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Drei Mal Leben und Sterben – ganz unterschiedliche Generationenkonflikte in drei Inszenierungen am DT und HAU Berlin

Sonntag, April 10th, 2011

Am 05.04.11 war im HAU 2 noch einmal das seit einem Jahr laufende und zum Theatertreffen 2011 eingeladene Stück „Testament“ der Performancegruppe „She She Pop“ zu sehen. Grund war die Verleihung des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost. Herzlichen Glückwunsch dem Team noch nachträglich zu dieser verdienten Ehrung. Anhand des Shakespeare-Dramas um den greisen „König Lear“ der seine Macht aufgibt, sein Reich an seine drei Töchter aufteilen will und an den ungeregelten Verhältnissen aller untereinander scheitert, verhandelt das Performerteam mit ihren Vätern den Generationenvertrag neu aus. Eine verspätete Vorbereitung zum Generationenwechsel nennt sich der Abend im Untertitel und weist damit schon darauf hin, dass man meist erst viel zu spät über das Altern der Elterngeneration und die damit auftretenden Probleme und Unannehmlichkeiten nachdenkt, auf die man nie so richtig vorbereitet scheint.
Zuerst stellen die mitwirkenden Performer (zwei Töchter und ein Sohn) ihre Väter vor, nur eine Tochter wollte ihren Vater lieber nicht auf der Bühne sehen. Die Väter nehmen dann auf Sesseln Platz, ihre Gesichter werden groß auf umrahmte Leinwände an die Bühnerückwand geworfen. Es sind Herren zwischen 60 und 70 Jahren aus dem gutsituierten Bildungsbürgertum meist schon im Ruhestand, durchaus theaterbegeistert aber kritisch gegenüber dem Performancegedanken der Töchter. In nachgespielten Probenausschnitten wird der Kampf um die Deutungshoheit dieses Theaterexperiments verdeutlicht. Streit bleibt nicht aus und die Väter drohen schon mal damit das Ganze platzen zu lassen. Das Ergebnis ist dennoch interessant anzusehen. An einem Flipchart werden erst mal verschieden Themen aufgeschrieben, die verhandelt werden sollen.
Der Text des Shakespearestücks läuft auf einer Leinwand mit und wird in Auszügen zu jedem Akt gelesen. So bleibt das Stück als Hintergrund und Aufhänger erhalten und wird mit heutigen Entsprechungen neu interpretiert. Zum Beispiel die Aufteilung des Reichs mit dem Anspruch der Kinder auf die Hinterlassenschaft der Väter. Was möchte man erben, auf was hat man ein Recht. Beispiele werden von den Töchtern aufgeführt. Ein Diagramm zeigt das Verhältnis von Liebe der Nachkommen proportional zur Abgabe des Vermögen der Eltern. Ist es besser alles sofort abzugeben oder sich die Liebe mit einer rationierten Werteabgabe dauerhaft zu sichern. Das ist natürlich ironisch gemeint, ernster wird es schon wenn noch Enkel ins Spiel kommen, sich die alleinstehenden Töchter dadurch benachteiligt fühlen und die Enkelstunden in einen monetären Ausgleich umrechnen. Das nächste Problem tritt zwangsläufig auf, wenn die Väter mit ihrem Tross „Ritter“ zu den Töchtern ziehen und diese nicht darauf vorbereite oder eingerichtet sind. Dies wird anhand der Bücher eines der Väter bildlich am Flipchart verdeutlicht. Aber es geht natürlich auch um lieb gewordenen Eigenheiten, die die Töchter natürlich ganz anders sehen und schließlich ist man bei der Würde der Väter angelangt, die sich darüber definiert im Alter noch gebraucht zu werden und auch vehement einfordert wird. Es geht darum gemeinsam Zeit zu verbringen, dem anderen aber trotzdem genügend Platz für sich zu lassen.
Ein Generationenkonflikt wäre aber kein Konflikt, wenn es nicht auch um verschiedene Interessen und Ansichten ginge, hier im speziellen die der politisch aktiven 68er-Generation zur heutigen, die das ewige Gerede von früher nur nervt. Es werden einige Vorurteile und Klischees ausgetauscht. Letztendlich gipfelt das dann im besagten Generationenwechsel, zu dem die Sturmszene im Lear genutzt wird. In einem gemeinsamen Ritual, werden den Vätern die Hemden ausgezogen und letzte Lieblingslieder gemeinsam gesungen. Dann treten die Töchter in die Stiefel ihrer Väter und nehmen auf den Sesseln Platz. Die nun hilfsbedürftigen Väter sind dem Schutz der Töchter anheim gegeben, das Pflegethema wird nun verhandelt. In einem Monolog spricht eine Tochter über den immer mehr verfallenden Körper des Vaters, den sie bis zum Tod begleitet. Die Tochter deren Vater nicht an der Performance teilnimmt, vergibt ihm in einem weiteren Monolog, dass er nie wirklich für sie da war und lieber für die Arbeit gelebt hat Es werden letzte Fragen gestellt, die natürlich nicht zur Gänze beantwortet werden, einer der Väter liegt dazu in einem Pappsarg. In einem schönen Schlussbild liegen die Väter und Töchter wie Lear und Cordelia im Tod vereint im Knäuel auf der Bühne.
Das mag alles sehr oberflächlich erscheinen, viele Themen können natürlich nur angerissen und skizziert werden. Die angestrengte Arbeit zu diesem Theaterstück ist auf der Bühne natürlich nicht komplett abzubilden. Es liegt hier am Zuschauer, das für ihn wichtige zu entnehmen und selbst mit seinen Eltern im gemeinsamen Dialog durchzuspielen. In der Laudatio zur Verleihung des Preises im Anschluss an die Vorstellung ist von einem „gleichermaßen mutigen wie berührenden Dokumentartheater-Abend“ die Rede, der ein großes Wagnis eingehe zu einer echten Begegnung über den Generationenkonflikt hinaus. Dem kann man durchaus zustimmen.

