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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 6): LEBEN IST TRAUM nach Calderón de le Barca – Eine Open-Air-Produktion des Zygmunt Wolski Theaters auf dem catwalk im ACUD Innenhof.

Montag, August 18th, 2014

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Das ACUDtheater im Haus des 1990 gegründeten Kunstvereins ACUD e.V. in der Berliner Veteranenstraße 21 feiert sein rundes Gründungsjubiläum. Ob nun das 20. oder 25., da ist man sich allerdings nicht ganz sicher. Sicher ist aber – als Geschenk führt das gastierende Zygmunt Wolski Theater den ganzen August über ein Stück nach Pedro Calderón de le Barca (1600-1681) auf dem Open-Air-catwalk im Innenhof des Kunsthauses ACUD auf. Premiere war am 9. August.

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LEBEN IST TRAUM im ACUDtheater (c) Jens–Uwe Behrend

LEBEN IST TRAUM im ACUDtheater
(c) Jens–Uwe Behrend

Der recht erfolgreiche spanische Dichter und katholische Geistliche Calderón verfasste im 17. Jahrhundert über 100 Dramen und etliche sakrale Fronleichnamsspiele. Zweifellos ein spanischer Vorreiter des Österreichers Hugo von Hofmannsthal (Dichter des Jedermann). Und so hatte jener auch eines von Calderóns bekanntesten Stücken La vida es sueño (dt.: Das Leben ein Traum) für sein Trauerspiel Der Turm bearbeitet. Weitere Übertragungen ins Deutsche stammen von Franz Grillparzer und Johann Diederich Gries. Für welche der vielen Übersetzungen des 1635 in Madrid uraufgeführten Versdramas sich das 1996 in Berlin gegründete Zygmunt Wolski Theater entschieden hat, ist nicht bekannt. Vermutlich ist es aber schon die gebräuchliche Fassung von J. D. Gries aus dem Jahr 1817.

Regisseur Felix Goldmann hat Calderóns mit ellenlangen Monologen versehene Drama leicht bearbeitet, sinnvoll auf ca. 90 Minuten gekürzt und Leben ist Traum genannt. Auf eine übliche Modernisierung oder ironische Zwischentöne verzichtet er aber weitestgehend. Man spricht die barocken Verse und trägt zum Teil heutige Kleidung. Die Schauspieler laufen gleich zu Beginn zur Präsentation der einzelnen Charaktere über den hölzernen Catwalk, zu dessen beiden Seiten das Publikum sitzt. An einem Ende des Laufstegs ragt der Kopf eines der Darsteller wie geistesabwesend aus einer Öffnung in den Brettern.

Es ist der eingesperrte Prinz Sigismund (Heiko Schendel), Erbe eines fiktiven Königreichs Polen und an eine Art barocken Kaspar Hauser erinnernde Hauptperson des Stücks. Sigismund wurde wegen böser Prophezeiungen, er werde sich zu einem Tyrannen entwickeln, von seinem Vater Basilius (Rike Eckermann), dem König von Polen, nach der Geburt in einen Turm gesperrt. Nach Jahren, in denen nur der Lehrer Clotald (Samuel Zekarias) Zugang zum Turm hatte, lässt ihn sein Vater für einen Tag auf Probe frei. Falls er sich als würdig erweisen sollte, würde ihm Basilius seine Krone übergeben. Sollte sich aber die Prophezeiung erfüllen, was sie dann auch tut, dann müsste man Sigismund betäubt wieder in den Turm werfen. Seine Herrschaft wäre dann nichts als ein kurzer Traum.

LEBEN IST TRAUM im ACUDtheater  (c) Zygmunt Wolski Theater

LEBEN IST TRAUM im ACUDtheater
(c) Zygmunt Wolski Theater

Hätte, wäre, wenn… Was wie eine griechische Schicksals-Tragödie des Sophokles klingt, hat Calderón aber als christlich-philosophisches Lehrstück gedacht. Jahre vor der Aufklärung und Schillers ästhetischer Erziehung beschäftigte sich der spanische Dichter offensichtlich schon mit der Frage: „Was macht den Mensch zum Menschen?“ Ist Calderóns Sigismund noch wie ein wildes Tier, mit Fellen behängt und in Ketten sein Schicksal beklagend, wirkt Heiko Schenkels Sigismund, nackt bis auf einen Short, zunächst wie ein unschuldiges Kind. Die plötzlich gewonnene Freiheit nutzt der in einen roten Uniformrock gesteckte, unbeholfene Herrscher, wie es ihm beliebt. Seine Macht ungestüm erprobend, trägt er einen Diener, der ihn ermahnen will, nach draußen und wirft ihn vom Balkon ins Meer.

