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Almanya 2018 – Das Maxim Gorki Theater Berlin veranstaltete eine Festivalreihe zur problematischen Geschichte der deutsch-türkischen Beziehungen

Donnerstag, Mai 31st, 2018

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Mit Nurkan Erpulats plakativ-satirischem Singspiel Lö Grand Bal Almanya feiert das Maxim Gorki Theater 57 Jahre deutsch-türkische Scheinehe

Lö Grand Bal Almanya im Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Gerade veranstaltete das Maxim Gorki Theater eine Festivalreihe zu den deutsch-türkischen Beziehungen mit dem Titel „Almanya 2018“: „Über das Netz persönlich-politischer Geschichten befassen sich Theaterstücke und Gespräche mit der deutschen wie der türkischen Verantwortung für politische Verwerfungen, die diese Beziehung bis heute prägen.“ heißt es da weiter in der Ankündigung. Als einen der künstlerischen Programmpunkte hat Hausregisseur Nurkan Erpulat sein 2010 zusammen mit dem türkischen Autor Tunçay Kulaoğlu am Ballhaus Naunynstraße entwickeltes musikalisches Schauspiel Lö Bal Almanya neu aufgelegt. Mittlerweile sind die ehemaligen Kreuzberger um Shermin Langhoff mit der Übernahme des Maxim Gorki Theaters zumindest als KünstlerInnen in der Mitte der Berliner Stadtgesellschaft angekommen. Ob das für alle türkischen MigrantInnen in Deutschland so zutrifft, da hatten Erpulat und Kulaoğlu schon in ihrem rund 50 Jahre nach dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen mit der Türkei produzierten Stück am kleinen Ballhaus so ihre Zweifel. Acht Jahre später (am größeren Maxim Gorki Theater), wo die beiden 2016 auch den recht depressiven Türkeiabend Love it or leave it! herausgebracht haben, sieht ihre erneute Bestandsaufnahme in Sachen deutsch-türkische Beziehungen allerdings nicht viel positiver aus.

Lö Grand Bal Almanya heißt nun das Singspiel, dem man im Untertitel noch ganz sarkastisch ein 57 Jahre Scheinehe drangehängt hat. Wirklich groß wird dieser Liederabend mit eingesprengten Zitaten aus deutschen Politikerreden, unsäglichen Deutschlandkampagnen der Bundesregierung und Wahlslogans quer durch die Mitte der deutschen Parteienlandschaft dann aber doch nicht. Und das liegt nicht etwa an der ausgewählten Musik, die Tobias Schwencke schon damals zusammengestellt und für Chor und Klavierbegleitung neu arrangiert hat, sondern an dem doch recht plakativen Regiezugriff, der sich in platt-parodistischen Spielszenen am Unmut über die nur scheinbar zur Schau gestellte Willkommenskultur der Deutschen und ihren Heimatbegriff abarbeitet. Dass Debatten zum Asylrecht, Integrationszwang und der Ausländerfeindlichkeit beileibe nicht auf dem Mist der AfD gewachsen sind, weiß jeder der zumindest noch die Kohlära und die Wiedervereinigung miterlebt hat.

Dass da bei den Machern des Abends trotz mehrfachen Konfettiregens zum Willkommen der ersten Fremdarbeiter, später dann der Ossis und schließlich auch der nach 2011 in Deutschland angekommenen Kriegsflüchtlingen keine Hochstimmung aufkommt, kann man ihnen nicht verdenken. Trotzig klingen da noch die Begrüßungsworte von Sesede Terziyan: „Wir sind heute hier, weil wir damals gekommen sind.“ Danach marthalert es dann aber erstmal minutenlang, wobei das Ensemble stumm in der Kulisse, die Foyer, Saaltreppe und Bühnenportal des Gorki Theaters imitiert, auf den Kapellmeister wartet, der dann die deutsche Verballhornung des russischen Volkslieds Stenka Rasin anstimmen lässt. Im Chor singt man „Unrasiert und fern der Heimat, fern der Heimat unrasiert.“

Das gute deutsche Volksliedgut bildet den Grundstamm dieses sich grundsätzlich satirisch geben wollenden Theaterabends. Da erklingen neben Schumanns In der Fremde auch „’s is Feieromd“ oder das Soldatenlied „O Deutschland hoch in Ehren“. Man intoniert „Horch was kommt von draußen rein“ während der Familiennachzug munter gebiert. Zu Schuberts Erlkönig werden Deutschlandparolen ausgegeben und schwarze und rote Wahlkampfballons aufgeblasen. Mehmet Yılmaz gibt dann noch Ausschnitte aus Kohlreden der 1980er Jahre zum Besten. Weiter sieht man in den Spielszenen zur ärztlichen Musterung angetretene Arbeitsmigranten, denen in Mund, Ohren und in die Hose geschaut wird. Statt dem Moped für den Millionsten Fremdarbeiter gibt es markige Sprüche und einen Besen, mit dem der türkische Migrant nicht nur sauber macht und den Knastblues „Po‘ Lazzarus“ singt, sondern auch einiges nicht nur bildlich unter den mitgebrachten Teppich gekehrt wird.

Auch die ausländerfeindlichen Brandanschläge von Mölln (1992) und Solingen (1993) kommen vor, wenn plötzlich ein kleines, zuvor gebautes Holzhäuschen in Flammen aufgeht und der Bürgermeister der türkischen Mutter, die beim Brand in Solingen ihre Kinder verloren hatte, das Bundesverdienstkreuz überreicht. Als zynische Beigabe gibt es hier noch einen Feuerlöscher obendrauf. Neu werden noch die Flüchtlingskrise und der NSU in diesem Abend aufgenommen. Ein mit Schwimmweste und Kältedecke bekleideter Schauspieler wird erst freudig begrüßt und später erschossen. Da ist man dann mit der Musik zum Rosaroten Panther und der massenhaften Aktenvernichtung auch ohne viele Worte endlich beim NSU-Skandal angekommen. Deutschland ist nach Nurkan Erpult nicht Kurt Weills Youkali, das Land der Sehnsucht, wo nie der Quell des Glücks versiegt. Und mit dem Pilgerchor aus Wagners Tannhäuser schaut man zu glühenden Flammen und Statisten mit Waffen noch in die düstere, zunehmend rechtsradikale Zukunft Deutschlands.

Bis dahin zieht sich der gut zweieinhalbstündige Abend aber auch etwas hin. Für ein paar auflockernde Breakdance-Einlagen sorgt noch Schauspieler Loris Kubeng. Gesanglich ist das, wie schon gesagt, ziemlich gut gemacht. Wäre da nicht der unbedingte Wille der Regie, immer noch schwarz-humorig und parodistisch einen draufzusetzen. Die Spitze dessen ist mit dem unsäglichen Auftritt von Sesede Terziyan als Islamkritikerin Necla Kelek erreicht. Die 1957 in der Türkei in einem säkularen Elternhaus geborene und seit 1966 in Deutschland lebende Journalistin ist mit ihren Ansichten zur Integration und zum konservativen Islam nicht unumstritten. Terziyan zeigt sie als mit sich überschlagender Stimme keifende, nach deutscher Anerkennung und Preisen gierende Islamhasserin. Dass Kelek sich damit der bürgerlichen liberal-konservativen Presse und rechtspopulistischen Kreisen andient und von denen auch ausgenutzt wird, darüber besteht kein Zweifel. Einer Diffamierung zur Verdeutlichung dessen bedarf es daher sicher nicht. Da will man wohl das Publikum mit billigen Lachern bedienen. Das sonst so liberale MGT hat sich mit diesem da doch etwas kleinkariert um sich schlagenden Grand Bal Almanya jedenfalls keinen besonders großen Gefallen getan.

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LÖ GRAND BAL ALMANYA
57 Jahre Scheinehe – Ein Singspiel
Text: Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu
Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Alissa Kolbusch
Kostüme: Pieter Bax
Musik: Tobias Schwencke
Ton: Hannes Zieger
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu
Mit: Emre Aksızoğlu, Elmira Bahrami, Tanju Girişken, Loris Kubeng, Željko Marović, Tobias Schwencke, Sesede Terziyan, Mehmet Yılmaz
Die Premiere war am 25.05.2018 im Maxim Gorki Theater
Termine: 09., 14.06., 01.07.2018

Infos: https://gorki.de/

Zuerst erschienen am 27.05.2018 auf Kultura-Extra.

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Süleymankurt – Dramatiker Ahmet Sami Özbudak und Regisseur Serkan Öz verbinden im Gorki Studio Я alte Mythen mit der nationalreligiösen Wirklichkeit in der Türkei

Süleymankurt im Studio Я
Foto (c) Esra Rotthoff

Neben dem Singstück Lö Grand Bal Almanya von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu (auf der großen Bühne des Maxim Gorki Theaters Berlin) feierte fast gleichzeitig ein kleines, feines Stück (im Studio Я des MGT) Premiere. In der Reihe „Mythen der Wirklichkeit“ erzählen der junge Dramatiker Ahmet Sami Özbudak und Regisseur Serkan Öz in Süleymankurt, was mit jungen Menschen passieren kann, wenn das türkische Bildungssystem zunehmend von religiösen Einflüssen vereinnahmt wird. Der Text wird von Schauspieler Murat Dikenci und Schauspielerin Selin Kavak auf Türkisch und Deutsch gesprochen und jeweils deutsch, türkisch und englisch übertitelt. Was nicht ganz einfach ist, aber der einzig aus der Perspektive des jungen Türken Süleyman erzählten Geschichte auch einen gewissen zusätzlichen Drive gibt.

Süleyman ist ein recht neugieriger Junge aus Istanbul, der Käfer sammelt, die er in einem Aquarium aufbewahrt. Die beiden Schauspieler widersprechen sich hier zunächst gegenseitig, ob es Aquarium oder nicht eher Terrarium heißen muss. Beide sind wechselnd Süleyman oder der Vater des Jungen bzw. verschiedene Hodschas, in deren Koranschule der Sohn vom Vater geschickt wird, obwohl er eigentlich Tierarzt werden will. Im Internat gefällt es Süleyman nicht besonders, er wird wegen seines sonderbaren Hobbys gehänselt oder sogar verpetzt. Einem dieser „Verräter“ lauert der Junge dann im Waschraum auf und stößt ihn mit dem Kopf ins Waschbecken unter Wasser.

Süleyman will Gerechtigkeit und ringt um Anerkennung. Da er sie vom Vater nicht bekommen kann, sucht er sie bei den Religionslehrern. Dem Jungen erscheint beim Gebet in der Moschee Sultan Fatih Mehmed, der Eroberer Konstantinopels, auf einer Kakerlake reitend. Die Fantasie Süleymans gemischt mit einem starken Interesse für Geschichten und Mythen könnten ihn ebenso zu Stücken von Shakespeare ins Theater führen, treiben den Jungen aber aus Angst vor dem Satan immer mehr in die Hände der religiösen Eiferer, die ihn geschickt in ihr System aus Kontrolle und Propaganda einbinden. Zehn Jahre später – zur Zeit der Proteste im Istanbuler Gezi-Park – wird er als Mitglied der nationalkonservativen Religionsgemeinschaft „Die hohe Bewegung“ auf einen kritischen Journalisten angesetzt. Aus dem einst wissbegierigen Süleyman ist der hörige Sklave Süleymankurt geworden.

Die Inszenierung von Serkan Öz zeigt diese Geschichte einer Gehirnwäsche hin zum religiösen Fanatismus als sehr freies, körperbetontes Spiel der beiden Darsteller, die auf zwei Stahlgerüsten klettern und diese auf der Bühne immer wieder zu neuen Konstellationen verschieben. Autor Ahmet Sami Özbudak benutzt in seinem Text neben dem türkischen Heldenmythos von Sultan Fatih Mehmed auch den des Mankurt, eines besonders höriger Sklaven, dem die Haare abgeschoren und Kamelleder auf den Kopf genäht werden, so dass sein Haar ins Gehirn dringt, anstatt nach außen zu wachsen, und bezieht sich auf Suren des Korans wie die vom Elefanten Mahmud, mit dem der christliche König Abraha aus Rache wegen der Beschmutzung seiner Kirche die Kaaba in Mekka zerstören wollte.

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SÜLEYMANKURT
Mythen der Wirklichkeit #6
Text: Ahmet Sami Özbudak
Regie: Serkan Öz
Mit: Murat Dikenci und Selin Kavak
Die Premiere war am 25.05.2018 im Studio Я
Weitere Termine: 26.05.2018

Infos: https://gorki.de/

Zuerst erschienen am 27.05.2018 auf Kultura-Extra.

