nichtvergabe des Preises beim Heidelberger Stückemarkt 2010

Samstag, Mai 15th, 2010

Beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt wurde durch die Jury, bestehend aus der SZ-Kritikerin Christine Dössel, dem Dramaturgen Erik Altorfer und Vorjahrespreisträger Nis-Momme Stockmann, kein Preis vergeben, mit der Begründung, das keines der Stücke so herausrage, das es eine eindeutige und konsensfähige Entscheidung zu einem Preis gegeben hätte. Dazu kommt, das auch der europäische Förderpreis nicht verliehen wurde. Gastland war übrigens Israel vertreten mit 3 Stücken im Wettbewerb. Die Jury verbindet ihre Entscheidung mit der Anregung zu einer Diskussion über die Förderkultur der deutschsprachigen Dramatik.
Das erregte den Unmut der Jungdramatiker der in einem offenen Brief gegen die Entscheidung, den Preis in gleichen Teilen an alle Teilnehmer zu vergeben, mündete. Es fehle eine inhaltliche Begründung und das pauschale Urteil atme den „Geist der Exklusion“ unter dem Mantel von Nachhaltigkeit und Qualität. Daraufhin wurde auf der Seite von Nachtkritik angeregt und sehr kontrovers von vielen Kommentatoren das Für und Wider diskutiert. Nachzulesen auf  www.nachtkritik.de unter Scharfe Kritik der betroffenen Autoren an der Jury des Heidelberger Stückemarkt. Dort wurde Christine Dössel, die in einem Artikel der SZ, das Fehlen von Stücken zum Nah-Ost-Konflikt und der Frage der Palästinenser bemängelte, unter anderem Antisemitismus vorgeworfen.
Vorausgegangen war noch einer Art Philippika von Nis-Momme Stockmann gegen die Bewertungsmacht der Kritik auf der Stücke-2010-Seite von Nachtkritik zu den Mühlheimer Theatertagen. Nachzulesen auf Stücke 2010 – 35. Mülheimer Theatertage NRW

Ja, da hat der junge Herr Stockmann ein paar Latten vom Zaun gerissen, die ihm jetzt durch jene, denen sie nun fehlen, gewaltig um die Ohren gehauen werden.
Dieser Streit um das von Stockmann so bezeichnete „Bewertungskompetenzgold“ zeigt doch genau worum es eigentlich geht, der ewige Kampf um die, den, das Beste. Da kann das Ganze doch nur zum Katzengold mutieren. Unter welchen Kriterien soll denn nun in so einem Wettbewerb, das beste Stück gefunden werden? Das kann doch nur ganz subjektiv erfolgen und nicht nach „Bewertungsclustern“, wer will die denn auch bestimmen, das ist doch kein Sportwettkampf. Außerdem geht es Stockmann gar nicht um gesellschaftliche Relevanz, wenn die jetzt wieder eingefordert wird, sonder lediglich um „Theater wie es sein soll, eine Kunst, ein Medium – einfach ein Affekt, Leben, Brand, Versuch, Zwang, Neurose (und die Begegnung mit ihr), Verzweiflung, Dummheit, Irren, Widerspruch – Liebe Liebe Liebe – diffus und dumm – überwältigend, herabwerfend, katastrophal!
Denn das ist menschlich.“
Es ist allerdings auch schwach von der Jury, sich nicht weiter zum Thema zu äußern, sondern nun die Debatte den Institutionen und dem Feuilleton zu überlassen. Aber wahrscheinlich bedurfte hat es dieses Ausrufezeichens, um die Debatte überhaupt erst anzustoßen.
Es ist wahrscheinlich richtig dämlich, den Streit um junge Dramatik in Deutschland vom Zaun zu brechen, wenn man sich Gäste aus Israel dazu eingeladen hat, die damit überhaupt nichts zu tun haben und das auch nicht verstehen können. Da ist sicher viel Schaden angerichtet worden. Aber es ist nie die richtige Zeit für bestimmte Debatten und man muss jetzt versuchen, das sauber zu trennen, um die sprichwörtliche Kirche/Synagoge/Moschee im Dorf zu lassen. Der Antisemitismusvorwurf ist schnell gemacht, aber danach ist es kaum noch möglich, eine sachliche Debatte zu führen.

