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Was guckst Du?! – Nurkan Erpulat macht „Postmigrantisches“ Theater, mit „Verrücktes Blut“ nun auch beim Theatertreffen 2011

Samstag, Mai 14th, 2011

Wo lässt sich denn der an Schiller und der Aufklärung geschulte deutsche Bildungsbürger im Theater am besten abholen? Bei seinen liebgewonnenen und sicher gut gemeinten Vorurteilen natürlich. Genau das machen Regisseur Nurkan Erpulat und der Dramaturg Jens Hilje mit „Verrücktes Blut“ vom Ballhaus Naunynstraße, oder etwa doch nicht? Man kann sich in dieser Inszenierung nie ganz sicher fühlen, alles wahr oder doch nur die Aneinanderreihung von Klischees? Auf jeden Fall ist es Spiel. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ wird Schiller von der Lehrerin aus seiner Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ zitiert. Aus Spiel wird Ernst und so sehen sich die lernunwilligen jugendlichen Migranten plötzlich einer auf sie gerichteten Pistole gegenüber, die gerade einem von ihnen aus der Tasche gefallen ist. Schillers Räuber unter vorgehaltener Waffe, die Lehrerin frohlockt, es funktioniert. Und so soll nun aus dem Homo migrante ein „Homo ludens“ und letztendlich ein sich erkennender Mensch werden. Nach welchen Regeln gespielt wird, bestimmt die Bildungsbeauftragte und so bleibt den Schülern nichts anderes übrig, als die Textbücher zu nehmen und sich in Karl oder Franz Moor, in Amalia oder dem Kabale-und-Liebe-Paar Luise und Ferdinand wieder zu finden.

Der Plot folgt weitestgehend dem Film „La journée de la jupe“ (Der Tag des Rocks) mit Isabelle Adjani als Lehrerin, der 2009 im Panorama der Berlinale zu sehen war. Wo aber der Film bei der Einforderung von fehlendem Respekt untereinander und den Problemen der Schüler untereinander stehen bleibt, geht Erpulats Adaption, die auch zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen ist, wesentlich weiter. Und so werden Themen wie Ehrvorstellungen, Religiöse Symbole oder die Selbstbestimmung der Frau im Islam knallhart durchexerziert, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn sich die Situationen zuspitzten, werden die Szenen mit dem Singen von deutschen Volksliedern kurz gebrochen. Ein Klavier schwebt über der Bühne, dessen Tasten sich wie von Zauberhand bewegen. Es soll Spiel bleiben, bei aller Drastik, das wird von Anfang an klar vermittelt. Zu Beginn ziehen sich die Darsteller ihre Kostüme wie Jogginghose oder Kopftuch auf offener Bühne an. Ich spiele nur eine Rolle, soll das signalisieren und dennoch wird die Situation angeheizt. Die Jugendlichen stehen vor dem Publikum, machen die üblichen Mackergesten, fluchen und spucken in Richtung Zuschauer. Die Klischees werden bewusst verstärkt, um die Identifikation zu erschweren und das funktioniert hier bestens.

Sesede Terziyan als Lehrerin zieht alle Register. Ihr starkes Spiel bestimmt weitestgehend das Stück. Es wird aber schnell klar, sie taugt sichtlich nicht als die wahre Vermittlerin von humanistischen Werten. Ob nun Vernumpft oder Vernunft, das Ganze beginnt zu kippen, als sich die Schüler in einer quasi demokratischen Entscheidung für oder gegen die Erschießung eines ihre Mitschüler, der einen anderen von ihnen menschenunwürdig gequält hat, entscheiden sollen. Nun sind es auf einmal die Schüler, die den Humanismus hochhalten. Das Spiel bleibt offen und die Lehrein steigt schließlich aus, in Richtung des Publikums weisend. Erpulat will den Zuschauer herausfordern und das gelingt ihm auch ziemlich gut. Den Integrationswahnsinn hat er zusammen mit Dorle Trachternach im Stück „Clash“ mit den jungen DT noch weiter getrieben, indem er die ganze Sache umdrehte und nun Deutsche sich nach der Sarrazinschen Formel „Deutschland schafft sich ab“ in die islamische Gesellschaft integrieren mussten. Auf einer Art Planet der Affen haben die Muslime die Macht erlangt, eine Farce auf die einseitigen Integrationsdebatten in Deutschland. Da half nur noch die unkontrollierte Paarung, um alle nationalen und rassischen Grenzen zu kippen. Aber auch hier wurde bei allem Humor keine endgültige Lösung angeboten.

Das Klischee des rappenden Türken wird in „Verrücktes Blut“ von dem jungen Darsteller des Franz Moor verkörpert, der zum Schluss die Pistole an sich reißt und das Spiel fortsetzen will. Aber alle großen Kanakenrollen sind schon besetzt, stellt er enttäuscht fest. Diese Debatte wird zur Zeit wieder verstärkt geführt. Wohin gehen das postmigrantische Theater und seine Darsteller? Bleibt es eine Randerscheinung, existiert es parallel weiter oder wird es schließlich in der deutschen Theaterlandschaft aufgehen? Nurkan Erpulat legt sich nicht fest und gibt die Frage über die vierte Wand an den Zuschauer weiter. Ein wirklich starkes Stück mit dem Fazit: „Wen oder Was guckst Du?!“

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TT-Public-Viewing im Sony Center am Potsdamer Platz (Foto: St.B.)

„Mensch, das ist ja besser als Hollywood!“ Fotostrecke und ein Gespräch mit dem Ensemble im Tagesspiegel vom 12.05.11

Das Stück ist seit Dezember 2013 auch im Maxim Gorki Theater zu sehen.

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HOFFNUNG

Es reden und träumen die Menschen viel
Von besseren künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen gold’nen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen,
Die Welt wird alt und wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn in’s Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling bezaubert ihr Geisterschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben;
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren,
Im Herzen kündet es laut sich an:
Zu was Besserem sind wir geboren!
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Friedrich Schiller (1797)