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Festivalsommer 2012 (Schluss): Eine „Große Weltausstellung“ zum Abschied und ein kleiner Ausblick in die Zukunft der performativen Kunstformen in Berlin

Donnerstag, August 30th, 2012

„The World Is Not Fair“ oder Performative Kunst in prekären Zeiten. – Die Große Weltausstellung des Berliner HAU fand im Juni auf dem Tempelhofer Feld zum Ende der Ära Matthias Lilienthal statt.

„Berlin hätte es bitter nötig, über kulturelle Institutionen der Zukunft nachzudenken. Der Stadt ist zehn Jahre lang aufgrund der Mietsituation und der Stiftungen vieles in den Schoß gefallen. Aber die soziale Basis davon wird in den nächsten Jahren unweigerlich wegbrechen. Da fände ich es sinnvoll, neue Räume zu schaffen, die sich nicht mehr klar den einzelnen Kunstgenres zuordnen lassen. Ich würde ja den Hangar in Tempelhof vorschlagen, da könnte man so ein Performance-Zentrum mit zwölf Räumen hinsetzen.“ Matthias Lilienthal im Tagesspiegel-Interview vom 04.05.2012

Da geht´s lang! Der Macher Matthias Lilienthal. matthias-lilienthal_foto-by-kevin-slavin-unter-cc-lizens-auf-flickrcom.jpg
Foto: Kevin Slavin unter CC-Lizens auf flickr.com

Neun Jahre hat Matthias Lilienthal nun das Berliner HAU geleitet, hat Theater gemacht für die Stadt mit Themen der Stadt, hat den freien Gruppen eine Plattform geboten, für die Finanzierung der Projekte gesorgt und verschiedenste Kunstformen unter einem Dach vereint. Der Kunstvisionär Lilienthal hat die drei Spielstätten HAU 1, 2 und 3 zu einem gut funktionierenden „Theaterkombinat“ und Versuchslabor für neue Formate jenseits der festgefahrenen Stadttheaterstrukturen zusammengeschweißt. Im Juni ging er nun noch einmal, wie schon oft vorher, mitten hinein in die Stadt, setzte sich fest auf dem weiten Feld und entdeckte das brachliegende, ungenutzte Potenzial am Rande der City als neuen Raum für performative Kunst, bevor es die üblichen Investoren okkupieren werden. Der ehemalige Flughafen Berlin-Tempelhof scheint geradezu prädestiniert als Bühne für die Zusammenführung alternativer Architektur, Kunst und gesellschaftlichem Diskurs. Der geschichtsträchtige lokale Ort als Tor zur Welt. Das „launische, trashige Dorf“ der Theaterschaffenden und langjährigen Mitstreiter Lilienthals versammelte sich hier und gab sich zum Schluss noch einmal als „Große Weltausstellung“.

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Check ein in die Große Welt im spartenübergreifenden Kleinformat!

15 Pavillons wurden dafür in Zusammenarbeit der Künstler mit den Architekten des Büros „raumlaborberlin“ weiträumig über das Tempelhofer Feld verteilt. Einige der kleineren duckten sich dicht an die Grasnarbe, andere sah man schon von weit her über das Feld leuchten, signalfarben rot-weiß gestreift. Hier wo die Feldlerche sich einen geschützten Raum zum Brüten zurückerobert hat, gesellte sich zu ihr eine weitere seltene und schützenswerte Spezies, der freie Künstler jenseits des rundumgeförderten Theaterbetriebs. Matthias Lilienthal stellte ihm hier im Rahmen seiner Quer- und spartenübergreifenden Kunstförderung noch einmal ein natürliches Biotop zur Verfügung, eine fast unbegrenzte Spielwiese, die zur freien, kreativen Entfaltung einlud. Zu einfach sollten es dabei aber weder die Künstlern selbst noch deren potentielle Rezipienten haben, die sich, wollten sie den gesamten Kunstparkcour absolvieren, wohl oder übel auf ein Fahrrad setzen mussten.

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Imaginäre Inseln der Kunst. Kleine Utopien auf dem weiten Feld der Großen Weltausstellung.

