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WIR SIND 70! – Das Fest zum Theater-Jubiläum an der Neuen Bühne Senftenberg

Samstag, Oktober 8th, 2016

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wir-sind-70_logoSeit 1946 gibt es nun schon das Theater in Senftenberg. Nach dem Zweiten Weltkrieg durch sowjetischen Kommandantenbefehl erst in einer alten Schulturnhalle eingerichtet, dann in einen eigenen Neubau umgezogen. Vom Theater der Bergarbeiter zur Neuen Bühne Senftenberg. Diese 70-järige Geschichte von Hoch und Tiefs, von Kunst für die Region will gefeiert werden. Die Neue Bühne Senftenberg tut das sieben Wochen lang mit dem Theaterfest WIR SIND 70! Und wie in jedem Jahr besteht dieses Spektakel aus einem Hauptstück für alle, einem Stück eigener Wahl aus einem Angebot von drei weiteren Inszenierungen sowie einem abschließenden Musikteil, der in diesem Jahr ein zünftiger Jubiläumsball ist. Also wie immer Theater ganz im Dienste des Publikums. „Denn schwer ist die Kunst, vergänglich ist ihr Preis“ und muss der Mime, (wie es Intendant Manuel Soubeyrand im Grußwort der Neuen Bühne mit Schiller sagt, „seiner Mitwelt mächtig sich versichern, / Und im Gefühl der Würdigsten und Besten / Ein lebend Denkmal sich erbaun.“

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Um einen Befehl geht es auch im ersten Stück bzw. um einen, der nicht kommt, was letztendlich durch Eigenentscheidung ein Grenzregime und ein ganzes politisches System ins Wanken und schließlich zum Einsturz bringen lässt. Nach dem Drehbuch zum Film Bornholmer Straße von Rainer und Heide Schwochow haben Rainer Schwochow und der Autor, Regisseur und Schauspieler Jörg Steinberg eine Bühnenfassung für das Neue Theater Senftenberg geschrieben. Ein betongrauer Wachturm steht auf der Bühne, daneben ein rot-weißer Schlagbaum. Zur Einführung bekommt das Publikum einen Polylux-Vortrag zur DDR-Grenzsicherung inklusive sinnvoller Erklärungen zu sinnlosen Abkürzungen aus dem Grenzjargon wie GÜST (Grenzübergangsstelle) PKE (Passkontrolleinheit) oder OLZ (Operative Leitzentrale).

 

Bornholmer Straße in der Neuen Bühne Senftenberg - Foto (c) Steffen Rasche Als Schabowski vor 26 Jahren vor laufenden Kameras etwas verdutzt einen Zettel vorliest, hält die Welt den Atem an. Nach wochenlangen „Wir sind das Volk“-Rufen, soll den Bürgern der DDR nun ab sofort und ohne Einschränkungen gestattet sein, aus der DDR auszureisen. Nicht weniger verdutzt dürfte Harald Jäger gewesen sein, als er am Grenzübergang der Bornholmer Straße in der Kantine sitzt und diese Meldung am Bildschirm verfolgt. Der Oberst- leutnant glaubt, die Nachricht missverstanden zu haben und muss ab jetzt die immer größer werdende Menschen- menge hinter dem Schlagbaum beschwichtigen. Und keiner der SED-Funktionäre scheint über Telefon zu begreifen, in welcher Lage er sich befindet. Jäger muss eine Entscheidung treffen und schreibt damit Geschichte... 2014 verfilmte der Regisseur und Grimme-Preisträger Rainer Schwochow die unglaubliche, aber wahre Geschichte des Oberstleutnant Harald Schäfer: „Bornholmer Straße“. Es ist nicht nur eine spannende wie skurrile Geschichte, die erzählt wird, sondern ein Moment, der das Leben aller Deutschen verändert hat. PREMIERE: 24.09.2016 Regie - Sonja Hilberger Bühne - Ulrike Reinhard Kostüm - Jenny Schall Dramaturgie - Maren Simoneit Regieassistenz - Vivian Schmidt Inspizienz - Mirko Warnatz Soufflage - Heidrun Gork Es spielen: Harald Schäfer, Oberstleutnant - Friedrich Rößiger Ulrich Rotermund, Oberleutnant - Tom Bartels Peter Arndt, Major - Robert Eder Burkhard Schönhammer, Hauptmann - Daniel Borgwardt Michael Krüger, Zollrat - Wolfgang Tegel Ilona Krüger, Zollsekretär - Sybille Böversen Heinz Wachholz, Oberleutnant, Lageroffizier - Jan Schönberg Monika, DDR-Bürgerin - Catharina Struwe Jens Rambold, Feldwebel - Sebastian Volk Hartmut Kummer, Oberst - Heinz Klevenow Achim Zartmann, Oberleutnant - Simon Elias Ines, DDR-Bürgerin - Eva Geiler Manfred, DDR-Bürger - Ingo Zeising

Bornholmer Straße in der Neuen Bühne Senftenberg
Foto (c) Steffen Rasche

Vorschriften sind hier alles, und so wird auch der illegale Grenzübertritt eines Hundes (leibhaftig auf der Bühne) penibel protokolliert. Die Herren in Uniformen der Grenztruppen und des Zolls machen ihren Dienst oder sitzen in der Kantine, die die Drehbühne hinter dem Wachturm freigibt. Hier ereilt sie auch der berühmte Schabowski-Spruch auf der Pressekonferenz am 9. November 1989, der den Stein und anschließenden Fall der Mauer ins Rollen bringt. Kommen anfangs nur einzelne Berliner zum Grenzübergang an der Bornholmer Brücke, die man noch barsch wegschicken kann, werden es bald mehr, und die Stimmung vor wie hinter dem Schlagbaum eskaliert zusehends. Animositäten zwischen Parteisekretär, Sicherheitsoffizier und diensthabendem Leiter der GÜST machen die Lage der Offiziere, die auf Order von oben warten und sichtlich mit den Ereignissen überfordert sind, nicht einfacher.

