Archive for the ‘Nora Schlocker’ Category

Ästhetisches Assoziationsgewitter gegen biederes Einfühlungsdrama – Das Staatsschauspiel Dresden zeigt Dostojewskis „Erniedrigte und Beleidigte“ und Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“

Donnerstag, April 12th, 2018

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Erniedrigte und Beleidigte – Sebastian Hartmann adaptiert am Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman als Selentaumel und Assoziationsgewitter mit eingestreuten Reflexionen über das Theater

Erniedrigte und Beleidigte am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Sebastian Hoppe

Da haben sich scheinbar zwei gesucht und gefunden. Es geht um den Theaterregisseur Sebastian Hartmann und den Dramatiker Wolfram Lotz. 2013 hat der damalige Leipziger Intendant des Autors Stück Der große Marsch am Schauspiel Leipzig inszeniert, nun verschränkt Sebastian Hartmann die Hamburger Poetikvorlesung, die Wolfram Lotz im Oktober 2017 hielt, mit dem Roman Erniedrigte und Beleidigte von Fjodor Dostojewski. Der Leipziger ist zum ersten Mal Gastregisseur am Staatsschauspiel Dresden, wo Namensvetter Matthias (seines Zeichens Ex-Intendant des Wiener Burgtheaters) 2016 Dostojewskis Roman Der Idiot inszenierte. Großes Vorbild für beide Romanadaptionen dürfte die eines weiteren Ex-Intendanten sein. Frank Castorfs Inszenierung der Erniedrigten und Beleidigten an der Berliner Volksbühne (2001 in Koproduktion mit den Wiener Festwochen entstanden) muss erst noch getoppt werden. Castorf dürfte dann auch der interessanteste Premierengast in Dresden gewesen sein. In der Länge zieht Sebastian Hartmann mit knapp 3 Stunden schon mal den Kürzeren. Was Spielfreude und Assoziationsfeuerwerk betrifft, dürfte der mittlerweile regelmäßig am Deutschen Theater in Berlin inszenierende Ex-Leipziger aber die Nase vorn haben.

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 Es ist tatsächlich ein recht typischer Hartmann geworden, einer, der die melancholische Düsternis, die seine letzten Berliner Arbeiten bestimmte, mit der überbordenden Assoziations- und Improvisationsfreude seiner Leipziger Ära verbindet. Trockeneisnebel wabert zu Beginn in die vorderen Zuschauerreihen. Das Ensemble irrlichtert über die fast leergeräumter Bühne und beginnt eine große weiße Leinwand mit schwarzer Farbe zu bemalen oder zu besprühen. Auf schwarze Grundierung folgen weitere weiße und wieder schwarze Farbschichten. Videobilder des Leipziger Künstlers Tilo Baumgärtel werden auf die Leinwand projiziert und über den gesamten Abend zu einem Gemälde verdichtet. Ein gemeinsames Gesamtkunstwerk aus Schauspiel und bildender Kunst.

Mit Dostojewskis großem dreiteiligen Fortsetzungsroman über den einstmals berühmten und nun im sterbenden liegenden Schriftsteller Iwan Petrowitsch hat das eher weniger zu tun. Schon mehr mit dem Hadern und Ringen am eigenen Künstlersein und Dasein. Inhaltlich bleibt die Inszenierung sehr vage, zitiert nur punktuell splitterhaft die Handlung. Dostojewskis Romanwerk über die Kunst, das Leben, Lieben und Sterben wird dabei immer wieder assoziativ mit Passagen aus Wolfram Lotz‘ Poetikvorlesung überblendet. Es geht um die Literatur allgemein, Romandichtung gegen Theaterstück, Realismus gegen Wirklichkeit, Aufbau von dramaturgischer Spannung und Inhalt gegen die Form.