Ganz anders da das neue Stück „Die Ängstlichen und die Brutalen“ vom viel versprechenden und preisgekrönten Jungautor Nis Momme Stockmann, das am 07.04.11 an den Kammerspielen des DT aufgeführt wurde. Hier ist der Vater bereits tot und die Nachkommen stehen entgeistert vor den Überresten gelebten Lebens. Die Bühne läuft nach hinter schräg an, auf einem Sessel sitzt eine zur Seite gesunkene Puppe, eine kahle verdreckte Matratze, zwei Umzugskartons und ein Telefon, das sind die sparsamen Requisiten. Die Wände zieren Sprüche wie „Geduld braucht es für das Hineinwachsen eines Menschen in die Welt“. Das mutet wie Waldorfschulpsychologie an oder soll sehr existentialistisch klingen, ist aber doch nur pseudophilosophische Brühe. Es sind Zitate aus dem Stück und stehen auf vielen Zetteln, die in den Kisten auf der Bühne verborgen sind. Elaborate des verstorbenen Vaters, den seine beiden Söhne da auf dem Sessel finden, in seiner finalen Kacke.
„Kacke!“ ist dann auch das meist gebrauchte Wort zu Beginn des 90-minütigen Kammerspiels über die Unfähigkeit der beiden Brüder, mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters klar zu kommen, den sie sichtlich nicht wirklich gekannt haben, noch bisher irgendein geartetes Interesse an dessen verflossenem Leben zeigten. Und so dreht sich all ihr Bestreben erst mal um die Suche nach einer Möglichkeit aus dieser absurden Situation wieder heraus zu kommen, die Schuld für die Situation beim Pflegdienst zu suchen oder sich gegenseitig in die Schuhe zu schieben. Mit der Klobürste muss Berg den Vater säubern, diese bleibt dann der Puppe im Hintern stecken, als sichtbares Zeichen, das in Würde Sterben in dieser Welt so nicht möglich ist.
So weit so gut, daraus ließe sich schon etwas machen. Aber Autor Stockmann will die ganz große Familientragödie bedienen und so haben beide Söhne jede Menge Mutti- und Vati-Komplexe und halten sich ihre verpfuschten Leben vor. Der ältere Eirik (Werner Wölbern) hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, die er noch nicht überwunden hat und der etwas tollpatschig, unsicher wirkende jüngere Berg ist sichtlich nicht in der Lage eigene Entscheidungen zu treffen. So wird er auch von seinem großen Bruder tyrannisiert und rumgeschupst, das führt bis zu einem ersten Gewaltausbruch mit dem Abrasieren des Schurrbarts, da der zu sehr an den überpräsenten Vater erinnert. Berg revanchiert sich dann mit dem Geständnis mit Eiriks Frau geschlafen zu haben, nur um ihm etwas weg zu nehmen. Nachdem beide hinter den wahren Grund des Gestanks in der Wohnung des Vaters gekommen sind, es hebt sich die Bühnenrückwand und eine riesiger Berg Müll kommt zu Vorschein, eskaliert das Ganze zum verzweifelten Selbstreflektionsdrama und beide werfen sich ihre Ängste und psychotischen Traumsequenzen über Spinnen, Katzen, Mütter und Väter (Freud lässt grüßen) ungefiltert an den Kopf, unfähig zur wirklichen Kommunikation miteinander. „Hör auf, ich will das alles nicht hören.“
Beim verzweifelten Aufräumen fällt ihnen dann die Zettelsammlung des Vaters mit Gedichten und philosophischen Abhandlungen in die Hände. Das nimmt ihnen nun gänzlich die Fassung. „Hast du das gewusst?“ und „Ich fühl mich verarscht.“ sind die Reaktionen, was wunder, der Zuschauer fühlt dies mit zunehmendem Maße auch. Der junge Regisseur David Bösch deckt lieber den Mantel des Schweigens über den Inhalt der Zettelkisten, ein Zitat ist im Programmheft abgedruckt. Es scheint als wollte Bösche retten was zu retten ist, die beiden ehrlich bemühten Darsteller Werner Wölbern und Christoph Franken sind aber nicht mehr zu retten. Stockmann zieht seinen Figuren ohne ersichtlichen Grund, plötzlich den Boden unter den Füßen weg, sie straucheln und stürzen ziellos in der einsamen Gedankenwelt ihres Autors herum, aussichtslos der totalen Leere ausgeliefert. Schließlich erhebt sich der geknechtete Berg über seinen Bruder Eirik und erschlägt ihn nach einem weiteren Gewaltexzess im Müllberg. Einen Ausweg aus der Situation findet er nicht, gefangen in seiner Angst vor dem wahren Leben bricht er zusammen.
Das Stockmann die Seele der kleinbürgerlichen Familie feinfühlig sezieren kann, hat er in „Kein Schiff wird kommen“ bewiesen, hier zeigt er nur große Abgründe, aber ohne wirklich deren Tiefen auszuloten. Gähnende, nihilistische Leere beherrscht trotz der großen Müllberge die Bühne. Durch dieses Stück weht so tief der schwere Atem von Beckett, dass kein hochrangiger Regisseur mehr Lust verspüren wird, diese hohlen, ausgelutschten Signifikanten noch mit Leben zu füllen. Stockmann erliegt hier sichtlich selbst dem „Teufel Signifikant“, den er eigentlich anprangern wollte. Wenn die neue Form der Dramatik bedeutet, jegliche Relevanz zu verweigern, so ist das Stockmann hier bestens gelungen. Man kann sich die eigene Autorenschaft aber auch schön reden, nur wird Stockmann so irgendwann als Schaumschläger nicht als großer Dramatiker enden. Es ging ihm um das Anliegen des Autors, als Seele seiner Arbeit, dieses Stück ist aber leider seelenlos und ein Anliegen nirgends greifbar. Dem Markt wird es egal sein, Allgemeingültigkeit und Nachhaltigkeit sind mit diesen gesichtslosen Figuren allemal gegeben, die Frage ist nur, wie lange das Publikum das noch mitmacht.