Parteihörige und Hardliner, die zur Waffe greifen wollen („Das haben wir doch hier alles aufgebaut.“) gegen Zweifler und Besonnene wie den Oberstleutnant Harald Schäfer (Friedrich Rößinger), der sich eine telefonische Abfuhr nach der anderen beim Oberst der Leitzentrale (Heinz Klevenow) abholt. Dieser sitzt trinkend am Rand der Bühne vor einem Krenz-Portrait an der Wand wie der bürokratische und mit seinem Schreibtisch verwachsene Kentaur aus Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee. Die Befehlskette ist abgerissen, das Vertrauen in die Führung erschüttert. Letztendlich ist die Maueröffnung hier lediglich eine Verzweiflungstat eines von seinen Befehlshabern alleingelassenen Mannes, der sich von ganz menschlichen Skrupeln geleitetet der übermächtigen Stimme des Volkes und somit dem Lauf der Geschichte ergibt.

Das Stück spielt den Film so gut es geht nach mit witzigen Nebenhandlungen zwischen den Offizieren innerhalb des Kantinentrakts und dramatischen Szenen vor dem Schlagbaum. Das Volk ruft aus dem Zuschauerraum „Wir wollen raus!“, und die bewaffneten Organe hinterm Schlagbaum schieben sich die Verantwortungen gegenseitig zu. Das zumindest kann die recht einfach gestrickte Inszenierung von Sonja Hilberger nachvollziehbar vermitteln. Wirklich ergreifend wird es nur, wenn unter den vor der Grenze Wartenden eine Mutter (Catharina Struwe), die zu ihrer Tochter nach West-Berlin will, den Uniformträgern ihr Herz und ihren Frust über die Zustände ausschüttet.

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Von der gesamtdeutschen Geschichtsstunde zur regionalen geht es im zweiten Teil des Abends, wo man neben der von Esther Undisz zusammengestellten Textcollage Der Senftenberger Weg und dem Flüchtlingsdrama Phantom (Ein Spiel) von Lutz Hübner noch ein Auftragswerk für die Neue Bühne des aus der Lausitz stammenden Dramatikers sehen kann. Birkenbiegen handelt von einer Senftenberger Familie mit der verwitweten Mutter Ruth (Sybille Böversen) und ihren beiden Töchtern Sabine (Eva Geiler) und Vera (Nicole Haase). Die eine ist nach der Wende mit ihrem Mann in den Westen gegangen und hat Karriere als IT-Spezialistin gemacht, die andere ist daheim (oder ostdeutsch: zuhause) auf der Scholle geblieben und durchlief mit ihrem Mann nach der Entlassung über eine Vielzahl von Jobs und Geschäftsideen alle Tiefen der neuen kapitalistischen Grundordnung. Nun soll ein gemeinsames Generationenprojekt auf eigenem Seegrundstück neuen Auftrieb für die Zukunft geben. Dazu kehrt das Westpaar mit Tochter Ruby (Katrin Flüs) aus dem Schwabenländle in den Osten zurück.

 

Birkenbiegen in der Neuen Bühne Senftenberg Foto (c) Steffen Rasche

Birkenbiegen in der Neuen Bühne Senftenberg
Foto (c) Steffen Rasche

Oliver Bukowski, 1994 mit dem derben Mundart-Schwank Londn-L.Ä.-Lübbenau bekannt geworden, hat eine, wieder im regionalen Dialekt gehaltene und für ihn typische schwarze Komödie geschrieben, in der es bei sich zuspitzender Dramatik nicht nur verbal zur Sache geht. Dementsprechend lebendig inszeniert auch Regisseurin Samia Chancrin auf der länglichen Bühne des Studios. Ein kleiner Podest, der wie eine Tagebaulore auf Rädern über die Bühne geschoben werden kann, trägt Umzugskisten, wird zur Autofahrt in den Osten oder einer Floßfahrt auf dem See umgerüstet. Immer mit Handyfilmbegleitung der 17jährigen Tochter, die die Rückkehr in den Osten wie in einem Abenteuerfilm dokumentieren will.

Sabine und ihr Mann Volker (Daniel Borkwardt) sind im Westen nicht wirklich angekommen. Diffuse Ängste stören die „Life-Work-Ballance“, also entschließt man sich für ein Reset und wirft den angehäuften Wohlstands-Müll wie einen „guten Schiss am Morgen“ in den Container. Aber im Osten stößt man neben der zurückgebliebenen Familie auch auf die unverarbeitete Vergangenheit. Da prallt nun westliche „Powerpoint-Mentalität“ auf die des „Еbay-Powersellers“ Ost. Auch bei Vera und ihrem Mann Peter (herrlich original: Gastschauspieler Michael Kind), der nach jedem Bier eine neue Idee rülpst, wie die taffe Großmutter Ruth sagt, läuft die Beziehung nicht mehr besonders gut. Vera hat Haus und Grund für Hypotheken an die Bank verpfändet, und das gemeinsame Seeufer-Projekt scheitert am Schild „Вetreten verboten“.

Man schwankt zwischen Nostalgie und Bewegung, erstarrt aber im eigenen Unvermögen, sich den Problemen zu stellen. Sogar Sabines Kindheitserinnerung – die sich biegenden aber nicht brechenden Birken – hat Paul abgeholzt. Ganz anders da Tochter Ruby, für die hinter Verboten erst die Zukunft anfängt. Gemeinsam mit Karl (Sebastian Volk), dem schwulen Sohn der Ostfamilie, erkundet sie die neue Umgebung und geht die aktuellen Probleme wie provinzielle Dumpfheit und prügelnde Nazis ganz offensiv an. Im Soundmix aus Original-Stimmen einer Pegida-Demo rollt sie provokant mit einer Deutschlandfahne als Burka über die Bühne. Das geht natürlich nicht gut. Erst im Krankenhaus findet die heillos nach mehreren Besäufnissen zerstrittene Familie wieder zusammen.

 

Die Neue Bühne Senftenberg lädt zum Fest - Foto: St. B,

Die Neue Bühne Senftenberg lädt zum Fest – Foto: St. B.

 

Was ist Heimat, und wo ist man zuhause? Das sind die Fragen, die Oliver Bukowski in diesem Stück stellt. Mit der Großmutter Ruth schafft er eine Figur, die unbeirrt mit ungeschönten Sprüchen den Finger in die offenen Wunden der anderen legt. Haltung ist ihr Credo und das ihres verstorbenen Mannes, dem sie schon mal im Zwiegespräch am Grab „noch ne Kanne“ aus dem Flachmann gönnt. Ruth nimmt hier im wahrsten Sinne des Wortes kein Blatt vor den Mund. Die Hoffnung sind die Kinder, die am Ende eine Utopie eines geschützten Lebens im Natur-Biotop einer Insel in der neuen Seenlandschaft suchen. Zu Recht sehr viel Beifall und Bravo-Rufe für das Ensemble und die gelungene Inszenierung.