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Geschichte und Individuen in gesellschaftlichen Zwangszusammenhängen – Hundesöhne von Ágota Kristóf am Maxim Gorki Theater und „Rotter“ von Thomas Brasch im ehemaligen Frauengefängnis SOEHT 7

Montag, Oktober 23rd, 2017

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Hundesöhne – Nurkan Erpulat adaptiert recht behutsam und langatmig die Romantrilogie von Ágota Kristóf für die Bühne des Maxim Gorki Theaters

Hundesöhne am Maxim Gorki Theater
Foto (c) Esra Rotthoff

Der Theaterregisseur Nurkan Erpulat hat mit Das Schloss nach Franz Kafka (DT, 2011) bereits einen Roman recht behutsam für die Bühne adaptiert. Am Maxim Gorki Theater ist er bisher nur durch schräge Klassikerinszenierungen wie Der Kirschgarten und Onkel Wanja von Anton Tschechow oder Entertaining Mr. Sloane von Joe Orton aufgefallen. Das will so recht nicht zusammenpassen. Es geht dem seit 1998 in Berlin lebenden türkischen Regisseur dabei aber immer um die Untersuchung von Themen wie Heimat, Fremde und das Spielen mit der Identität. Bisweilen macht er sich die Klassiker wie auch Maxim Gorkis Kinder der Sonne passend. Ganz anders ist er nun an sein neues Projekt, einer Bühnenadaption der Romantrilogie Das große Heft / Der Beweis / Die dritte Lüge der ungarischen Schriftstellerin Ágota Kristóf, gegangen. Teil 1 der Trilogie ist bereits mehrfach auf Theaterbühnen gespielt worden. Es gibt auch eine ungarische Verfilmung von Das große Heft. An die Zusammenführung der stilistisch recht unterschiedlichen Bücher hat sich aber bisher noch keiner gewagt. Es scheint für einen einzigen Abend (der hier fast 4 Stunden dauert) auch recht gewagt.

Ágota Kristóf, 1935 in Ungarn geboren, ist nach der Niederschlagung des Volksaufstands 1956 in die Schweiz geflohen. 2011 ist sie dort verstorben. Erst recht spät hatte Ágota Kristóf begonnen, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. Beim Erscheinen ihres ersten Romans Das große Heft war sie bereits 50. Diese Erinnerungsarbeit bezeichnete die Schriftstellerin als sehr schmerzhaft. Ihre großen Themen sind Krieg, Flucht, Entwurzelung, Einsamkeit und Gewalt. All das steckt in dieser Romantrilogie über die Zwillinge Lucas und Claus, die 9jährig im Krieg von ihrer Mutter zur Großmutter in ein Dorf an der Grenze gebracht werden und sich dort gegen Hunger und Grausamkeit behaupten müssen. Nach dem Krieg flieht Claus über die Grenze. Lucas bleibt allein zurück. Teil 2 verfolgt sein Leben in der nun folgenden Diktatur. In Teil 3 kehrt Claus nach 40 Jahren zurück und begibt sich auf die Suche nach seinem Bruder. Obwohl kein Ort benannt wird, ist hier durchaus Ungarn gemeint.

Auch Erpulats Adaption der Trilogie zerfällt sehr deutlich in drei ästhetisch sehr unterschiedliche Teile. Es beginnt mit einer Art Warming up des Ensembles, das in weißer Unterwäsche sportliche Übungen und erste Sprechversuche an der Rampe durchführt. Das geht noch etwas durcheinander, bis sich Linda Vaher und Loris Kubeng als Brüderpaar herausschälen und von ihrer Ankunft im Haus der Großmutter zu erzählen beginnen. Die „Hexe“ genannte Alte erschein bei Çiğdem Teke mit Rock und Kopftuch. Da nimmt Erpulat das Grimm’sche Märchenhafte der Erzählung auf. Die leere, schwarze Bühne füllt sich mit Utensilien, weiße Papierbahnen rollen sich vom Schnürboden und werden von den DarstellerInnen mit schlammiger Farbe bemalt. Hundesöhne nennt die Großmutter die Brüder. Diesen Namen hat sich Erpulat auch als Titel für seine Inszenierung erkoren.

Was folgt sind bildreiche Szenen, in denen sich die beiden mit Schlägen selbst gegen die rohe Gewalt der alten Frau konditionieren, ihre eigene Welt auf dem Dachboden schaffen und das Erlebte genauestens in ein Heft schreiben als Übung des Überlebens. Alle Interpretationen und Gefühle, denen man nicht trauen kann, verbannen sie daraus. Die Zwillinge helfen auch einem Mädchen mit Hasenscharte (Jonas Anders), das sich dem Pfarrer und anderen Dorfbewohnern für Geld anbietet, erpressen den Geistlichen, der ebenfalls von Jonas Anders mit Kreuz auf der nackten Brust gespielt wird. Sie schaffen so ihre eigenen Moralregeln gegen den täglichen Schmutz, das Elend und den Horror aus Gewalt, Missbrauch und Tod.

Das ist zum Teil atmosphärisch recht schön, trifft aber bei weitem nicht die klaren, harten Sätze, in denen Kristóf die Zustände im Dorf beschreibt. Hier wuseln die Schauspieler in wechselnden Rollen über die Bühne, matschen sich ein, reiben sich aneinander, oder Taner Şahintürk wird auch mal als masochistisch veranlagter, pädophiler Offizier von den Brüdern übers Knie gelegt. Den im Minenfeld der Grenze sterbenden Vater gibt Falilou Seck. Er wurde von den Brüdern auf der Flucht berechnend vorgeschickt. Ihm in den Spuren folgen wird Claus, der seinen Bruder zurücklässt. Die Inszenierung spult bis hier die Story recht stringent ab, hat aber nichts als sich hinziehende Bebilderung zu bieten.

Recht konfus dann der zweite Teil, in dem Taner Şahintürk den zurückgelassenen Lucas spielt, der sich sichtlich emotional zwischen zwei Frauen aufreibt. Der alleinstehenden Yasmine (Linda Vaher) und ihrem verkrüppelten Sohn (Loris Kubeng) gibt er liebevoll ein Heim, fühlt sich aber auch zur depressiven Bibliothekarin Clara (Çiğdem Teke) hingezogen, die ihrem von den Kommunisten hingerichteten Mann Thomas nachtrauert. Auch hier wieder viel Symbolik und eine vor- und zurückfahrende Wand, die den Spielraum verengt, um so die Ausweglosigkeit und Verzweiflung der Figuren in der Diktatur darzustellen. Man spürt förmlich das Bemühen Erpulats, dem Text von Ágota Kristóf gerecht zu werden, ohne ihm dabei zu nahe zu treten. Dieser Respekt erzeugt aber auch eine merkwürdige, wenn auch mitfühlende Distanz, die sich zu den Figuren auf der Bühne aufbaut.

Diese bleibt auch im letzten Teil bestehen, der sich nach der späten Pause anschließt und in einer guten Stunde noch die Suche des nach 40 Jahren in die alte Heimat zurückgekehrten Claus nach seinem Bruder Lucas beschreibt. Çiğdem Teke gibt ihn als Ebenbild der Autorin, die mit dunkler Bobfrisur und blauem Kostüm vor einer Videowand agiert, auf die eine visuelle Choreografie des am Boden rollenden Ensembles in gleichen Kostümen projiziert wird. Auch das ein rein ästhetischer Zugriff, der das Erzählen der Geschichte der Figuren bebildern soll, als ein Spiel mit Wahrheit und Lüge, Identitätssuche und gleichzeitiger Trauerarbeit, was in der Begegnung mit dem vermeintlichen Bruder (Falilou Seck) kulminiert. Dessen Bild zerfällt auf vom Ensemble hochgehaltenen Papierschnipseln. Hier greifen Anfang und Ende ineinander, wird nochmal der Blick auf ein existentielles Trauma gelenkt. Sind es zwei Jungen oder doch nur einer, der sich den anderen aus Einsamkeit eingebildet hat? Das bringt das bisherige Erzählgefüge nochmal ins Wanken. Da ist man dann aber fast schon zu müde, um dem Gedanken daran noch folgen zu können.

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Hundesöhne (18.10.2017, MGT)
Nach den Romanen Das große Heft / Der Beweis / Die dritte Lüge von Ágota Kristóf
Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Moritz Müller
Kostüme: Lea Søvsø
Musik: Michael Haves
Choreografie: Modjgan Hashemian
Dramaturgie: Arved Schultze
Mit: Jonas Anders, Loris Kubeng, Taner Şahintürk, Falilou Seck, Çiğdem Teke, Linda Vaher
Premiere war am 18.10.2017 im Maxim Gorki Theater
Dauer: ca. 3,50 Stunden, keine Pause
Termine: 26.10. / 01., 02.11.2017

Infos: http://gorki.de/de/hundesoehne

Zuerst erscheinen am 21.10.2017 auf Kultura-Extra.

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Am selben Abend Premiere wie Hundesöhne im Gorki Theater hatte auch ein anderer exemplarischer Geschichtsstoff, der mit Identität und Heimatgefühlen von Individuen in gesellschaftlichen Zwangszusammenhängen arbeitetet.

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(c) Alexander Atanassow

Einmal im Jahr verlässt das Gefängnistheater aufBruch den geschlossenen Vollzug und sucht sich im Berliner Stadtraum eine interessante Spielstätte mit Geschichte meist auch passend zum Stoff, den die MacherInnen dann mit einem gemischten Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, SchauspielerInnen und Berliner BürgerInnen realisieren. Diesmal haben sich Regisseur Peter Atanassow und Dramaturg Hans-Dieter Schütt ein Stück des 2001 verstorbenen Schriftstellers, Lyrikers, Dramatikers und Filmemachers Thomas Brasch ausgesucht. Brasch würde nur noch selten gespielt, bedauert Dramaturg Schütt, die Sprachgewalt des Autors und seine Themen prädestinieren ihn aber unbedingt für eine Produktion von aufBruch, das sich für 10 Vorstellungen plus einer vorherigen, zwei Monate dauernden Probezeit in das ehemaligen Frauengefängnis SOEHT 7 in Lichterfelde-Ost eingemietet hat. Der 1906 entstandene Gefängnisbau war bis 2010 in Betrieb und beherbergt nun seit 2016 die Berliner Kreativszene bestehend aus bildenden Künstlern, Musikern und Theaterschaffenden. Wer will, kann sogar in den kleinen Einzelzellen übernachten. Der Kulturmanager Jochen Hahn hat das Gefängnis gekauft und ist gerade wieder dabei es umzubauen.

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Also durchaus der richtige Ort für die aufBruch-Maxime „KUNST GEFÄNGNIS STADT“. Und mit Braschs Rotter, geschrieben 1976-77, hat man den richtigen Stoff zur Bespielung dieses Areals. Im Untertitel ein „Märchen aus Deutschland“, ist Rotter ein Stück Zeitgeschichte, Stationendrama und Aufstieg und Fall eines Allerweltsmenschen im Strudel von politischen Ereignissen und gesellschaftlichen Zwängen, denen er sich unterordnet. Der Titelheld Karl Rotter macht Karriere in zwei Systemen. Vom arbeitslosen Fleischerlehrling in der Weimarer Republik steigt er im Zuge der Machtergreifung Hitlers in der Hierarchie der Nazis auf. Rotter ist bei der Enteignung jüdischer Geschäfte dabei, erzählt von Hitlers Auftritt beim Begräbnis des Reichspräsidenten Hindenburg, bildet Soldaten aus und führt einen Trupp im Kampf um Berlin. Doch schnell wendet er sich nach dem Zusammenbruch zum großen Erbauer des neuen Arbeiter- und Bauernstaats, errichtet nun Staudämme, Stahl- und Erdölwerke. Keine Zeit für das eigene Privatleben scheitert seine Ehe mit Elisabeth.