Große Themen werden auch in der zweiten Premiere im Deutschen Theater am 08.04.11 verhandelt. In den Stücken „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“, erzählt die niederländische Autorin Judith Herzberg die Geschichte einer jüdischen Familie von 1972 bis 1998. Stephan Kimmig hat diese drei Teile nun zu einem 4 ½-stündigen Abend „Über Leben“ zusammengefügt. Judith Herzberg, Jahrgang 1934, ist Tochter von Holocaust-Überlebenden und hat von 1943-45 in wechselnden niederländischen Familie auf dem Lande gelebt. Ihre Erfahrungen dieser Zeit sind in dieses Werk mit eingeflossen.
Die Hauptperson Lea (Susanne Wolff) ist ebenfalls bei einem nichtjüdischen Ehepaar aufgewachsen und liebt die Pflegemutter Riet (großartig Christine Schorn), die ziemlich offen ihre Rechte einfordert und immer wieder für kuriose Einwürfe sorgt, genauso wie ihre leiblichen Eltern Ada (Almut Zilcher) und Simon (Christian Grashof). Im ersten Teil wird Leas dritte Hochzeit gefeiert, neben dem Bräutigam Nico (Daniel Hoevels) sind die früheren Männer Leas, die Exfrau von Nico sowie etliche Verwandte und Bekannte anwesend. Durch dieses weitverzweigte Gestrüpp der Verhältnisse muss man sich erst mal durchfinden, bis die Beziehungen der Figuren zueinander klar werden. Die Grundidee Herzbergs war, dass das Stück auf einem Balkon vor dem Hochzeitsaal stattfindet. Eine etwas boulevardeske Situation, Kimmig lässt hier die Protagonisten alle zusammen auf der Bühne stehen, die Figurengruppen im Gespräch treten immer wieder aus dem Kreis heraus und tanzen ansonsten zu Lateinamerikanischer Musik. Das wirkt etwas statisch, ist aber mit 1 Stunde recht kurz und reicht so zur Einführung aller Personen. Wir erfahren, das Nico immer noch in seine Ex Dory (Maren Eggert) verliebt ist und das diese einen Vaterkomplex hat, begründet dadurch ihn nie kennen gelernt zu haben, da er im Holocaust umgekommen ist. Sie versucht immer wieder Informationen aus Simon herauszubekommen. Das ist das eigentliche Problem des Stücks, dass nicht über dieses Thema gesprochen werden kann. Der einzige der immer wieder laut über seine tote Frau klagt ist der nichtjüdische Zwart (Markwart Müller-Elmau) Vater von Nico, der nun mit Duifje (Simone von Zglinicki) verheiratet ist und diese seine Stiefgattin nennt. Ada ist durch die Geschehnisse im Lager traumatisiert und will eine stationäre Therapie machen. Simon hält das für Untreue und droht sie zu verlassen. Er wird später ein Verhältnis mit Dory anfangen aus dem ein Sohn (Isaac) entsteht, der bei Simon und Lea aufwachsen wird, da Dory als Geigerin ständig auf Tour ist. Auch Leas dritte Ehe wird scheitern, Nico geht zu Dory zurück.
Komplizierte Zusammenhänge, die noch durch weitere Nebenpersonen wie Freunde von Nico und Lea komplettiert werden. Ihr erster Ex David bringt sich gleich bei ihrer Hochzeit mit Nico um und der zweite Mann Alexander (Peter Moltzen) ist mit einer Prostituierten verheiratet und zieht im 2. Teil „Heftgarn“ mit Frau und Kind in die Nähe von Ada und Simon, da er selbst ohne Eltern eine innige Beziehung zu Ada aufgebaut hat. Es dreht sich im Großen und Ganzen um die Menschen die fehlen und das schwierige Leben mit dieser Last überlebt zu haben. Eine ziemlich leergeräumte Bühne mit hohen Sperrholzwänden dreht sich und symbolisiert die vergehende Zeit. Dennoch ist dieses Stück nie schwermütig oder pathetisch. Der Text von Judith Herzberg besitzt eine große Ironie, die sich im 2. Teil nach und nach entfaltet, leiser Humor und die sparsame Bebilderung von Stephan Kimmig verhelfen diesem schweren Thema ohne jeglichen Einfühlungskitsch und Betroffenheitsgedusel zu seinem Recht. Von Rührseeligkeit keine Spur. Es wird geliebt, geboren und gestorben. Ada stirbt und auch Alexander und seine Frau kommen bei einem Autounfall ums Leben. Von außen dringt immer wieder nur ein Klempner in die abgeschlossnen Welt der Familie ein, die sich ganz um sich selbst dreht. Diese Figur steht aber nicht nur für einen schönen Running Gag im zweiten Teil, in dem Gerber mit Rohrzange mal von links und mal von rechts über die Bühne latschen darf und schönen, trockene Sätze abliefert, sondern für die Außenwelt, die ein echtes Interesse am Leben dieser Familie als ganz normale Menschen zeigt. Kluiters begleitet den Lebensweg der Figuren und ist selbst noch am Schluss als Stromableser da, wenn Simon schon alt und klapprig ist und ihn kaum noch wiedererkennt.
Im Zentrum des 3. Teils steht nun Simon, der nach dem Tod von Ada allein mit Lea im Haus der Familie lebt, das längst an Hans (Jörg Pose) den alten Freund von Nico verkauft ist, aber Simon kann wieder nicht mit seiner Tochter darüber sprechen. Hans hat seine Frau Pien (Meike Droste), die er auf der Hochzeit Leas kennen gelernt hat, mit sieben Kindern sitzen lassen und ist in Amerika zu Reichtum gelangt. Die Kinder sind nun selbst erwachsen und rebellieren gegen die ältere Generation wie Isaac (Paul Schröder), der nicht Stellvertreter für die vielen Toten des Holocaust sein will, fordern ihre Geschichte ein, wie Xandra (Claudia Eisinger), die im Waisenhaus aufgewachsene Tochter von Alexander oder lehnen ihre Väter ganz ab, wie Piens und Hans Sohn Chaim (Moritz Grove). Die Figuren stehen dazu dicht an der Rampe und artikulieren ihre Wut oder Resignation. Aber es wird auch noch mal träumerisch und die Toten Ada und Alexander nehmen die Hinterbliebenen noch mal an die Hand und bitten zu einem letzten Tänzchen. Am Sterbebett von Simon schließt sich der Kreis, alte Wunden zwischen Lea und Dory werden wieder aufgerissen oder man versucht sich zu versöhnen. Und der alte Fuchs Simon will und will nicht sterben. Ein Theaterabend mit großartigen Schauspielern, wie es lange keinen mehr am DT gab. Dank an das Team und an Stephan Kimmig, dass er diese Stücke von Judith Herzberg wieder ausgegraben hat und sich mit seiner Inszenierung alles in allem wohltuend zurückhält. Nach dem nihilistischen Debakel vom Vorabend in den Kammerspielen, ist das ein reines Fest fürs Leben, das auch den Blick auf den Tod, das Unfassbare sowie die Schwächen der Menschen und ihre Unfähigkeit damit umzugehen nicht ausspart.