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Foto: St. B.

WIR SIND 70! Das Fest.
(Neue Bühne Senftenberg, 01.10.2016)

Bornholmer Straße
Regie: Sonja Hilberger
Bühne: Ulrike Reinhard
Kostüm: Jenny Schall
Dramaturgie: Maren Simoneit
Besetzung:
Harald Schäfer, Oberstleutnant … Friedrich Rößiger
Ulrich Rotermund, Oberleutnant …
Tom Bartels
Peter Arndt, Major … Robert Eder
Burkhard Schönhammer, Hauptmann … Daniel Borgwardt
Michael Krüger, Zollrat … Wolfgang Tegel
Ilona Krüger, Zollsekretär …
Sybille Böversen
Heinz Wachholz, Oberleutnant, Lageroffizier … Jan Schönberg
Monika, DDR-Bürgerin … Catharina Struwe
Jens Rambold, Feldwebel … Sebastian Volk
Hartmut Kummer, Oberst … Heinz Klevenow
Achim Zartmann, Oberleutnant … Simon Elias
Ines, DDR-Bürgerin … Eva Geiler
Manfred, DDR-Bürger … Ingo Zeising
Ursula, DDR-Bürgerin … Nadine Ehrenreich
Greta, Haralds Frau … Marianne Helene Jordan

Birkenbiegen (UA)
Regie: Samia Chancrin
Bühne: Ulrike Reinhard
Kostüm: Jenny Schall
Dramaturgie: Igor Holland-Moritz
Besetzung:
Sabine Michel … Eva Geiler
Volker Michel, ihr Mann … Daniel Borgwardt
Ruby Michel, ihre Tochter … Katrin Flüs
Ruth Michel, ihre Mutter … Sybille Böversen
Vera Böttcher, ihre Schwester … Nicole Haase
Karl Böttcher, Veras Sohn … Sebastian Volk
Peter Böttcher, Veras Mann … Michael Kind

Die waren am 24. September 2016.
Weitere Termine: 08., 14., 15., 22., 29., 30. 10. / 04., 05., 12. 11. 2016

Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/wir-sind-70-das-fest.html

Zuerst erschienen am 02.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Bedrohter Mittelstand, Wutbürger und kulturpolitisches Faustrecht in der deutschen Theaterprovinz – „Ich habe Bryan Adams geschreddert“ am Staatstheater Cottbus und „Götz von Berlichingen“ am Anhaltischen Theater Dessau

Freitag, April 17th, 2015

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Ich habe Bryan Adams geschreddert – Am Staatstheater Cottbus inszeniert Schauspieldirektor Mario Holetzeck die zynische Mittelstandskomödie von Oliver Bukowski.

„Deutschland – Wunder und Wunden“ heißt das aktuelle Spielzeitmotto am Staatstheater Cottbus. Passend dazu hat Schauspieldirektor Mario Holetzeck das 2014 in Göttingen uraufgeführte Stück Ich habe Bryan Adams geschreddert des in Cottbus geborenen Dramatikers Oliver Bukowski inszeniert. Der stellvertretende Chef der Belegschaft eines mittelständigen Sanitär-Keramik-Unternehmens veranstaltet eine Motto-Party, bei der er teambildendes Krisenmanagement betreiben will. Auslöser ist die Entlassung des Mitarbeiters Christopher, dessen angekündigte Teilnahme an der Festivität alle in helle Panik zu versetzen scheint. Im Laufe des Abends beginnt dann unter dem Einfluss der Wahrheitsdroge Alkohol die Fassade der heilen Reihenhauswelt zu bröckeln, und die Sommersonnenwendfeier im Kleingartenidyll wird zum allgemeinen Wendepunkt für die innerlich angstzerfressene Partygesellschaft. Das Wunder eines beschworenen Teamgeists erweist sich als hartes und opferreiches Überlebenstraining, das so manche seelische und körperliche Wunde schlägt. Eine Art Tanz auf glühenden Grillkohlen beginnt.

ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT  © Marlies Kross

ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT
Foto © Marlies Kross

Dazu hat Gundula Martin eine spießige Partyhölle auf Kunstrasen mit Liegestühlen, Elektrogrill, Mini-Pool und einer Gartenschmalspurbahn gebaut. An der machen sich Schmalspurchef Frank (Amadeus Gollner) und Management-Kollege Patrick (Kai Börner) als fachsimpelnde große Jungs zu schaffen, während ihre Frauen Bowle, Schnapsflaschen, Grillgut und Frühlingssalate heranschleppen. Gastgeberin Tanja (Susann Thiede) und Simone (Kristin Muthwill) scheinen sich mit ihrem Schicksal in der zweiten Reihe abgefunden zu haben. Simones tägliche Motivation ist der Griff zur Flasche, was ihr bereits deutlich anzumerken ist und einige Spitzen seitens Ehemann Patrick einträgt. Der aalglatte Schleimer hegt selbst versteckte Ambitionen auf einen Chefposten. Simone bezeichnet ihn dann irgendwann auch als karrieregeile Ratte. Das Ziel der Lästereien wechselt kurzzeitig als Sachbearbeiterin Paula (Johanna-Julia Spitzer) mit ihrem neuen Freund Sascha (Thomas Harms) eintrifft. Der Mann aus der Luftfahrt im blauen Zweireiher mit Sonnenbrille entpuppt sich schnell als zum Bodenpersonal gehöriger Fluglotse, dem die einfache Buchhalterin selbst etwas von einer Deputy Key Account Managerin vorgegaukelt hat.

Der ausgebootete Christopher schwebt metaphorisch, wie sich Simone ausdrückt, über dem Abend, was Personalchef und Gastgeber Frank zur Rechtfertigung für das Gesundschrumpfen der Firma – er nennt es auch Ballast abwerfen – nötigt. Es herrscht eine spürbare Verspanntheit, die Frank mit ein paar Gesellschaftsspielen aufzulockern versucht, was hier immer wieder für Peinlichkeiten sorgt und jede Menge Anlass zu Slapstick-Nummern bietet. Als weiteren Katalysator für aufgestaute Aggressionen fungiert Franks 18jähriger Sohn Jannik (erstaunlich vielseitig Johannes Kienast), der das zwanghaft fröhliche Feierkollektiv mit dem Handy filmt, die verzweifelten Gebaren der Partygäste mit zynischer Verachtung und coolen Sprüchen kommentiert und schließlich mittels selbsterdachter schräger Performance und später noch in Mutters kleinem Schwarzen provoziert.

