Archive for the ‘Open-Air-Theatersommer 2011’ Category

Maria & Elisabeth – In der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße läßt das aufBruch Gefängnistheater Schiller, Schleef und die Systeme aufeinanderprallen

Freitag, September 2nd, 2011

Das Lied von der Moldau

von Bertolt Brecht

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

(Lied aus dem Stück „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“, Musik von Hans Eisler)

Nachdem Peter Atanassow, der Regisseur des aufBruch Gefängnistheaters, bereits im letzten Jahr an der Museumsinsel mit Kleists „Penthesilea“ Machtstrukturen, Ideologien und Geschlechterkampf untersucht hatte, stellt er im 50. Jahr des Mauerbaus den Kampf der Systeme zwischen Ost und West in den Mittelpunkt seiner Inszenierung „Maria & Elisabeth“ nach Friederich Schiller. Was könnte Schillers Drama „Maria Stuart“ mit den sich bis 1989 an der Berliner Mauer direkt und antagonistisch gegenüberstehenden Weltanschauungen zu tun haben? Es sind die beiden Hauptfiguren, die bei Schiller in einem Kampf der Religionen um die Macht und die bedingungslose Durchsetzung der Staatsraison aufeinanderprallen. Zwei Königinnen im ungleichen Wettstreit um die Krone und die allumfassende Wahrheit.

aufbruch-mariastuart.jpg Das Stück läuft noch bis 11.09.

Das England zur Elisabethanischen Zeit war im Glaubenskrieg zwischen der katholischen, dem Papst ergebenen und der protestantisch anglikanischen Kirche tief entzweit. Das manifestierte sich in den beiden Königinnen von Schottland und England, Maria und Elisabeth. Maria Stuart, von protestantischen Adligen aus Schottland vertrieben, sucht Schutz bei ihrer Cousine Elsabeth I. von England und wird wegen Hochverrats festgesetzt, da sie ihrerseits zum Idol von katholischen Verschwörern geworden ist und Elisabeth um ihre Macht fürchtet. Soweit ist die Parallele zum Kampf der beiden Systeme im Kalten Krieg in Europa nach dem 2. Weltkrieg zutreffend. Um das zu untermauern, schiebt Atanassow immer wieder Textfragmente von Einar Schleef aus seinen Tagebüchern zwischen 1981 und 1998, den Stücken sowie Passagen aus dem gerade erschienen Buch „Ich habe kein Deutschland gefunden“, mit Texten und Mauerbildern von Einar Schleef zwischen die Handlung.
Das Freigelände im ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße ist von beiden Seiten mit Mauerteilen und Zäunen begrenzt, es sind etliche Betonschwellen zu einem Podest aufgeschichtet, ein Gitterrostweg geht von vorn bis zu einem kleinen Hügel nach hinten. Nachdem es dunkel geworden ist, leuchten viele rote Grabkerzen im Hintergrund. Die Weite des Platzes suggeriert Offenheit, wirkt gleichermaßen aber auch bedrückend. Die MitspielerInnen des AufBruch-Teams sind in schwarze Anzüge gekleidet, Elisabeth tritt in weiß aus ihnen hervor, Maria ist schwarz gewandet. Die Rollen der Königinnen sind, wie oft bei aufBruch, mit mehreren Darstellern besetzt. Die Aufführung beginnt aber mit einem Auszug aus Einar Schleefs Stück „Lange Nacht“, in dem die Mutter zweier aus der DDR geflohener Brüder, den beiden, bei ihrem ersten Besuch im Westen, bittere Vorwürfe macht. Der Vater ist bereits tot und auch die Mutter wird zum Schluss sterben. Einar Schleefs zwischen Ost und West zerrissene Biografie schlägt sich auch in diesem letzten Stück nieder. Seine Schuldgefühle treiben ihn durch sein gesamtes Werk, die Mutter Gertrud verewigt er in einem 2-bändigen Roman mit über 1000 Seiten.
Elisabeth regiert ein geteiltes Land, sie kann sich nicht sicher sein, zwischen ihren karrieristischen Ratgebern. Diese versuchen sie zu manipulieren und für sich einzunehmen, wo sie nur versucht das Land zu einen. Das aber tut sie mit harter Hand. Marias Weiblichkeit und ihrer vermeintlich moralischen Überlegenheit der Unterdrückten, begegnet sie, trotz leiser Zweifel, letzendlich mit einer fast unerschütterlichen Gewissheit, das Richtige zu tun. Das als Metapher für den Kalten Krieg und das geteilte Deutschland zu verstehen, funktioniert trotzdem nur bedingt. Atanassow braucht die Texte Schleefs mit all ihrem Zweifel und Pessimismus den Deutschen gegenüber, um hier die richtigen Assoziationen zu wecken. Die Tagebucheinsprengsel vermitteln das auf eindrucksvolle Weise.
Aus dem psychologischen Kammerspiel Schillers wird so ein Kampf um die richtige Weltanschauung. Die Figuren sind stark überzeichnet, Burleigh ganz der ideologische Einpeitscher, Shrusbury als mäßigende Kraft ohne Einfluss und schließlich Leicester als der wendige Karrierist, alles Charaktere, wie es sie auf beiden Seiten der Mauer zu hauf gab. Dazu kommen das Fußvolk wie Paulet, der ehrliche Parteisoldat und sein Neffe Mortimer als der ideologisch Verführte. Maria wird für den verblendeten Mortimer zum Ideal, dem er sein Leben opfern will, ob ihr das recht ist oder nicht. Er hat sich in diese Idee verbissen und fordert Maria auf, sich diesen heeren Zielen zu stellen, koste es was es wolle. Sie kann sich den Avancen des eifernden Mortimers im wahrsten Sinne des Worten kaum noch erwehren.