Die so düpierten Granden des Hofes, Astolf (Anders Kamp), Herzog von Moskau und Estrella (Sabine Roßberg), Nichte des Königs, sehen nun ihre Chance, selbst die Nachfolge Basilius‘ antreten zu können, wieder gekommen. Die beiden Intriganten wollen sich durch eine Heirat die Krone sichern. Parallel dazu erzählt Calderón die Geschichte Rosauras (Susanne Heubaum), die einst von Astolf in Moskau verführt und dann verlassen wurde. Um sich zu rächen und ihre Ehre wieder herzustellen, kommt sie als Mann verkleidet mit einem riesigen Schwert bewaffnet nach Polen. Sie hat den Narren Clarin (Barbara Smilowska) im Schlepptau. Der gewiefte tragikomische Schalk dient sich sofort dem nächst besten an, und versucht auch sonst, möglichst schadlos über die Runden zu kommen.

Sigismund, der Rosaura, die ihm als Kammerzofe im Dienste Estrellas am Hofe begegnet, begehrt und fast vergewaltigt, wird schließlich mit einem großen Netz, das über der Szene hängt, gefangen, betäubt und wieder in sein Verließ geschleppt. Der Weg für Astolf und Estrella scheint nun frei. Durch eine Revolte des Volkes, die sich lautstark hinterm Vorhang abspielt, wird Sigismund jedoch wieder befreit und erneut inthronisiert. Er zieht gegen seinen Vater in den Krieg. „Die Freiheit hofft auf dich“, skandiert der Chor der Aufständischen. Aber nicht grausam und stolz demütigt er den Unterlegenen, sondern beugt sich, geläutert durch seinen ersten missglückten Versuch als Herrscher, den er wie die ganze Welt für einen gottgewollten Traum hält, dem Urteil des Vaters. Als gelehriger Schüler wird Sigismund nun zu einem gerechten König. Er nimmt standesgemäß Estrella zur Frau und verzichtet auf Rosaura, die durch die Heirat mit Astolf ihre Ehre wieder herstellen kann.

LEBEN IST TRAUM im ACUDtheater  (c) Zygmunt Wolski Theater

LEBEN IST TRAUM im ACUDtheater
(c) Zygmunt Wolski Theater

Das ist so eine heute kaum noch zeitgemäße Denk- und Handlungsweise. Berechtigte Zweifel sind da durchaus angebracht. Wird hier doch eher restaurativ die alte Herrschaft wieder hergestellt. Felix Goldmann inszeniert das Drama dann auch ganz zuallererst als Ränkespiel um Macht und persönliche Interessen, an dem sich alle vortrefflich beteiligen. Aber auch aktuelle, moralische Aspekt und philosophische Fragen werden nicht vernachlässigt. Ist die Welt, alles Leben und Herrschen nur ein Traum? Gibt es einen freien Willen, ein wahres Leben vor dem Tod? Sigismund ist auch ein Herrscher, der sein Tun und damit sich selbst in Frage stellt. Seine Schlüsse daraus sind jedoch immer wieder neu zu bewerten. Und so schauen auch die Darsteller zum Schluss etwas ungläubig ob der Entscheidungen Sigismunds in die kleine Videokamera.

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LEBEN IST TRAUM
Eine Zygmunt-Wolski-Theaterproduktion
nach Pedro Calderón de le Barca
ACUDtheater (Premiere: 09.08.2014)

Regie: Felix Goldmann
Ausstattung: Jens Uwe Behrend
Musik: Grit Lindau & Anders Kamp
Technik: Daniel Semke
Mit: Rike Eckermann (Basilius), Susanne Heubaum (Rosaura), Anders Kamp (Astolf), Sabine Roßberg (Estrella), Heiko Schendel (Sigismund), Barbara Smilowska (Clarin) und Samuel Zekarias (Clotald)

weitere Infos: http://www.acud.de/

und: http://wolskitheater.de/

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Eintrittpreise: 13 € / 9 € (erm.), bei jedem Wetter !

Weitere Termine: 21.-24., 27.-29. und 31. 8. 2014

Zuerst erschienen am 10.08.14 auf  Kultur-Extra.

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 5): WIE ES EUCH GEFÄLLT beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex und im Amphitheater am Monbijoupark.

Samstag, August 16th, 2014

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SHAKESPEARE und PARTNER spielen in der Klosterruine am Alex  Wie es euch gefällt als verdrehte Genderverwirrung

Nachdem SHAKESPEARE und PARTNER Ende Juli das Sommertheater am Alex mit der Komödie der Irrungen eröffneten, hatte nunmehr Wie es euch gefällt in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche Premiere. Shakespeares Komödie aus dem Jahre 1600 liegt der kurz zuvor erschienene Roman Rosalinde von Thomas Lodge zugrunde. Aus diesen und noch anderen ungeklärten urheberechtlichen Problemen fand das Stück erst 1623 Einzug in den Kanon der Werke Shakespeares. Was dem Erfolg dieser Liebeskomödie über die Jahrhunderte keinen Abbruch tat. Ähnlich wie in der ein Jahr später entstandenen Komödie Was ihr wollt spielt Shakespeare hier lustvoll mit den Gefühlen und Geschlechter-Identitäten seiner Protagonisten.