Nach dem Austausch vieler hinreichend bekannter Klischees und mehrere Drinks später beginnen alle schließlich mit einer quälender Selbstreflektion, die weder vor der eigenen noch der Demütigung anderer Halt macht. Autor Bukowski lässt die Kollegen immer wieder neue Allianzen bilden, Fronten aufmachen und Gräben ziehen. Die das Jetset kopierenden Helden des Mittelstands gerieren sich als Highperformer in eigener Sache. Körperliches und verbales Muskelspiel als Ausdruck einer typischen Form der Selbstoptimierung für das Bestehen im täglichen Konkurrenzkampf. Frank schwört dabei auf Morgengymnastik zu Bryan Adams „Summer of 69“. Yoga für das bessere Verbiegen im Job, wie es Tanja nennt. Sie ist es dann auch, die die Bryan-Adams-CD ihres Mannes im Gartenhecksler genüsslich zerschreddert. Den anderen Männern ergeht es nicht viel besser, bis der „Chor der Klageweiber“ sich auch gegenseitig zerfleischt. „Ich bin wenigstens noch Mutter, wenn alles den Bach runtergeht. Was seit ihr?“ hält Tanja den anderen beiden Frauen vor, die ihren Kinderwunsch der Karriere geopfert haben. Tanjas eigene Leibesfrucht macht es ihr allerdings nicht gerade einfach, den kurzzeitigen Triumpf zu genießen.

ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT -  © Marlies Kross

ICH HABE BRYAN ADAMS GESCHREDDERT – Foto © Marlies Kross

Jannik gibt einen Kurzeinblick in seinen bevorstehenden Werdegang von der Wohlstandsverwahrlosung über die persönliche Bedeutungslosigkeit bis ins soziale Prekariat. Den Alten prophezeit Jannik noch das große Sauriersterben. „Erst das Industrieproletariat, jetzt ihr, der Mittelbau.“ Die alkoholschwangeren Protest- und Rocker-Attitüden der bedrohten Mittelständler à la „Wehrt euch!“ entlarven sich allerdings recht schnell selbst. „Es gibt keine reelle Gegenwehr, solange einer immer besser sein will als die anderen.“ An diesem Abend frönt aber alles noch mal dem Partywahn und lässt den jugendlichen Störenfried einfach abtreten. „Du kannst nach Hause gehen.“ skandiert der drittklassige Cottbuser Fußballchor, bevor schließlich alle Hüllen und Hemmungen fallen. Die so heiß entflammte Selbstüberschätzung wird schließlich kalt mit dem Gartenschlauch abgespritzt. Der Ernüchterung folgen trockene Handtücher, Brandsalbe und schon wieder neue Pläne für die Zeit nach dem Ausstieg aus dem Job. „What a wonderful world this would be.“

Bukowski lässt in seiner schwarzen Komödie die Betroffenen selbst über ihre Ängste und den „blinden Fleck“ ihres Berufslebens sprechen. Ein Hamsterrad aus Leiharbeit, Sonderschichten, drohenden Versetzungen und letztlich dem Rauswurf, wenn man nicht mehr funktioniert. Vom großen Durchstarter zur finalen Bruchlandung. Der Mittelstand befindet sich in einem ständigen sozialen Jetlag. Mario Holetzeck macht daraus in Cottbus eine rundum spaßige Volldröhnung mit viel Rock und Pop aus der Konserve. Das Beste der 70er, 80er und 90er. Die gezeigte Wut und Depression des um seine Errungenschaften fürchtenden Bürgertums, das man ja auch unter den Zuschauern vermuten könnte, lässt einen aber kaum mal wirklich das Lachen im Hals gefrieren. Das Potential dieser durchaus bissigen Satire verpufft so ein wenig zu gut gelaunt.

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Ich habe Bryan Adams geschreddert
Schauspiel von Oliver Bukowski
Regie: Mario Holetzeck
Bühne und Kostüme: Gundula Martin
Dramaturgie: Sophia Lungwitz
Regieassistenz: Matthias Grätz
Besetzung:
Frank Peukert, Chef einer mittelständischen Sanitärkeramikfirma: Amadeus Gollner
Tanja Peukert, seine Frau: Susann Thiede
Jannik, ihr Sohn Johannes Kienast
Simone Lange, angestellt bei Peukerts: Kristin Muthwill
Patrick Lange, ihr Mann, ebenfalls angestellt: Kai Börner
Paula Röder, Sachbearbeiterin bei Peukerts: Johanna-Julia Spitzer
Sascha, Paulas Freund, Fluglotse: Thomas Harms

Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Premiere am Staatstheater Cottbus: 11.04.2015
Termine: 15.04., 30.04. und 07.06.2015

Infos: http://www.staatstheater-cottbus.de/programm/schauspiel/artikel_ich-habe-bryan-adams-geschreddert.html

Zuerst erschienen am 13.04.2015 auf Kultura-Extra.

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Götz von Berlichingen – Ein deutsches Lied von der Freiheit – Intendant André Bücker verabschiedet sich vom Anhaltischen Theater Dessau mit einer fulminanten Inszenierung des Sturm-und-Drang-Klassikers von Johann Wolfgang von Goethe

Götz_Anhaltisches Theater Dessau_April 2015

Das Anhaltische Theater Dessau – Foto: St. B.

Freiheit gibt es nur im Jenseits, die Welt aber ist ein Gefängnis. Das ist die resignierte Einsicht des Götz von Berlichingen am Ende des gleichnamigen Sturm-und-Drang-Dramas von Johann Wolfgang von Goethe. Titelheld Götz, den man eigentlich mit einem wesentlich kämpferischen Spruch in Verbindung bringt, liegt hier aber bereits zerstört am Boden. Der Mann des Faustrechts „mit der eisernen Hand“ muss sich der staatlichen Gewalt des Kaisers und seiner Gerichte nach langem Kampf beugen. Und gekämpft wird viel in André Bückers fast vier Stunden dauernder Inszenierung, mit der sich der Intendant nach sechs Jahren vom Anhaltinischen Theater Dessau verabschiedet. Auch Bücker hat es die Landespolitik nicht leicht gemacht. Er hat den zuständigen  Machthabern getrotzt und gegen beschlossene Etatkürzungen und drohende Spartenschließungen protestiert. Schließlich hat die Stadt in  vorauseilendem Gehorsam  gegenüber Stephan Dorgerloh (seines Zeichens Kulturminister  des Landes Sachsen-Anhalt) dem unbotmäßigen Intendanten den Vertrag nicht verlängert. Wenn man an die momentanen Vorgänge um die Entlassung von Sewan Latchinian in Rostock  oder die Querelen um Claus Peymann und Frank Castorf in Berlin denkt – ein weiterer Beweis, wie verbissen  mittlerweile der Kampf um die  Kulturhoheit in deutschen Landen geführt wird.