Judith Herzberg und Stephan Kimmig im Gespräch   (tip Berlin)

In der Nische – zwei Stücke von Nis-Momme Stockmann in Berlin

Samstag, Oktober 23rd, 2010

„Kein Schiff wird kommen“ in der DT-Box und „Das blaue, blaue Meer“ im Heimathafen Neukölln

Die ganz großen Themen sind die Sache nicht von Jungautor Nis-Momme Stockmann, ganze vier Stücke sind von ihm aber bereits seit 2009 uraufgeführt worden. Eine Menge für einen 29-jährigen, der bereits den Heidelberger Stückemarkt und einen Werkauftrag vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens erhalten hat. Theater heute wählte ihn zum Nachwuchsdramatiker des Jahres 2010. Mit „Kein Schiff wird kommen“ wurde er für den Mühlheimer Dramatikerpreis 2010 nominiert. Das ist eine Menge Lorbeer und so durfte man zu Recht gespannt sein auf die Zweitaufführung des Stückes in der Box des Deutschen Theaters. Eingerichte wurde es hier vom jungen Regisseur Frank Abt, die Bühne ist von Anne Ehrlich. Vor einen roten Samtvorhang tritt Paul Schröder, er spielt einen Jungautor in Stockmanns Stück und erzählt etwas von Relevanz und Nachhaltigkeit im Theater. Der Markt braucht große Themen, so wollen es die Intendanten. Eine schöne Persiflage auf den aktuellen Theaterbetrieb. Als der Vorhang zur Hälfte aufgezogen wird, steht dort ein kleiner Tisch und der Autor sitzt und schwitzt sich das Große aus den Rippen. Ein Stück zum Jubiläum der Wende soll es sein. Ein Thema das ihn eigentlich nicht interessiert, er hat keine Beziehung dazu, da er 1989 eigentlich noch ein Kind war. Ein Brüderpaar am See hätte er noch anzubieten, aber diese Sachen sind nicht gefragt und auch eher inflationär. So quält er sich, brütet, wütet und fährt schließlich verzweifelt zu seinem Vater, der allein auf der Nordseeinsel Föhr lebt, wo auch Stockmann herkommt. Der Vorhang geht nur ganz auf und zeigt eine Mauer mit Schieferplatten, hinter einer Folie sitzt ein Mann am Tisch.
Der Texts Stockmanns ist nicht genau in Rollen geteilt, die Monologe des Jungen und die Dialoge mit dem Vater teilen sich Paul Schröder und ein zweiter Schauspieler, Elias Arens. Er gibt den eher ruhigen Part und übernimmt dabei immer mehr die Rolle des Vaters, der Sohn nervt mit seinen Fragen und Geschichten, die er schon hundertmal erzählt hat. Es steht eine Mauer zwischen ihnen, die nur sehr langsam durchsichtig wird, wenn es um die Vergangenheit geht blockt der Vater ab. Der Sohn kommt nicht durch bei ihm und ist wiederum in seiner eigenen Verbohrtheit gefangen. Zur Wende hat der Vater auch keine große Geschichte zu erzählen und fragt warum der Sohn denn nicht auch etwas ganz Gewöhnliches schreiben kann. Dann erzähl mir was von Mutter. Hier fällt krachend die Mauer und Markwart Müller-Elmau sitzt nun als Vater am Tisch und windet sich. Die Mutter die zur Zeit der Wende begann Gespenster zu sehen, ist immer still anwesend in der Figur der Akkordeon spielenden Silke Lange. Sie zupft den aufgeregten Jungen am Ärmel und drängt sich immer mehr in sein Bewusstsein. Er fährt nach Hause und beginnt, gequält von albtraumartigen Sequenzen und der großen Angst vor dem Versagen, seine Geschichte nieder zu schreiben.
Keine Frage, Paul Schröder trägt die Aufführung über die 90 Minuten hervorragend, allerdings vermittelt dieser ständig aufgeregt Text ausspeiende Angry Young Man eine Redundanz, die durch den eher ruhigen Part von Elias Arens kaum gebrochen werden kann. Das ist auf Dauer enervierend und trägt nicht viel zum Verständnis des eigentlich recht persönlichen und tief ins Innere eines Zerrissenen führenden Textes von Stockmann bei. Die Mauer fällt dann recht unvermittelt. Das dieses sich Freischreiben des Sohnes auch eine Befeiung für den Vater ist, dreht Abt hier in seiner Inszenierung völlig um. Der Vater liest zu Schluss mit zitternder Stimme die Geschichte des Sohnes über das langsame Sterben der Mutter vor. Es ist sicher für beide Seiten schmerzhaft, wenn das persönliche Drama einer ganzen Familie ans Licht tritt, aber das in einem alten einsamen gebrochenen Mann hinter einer Folie darzustellen, ist einfach zu platt. Hier kommt dann doch der Bezug zum eigentlichen Vater-Sohn-Konflikt zu kurz und der Kontrast zum großen Thema fehlt. Das was Stockmann wichtig ist, der Blick in die Nische anstatt ständig nur an der Oberfläche zu kratzen, erstarrt in Plattitüden, das Stück ist nach hinten raus leider auch einfach etwas dünn. Der Bruch zwischen den Zweifeln und der eintretenden Erkenntnis des Sohnes, über was er eigentlich Schreiben will und muss, war in der Stuttgarter Inszenierung glaubwürdiger dargestellt. Hier erscheint er mir zu abrupt vollzogen. Der rote Vorhang ist aber durchaus eine schöne Metapher. Steht man davor erwartet man gespannt eine große tragische Geschichte, wenn er sich dann öffnet, zeigt er meist nur ein kleines persönliches Drama, das aber durchaus auch Relevanz für das große Publikum haben könnte. Trotzdem ist natürlich Frank Abts Inszenierung durchaus sehenswert.