kapelle-der-versohnung.JPG Kapelle der Versöhnung auf dem Gelände der Mauergedenkstätte – Foto: St. B.

Die Begegnung der gegensätzlichen Überzeugungen, in Person der beiden Königinnen, eigentliches Zentrum von Schillers Drama, findet unter großem Auflauf, fast wie ein Staatsakt statt. Maria, erst gedemütigt auf ihren Knien, wirft sich schließlich in Pose, um ihrerseits Elisabeth zu demütigen. Die Parteien stehen sich unversöhnlich gegenüber. Im Schleefschen Chor wird immer wieder das Gesprochene Wort des Einzelne zur Massenphilosophie. Nach dem Verrat Leicesters, bricht das labile Konstrukt der Putschisten zusammen, die Idee ist schnell erledigt, man geht über Leichen. Im Hintergrund murren die Untertanen und skandieren „Wir sind das Volk“, ein zynischer Verweis auf die Wendezeit. Die eigentliche Bluttat an der Maria wird in die untere Befehlsreihe deligiert, der arme Davison mit dem ungewollten Todesurteil wird zum Spielball der Mächtigen, die sich selbst nicht die Hände schmutzig machen wollen. Etwas überzogen und theatralisch dann doch der Weg der Maria zum Schaffot, der Priester mit Hirtenstab und in Tränen aufgelöste Bedienstete.
Ansonsten wird wie immer bei AufBruch viel marschiert, gerannt, im Chor deklamiert und auch gesungen. „Heil dir im Siegerkranz“, Brechts „Lied von der Moldau“ und „Dies Irae“ aus Mozarts Requiem, dem staatstragenden Oratorium schlechthin, von Kaisers Zeiten bis in die Gegenwart beider deutscher Staaten. Schillers idealistisches Bild, des reinen Menschen, der sich in seiner Mannigfaltigkeit in einem Staate zu vereinigen trachtet, ist im Sozialismus pervertiert und gescheitert, aber auch in der Demokratie ist es noch nicht erreicht. Schleef sah sogar voraus, dass der Kampf der Systeme weitergeführt wird: „Völker hört die Signale!“ (Droge Faus Parzival) Darin nur den Kampf des „protestantisch“ streng ideologisierten Ostens gegen den freien „katholisch“ geprägten Westen zu sehen, wäre zu kurz gegriffen, auf diese Idee kommt Atanassow auch gar nicht erst. Er lässt Bezüge dieser Art offen, wie auch Einar Schleef sein Glück weder im Osten oder Westen, noch im vereinten Deutschland gefunden hat. „Deutschland ist weiß. Wir sind uns einig.“ skandiert der Chor zum Schluss.

Deutschland ist weiß

Fliehen wovor. Die Kindheit abschließen, das Unmündigsein um erwachsen zu werden und schuldig. Um mit Falten zu sagen: Das habe ich nicht gewollt. Ich bin immer dagegen gewesen. Ein ganzes Volk, was seine Vergangenheit verschlingt, das Aas unter der Erde versteckt, um es, wenn es Zeit ist, wieder hervorzuholen. So knurrt ein Volk in Wut, unmündig, müde und hungrig, an seiner Grenze zermahlt es sich und ist unfähig sich zermahlen zu lassen. So müde ist es schon, unfähig die Hände zu heben: Ich bin nicht schuld, ich habe nichts getan. Den Schrei ersticken Hunger und Essen. Es schläft, es verdaut, es bewegt sich so emsig, es ist wieder wach mit geschlossenen Augen. Blind. Damit es die Rute nicht sieht, die eigene Schuld ist nicht sichtbar, wir geben uns auf um ganz eins zu werden. Deutschland ist weiß. Es gibt keine Grenzen. Du bist Zeuge. Das Auge neben dir. Hier aus der Höhe. Licht und Rauch auf den Straßen. Autoverkehr. Die leuchtenden Parolen. Deutschland ist weiß. Unschuldig. Jeder arbeitet im regelmäßigen Takt, ohne Besinnung, ohne den Kopf zu heben. Deutschland ist weiß. Der Schweiß wäscht es reine. Es leuchtet die Unschuld aus jeder Pore. Deutschland ist weiß. Wir sind uns einig.

