Archive for the ‘Oliver Frljić’ Category

Das Maxim Gorki Theater stellt sich der Frage: „Alternative für Deutschland?“ und das Deutsche Theater Berlin verhandelt in „Rom“ die Demokratieverdrossenheit des Volkes

Mittwoch, März 21st, 2018

___

Mut zur Wahrheit!? – Der kroatische Skandalregisseur Oliver Frljić lässt in seiner Performance Gorki – Alternative für Deutschland? über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert referieren

GOЯKI – ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND? von Oliver Frljić
Foto (c) Esra Rotthoff

Seit die Alternative für Deutschland in mehreren Landesparlamenten und seit September letzten Jahres auch im Bundestag sitzt, besteht das Problem des Umgangs mit der rechtspopulistischen Partei in politischen Debatten und Gesprächsrunden. „Mit Rechten reden“ ist zurzeit als heiß umstrittenes Thema in aller Linken und Liberalen Munde. Die Feuilletons überschlagen sich gerade in der richtigen Einordnung der Reaktionen auf AfD-nahe Äußerungen, die der Dresdner Schriftsteller und Autor des preisgekrönten Wenderomans Der Turm, Uwe Tellkamp, bei einer Podiumsdiskussion in Dresden mit dem Lyriker Durs Grünbein getätigt hatte. Tellkamp sprach unter anderem von „Gesinnungsdiktatur“, „Verrat“ und „Mainstream-Presse“. All das bevorzugtes Vokabular der neuen Rechten im Kampf gegen sogenannte „Political Correctness“ und die deutsche „Willkommenskultur“. Einfach ignorieren, als Prozess freier Meinungsäußerung werten oder entschieden widersprechen – zwischen diesen Möglichkeiten der Reaktion ist das liberale Lager gerade mehr als zerstritten.

Der kroatische Skandalregisseur Oliver Frljić hat dieses Dilemma zum Anlass genommen, über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert nachzudenken. In seinem Stück Gorki – Alternative für Deutschland?, das gestern im Maxim Gorki Theater Premiere hatte, lässt Frljić ein paritätisches Ensemble aus drei Schauspielerinnen und drei Schauspielern in Splittern und Zitaten aus Werken und Reden von historischen und heutigen Personen aus Kunst, Kultur und Politik über das Problem referieren. Der Clou dessen ist, dass diese Zitate so zusammengeschnitten sind, dass man sie im Einzelnen nicht mehr auseinanderhalten kann.

Vermengt ist das Ganze mit den für das Gorki typischen persönlichen Lebensbeichten der DarstellerInnen, was hier auch gleich zu Beginn des Abends thematisiert wird. Nachdem Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Nika Mišković, Falilou Seck und Till Wonka türenknallend vor den Eisernen Vorhang zur Rampe getreten sind, präsentieren sie ein minutenlanges Zitatengemenge aus kritischen bis populistisch verleumderischen Aussagen über das Gorki-Ensemble und seine künstlerische Ausrichtung. Da kommen so Sachen wie, dass bei Bewerbungen Menschen „mit Migrationshintergrund“ nicht nur erwünscht, sondern sogar bevorzugt eingestellt würden. Deren Befähigung also keine Rolle mehr spiele. Ein Theater ausschließlich für Minderheiten, in dem die deutsche Bevölkerung sich nicht mehr wiederfindet. Eine umgekehrte Art der Diskriminierung?