Wie man einen schwierigen widersprüchlichen Text von Nis-Momme Stockmann ganz unaufgeregt und trotzdem eindrucksvoll aufführen kann, zeigt die Inszenierung von „Das blaue, blaue Meer“ in der Regie von Stefanie Aehnelt im Heimathafen Neukölln.
Die Stockmannsche Nische ist hier eine Sozialbausiedlung am Rande der Stadt, am Rande der Gesellschaft mit einer Tafel am Eingang, die genau über alle Gewalttaten berichtet und diesen Ort so zu einer skurrilen Endstation gescheiterter Existenzen deklariert. Angelegt von Politikern und Stadtplanern, um das Elend auszusperren und so, dass man darin nur verloren gehen kann.
Auf der Studiobühne, die wie ein Kinderspielplatz in so einem Neubauwohngebiet von Svenja Kuhr gestaltet ist, sind die drei jugendlichen Protagonisten ständig präsent. Darko, dargestellt von Nico Ehl, hat sich dem Suff ergeben, er erzählt vom sternenlosen Himmel über der Siedlung, keine Hoffnung oder Zukunft nirgends, das er mal eine Vergangenheit hatte mit Geschwistern, Karate und Musik blendet er durch den Alkohol konsequent aus. Sein Freund Elle (Roald Schramm) mit dem er sich regelmäßig zum gemeinsamen Trinken trifft, ist schon eine Stufe weiter, sein Auftreten ist bereits sichtlich vom Delirium geprägt. Dahin ist Darko auf dem besten Weg, im Vollrausch entgeht er nur um Haaresbreiten dem Tod auf den Eisenbahngleisen, sein Fuß bleibt dabei aber auf der Strecke. Der Arzt legt ihm ernsthaft nahe mit dem Saufen aufzuhören, aber Darko ist bereits wie in einer Art Zeitschleife gefangen. Das Ausweg führt meist nur über einen finalen Sprung von einem der Plattenbauten.
Der Text von Nis-Momme Stockmann ist hier ebenfalls zu großen Teilen ein wütender Monolog der Hauptfigur Darko über die Sinnlosigkeit seines Daseins, zwischen Arbeitsamt, Siedlungsalltag mit Gewalt, sexuellen Missbrauch und Selbstmord und den einsilbigen Saufgelagen mit seinem Kumpel Elle. Roald Schramm übernimmt auch immer wieder die andere Rollen. Das ist in seiner Drastik kaum auszuhalten, jedoch durch die sparsame Mimik, Gestik und seine kräftige Sprache macht Nico Ehl aus seinem Darko keine übergroße Leidensfigur, sondern einen Menschen, der immer noch irgendwie an etwas zu glauben scheint. Er kämpft sich geschickt durch den philosophierenden Text von Stockmann mit seinen ständigen Fragen und Rückkopplungen. Seine vergebliche Suche nach den Sternen führt ihn schließlich zu Motte, einer jungen Prostituierten, in ihrer Rätselhaftigkeit bestechend glaubwürdig von Salome Dastmalchi dargestellt, die ebenso wie er in dieser Siedlung gefangen scheint. Sie hat aber auch einen Traum, den vom blauen Meer wohin sie irgendwann will. Allein es bleibt ein Tagtraum, dem auch beide gemeinsam nicht entfliehen können. Selbst ein Besuch im Zoo wird zum Desaster und sie können die Tiere schließlich nur durch den Zaun sehen. Sie bleiben letztendlich draußen und gefangen in ihrer Welt, die wir wiederum oft genug einfach ausblenden. Das Leben von Darko und Motte spielt sich weiterhin zwischen dem Traum von Norwegen mit Meer und Sternen und der sinnlosen Realität des Plattenbaus ab. Die Liebe bleibt immer da zwangsläufig auf der Strecke, wo es an echten Perspektiven fehlt. Das Warum ist als ständig bohrende Frage in den Text des Stückes eingeschrieben.