 

Erniedrigte und Beleidigte am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Sebastian Hoppe

 

Yassin Trabelsi spricht diese Passagen mit großer Intensität direkt ins Publikum, auch wenn die anderen ihn daran hindern wollen. Und wie Moritz Kienemann als Schriftsteller Wanja immer wieder davon spricht, alles aufschreiben zu müssen, so geht es Lotz in seinen Ausführungen genau darum, um das Finden von Sprache, um einen Anfang: „Nix Idee, nix Meinung zu irgendwas, nix interessanter Gedanke, nix psychologisches Problem / Sondern Sound.“ Der Sound als „momentane sprachgewordene Haltung zu den Dingen / Intuitiv Form gewordener Inhalt“. Da nimmt ihn Sebastian Hartmann beim Wort. Hier wird keine einfache Geschichte erzählt, hier entsteht ein polyphones Soundkunstwerk aus Stimmen und Musik. Und dazu schmeißt Hartmann auch immer wieder die Mega-Soundmaschine an. Das ist in seiner Wucht und Vielstimmigkeit zu viel für manchen Dresdner Bildungsbürger, der seinen Dostojewski nicht erkennt, und konsterniert das Weite sucht. Die Bühne nimmt das ironisch auf, wenn da der österreichische Schauspieler Viktor Tremmel meint: „Dös ist ka Dostojewski net.“ Fürs Publikum gibt’s anschließend von Nadja Stübiger die Kurzfassung des Plots.

Eine Dreiecksgeschichte als bürgerliches Trauerspiel wie von Friedrich Schiller geschrieben zwischen der bürgerlichen Natascha (Fanny Staffa), dem adligen Aljoscha (Lukas Rüppel) und Katja (Eva Hüster) aus reichem Hause, die Fürst Walkowski lieber als Schwiegertochter sehe. Als große Rampensau des Abends gibt den das Dresdner Urgestein Torsten Ranft. Er ist in Personalunion der Vater von Aljoscha, der seinen Sohn für eine große Mitgift verschachern will, und auch der von Natascha, Walkowskis Intimfeind. Der Fürst hat seinem einstigen Altruismus aus lange Weile abgeschworen. „Und je tugendhafter eine Handlung ist, um so mehr Egoismus steckt dahinter.“ ist seine ganz materielle Einstellung. Er schwadroniert von Geltungsbedürfnis: „Die ganze Welt ist für mich geschaffen.“, erzählt von Frauenbekanntschaften und mimt mal den kindlichen Indianer und mal den dementer Engel mit schwarzen Flügeln. Dem am Leben und der Liebe kaum teilhabenden Wanja (auch er begehrt Natascha) rät er, sein Geld nicht zu verschwenden.

Der zweite Strang des Romans spinnt sich um die Waise Nelly, Tochter Walkowskis aus einer Affäre. Er hatte die Mutter Nellys einst in den Ruin getrieben. Nun muss die Tochter für die kranke Mutter anschaffen gehen und später selbst an Schwindsucht sterben. Fast surreal wirkt die Bordellszene in einem Waschzuber. Wanja wird sich um Nelly kümmern wie Jean Valjean aus Hugos Roman Die Elenden. Dostojewskis französische Vorbilder sind auch in seinen St. Petersburger Beschreibungen erkennbar. Baumgärtel zaubert dazu Videos mit Großstadtimpressionen an die Bühnenrückwand.

Schwitzend wie im Fieberwahn taumelt Kienemanns Wanja zwischen den andern Figuren oder beobachtet sie vom Rand der Bühne, berichtet vom Petersburger Sonnenuntergang, vom hellem Licht, von der Wirkung eines Sonnenstrahls in der Seele eines Menschen und ist doch dem Tod geweiht. Auch Ranft spricht widerholt von der Angst vor dem Tod. An stetiger Epilepsie leiden hier alle. Doch auch das Theater ist hier ein Patient, der ins Krankenhausbett gehört. Autor Lotz streitet in seiner Vorlesung für die Poesie und wider die Konvention. Trabelsi wettert gegen den sonntagabendlichen Tatort-Wahnsinn. Auch Herbert Fritsch hat unlängst über TV-Serien aus Fertigbauteilen und Legoschauspielerei gesprochen. „Die Welt hat einen negativen Sinn bekommen.“ ist das Credo von Sebastian Hartmanns Abend, der sich hin und wieder in den Slapstick zu retten versucht. Ein Tatort-Regisseur wird Hartmann sicher nicht mehr werden, ihm reicht als Tatort allein die Bühne.