Götz_Dessau_Vor dem Theater_André Bücker

Intendant André Bücker auf dem Theatervorplatz in Dessau
Foto: St. B.

Nun, so könnte man meinen, schlägt der geschasste Intendant Bücker noch mal zurück und streckt den selbstherrlichen Landesvätern die gereckte Faust entgegen. Doch geht es dem Trotz zum Trotze in seiner Inszenierung des Götz noch um so einiges mehr. Und nicht etwa einfach nur mal eben um ein Glas Sekt oder Selters. Hier geht’s tatsächlich um nichts weniger als knallharte Überzeugungen. Dazu trinkt der ehrliche, streitlustige Mann sein Bier, was hier schon zu Anfang in rauen Mengen aus Blechdosen strömt, während die saturierten Würdenträger am Bamberger Bischoffs-Hof Sekt aus der Flasche schlürfen. Bückers Sicht auf die Freiheit des kleinen Mannes und die feige Staatsmacht, die, um das aufmüpfige Rittergeschlecht zur Raison zu bringen, intrigiert und nach Gutdünken Gesetze erlässt, ist dann aber gottlob doch nicht ganz so vereinfachend. Der Regisseur setzt Goethes Skepsis gegen Recht und Staatsgewalt sowie seine Sympathie für den unbeugsamen Ritter Götz eine ganze Reihe bekannter Stimmen aus der deutschen Zeitgeschichte entgegen. Goethes Stück-Fassung von 1773 hat Bücker u.a. Texte von Friedrich Hölderlin, Georg Büchner, Rosa Luxemburg, Bertolt Brecht, Gudrun Ensslin oder der russischen Punk-Band Pussy Riot untergemischt.

Foto: St. B.

Gerald Fiedler auf dem Dach – Foto: St. B.

Diese Fremdtexte, die hier meist direkt aus den Szenen heraus den handelnden Personen in den Mund gelegt werden, sollen den Zuschauer natürlich auch verwirren und im besten Falle zum Nachdenken anregen. Bereits vor dem Beginn der Aufführung findet auf dem Theatervorplatz ein kleines Vorspiel mit historischen Figuren statt, die quer aus verschiedenstem Freiheits- und Unterdrückungsvokabular vortragen. So spricht etwa Gerald Fiedler hoch vom Dach des trutzigen Dessauer Theaterbaus als Politiker im breitesten anhaltinischen Dialekt Worte des Königs Kreon aus SophoklesAntigone. Rosa Luxemburgs berühmte und gern zitierte Feststellung von der Freiheit der Andersdenkenden aus den Breslauer Gefängnismanuskripten und „Die zwölf Artikel“ des deutschen Bauernkrieges sind zu hören, wie auch der Reformator Martin Luther, der gegen die aufständischen Bauern in Thüringen unter Thomas Müntzer wettert. Eine regionale Parallele zu den Kämpfen im Fränkischen, bei denen die umherziehenden Bauernhaufen Götz für kurze Zeit als Hauptmann gewinnen konnten. Was natürlich auch Goethes Drama und Bückers Inszenierung auf der Dessauer Bühne thematisieren.

Götz (Felix Defèr) ist der scheinbar Gesetzlose mit Rockermanieren und einem ausgeprägtem Sinn für Gerechtigkeit. Außen raue Schale, im Inneren ein guter Kern. Die ehrenhaften Fehderitter waren aber damals schon eine aussterbende Spezies. Bücker inszeniert seinen Ritter dann auch als anachronistisches Urvehikel, aber nicht von der traurigen Art, sondern als Westerner im langen Ledermantel. Quentin Tarantinos Django Unchained lässt grüßen. Der Kaiser (Stephan Korves), den Götz neben Gott als einzige Instanz gelten lässt, ist hier selbst ein abgetakelter, fränkisch parlierender Ritter, der einen Sarg hinter sich her zieht. Maximilian I. hatte tatsächlich auf Reisen sein letztes Möbel immer dabei.

Felix Defèr als Goetz von Berlichingen - Foto © Claudia Heysel

Felix Defèr als Goetz von BerlichingenFoto © Claudia Heysel

Nach der Pause, in der man aufgefordert war, neben dem Essen einer Wurst auch mal über seine Freiheit nachzudenken, steht Götz-Darsteller Defèr mit seinem Schwert an der Rampe und redet sich frei von der Leber weg regelrecht in Rage. Über die Ruhelosigkeit unserer Gesellschaft, Doktortiteln von Politikern und platzenden Spekulationsblasen kommt er schließlich zum Zorn als Gestaltungsmittel der Gesellschaft (Thomas von Aquin) und den Ausführungen des Historikers und Juristen Justus Möser, der 1770 das alte Faustrecht gegenüber der absolutistischen Fürstenherrschaft glorifizierte. Auch eine Inspiration Goethes für seinen Götz. Der Wutbürger in Aktion gegen eine nach Gutdünken regierende Obrigkeit. Hier funktioniert die Interaktion mit dem Publikum ganz unmittelbar. Dass man mit solchen Parolen heute schnell auch am Pegida-Stammtisch landen kann, dürfte fast jedem im Saal klar sein. Defèrs Monolog stellt eine Art Knackpunkt in Bückers Inszenierung dar, genau wie die Entscheidung Götz‘ Frau Elisabeth (Ines Schiller) als Gudrun Ensslin auftreten zu lassen. „Entweder Schwein oder Mensch … Entweder Problem oder Lösung. Dazwischen gibt es nichts.“ Die Proklamation der RAF für den „Kampf bis zum Tod“.