Shakespeare und Partner-Sommertheater am Alex

(c) SHAKESPEARE und PARTNER

Bei der Geschlechter-Verkehrung in der gewohnten Rollenausrichtung haben SHAKESPEARE und PARTNER natürlich auch so ihre Erfahrungen. Den großen Spaß an den Liebesverwirrungen versucht man hier noch dadurch zu steigern, dass die Frauenrollen von den Männern und die männlichen Parts von den Frauen des Ensembles gespielt werden. Dass das von besonderem Witz sein kann, hat vor ein paar Jahren bereits Katharina Thalbach bewiesen, als sie alle Rollen im Stück mit Schauspielerinnen besetzte und damit die Tradition der Darstellung in England zu Zeiten Shakespeares einfach umdrehte.

Die Geschichte um zwei verfeindeter Herzöge, in der Liebe und Hass, Zuneigung und Verrat dicht beieinander liegen, soll in der Inszenierung von Andreas Erfurth nun also zu einem ganz speziellen Bühnenvergnügen werden. Die Mauern der alten Klosterruine bieten dafür die beste Kulisse. Dabei wird auf einem kleinen Podest wie schon bei den Irrungen ohne aufwendiges Bühnenbild gespielt. Den Ort gibt Shakespeare auch nicht näher an. Wir befinden uns zunächst am Hofe des Herzogs Frederick, einem finsteren Usurpators, der seinen Bruder Herzog Ferdinand in den Ardenner Wald verbannt hat. Der Witz dabei ist, dass Regine Gisbertz (neu im Ensemble) beide Parts übernommen hat und dies mit ausgesprochen großem Talent zur schnellen Wandlung meistert.

Wir begegnen aber noch einem anderen sich feindlich gesinntem Bruderpaar. Der älteste Sohn des verstorbenen Sir Rowland de Boys, Oliver (ein weiteres Mal die vielbeschäftigte Regine Gisbertz) hat den jüngsten Sohn Orlando (Jillian Anthony) ebenfalls um das Erbe des Vaters gebracht. Der mittlere Sohn Jakob ist aus Gründen der Übersichtlichkeit gestrichen. Oliver sinnt seinem recht ungestümen jüngeren Bruder nach dem Leben und hetzt ihn in einen Kampf mit dem hünenhaften Ringer Charles (Rike Joinig als finsterer Huckepack-Wrestler im Kapuzenmantel), den Orlando aber wider Erwarten aus den Stiefeln haut. Das imponiert den beiden höfischen Grazien und Cousinen Rosalind und Celia dermaßen, dass sich Rosalind, Tochter des verbannten Herzogs Ferdinand, Hals über Kopf in den jungen Recken verliebt. Nachdem Herzog Frederick, Vater der Celia, Orlando und die Tochter des alten Widersachers jeweils nacheinander ebenfalls in den finsteren Wald verbannt, beginnt das lustige Bäumchen-wechsle-dich-Spiel mit den verliebten Paaren und Geschlechtern zauberhafte Blüten zu schlagen.

Die Klosterrruine am Alex Foto: St. B.

Die Klosterrruine am Alex
Foto: St. B.

Die Cousinen folgen nämlich Orlando, ohne zunächst von ihm zu wissen, in den Ardenner Wald. In der Rolle der Rosalind erleben wir den Schauspieler Saro Emrize, der nun aus seiner Frauenrolle in die Rolle einer Frau, die einen Mann spielen muss, switcht und sich kurzer Hand MC Ganymed nennt. Alles klar? Kai Frederic Schrickel als Celia darf sein Bühnengeschlecht und Röckchen behalten und bekommt als AlienA nur eine lustige Sonnenbrille und einen Rollkoffer als Touri-Verkleidung. Girls Just Want to Have Fun nach Cindy Lauper, und so begegnen die beiden getürmten großstädtischen Girlies im Ardenner Wald, der, mangels echter Bäume, mit ein paar Luftballons gekennzeichnet ist, noch weiteren schrägen Gestalten. Eine davon haben sie höchstselbst mitgebracht, den Hofnarren Grapschtein (auch Touchstone oder schlicht zu deutsch: „Probierstein“). Rike Joinig gibt den Witzkerl gerufenen Spaßvogel, der nicht auf den Mund gefallen ist, ganz szenemäßig mit bunter Punkfrisur.

Musik spielt neben Liebeslust und -frust in Shakespeares Komödie ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Vor allem die bereits im Walde befindlichen Protagonisten, die es sich hier fern der Zivilisation in ihrer kleinen, netten Weltflucht bequem gemacht haben, geben einiges zum Besten. So der gute Herzog Ferdinand als John-Lennon-Verschnitt zur Gitarre. Seine Gefühlswallungen muss er sich in einem Zuber mit Eiswürfeln wieder runterkühlen. Der melancholische Edelmann Jaques (Dierk Prawdzik hier als Zwitterwesen Jacky) singt „In einem Kühlen Grunde“ oder gibt auch mal Elvis the Pelvis. Er streut immer wieder Tiefsinniges z.B. zu den 7 Mannesaltern ein und philosophiert übers Reifen und Rotten mit einer Biogurke in der Hand. Von Jacky kommt auch das Motto des Abend: „Alle Welt ist nichts als Bühne.“ Männer und Frauen sind für ihn bloße Spieler mit mehr als einer Rolle. Was hier auch trefflich vorgeführt wird.