Wind und Wetter trotzend, machte sich dann auch so manch williger Besucher auf den recht beschwerlichen Weg zum uneingeschränkten Kunstgenuss, der dem aufnahmebereiten Kunstinteressierten für gewöhnlich ja nicht ganz unbekannt sein dürfte. Und auch dem freien Künstlern blasen hin und wieder raue Winde ins Gesicht, ähnlich denen, die bisweilen über das offene Gelände des Tempelhofer Felds fegen und auf den Rollbahnen eher zum sportlichen Kiteboarding einladen, als zum kreativen Kommunizieren mit dem vorüberziehenden Volk. Die sonst eher starre Beziehung zwischen aktivem Kunstproduzenten und normalerweise passivem Konsumenten wurde auf diesem Wege nicht nur auf ironische Weise aufgebrochen, sondern entwickelte dabei auch eine ganz eigene Art von Dynamik.

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„Double Shooting“

Was für die eine oder andere Seite nun im Einzelnen dabei heraus gekommen ist, lässt sich wie immer nur schwer beziffern. Allein die breite Mischung der Kunstsparten bot letztendlich für Jeden etwas, ganz unabhängig von Geschmack und Erwartung. Neben den erwartungsgemäß stark vertretenen Performance-Kollektiven gab es vor allem einige bemerkenswerte Installationen zu sehen und auch zu hören, wie die 15minütige Klanginstallation „Farafra“ von Willem De Rooij, für die er Geräusche auf einer Kamelfarm in Ägypten aufgenommen und zu einer eindrucksvollen Komposition verdichtet hat. Oder die Foto-Installation des Libanesen Rabih Mroué „Double Shooting“, die in 72 Einzelaufnahmen ein Handyvideo eines Demonstranten aus Syrien zeigte, der seine eigen Erschießung filmte. Man konnte einen 42 Meter langen Tunnel-Gang neben den Aufnahmen entlang laufen, und so die letzten 18 Sekunden des Filmers nacherleben. Mit der politischen und militärischen Vergangenheit des Tempelhofer Flughafens beschäftigte sich die Installation des Dokumentartheatermachers Hans-Werner Kroesinger „Feldpost 2012“ in einem ehemaligen Antennengebäude inmitten des Flugfeldes.

hans-werner-kroesinger.jpg „Feldpost 2012“
Hans-Werner Kroesingers Klanginstallation in einem Antennengebäude des Flughafens.

Neben aktuellpolitischen Beiträgen und Einblicken in die Geschichte des Flughafens selbst wurde aber auch die Geschichte der Internationalen Weltausstellungen insgesamt reflektiert. Von den Anfängen die noch nach dem Prinzip der exotischen Menschenzoos konzipiert waren (Klanginstallation von Willem De Rooij), spannte sich der Bogen bis ins Heute. Im Pavillon des Künstlers Erik Göngrich wurde die architektonische Gigantomanie dieser Großevents auf einer überdimensionalen Zeichnung dokumentiert . Einige Workshops und Diskussionsrunden beschäftigten sich daher auch mit moderner alternativer Stadtentwicklung unter Einbeziehung der gewachsenen Strukturen. Besitzt doch das Tempelhofer Feld als Ort der Weltausstellung selbst ein riesiges Entwicklungspotential, über das nach wie vor gestritten wird. Einen Vorschlag für eine Künstlersiedlung, die man sich durchaus gut am Ort der Ausstellung vorstellen könnte, unterbreitete die Berliner Künstlergruppe Dellbrügge & De Moll mit ihrem „Camp der Renegaten“. Eine kreative Heimstatt für Künstler im Ruhestand, deren Zahl in Berlin wohl stetig anwachsen wird. Gedanken zur Finanzierung des Projektes konnten im Innern des Jurtenähnlichen Pavillons schriftlich an den Wände dargelegt werden.

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Das leidige Geldproblem. „Wie finanziert wir das Ganze?“ fragen Dellbrügge & De Moll im „Camp der Renegaten“.

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Keine einfachen Laiendarsteller, Tracey Rose aus Südafrika.