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Die Musendrossel oder eine Schwalbe macht noch keinen Frühling.

Flieg Drossel flieg,
Dein Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Musenland,
Musenland ist abgebrannt.
Flieg Drossel flieg.

Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar im Land der großen Sänger veranstalteten, wie in jedem Jahr, einen großen Wettstreit und sie lobten ein fetten Wurm als Preis aus, für denjenigen, der den schönsten Gesang unter den hiesigen Vögeln hätte.

Zu Richtern erkoren sich die Vögel die in Kunstdingen erfahrene Musendrossel, den Einfarbgimpel von hinter dem Berg, der dort auch schon einen Sängerwettstreit abgehalten hatte und den Rüpellgirlitz, der sich als großer Sänger bereits im letzten Jahr hervorgetan hatte.

Und so kamen sie denn, die Edelfinken aus den großen Städten, die Einsiedlerdrossel aus der fernen Provinz, Zwergdrossel, Singdrossel, Ringdrossel, selbst die Klippenschwalbe vom Meer kam und ein kleiner seltener Schlichtstar hüpfte ganz schüchtern und aufgeregt auf und ab, ob er wohl die Gnade in den Augen der Richter erlangen können würde.

So standen sie nun alle vor dem hochheiligen Gerichte und putzten sich noch einmal von der Brust bis zum Bürzel, blähten die kleinen Lungen und sangen so schön von Freud und Herzeleid, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, das es die Luft nur so erfüllte.

Von weit her kam die Rotmeerschwalbe, ein recht ein kryptischer Vogel, gleich einem Fabelwesen, welches hier zu Lande noch niemand gesehen hatte und erhob einen Gesang, den keiner verstehen und in seiner Fremdheit ertragen konnte. Da die Musendrossel so etwas nicht gelten lassen wollte, musste die Rotmeerschwalbe unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Auch die anderen Sänger fanden keine Gnade in ihren Augen und Ohren und so ward ein langes Harren ob der Entscheidung, wer denn wohl am besten gesungen hätte, die einfach nicht fallen wollte.

Aber wie sich nun die Musendrossel, der Einfarbgimpel und der Rüpellgirlitz nicht einigen konnten wer den fetten Wurm bekommen sollte und diesen vor lauter Wut darüber, in lauter kleine Teile zerrissen, in den Rinnstein warfen, erhob sich ein Geschrei der anderen Vögel und die Aasgeier kreisten gleich den Erinnyen über den Himmel und gaben alle Schuld über den zerrissenen Wurm der Musendrossel.

Erschauernd darüber verstummte die Musendrossel und der kleine Rüpellgirlitz hielt einen wundersamen Vortrag über die Liebe zum Gesang, den wiederum niemand verstand und darob auch keinen Beifall zollen wollte.

Wie nun das Geschrei nicht verebbte und der Musendrossel schon ganz schwindelig war und ihr die kleinen Ohren wehtaten, hob sie zum großen Klagegesang an. All ihren Unmut über die ihr zu Teil werdende Schmach legte sie darein. Über die Unfähigkeit der kleinen Sänger und die schlechte Behandlung ihrer erlauchten Person, beklagte sie sich zu tiefst.

Und so erhoben sich nun alle Vögel zu einer großen Nänie.

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

Und es ward Stille hin fort im Land der großen Sänger.

(Unter Verwendung von Friedrich Schillers Gedicht Nänie von 1799)

PS: Die Drossel wird mit den Beeren gefangen, die sie gesäet. (Sprichwort)

Stefan , 25. Mai 2010

Oh, Demosthenes – für Nis-Momme Stockmann, der Versuch einer Erwiderung

Freitag, Mai 14th, 2010

„Unmöglich ist es, daß der Ungerechte, der Meineidige, der Lügner, eine dauerhafte Macht besitze. Eine solche Macht hält für einmal und auf kurze Zeit. Sie blüht, wenn es glückt, in Hoffnung auf, aber, von der Zeit belauert, fällt sie von selbst zusammen.“

Demosthenes, der berühmteste Redner Attikas, versuchte in seinen Reden zum Kampf gegen die Vereinnahmung der Griechen durch Philipp II. von Makedonien aufzurufen.