Schon Shakespeare machte sich mit seinem Stück über die vorherrschende Verklärung der Natur als Schäferidyll weidlich lustig. Und auch in der Klosterruine ist der Ardenner Wald voller wunderlicher Randexistenzen und verliebter Trottel wie Schäfer Silvius (Rike Joinig als depperter Müllsammler) und Bauerntölpel Wilhelm (Jillian Anthony) sowie liebreizender Waldfeen, die da Phoebe und Traute heißen (beide Sebastian Bischoff). Und nun wird heftig über Kreuz begehrt, dass es selbst den Narren graust. Das eigentlich füreinander bestimmte Traumpaar Rosalind und Orlando macht sich dabei zusätzlich noch mit einem Spiel das Leben schwer. Zur Klärung der Frage: „Ist Liebe heilbar?“ muss der verhinderte Graffiti-Künstler (I spray for you) und „Blankversmetzger“ Orlando wiederholt bei Ganymed um die Liebe seiner Angebeteten werben. Was letztlich beide in einige Gefühlsverwirrungen stürzt. Liebe säuseln die Blätter oder Listen to Shakespeare.

Wie es euch gefällt von Shakespeare und Partner Foto: St. B.

Wie es euch gefällt von Shakespeare und Partner – Foto: St. B.

Dass bei diesem wirren Gewusel doch noch jeder Topf seinen Deckel bekommt, grenzt an ein Wunder, sogar der böse Bruder Oliver entdeckt schließlich sein Herz für Cilia, was einer wundersamen Wendung der Geschichte mit einem Löwen und einer Schlange zu danken ist. Das Ganze führt in eins der typisch ausufernden Shakespeare-Happy-Ends mit Vierfach-Hochzeit. An diesem Abend wird natürlich auch ungeniert die Lizenz zum Blödeln ausgeben. Und dafür ist bekanntlich kein Kalauer zu flach. Aus Orlando wird schon mal Zalando, und der obligatorische Griff in den Schritt darf auch nicht fehlen. So schließt das Stück dann ganz passend mit dem weisen, für Männer wie Frauen gleichlautenden Ratschlag des Epilogs: Wie es euch gefällt.

Zu bemerken wäre noch, dass Musikerin Bettina Koch selbstgehäkelte Conchita-Wurst-Bärte zum Verkauf anbot, die, merkwürdiger Weise, leider nur beim weiblichen Publikum reißenden Absatz fanden. Da muss man wohl noch einiges an Überzeugungsarbeit bei der holden Männlichkeit leisten.

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Das Hexenkessel Hoftheater spielt Shakespeares Wie es euch gefällt als lustige Aussteigerkomödie im Leiterwald des Amphitheaters am Monbijoupark.

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(c) www.monbijou-theater.de

Bereits am 6. Juni feierte Wie es euch gefällt seine Premiere auch im Amphitheater am Monbijoupark. Das Hexenkessel-Hoftheater beschenkte sich und das wie in jedem Jahr lange Schlangen bildende Berliner Publikum zum 20jährigen Bestehen mit Shakespeares Liebeskomödie. Und auch diesmal drehen die Darsteller in gewohnter Manier auf und auch streckenweise mal durch. Man kann sich hier nie ganz sicher sein. Der Überraschungsfaktor ist etwas, was im Hexenkessel immer wieder eine große Rolle spielt. Ein Funke der zündet, auch wenn des Narren Lehrbuch mal nicht wie geplant Feuer und Flamme schlägt.

Beginnt es im Amphitheater am Monbijoupark zunächst noch ganz ähnlich wie in der Klosterruine am Alex, bekommt die Story um die liebesirren Paare im Ardenner Wald bald eine ganz andere Wendung. Nachdem Orlando (Michael Schwager) den eher schmächtigen im auswattierten Muskelsuite angetretenen Ringer Charles (Ina Gercke) auf die Bretter geschickt hat, verschwindet er gefolgt von den Cousinen Rosalind (Rebekka Köbernick) und Celia (Roger Jahnke betörend im Fummel) im Ardenner Wald, der hier aus einem Gewirr aus langen und kürzeren Stehleitern besteht, auf denen es sich wunderbar herumklettern und wohl gereimte Liebeslyrik annageln lässt.

Wie es euch gefällt. Verloren im Leiterwald des Amphitheater - Foto: St. B.

Wie es euch gefällt. Verloren im Leiterwald des Hexenkessel-Amphitheaters – Foto: St. B.