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ERNIEDRIGTE UND BELEIDIGTE (Staatsschauspiel Dresden, 29.03.2018)
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Chorleitung: Christine Groß
Bild/Installation: Tilo Baumgärtel
Lichtdesign: Lothar Baumgarte
Licht: Peter Lorenz
Dramaturgie: Jörg Bochow
Mit: Luise Aschenbrenner, Eva Hüster, Moritz Kienemann, Torsten Ranft, Lukas Rüppel, Fanny Staffa, Nadja Stübiger, Yassin Trabelsi und Viktor Tremmel
Die Premiere war 29.03.2018 im Schauspielhaus Dresden
Weitere Termine: 21., 29.04. / 05.05.2018

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 31.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Der gute Mensch von Sezuan – Am Staatsschauspiel Dresden inszeniert Nora Schlocker Brechts episches Parabelstück als biederes Einfühlungsdrama

Zum 120. Geburtstag des Dichters und Dramatikers Bertolt Brecht hat das Staatsschauspiel Dresden die 1943 entstandene, sogenannte Opium-Version des Stücks Der gute Mensch von Sezuan ausgegraben. Es existieren mehrere Fassungen dieses Klassikers des Epischen Theaters. Brecht war wie sooft nicht wirklich zufrieden mit seinem Stück und hatte es mehrfach überarbeitet. Die Unterschiede zur häufiger verwendeten Originalfassung liegen in einem überschaubarerer Personenkreis und einer verkürzten Handlung. Regisseurin Nora Schlocker macht daraus einen pausenlosen Zweistünder, der trotzdem einige deutliche Längen aufweist.

 

Der gute Mensch von Sezuan am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Sebastian Hoppe

 

Ganz neu ist diese Version dann allerdings auch nicht. Bereits 2017 inszenierte sie Jo Fabian am Theater Konstanz. Wie sich in Zeiten, da „Gutmensch“ erneut zum Schimpfwortrepertoire rechter Populisten geworden ist, Brechts Parabel interpretieren ließe, liegt da ganz im Auge des Betrachters selbst. Man muss ihn dabei eigentlich nicht unbedingt moralisch fingerhebend vor den Kopf stoßen. Genau das macht aber Nora Schlocker schon gleich zu Beginn, wenn Anton Petzold als Wasserverkäufer Wang im Parkett auf die Suche nach einem guten Menschen geht, der den in Sezuan angekommenen drei Göttern einen Platz zum Übernachten anbieten möchte. Schöner Verfremdungseffekt dabei ist höchstens der hoch im Rang positionierte Kammerchor Pesterwitz, der hier den Göttern seine ausdrucksstarke Sangesstimme leiht. Viel mehr Verfremdung oder gar epische Einschübe gibt es in dieser Inszenierung nicht. Die anderen Gesangseinlagen zur Musik von Paul Dessau verkommen zu Arien der Rührseligkeit, oder werden einfach nur dahingesprochen.

Eine schiefe Ebene hebt sich hin und wieder, dient zum Klettern, Abrutschen und für ästhetische Tableaus, wenn sich die Ex-Prostituierte Shen Te (Betty Freudenberg) und der sich aus Weltschmerz aufhängen wollende Ex-Flieger Sun (Matthias Reichwald) pathetisch an den Händen halten. Sie rettet ihn aus Liebe, er betrügt sie um ihren kleinen Tabakladen, den sie vom Götterlohn für deren Beherbergung erhalten hatte. Das Geld prasselt hier wie bei Frau Holle aus dem Bühnenhimmel. Shen Te, die Goldmarie im roten Kleid, wird alsbald von der schmarotzenden Verwandtschaft (Moritz Dürr, Hannelore Koch, Malte Homfeldt, Karina Plachetka) belagert und muss sich eines 100 Silberdollar fordernden Schreiners (Sven Hönig), der Witwe Shin (Gina Calinoiu) sowie der mondänen Vermieterin Mi Tzü (Deleila Piasko), die ihre Miete im Voraus verlangt, erwehren.