Von den Performern seien hier beispielhaft drei Gruppen genannt. Zuerst die Südafrikanerin Tracey Rose mit ihrer Truppe, die in einer Nachbildung eines alten S/W-Fernsehers eine Daily Soap in Form einer Minstrel-Show spielten. Ihre Performance gab der Weltausstellung den Namen: „The World Is Not Fair“. Der japanische Regisseur Toshiki Okada stellte in seiner Performance „Unable To See“ die Katastrophe von Fukushima in den Mittelpunkt. Die Zuschauer folgten den beiden Performern, die sich vorab Schutzanzüge überstreiften in das Innere des nachgestellten Reaktorblocks und erhielten so einen imaginären Einblick in eine abstrakte Welt zwischen Katastrophe und Technikgläubigkeit. In aller Ruhe wurden kontaminiertes Kühlwasser mit den Gummistiefeln geschöpft und dem Publikum die Brennstäbe wie Heiligenschreine präsentiert. Die technikgewohnten Japaner haben eine ganz einfache Erklärung für unsere Bedenken gegen die Atomkraft: „Je weiter entfernt die Menschen sind, desto größer ist ihre Angst.“ Nebenbei war noch zu erfahren, dass der Strom zur Weltausstellung 1970 in Osaka aus dem damals noch zukunftstträchtigen Fukushima stammte.

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Toshiki Okadas Performance „Unable To See“ für die der Reaktor aus Fukushima in Tempelhof nachgebildet wurde.

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Einen der interessantesten Pavillions hatten mit Sicherheit das Theaterkollektiv Andcompany & Co. In ihrem World Freud Centerkonnte sich der im realen Leben geschundene Künstler auf die Couch legen oder in einer Perormance mit Tatiana Saphir (DJ Obstsalat) und Santiago Blaum hemmungslos dem Mammon frönen, in einem Kunstexorzismus nach ganz spezieller Andcompany-Art mit den typischen selbstgebastelten Schildern, Sprechblasen und bunten Requisiten. Aus dem geschützten Ei seines Künstlerdaseins geschlüpft, fällt der Protagonist in die Welt des Kommerz und Konsums in der es immer wieder heißt: „Es gibt kein Budget für Dich.“ Andcompany aber weisen in fast religiösem Eifer einen Ausweg auf die Kehrseite der Welt ins gelobte Land. Die Truppe wird dem HAU weiter erhalten bleiben, man probt gerade wieder an neuen Stücken, u.a. an „Der (kommende) Aufstand“ nach Friedrich Schiller. Beim Festival „Foreign Affairs“ kann man am 03.10.12 eine erste Kostprobe ihrer Performance „Black Bismarck“, die 2013 im HAU gezeigt wird, im Haus der Berliner Festspiele sehen. Interdisziplinär heißt auch das Zauberwort der Stunde bei dem im September und Oktober stattfindenden Festival „Foreign Affairs“. Zu den vielschichtigen Themen Einsamkeit, Kolonialismus, Konsumismus, Ökologie, Rassismus, Manipulation und Erinnerung wird es laut der Kuratorin Frie Leysen einen „Clash von Visionen“ aus Tanz, Film, Bildender Kunst, Architektur, Musik und Performance geben. Das Augenmerk liegt dabei auf der Präsentation von „originalen Kreationen“ und nicht auf der bekannter Vorlagen, wie der neue Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender im Interview mit der Berliner Morgenpost betonte.

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Andcompany & Co. empfingen in ihrem World Freud Center zum musikalisch-performativen Exorzismus.

