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Kuffar. Die Gottesleugner – Nuran David Calis sucht mit seinem neuen Stück an den Kammerspielen des DT nach den Ursachen religiöser Radikalisierung

Freitag, Dezember 23rd, 2016

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Kuffar. Die Gottesleugner am DT Berlin - Foto (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

Nuran David Calis, als Sohn jüdisch-armenischer Migranten aus der Türkei 1976 in Bielefeld geboren, ist Theater- und Filmregisseur, schreibt und inszeniert eigene Stücke, die sich wie Glaubenskämpfer oder Die Lücke – ein Stück Keupstraße mit Religion, Fanatismus und den Folgen rechtsextremer Gewalt durch den NSU beschäftigen. Er arbeitet dabei meist mit gemischten Ensembles aus DarstellerInnen und Laien verschiedener Nationalitäten und Migrationshintergründe. Man würde ihn in Berlin wohl eher im Maxim Gorki Theater verorten, wo er auch bereits vor der Intendanz von Shermin Langhoff inszeniert hat. Kuffar. Die Gottesleugner ist nach Schattenkinder (2010) das zweite Auftragswerk von Nuran David Calis für das Deutsche Theater. Das Stück behandelt den Fall der religiösen Radikalisierung des 36jährigen Hakan, Sohn türkischer Migranten, die infolge des Militärputsches 1980 nach Deutschland geflohen sind.

Die Drehbühne in den DT-Kammerspielen ist durch eine weiße Wand in der Mitte geteilt, auf die kurz die rote Staatsflagge der Türkei projiziert wird. Es beginnt mit einer Rückblende in die Kindheit von Hakans Eltern mit Erinnerungen an den Sommer am Bosporus und die Geschichte des Großvaters, der als vermeintlicher Aufrührer verurteilt und nach dem Militärputsch 1960 wieder freigelassen wurde. Dagegen wird die spätere Radikalisierung des jungen Paars Ayse und Ismet (dargestellt von Vidina Popov und Ismail Deniz) gesetzt. Sie gehen für die Idee einer linken Revolution in den Untergrund. Sie proben ihr Verhalten bei drohender Verhaftung und den Verhören, berichten von den perfiden Foltermethoden des türkischen Geheimdienstes, der brutal Nachbarn gegeneinander ausspielt, und entscheiden sich schließlich schweren Herzens für die Zukunft ihres Kindes den Kampf aufzugeben. Nebenbei wird so auch ein Stück wechselhafte türkische Geschichte vermittelt. Videobilder zeigen immer wieder Archivaufnahmen von Demonstrationen und militärischer Gewalt.

Auf der der anderen Seite sehen wir die beiden als älteres Ehepaar (gespielt von Almut Zilcher und Harald Baumgartner), das sich über die Jahre gut im deutschen Exil eingerichtet hat, inklusive eines kleinen Wohlstands mit Immobilienbesitz. Sie arbeite als Tanzlehrerin, er schreibt Artikel für eine kleine Gewerkschaftszeitung. Seit Hakans Frau ihn verlassen hat, wohnt der Sohn wieder bei den Eltern. Er wurde als Arzt von seinem Krankenhaus entlassen, weil er abgelaufene Medikamente und ausrangiertes Krankenhausgerät an die Hilfsorganisation Roter Halbmond nach Syrien geliefert hat. Hakan nennt sich nun Abu Ibrahim und klärt in einem Videoblog darüber auf, wie man ein guter Muslim wird, vom Gebet bis zum korrekten Toilettengang, und schwärmt von der islamischen Gemeinschaft der Umma und der familiären Wärme der Moschee. Christopher Franken spricht seinen Hakan dabei direkt in eine Videokamera, deren Bild auf die Wand projiziert wird. Beim direkten Typen-Vergleich ist für ihn der Islam der „Ferrari“ unter den Religionen.