 

Der gute Mensch von Sezuan am Staatsschauspiel Dresden
Foto (c) Sebastian Hoppe

 

Das Ganze spielt sich zumeist als konventionell deklamierendes Aufsagetheater auf einem schmalen Podest an der Rampe ab. Die Habseligkeiten des kleinen Tabakladens passen in eine Zigarrenkiste. Aus der Weite der Hinterbühne strahlt immer wieder blendend ein Scheinwerferspot ins Publikum. Ihr seid gemeint, soll uns das sagen. Wie kann ein Mensch gut sein und handeln in einer Welt der Ellenbogen, wo sich jeder selbst der Nächste ist und die Liebe zur Ware gemacht wird? Das ist das Dilemma der She Te, die sich einen bösen Vetter Shui Ta hinzu erfindet. Betty Freudenberg wechselt dazu Kleid gegen Hut und viel zu großen Anzug. Was einzig gut herausgearbeitet ist: Shen Te kann in einer Welt der Männer nur als Mann bestehen. In einer stummen Szene bietet sich die Witwe Shin dem vermeintlichen Vetter an und wischt dann den Boden mit ihrem Kleid. Der Macho Sun schüttelt die Silberdollar aus dem Dekolleté der juchzenden Mi Tzü. Später, wenn Shin Te als Shui Ta nach dem Verkauf der Opiumsäcke der Verwandtschaft als Tabakfabrikant wie die Made im Speck auf der Schräge hockt, lässt sie den drogenabhängigen Su am langen Arm verhungern.

Dann wird wieder sentimentales Rührstück gespielt, wenn Betty Freudenberg als schwangere Shen Te ins Publikum barmt: „Wie behandelt ihr euresgleichen? Habt ihr keine Barmherzigkeit mit der Frucht eures Leibes?“ Auch hier kommt es zum abschließenden Göttergericht über den Vetter Shui Ta an dessen Ende Betty Freudenberg wie in Geburtswehen die bekannten Worte vom Finden eines guten Schlusses („Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“) herauspresst. Das Programmheft spricht von eingreifendem Denken bei Brecht. Auf der Bühne gibt es dagegen ein nach Empathie heischendes Einfühlungsdrama par excellence. Zeichenhafter aber biederer Stadttheaterkitsch, der Brechts Parabel gehörig verwässert. Das hat man wirklich selten so hilf- und einfallslos gesehen.

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Der gute Mensch von Sezuan (Schauspielhaus, 30.03.2018)
von Bertolt Brecht, Version 1943
mit Musik von Paul Dessau
Regie: Nora Schlocker
Bühne: Jessica Rockstroh
Kostüme: Caroline Rössle Harper
Komposition und Arrangement: Benedikt Schiefer
Chorleitung: Anne Horenburg
Musikalische Einstudierung: Thomas Mahn
Licht: Jürgen Borsdorf
Dramaturgie: Julia Weinreich
Besetzung:
Shen Te / Shui Ta: Betty Freudenberg
Yang Sun, ein stellungsloser Flieger: Matthias Reichwald
Wang, ein Wasserverkäufer: Anton Petzold
Die Witwe Shin: Gina Calinoiu
Die Hausbesitzerin Mi Tzü: Deleila Piasko
Der Mann / Der Barbier Shu Fu: Moritz Dürr
Die Frau: Hannelore Koch
Der Neffe: Malte Homfeldt
Die Schwägerin: Karina Plachetka
Der Arbeitslose / Der Schreiner Lin To / Polizist: Sven Hönig
Das Kind: Eva Lotta Wuttke
Das Kind alternierend: Darya Zaretskaya
Der Großvater: Hansruedi Humm
Die Götter: Kammerchor Pesterwitz
Die Premiere war 24.02.2018 im Staatsschauspiel Dresden
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 20.04. / 09., 28.05.2018