Rotter verdrängt auf seinem Weg andere und wird zum Ende, nachdem man ihm zum Held der Arbeit gekrönt hat, selbst entsorgt. Der Opportunist Rotter hat im anarchischen Lackner einen Gegenspieler, der ihm immer wieder über den Weg läuft, sich radikal verweigert und derb asoziale Züge trägt. Ein Frauenheld und Genießer, der dem pflichtbewussten Rotter noch im Tod spottet. Zwei Gegensätze, die sich immer wieder anziehen und abstoßen. Lackner setzt sich mit seiner Verweigerungshaltung zwischen alle Stühle, auch wenn er deswegen ins Lager und später ins Gefängnis geht. Da hat Brasch auch einiges von sich selbst hineingepackt. Als Wanderer zwischen den Welten hatte der Autor Erfahrungen in beiden deutschen Systemen gemacht. Im Osten nach einer Flugblattaktion gegen den Einmarsch von DDR-Truppen zur Niederschlagung des Prager Frühlings im Gefängnis, eckte Brasch später auch im Westen an. Seine Maxime: „Bleiben will ich wo ich nie gewesen bin.“

Braschs Rotter ist ein deutsches Stehaufmännchen. Wie das offene Rasiermesser Woyzeck hetzt er durch die Geschichte, ist Sieger und Verlierer, Opfer und Täter in einem. Brasch nimmt in seinem Stück Anleihen sowohl beim expressionistischen Dichter Ernst Toller wie auch bei den Lehrstücken Bertolt Brecht. Wenn man so will, ist Rotter allerdings eher ein Anti-Lehrstück. Rotter ist austauschbares Individuum, „Masse Mensch“ und „neuer Mensch“, ein „leeres Blatt, auf das ein Lebenslauf geschrieben wird von der jeweils führenden Klasse“ und „der Stoff, aus dem man Werkzeug macht“. Die eingeschobenen Clownerien, in denen Rotter von zwei „Filosofen“ als hohl analysiert sowie von den Clowns Kalin und Balin auseinandergenommen und als Holzpuppe wieder zusammengesetzt wird, variieren Brechts Maßnahme und das Badener Lehrstück.

 

Rotter im ehemaligen Frauengefängnis SOEHT 7 – Foto: St. B.

 

AufBruch-Regisseur Atanassow hat Braschs Zweifel, „ob ein durchgängiges Prinzip (der Kasten) richtig ist für das Stück“ (Brief an den Stuttgarter Uraufführungsregisseur Christof Nel) ernst genommen und lässt es tatsächlich als Stationendrama spielen. Beim Besuch der Generalprobe am 17. Oktober geht es immer wieder quer durch das Gebäude. Beginn ist draußen im Hof, wo das Ensemble den Fleischerlehrling Rotter als Chor mit der Axt in der Hand gibt. Auf einem Hackklotz liegt ein Stück rohes Fleisch. Es ist von Fahne, Volk, Seele und Gottvertrauen die Rede. Der Chor singt „Vorwärts, Vorwärts“, ein Lied der Hitlerjugend mit einem Text von Baldur von Schirach. Es ist die Zeit der Straßenunruhen zu Anfang der 1930 Jahre.

Weiter geht es in den Lichthof des ehemaligen Gefängnisses, wo mit Schaufensterpuppen das jüdische Bekleidungsgeschäft aufgebaut ist, in einen Kuppelsaal und wieder zurück unters Dach und zum Ende in eine kleine Kapelle. „Oben geht unter und unten steigt auf.“ heißt es noch beim jungen Rotter, der von wechselnden Darstellern über die Stationen verkörpert wird, während den Individualisten Lackner immer derselbe Darsteller spielt. Auch Rotters große Liebe Elisabeth wechselt von Ort zu Ort die Darstellerin. Das macht durchaus Sinn und ist bewährtes Prinzip der Regie. Im roten Kleid singt Elisabeth „Dancing Queen“ von ABBA, und draußen marschieren die Soldaten. Zwischen Chören und einzelnen Dialogen vollzieht sich Rotters Werdegang bis zum Ende des Krieges und seinem Neuaufstieg als Bauleiter, der den alten absetzt und später von den Streikenden des 17. Juni 1953 in einen Schornstein eigemauert wird. Während sich Lackner raushält, bleibt Rotter bei der Fahne.

Im Dachboden kombiniert Atanassow Szenen vom Begräbnis Rotters Mutter und dem Wiedersehen mit seiner Frau mit Ausschnitten aus dem DEFA-Märchenfilm Das kalte Herz von 1950. Das spiegelt u.a. Rotters Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen und eine dauerhafte Beziehung aufzubauen. Später, wenn Rotter einen Herzanfall erleidet, sagt Lackner auch: „Tatsächlich, das Herz. Ich hab nie gedacht, dass du auch so was hast.“ Der Regisseur bringt auch immer mal wieder den Autor selbst ins Spiel, mit Gedichten oder einem Brief von dessen Vater (einem hohen Tier im SED-Kulturapparat) an den Sohn in der Kadettenschule, dessen Inhalt u.a. besagt, dass ihn der Sozialismus dahin stellen wird, wo man ihn braucht. Die Auszeichnungsfeier am Ende ist als Farce vor einem Präsidium mit DDR-Fahne angelegt. Rotter thront davor wie ein König, der später den Verstand verliert. Atanassow verzichtet auf die Clownsdemontage des gescheiterten Helden, nur die Toten erscheinen ihm wieder und feuern ihn an, weiter zu gehen. Ein Stück deutsche Geschichte, das noch immer nicht beendet scheint.

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Rotter (Generalprobe vom 17.10.2017)
von Thomas Brasch
Eine Produktion von aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT
Premiere war am 18. Oktober 2017 im ehemaligen Frauengefängnis SOEHT 7
Regie: Peter Atanassow
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Petra Korink
Dramaturgie: Hans-Dieter Schütt
musikalische Leitung: Vsevolod Silkin
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Technik: Christopher Böhm
Grafik: Alexander Atanassow
Es spielt ein gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, SchauspielerInnen und Berliner BürgerInnen: Andy D., Bilal, Hans M., Hans-Jürgen Simon, Hasan Adli, Irene Oberrauch, Jean, Maike Specht, Maja Borm, Markus E., Matthias Blocher, Mohamad Koulaghassi, Olivia Beck, Ömer, Patrick Berg, Rita Ferreira, Rose Louis-Rudek, Rosemarie Klinkhammer, Sabine Böhm, Sara Steinert, Seca, Stas, Wolf Nachbauer
Dauer: ca. 2,5 Stunden, keine Pause
Vorstellungen: 24., 25., 26., 27., 28. und 29. Oktober 2017 jeweils 19:00 Uhr

Infos: http://www.gefaengnistheater.de/aktuelles-details/rotter.html

Zuerst erschienen am 21.10.2017 auf Kultura-Extra.

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Ein Atlas des Kommunismus und eine türkische Familienaufstellung – Vergangenheitsbewältigung und Gegenwartsanalyse im Maxim Gorki Theater

Sonntag, November 20th, 2016

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Lola Arias entwickelt einen Atlas des Kommunismus aus biografischen Splittern des mitwirkenden Ensembles

Atlas des Kommunismus - Foto (C) Esra Rotthoff

Atlas des Kommunismus
Foto (c) Esra Rotthoff

Erst ganz zum Schluss dieser knapp zwei Stunden Geschichte des Kommunismus, die sich von der Machtergreifung der Nationalsozialisten, über den ersten antifaschistischen Staat mit sozialistischer Prägung auf deutschem Boden, bis zu seinem Untergang, der Wiedervereinigung und Wende hin zum Kapitalismus erstreckt, kommt die Frage auf den Titel des Abends, Atlas des Kommunismus, den die argentinische Theatermacherin Lola Arias mit sechs Laiendarstellerinnen, der langjährigen Gorki-Schauspielerin Ruth Reinicke (die leider zum Vorstellungstermin erkrankt war) und der selbsternannten „Polit-Tunte“ Tucké Royale erarbeitet hat. Man wird sich da nicht ganz einig, aber irgendwas mit Marx‘ Kartografie einer Gesellschaftsordnung, der Idee einer gerechten, solidarischen Welt wird es schon zu tun haben. Wie diese Utopie aussehen könnte, ohne Bevormundung von Leuten, die sich die Karte des Wegs unter den Nagel gerissen haben, oder  Ismen, die wieder in eine Sachgasse führen, das wäre sicher einen weiteren Abend wert.

So beschränkt sich das Projekt im Maxim Gorki Theater, bei dem das Publikum auf der Bühne und im Saal um eine kleine Spielfläche in der Mitte sitzt, mehr auf die durchaus interessanten Erzählungen der acht ProtagonistInnen mit ihren recht unterschiedlichen Erfahrungen im, oder mit dem Kommunismus. Und nachdem sich alle vorgestellt haben, fällt auch schon die Mauer. Bei eingespieltem Jubel und Wiedervereinigungs-Reden von Momper und Brandt liegen sich alle in den Armen.

Danach ist es zunächst ein wenig so, als würde Oma vom Krieg erzählen, und die quirlige, achtjährige Mathilda Florczyk fragt dann auch ganz neugierig die 1932 als Kind armer polnisch-russischer Juden in Berlin geboren Salomea Genin, wie das damals unter den Nazis so war. Die 1939 mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten nach Australien Geflohene erzählt dann auch recht ausführlich aus ihrem Leben, das sie nach dem Krieg als überzeugte Kommunistin wieder zurück nach Berlin und in die Arme eines Stasiführungsoffiziers führte. Jahrelang lieferte sie Berichte aus ihrem Umfeld. Erst sehr spät in den 1980er Jahren hatte sie für sich erkannt, dass sie in einem Polizeistaat lebte und bisher zwei Bücher über ihre widersprüchliche Geschichte „Zwischen allen Stühlen“ geschrieben.

In ähnlich weltanschaulich vorbestimmten Bahnen verlief der Werdegang der Diplom-Dolmetscherin Monika Zimmering. Ihr ABC hieß DDR. Der kommunistische Vater war in den 1950er Jahren DDR-Diplomat in der Schweiz. Bei Schabowskis Grenzöffnungs-Pressekonferenz war sie als Übersetzerin anwesend. Einen neuen Sozialismus zu gestalten, war der am Leninplatz Lebenden allerdings nach Einzug der westlichen Werbewelt nicht vergönnt. Es folgten Entlassung, Depressionen und ABM.

Eher kein Verständnis für die Nachwendewehen der beiden Ex-DDR-Damen hat die in den 1960er Jahren in Halle geborene Jana Schloßer. Sie war Punkerin und zog mit 18 Jahren nach Berlin, hatte immer wieder Ärger mit den Bullen und musste wegen eines Punksongs ihrer Band „Namenlos“ in den Knast. Sie zieht nochmal ihre Lederjacke an und singt Nazis wieder in Ostberlin. Dafür gab es 1 ½ Jahre wegen Herabwürdigung staatlicher Organe. Nach der Wende konnte Jana Schloßer in den neuen Nischen für experimentelle Kunst in Berlin ihre verpasste Jugend nochmal neu erleben.

Ihre Jugend dem Land geopfert hat auch die 1963 in Hanoi geborene Mai-Phuong Kollath, die vor 35 Jahren als Vertragsarbeiterin in die DDR nach Rostock kam. Das Leben im „blühenden Land“ war jedoch sehr reglementiert und bestand nur aus Wohnheim und Arbeit. Kurz vor der Wende konnte sie ihrer Rückführung nach Vietnam durch eine Heirat mit einem Deutschen entgehen. Wir sehen das berüchtigte Sonnenblumenhaus in Rostock, hören von Beleidigungen, Nazipöbeleien und untätigen Polizisten. Trotzdem freute sich Mai-Phuong Kollath nach der Wiedervereinigung für die Deutschen.

So erzählt man sich zu Livevideos und alten Fotos gegenseitig seine Geschichte. Es entstehen dabei bemerkenswerte Frauenportraits mit Brüchen und Wiedersprüchen, immer wieder unterbrochen durch Livemusik mit Folksongs wie Put It on the Ground, dem Pinonierlied Fröhlich sein und singen, oder dem Schlager Ein bisschen Frieden. Und auch die Spätgeborenen des Ensembles wie die 17jährige Kreuzbergerin Helena Simon, oder der in Quedlinburg nach der Wende aufgewachsene, queere Performancekünstler Tucké Royale berichten noch von ihren heutigen Erfahrungen in der Antifa bei der Unterstützung der Flüchtlinge am Oranienplatz und der besetzten Gerhard-Hauptmann-Schule, oder vom schwulen Coming out unter Nazis in einer Kleinstadt im Harz. Liefert der Abend auch keine großen Erklärungen zum Kommunismus, so bringt er doch ein paar wichtige Erkenntnisse zum gemeinsamen, solidarischen Zusammenleben und einige Anregungen zum Weiterdenken.