Auf dem Holzweg befindet sich die Gruppe der Verbannten aber dennoch nicht, obwohl ihnen nun auf Schritt und Tritt merkwürdige Waldbewohner begegnen, wobei wieder der schnelle Rollen- und Kostümwechsel gefragt ist. Das Personal ist hier leicht verändert, und dem verbannten Herzog im ba-rockigem Jägeroutfit (Matthias Horn, auch als Herzog Frederick und wollbärtiger Schäfer Corinn in Aktion) sind ein paar Bedienstete gegönnt worden. Amiens (Tobias Schulze,auch alsOliver und trottelig verliebter Schäfer Silvius) schwebt wie ein verspätetes Blumenkind von Leitersprosse zu Leitersprosse und sammelt mit Freuden die Früchte des Waldes wie Beeren und Pilze, von den eifrig genascht wird. Der arme Forster (Regine Zimmermann,auch alsSchäferin Phöbe) trägt den gesamten Hofstaat in Form von Tischtuch und Tafelzeug immer wieder auf und ab.

Das lustige Jäger- und Sammlerleben der drei mehr oder minder freiwilligen Aussteiger wird auch hier vom Melancholiker Jaques komplettiert, dem der vom BE zur Truppe gestoßene Roman Kanonik massiges Aussehen und Wucht verleiht. Ganz in Schwarz wirkt er eher wie ein existentialistischer Künstlerverschnitt. Das Philosophieren über die Rollenspiele des Lebens und die Existenz des Hungerkünstlers wird dann auch eher zum groß angelegten Wut-Monolog als feinsinnig ironischem Geplauder. Die Sinnlosigkeit seines Daseins einsehend, begibt sich Jaques bereitwillig beim Narren Prüfstein in die Lehre, was den guten Wortwitz und so manchen Kalauer befördert. Wieder eine Paraderolle für Publikumsliebling Vlad Chiriac, der mit seinem Schüler Kanonik aber starke Konkurrenz bekommen hat. Ein Duo Infernale als große komödiantische Bereicherung des Hexenkesselhoftheaters.

Wie es euch gefällt im Monbijoutheater Foto: St. B.

Wie es euch gefällt im Monbijoutheater – Foto: St. B.

Hauptpersonen der Komödie sind aber immer noch das Dreigestirn Rosalind, Orlando und Celia, die sich hier in ihr Spiel um Liebesfragen verstricken, necken und irgendwann nicht mehr ein- und aus wissen. Die Frage nach der Liebe auf den ersten Blick wird dabei ganz offensichtlich mit einem feinen Klingeln und glänzend großen Augen der Protagonisten beantwortet. Das dies nun zum Vergnügen des Publikums mehrmals am Abend geschieht, erhöht natürlich nur die Verwirrung und Pein der liebestollen Waldbewohner. Aber die Erlösung ist nah, und auch im Hexenkessel des Amphitheaters bekommt am Ende jeder was er will und wie es ihm gefällt.

Die Komödienmaschine des Hexenkessels läuft mittlerweile gut geschmiert, die Pointen und Zoten sitzen treffsicher, was aber dem Spiel der Truppe im Laufe der Zeit kaum etwas von seiner Originalität und Ursprünglichkeit genommen hat. Die Truppe hat zum Jubiläum noch eine Neuaufnahme des Shakespeare-Klassikers Ein Sommernachtstraum und mit La Mandragola eine Komödie des florentinischen Staatsphilosophen und Dichters Niccolò Machiavelli im Programm.

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WIE ES EUCH GEFÄLLT
von William Shakespeare
in der Klosterruine am Alex
Übersetzung: Frank-Patrick Steckel
Regie: Andreas Erfurth
Ausstattung: Ulrike Eisenreich
Piano: Bettina Koch

Mit: Jillian Anthony, Regina Gisbertz, Rike Joeinig, Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel.

Dauer: ca. 140 Min. (inkl. 1 Pause)
Premiere war am 6. August 2014
in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche
Klosterstraße 73 a, 10179 Berlin-Mitte.
U-Bhf. Klosterstraße oder S-Bhf. Alexanderplatz

Weitere Termine:
noch mal am 16. und 17.08. in der Klosterruine am Alex
13.08. bei den Burgfestspielen Dreieichenhain in Dreieich/Hessen
26.-29.08. im Schirrhof Potsdam

Infos: http://www.shakespeareundpartner.de/stuecke/wie-es-euch-gefaellt/

Zuerst erschienen am 08.08.14 auf Kultur-Extra.


WIE ES EUCH GEFÄLLT
nach William Shakespeare
im Amphitheater am Monbijoupark
Textfassung: Carsten Golbeck
Regie: Sarah Kohrs
Text: Carsten Golbeck
Bühne: David Regehr, Halina Kratochwil
Kostüme: Halina Kratochwil
Musik: Jaques Moore
Maske: Nora Krätzer, Nina Dell
Licht: Henning Streck

Mit: Rebekka Köbernick, Michael Schwager, Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Roman Kanonik, Matthias Horn, Carsta Zimmermann, Tobias Schulze u. Ina Gercke

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater.html

Termine: noch bis 6. Septmber, Di – Sa 19.30 Uhr

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 3): WOLFSFRIEDEN – Dominique Wolf bespielt mit ihrem Theater Wolfsbühne die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg.