Das Anliegen des Autors oder der „Teufel Signifikant“

Dienstag, Juni 29th, 2010

zur Rede Nis-Momme Stockmanns bei der Theaterbiennale in Wiesbaden 2010

 

Der Zaunlattenabreißer Nis Momme Stockmann gibt keine Ruhe und das ist wohl auch gut so. Es geht ihm um den Behuf des Autors. „Erste Priorität hat immer, muss immer haben: Zweifeln, Anliegen transportieren, anstiften zum Zweifeln.“ Das autorielle Anliegen Jelineks sind ihre Anliegen. Das ist erst mal eine merkwürdige Aussage, denn welche Anliegen wären das denn genau? Die Relevanz des Autors ergibt sich doch nicht nur aus seinem Anliegen, sondern auch aus der Form wie er mit gewissen Anliegen umgeht, denn lesbar sollte das Ganze schon sein, sonst wird der Text beliebig. Neues wagen, das Prinzipielle aus der Dramatik vertreiben und „Häresie bringen“, das sind die Anliegen Stockmanns. Genügt das? Es ist zumindest ein hehrer Anspruch. Was das so genannte Anliegen des Autors ist, sollte er aber natürlich immer noch selbst bestimmen und da hat Stockmann recht. „Die Seele der Arbeit muss das Anliegen sein.“ sagt er, und wer das nicht ernst nimmt, hat damit seine Seele verkauft an den schnellen Erfolg.

„Welchen Autor braucht das Theater dann? Das kann nur das Theater und in erster Linie das Publikum beantwortet. Und das Publikum kann sich auch nicht auf seinen passiven Status berufen. Es muss nach seinen Autoren schreien. Es muss einen von Ihnen zum Autor erklären!“ Dagegen stehen dann wieder die Aussagen der im Theaterbetrieb stehenden und den Zuschauer für unmündig haltenden Profis. Siehe Klarnamendebatte etc. Das Namenlose Publikum hat nach wie vor keine Stimme und wird sie auch so leicht nicht bekommen. Rene Pollesch weist ja auch daraufhin, das wir als Zuschauer nicht mehr teilhaben können, ironisch gesagt „betrogen ums interaktive Theater“. „Seid froh! Seid glücklich! Diesem unerbittlichen Amüsierbetrieb entkommen zu sein.“ Theater ist nicht beendet, wenn wir den Zuschauerraum verlassen haben, es muss weiter gehen, sonst geht wie im Verblendungszusammenhang der Schauspieler mit dem Partner nach Hause und wir sitzen interpassiv da und schauen nur noch bei der Liebe zu.

„Das widerlichste Kind des Marktes in der Kunst ist der Teufel Signifikant”, sagt Stockmann. Gib mir ein Zeichen. Wartet man da nicht immer bei einem neuen Autor oder Stück darauf? Nur wenn nichts signifikant ist, was hat dann noch eine Bedeutung? Ist Bedeutsamkeit wichtig? Es geht Stockmann nicht um Antworten sondern um die Fragen, aber auch diese können ein Signifikant sein. Nur, wenn schon nicht mal die richtigen Fragen aufgeworfen werden, wozu geht man dann noch ins Theater und das geht einem ja nicht nur bei der Gegenwartsdramatik so.

„Wann haben sie sich zum letzten Mal wirklich umgestürzt gefühlt nach dem sie ein Theater verlassen haben?“ Da hat sicher jeder mal so ein Erlebnis gehabt, nur diese sind selten und nicht ständig reproduzierbar. Das Bemühen darum, ist das Ziel von Stockmann und daran muss man ihn jetzt mehr denn je messen. Nur kann man nicht jeden Autor sofort nach einem diagnostizierten Misserfolg fallen lassen, denn das bringt dann nämlich erst den für den Markt schreibenden Autor hervor.

„Ich möchte niemanden etwas geben. Ich möchte den Menschen eher etwas wegnehmen – die scheiß Souveränität im Umgang mit der Welt.“ Das ist richtig, aber irgendwas muss einem eine Geschichte auch geben. Also die Naivität und Neugier dem Zuschauer zurück geben, das wäre schon ein erstrebenswertes Ziel eines Autors.

Der Vergleich Stockmanns des Autors mit Prometheus ist zwar etwas hochtrabend aber nicht abwegig. Prometheus hat den Menschen das Feuer wiedergebracht, also die Kultur, den Umgang, sprich die Deutung überlässt er ihnen aber selbst. Auch verkörpert Prometheus nach Goethe den Trotz des schöpferischen Genies gegen das vorherrschende System, er verkörpert das Prinzip des idealistischen Kampfes und ist so der These Stockmanns sehr nahe. Der Autor der Zukunft als entfesselter Prometheus, befreit aus dem Konnotationsgefängnis der Theater, eine interessante Sichtweise.

Die Rede ist auf www.nachtkritik.de nachzulesen.