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 01.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Klassikermodernisierung bei den Wiener Festwochen (Teil 3) – Ibsens John Gabriel Borkman am Akademietheater und Marlowes Edward II. am Schauspielhaus

Dienstag, Juni 9th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Geklonte Mammuts im Schnee – Regisseur Simon Stone veralbert Ibsens John Gabriel Borkman mit Starensemble am Wiener Akademietheater

Gerade eben erst beim Theatertreffen in Berlin – nun bei den Wiener Festwochen: Das alte Bankerdrama John Gabriel Borkman des Norwegers Henrik Ibsen mausert sich zum Hit der laufenden Theatersaison. Aus der Gruft altbackener Übersetzungen befreit, massenkompatibel aufbereitet und mit Starschauspielern aufgepeppt, kommt es nun als ironisch frische Boulevardkomödie daher. Eine Milieu-Studie der verkommenen bürgerlichen Mittelschicht, die sich in Karin Henkels Hamburger Inszenierung, nach vergangenem Ruhm und dem Saft der Jugend gierend, lustvoll als Zombis auf einer Showtreppe im Betonbunker-Grab präsentierte.

Am Akademietheater Wien erheben sich nun die Untoten aus hügeligen Schneeverwehungen, die Karin Brack auf die Bühne gehäuft hat. Es schneit unablässig im Heim der Borkmans, die seit Jahren ihr Haus nicht mehr verlassen haben. Doch unerwarteter Besuch klingelt an der Tür, und mit der Ruhe der „Mammuts“ im Permafrost-Zustand ist es alsbald vorbei. Die Metapher des alles, selbst die größte Schande überdeckenden Schnees verbindet Regisseur Simon Stone mit einer weiteren, wenn er den verlotterten Waldschrat Borkman (der vielgereiste Martin Wuttke mit zotteliger Langhaarperücke), der sich die Zeit vor einem alten Röhrenfernseher mit dem Sehen von Wissenschaftssendungen vertreibt, über geklonte Wollhaar-Mammuts sinnieren lässt. Deren DNA könnte man ja in einen Elefanten einpflanzen. Die Gesichter der anderen Tiere möchte er dann sehen. Und das Wiener Publikum sah.

Martin Wuttke (John Gabriel Borkman)

Martin Wuttke ist John Gabriel Borkman im Akademietheater Wien – Foto (c) Reinhard Werner

Mit dem Elefanten ist hier natürlich Sohn Erhart gemeint, der nicht nur die Nachfolge von John Gabriel antreten und mit ihm zu neuer Größe aufsteigen soll. Es gilt den Ruf des nach der Veruntreuung von Anlegergeldern zu fünf Jahren Gefängnis verurteilten Bankdirektors gegen alle Verächter zu verteidigen und den beschmutzten Namen schließlich voll auf zu rehabilitieren. Ähnliches hat Mutter Gunhild (Birgit Minichmayr) vor, nur ohne ihren Mann, dessen Namen sie auf ewig aus dem Gedächtnis der Welt tilgen möchte, und dazu ebenfalls ihren Sohn braucht. Die Dritte im Bunde ist Gunhilds Zwillingsschwester Ella (Caroline Peters) und wegen eines „Scheißjobs“ verhökerte Ex-Geliebte Borkmans, die Erhart nach dem Banken-Skandal eine Zeitlang aufnahm und dann nach der Pleite das Haus, in dem die Borkmans wohnen, gekauft hat. Nun will sie Erhart adoptieren, damit der Name Rentheim nach ihrem Krebstod nicht ausstirbt. Und wieder grüßt das Mamma-Mammuttier.