(Einar Schleef, Tagebuch 1981, aus Tagebuch 1981-1998, Frankfurt am Main und Westberlin, erschienen im Suhrkamp Verlag)

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Was macht man nur mit diesem Sommer? Drei mehr oder minder verzweifelte Versuche eines Theaterverrückten.

Montag, August 22nd, 2011

Pack die Regenpelle ein… – Baden gehen mit Mozarts „Zauberflöte“ am Berliner Wannsee

Sonntagnachmittag, S-Bahnhof Wannsee, 2 Stunden vor Beginn der Vorstellung, es regnet in Strömen. Im Biergarten an der Loretta am Wannsee drängen sich die Leute unter die Sonnenschirme. Sonne hat es lange nicht mehr gegeben und für irgendetwas müssen die Schirme ja schließlich gut sein. Auf geht’s zum Strandbad, Regenschirme sind das vorherrschende Bild auf dem Kronprinzessinnenweg. Endlich, der Regen hat nachgelassen, vor dem Wannseebad tummeln sich Fabelwesen und geleiten die willigen Besucher zum Eingang. Überall werden Programmbücher, CD`s und Regenumhänge feilgeboten. Der nicht nur in diesem Sommer mit allen Wassern gewaschene Berliner hat sich aber selbst schon bestens eingedeckt. Taffe Mütter ziehen ihrem quengelnden Nachwuchs schnell noch die Regenhosen und Ostfriesennerze über. Man rechnet also mit dem Schlimmsten. Dunkel dräut der Himmel. Das würde eher zu Wagner passen, als zum poppig bunten Mozart, dessen Zauberflöte Wagner immerhin in den höchsten Tönen lobte.

dsc04511.JPG

Die Einsamkeit der Strandkörbe, Wannseebad im August

Foto: St. B.

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Wenn´s vorne juckt und hinten beißt – Der eingebildete Kranke von Molière in einer Version des Hexenkessel Hoftheaters

Freitag, August 5th, 2011

  Foto: St. B. dsc04413.JPGDas Theatergelände auf dem Bunkerdach neben dem Amphitheater an der Monbijoustraße.

Seit vier Jahren steht es nun gegenüber dem Bodemuseum, das Amphitheater am Rande des Monbijouparks. Die Truppe des Hexenkessel Hoftheaters bespielt es von Juni an bis in den September mit mindestens drei Stücken pro Saison. Gegründet 1994 in einem Berliner Hinterhof, fühlt man sich dem fahrenden Theatervolk verwandt und der Comedia dell’arte und Shakespeare verpflichtet. Immer unter freien Himmel, bei Wind und Wetter gibt es von Dienstag bis Samstag täglich zwei Stücke hintereinander und am Sonntag noch das Improtheater mit Turbine William wie die Birne. Nur Montag ist spielfrei und man überlässt dem musizierenden Volk die Bühne. In den letzen Jahren gab es Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit zirzensischen Kunststücken, „Viel Lärm um Nichts“, eine sehr moderne Version von „Romeo und Julia“ oder den „Sturm“ im wahrsten Sinne des Wortes. Den gibt es freilich meist gratis inklusive Regen direkt vom freien Himmel dazu.

Nachdem es das Wetter ja bekanntermaßen mit den Open-Air-Verrückten in den letzten Tagen nicht so besonders gut meinte, scheint pünktlich seit Dienstag wieder die Sonne und die Gaukler bevölkern weiter unermüdlich die Bühne des Amphitheaters. Neben Shakespeares „Wintermärchen“, in einer zwischen Humor und Melancholie schwankenden Sparvariante für drei Schauspieler, einen Erzähler sowie hungrigen Tanzbären, sind noch Goldonis „Diener zweier Herren“ und seit Ende Juli auch „Der Eingebildete Kranke“ von Molière zu sehen. Dieses Stück des französischen Komödienautors entbehrt nicht einer gewissen Tragik, ist es doch das letzte Stück Molieres, der 1673, selbst in der Rolle des Argan, auf der Bühne einen krankheitsbedingten Anfall erlitt und daheim in den Armen zweier Nonnen verstarb.

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