Zur Nichtvergabe des Preises beim Heidelberger Stückemarkt 2010

Samstag, Mai 15th, 2010

Beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt wurde durch die Jury, bestehend aus der SZ-Kritikerin Christine Dössel, dem Dramaturgen Erik Altorfer und Vorjahrespreisträger Nis-Momme Stockmann, kein Preis vergeben, mit der Begründung, das keines der Stücke so herausrage, das es eine eindeutige und konsensfähige Entscheidung zu einem Preis gegeben hätte. Dazu kommt, das auch der europäische Förderpreis nicht verliehen wurde. Gastland war übrigens Israel vertreten mit 3 Stücken im Wettbewerb. Die Jury verbindet ihre Entscheidung mit der Anregung zu einer Diskussion über die Förderkultur der deutschsprachigen Dramatik.
Das erregte den Unmut der Jungdramatiker der in einem offenen Brief gegen die Entscheidung, den Preis in gleichen Teilen an alle Teilnehmer zu vergeben, mündete. Es fehle eine inhaltliche Begründung und das pauschale Urteil atme den „Geist der Exklusion“ unter dem Mantel von Nachhaltigkeit und Qualität. Daraufhin wurde auf der Seite von Nachtkritik angeregt und sehr kontrovers von vielen Kommentatoren das Für und Wider diskutiert. Nachzulesen auf  www.nachtkritik.de unter Scharfe Kritik der betroffenen Autoren an der Jury des Heidelberger Stückemarkt. Dort wurde Christine Dössel, die in einem Artikel der SZ, das Fehlen von Stücken zum Nah-Ost-Konflikt und der Frage der Palästinenser bemängelte, unter anderem Antisemitismus vorgeworfen.
Vorausgegangen war noch einer Art Philippika von Nis-Momme Stockmann gegen die Bewertungsmacht der Kritik auf der Stücke-2010-Seite von Nachtkritik zu den Mühlheimer Theatertagen. Nachzulesen auf Stücke 2010 – 35. Mülheimer Theatertage NRW

Ja, da hat der junge Herr Stockmann ein paar Latten vom Zaun gerissen, die ihm jetzt durch jene, denen sie nun fehlen, gewaltig um die Ohren gehauen werden.
Dieser Streit um das von Stockmann so bezeichnete „Bewertungskompetenzgold“ zeigt doch genau worum es eigentlich geht, der ewige Kampf um die, den, das Beste. Da kann das Ganze doch nur zum Katzengold mutieren. Unter welchen Kriterien soll denn nun in so einem Wettbewerb, das beste Stück gefunden werden? Das kann doch nur ganz subjektiv erfolgen und nicht nach „Bewertungsclustern“, wer will die denn auch bestimmen, das ist doch kein Sportwettkampf. Außerdem geht es Stockmann gar nicht um gesellschaftliche Relevanz, wenn die jetzt wieder eingefordert wird, sonder lediglich um „Theater wie es sein soll, eine Kunst, ein Medium – einfach ein Affekt, Leben, Brand, Versuch, Zwang, Neurose (und die Begegnung mit ihr), Verzweiflung, Dummheit, Irren, Widerspruch – Liebe Liebe Liebe – diffus und dumm – überwältigend, herabwerfend, katastrophal!
Denn das ist menschlich.“
Es ist allerdings auch schwach von der Jury, sich nicht weiter zum Thema zu äußern, sondern nun die Debatte den Institutionen und dem Feuilleton zu überlassen. Aber wahrscheinlich bedurfte hat es dieses Ausrufezeichens, um die Debatte überhaupt erst anzustoßen.
Es ist wahrscheinlich richtig dämlich, den Streit um junge Dramatik in Deutschland vom Zaun zu brechen, wenn man sich Gäste aus Israel dazu eingeladen hat, die damit überhaupt nichts zu tun haben und das auch nicht verstehen können. Da ist sicher viel Schaden angerichtet worden. Aber es ist nie die richtige Zeit für bestimmte Debatten und man muss jetzt versuchen, das sauber zu trennen, um die sprichwörtliche Kirche/Synagoge/Moschee im Dorf zu lassen. Der Antisemitismusvorwurf ist schnell gemacht, aber danach ist es kaum noch möglich, eine sachliche Debatte zu führen.

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Die Musendrossel oder eine Schwalbe macht noch keinen Frühling.

Flieg Drossel flieg,
Dein Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist im Musenland,
Musenland ist abgebrannt.
Flieg Drossel flieg.

Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar im Land der großen Sänger veranstalteten, wie in jedem Jahr, einen großen Wettstreit und sie lobten ein fetten Wurm als Preis aus, für denjenigen, der den schönsten Gesang unter den hiesigen Vögeln hätte.

Zu Richtern erkoren sich die Vögel die in Kunstdingen erfahrene Musendrossel, den Einfarbgimpel von hinter dem Berg, der dort auch schon einen Sängerwettstreit abgehalten hatte und den Rüpellgirlitz, der sich als großer Sänger bereits im letzten Jahr hervorgetan hatte.

Und so kamen sie denn, die Edelfinken aus den großen Städten, die Einsiedlerdrossel aus der fernen Provinz, Zwergdrossel, Singdrossel, Ringdrossel, selbst die Klippenschwalbe vom Meer kam und ein kleiner seltener Schlichtstar hüpfte ganz schüchtern und aufgeregt auf und ab, ob er wohl die Gnade in den Augen der Richter erlangen können würde.

So standen sie nun alle vor dem hochheiligen Gerichte und putzten sich noch einmal von der Brust bis zum Bürzel, blähten die kleinen Lungen und sangen so schön von Freud und Herzeleid, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, das es die Luft nur so erfüllte.

Von weit her kam die Rotmeerschwalbe, ein recht ein kryptischer Vogel, gleich einem Fabelwesen, welches hier zu Lande noch niemand gesehen hatte und erhob einen Gesang, den keiner verstehen und in seiner Fremdheit ertragen konnte. Da die Musendrossel so etwas nicht gelten lassen wollte, musste die Rotmeerschwalbe unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Auch die anderen Sänger fanden keine Gnade in ihren Augen und Ohren und so ward ein langes Harren ob der Entscheidung, wer denn wohl am besten gesungen hätte, die einfach nicht fallen wollte.

Aber wie sich nun die Musendrossel, der Einfarbgimpel und der Rüpellgirlitz nicht einigen konnten wer den fetten Wurm bekommen sollte und diesen vor lauter Wut darüber, in lauter kleine Teile zerrissen, in den Rinnstein warfen, erhob sich ein Geschrei der anderen Vögel und die Aasgeier kreisten gleich den Erinnyen über den Himmel und gaben alle Schuld über den zerrissenen Wurm der Musendrossel.