Montag, Juli 28th, 2014

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Die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg.

Die Cuvry-Brache in Berlin-Kreuzberg.

Ein Operndorf ganz nach Christoph Schlingensiefs Idee wollte die Schauspielerin und freie Theaterregisseurin Dominique Wolf auf der Cuvry-Brache in Kreuzberg für einen Abend errichten. Ein Dorf am Ufer der Spree, das viele nur als erste Favela Berlins bezeichnen. Künstler, Aussteiger, Obdachlose, polnische Wanderarbeiter und Roma-Familien leben hier aus den unterschiedlichsten Gründen seit etwa zwei Jahren nebeneinander, in Zelten und selbstgebauten Hütten ohne Strom, Wasser und sanitären Einrichtungen. Den meisten Kreuzberger Anwohnern ist das freie Dorf ein Dorn im Auge, der Fortbestand latent bedroht von der Räumung durch einen Investor, der das Gelände irgendwann mal bebauen will. Bis dahin sind die Cuvryaner geduldet. Man kennt das noch vom Kulturhaus Tacheles in der Oranienburger Straße. Die Probleme sind da also fast schon vorprogrammiert.

Regisseurin Dominique Wolf

Regisseurin
Dominique Wolf

„Welcome in FreeCuvry“ und „See it with your eys“ steht auf einem Schild am Eingang. Regisseurin Wolf, die 2010 die Wolfsbühne gründete, will mit ihren alternativen, spartenübergreifenden Theaterprojekten sozialkritische Themen aufgreifen und geht dafür mit ihrem Team immer wieder direkt in den Stadtraum. Mit WOLFSFRIEDEN bespielt sie nun die Cuvry-Brache, einen Ort der ganz anderen Wohnkultur, fern jeder geordneten Struktur und Absicherung, ohne Garantie und doppelten Boden. Zwei Monate lang hat Dominique Wolf vor Ort bei den Bewohnern um Akzeptanz für ihre Idee geworben und um Mitwirkung bei der Durchführung ihres Vorhabens.

Das Ergebnis konnte nun am Samstag, den 26. Juli ab 18:30 Uhr von Interessierten und Freunden unkonventionellen Theaters für den Unkostenbeitrag von 10 Euro besichtigt werden. Das Eintrittsgeld soll den Bewohnern der Cuvry-Brache zu Gute kommen. Wolf will aber durch ihr Projekt vorrangig Aufmerksamkeit für die Lage der Leute vor Ort erzeugen, Kunst als Mittel zur Verständigung für ein friedliches Miteinander der verschiedenen Gruppen mit den Anwohnern des Kreuzberger Kiezes. Kernstück dieses Vorhabens ist eine große gedeckte Tafel, an der gegessen, getrunken und geredet werden soll. In einigen der Behausungen der Cuvryaner gibt es außerdem kleine Spielszenen mit echten Schauspielern und auch Bewohnern der Brache.

Das Ganze ist wie ein kleiner Parcours aufgebaut, den das Publikum in Gruppen immer wieder durchlaufen kann. Die Schauspieler performen teilweise in oder auch vor den kleinen Holzhütten, die sich im vorderen Teil des Areals in einem etwas verwilderten Wäldchen befinden. Wer nicht aufpasst, tritt hier aber auch in sorgsam angelegte Beete. „Folgen Sie mir, bitte folgen Sie mir.“ Der freundlich bestimmten Aufforderung Wolfs kann man sich nur schwer entziehen. Man ist ja schließlich auch gekommen, um zu schauen. Die anfangs noch empfundene Scheu vor dem ungewohnten bewohnten Ort weicht schnell der Neugier. Und so wagen sich die bereits erschienen Besucher gegen 19:00 Uhr endlich zuversichtlich auf die erste Runde.

Dominique Wolf mit Bewohnern und Besuchern an der großen "Königs-Tafel".

Dominique Wolf mit Bewohnern und Besuchern an der langen „Königstafel“.

Man stößt im märchenhaften Gestrüpp auf kurze Performances, die sich um den „König des Dorfes“, das „Tal der Traurigkeit“, die „Melancholie“, „Wahre Liebe“ oder „Befruchtung“ drehen. Vor allem sollen hier natürlich die Zuschauer selbst befruchtet werden. Mit Kunst zum Kern der Sache. Es geht im Großen und Ganzen um die vielfältigen Spielarten zwischenmenschlicher Beziehungen, um Kreativität und das Anderssein. Ein vom Fruchtbarkeitsterror seiner Frau genervter politischer Schönredner findet sein wahres Glück einfach in der Nachbarhütte. Die Schauspielerin Miriam Ternes erzählt eine wundersame Liebesgeschichte über eine am Tinitus leidende Frau, die nicht nur den Hörnerv des Publikums trifft. Der chilenische Tänzer Danilo A.S. Cofre zeigt eine eigene Choreografie und berichtet den Umstehenden von seinem Inspirationserlebnis mit Pina Bausch.