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Atlas des Kommunismus (Maxim Gorki Theater, 15.11.2016)
von Lola Arias und Ensemble
Regie: Lola Arias
Bühnenbild: Jo Schramm
Kostüme: Karoline Bierner
Musik: Jens Friebe
Video: Mikko Gaestel
Livekamera: Alexa Brunner, Josephine Reinisch
Dramaturgie: Aljoscha Begrich
Mit: Ruth Reinecke, Matilda Florczyk, Tucké Royale, Salomea Genin, Mai-Phuong Kollath, Jana Schloßer, Monika Zimmering, Helena Simon
Premiere im Maxim Gorki Theater war am 08.10.2016
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Termine: 13. und 14.12.2016

Infos: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 17.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Love it or leave it! – Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu inszenieren eine Art türkische Familienaufstellung am Rande des Abgrunds

Love it or leave it - Foto (C) Esra Rotthoff

Love it or leave it
Foto (c) Esra Rotthoff

Projekte oder Stückentwicklungen, gerne auch gemeinsam mit dem Ensemble und migrantischem Hintergrund, heißen die Zauberworte nicht erst seit dieser Spielzeit am Maxim Gorki Theater. Im Projekt Love it or leave it! von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu geht es um die momentane gesellschaftliche Verfasstheit der Republik Türkei. Ein Déjà-vu aus immer wiederkehrenden Ereignissen, ein Film den man glaubt, schon mal gesehen zu haben, wie es Dramaturg Tunçay Kulaoğlu bei der kurzen Einführungsveranstaltung im Rangfoyer beschreibt. Die rasante Entwicklung der letzten Jahre vermittele einem den Eindruck, immer zu spät zu sein. So ist man während der Arbeit am Stück auch vom Putschversuch im Juli dieses Jahres kalt erwischt worden. Das Militär putschte nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei, nur scheint man das im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung verdrängt zu haben. Die Zustimmung für Präsident Erdogan ist relativ ungebrochen. Dass sich die Türkei dabei immer mehr in eine präsidiale Diktatur verwandelt, lässt die oppositionellen Kräfte in einer Art Schockstarre zwischen Heimatliebe und Landesflucht verharren.

Dem tragen die Macher des Abends mit einer längeren Exposition Rechnung. Man übt sich zunächst in guter türkischer Tradition: Rauchen und Tee trinken. Da kann es schon mal etwas dauern, bis einem die passenden Worte einfallen. Derweil sitzt das Ensemble auf der Guckkastenbühne mit schrägen Wänden, rührt verlegen im Teeglas und vermittelt das Gefühl von lähmender Agonie. Eine in türkische Landesfarben gekleidete Frau (Lea Draeger) hat den Kopf schon in der Schlinge, während die anderen sich langsam zu den Harmoniumklängen (Philipp Haagen) des Doors-Songs The End zu bewegen beginnen. Ein Tanz mit dem Tod, ein Land im Taumel, ins Seil verstrickt, das immer wieder nachgibt. Eine starke Metapher, die uns sagen will, dass man dort nicht leben und nicht sterben kann.

Es beginnt dann mit einem ironischen Phantasiekauderwelsch aus türkischen Brocken, gemixt mit Schlagwörtern wie „Erdogan“ oder „Frauke Petry“, die Taner Şahintürk ins Publikum wirft, das nicht verstehen kann und dennoch zu ahnen glaubt, was da vor sich geht. Es folgt eine Collage aus kabarettartigen Szenenfolgen, die zumindest einen Eindruck davon vermitteln wollen, wie die türkische Gesellschaft und ihre kleinste Keimzelle, die Familie, tickt. Die wird hier zunächst von einem als Imam gekleideten Mann (Tim Porath) zur Familienaufstellung gebeten. Es geht um ein Strukturproblem. Irgendetwas stimmt nicht mehr mit der Familie. Am Beispiel eines Gleichnisses des durch göttliche Schöpfung gewachsenen Apfelbaums und der nach Blut dürstenden Mücke vermittelt der Geistliche den Eltern und Kindern ihren angestammten Platz in der Hierarchie, was die Tochter  (Lea Draeger) auf die Knie und unter den Tisch zwingt, dem Vater (Philipp Haagen) Respekt zollend.

Ein Firmenchef (Taner Şahintürk) hält eine Rede mit Allgemeinplätzen des Zusammenhalts und wird dafür von seiner Belegschaft am Hintern geküsst. Ein Liebespaar (Aylin Esener und Mehmet Yılmaz) versteckt sich vor den nach Ruhe brüllenden Nachbarn im Schrank und eine Mutter (Lea Draeger) reglementiert ihren erwachsenen Sohn (Mehmet Yılmaz). Die türkische Gesellschaft zwischen Rebellion und Anpassung. Wer das nicht mehr aushält, versucht sich das Leben zu nehmen. Tim Porath als Mann der Frau mit dem Strick verzweifelt an der Realität und seinem Werbejob und bittet seine Frau, trotzdem auszuhalten. Dazwischen taucht immer wieder ein staubiger, am Kopf blutender Mann (Taner Şahintürk) auf und singt ein kurdisches Lied. Doch die Türken verstehen ihn nicht. Er kommt im falschen Moment, da alle mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind.

Man schielt und hascht immer wieder begehrlich nach einer am Strick baumelnden Bananenstaude, die bei Berührung elektrische Schläge verursacht. Die Führer der Bananenrepublik Türkei haben ihr Schwarzgeld in Schuhkartons versteckt. Eine Anspielung auf einen Korruptionsskandal, in den auch AKP-Chef Erdogan und sein Sohn verwickelt waren. So schwankt der Abend beständig hin und her zwischen Tragik und Komik, Slapstick und einem wütenden Lamento von Mehmet Yılmaz auf die Hassliebe Türkei. Ein magischer Reigen zu osmanischer Blasmusik. Das ist nicht immer künstlerisch ausgereift, vor allem der Text von Emre Akal hat doch einige Schwächen. Neben dem Erdogan-Zitat über die Demokratie als Straßenbahn, aus der man austeigen kann, wenn man das Ziel erreicht hat, oder türkischen Dichterversen hört man so manche improvisierte Banalität, bis es auf der Bühne rumpelt und sich der Abgrund in einem Loch manifestiert. Danach sitzt man wieder beim Tee und wartet auf die nächste Erschütterung, oder einen neuen Rattenfänger. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Love it or leave it! (Maxim Gorki Theater, 18.11.2016)
Ein Projekt von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu
Regie: Nurkan Erpulat
Text: Emre Akal
Bühne/Kostüme: Alissa Kolbusch
Musik: Philipp Haagen
Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu
Mit: Lea Draeger, Aylin Esener, Philipp Haagen, Tim Porath, Taner Şahintürk, Mehmet Yılmaz
Uraufführung im Maxim Gorki Theater war am 11.11.2016
Termine: 23.11. / 23. und 28.12.2016

Infos: http://www.gorki.de/

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Hühnerdreck und Visionen – Nurkan Erpulat inszeniert Anton Tschechows „Onkel Wanja“ als Fall von permanenter Arbeitsmigration.

Mittwoch, Mai 6th, 2015

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Nurkan Erpulat ist der Experte für das Abklopfen von klassischen Theaterstoffen auf postmigrantische Spuren. Das hat er schon bestens mit Kafkas Schloss am DT oder dem Kirschgarten von Anton Tschechow bewiesen. Mit letzterem eröffnete er das neue Gorki Theater unter der Intendanz von Shermin Langhoff. Nun greift er wieder auf den russischen Dramatiker zurück und unterzieht dessen Onkel Wanja einer genaueren Untersuchung. Dass er da fündig werden könnte, hätte man auf den ersten Blick nicht vermutet. Es ist dann auch eher der zweite, aber selbst dieser hat es dann durchaus in sich.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Zitat Programmzettel: „Wie oft endet der Aufbruch in ein vermeintlich besseres Leben mit unermüdlicher Arbeit, die der Natur des Aufgebrochenen widerspricht und ihn deshalb jeden Tag ein Stück mehr zerstört – nicht die Arbeit an sich widerstrebt der Natur, sondern die aus Zwang verrichtete Arbeit in einer Gesellschaft, die alle Türen zu mir selbst versperrt.“ (Deniz Utlu, Onkel Wanja lesend) – Eine Adaption  des Romans Die Ungehaltenen von freitext-Herausgeber Deniz Utlu wird Ende Mai im Gorki  Studio uraufgeführt werden.

Damit ist dann auch tatsächliche nicht nur der Migrant gemeint, der in Deutschland oder anderswo nicht in dem Beruf Fuß fassen kann, der seiner Berufung entspricht, sondern jeder, der außerhalb seiner kreativen Möglichkeiten auf einen Broterwerb angewiesen ist oder aus anderen Gründen nicht das Leben führt, zu dem es ihn eigentlich hinzieht. Also wann bin ich in ein Leben verstrickt, was nicht meins ist? Nun, wenn sich jeder diese Frage ehrlich beantworten würde, hätten wir vermutlich ein Land voller Arbeitsmigranten, die im Grunde nicht das tun, was sie eigentlich wollen. „Ein Beruf fern meiner Berufung“, wie es Deniz Utlu bezeichnet. Steile These, die man erstmal verdauen muss. Schaut und hört man dann aber bei Tschechows Onkel Wanja genau hin, kann man diese unfreiwillig Verstrickten überall finden.

Onkel Wanja - Foto © Esra Rotthoff

Foto © Esra Rotthoff

Es beginnt mit einem wortlosen Gartenfest an einer Tafel mit Lichterkette vor der Videoprojektion eines Waldes. Das Ensemble schaut irgendwann lange in den Zuschauerraum. Was dann meist auch bedeuten soll: Achtung, jetzt seid ihr gemeint. Dann aber geht es auch schon los mit den Klagen. Der Arzt Astrow (Dimitrij Schad) hat keinen Spaß mehr an seinem Beruf, fühlt sich abgestumpft und ergibt sich gelangweilt dem Suff. Seine Leidenschaft, die Erhaltung der Natur, interessiert niemanden, besonders nicht seinen einzigen Freund Wanja (Tim Porath), der ebenfalls säuft, seiner Jugend nachtrauert und bedauert nicht gelebt zu haben. Das Buch, das der verhinderte Dostojewskij bei Tschechow noch schreiben wollte, schleppt er hier irgendwann seitenweise an, ohne jegliches Interesse damit zu erwecken.

Als Katalysator und Hoffnungsträgerin, dass es da in der Tristesse des Alltags noch etwas geben könnte, was einem Mut zum Weitermachen gibt, fungiert die schöne Jelena (Anastasia Gubareva), die den Männern den Kopf verdreht, aber an den alten Professor Serebrjakow (Falilou Seck) gebunden ist. Jelena hat für den Professor ihre Gesangskarriere aufgegeben und übt sich nun im Müßiggang und Aushalten der Launen des alternden Mannes. Dass sie dabei wirklich glücklich ist, glaubt ihr eigentlich von Anfang an niemand.

Im Sich-etwas-Vormachen sind hier übrigens alle Meister, allen voran die alte Wojnizkaja (Ruth Reinecke), Mutter von Wanja, die den Professor und Mann ihrer verstorbenen Tochter noch immer verehrt. Wanja und sie haben alle seine Texte gelesen, abgeschrieben und jeden Rubel aus dem Landgut, auf das der Professor nun zurückgekehrt ist, weil er kein Geld für das Stadtleben hat, für ihn aufgespart. Falilou Seck spielt ihn als gescheiterten Menschen, der in der Nachtszene, in der er bei Tschechow über seine Schmerzen klagt, noch einen angstverzerrten Monolog eines alternden Schauspieler hält und verzweifelt nach der Tapetentür in der Rückwand sucht. Dazu fährt die Technik einen großen Scheinwerfer herunter wie zur Demonstration der Künstlichkeit dieses Lebens.

Sonja (Mareike Beykirch), die Tochter des Professors aus erster Ehe, hat es noch schwerer getroffen. Sie schleppt neben der unerfüllten Liebe zum Arzt Astrow auch das Trauma eines Kofferkindes mit sich rum. Diese Besonderheit vieler Kinder türkischer Arbeitsmigranten, die ihre Eltern nur im Sommer in den Ferien zu Gesicht bekamen, baut Regisseur Erpulat zusätzlich ein. Es hätte ihrer zur Beglaubigung der Eingangsthese nicht bedurft. Mareike Beykirch macht aus ihrer Rolle aber eine beeindruckende Performance.