Erschauernd darüber verstummte die Musendrossel und der kleine Rüpellgirlitz hielt einen wundersamen Vortrag über die Liebe zum Gesang, den wiederum niemand verstand und darob auch keinen Beifall zollen wollte.

Wie nun das Geschrei nicht verebbte und der Musendrossel schon ganz schwindelig war und ihr die kleinen Ohren wehtaten, hob sie zum großen Klagegesang an. All ihren Unmut über die ihr zu Teil werdende Schmach legte sie darein. Über die Unfähigkeit der kleinen Sänger und die schlechte Behandlung ihrer erlauchten Person, beklagte sie sich zu tiefst.

Und so erhoben sich nun alle Vögel zu einer großen Nänie.

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

Und es ward Stille hin fort im Land der großen Sänger.

(Unter Verwendung von Friedrich Schillers Gedicht Nänie von 1799)

PS: Die Drossel wird mit den Beeren gefangen, die sie gesäet. (Sprichwort)

Stefan , 25. Mai 2010

Oh, Demosthenes – für Nis-Momme Stockmann, der Versuch einer Erwiderung

Freitag, Mai 14th, 2010

„Unmöglich ist es, daß der Ungerechte, der Meineidige, der Lügner, eine dauerhafte Macht besitze. Eine solche Macht hält für einmal und auf kurze Zeit. Sie blüht, wenn es glückt, in Hoffnung auf, aber, von der Zeit belauert, fällt sie von selbst zusammen.“

Demosthenes, der berühmteste Redner Attikas, versuchte in seinen Reden zum Kampf gegen die Vereinnahmung der Griechen durch Philipp II. von Makedonien aufzurufen.

Auch Du hast Deinen Phillip gefunden. Ich darf doch Du sagen, da Du mir vorkommst, wie ein alter Kumpan, ein Bruder im Geiste.

Nur sind wir auch Verbündete? Was weißt Du von mir, was weiß ich von Dir?

Da wir doch keinen Sektor teilen, höchstens uns immer wieder annähern und entfernen, uns aneinander reiben und im günstigsten Falle eine kleine Schnittmenge bilden.

Aber wir teilen eine Sehnsucht. Wir stehen am Meer der Geschichten aus Himbeersoße.

„Und ein Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird liegen am Kai.“

Dein Schiff wird kommen. Es wird mich mitnehmen über dieses Meer, wird mich wieder absetzen und ich werde warten auf die Rückkehr, einen Penny in der Hand.

Bist Du der Mann der die Welt aß? Gib Sie wieder frei, Stück für Stück.
Lass mich teilhaben an Deinen Träumen und Ängsten.
Knuff mich ruhig stark in die Schulter, ich will es aushalten.

„Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird beschießen die Stadt.“

Du brauchst keinen Nietzsche, der Nihilismus ist Dir fremd.
Sei ein Strauchelnder im Heer des Gleichschritts.

„Auch Quellen und Brunnen versiegen, wenn man zu oft und zu viel aus ihnen schöpft.“

Ein Besessener, in dem was du willst. Steh gleich einem Einar Schleef im Gleichmut des diskursiven Konsens.
Saug Deine Wahrheit aus dem Hier und Jetzt. Vertraue nicht dem Ruf nach Brisanz und Relevanz.

„Der Ausgangspunkt für die großartigsten Unternehmungen liegt oft in kaum wahrnehmbaren Gelegenheiten.“

Und so will auch ich glücklich vor mich hin rezipieren, will zuhören dem Logographen der Seele, aufnehmen und verstehen.

„Und das Schiff mit acht Segeln und mit fünfzig Kanonen wird entschwinden mit mir.“

Deinem Sinn für Liebe und Schönheit vertrauend, hoffend nicht für Dich zu sein, der mit dem falschen Teil um die Ecke kommt,

Dein XYZ, nicht als Dein Kritiker sondern Dein Publikum.

(Unter Verwendung von Zitaten des Demosthenes und Brechts Seeräuber-Jenny)

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Zur Philippika von Nis-Momme Stockmann gegen die Bewertungsmacht der Kritik auf der Stücke-2010-Seite von Nachtkritik zu den Mühlheimer Theatertagen. Nachzulesen auf  Stücke 2010 – 35. Mülheimer Theatertage NRW

Das ist natürlich sehr kokett, in der Position von Nis-Momme Stockmann, zu behaupten nicht gefallen zu wollen. Mit seiner scheinbaren Verweigerung eine Geschichte zu erzählen, in „Ein Schiff wird kommen“, legt er aber den Finger in die Wunde. Ich meine, gut beobachtet zu haben, wie einige Zuschauer sich in ihren Sitzen hin und herrutschend, nicht so wirklich in diese Story ergeben wollten. Das ist ungewöhnlich für uns, erst zum Schluss etwas präsentiert zu bekommen, womit wir vorher nicht gerechnet haben. Aber ich glaube, darum geht es auch, keine Erwartungen zu erfüllen, sondern das zu machen, was für einen selbst Relevanz hat. Die Schmähung der Kritiker und des Kulturbetriebs, der auch Stockmann selbst trägt, ist aber durchaus nachvollziehbar. Er beißt voll Wut in die Hand die ihn füttert, das mag arrogant erscheinen, ob der Tatsache, das auch andere junge Autoren in diesem Betrieb bestehen wollen und müssen. Aber er hat einen Kampf begonnen, der ihm wichtig erscheint und das ist das Recht der Jugend. Er wird in Zukunft daran gemessen werden, vor allem von denen, die seiner Meinung nach die Künste verseuchen. Aber auch das Publikum wird erfahren wollen, wie er diese Kraft, die er aus der begonnen Auseinandersetzung gewinnen will, nutzen wird. Dafür wünsche ich ihm viel Erfolg und das sich ihm weitere Gleichgesinnte anschließen werden.