So in etwa hält sich Regisseur Stone noch an Ibsens Plot, nur dass er den von Martin Thomas Pesl neu und alltagstauglich übersetzten Text „nach Ibsen“ nennt und zudem mit jeder Menge lässlicher Modernismen überziehen ließ. Und das beginnt sofort mit der Ankunft Ellas, die sich von Gunhild eine gefühlte halbe Stunde lang die letzten 8 Jahre der Borkmans als eine Geschichte der guten alten 90er Jahre von Stefan Raabs „Maschendrahtzaun“ bis zu Britney Spears‘ „Hit me baby one more time“ anhören muss. Ein verkorkstes Hausfrauendaseins in der Totalisolation, das sich zunehmend ins Internet verlagert hat. Gunhilds Lieblingsbeschäftigungen neben dem Alkohol sind nämlich das Internetshoppen, Play Station spielen und Googeln des eigenen Namens, den das allbekannte Suchprogramm mit Ergänzungen wie Betrug, Gefängnis usw. belegt. Der Gag trägt eine Weile, wirkt dann aber zunehmend fad, wenn auch noch die Problematik, wie man alte Partyfotos aus dem Netz gelöscht bekommt, diskutiert wird. Man denkt da unweigerlich an bestimmte Polit-Promis. Allerdings befindet man sich hier doch eher in der Polit-Provinz, wo man es anstatt ins Parlament oder Präsidialamt höchsten noch bis zum Bürgermeister schafft.

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) - Foto (c) Reinhard Werner

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) – Foto (c) Reinhard Werner

Das alles wird in nöligen Dauerschreikrämpfen unter der großzügigen Verwendung möglichst vieler Fäkalinjurien abgespult, die besonders bei Birgit Minichmayr und Martin Wuttke nur eine Tonlage kennen. Die Ehegemeinschaft bürgerlichen Rechts, die es acht Jahre lang geschafft hat, sich aus dem Weg zu gehen, holt nun binnen eines Abends all die nichtgehaltenen Konversationen nach. Die bevorzugten Kosenamen für John Gabriel sind dabei u.a. „alter Stinkstiefel“, „psychopatisches Arschloch“ oder auch schon mal „verfickter Neandertaler“. Borkman weiß sich da nur noch mit „Halt die Fresse!“ zu helfen. Eigentlich wollte er irgendwann mal wieder ganz groß rauskommen, derweil tut es aber auch einfach etwas mehr Senf auf dem Sandwich, das ihm der getreue Trottel Foldal täglich vorbeibringt. Roland Koch spielt ihn als gleichmütigen Schluffi, der, wie Borkman, alten Träumen und Idealen nachhängt, sich aber ansonsten seinen Möglichkeiten entsprechend eingerichtet hat.

Der Ruf des „alten Sexsacks“ Borkman nach mehr Eiern angesichts seines Sohnes Erhart (Max Rothbart), der auch bei Stone eigentlich nicht weiß, was er wirklich will außer sein eigenes Leben zu leben, wird zielsicher mit Fannys Rezepten auf Facebook getoppt. Da hat zumindest Tante Ella kein Profil und somit das Nachsehen. Die Entscheidung zwischen Backpacken in Mexico mit Fanny Wilton (Nicola Kirsch) und der coolen E-Gitarrenbraut Frida (Liliane Amuat) oder Abkacken mit den Wollhaar-Mammuts im ewigen Schnee fällt nach fast zwei Stunden Quarktreten, bis er vollkommen zerschneestöbert, ziemlich leicht. Simon Stone soll 2013 eine vielumjubelte Wildente zu den Festwochen serviert haben. Es fällt anhand des nun vorliegenden Fastfood-Borkmans mit zu wenig Jalapeños sehr schwer daran zu glauben. The Rest in Peace, John Gabriel Borkman.

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John Gabriel Borkman
nach Henrik Ibsen
von Simon Stone
Übertragung ins Deutsche: Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Tabea Braun
Musik: Bernhard Moshammer
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Klaus Missbach
Besetzung:
John Gabriel Borkman: Martin Wuttke
Gunhild Borkman, seine Frau: Birgit Minichmayr
Student Erhart Borkman, ihr Sohn: Max Rothbart
Ella Rentheim, Frau Borkmans Zwillingsschwester: Caroline Peters
Frau Fanny Wilton: Nicola Kirsch
Wilhelm Foldal: Roland Koch
Frida Foldal, seine Tochter: Liliane Amuat

Koproduktion Wiener Festwochen, Burgtheater Wien, Theater Basel

Premiere war am 28.05.2015 im Akademietheater Wien

Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06., 04.06., 06.-08.06., 13.06., 14.06., 18.06. und 20.06.2015

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/john-gabriel-borkman/

Zuerst erschienen am 30.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Edward II. Die Liebe bin ich – Christopher Marlowes Königsdrama in einer Neuübertragung von Ewald Palmetshofer am Schauspielhaus Wien.