Überhaupt liefern die Gorki-Schauspieler wieder eine gute, geschlossene Ensembleleistung ab, die noch von Sema Poyraz als alte Nanja und Marina Frenk als grün gekleideten, kauzigen Telegin am Klavier ergänzt wird. Zwischen den obligatorischen Wutausbrüchen Wanjas mit der Pistole in der Hand, wodkaseligen Schwüren und dem Schwadronieren über Visionen singt das Ensemble immer wieder schön-melancholisch russische und türkische Lieder. Und die Saufkumpane Wanja und Astrow suchen ihre verlorenen Visionen im Hühnerdreck bei echten Hühnern, die ihnen freundlich zugackern. Bei den langen Verabschiedungen und den elegischen Abschlussworten Sonjas fügt sich alles wieder in die Ablenkung der ungeliebten Arbeit wie in eine traurige „Liebkosung“ des Unvermeidbaren. Diese Inszenierung wirkt damit fast schon klassisch. Nurkan Erpulat scheint endgültig angekommen im bürgerlichen Stadttheater.

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Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Übersetzung aus dem Russischen von Peter Urban
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Sinem Altan, Lichtdesign: Hans Leser, Dramaturgie: Ludwig Haugk
Darsteller:
Alexandrowna (Sonja): Mareike Beykirch, Ilja Iljitsch Telegin: Marina Frenk, Jelena Andrejewna: Anastasia Gubareva, Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Onkel Wanja): Tim Porath, Marina: Sema Poyraz, Maria Wassiljewna Wojnizkaja: Ruth Reinecke, Michail Lwowitsch Astrow: Dimitrij Schaad, Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow: Falilou Seck

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Premiere war am 02.04.2015 am Maxim Gorki Theater Berlin

Termine: 10.05., 17.05., 26.06. und 30.06.2015

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/onkel-wanja/1481/

Zuerst erschienen am 05.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Entertaining Mr. Sloane – Im Maxim Gorki Theater nimmt Nurkan Erpulat die Aufforderung von Joe Ortons bitterböser Kleinbürger-Farce mehr als wörtlich.

Montag, November 17th, 2014

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Als „Oscar Wilde der Sozialstaat-Vornehmheit“ wurde Joe Orton (1933-1967) einst von einem Kritiker bezeichnet. Der Erfolg der schwarz-humorigen Stücke und Farcen des englischen Dramatikers und schwulem Enfant Terrible scheint nach wie vor ungebrochen. In ihnen treibt Orton die Abrechnung mit der bigotten Gesellschaft meist bis ins Groteske auf die Spitze. Sie bieten sich dadurch geradezu für jede Menge Nonsen und Klamauk auf der Bühne an. Das hat wohl auch Regie-Enfant-Terrible Herbert Fritsch dazu bewogen, 2009 in Oberhausen Joe Ortons Stück Beute aufzuführen. Den Text übersetzte ihm dafür René Pollesch, ein Meister des politischen Diskurs-Boulevards, der sich nicht zum ersten Mal mit Ortons Hang zur grotesken Komik als Mittel der Gesellschaftskritik beschäftigte. Mittlerweile ist das relativ kurze und stürmische Leben des Joe Orton, der 1967 von seinem eifersüchtigen Liebhaber mit einem Hammer erschlagen wurde, selbst zur Kunst geworden. Stephen Frears verfilmte es 1987 unter dem Titel Prick Up your Ears mit Gary Oldman in der Hauptrolle.

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Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Aufhorchen lassen möchte nun auch die neue Inszenierung von Nurkan Erpulat. Der Hausregisseur am Maxim Gorki Theater wählte dafür Ortons wohl bekannteste Farce Entertaining Mr. Sloane (dt.: „Seid nett zu Mister Sloane“). Der Plot ist schnell erzählt:

Der junge Streuner und Kleinkriminelle Mr. Sloane zieht bei der alleinstehenden Kathy ein, die mit ihrem sehschwachen Vater Kemp in einem Haus nahe der Müllkippe wohnt. In ihrem sexuellen Notstand nähert sich die 40jährige begehrlich ihrem gutaussehenden jugendlichen Untermieter, was in ein nahezu mütterliches Abhängigkeitsverhältnis mündet. Auch Kathys klemmschwuler Bruder Ed fühlt sich zu Sloane hingezogen und stellt ihn als Chauffeur an. Nur der alte Kemp kann Sloane nicht ausstehen und verdächtigt ihn andauernd des Mordes an seinem ehemaligen Chef. Als daraufhin Sloane den lästigen Kemp erschlägt, erkennen die Geschwister ihre Chance Sloane dauerhaft als Liebhaber an sich zu binden, indem sie ihn erpressen, ihnen im Wechsel für je ein halbes Jahr zu Diensten zu sein.

In Mr. Sloane stecken durchaus auch autobiografische Züge von Orton, ansonsten dient die Figur im Stück den Spießern Kathy und Ed als Projektion ihrer unausgelebten sexuellen Begierden. In provokanter Manier geißelt der Autor moralische Heuchelei und leere bürgerliche Konventionen. In der Verkörperung des Sloane mit dem schwarzen Schauspieler Jerry Hoffmann setzt Erpulat am Gorki Theater dem Ganzen noch eins drauf. Hier bekommt der groteske Tanz um die bigotten Lügen der Kleinbürger noch einen für das neue Gorki typischen Touch ins Postmigrantische. Und wie schon die Besetzung in der Kölner Ibsen-Inszenierung vom Volksfeind (Einladung zum Theatertreffen 2012) in der Regie von Lukas Langhoff mit dem schwarzen Schauspieler Falilou Seck für eine Verstörung weißer Sehgewohnheit sorgen sollte, treibt auch Erpulat ein ironisches Spiel mit der Identität seines Hauptdarstellers.

Während Falilou Seck als ambivalenter Charakter Dr. Stockmann mit dem Heiner-Müller-Text „Von wem ist die Rede wenn / Von mir die Rede geht Ich Wer ist das.“ als schwarzer Entertainer auf der Bühne stand, singt Jerry Hoffmann (dem boulevardesken Showcharakter des Stücks Rechnung tragend) ständig „Who am I anyway?“ aus dem Musical Chorus Line. „That is a picture of a person I don’t know.“ – der junge Mann scheint hier nicht ganz zu begreifen, wie ihm geschieht. „What does he want from me? / What should I try to be? / So many faces all around, and here we go. / I need this job, oh God, I need this show.” Nurkan Erpulat versucht in seiner Inszenierung die blanke Lust der Spießbürger dem eigentlich auch zwielichtig angelegten Sloane ihre versteckten sexuellen Phantasien überzustülpen, in ein Anpassungs- und Ausbeutungsverhältnis umzumünzen. Neben der Entlarvung von Illusionen einer geilen Scheinmoral entspinnt sich hier außerdem ein groteskes Spiel um rassistische Zuschreibungen, geboren aus den Neidvorstellungen weißer Gewalt- und Herrschaftsideologien.

Das scheint harter Tobak, die vermeintliche Provokation wird aber im gleichen Moment wieder durch eine Inszenierung als bewusst ausgestellte Show zurückgenommen. Zur Karikatur einer Show- und Boulevardbühne mit einer aufklappbaren Schrankwand, die zunächst den Blick auf die Hinterbühne freigibt und aus der im Lauf der Handlung immer wieder Gartenzwerge purzeln und andere Requisiten zum Vorschein kommen oder wieder verschwinden, kommen die in Kostümen und Maske völlig überzeichneten Charaktere von Kathy (Mareike Beykirch), Ed (Aleksandar Radenkovic) und Vater Kemp (Thomas Wodianka). Zudem ziehen die Darsteller immer wieder Mikrofone aus den fußelnden Flokati und schmettern Musical- und Pop Hits wie „There’s No Business Like Show Business“, „Teach me Tiger“ oder „Nature Boy“. Zugegebener Maßen mit großem Verve und Können.

Seid nett zu Mr. Sloane am Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Entertaining Mr. Sloane am Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

Dabei tut sich besonders Thomas Wodianka mit einer denkwürdigen Showeinlage hervor. Der Mord an ihm vollzieht sich hier fast wie eine Selbststrangulation mit dem Mikrofonkabel, wobei der Sterbende mehrfach zurückkehrt und Freddy Mercurys „The Show Must Go On“ intoniert. Allerdings zieht Erpulat die Showbremse auch immer wieder an und verweigert praktisch vor allem dem Ziel der Begierden ein echtes Eigenleben. Der mit Sixpack unterm Shirt ausgestattete Mr. Sloane sieht dem Treiben doch eher recht apathisch zu. Ihm passiert hier alles nur irgendwie. Die Ambivalenz der Figur ist gestrichen und schiebt sie so in eine recht eindimensionale Opferhaltung, die spätestens beim Mord am alten Kemp etwas unglaubwürdig wirkt. Zusätzlich schiebt Erpulat Fremdtexte zur Genderfrage, der Eugenik und dem „schwarzen Subjekt als Projektionsfläche für die unterdrückten Aspekte des weißen Selbst“ von der portugiesischen Schriftstellerin und Genderexpertin Grada Kilomba ein, wie zur eigentlich überflüssigen Erklärung dessen, was man eigentlich so schon deutlich genug sieht.

Who am I? Anyway. Es ist einerlei. Dem schwarzen Mr. Sloane bleibt hier keine Wahl, der Druck zur Integration ins böse Spiel der Weißen zwingt ihn in die Rolle. Der erwartete weiße Rechtfertigungsfuror wird aber voraussichtlich (außer ein paar vereinzelten Buhs bei der Premiere) ebenso ausbleiben wie ein echtes Nachdenken über genderspezifische und ethnische Vorurteile und Klischees. Die Inszenierung tüncht mit ihrem ganzen Trara und Tamtam ordentlich drüber und kommt dabei immer wieder wie ein ironisches Zitat gängiger Denkmuster und Inszenierungsklischees daher. Wobei sie dabei auch ein wenig denkfaul wirkt, wenn die Figuren neben Ortons Text auf bereits zum Thema Gedachtes und Gesagtes zurückgreifen. Das macht das Ganze zwar nicht weniger wahr, lässt aber auch eine wenig die Lust an einer eigenen Kritik vermissen. Fazit der Revue: Mit dem passenden Soundtrack scheitert es sich gleich bedeutend schöner.

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Entertaining Mr. Sloane
(Seid nett zu Mr. Sloane)
von Joe Orton
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Bernd Schneider, Musik: Tilman Ritter, Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit:
Mareike Beykirch als Kathy
Jerry Hoffmann als Sloane
Aleksandar Radenković als Ed
Thomas Wodianka als Kemp
Musiker: Tilman Ritter

Weitere Termine: 26. 11., 9. und 26.12.2014

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/seid-nett-zu-mr-sloane/

Zuerst erschienen am 16.11.2014 auf Kultura-Extra.

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THEATER IST ENDLICH IST THEATER – Eine Runde stagediving im Studio Я zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Maxim Gorki Theater (Teil 2)

Mittwoch, September 17th, 2014

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Das beliebte Konzept des sogenannten stagedivings aus der ersten Spielzeit des Studios Я unter der Leitung der Dramatikerin Marianna Salzmann fand am Sonntag eine viel umjubelte Neuauflage. Noch während der Premierenfeier von Erotic Crisis trafen sich am Samstagabend junge AutorInnen und RegisseurInnen und heckten gemeinsam mit DarstellerInnen des Maxim Gorki Theaters und Theaterinteressierten an der Bar des Studios Themen für 8 kleine Dramolette aus. Über Nacht geschrieben und tags darauf geprobt, erlebten sie dann schon am Sonntagabend ihre Premiere im überfüllten Studio Я.

Maxim-Gorki-Studio Я  - Foto: St. B.

stagediving im Maxim-Gorki-Studio ЯFoto: St. B.

Kurz überschreiben könnte man diesen Abend vielleicht mit dem Motto: Was will, was kann, wie geht Theater? Und vor allem, geht es uns noch etwas an, was da auf der Bühne passiert? Dabei geht es dann in erster Linie vielleicht nicht nur um relevantes Theater, sondern auch um den Spaß am Ausprobieren neuer Formen und Inhalte, was man allen 8 kleinen Stückentwicklungen durchaus anmerken konnte. Was sich aber wie ein roter Faden durch die aufgeführten Mini-Dramen zog, ist der Hang zum Surrealen, mitunter fast Skurrilen, gepaart mit einem Faible für die Tierfabel.