 

Foto (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Natürlich wundern sich die strikt säkular leben Eltern über die plötzliche Hinwendung ihres Sohnes zum Islam. In mehreren Spielszenen, die immer wieder in den Zeitebenen und Bühnenhälften wechseln, versucht das Stück eine mögliche Erklärung für die zunehmende Radikalisierung und Entfremdung des Sohnes von den Eltern zu suchen. Im Streit darum kommt es schließlich zum Zerwürfnis der Eltern, die sich nun nach Jahren gegenseitig den Verrat einstiger Ideale, Feigheit und sämtliche Lebenslügen vorwerfen. Das ist in seiner argumentativen Verknappung natürlich relativ erwartbar. Das Aufbrechen des jahrelangen Schweigens über die schleichende Anpassung und Verdrängung der Vergangenheit vor dem Hintergrund des Wandels von Hakan zum religiösen Eiferer, der seinen Eltern fortgesetzt Haram (religiös tabuisierte Handlungen) vorwirft und mit islamischen Regeln traktiert, sorgt allerdings nicht für ein reinigendes Gewitter, sondern verhärtet eher die Fronten.

Es prallen hier ungebremst die verschiedenen Moralauffassungen und Vorstellungen vom Lebenssinn der westlichen Welt mit denen des traditionellen Islams aufeinander. Der Versuch miteinander zu reden, scheitert immer wieder am fortgesetzten Monologisieren und der Uneinsichtigkeit der Parteien. Der Vater verlangt schließlich vom Sohn sich für ihn oder Gott zu entscheiden und verstößt ihn dann. Angesichts des Zusammenbruchs der Familie erklärt Hakan die liberale Gesellschaft des Westens samt Demokratie als gescheitert und ruft zum Dschihad auf. Diese Entwicklung samt Hasspredigt Frankens ist in ihrer Intensität schwer erträglich, aber insgesamt recht stark und glaubwürdig in Szene gesetzt. Antworten gibt dieser Abend nicht, ist aber ein Plädoyer dafür, miteinander im Gespräch zu bleiben. Am Ende sitzen alle gemeinsam auf offener Bühne und lesen noch einmal aus ihren Erinnerungen.

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KUFFAR. DIE GOTTESLEUGNER (DT-Kammerspiele, 11.12.2016)
von Nuran David Calis Regie: Nuran David Calis
Bühne: Anne Ehrlich
Kostüme: Amélie von Bülow, Carina von Bülow-Conradi
Musik: Vivan Bhatti
Video: Adrian Figueroa
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit:
Harald Baumgartner (Ismet, älter)
İsmail Deniz (Ismet, jünger)
Christoph Franken (Hakan (Abu Ibrahim))
Vidina Popov (Ayse, jünger)
Almut Zilcher (Ayse, älter)
Premiere der Uraufführung war am 11.12.2016 in den Kammerspielen des DT

Termine: 27.12.2016 / 03., 15. und 22.01.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 13.12.2016 auf Kultura-Extra.

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LULU – Wedekinds Monstretragödie in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig

Dienstag, Oktober 15th, 2013

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Die Buchstaben CENTRALTHEATER sind von den Schaufenstern des Theaterbaus an der Bosestraße verschwunden. In großen Leuchtlettern prangt über dem Eingangsportal wieder die alte Bezeichnung SCHAUSPIEL. Leipzig hat nach dem Weggang des von der regionalen Presse und Kulturpolitik ungeliebten Sebastian Hartmann eine neue Intendanz. Mit einem Premierenreigen wurde das in der letzten Woche gefeiert und fand seinen Widerhall auch über die Grenzen der Heldenstadt, die sich gerade zum 200. Jubiläum der Völkerschlacht rüstet. Wort-Schlachten gab und gibt es auch immer noch um das Leipziger Theater. Die Deutungshoheit über die künstlerische Ausrichtung des Schauspiels ist weiterhin heiß umkämpft.