Die mühsame Herrschaft und der beklagenswerte Tod Eduards des Zweiten heißt das Königsdrama, das der junge Dichter Christopher Marlowe 1591 geschrieben hat. Es ist in Blankvers und fünfhebigen Jamben verfasst – eine Sensation für das Theater des elisabethanischen Zeitalters und eine Inspiration nicht nur für Marlowes Zeitgenossen Shakespeare, sondern auch für zeitgenössische Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts wie etwa Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger, die 1923 eine Bearbeitung des Dramas vorlegten, oder den österreichischen Dramatiker Ewald Palmetshofer, dessen Neuübertragung Edward II. Die Liebe bin ich nun bei den Wiener Festwochen im kleinen, ganz dem zeitgenössischen Theater verpflichteten Schauspielhaus in der Porzellangasse Premiere feierte.

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (c) Alexi Pelekanos

Das Besondere an Marlowes Stück über den englischen König Edward II. ist, dass die historische Figur hinter den eigentlichen Menschen zurücktritt. Edward führt einen persönlichen Kampf gegen die Macht der Peers für seinen, ihm sehr nahe stehenden Günstling Gaveston, einem Emporkömmling von niederem Stand, und riskiert so die Staatsführung aus den Augen und Händen zu verlieren. Ein Drama über Macht und Ränke, die verbissen und blutrünstig geführt, England in die Unregierbarkeit treiben und einige der Lords und kirchlichen Würdenträger, sowie Gaveston und schließlich Edward selbst das Leben kosten.

Palmetshofer fokussiert in seiner Bearbeitung noch viel mehr auf die schwule Liebe Edwards, als es Marlowe zu seiner Zeit konnte. Edward (ganz in Gold: Simon Zagermann) spricht hier frei von seiner Zuneigung zu Gaveston (Thiemo Strutzenberger) und stellt die Liebe zu ihm über den Staat. Dagegen stehen die hier ganz offensichtlich homophoben Lords des englischen Hofs und die Vertreter der päpstlichen Kirche zu Rom. Sie wollen den „lüsternen, liederlichen und geilen Gaveston“ von der Seite des Königs entfernen. So ist Lord Mortimers (Michael Wächter) Ansprache an die Peers zu Beginn des Stücks auch ein klares Signal, gegen den aus der französischen Verbannung Heimgekehrten vorzugehen. Mortimer weiß hier geschickt die Ressentiments und den Neid der Kirche und der übrigen Lords zu schüren und dabei das Wohl des Landes („wie eine Frau im Wochenbett ausgeblutet“) vorzuschieben.

Gespielt wird bei der Uraufführungsinszenierung von Regisseurin Nora Schlocker auf einem goldbronzenen Bühnenpodest von Marie Roth, zu dem einige steile Stufen hinauf führen. Davor befindet sich eine mit Gitterrosten abgedeckte Wassergrube. Das Setting ist klar in oben und unten eingeteilt. Und nach oben gelangt man zunächst nur durch die Gunst des Königs. Palmetshofer hat Marlowes Stückpersonals auf knapp ein Drittel der Rollen zusammengestrichen. Florian von Manteuffel, Thomas Reisinger und Elias Eilinghoff geben die hier nicht näher benannten Lords und Bischöfe, die gegen Edward aufbegehren. Als zurückgesetzte, eifersüchtige Königin Isabella ist Myriam Schröder zu sehen.