Bereits in der ersten Inszenierung eines Textes von Mehdi Moradpour durch Katharina Kummer treten sinnbildlich für Gefühle von Sehnsucht und Geborgenheit, aber auch Nacktheit, Verunsicherung und Verletzbarkeit Fabelwesen mit Tierköpfen auf. Ich bin das Tier, das dich beschützt ist der Versuch sich aus einer Art geschütztem Raum heraus zu artikulieren, denn „die Worte müssen raus, dahin, wo sie herkommen.“

Tierfiguren auch in dem aberwitzigen Stück Hermelin & Fuchs von Akin E. Şipal. Ein Text über den ganz normalen Wahnsinn unserer Zeit. In der Inszenierung von Rico Wagner reisen das lüsterne Hermelin (Mehmet Yılmaz) und der eher einfach gestrickte Fuchs (Falilou Seck) zu einem Kongress über die Strategien der Weltrettung. Erzählend begleitet wird das Ganze durch eine altklug philosophierende Grille (Paul Wollin). Rückbesinnung auf die Kräfte der Natur oder wissenschaftlicher Fortschritt? Dass das in dieser Konstellation im totalen Chaos endet, ist fast klar.

Programmheft der Veranstaltung (c) Maxim Gorki Theater

Programmheft der Veranstaltung
Foto (c) Esra Rotthoff

Wie man das schwierige Thema Asylverfahren in leicht poetischer Art darstellen kann, zeigen Ilknur Bahadir und Mareike Beikirch in Olga Grjasnowas Stück mit dem bezeichnenden Titel Liebe in der szenischen Einrichtung von Nurkan Erpulat. Asylsuchende und Sachbearbeiterin in einem wechselnden Dialog aus realer Bürokratie und surrealem Gefühlschaos, was sich schließlich ähnlich Kafkas Käferparabel in einem Liebes- und Todestanz zweier Insekten auflöst.

In Der Nabel der Welt von Luna Ali, eingerichtet von Wera Mahne, spielen Eva Bey und Till Porath ein religiösen Paar in ihrer Hochzeitsnacht, das vorher wohl noch keinen Sex hatte. Ob es sich um eine Zwangsheirat oder wahre religiöse Keuschheit handelt, bleibt ungeklärt. Man versucht sich kennenzulernen und Geheimnisse auszuloten. Das ist ungemein komisch aber auch beklemmend, wie sich die beiden unsicher zu nähern versuchen und dann doch immer wieder voreinander zurückschrecken. Und auch in dieser merkwürdigen Paarkonstellation schwingt etwas Surreales mit.

Jakob Nolte erzählt in Hallo eine phantastische Geschichte von einem Zirkusbrand, traurigen Elefanten, die nie vergessen und einer sprechenden Schreibtischlampe. Johannes Maria Schmit hat sie mit den SchauspielerInnen Elizabeth Blonzen, Gregor Loebel und Mateja Meded eingerichtet.

Das Spielen mit Identitäten, ist mit Sicherheit eines der Hauptthemen des neuen Maxim Gorki Theaters. In dem Stück Im Herzen des Herzens eines anderen Menschen von Jayrôme C. Robinet plaudern die queeren Schauspielerinnen ingoe.deltraut und Fatma Souad sehr humorvoll über Identitäten mit Risiken und Nebenwirkungen sowie die männliche Vagina mit Variationshintergrund. Fazit: Es braucht neue Worte keine Identitäten als Hammer.

Vor die Säue. Verdauungsgeräusche vor Mitternacht von Tucké Royale ist ein kleines Diskursstückchen, das sich in losen Gedankenfäden um das Schweinchen Babe, den Tierschutz, das Anderssein und in fast schon Pollesch’scher Manier um die Identifikation und Repräsentation am Theater dreht, dass sich einem die Textlappen nur so um die Ohren wickeln. Dazu performt eine in Trance versetzte Darstellertruppe bestehend aus Alicia Agustín, Daniel Cremer, Marcues und Antje Prust in direkter Kontaktaufnahme mit dem Publikum. Die vierte Wand ist hier aufgehoben und man liest sich die Texte gegenseitig vor. Was zwar recht charmant, aber auch etwas chaotisch wirkte und nicht für alle durchweg verständlich war. Wer nichts mitbekam, konnte sich zumindest an den Klängen der Elektroharfe von Hans Unstern berauschen.

Happy Angie von Robert Lucander (2014)

Happy Angie von Robert Lucander (2014)

Wer in der Pause ging verpasste dann noch eine echt gespielte Geiselnahme. Das ganze Studio mit seinen ungefähr 200 ZuschauerInnen war plötzlich in der Hand der Schauspieler Hassan Tasgin und Till Wonka, die in der Polizeizentrale Mitte anriefen und verlangten, dass endlich die Am Kupfergraben um die Ecke wohnende Kanzlerin das Maxim Gorki Theater besuchen solle. Necati Öziri hat den beiden einen urwitzigen Text auf den Leib geschrieben, voller Gags und Anspielungen, in dessen kuriosen Verlauf auch irgendwann Regisseur Michael Ronen mit hineingezogen wird. Das Stück Theater ist endlich ist Theater, was dem Abend auch den Namen gab, ist Persiflage und Liebeserklärung auf das Metier zugleich.

Ob letztendlich die Forderung nach Abschaffung der Geldwertschöpfung oder das Braten größerer Schnitzel in der Kantine, der Weltfrieden oder doch ein Besuch der Kanzlerin wichtig für die neue Spielzeit des Maxim Gorki Theater sind, wird sich bald zeigen. Zu sehen war an diesem Abend auf jeden Fall eine große Lust am Fabulieren und Ausprobieren, wofür das Studio Я die besten Voraussetzungen bietet.

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theater_ist_endlich_ist_theater_ (c) MGT

THEATER IST ENDLICH IST THEATER
stagediving im Studio Я am 14.09.2014
Autor*innen: Luna Ali / Olga Grjasnowa / Mehdi Moradpour / Necati Öziri / Tucké Royale / Jayrôme C. Robinet / Akin E. Şipal / Jakob Nolte
Regisseur*innen: Daniel Cremer / Nurkan Erpulat / Katharina Kummer / Wera Mahne / Michael Ronen / Johannes Maria Schmit / Rico Wagner / Julia Wissert
Mit: Alicia Agustín / Ilknur Bahadir / Elmira Bahrami / Eva Bay / Mareike Beykirch / Elizabeth Blonzen / ingoe.deltraut / Gregor Loebel / Mateja Meded / Cynthia Micas / Jasmina Musić / Tim Porath / Antje Prust / Falilou Seck / Fatma Souad / Volkan Türeli / Hasan Taşgin / Hans Unstern / Till Wonka / Paul Wollin / Mehmet Yılmaz

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/theater-ist-endlich-ist-theater/

Zuerst erschienen am 16.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Zum Start der neuen Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 4 und Schluss: Das Maxim Gorki Theater

Mittwoch, September 10th, 2014

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Zum Schluss der kleinen Spielzeitrückschau inklusive Ausblick auf Neues an den fünf Stadttheatern Berlins gibt es dann noch etwas Positives zu berichten. Groß dürfte die Freude schon seit Tagen am Maxim Gorki Theater sein, dem kleinen immer unterschätzten Haus am Festungsgraben in Berlins schönster Mitte. Das unter der neuen Intendanz von Shermin Langhoff mit dem Anspruch eines interkulturellen Theaters mit multiethnischem Ensemble in die Spielzeit 2013/14 gestartete kleinste Stadttheater Berlins ist nun nicht nur beim Fachblatt Deutsche Bühne, sondern auch bei der höher bewerteten Kritikerwahl in der Zeitschrift Theater heute zum Theater des Jahres gekürt worden.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater BerlinFoto: St. B.

Hinzu kommt die Wahl von Sibylle Bergs Es sagt mir nichts das sogenannte Draußen zum Stück des Jahres. Eine in ironischem Grundton verfasste Beschreibung einer verstörten, orientierungslosen Jugend, die sich wütend am Bild der vorherrschenden Konsumgesellschaft, des Körperkults und der Popkultur abarbeitet. Durchaus auch zu verstehen als ein „Wüten der Affekte“ (wie es Hans-Thies Lehmann in seiner Theorie der Tragödie nennt), an den Auswirkungen der neoliberalen Gesellschaft. Das sagt so Einiges und Einigen doch weiterhin nicht viel. Wenn man so will, im Titel auch eine symptomatische Beschreibung für die momentane Verfasstheit der deutschen Stadttheaterlandschaft insgesamt.

Was zum Beginn der letzten Spielzeit noch kaum jemand wirklich für möglich hielt, ist nun Dank eines in weiten Teilen überzeugend umgesetzten Konzepts anerkannte Realität geworden und hoffentlich auch bald allgemeine Normalität. Das ureigenste Interesse einer gewachsenen, sich im stetigen Wandel befindlichen Gesellschaft an einem Theater, das die Lebenswirklichkeit aller Bereiche der Gesellschaft auch bis in den kleinsten Winkel des Theaters hinein abbildet. Dieses noch vorherrschende Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich das neue Maxim Gorki Theater nun erfolgreich etabliert hat, gilt es aber nicht einfach nur zur neuen Marke zu stilisieren oder gar auf Dauer zu konservieren, sondern stetig weiterzuentwickeln, als echte Reibungsfläche zur bürgerlich normierten Gesellschaft, deren Werte in Frage stellend, gleichzeitig verstörend und aufklärend wirksam.

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Nach durchwachsenem Start mit dem Kirschgarten in der Regie von Nurkan Erpulat, der Tschechows tragikomischen Figuren ein zu starres Korsett interkultureller Differenz überstülpte, haben sich letztendlich Mut und Durchhaltevermögen ausgezahlt. Man hat viele neue Baustellen aufgemacht und einige aktuelle Themenfelder beackert. Falk Richter zeigte in seinem Projekt Small Town Boy die Lebenswirklichkeit von Schwulen und Lesben in Deutschland und Yael Ronen führte in Common Ground die Kinder ehemaliger Feinde des Jugoslawienkriegs zusammen, um nur zwei der starken Uraufführungen und Stückentwicklungen am Maxim Gorki Theater zu nennen. Da verschmerzt man schon mal Ausfälle wie Lucas Langhoffs ärgerliche Inszenierung der Übergangsgesellschaft von Volker Braun oder das völlig überambitionierte Woyzeck III-Projekt von Mirko Borscht.

Studio Я - Foto: St. B.

Studio ЯFoto: St. B.

Auch das Gorki Studio, jetzt kurz Studio Я genannt, hat unter der Leitung von Marianna Salzmann Akzente gesetzt und ein eigenes Profil entwickelt. Hoch in der Gunst des Publikums standen z.B. Hakan Savaş Micans Inszenierung von Marianna Salzmanns Schwimmen lernen. Ein Lovesong oder die Stagediving-Abende wie RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE. Eines dieser jungen Stückentwicklungen mitten aus dem Herzen der diversen Gesellschaft kommt nun auch vollends zur Aufführung. Zöpfe (Arbeitstitel) von Marianna Salzmann hat am 13. Dezember Premiere. Man hofft da auf weitere Uraufführung im Laufe der Spielzeit.

Das Erreichte ist nicht nur Ausdruck der guten Strategie der Leitung des Hauses, von Regie und Dramaturgie, sondern vor allem auch Verdienst eines großartig motivierten, spielfreudigen Ensembles, das sich hier gefunden hat. Dazu passt auch wunderbar, dass einer der neuen Publikumslieblinge am Maxim Gorki Theater, der unglaublich vielseitige Dimitrij Schad, in der Jahresumfrage von Theater heute zum Nachwuchsschauspieler des Jahres gewählt wurde. Man darf hier auf Neues gespannt sein.

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Der Start der neuen Spielzeit wird an einem ganzen Wochenende mit drei Premieren begangen. Den Anfang macht am 12. September Sebastian Nübling mit FALLEN, einem Tanztheaterprojekt zusammen mit dem belgischen Choreographen Ives Thuwis. Auf einer Bühne aus 70 Tonnen Sand vor dem Maxim Gorki Theater befragen 10 junge Darsteller Formen von Gewalt im öffentlichen Raum. Wieder eine Koproduktion mit dem Jungen Theater Basel. Einen Tag später wird Hausregisseurin Yael Ronen in Erotic Crisis mit ihrem Ensemble Grenzen von Liebe, Beziehungen und verschiedensten Formen der Sexualität in der Großstadt Berlin ausloten. Als Zugabe gibt es dann am Sonntag im Studio Я mit Theater ist endlich ist Theater noch einen Abend Kurzgeschriebenes, das erst einen Tag vorher gemeinsam erarbeitet wurde.