Falilou Seck möchte nicht mehr über seine Herkunft wahrgenommen werden und der Quoten-„Neger“ sein. Till Wonka nicht mehr Quoten-Ossi und biodeutsches Feigenblatt. Gastdarstellerin Nika Mišković beschimpft Ensemble und Publikum als eklig und nazisstisch. Als drei aus dem Ensemble auch noch vorgeben, in die AfD eingetreten zu sein und die Beiträge vom Gorki bezahlt würden (eine Replik auf Forderungen der AfD, dem Theater die Subventionen zu kürzen), kulminiert das Ganze in einem wilden Streit mit gegenseitigen Anschuldigungen. Das soll natürlich in erster Linie die schon bestehende Verunsicherung im Publikum – falls es da überhaupt eine gibt – noch vertiefen. Dazu hat man in Gorki-Lettern den Slogan „Mut zur Wahrheit“ an den Eisernen Vorhang projiziert. Also hören wir hier nun die Wahrheit oder alternative Fakten? Wo kein Faktencheck, da steigt bekanntlich gerne mal das Erregungspotential in ungeahnte Höhen. Siehe Tellkamps Behauptung von 95 Prozent Flüchtlingen, die einzig nach Deutschland kämen, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Will Frljić uns das vor Augen führen? Unsere Anfälligkeit für rechte Parolen? Oder ist es eher eine konfrontative Warnung vor der eigenen Selbstgewissheit, dagegen immun zu sein?

Dagegen stellt sich nun das Gorki-Ensemble mit Fragezeichen mal eben als Alternative für Deutschland selbst zur Diskussion. Was folgt, ist der Blick auf eine Pappnachbildung der Gorki-Fassade mit anschließender Demontage des Theaters und seiner deutschen Geschichte in Bild und Ton. Was übrig bleibt, sind diffuse persönliche Ängste über die eigene Zukunft und Deutschland, die die Ensemblemitglieder in kleinen Kammern des Kulissengerüstes äußern. Ziemlich düster gestalten sich natürlich diese Ahnungen. Ein allgemeines Raunen, dem man sich durchaus anschließen könnte, wäre da nicht das dumpfe Gefühl, vielleicht doch auf der falschen Seite des Diskurses zu stehen.

Der Abend gefällt sich aber zunehmend in der Präsentation rechten Gedankenguts im gewohnten Stil der plakativ verpackten Bloßstellung und ironischen Selbstbespiegelung oder arbeitet mit besonders fiesen Showeffekten. So wird zum Beispiel ein Monologwettbewerb zwischen den beiden deutschen Schauspielerinnen Mareike Beykirch und Swenja Liesau um den tränenrührigsten Seelenstriptease ausgetragen. Als schmieriger Spielleiter erklärt Mehmet Ateşçi das Publikum zum Entscheider per Applausometer, wer von den beiden das Ensemble verlassen muss. Beykirch spielt die Ossikarte und will nicht in die Unterschicht zurück. Liesau berichtet von einer Vergewaltigung durch ihren syrischen Exfreund und präsentiert das aus dieser Tat entstandene Kind (Alexander Sol Sweid).Trash, Parodie und gezielte Provokation sind die bekannten Mittel von Oliver Frljić‘ Theater. Der Regisseur verfolgt hier laut eigener Aussage auf Deutschlandfunk Kultur das „Konzept der subversiven Affirmation“, wie es in den 1970er- und 80er-Jahren in der Sowjetunion oder in Jugoslawien von regimekritischen Künstlern praktiziert wurde. So arbeitet u.a. auch die slowenische Rock-Band Laibach.

Falilou Seck spricht an einem Rednerpult von der konservativen Revolution und der Ausnutzung der parlamentarischen Demokratie zum Ziele ihrer Abschaffung. Hier sind Aussagen des AfD-Politikers Marc Jongen und des nationalsozialistischen Propagandaspezialisten Joseph Goebbels miteinander verknüpft. Das macht durchaus Sinn. Wer die Wiederherstellung der Marktwirtschaft und die Kritik an Lobbyismus und Bankenkrise mit der nationalen Identität der Deutschen verbindet, geht mit gleichen Mitteln auf Stimmenfang wie die Nazis in der Weimarer Republik. Diese politischen Aha-Momente sind allerdings recht selten. Es überwiegt die platte Provokation. Zuvor schon hatte Gorki-Kolumnistin Mely Kiyak gegen Linke wie Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine ausgeteilt. Und natürlich darf die durchaus gerechtfertigte Stellung der sozialen Frage die Verantwortung des Westens für das Geschehen in der Welt nicht in den Hintergrund rücken lassen. Zu diesem entscheidenden Punkt vermag Frljić lauthals schreiende Inszenierung aber gar nicht mehr vorzudringen.