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (C) Alexi Pelekanos

Kostümbildnerin Sanna Dembowski hat die Darsteller in schwarze Renaissance-Kleider mit Pluderhosen und weißen Halskrausen gesteckt. Königin Isabella trägt einen Reifrock. Das passt zwar nicht in die eigentliche Zeit Edwards II. (1284-1327), aber in die Marlowes und seiner Sprache, die Palmetshofers kunstbetonter Jambentext einerseits erhalten möchte, aber andererseits auch „ins Gegenwärtige laufen zu lassen“ versucht. Das gelingt nicht immer überzeugend, hebt sich aber wohltuend von sonstigen Modernisierungsversuchen ab. Als Ausdruckmittel der beiden Liebenden funktioniert die Sprache jedenfalls recht gut, besonders bei Edwards Plädoyer für die Liebe, „diesem Gott der keiner ist“. Gegen die Macht der Pfaffen huldigt er seinem Priester Gaveston, der ihm dafür eine hoch poetische Beschreibung eines Liebesaktes schenkt, bei dem er seine Zunge den Körper des Königs entdecken lässt. In einer weiteren Szene badet Edward Gaveston in einem Zuber.

Palmetshofer schreckt hier weder vor Kitsch und großem Pathos noch vor expliziten Worten zurück, wenn er Edward nach dem gewaltsamen Tod des Gaveston, der nackt vor den hämischen Lords in seinem Blut liegt, das Blut der Pfaffen fordern lässt. Trotzdem schwankt der König immer wieder zwischen seiner Liebe, seinen Rachegefühlen und den Forderungen aus Rom, den Erhalt der gottgewollten Ordnung betreffend. Nach der Flucht seiner Gattin mit dem Prinzen und später auch der des Intriganten Mortimer nach Frankreich rollen die Köpfe der Peers und versinkt das Land im Bürgerkrieg. Das ist auch die Wende in der bislang recht intensiven Inszenierung mit ihren schnellen Auftritten aus dem Zuschauerraum heraus, die die verkürzte Handlung dennoch jederzeit nachvollziehbar machen.

Die Hybris der Liebe muss sich schließlich der geforderten Staatsräson beugen. Nach der Pause, wenn König Edward zum Abdanken gezwungen, gedemütigt und selbst beschmutzt in der stinkenden Gosse liegt, aus der sein Günstling einst kam, verliert die Inszenierung auch ihr eigentliches Zentrum, das die nun fast endlos folgenden Machtspielchen zwischen Prinz Edward, Königin Elisabeth und ihrem Liebhaber Mortimer nicht mehr ausfüllen können. Da zollt auch der Fall ins allzu Private zuvor seinen Tribut an das eigentliche Drama. Das weitere Intrigenspiel um die vakante Krone kann lange nicht mehr so berühren wie der Kampf um die Liebe zuvor. Schließlich erfasst die einstige Hybris des Vaters auch den Sohn, der sich nach dem Mord an Edward gegen die eigene Mutter stellt und den Kopf des stetig nach oben strebenden Mortimer, den man ihm als roten Fußball überreicht, die Stufen wieder nach unten kickt.

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Edward II. Die Liebe bin ich (UA) – (29.05.2015)
Text von Ewald Palmetshofer
nach dem Drama Edward II. von Christopher Marlowe
Premiere war am 26.05.2015 im Schauspielhaus Wien
Regie: Nora Schlocker
Bühne: Marie Roth
Kostüme: Sanna Dembowski
Musik: Hannes Marek
Dramaturgie: Constanze Kargl
Besetzung:
Peer #1: Florian von Manteuffel
Peer #2 / Spencer: Elias Eilinghoff
Peer #3 / Bischof: Thomas Reisinger
Mortimer: Michael Wächter
Gaveston: Thiemo Strutzenberger
Edward II: Simon Zagermann
Isabella: Myriam Schröder
Prinz Edward: Rafael Lesage / Fabian Rihl

Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Theater Basel und dem Schauspielhaus Wien

Dauer: 2 Stunden, 35 Minuten, inklusive einer Pause

Weitere Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06. und 02.06.2015

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/edward-ii-die-liebe-bin-ich/

Zuerst erschienen am 31.05.2015 auf Kultura-Extra.

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