Goetz von Berlichingen - Foto © Claudia Heysel

Goetz von Berlichingen
Foto © Claudia Heysel

Gespielt wird dann auch mit vollem Einsatz. Intendant Bücker bietet noch mal sein ganzes Ensemble auf. Neben den zuvor genannten sind das vor allem Mario Klischies (Georg), Gerald Fiedler (Lerse), Dirk Greis (von Selbitz) und Patrick Wudtke (von Sickingen) als Götz‘ Getreue sowie in vielen weiteren Rollen. Die Gegenseite ist u.a. durch Illi Oehlmann als verführerische Adelheid von Walldorf vertreten, der erst Goetz‘ Freund Weislingen (Sebastian Müller-Stahl) erliegt, bevor sie noch dessen Burschen Franz (Patrick Rupar) betört. Beim großen Sterben ist dann viel von Engeln die Rede. Adelheid stirbt zu Rilkes Ein jeder Engel ist schrecklich, und dem vergifteten Weislingen erscheint seine einstige Liebe und Götz‘ Schwester Maria (Katja Siedler) als Heiner Müllers Engel der Verzweiflung. Dazu darf es mit Rammsteins „Engel“ auch noch mal ordentlich pathetisch werden.

André Bücker hat seinen Abend nicht von ungefähr im Untertitel auch „Ein deutsches Lied von der Freiheit“ genannt. Der Dessauer Opernchor intoniert meist vom Rang herunter entsprechendes deutsches Liedgut wie Schenkendorfs „Freiheit die ich meine“ aus den Napoleonischen Befreiungskriegen, Freiligraths „Trotz alledem!“ aus dem Vormärz oder „Steh auf, wenn du am Boden bist“ von den Toten Hosen. Es erschallt der kleine Trompeter, und die Haufen formieren sich auf der Bühne unter den verschiedensten Fahnen. Der Hinweis auf die Freiheit als Ideologie liegt nahe. Die Geschichte des Reichsritters Götz von Berlichingen, der seine persönliche Freiheit durch die Fürsten und seinen Widersacher den Bischoff von Bamberg eingeschränkt sieht, ist hier eingebettet in eine übergreifende, zwingende Frage nach der allgemeinen Freiheit des Menschen. Politischer und fordernder war Theater schon lange nicht mehr.

Vorspiel auf dem Theatervorplatz in Dessau
Deutsche Theaterhelden auf dem Weg zum Arbeitsplatz.
Fotos: St. Bock

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Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand
von Johann Wolfgang von Goethe
als Ein deutsches Lied von der Freiheit am Anhaltischen Theater Dessau (12.04.2015)

Premiere war am 20.03.2015

Regie: André Bücker, Kampfchoreografie: Klaus Figge, Kostüme: Jessica Rohm, Musikalische Leitung: Helmut Sonne, Chorarrangements: Andres Reukauf, Dramaturgie: Andreas Hillger.
Mit: Felix Defèr, Mario Klischies, Ines Schiller, Katja Sieder, Gerald Fiedler, Illi Oehlmann, Stephan Korves, Dirk Greis, Sebastian Müller-Stahl, Patrick Rupar, Patrick Wudtke, Jan-Pieter Fuhr, David Ortmann, Boris Malré, Silvio Wiesner, Christel Ortmann, Constantin Ruhland / Neele Wagner, Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie, Opernchor des Anhaltischen Theaters.

Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Termine: 03.05., 29.05. und 20.06.2015

Infos: www.anhaltisches-theater.de

Zuerst erschienen am 15.04.2015 auf Kultura-Extra.

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Blut ist dicker als Wasser – „FamilienBande!“ Ein Spielzeit-Spektakel am Staatstheater Cottbus.

Dienstag, Januar 31st, 2012

Blut ist zwar immer noch dicker als Wasser, aber die sogenannten Blutsbande, oder wie man den Leim, der die bürgerliche Familie zusammenhalten soll, nennen will, sind seit Bertolt Brechts „Kleinbürgerhochzeit“ nicht unbedingt verlässlicher geworden. Was uns die Familie in den heutigen schnellen und durch Wertewandel sowie Globalisierung geprägten Zeiten immer noch bedeutet und welchen Widrigkeiten und Verwerfungen sie ausgesetzt ist, das untersucht das Staatstheater Cottbus in dieser Spielzeit. Zum Themenschwerpunkt Familie veranstaltete es nun sogar ein großes Theaterspektakel mit insgesamt 5 Inszenierungen an einem Abend. Zwei Inszenierungen waren für alle im großen Haus zu sehen. Drei weitere standen im Mittelteil des Abends zur Wahl. Neben Brecht konnte man sich für die Autoren Theresia Walser, Neil LaBute, oder Oliver Bukowski entscheiden, die ebenfalls Stücke über die „FamilienBande!“ geschrieben haben.

„Die Kleinbürgerhochzeit“ von Bertolt Brecht in der Regie von Mario Holetzeck

Vor etwa 12 Jahren, zu Beginn der Peymann-Ära, inszenierte Philip Tiedemann Brechts Einakter „Die Kleinbürgerhochzeit“ am Berliner Ensemble. Es war der Beginn einer falsch verstandenen musealen Brechtverehrung und der Anfang vom Ende des Traditionshauses am Schiffbauerdamm. Durchaus bezeichnend, dass das derbe Volksstück über eine missglückte Spießbürgerhochzeit dort immer noch auf dem Spielplan steht und damit einem anderen Brechtstück in einer legendären Heiner-Müller-Inszenierung, nämlich dem „Arturo Ui“ mit Martin Wuttke in der Hauptrolle, Konkurrenz macht. Tiedemann mottete den alten Brechtvorhang mit der Picasso-Fiedenstaube wieder aus und mit dem Hans-Albers-Hit „La Paloma ade!“ sofort wieder ein. Mehr Brechtironie war dann leider nicht und die grell geschminkten BE-Darsteller wurschtelten sich brav durch den Brechttext und spielten Schenkelklopf-Klamotte. Auf die Idee, dass damit heute noch jemand gemeint sein könnte, kam man dabei aber nicht.

staatstheatercottbus_familienbande-2.JPG Foto: St. B.
FamilienBande! Das Staatstheater Cottbus feiert wieder ein Spektakulum.

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Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik – Die Autorentheatertage 2011 am DT in Berlin haben begonnen

Sonntag, Juni 19th, 2011

If I had a hammer, oder wie Roland S. Superman die Welt rettet – „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum“ vom Schauspiel Frankfurt in der Regie von Christoph Mehler

augustiner_hell.jpg Bild: www.augustiner-braeu.de
„Glaube, damit du erkennst.“ Heiliger Augustinus erHelle den Geist.