***

GOЯKI – ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND?
ÜBER DIE REPRÄSENTATIVE SCHWÄCHE DES THEATERS UND DER DEMOKRATIE IM FRÜHEN 21. JAHRHUNDERT (Maxim Gorki Theater, 15.03.2018)
Von Oliver Frljić
Regie: Oliver Frljić
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Sandra Dekanić
Dramaturgie: Aljoscha Begrich
Licht: Jens Krüger
Ton: Hannes Zieger
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Nika Mišković, Falilou Seck, Till Wonka, Alexander Sol Sweid
Die Uraufführung war am 15. März 2018 im Maxim Gorki Theater
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Termine: 23.03. / 07., 12.04.2018

Infos: http://www.gorki.de/de/

Zuerst erschienen am 16.03.2018 auf Kultura-Extra.

**

*

Rom – Karin Henkel inszeniert am Deutschen Theater drei Stücke über politisches Machtstreben, Teilhabe des Volks und Populismus nach William Shakespeares Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra

Foto (c) Arno Declair

Anhand der drei Shakespeare-Stücke Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra versucht die Regisseurin Karin Henkel eine kleine Geschichte der Demokratie am Beispiel des alten Rom zu erzählen. Der Schriftsteller, Dramatiker und ehemaliger Dramaturg des Deutschen Theaters John von Düffel hat mit ihr zusammen die Stücke für einen Abend von gut drei Stunden Länge bearbeitet. Rom ist kein großer Wurf aber eine ganz annehmbare Lehrstunde über politisches Machtstreben sowie die Beeinflussung des Volks durch Populismus und Versprechungen. „Rom Republik“ wird zu Beginn in roten Lettern an einen Bretterzaun geschrieben, ein Zeichen dafür, dass es vor allem blutig zugeht im Kampf um die Macht in Rom. Drei Stücke und drei Herrschertypen, die sich dem Volk von Rom auf ganz verschiedene Weise präsentieren, und die doch eines eint: Sie pfeifen eigentlich auf die Demokratie und spielen nur zum Schein nach ihren Regeln.

Das macht die Sache natürlich ziemlich heutig. Man denkt sofort an Trump, Erdogan oder die AfD. Die Nutzung demokratischer Mittel, um an die Macht zu gelangen, das Volk auf seine Seite zu ziehen und politische Gegner auszuschalten. Die Sprache ist entsprechend angepasst. Von Düffel ist ein Meister in der theatralen Verkürzung. Er hat dies schon an Abenden wie Joseph und seine Brüder oder Ödipus Stadt angewendet. Nicht immer zum Besten, aber doch immer auch ganz unterhaltsam. So dann auch an hier. Zuerst wird Coriolan gegeben. Das Stück über den römischen Feldherrn und Bezwinger der Volsker hat man am DT schon mal in einer Inszenierung von Rafael Sanchez mit einem reinen Damenteam an den Kammerspielen gesehen. Hier spielt Michael Goldberg den stolzen Demokratieverächter und Hasser des nach Getreide brüllenden gemeinen Pöbels. „Unsere Gefühle sind groß und authentisch“, rufen Camill Jammal und Benjamin Lillie als Volkstribune in ihre Megafone.