Auch Du hast Deinen Phillip gefunden. Ich darf doch Du sagen, da Du mir vorkommst, wie ein alter Kumpan, ein Bruder im Geiste.

Nur sind wir auch Verbündete? Was weißt Du von mir, was weiß ich von Dir?

Da wir doch keinen Sektor teilen, höchstens uns immer wieder annähern und entfernen, uns aneinander reiben und im günstigsten Falle eine kleine Schnittmenge bilden.

Aber wir teilen eine Sehnsucht. Wir stehen am Meer der Geschichten aus Himbeersoße.

„Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird liegen am Kai.“

Dein Schiff wird kommen. Es wird mich mitnehmen über dieses Meer, wird mich wieder absetzen und ich werde warten auf die Rückkehr, einen Penny in der Hand.

Bist Du der Mann der die Welt aß? Gib Sie wieder frei, Stück für Stück.
Lass mich teilhaben an Deinen Träumen und Ängsten.
Knuff mich ruhig stark in die Schulter, ich will es aushalten.

„Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird beschießen die Stadt.“

Du brauchst keinen Nietzsche, der Nihilismus ist Dir fremd.
Sei ein Strauchelnder im Heer des Gleichschritts.

„Auch Quellen und Brunnen versiegen, wenn man zu oft und zu viel aus ihnen schöpft.“

Ein Besessener, in dem was du willst. Steh gleich einem Einar Schleef im Gleichmut des diskursiven Konsens.
Saug Deine Wahrheit aus dem Hier und Jetzt. Vertraue nicht dem Ruf nach Brisanz und Relevanz.

„Der Ausgangspunkt für die großartigsten Unternehmungen liegt oft in kaum wahrnehmbaren Gelegenheiten.“

Und so will auch ich glücklich vor mich hin rezipieren, will zuhören dem Logographen der Seele, aufnehmen und verstehen.

„Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird entschwinden mit mir.“

Deinem Sinn für Liebe und Schönheit vertrauend, hoffend nicht für Dich zu sein, der mit dem falschen Teil um die Ecke kommt,

Dein XYZ, nicht als Dein Kritiker sondern Dein Publikum.

(Unter Verwendung von Zitaten des Demosthenes und Brechts Seeräuber-Jenny)

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Zur Philippika von Nis-Momme Stockmann gegen die Bewertungsmacht der Kritik auf der Stücke-2010-Seite von Nachtkritik zu den Mühlheimer Theatertagen. Nachzulesen auf  Stücke 2010 – 35. Mülheimer Theatertage NRW

Das ist natürlich sehr kokett, in der Position von Nis-Momme Stockmann, zu behaupten nicht gefallen zu wollen. Mit seiner scheinbaren Verweigerung eine Geschichte zu erzählen, in „Ein Schiff wird kommen“, legt er aber den Finger in die Wunde. Ich meine, gut beobachtet zu haben, wie einige Zuschauer sich in ihren Sitzen hin und herrutschend, nicht so wirklich in diese Story ergeben wollten. Das ist ungewöhnlich für uns, erst zum Schluss etwas präsentiert zu bekommen, womit wir vorher nicht gerechnet haben. Aber ich glaube, darum geht es auch, keine Erwartungen zu erfüllen, sondern das zu machen, was für einen selbst Relevanz hat. Die Schmähung der Kritiker und des Kulturbetriebs, der auch Stockmann selbst trägt, ist aber durchaus nachvollziehbar. Er beißt voll Wut in die Hand die ihn füttert, das mag arrogant erscheinen, ob der Tatsache, das auch andere junge Autoren in diesem Betrieb bestehen wollen und müssen. Aber er hat einen Kampf begonnen, der ihm wichtig erscheint und das ist das Recht der Jugend. Er wird in Zukunft daran gemessen werden, vor allem von denen, die seiner Meinung nach die Künste verseuchen. Aber auch das Publikum wird erfahren wollen, wie er diese Kraft, die er aus der begonnen Auseinandersetzung gewinnen will, nutzen wird. Dafür wünsche ich ihm viel Erfolg und das sich ihm weitere Gleichgesinnte anschließen werden.