Lulu von Frank Wedekind in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig

Lulu von Frank Wedekind in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Eine weitere streitbare Inszenierung gab es nun als Zugabe sozusagen hinten drauf. Lulu von Frank Wedekind hatte am Freitag seine Leipzig-Premiere auf der Bühne des Schauspiels. Was einst veritabler Theaterskandal war, lässt heutzutage kaum noch jemanden wirklich erschauern. Der letzte Regisseur, dem annähernd so etwas wie ein kleines Rauschen im Blätterwald der Feuilletons gelang, war Volker Lösch, der echte Damen des horizontalen Gewerbes als Chor in seiner Inszenierung Lulu – Die Nutten-Republik an der Schaubühne Berlin auftreten ließ. Just jener Volker Lösch war es dann auch, der von einer Findungs-Kommission aus Theaterexperten für die neue Leipziger Intendanz empfohlen wurde. Die Leipziger Stadtoberen fürchteten aber wohl das erneute Experiment und bestellten den Chemnitzer Enrico Lübbe, der mit einem ausgewogenen Angebot ans Leipziger Publikum den Vorzug vor Lösch erhielt.

Aber nicht der neue Intendant Enrico Lübbe, sondern der deutsch-türkische Theater- und Filmregisseur Nuran David Calis stellt die Monstretragödie um die „Teufelsschönheit“ Lulu in einer Koproduktion mit den Theatern Chemnitz, wo die Inszenierung bereits im Juni Premiere hatte, nun auf die Leipziger Bühne. Calis, bekannt für seine jugendlich frischen, bild- und soundgewaltigen Theaterarbeiten, wird hier nun als Trumpf von Lübbe aus dem Ärmel gezogen, wie um zu zeigen, ja, es geht auch ganz unkonventionell. So wirkt denn auch Calis‘ Inszenierung sehr modern. Es gibt Livevideo, dräuende Elektrosounds (Musik: Vivan Bhatti) und Mikrofon-Stimmen aus dem Off. Die Bühne von Irina Schicketanz ist ein kaltes Betonloft, das man durch Fahrstuhltüren betritt und wieder verlässt. Zu Beginn steht dort Lulu im fleischfarbenen Latexanzug (Kostüme: Amelie von Bülow) in einer Art Vitrine, den Blicken der Männer ausgesetzt, die wie in der Peepshow durch kleine Fenster in der Rückwand zu sehen sind, in immer wieder eindeutigen Bewegungen. Eine klare Aussage und Setzung, die symptomatisch für die weitere Inszenierung ist.

Lulu am Schauspiel Leipzig - Foto: Rolf Arnold

Lulu am Schauspiel Leipzig – Foto: Rolf Arnold

Calis setzt hier auf einige gezielte Schockeffekte, die ihre Wirkung bei einem Teil des Publikums nicht verfehlen. Türenknallen am Stadttheater ist dafür schöner, immer wiederkehrender Beweis. So bekommt man dann auch eindeutige Kopulationsszenen neben Sadomasospielchen oder gar ein ganzes Pornodrehsetting zu sehen. An der linken Bühnenwand befinden sich mehrere Löcher, deren Funktion seit dem erfolgreichen britischen Kinofilm Irina Palm mit Marianne Faithfull jedermann und -frau bekannt sein dürfte. Doch das Abstimmen mit den Füßen hält sich in Grenzen, und wer bleibt kann doch auch eine bemerkenswert agierende Runa Pernoda Schaefer entdecken. Sie verkörpert Lulu, Nelli, Eva oder Mignon, je nachdem welche seiner Obsessionen ein Mann in ihrer Person verwirklicht sieht. Eine von Männern geschaffene Wunsch-Projektion, die Calis mittels Kamera an die Wand wirft. Maler Schwarz (Tilo Krügel) versucht verzweifelt dieses Idealbild seiner Fantasie in die Kunst zu übertragen. Wie Yves Klein drückt er seinen bemalten Körper an die Wand und ist der erste, der sogar für Lulu mordet. Wie ein Besessener würgt er seinen Auftraggeber Dr. Goll, routiniert gespielt vom alten Leipziger Mimen Matthias Hummitzsch, bis er seinen Tantalusqualen durch eigene Hand im Fahrstuhl ein Ende setzt.