Als Aufstachlerinnen des zunächst nicht besonders machthungrigen Gaius Marcius, genannt Coriolan (nach der Stadt, die er für Rom erobert und geplündert hat), fungieren hier gleich drei Mütter. Bernd Moss, Kate Strong und Anita Vulesica sind die Einflüsterinnen des jungen Coriolan. Ziel ist der Thron. Und da dieser nur über eine Wahl zu erreichen ist, pinseln sie ihren aus dem Krieg heimkehrenden Sohn mit roter Farbe an. Zeige deine Wunden, so verlangt es der Brauch vom Kriegshelden. Der allerdings auf das Volk pfeift und sich nicht auf ein Koalitionsgeplänkel mit den Volkstribunen einlässt. Henkel lässt das als plumpe Politfarce spielen. Etwas zu klamaukig. Der Held scheitert hier noch an seinem Stolz und diplomatischem Unvermögen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Da ist Antonius (Manuel Harder) ein wesentlich geschickterer Koalitionär. Erst Vertrauter des Julius Cäsar, münzt er seine Niederlage gegen die Tyrannenmörder Brutus (Felix Goeser) und Cassius (Bernd Moss) mit einer populistischen Rede vor dem Grab Cäsars in einen Sieg um. Zweifler und Freiheitsidealist Brutus erkennt zu spät seinen Fehler. Die richtige Taktik führt hier zur Macht. Der zweite Teil ist finsterer Geister- und Prophezeiungsschwulst vor einer mit Leichenpuppen gefüllten Drehbühne. Die ehrenwerten Verschwörer pinseln ihre Arme bis zu den Ellenbogen mit Theaterblut ein und reichen Antonius die Hand, in die dieser bereitwillig einschlägt. Rom, ein „House of Cards“.

Nach der Pause geht es in Ägypten weiter. Anita Vulesica ist Cleopatra und Elisabeth-Taylor-Lookalike. Ihr Antonius (Manuel Harder) ist ein müder Rocker in Lederhose, der sich gegen einen verdoppelten Cäsar-Sprössling Oktavius (Camill Jammal und Benjamin Lillie in kurzen Hosen) erwehren muss. Schwester Oktvia (Wiebke Mollenhauer hat an diesem Abend die Rolle der Frau an seiner Seite gebucht) hält den beiden die Krone an einer Angel vor die Nase, während Kleopatra ihren Sohn Cäsarion (Jacob Braune / Bennet Schuster) mit Wettrennen auf den Thron trainiert. Intrigen und Machtkoalitionen auch hier. Da blickt der einfache Mann nicht mehr durch, wenn es plötzlich für die fremde ägyptische Königin gegen die eigenen Leute geht. Bernd Moss ist als alter Soldat einzige wahre Stimme des Volkes. Ansonsten kreisen die politischen Eliten um sich selbst.

Verzicht auf Rom bedeutet Niederlage und Freitod. Da wird’s dann auch mal ein wenig philosophisch, wenn Manuel Harder über die Freiheit, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu bestimmen, spricht. Der Sieger beeilt sich dem Volk seine Unschuld am Tod Kleopatras und Antonius zu beteuern. Ein Abend über Demokratie, bei dem das Volk nicht viel zu sagen hat. Die Fassung destilliert das Passende aus den drei Shakespeare-Stücken heraus. Ein pointensicherer Digest. Erkenntnisgewinn eher gering.

***

Rom
nach Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra von William Shakespeare
Bearbeitung: John von Düffel
Fassung: Karin Henkel, John von Düffel
Regie: Karin Henkel
Bühne: Thilo Reuther
Kostüme: Tabea Braun, Sophie Leypold
Musik: Lars Wittershagen
Licht: Matthias Vogel
Maske: Andreas Müller
Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Manuel Harder, Camill Jammal, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Bernd Moss, Kate Strong, Anita Vulesica, Jacob Braune / Bennet Schuster
Die Premiere war am 16. März 2018 im Deutschen Theater
Termine: 22.03. / 03., 11., 22.04. / 01.05.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 17.03.2018 auf Kultura-Extra.