In einer Hütte muss eine junge Sopranistin einem alternden Impresario (Günther Schanzmann) eine Koloraturarie in der Waagerechten vorsingen, einige Sträucher weiter sitzt die Venus 2013 im Schaumbad und bringt ihren Othello-haften Verehrer zur Verzweiflung. Trotz heftigstem Streit ist doch die Liebe immer wieder das alles verbindende Element. Auch wenn sich sicher nicht alles auf diese einfache Formel herunterbrechen lässt, bleibt dies die wichtigste Botschaft des Abends.

Schleiertanz mit Elsa Loy

Schleiertanz mit Elsa Loy

Über Lautsprecher werden O-Ton-Beiträge der Cuvryaner eingespielt, die über ihr Leben auf der Brache berichten. Und als sich die ersten Besucher bereits an die große Tafel setzen wollen, gibt die Tänzerin Elsa Loy noch eine magischen Schleiertanz-Vorstellung. Der Abend schließt aber am Spreeufer ab mit einer echten Operneinlage auf einem kleinen Boot. Kristin Schulze, die Sopranistin aus der Hütte vorher, hat ihr Engagement an Bord angetreten und singt noch eine bezaubernde Arie mit überraschendem Schlusspunkt. Begeisterter Beifall für alle Beteiligten.

Die Blicke schweifen noch einmal von der Brache übers Wasser. Sie ist ein sogenanntes Filet-Grundstück in bester Lage. Der Ausblick könnte auch besser nicht sein, links die Oberbaumbrücke, am gegenüberliegenden Ufer das Gebäude von Universal Music. Die Media-Spree als drohende Alternative hat man also stets vor Augen.

Sopranistin Kristin Schulze mit Choloraturarie zum Sonnenuntergang auf der Spree

Sopranistin Kristin Schulze mit Koloraturarie zum Sonnenuntergang auf der Spree

2012 war noch durch linke Gentrifizierungsgegner ein Denklabor, das sog. BMW-Guggenheim-Lab, auf der Brache verhindert worden. Bei verschiedenen Veranstaltungen sollten hier Themen der Stadtentwicklung diskutieren werden. Die Macher zogen wegen des Sicherheitsrisikos schließlich auf das Gelände des Pfefferbergs im Prenzlauer Berg. Befürchtungen der Kiezaufwertung, steigende Mieten, etc., etc. – das alles ist nichts Neues für Berlin. Die Anwohner wollten nicht zur Kiezattraktion werden. Nun ist man es letztendlich doch. Die Touristen kommen in Scharen, um das alternative Berlin-Feeling zu spüren, und machen Fotos fürs Facebookalbum. Die Belange und Probleme der Be- bzw. Anwohner der Cuvry-Brache interessieren da eher am Rande.

Wie sich die Cuvryaner ihre Zukunft tatsächlich vorstellen, könnte man am 2. August bei einem „Tag der Offenen Cuvry“ erfahren. Fakt ist, die Gentrifizierung ist im Kiez um das Schlesische Tor längst angekommen. Massen von Feier- und Sensationswütigen belagern allabendlich die Kneipen und Restaurants in der Schlesischen Straße. Die Betreiber leben davon und sind bestrebt ihre Geschäftsgrundlage dauerhaft zu sichern. Wie es damit nach dem vom Investor geplanten Bau der „Cuvryhöfe“ aussieht, wird sich zeigen. Das Ruhebedürfnis geplagter Städter hat schon ganz andere Gebiete dauerhaft befriedet.

Gefragt sind nun in erster Linie der Bezirk Kreuzberg/Friedrichshain und auch das Land Berlin, das die Bebauungshoheit der attraktiven Lücke an sich gezogen hat. Nur ist von dort zum Thema bisher nicht allzu viel zu hören. Sich öffnen, ist eine der Losungen der Operndorfaktion WOLFSFRIEDEN. Damit das keine hohle Phrase oder schöne Utopie bleibt, bedarf es mehr als ein paar wohlmeinender, vermittlungsbereiter Theaterleute.

Bildergalerie WOLFSFRIEDEN

alle Fotos (c) Stefan Bock

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WOLFSFRIEDEN
auf der Cuvrybrache, Schlesischestr./ Cuvrystr,
Premiere war am 26.07.2014
Regie: Dominique Wolf
mit: Adrian Zwicker, Édes Anna, Sonja Amina Chatterjee, Daniela Frezzato, Elsa Loy, Gregor von Holdt, Grete Gehrke, Oliver Schulz, Marie-Louise Stoffel, Günter Schanzmann, Kristin Schulze, Harald Polzin, Danilo Andres Sepulveda Cofre, Miriam Ternes, Ronja Seifert, Bibaki Mou, Lutz Rothe, Daniel Matz, Candy Bormann u.a.