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Die Nachfolge von Matthias Lilienthal hat nun die Belgierin Annemie Vanackere angetreten. Sie wird im Grunde wohl nichts Wesentliches an der Struktur des HAU verändern, außer das wahrscheinlich die performative Kunst wieder mehr im Vordergrund stehen wird. Die Grenzen hatten sich da in der letzten Zeit immer mehr zu anderen Genres hin verwischt. Diese Weltausstellung ist dafür bestes Beispiel. Vanackere wird u.a. wieder mit den großen Namen der internationalen Tanz- und Performanceszene wie Laurent Chétouane, Anne Teresa de Keersmaeker und Meg Stuart zusammenarbeiten. Ob da aus dem „Es gibt kein Budget für Dich.“ der Performer Andcompany & Co. ein Hoffnung verheißendes „Kreatives künstlerisches Potential gepaart mit innovativen Ideen schafft Dein Budget“ werden kann, wird die kommende Spielzeit ab November am dann frisch renovierten Theaterkombinat HAU zeigen. Auch das Tempelhofer Feld wird weiterhin im Fokus der Theatermacher stehen. Im November zeigt das Gefängnistheater aufBruch hier ihr neues Stück SIMPLICISSIMUS in einer Inszenierung von Peter Atanassow in der Alten Feuerwache des Flughafens Tempelhof. Weitere Kunstausstellungen, die die Weite des Feldes zu nutzen wissen, würden dem Ort aber sicher auch wieder gut zu Gesicht stehen.

tamer-yigit_branka-prlic.jpg Ganz und gar nicht asozial. Das Lager der Performer Tamer Ygit und Branka Prlic.

Ob die Konkurrenz der Freien Szene die behäbigen Stadttheaterkreuzer in Berlin etwas beflügeln kann, wird man spätestens in einem Jahr sehen können, wenn sich 2013 von Anfang Mai bis in den August die Festivals in Berlin sozusagen die Klinke in die Hand drücken. Nach dem Theatertreffen im Mai und den Autorentheatertagen im Juni, bei denen sich die Creme des deutschsprachigen Sprechtheaters und der Gegenwartsdramatik feiern, wird im Juli der bekennende Verächter des konventionellen Stadttheaterbetriebs  Matthias von Hartz mit seiner ersten Version der „Foreign Affairs“ für die Berliner Festspiele ins Rennen gehen. Ihm folgt das bis dahin hoffentlich ebenfalls mit einem erfrischenden Update versehene Festival „Tanz im August“. Spannende Aussichten also für die kommende Theatersaison. Es verspricht wieder etwas farbiger zu werden in der bisweilen grauen Berliner Theaterlandschaft. Der Sommer ist zu Ende, Willkommen in der neuen Spielzeit.

Nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlene Anleitung zum Kunst-Verständnis zu Zeiten von Dada. (Pavillion von Hans-Werner Kroesinger)

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Fotos: St. B.

Video zur Großen Weltausstellung auf Spiegel online

Literatur:
Import Export. Arbeitsbuch zum HAU Berlin
Herausgegeben von Kirsten Hehmeyer und Matthias Pees.
Mit Beiträgen von u.a. Stefanie Carp, Neco Çelik, Carolin Emcke, Barbara Gronau und Joseph Vogl, Pirkko Husemann, Rabih Mroué, Sylvia Sasse und Stefanie Wenner.
Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012, 180 S., 18 Euro
Zur Rezension auf Nachtkritik

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Festivalsommer 2012 (2): Freilufttheaterfanatiker kommen in Berlin bei Shakespeare im Görlitzer Park und dem Hexenkessel Hoftheater auf ihre Kosten.

Donnerstag, August 9th, 2012

HUMANISMUS UND AUFKLÄRUNG IM WETTSTREIT – „UTOPIA™ – WHERE ALL IS TRUE“ NACH THOMAS MORE UND SHAKESPEARE SCHLÄGT TROTZ REGENHANDICAP  „CANDIDE“ NACH VOLTAIRE

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Thomas‘ Gebet um Humor:

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.
Schenke mir Gesundheit des Leibes, mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten.
Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die im Auge behält, was gut ist und rein, damit sie im Anblick der Sünde nicht erschrecke, sondern das Mittel finde, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lass nicht zu, dass ich mir allzu viele Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich „Ich“ nennt.
Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.

Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon

 thomas-more-by-hans-holbein-the-younger.jpg   isola-di-utopia_titelholzschnitt-der-ausgabe-von-1516.jpg Fotos: Wikipedia
Thomas More (Hans Hohlbein der Jüngere) und seine Insel „Utopia“ (Titelholzschnitt der Ausgabe von 1516)

Thomas More (1478 – 1535) war ein Mann von Humor und unerschütterlichen Prinzipien zugleich. Ein gläubiger Katholik und Freund des Humanisten Erasmus von Rotterdam sowie Heiliger und Staatsmann in England unter Heinrich dem VIII. mit utopischen Gesellschaftsvorstellungen, dem, nachdem in Ungnade gefallen, selbst auf dem Richtblock die Scherze nicht ausgingen. Ob er nun ein politisches Genie war oder doch nur ein glückloser Tor, wird das neue Theaterstück „Utopia™ – Where all ist true“ der Berliner Kompanie „Shakespeare im Park“ nicht restlos klären können. Die Truppe reklamiert jedenfalls seine Utopie einer besseren Welt für sich und behauptet eine Trademark auf Mores Ideen zu besitzen. Dabei hatte es der Jurist und Lordkanzler von Heinrich VIII. mit seinem philosophischen Dialog über eine ideale Gesellschaft auf der fernen Insel Utopia nicht so ganz ernst gemeint. Thomas More brachte auf satirische Art auch seine Skepsis an der Verwirklichung eines „utopianischen Staatswesens“ in Europa zum Ausdruck. Was nun „den besten Staat“ nach Mores Prägung betrifft, so proben die Schauspieler auf ihrem Parcours durch den Görlitzer Park in Kreuzberg auch die reale Umsetzung von Mores Ideen im englischen Königreich zu Beginn des „Goldenen Zeitalters“ mit all ihren Vorzügen, Verheißungen und Widersprüchen.

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Der Londoner Mob probt den Aufstand gegen Ausbeutung und fremde Konkurrenz.

Dazu bedient sich die Truppe um Gründer Maxwell Flaum und Regisseurin Katrin Beushausen auch zweier weiterer Stücke. Das 1590 entstandene und mehreren Autoren, u.a. Shakespeare, zugeschriebene Drama „Aufstieg und Fall des Thomas More – The Book of Thomas More“ und Shakespeares Historiendrama „Heinrich VIII.“ von 1612/13, ursprünglich auch „All ist True“ genannt, werden mit Mores „Utopia“ verknüpft. Es beginnt auf der Wiese an der Lohmühlen- Ecke Jordanstraße mit einem Aufstand der Londoner Bürger gegen Willkür und Ausbeutung durch Heinrich VIII. und seinen Lordkanzler Kardinal Wolsey. Die Forderungen der Aufständischen sind allerdings noch sehr diffus, so mancher ist zögerlich und der Ruf gegen ausländische Konkurrenz „Compete today“ wird laut. Hier tritt nun Sir Thomas More als Undersheriff seiner Majestät in Aktion und sorgt nach der Niederschlagung des Aufruhrs für die Begnadigung der Wortführer. Dem König macht er seine Thesen für ein utopisches Experiment zur Verhinderung zukünftiger Revolten schmackhaft. Durch mehr Bildung, Abschaffung des Privateigentums sowie gemeinsames Leben und Arbeiten will er mit seinem Projekt „Utopia™“ für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Eine Unterstützerin hat er dabei in der Königin Katherine von Aragon gefunden.

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Glattes Politparkett. Kardinal Wolsey am Seil. Thomas More wird seine utopischen Thesen gleich vor Heinrich und Katharina ausrollen.

Rufe nach der Abschaffung von Geld und Privatbesitz finden auch im Publikum ungeteilten Beifall. Zwei Ritter als Shakespeare´sche Clowns kommentieren immer wieder mit viel Witz das Geschehen und leiten zu den nächsten Szenen über. Dabei wird im Wechsel Englisch und Deutsch gesprochen, was dem Ganzen auch einen gewissen authentischen Touch verleiht. Während sich Heinrich VIII. lieber um die Scheidung seiner Ehe und die Ablösung von der römisch katholischen Kirche kümmert und sich nebenbei nur noch Sorgen um die Staatsfinanzen macht, ist es Thomas More bitter ernst mit der Umsetzung seiner Ideen. Kardinal Wolsey verliert Amt und Kleider und auch die anderen Mitspieler wechseln die historischen Kostüme gegen leichte aus transparenter Folie, um die neu errungene Gleichheit zu demonstrieren. Aber erst wird noch einmal kräftig gefeiert am Hofe Heinrich VIII., und davon lassen sich die Spieler auch vom plötzlich aufkommenden Gewitterregen nicht abhalten. Während sich so mancher Zuschauer unter die Bäume flüchtet oder ganz das Weite sucht, tanzt das Ensemble ausgelassen im strömenden Regen. Dazu spielt die kanadische Band Trike flotten Synthypop zu eigenen Texten.