Auf und ab geht es in dieser manischen Männerwelt, in der Lulu ihre eigenen Sehnsüchte nur wie nebenbei in wenigen Sätzen artikulieren darf. Bei ihr ist die Abwärtsspirale vorprogrammiert. Sie kann Macht über Männer nur kurzzeitig im sadistischen Sexspiel ausüben. Wie ein Hündchen führt sie Dr. Schön an der Leine und zwingt ihn einen Brief an seine Verlobte zu schreiben. Hartmut Neuber überzeugt als Erschaffer dieser Femme fatal, der ihr gleichzeitig doch auch hörig ist. Das findet in seinem Sohn Alva (ungelenk und tollpatschig Sebastian Tessenow) seine Fortsetzung. Die Vergangenheit holt Lulu schließlich in der Gestalt ihres Vaters Schigolch (Wenzel Banneyer) ein, der bei Calis ein typischer, sonnenbebrillter Lude ist und seiner Tochter junge Freier zuführt. Verzweifelt geht Lulu aus diesem Spiel an die Rampe und sucht im Publikum nach ihrem Helden, der sie rettet und lieben will, bis der Tod uns scheidet.

Schauspiel Leipzig 2013 Lulu Frank Wedekind Bearbeitung: Nuran David Calis und  Esther Holland-Merten Eine Kooperation des Schauspiel Leipzig mit den Theatern Chemnitz LEITUNG Regie: Nuran David Calis Bühne: Irina Schicketanz Kostüme: Amelie von Bülow M

Tilo Krügel als Schwarz und Runa Pernoda Schaefer als Lulu am Schauspiel Leipzig – Foto: Rolf Arnold

Nach Schöns Tod gibt es einen Break und die Parisszenen laufen tatsächlich wie in einem schlechten Pornofilm ab. Hier folgt der Umschwung ins Heute. Das Kolportagehafte an Wedekinds Drama übersetzt Calis in grelle Bilder. Die Männergesellschaft, auch die Gräfin Geschwitz (Dirk Lange) ist hier ein Mann, erholt sich vom Zocken mit Jungfrau-Aktien beim Polonaisetanzen in der Vitrine, die sich langsam mit Wasser füllt und die Schwüle einer Männersauna ausstrahlt. Calis hat hier Anleihen bei den Bunga-Bunga-Partys von Silvio Berlusconi oder Sexvergnügen von hochrangigen Managern der Automobil- und Versicherungsbranche genommen. Am Ende ist man wieder beim starken Bild des Anfangs. Die Männer sprechen im Chor den Text des Rippers, während Lulu langsam ins Wasser gleitet.

Das ist darstellerisch einerseits gut, dann auch wieder recht konventionell inszeniert. Die Schauspieler füllen ihre Rollen aber zum großen Teil mit viel Können aus. Es wird überwiegend originaler Wedekind gesprochen, was dem Abend durchaus Kraft verleiht, auch jenseits der expliziten Szenen. Von Calis hätte man sprachlich auch wesentlich Spezielleres bekommen können. Ob es dieser Szenen bedarf, sei dahingestellt. Wie es um die bürgerliche Moral bestellt ist, weiß man sicher auch in der Messestadt Leipzig. Der dem dortigen Theater sehr verbundene Clemens Meyer hat es gerade in seinem im Leipziger-Rotlicht spielenden Roman Im Stein treffend beschrieben. Nun, der Skandal bleibt aus und es herrscht die Gewissheit, dass Leipzig auch damit in Zukunft den Weg auf ein breiteres Publikum einschlagen wird. Was ja nicht unbedingt Schlechtes bedeuten muss.

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Termine und Infos:
http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/grosse-buehne/inszenierungen-az/lulu/

Zuerst am 13. Oktober 2013 auf Kultura-Extra erschienen.

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