Auch Nurkan Erpulat wird im November wieder eine neue Inszenierung vorlegen. Er hat sich die bitterböse Farce Seid nett zu Mr. Sloane des britischen Dramatikers Joe Orton ausgesucht. Ob sich diese etwas außergewöhnliche Ménage-à-trois mit einer Art umgekehrtem Tartuffe unter interkulturellen Vorzeichen nacherzählen lässt, wird sich zeigen. Es geht jedenfalls um Doppelleben und Scheinmoral der ach so normalen Kleinbürger, ein ewiges Thema auch außerhalb des sogenannten postmigrantischen Theaters. Da tritt dann also schon so etwas wie Normalität ein, wenn sich Erpulat nun um die allgemeine Moralkritik kümmert, auch wenn die Stückauswahl dazu etwas schräg erscheint. Fakt ist, Orton ist kein Unbekannter in der hiesigen Theaterszene. René Pollesch hat ihn übersetzt, Komödienspezialist Herbert Fritsch dessen Stück Beute 2009 in Oberhausen aufgeführt. Die Kritiker von Ortons Erstling Seid nett zu Mr. Sloane aus dem Jahr 1964 bescheinigtem dem Stück jedenfalls eine „Komik des Perversen“, was auch immer damit gemeint ist.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Mit Sicherheit nicht komisch gemeint ist Heiner Müllers Bearbeitung des russischen Revolutionsromans Zement von Fjodor Gladkow. Fleißigen Theatergängern dürfte noch Dimiter Gotscheffs Inszenierung vom Residenztheater München in Erinnerung sein, die im Mai das Theatertreffen in Berlin eröffnete. Regisseur Sebastian Baumgarten, seit Langem mal wieder zu Gast am Maxim Gorki Theater, wird sich jedenfalls im Januar 2015mit seiner Arbeit an der des großen, jüngst verstorbenen Kollegen messen lassen müssen. Eine weitere Inszenierung von Sebastian Nübling wird es bereits im Oktober geben. Nübling wagt sich dann an Hebbels Nibelungenstoff. Mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge erforscht der Regisseur „die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“, wie man in der Ankündigung lesen kann.

Was das nächste Jahr sonst noch bringen wird, steht sicher nicht mehr nur in den Sternen, sondern harrt hoffentlich schon seiner Realisation. Auf jeden Fall bleibt es spannend. Liebe, Lust und Sexualität einerseits sowie Gewalt, Rache, Ideologie und Doppelmoral andererseits. Alles in allem eine Menge an wichtigen aber auch unbequemen Stoffen, denen sich das Maxim Gorki Theater in der neuen Spielzeit widmen wird. Und auch über neue Regiearbeiten von Hakan Savaş Mican würde man sich freuen. Mit seiner Inszenierung des Fassbinder-Klassikers Angst essen Seele auf gab er der letzten Spielzeit einen hoffnungsvoll versöhnlichen Abschluss. Trotz all der im Stück so treffend dargestellten und karikierten Ausländerfeindlichkeit, die vieler Orten noch gängige Praxis ist, kann es nur gemeinsam weiter gehen, auch im Theater. Ob nun mit Drama, Romanadaption, Komödie oder Tragödie, spielt dabei kaum eine Rolle.

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„Heimat, das ist nicht nur dort, woher wir kommen, sondern auch, wohin wir gehen.“ Helmut Schödel, Dramaturg, Regisseur und Theaterkritiker. Quelle: DIE ZEIT, 31.8.1990, Nr. 36

Infos zur neuen Spielzeit im MGT: http://www.gorki.de/spielplan/premiere-2014-2015/ 

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Russen, Tussen, Türken, Birken – Kunst, Culture Clash und Klischees. Hoch her ging‘s beim GOЯKI-Neustart in Berlin.

Freitag, Dezember 20th, 2013

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Es schlug wie eine Bombe ein, als kurz vor Ende des Berliner Theatertreffens im Mai 2012 bekannt wurde, dass Shermin Langhoff, langjährige Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg, die Nachfolge des nach Stuttgart wechselnden Armin Petras am Maxim Gorki Theater antreten würde. Der regierende Bürgermeister, Kultur- und Partysenator Klaus Wowereit hatte die deutsche Theatermacherin mit türkischen Wurzeln kurz vor den Toren Wiens abgefangen. Jetzt könnte man sich in dem Witz ergehen, dass die Türken bereits 1529 und 1683 vor Wien gescheitert sind. Was allerdings die Tatsache negieren hieße, dass sie mittlerweile längst in der Mitte Europas leben, und mit ihnen so manch andere Nationalität. Shermin Langhoffs Entscheidung für Berlin und das Maxim Gorki Theater war letztendlich eine ganz persönliche und bescherte der deutschen Hauptstadt dazu nun endlich auch das erste interkulturelle Schauspielensemble im deutschsprachigen Raum. Die Wiener Festwochen müssen sich mit der Belgierin Frie Leysen begnügen, die bereits das Festival Theater der Welt und 2012 das Berliner Theaterfestival Foreign Affaires kuratierte. Einer weiteren Internationalisierung der Festwochen werden also auch die Wiener nicht entgehen können.

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Der Kirschgarten von Anton Tschechow in einer Inszenierung von Nurkan Erpulat

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Zurück nach Berlin. Mit einem Herbstsalon der Kunst eröffnete Shermin Langhoff Anfang November ihre Intendanz am Maxim Gorki Theater. Für zwei Wochen wurde das angrenzende Palais am Kupfergraben mit Objekten, Installationen und Performances in Berlin lebender Künstler von internationaler Couleur bespielt. Ein gelungener Einstieg und Vorgeschmack auf den eigentlichen Start, der vom 17. bis 19. November mit drei Premieren gefeiert wurde. Mit Anton Tschechows Kirschgarten und zwei Inszenierungen von Gegenwartsstoffen der jungen Schriftstellerin Olga Grjasnowas und der jungen Dramatikerin Marianna Salzmann fiel das erste Wochenende im neuen GOЯKI recht russischlastig aus. Was natürlich nur auf den ersten Blick über die eigentliche Intension dieses vielbeachteten Neustarts hinwegtäuschte. Zum Auftakt präsentierte sich nämlich der nicht nur in Berlin bereits recht bekannte deutsch-türkische Theaterregisseur Nurkan Erpulat, der mit Verrücktes Blut gemeinsam mit dem neuen Gorki Chefdramaturgen Jens Hillje bereits einen Achtungserfolg für das postmigrantische Theater auf dem Berliner Theatertreffen 2011 feiern konnte. Die Inszenierung des Ballhaus Naunynstraße wurde übrigens auch ins Programm des Maxim Gorki Theaters übernommen.

Tschechows Kirschgarten interpretierte Erpulat nicht als Widerspruch Alt gegen Neu, Oben gegen Unten, sondern, ganz im Sinne des Leitmotivs des neuen Gorki, als Kampf der mittlerweile in der dritten Generation im Lande lebenden Migranten gegen die Alteingesessenen. Da wird der alte Sehnsuchtsort Kirschgarten, der ja schon bei Tschechow in jeder Enzyklopädie stand, zu einer Art überkommenen Leitkultur, die der junge Migrant Lopachin (Taner Sahintürk), dessen Vater noch als Leibeigener für die Familie der Ranjewskaja (Ruth Reinicke als letzte Verbliebene – im doppelten Sinne – des alten Gorki-Ensembles) ackern musste, am liebsten abholzen möchte. Er will Parzellen mit Ferienhäusern statt schöne Phrasen der deutschen Aufklärung, für die sich heute eh keiner mehr etwas kaufen kann. Taner Sahintürk liest aus Immanuel Kants Was ist Aufklärung? und lässt das Buch wie einst Tschechows Lopachin verständnislos sinken.

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Das neue GOЯKI. – Foto: St. B.

Die Unterschiede zur verrottenden und schwafelnden Intelligenzija der Ranjewskaja, ihres Bruders Gajew (Falilou Seck, noch bekannt aus Lukas Langhoffs Volksfeind-Inszenierung beim Theatertreffen 2012) oder dem Studenten Trofimow (Aram Tafreshian) werden hier an rein kulturellen Differenzen festgemacht. Da geht doch einiges verloren. Anja (Marleen Lohse), Warja (Sesede Terziyan), oder gar die Ranjewskaja selbst bleiben hier bei allem darstellerischen Können relativ vage. Den Nebenfiguren bzw. Bediensteten bei Tschechow wird in Erpulats Kirschgarten dagegen klar ihre Entsprechung in der heutigen deutschen Einwanderungsgesellschaft zugewiesen. Neben Lopachin trifft das vor allem auf Charlotta, Dunjascha, Firs und Jascha zu. Allen scheint irgendetwas zu fehlen. Sei es die Identität, Liebe, Zugehörigkeit oder gar so etwas wie Heimat.

Während Lopachin zumindest ein Ziel verfolgt, wirken die anderen doch recht orientierungslos. Çetin İpekkaya als Firs verfällt immer wieder in die türkische Sprache und wird von den anderen nicht ernst genommen. Der ersten Generation fehlt der Zugang zur neuen Gesellschaft, in der auch die anderen kaum ihren Platz finden oder nur mit Mühe behaupten können. Tamer Arslan als Jascha spielt den coolen Macho im Trainingsanzug. Pitschick (Mehmet Yilmaz) und Dunjascha (Mareike Beykirch) sind Karikaturen der Anpassung im deutschen Trachtenlook. Die Travestiekünstlerin Fatma Souad bringt als Charlotta mit ihrer ganz speziellen Geschichte (schwul, lesbisch, türkisch, berlinerisch) etwas Kreuzberger Lokalkolorit nach Mitte. Die schon bei Tschechow alters- und heimatlose Gouvernante als transidentisch darzustellen, ist natürlich schlüssig, aber auch nicht ganz neu.

Tschechows differenzierte Figurenzeichnung tritt hier hinter die klare Absicht des Regisseurs zurück. Die Widersprüche im Kirschgarten sollen so einen aktuellen Anstrich erhalten. Nur das dieser bisweilen etwas zu plakativ ausgemalt erscheint. Immer wieder werden deutsche Volkslieder gesungen und eine Musikerin (Sinem Altan) im schwarzen Hidschab spielt Klavier. Spätestens wenn Lopachin sich seine neue Heimat gekauft hat und beginnt die alten Tapeten abzureißen, schlägt auch bei ihm die unaufgearbeitete Vergangenheit durch. Tradition und Moderne geben sich auf der Bühne die Hand. Man tanzt zu türkischer Musik und spricht vom Aufbruch in eine neue Zeit. Zumindest tut man so. Und da ist man wieder ganz bei der Sehnsucht der Tschechow‘schen Figuren.

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Ob der gute Vorsatz nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sei dahingestellt, genau wie die These, dass die deutsche Gesellschaft wie das Gut der Ranjewskaja am Ende ist, wenn sie sich nicht den Problemen der Migration, wie auch den Vorzügen der kulturellen Diversität öffnet. Dass Hochkulturen zur Dekadenz und Fäulnis neigen, wenn sie sich allzu lang um sich selbst gedreht haben, dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte. Ein neuer Pfropf wirkt da mitunter Wunder. In der Beziehung funktioniert die Metapher des alten Kirschgartens, mit dessen Früchten niemand mehr etwas anfangen kann, doch sehr gut. Am neuen Gorki wird man jedenfalls weiter darauf hinweisen, dass die Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund hierhergekommen sind, um einen Anspruch auf Mitgestaltung einzufordern. Und bereits im Januar bringt dann Nurkan Erpulat seine vielbeachtete Wiener Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne neu auf die Bühne des Gorki Theaters. Man darf weiterhin gespannt sein.

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Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt, inszeniert von Yael Ronen und Schwimmen lernen von Marianna Salzmann – Ein Lovesong am neuen Studio Я, inszeniert von Hakan Savaş Mican

In den anderen beiden Inszenierungen ist man dann doch etwas näher dran, an der Lebenswirklichkeit junger Migranten in Deutschland. Die junge Jüdin Mascha (Anastasia Gubareva) aus Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt ist Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan. Sie ist kriegstraumatisiert und daher nicht gerade auskunftsfreudig, was ihre Vergangenheit angeht, die sich ihr deutscher Freund Elias (Knut Berger), mit Hang zum Zuschreibungswahn, entsprechend zusammenreimt. Da gibt es dann genug Platz für altbekannte Klischees und Missverständnisse. Zwischen die beiden schiebt sich der in Deutschland gestrandete und auf ein Visum für die USA wartende Palästinenser Sami (Thomas Wodianka). Er ist einer, der keine Milch von Kühen im Kaffee mag und auch ansonsten nicht viel auf Traditionen gibt. Cem (Dimitrij Schad) ist Türke, schwul, spielt Gitarre und mimt den Conférencier.