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Dancing in the Rain am Hofe Heinrich des VIII.

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Immer in Aktion. Peter Priegann (Mitte) als Sir Thomas More treibt unerbittlich die Truppe durch den Park.

Der Himmel hat aber schnell ein Einsehen und das Treiben im Görli kann schließlich fortgesetzt werden. Der Tross zieht weiter im Park, bevölkert Rutschen, Schaukeln, Buddelkästen und bringt das soziale Projekt „Utopia™“ so langsam in Gang. Thomas More hält seine Mitstreiter zum gemeinsamen Ackerbau an, versklavt Straftäter und bekehrt Abtrünnige. Auch die Problematik der Reformation in England wird hier nicht ausgespart. Obwohl der protestantische Widersacher Mores Thomas Cromwell, bekannt u.a. aus der Fernsehserie „The Tudors“, nicht auftritt, arbeitet sich der katholische Humanist an anderen Lutheranern ab und scheut auch nicht vor Folter und Hinrichtung im Namen des Kreuzes zurück. Schließlich wird More, der sich zum Tyrannen entwickelt hat, selbst fallen und seine Utopie im Zeichen des „Goldenen Zeitalters“ unter Heinrich VIII. vorerst wieder zu Grabe getragen. Trotz aller Enttäuschung um „Die beste aller Welten“ verweist Königin Katharina darauf: „eine Landkarte, auf der die Insel Utopia nicht eingezeichnet ist, bleibt wertlos.“ Shakespeare im Park verbinden mit ihrem Stück „Utopia™“ aufs Beste Historie und Fiktion und verweisen natürlich nicht ohne Spaß am Spielerischen auf gegenwärtige Träume von einer besseren Welt.

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Der Sturz des Thomas More. Das Ende der Insel Utopia?

„Utopia™ – Where all ist true“ weitere Termine: 10., 12., 16., 17., 18., 19. August 2012 – Eintritt frei (jeweils 19 Uhr, sonntags 16 Uhr); Treffpunkt: Görlitzer Park, Lohmühlen- Ecke Jordanstraße

Buch, Konzept u. Regie: SHAKESPEARE IM PARK BERLIN
Regieassistenz: Marianne Cebulla

Schauspieler:
Maxwell Flaum / Cordula Hanns / Dina-Maureen Hellwig / Paul Marino / Ana Mena / Maren Menzel / Peter Priegann / Sebastian Rein / Claudia Schwartz / Gianni von Weitershausen / Sebastian Witt / Brandon Woolf / Sarah Zastrau

Bühne: Alberto Di Gennaro
Kostüm: Arianne Vitale Cardoso
Assistenz Bühne & Kostüm: Tamar Ginati
Music: Stew aka DJ Aufenthaltsgenehmigung
Music & Live Musical Performance: Trike

Weitere Infos unter: www.shakespeareimparkberlin.org/

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„Alle Ereignisse in dieser besten aller möglichen Welten stehen in notwendiger Verkettung miteinander.“ Magister Pangloss aus „Candide oder Die beste aller Welten“, Kap. 30

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Das Hexenkessel Hoftheater im Amphitheater im Monbijoupark gegenüber dem Bodemuseum zeigt Voltaire, Shakespeare und Carlo Gozzi.