__________

Im Mai bei den Wiener Festwochen nun beim Peter-Weiss-Festival im Berliner HAU – „Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt“

Freitag, September 30th, 2016

___

Der bosnische Theaterregisseur Oliver Frljić provoziert den europäischen Bildungsbürger mit einer Paraphrase des Terrors inspiriert durch den dreiteiligen Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss

Bereits im Mai den den Wiener Festwochen erzeugte die neue Inszenierung von Oliver Frljić für einen kleinen Skandal. Der bosnische Regisseur  hatt den Kritikern mit seinem Stück Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt ein Stöckchen hingehalten, und sie waren erwartungsgemäß gesprungen. „Der bisherige Tiefpunkt der Saison.“, wurde da u.a. getitelt. Die Inszenierung zeichne sich durch „Simplizität und Rohheit“, „das Bemühen zu schockieren“ sowie „den unangenehmen Geruch von Schulkabarett“ aus.

Was ist dran am Verriss? Im Grunde nicht viel. Nachdem Frljić sich in seinem für das Münchner Residenztheater entwickelten Stück Balkan macht frei schon mit Heiner Müllers kritischer Bearbeitung von Bertolt Brechts Lehrstück Die Maßnahme auseinandergesetzt hatte, war es fast folgerichtig, dass er nun beim Schriftsteller und Dramatiker Peter Weiss und seiner Romantrilogie Die Ästhetik des Widerstands angekommen ist. Weiss befasst sich darin ausführlich mit den Debatten und Konflikten innerhalb des kommunistischen und antifaschistischen Widerstands zurzeit des Nationalsozialismus und deren Reflexion durch deutsche Künstler im Exil wie etwa Bertolt Brecht. Die große Frage, die der Roman aber aufwirft, ist die der Darstellbarkeit von Gewalt und Gräuel mit Mitteln der Kunst. Dazu beschreibt Weiss eine Vielzahl von Werken der Kunstgeschichte.

 

Naše nasilje i vaše nasilje von Oliver Frljić - Foto (c) Alexi Pelekanos

Naše nasilje i vaše nasilje Foto (c) Alexi Pelekanos

 

Nun hat Oliver Frljić eine neue, kritische Art von Lehrstück vorgelegt. Man könnte es auch das Lehrstück von der unterlassenen Hilfeleistung nennen. Oder aber die verzweifelte Suche nach einem geeigneten künstlerischen Werkzeug, wie es der Ich-Erzähler in Weiss‘ Roman beschreibt, sprich einer Ästhetik des Widerstands gegen den alltäglichen Faschismus und Rassismus in Europa, der immer mehr in der Mitte der Gesellschaft Fuß fasst. Kunst als Mittel zum Kampf gegen oder zur Aufklärung über bestimmte gesellschaftliche Zusammenhänge – bei der Einsicht, dass angesichts von Faschismus und Terror „waffenlose Schöngeistigkeit einfachster Gewalt nicht standhalten kann“.

Heiner Müller nannte das „konstruktiven Defaitismus“. Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“ bezeichnet seine provokanten Aktionen, wie etwa den Europäischen Mauerfall, bei dem die deutschen Mauertoten mit den toten Flüchtlingen an den europäischen Grenzen gleichgesetzt werden, als „aggressiven Humanismus“, während der Schweizer Recherchetheatermacher Milo Rau von „zynischem Humanismus“ spricht, wenn er den Versuch der Europäer meint, z.B. mittels Onlinepetitionen die Welt zu retten. Peter Weiss sah auch nach dem Sieg gegen das faschistische Regime die Welt als geteilt. Faschismus und Kolonialismus haben ihre Spuren hinterlassen.