Kein Theaterfest ohne einen Schimmelpfennig. Da es dieses Jahr für Mülheim oder das Theatertreffen nicht gereicht hat, richtete ihm das DT einen Schwerpunkt bei den Autorentheatertagen 2011 ein. Zusammen mit der Jungautorin Rebekka Kricheldorf (dazu später) steht er für das diesjährige Motto: Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik. Auf allen vier Gebieten war Roland Schimmelpfennig bisher ein Meister seines Fachs und Garant für gut gemachte Storys. Im letzten Jahr entdeckte er allerdings seine soziale Seite und legte Stücke wie „Der goldene Drachen“ und „Peggy Picket sieht das Gesicht Gottes“ vor. Mit ersterem gewann er auch noch den Mülheimer Theaterpreis 2010, daraufhin haben drei große Theater (Berlin, Hamburg und Wien) das zweite im letzen Herbst kurz hintereinander uraufgeführt. Während er im „Goldenen Drachen“ noch mit schwarzem Humor und übergroßen Metaphern soziale Schieflagen illegal Beschäftigter beschreibt, stehen bei „Peggy Picket“ ganz real Probleme der zivilisierten Gesellschaft mit dem Elend in der dritten Welt im Mittelpunkt. Metaphysisch wird es nur noch in der Gestalt einer afrikanischen Holzpuppe, die für das Exotische, Unbegreifbare Afrikas steht. Schimmelpfennig mutierte nun binnen eines Jahres vom phantastischen Erzähler zum politischen Ankläger, mit allerdings überwiegend sehr banalen Aussagen und Bildern schwingt er den verbalen Hammer gegen das Elend in der Welt. „If I had a hammer / I’d hammer in the morning / I’d hammer in the evening / All over this land“ (The Hammer Song, von Lee Hays und Pete Seeger)
Und nun ist dieses Bild sogar manifeste Bühnerealität, Roland Schimmelpfennig hat tatsächlich einen Hammer und was für einen. Er schlägt damit mühelos Löcher in Wände und reißt demnächst wohl ganze Mauern ein. Wenn er nicht gerade schreibend über den Übeln der Welt verzweifelt, schwebt er über Berliner Straßen, verbrüdert sich mit Bauarbeitern, die nur kurz die angebissene Bockwurst weglegen, von der Lektüre ihrer Bild-Zeitung aufschauen und dann gleich wieder schnell zur letzten Seite weiterblättern. Dort rekelt sich Mandy das geile Luder und Schimmelpfennig schwebt schon beseelt von größeren Gedanken weiter, umarmt junge Mütter, hilft alten Damen über die Straße und wirft dem glücklich lächelnden Bettler an der Ecke eine Handvoll Goldstaub in den Hut.
Gelandet ist er jetzt, wie und warum nur, in den Kammerspielen des DT. Aufgesprungen auf den allgemeinen Empörungszug fährt er dann allerdings mit seiner bierselig larmoyanten Bauarbeiterparabel voll gegen die Wand. Drei bedauernswerte Maurerexistenzen versuchen verzweifelt durchzubrechen, durch die Wand, die den Blick fürs Wesentliche verstellt. Die Kolonne der freien Seelen philosophiert sich durch den Elendsschlamm der westlichen Welt voll Gier, Umweltzerstörung und Cottbuser Pfuschmuffen, Rudi kotzt sich mal richtig aus. Der Klassenkampf besteht nur noch im Ficken mit der Frau des Bauherrn, Ricki macht Strichliste und das nächste Bier auf. „Die Patrizier haben nicht das letzte Wort.“ frohlockt Uli. Das Ganze zieht sich zäh von einem Augustiner zum nächsten. Der Wutanfall gipfelt schließlich in einem unvermittelten Befreiungsschlag, „Ich glaube an die Zukunft, wir werden es schaffen, irgendwie.“ Nur wie, ist Uli noch nicht ganz klar. Ein dunkles Loch dräut in der Wand und wir schauen mit ihm fasziniert in selbiges auf eine schimmelige, faulende Welt. Noch geschüttelt von dermaßen elektrisierenden Gedankenblitzen reibt man sich die Augen, „Verdammte Fickscheiße!“ so einfach kann die Welt sein.
War da noch etwas? Ach ja, es klopfet wieder an den Brettern der Kammerspiele. „Herein, wenn es kein Schimmelpfennig ist“. Aber es ist nur der verlorene vierte Mann der Kolonne. Marek phantasiert mörtelverschmiert und pimmelschwingend in bester Schimmelpfennigscher Art über das Zwischenreich unter den Dielen voller Feen und Insekten. Wie aus Zettels Traum entsprungen (im Programmheft wird Shakespeare zitiert) umtanzt er die bierbeduselten Kollegen und gemeinsam machen sie sich auf, um hinter die Mauer in eine glückselige Zukunft zu taumeln. Wir bleiben zurück und stimmen ein in den erlösenden Gesang: „Schubidu, Schubidu und raus bist du.“ Auch eine Art phantastischer Utopie. In der neuen Spielzeit allerdings wird Schimmelpfennig jedenfalls wieder ein Stück am DT uraufführen, es geht um „Die vier Himmelsrichtungen“. Goin‘ Where The Wind Blows.

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„Das Genie ist ein Gestörter, den ein Anderer erstlich auslegen muߓ – Oliver Bukowskis Kleistsatire über Glück, Genie und Wahnsinn vom Hamburger Schauspielhaus in der Regie von Markus Heinzelmann