Die beste aller Welten nach Leibniz hatte sich auch Voltaire vorgenommen, um sie in einer wirklich bitterbösen Satire aufs Korn zu nehmen. In seinem 1759 anonym erschienenen Roman „Candide oder Der Optimismus“ auch „Candide oder Die beste aller Welten“ genannt, lässt er den Naivling Candide (Thorbjörn Björnsson), verbannt vom westfälischen Königshofe des Barons von Donnerstrunkshausen (Thorsten Junge) und dessen Tochter Kunigunde (bezaubernd Sara Löffler), die er liebt, durch die Welt ziehen und die Schlechtigkeit der Menschheit nur durch seinen grenzenlosen Optimismus ertragen. Zum 300. Geburtstag des großen Hobbyphilosophen Friedrich II. von Preußen und des nicht minder großen Aufklärers Rousseau nimmt sich das Hexenkessel Hoftheater in der Regie von Alberto Fortuzzi den anderen großen französischen Aufklärer Voltaire vor und macht aus dessen Satire „Candide“ eine spaßige Commedia dell’arte mit gehobenem Lachfaktor. Dazu gibt auch gleich der Autor selbst die Einführung, nicht ohne sich gebührend vor seinem Gönner Friedrich Richtung Publikum zu verbeugen.

 Auftritt Voltaire (Christian Schulz) im Hexenkessel candide_voltaire.jpg

Das Hexenkessel-Ensemble arbeitet sich brav an den Highlights des Romans ab. Candides alter Lehrer Magister Pangloß (Michael Schwager) lässt keine schlüpfrigen Bonmots aus, es wird philosophiert und geblödelt was das Zeug hält, zur Freude des zahlreich erschienen Publikums. Es treten furchterregende Bulgaren auf, man fällt unter die Seeräuber, Sturm und Schiffbruch werden bildgewaltig in Szene gesetzt und natürlich wackelt alles zum Lissaboner Erdbeben. Die Schauspieler geben sich in wechselnden Rollen redlich Mühe, aber ein gehaltvoller Spaß mit hintersinnigem Witz will das nicht werden. Nachdem Candide das El Dorado, den utopischen Ort Voltaires, wieder verlassen hat und bei der Begegnung mit dem wie eine Marionette an Strippen hängenden Pessimisten Martino (Christoph Bernhard) langsam alle Hoffnung fahren lässt, kommt es doch noch zum gediegenen Happy End, auch wenn Kunigunde etwas an ihrer Anmut gelitten hat. Es knüpft und fügt sich wie Pangloß es prophezeit hat. Oder fügt sich Candide nur in die Notwendigkeit? Na jedenfalls hat man das Thema Aufklärung auch mal im Hexenkessel beackert. Wie heißt es doch so schön zum Schluss bei Candide? „Allein wir müssen unsern Garten bestellen.“ Und das muss dann wohl auch jeder mit sich allein abmachen.

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Voltaires Candide als spaßige Comedia dell´arte.

Es sind leider keine weiteren Termine mehr für „Candide“ im Angebot. Dafür gibt es noch bis 1. September Carlo Gozzis absurdes Märchen „König Hirsch“  und Shakespeares Komödie „Was Ihr Wollt“ von Dienstag bis Samstag jeweils 19:30 Uhr bzw. 21:30 Uhr im Amphitheater zu sehen. Freunde des Schenkelklopfhumors werden auf ihre Kosten kommen. Weitere Infos unter: www.amphitheater-berlin.de/theater.html

Text und Fotos wenn nicht anders angegeben: St. B.

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Zum Weiterlesen:

  • Thomas Morus: Utopia, bei Projekt Gutenberg
  • Freiheit und Sklaverei. Die dystopische Utopia des Thomas Morus. hier online
  • Karl Kautsky: Thomas More und seine Utopie. (1888), hier in digitaler Form
  • Hilary Mantel: Wölfe. Die Geschichte von Thomas Cromwell. Roman. Aus dem Englischen von Christiane Trabant. Dumont 2010.

  • Voltaire: Candide oder Der Optimismus; Aus dem Deutschen übersetzt von Dr. Ralph und mit Anmerkungen versehen, die man in der Tasche des Doktors fand, als er im Jahre des Heils 1759zu Minden starb; Übersetzt von Wilhelm Christian Sigismund Mylius (1778), sprachlich erneuert und herausgegeben von Prof. Dr. Manfred Naumann, Rütten & Loening, Berlin 1964, mit Illustrationen von Werner Klemke
  • François Marie Arouet de Voltaire: Candide oder Die beste aller Welten bei Projekt Gutenberg

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