Das ist letztendlich auch der Ausgangspunkt für Frljić‘ Stück: Die aktuelle Flüchtlingskrise als Folge des kolonialen Erbes, an dessen Ursache Europa nicht ganz unschuldig ist. Und so hat der Regisseur für sein Projekt die mitwirkenden SchauspielerInnen der Esembles des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und des Mladinsko Theaters im slowenischen Ljubljana mit einem Fluchthintergrund ausgestattet, die sie in einer schnellen Vorstellungsrunde vortragen und auch ein wenig ironisch ihre Zukunftsaussichten und den Stand der Integration reflektieren. Was folgt ist eine Kuschelrunde zum christlichen Weihnachtslied „Stille Nacht“, bei der sich nackte multisexuelle Paare bilden, die sich auf den Körper gemalte arabische Schriftzeichen herunterwischen. Übrig bleibt eine Frau mit der traditionell muslimischen Kopfbedeckung, dem Hidschab, als sichtbares Zeichen des Andersseins. Als die Muslima dann eine kleine Österreichfahne aus ihrer Vagina zu Tage fördert und hisst, gehen die Blicke der anderen wohlwollend nach oben.

Oliver Frljić spielt christliche gegen islamische Ikonografie aus. Da darf natürlich auch ein Jesus nicht fehlen, der von einem Kreuz aus einer Wand von Benzinkanistern steigt, die Frau hinterrücks vergewaltigt und sich mit seinem rot-weißen Österreich-Lendentuch das Gemächt abwischt. Auf die Kanisterwand hatte zuvor ein Performer den Satz: DAS PETROLEUM STRÄUBT SICH GEGEN DIE FÜNF AKTE geschrieben. Das sind klare Schock-Bilder, die aber zunächst noch mit dem Roman von Peter Weiss wenig zu tun haben. Die Drastik, mit der Weiss aber Folterung und Hinrichtung von Mitgliedern der Widerstandsgruppe Rote Kapelle beschreibt oder von den Verhöhnungen und der Internierung der nach Frankreich geflohenen Spanienkämpfer und ihrer Familien berichtet, entwickelt Frljić nun analog in seinen Spielszenen, in denen einem syrischen Flüchtling bei einem Fest Alkohol und Schweinfleisch aufgezwungen werden. Auch der Text ist da an Zynismus nicht zu überbieten und könnte direkt aus einschlägigen Hassplattformen im Internet stammen.

 

Naše nasilje i vaše nasilje - Foto (c) Alexi Pelekanos

Naše nasilje i vaše nasiljeFoto (c) Alexi Pelekanos

 

Natürlich ist Peter Weiss‘ Mammutwerk, wie nun folgerichtig auch Frljić‘ Interpretation, nicht unumstritten. Man warf Weiss seitens der Literaturkritik vor, er habe „seine ästhetischen Maßstäbe und damit seine Identität als Künstler der politischen Parteinahme geopfert“. Und wie Heiner Müller anlässlich eines konspirativen Streitgesprächs mit Peter Weiss nach der DDR-Premiere von dessen Stück Viet Nam Diskurs am Berliner Ensemble berichtete, kritisierte man die politischer Haltung des Autors und dessen deutliches Bekenntnis zum Sozialismus mit den Worten: „Von Vietnam sprechen, heißt von Bautzen schweigen.“ Was heute natürlich wieder eine ganz andere Bedeutung bekommt.

In der Logik von Frljić bedeutet das in etwa, über Brüssel und Paris sprechen, hieße von Syrien, Irak oder Afghanistan schweigen. Schweigeminuten für beiderlei Opfer des Terrors baut der Regisseur dann auch in die Performance ein, nicht ohne ein provozierendes Fazit, dass wohl erst 4 Millionen Opfer in Europa den Frieden bringen würden. Nun heiligt der Zweck bei weitem nicht alle Mittel. Und die Hinrichtungsszenen, bei denen den PerformerInen in orangener Häftlingskleidung symbolisch der Hals durchgeschnitten wird, sind dann schon recht grenzwertig. Als Tote geben sie dann noch einige Statements ab, wie etwa, dass wer den Faschismus verurteile, ohne gegen Kapitalismus zu sein, sein Stück vom Kalb haben wolle, ohne es selbst zu schlachten. Die Bloßstellung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, der sich gegen die Flüchtlings-Willkommenskultur des Thalia Theaters Hamburg ausgesprochen hatte und eine Zusammenarbeit deswegen absagte, ist da geschenkt.