Im zweiten Schwerpunktthema beschäftigen sich die Autorentheatertage mit der Komödie. „Humor funktioniert, oder er funktioniert eben nicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ ist die Meinung der Alleinjurorin der „Langen Nacht der Autoren“ Elke Schmitter. Außerdem hat sie eine deutsche Vorliebe für das humorfreie Theater entdeckt und daher muss „Natürlich Komödie!“ sein, da sie sich gerne amüsiert und bisher im Theater viel zu selten die Gelegenheit dazu hatte. Man muss ihr Recht geben, wenn man sich die Spielpläne mit viel theorieschweren Ballast so ansieht. „Um es kurz zu machen: Humor ist nur bedingt theoriefähig.“ und somit bestens geeignet dem empörungsmüden Theatergänger wieder mit der Banalität und Komik des Einzelschicksals zu konfrontiert. Die große allgemeine Tragödie gegen die Spontaneität des Witzes, was sie sich im Einzelnen darunter vorstellt wird man am 25.06. im DT zu sehen bekommen.
Mit Oliver Bukowskis Stück nach Motiven Heinrich von Kleists erhält man zumindest einen kleinen Vorgeschmack davon, was eine gut geschriebene Komödie ausmacht. „Wie vergegenwärtigt man Kleist? Buchstäblich. Es sind kaum Rückschlüsse vom Werk auf das Leben des Autors möglich…“ konstatiert Bukowski. Also mixt er einfach bekannte Fakten aus dem Leben Kleists mit der fiktiven heutigen Figur des Bernd Getskard (Stefan Haschke). „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“, ein Zitat aus dem Erstling Kleists „Die Familie Schroffenstein“, zeigt seine ungestüme Vorgehensweise, der auch Bernd anhängt. Ausgehend von Kants „Kritik der Urteilskraft“ nach der „…die Natur durch das Genie nicht der Wissenschaft, sondern der Kunst die Regel vorschreibe“ (Stefan Haschke spricht am Beginn Kants Text) läuft nun am Beispiel des „verkannten Genies“ Kleist in der Figur des Allroundtalents Bernd, der sich nun nacheinander enthusiastisch als Performer, Theaterautor, Büroangestellter, Zeitungsherausgeber und schließlich als Naturbursche versucht (Kleist wollte einen Bauernhof in der Schweiz unterhalten), eine regelrechte Slapstickkanonade ab.
Es geht natürlich nicht in erster Linie um Kleists beginnende Existenzkrise und Depression nach der Lektüre von Kants Werk, sondern eher um den Anspruch des Künstlers wie jede normal Existenz sein Glück zu finden. Und das stellt sich für Bernd nicht so einfach dar. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt bewegt sich die Gefühlsspanne des aufkeimenden Talents, dem seine Förderer schon mal vor verschlossener Tür gut zusprechen müssen oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn das Genie mal eben 5000 € bei einer Performance verbrannt hat. Kleist rann das Geld auch nur so durch die Finger, seine notorische Klammheit hat ihn immer wieder in ungeliebte Broterwerbe getrieben. Meistens hatte er aber betuchte Mäzene zur Verfügung, wie jenen Wiepert (Marco Albrecht), der wie der Dichter und Herausgeber Christoph Martin Wieland, dem Kleist einst aus seinem „Robert Guiskard“ vorlas, immer wieder seine schützende Hand über ihn hält. Letztendlich wird es aber auch diesem zuviel mit den sprunghaften Ideen seines Schützlings und er erklärt ihm sein Verhalten als unzeitgemäß für die heutige Kreativgesellschaft. Dass das Getskard wie auch Kleist nicht von seinem Lebensweg abbringt, da er nicht in diesen Kategorien denkt, ist aber auch Wiepert irgendwann klar. Bernd nimmt gelassen von ihm Abschied, den nächsten Plan schon klar vor Augen.
Die Einzige die fast bedingungslos wie ein Groupie zu ihm hält und gegen seine Pathologisierung ankämpft, ist seine Dauergeliebte Claudi (Lydia Stäubli). Sie changiert von treu ergeben und verständnisvoll bis zur sanften Kritik, die aber Bernd sofort aus der Bahn wirft. Bei der Premiere seines ersten Theaterstücks hält ihn buchstäblich nichts auf seinem Stuhl. Als Claudi meint, dass das alles doch nur Theater sei, ist Bernd sofort auf der Palme, nachdem das Stück beim Publikum gescheitert ist, ist er nicht mehr zu bremsen, wie eine Furie will er dem Regisseur, als vermeintlichen Verursacher den Pleite, an die Wäsche. Diese Art der Selbstzweifel spiegeln Kleist Gemütslage bestens wider. Haschke gibt als Bernd das Springteufelchen par excellence und zeigt eine unendliche Bandbreite an Mimik und Gestik. Mitten in der Nacht exerziert er seine pedantischen Erziehungsmethoden und Claudi repetiert wie aus der Pistole geschossen, eine Persiflage auf Kleists Briefe an Wilhelmine von Zenge, seine Verlobte, die er mit solcher Art Erziehungsmaßnahmen traktierte. Aber selbst wenn man Kleist Biografie nicht kennt, ist das Stück well made und als Komödie über den verhinderten Künstler auch heute verständlich. Die finalen Schüsse am kleinen Wannsee bleiben auch bei Bukowski nicht aus, es hätte ihren aber nicht unbedingt bedurft. Kleist ist mit seinem Glücksanspruch in seiner Zeit gescheitert, wie es mit dem heutigen Künstler aussieht, kann man sich denken, ein Mangel an Beispielen besteht mit Sicherheit nicht.

dsc03727.JPG Kleists Grab am Kleine Wannsee.
Birgt ein tragisches Leben genug Potential für eine Komödie?
(Foto: St. B.)

Das Bukowski ein Händchen für psychologische Stoffe besitz, hat er am DT bereits mit seinem Soloabend „Der Heiler“ für den Schauspieler Jörg Gudzuhn bewiesen. In diesem Stück über die Rechtfertigung eines Psychologen bezüglich des Todes einer Patientin, betont er die menschliche Seite des Berufs gegenüber einer rein medizinischen Betrachtungsweise. Der Umschwung von erst selbstsicherer Überlegenheit zu einem schwankenden, an sich und dem System zweifelnden Menschen, macht Gudzuhn in Sprache und Geste spürbar und nachvollziehbar. Es ist in diesem Stück in der Regie von Piet Drescher viel Wissen um zwischenmenschliche und gesellschaftliche Schieflagen versteckt, dies wird besonders durch das Spiel des mit dieser Rolle endgültig aus dem Ensemble des DT scheidenden Schauspielers Jörg Gudzuhn sichtbar und es sind eben gerade die leiseren Töne am Ende, die ein Einfordern eines verständnisvolleren und menschlicheren Umgangs miteinander verdeutlichen. Tragik und Komik liegen im Leben immer dicht beieinander, Oliver Bukowski war schon immer ein Meister dieses Zusammenspiels. Es bleibt zu hoffen, dass bald wieder ein Stück von ihm in Berlin zur Aufführung kommt.