Armes Deutschland, kann da Elias Vater Horst (Tim Porath) nur noch von sich geben. Der Deutsche ist hier entweder provinziell verknöchert und stink konservativ oder hyperaktiv um Verständnis heuchelnd. Zumindest muss alles seine Ordnung haben und sich entsprechend einsortieren lassen. Elias kommt mit seinen Fragen allerdings nicht mehr weit. Er erliegt nach der Hälfte des Stücks den Folgen eines blöden Sportunfalls, und mit ihm auch die Lebenslust Maschas. Nach einem traumatischen Besuch in der ostdeutschen Provinz bei Elias Vater, der den Sinn des Lebens darin sieht, die vielen Kuckucksuhren seines Vaters aufzuziehen, über den er sonst auch nicht viel mehr weiß, als über seinen Sohn Elias, verkriecht sich Mascha erstmal für Wochen mit dessen Spotshirt ins Bett. Dass sie da nicht ranzig wird, hat sie Cems Hartnäckigkeit und seinem Sinn für aufbauende Geschichten zu verdanken.

Über schlüpfrige Umwege kommt die sprach- und anderweitig begabte Mascha an ein Auslandsstipendium und damit schließlich nach Israel. Neues Land, neue Liebe, neues Leben. Erinnerungen an früher und allzu feste Wurzeln sind da nur noch hinderlich. Grjasnowas Roman ist ein schöne Beschreibung der bindungsarmen, zwischen den Welten switchenden Jugendlichen, die sich eigentlich nicht viel Gedanken über ihre eigentliche Identität und Heimat machen, diese aber trotzdem immer im Hintergrund mit sich herumschleppen und auch von der Gesellschaft hinterfragt bekommen. Die Inszenierung von Yael Ronen ist frisch, witzig, mit viel Situationskomik und macht definitiv Lust auf mehr.

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Gorki-Studio

Gorki-Studio Я

Ganz ähnlich geht es der jungen Protagonistin im Stück Schwimmen lernen der Dramatikerin Marianna Salzmann. Die Russin Lil (Marina Frenk) fühlt sich einsam in Deutschland. Sie träumt vom Meer in ihrer Heimat. Feli (Anastasia Gubareva) und Pep (Dimitrij Schad) dagegen sind ein Paar und halten sich für die beste Idee. Diese will aber auf Dauer nicht so recht zünden. Feli lernt Lil kennen und lieben. Angesteckt von Lils Idee vom Meer gehen beide schließlich nach Russland. Aber das Leben dort birgt andere Schwierigkeiten. Lil ist schnell genervt von den Kuchennachmittagen und Fragen der Verwandten und Feli fügt sich schwer in ihren neuen Job ein. Der Alltag ist Gift für die junge Liebe und das Meer nur eine ferne Projektion.

Wieder ein schönes Stück über Sehnsüchte Jugendlicher nach Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen. Vereinbar scheinen beide auf Dauer nicht zu sein. Irgendwann ist Feli wieder weg und Lil im fremden Land auf sich allein gestellt. Hakan Savaş Mican inszeniert diesen zwischen Aufruhr der Gefühle und Melancholie schwankenden Lovesong auch als solchen. Die Darsteller singen immer wieder von Heimweh, Liebe und Liebesleid. Sie spielen dazu begnadet auf der Gitarre, dem Klavier, oder trommeln sich die Seele aus dem Leib. Heiß her geht es, bis zum Schluss die Fenster geöffnet werden und die jungen Leute auf die Straße ausbrechen. Ganz großes Theater im kleinen neuen Studio Я, das in Zukunft auch unter der Leitung von Marianna Salzmann stehen wird.

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Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen – Sebastian Nübling inszeniert Sibylle Berg

Sibylle Berg im Oktober 2013, Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia commons

Sibylle Berg im Okt. 2013
Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia

Ganz ohne Migrationshintergrund kommt dagegen das extra fürs neue Gorki geschriebene Stück der Schriftstellerin, Dramatikerin und Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg aus. Jugendlich sind die Protagonistinnen des lockeren Fünfundsiebzig-Minüters Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen aber schon. Regisseur Sebastian Nübling, den Shermin Langhoff überraschender Weise fürs Gorki verpflichten konnte, besetzt das Stück für eine Person und mehrere Stimmen dann auch mit den vier jungen Schauspielerinnen Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas. Deren vierstimmigen Wutschwall, von Berg als ununterbrochener Fließtext geschrieben, inszeniert Nübling als stampfendes, dampfendes Körperballett auf ansonsten leerer Bühne. In Schlabberlook und Nerdbrille zieht das Quartett dabei chorisch und unkorrekt über den heutigen Zeitgeist mit seinem Jugend-, Mode- und Körperwahn her.

Aus der Sicht der namenlosen Hauptprotagonistin hört dieses Rumgeleide aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationdruck wahrscheinlich nie auf. Aber ob da einfach nur Älterwerden die Lösung bringt, darf bezweifelt werden. Vorerst bedient frau noch weiter bestens alle möglichen Ziel- und Randgruppen-Klischees. Dass es hier vor allem immer wieder die heteronormative Männlichkeit trifft ist durchaus beabsichtigt. „Schräger Pony, verdeckt beginnende Geheimratsecken, enge Hose, korrekter BMI, Nerd-Brille … und tschüss!“ Aber auch trendige Fitness-Beautys bekommen ihr Fett weg. „Wie werde ich überflüssige Pfunde am schnellsten los?“ Zuviel Hormone oder überhaupt Gefühle sind da einfach nur zum Kotzen. Zwischendurch rufen immer mal wieder die Schwestern Minna und Gemma oder die angehimmelte Freundin Lina an, während Stiefpapa Paul, das Opfer, im imaginierten Kellerverließ sitzt.

So trampeln sich die vier Darstellerinnen den Frust vom Leib und übertragen mit viel Coolness ihren We don’t give a shit-Storm aufs mehrheitlich jugendliche Publikum. Nur, wer die Radikalität der Bücher von Sibylle Berg kennt und weiß mit welcher oft auch moralischen Keule sie die Leser ihrer S.P.O.N.-Kolumnen traktieren kann, wird hier an manchen Stellen auch schon mal verstohlen gähnen. Ihre sonst recht böse Ironie kommt zuweilen doch recht nett daher. Und während Frau sich noch so ihren Teil denkt, schläft Mann vielleicht schon fest.

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Gorkilogo

Der Kirschgarten
eine Komödie von Anton Tschechow

Mit:
Jascha: Tamer Arslan
Dunjascha: Mareike Beykirch
Firs: Çetin İpekkaya
Anja: Marleen Lohse
Ranewskaya: Ruth Reinecke
Lopachin: Taner Şahintürk
Gajew: Falilou Seck
Trofimov: Aram Tafreshian
Warja: Sesede Terziyan
Simeonow-Pischtschik: Mehmet Yılmaz
Charlotta: Fatma Souad
Musiker: Özgür Ersoy
Musikerin: Sinem Altan

Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Sinem Altan / Tobias Schwencke
Licht: Norman Plathe
Dramaturgie: Daniel Richter

Weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/der-kirschgarten/

Der Russe ist einer, der Birken liebt (UA)
von Olga Grjasnowa in einer Bühnenfassung von Yael Ronen

Mit: Mehmet Ateşçí, Knut Berger, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Esther Krapiwnikow
Video: Benjamin Krieg
Musik: Yaniv Fridel / Dimitrij Schaad
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/

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Schwimmen lernen. Ein Lovesong
von Marianna Salzmann

Mit: Marina Frenk, Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.

Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger
Musik: Enik
Video: Benjamin Krieger
Licht: Daniel Krawietz
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/schwimmen-lernen/

Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (UA)
von Sibylle Berg

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.

Regie: Sebastian Nübling
Choreographie: Tabea Martin
Raum: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger
Mitarbeit Raum/Kostüme: Moïra Gilliéron
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Katja Hagedorn.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/es-sagt-mir-nichts-das-sogenannte-draussen/

siehe auch Kultura-Extra vom 12.12.2013

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Die Festspielsaison erreicht die heimatlichen Stadttheater – Castorf, Stemann, Schimmelpfennig, Erpulat und Co. in Berlin und Hamburg

Mittwoch, November 2nd, 2011
  • Teil 2

Erst abgezockt, dann abgerockt – Frank Castorf schickt Dostojewskis „Spieler ins abgeranzte Zockerparadies an der Berliner Volksbühne

Nun ist es also amtlich, Frank Castorf wird 2013 den Jubiläums-Ring bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth verantworten. Oder sollte man besser sagen, die Verantwortung weit von sich weisend, ins ewige Walhall schicken. Geübt dafür hat er zumindest schon, mit den „Meistersingern“ 2006 an der Berliner Volksbühne. Jetzt darf wohl nur noch spekuliert werden, wer ihm das passende Bühnenbild dazu bauen soll, Pressspanplattenmonteur Bert Neumann oder der Kunstbetriebsberserker vom Dienst Jonathan Meese. Man assoziiert sofort Wotan mit Pickelhaube auf einem Containerschrottplatz oder wallende Walkürengewänder auf einem grünen Hügelgrab aus Pappmaché. Dass das nicht zu Castorfs echtem Grab werde, da seien Richard Wagner und Christoph Schlingensief selig vor. Also Wagner pur wird es mit Sicherheit nicht werden, nur ob die Wagner-Sisters auch Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ oder Ernst Tollers „Masse Mensch“ tolerieren, ist wohl eher fraglich. Aber auch einen Schlingensief´schen Fluxus-Ring kann man von Castorf nicht erwarten. Auf jeden Fall dürfte dann schließlich doch die eine oder andere Wehrmachtsuniform oder Stalinbüste im Inszenierungs-Gepäck per Kübelwagen nach Bayreuth unterwegs sein.

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Wagnerbüste in den Giardini und Eingang zum deutschen Biennalepavillion und Schlingensieftempel 2011 in Vendig. Fotos: St.B.

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Die Festspielsaison erreicht die heimatlichen Stadttheater – Castorf, Stemann, Schimmelpfennig, Erpulat und Co. in Berlin und Hamburg

Sonntag, Oktober 30th, 2011
  • TEIL 1:

Ein starkes Kafka-Doppel mit „Das Schloss“ in der Regie von Nurkan Erpulat und „Amerika“, einem Gastspiel aus Hamburg, am Deutschen Theater Berlin

Genau wie die zahlreichen Theater-Festspiele in den deutschsprachigen Landen bemüht sind, ihr Publikum immer wieder aufs Neue anzuziehen, so dürsten auch die Stadttheater nach Geldquellen, um große Projekte stemmen zu können. Das Kooperationsmodell ist also ein Mittel, dem sich beide Partner schon seid Längerem verschrieben haben, mit mehr oder weniger Erfolg, aber immer mit einem deutlichen Hang zum großen Event, die man nur mit dem entsprechendem Staraufgebot auch zu realisieren glaubt. Wenn man nach Salzburg und Wien schaut, wird man also dementsprechend immer wieder auf die gleichen Namen stoßen, so dass es schon einer mittelgroßer Sensation glich, dass man tief im Westen unserer Republik, bei der Ruhrtriennale, auf ein junges Talent aus dem tiefen Kreuzberg setzte. 2010 inszenierte dort Nurkan Erpulat sein später preisgekröntes und zu mehreren Theatertreffen eingeladene Erfolgsstück „Verrücktes Blut“, das noch immer im Ballhaus Naunynstraße zu sehen ist. Der bisher für postmigrantische Themen bekannte Regisseur hat sich nun am wesentlich besser situierten Deutschen Theater mit Franz Kafkas „Schloss“ zwar die Geschichte eines Fremden in einer ihm feindlich gesinnten Umgebung ausgesucht, ein Stück über die Integration von Ausländern ist aber dennoch nicht daraus geworden. Die Premiere bei der Ruhrtriennale war am 23. September. Seit Oktober steht die Inszenierung nun auf dem Spielplan des DT.

Ist der lachende Kafka auch ein Revolutionär? kafka.jpg

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