In Heiner Müllers Revolutionsstück Der Auftrag spricht Debuisson, der Sohn französischer Plantagenbesitzer: „Ich will mein Stück vom Kuchen der Welt. Ich werde mir mein Stück herausschneiden aus dem Hunger der Welt.“ Oder auch: „Die Welt wird was sie war, eine Heimat für Herren und Sklaven. Ich entlasse uns aus unserm Auftrag.“ Oliver Frljić führt dem österreichischen Publikum den Zusammenhang von ungerechter Wohlstandsverteilung recht drastisch vor Augen.

*

Etwas anders gehen da Tom Kühnel und Jürgen Kuttner mit ihrer ebenfalls zu den Wiener Festwochen eingeladenen Inszenierung des Heiner-Müller-Klassikers Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution vor. Sie arbeiten sich im Sinne Müllers und mit dessen eigenen, vom Band gesprochenen Worten ganz konkret an den Vorstreitern und Ikonen vergangener Revolutionen ab. Auch hier sprechen natürlich die Toten zu den Lebenden in Gestalt von Karl Marx, Lenin, Rosa Luxemburg, Mao oder Che, und die drei Emissäre der französischen Revolution auf Jamaika, Debuisson, Galloudec und Sasportas, treten in den Farben der französischen Trikolore auf. Eine bunte Grand Guignol, bei der im Trick-Theater der Revolution die Papierköpfe von Danton und Robespierre rollen.

Man kann Frljić und seinem Stück nun kaum vorwerfen, sich ästhetisch nicht ausschließlich an der Historie abzuarbeiten, wie etwa Peter Weiss und Heiner Müller. Ein komplexes Fazit lässt sich trotzdem nur schwer ziehen. Vielleicht aber noch am ehesten mit den Worten Heiner Müllers, den Christoph Rüter zu Beginn seiner Filmdokumentation Die Zeit ist aus den Fugen zitiert: „Die Zeit der Kunst ist eine andere Zeit als die der Politik. Das berührt sich nur manchmal, und wenn man Glück hat, entstehen Funken.“ Die zünden, müsste man anfügen, hier in Wien leider nicht wirklich. Man wird sich anlässlich des Festivals „Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100“, zu dem das Berliner HAU Frljić‘ Stück im September geladen hat, erneut darüber unterhalten können.

***

Naše nasilje i vaše nasilje – Unsere Gewalt und eure Gewalt
(Schauspielhaus Wien, 31.05.2016)
Text nach dem Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss
Textadaption: Oliver Frljić, Marin Blažević
Inszenierung: Oliver Frljić
Dramaturgie: Marin Blažević
Kostüme: Sandra Dekanić
Bühne: Igor Pauška
Licht: Dalibor Fugošić
Künstlerische Beratung: Aenne Quiñones
Regieassistenz: Barbara Babačić
Produktionsleitung: Hannes Frey
Mit: Barbara Babačić, Daša Doberšek, Uroš Kaurin, Dean Krivačić, Jerko Marčić, Nika Mišković, Dragica Potočnjak, Matej Recer, Blaž Šef
Auftragsarbeit und Produktion HAU Hebbel am Ufer, Berlin
Koproduktion Wiener Festwochen, Slovensko mladinsko gledališče, Ljubljana, Kunstfest Weimar, Zürcher Theaterspektakel, Hrvatsko narodno kazalište Ivana pl. Zajca, Rijeka
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes im Rahmen von „Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100“, ein Festival des HAU Hebbel am Ufer, Berlin

Termine: 28. – 30.09.2016 im HAU 1

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/nase-nasilje-i-vase-nasilje-1/

Zuerst erschienen am 01.06.2016 auf Kultur-Extra.

__________