Infos zur Wolfsbühne unter: http://wolfsbühne.de/ und

https://www.facebook.com/pages/Wolfsb%C3%BChne/444179992280660?ref=ts&fref=ts

Samstag, 2. August: Tag der Offenen Cuvry
FreeCuvry lädt alle ein zu Musik, Essen, Trinken, Bootsbau, Fluss und Strand, Massage, Führungen und vieles mehr, ab 13h.
16-18h: Offene Diskussion mit Anwohner_innen und Bewohner_innen
Ab 19h Praxisworkshop
Ab 20h: Filmgucken auf Leinwand und Party!

Weitere Infos zu FreeCuvry unter:
http://freecuvry.wordpress.com/ oder https://www.facebook.com/CampCuvrystrasse

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 2): Shakespeares „Komödie der Irrungen“ aufgeführt von SHAKESPEARE und PARTNER beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex

Freitag, Juli 25th, 2014

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„Wer bin ich?“ ist seit jeher eine der wichtigsten und auch immer wieder verwirrendsten Frage des Menschen. Die Verwechslungskomödie setzt dem meist noch zahlenmäßig einen drauf und vervielfältigt das Identitätsdilemma der Protagonisten durch gottgewollte Doppelgänger oder auch ganz irdische Zwillinge. Wir kennen Sie aus Molières Komödie des Amphitryon (1668), die Heinrich von Kleist inspiriert durch die Lektüre Immanuel Kants 1803 sogar ins tragikomisch Philosophische erhob, und der Komödie der Irrungen (1592) von William Shakespeare, einem zugegebener Maßen seltener gespieltem Frühwerk des englischen Dichters, dessen 450. Geburtstag in diesem Jahr weltweit begangen wird. Beide Stücke gehen jeweils zurück auf eine lateinische Komödie des römischen Dichters Plautus (254 – 184 v. Chr.), der sich wiederum von griechischen Komödiendichtern wie Menander (342/341 – 291/290 v. Chr.) inspirieren ließ. Der Ursprung aller Komödien aber ist wie bei der Tragödie der antike Dionysoskult. Das Genre der Verwechslungskomödie ist demnach fast so alt, wie das Theater selbst.

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Sommertheater in der Klosterkirche am Alex - Foto: St. B.

Sommertheater in der Klosterkirche am Alex – Foto: St. B.

Mittlerweile beheimatet Berlin mit der Shakespeare Company, Shakespeare im Park und Shakespeare & Partner nicht weniger als drei Open-Air-Theatertruppen, die sich auf den großen elisabethanischen Dichter berufen und auch das Hexenkessel-Amphitheater im Monbijoupark hat so einiges von Shakespeare auf dem Spielplan. Letztmalig in Berlin auf einer Stadttheaterbühne waren die Irrungen übrigens in einer Inszenierung des britischen Regisseurs Martin Duncan 2001 am Maxim Gorki Theater zu sehen, dem Jahr der Gründung von SHAKESPEARE und PARTNER. All das ist neben dem Spaß am Spiel selbst natürlich Grund genug, den unterschätzten Erstling Shakespeares mal wieder aus der Schublade zu holen. Das taten Shakespeare & Partner bereits im Oktober 2012 für das Bürgerhaus in Pullach. Seither gastierte die Truppe mit der Inszenierung des 1970 in Bombay geborenen indischen Regisseurs Kenneth Philip George schon an vielen Bühnen quer durch Deutschland und auch im Ausland, bis sie damit 2013 ihre neue Sommerspielstätte in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche in der Nähe des Alexanderplatzes bezog.

Nachdem im letzten Jahr Molières Amphitryon in der Version des Hexenkessels im Monbijoutheater den Shakespeare-Jüngern noch die Show gestohlen haben dürfte, eröffnete nun am 22. Juli wieder die Komödie der Irrungen ganz optimistisch den diesjährigen Theatersommer am Alex. Das Ensemble spielt dann auch von Anbeginn mit sehr viel Leidenschaft für und mit dem Publikum in der Klosterruine. Selbst der Verkauf der Programmhefte gerät da zu einer kleinen Performance. Fast noch wichtiger ist für das Open-Air-Sommertheater neben dem aufopferungsvollen Spiel ein flotter, gängiger Text. Mit der eher prosaischen Erstübersetzung von Christoph Martin Wieland oder der etwas geschraubten Versfassung von Wolf Graf Baudissin für die Schlegel/Tieck-Ausgabe ist da heute kein Stich mehr beim vergnügungssüchtigen Publikum zu machen. Fast jede Neuinszenierung bedient sich daher moderner Neuübertragungen.

Erstaunlich nur, dass sich das fast ausschließlich aus den alten Bundesländern stammende Ensemble hier für die Übersetzung des unter dem Pseudonym E. S. Lauterbach schreibenden Journalisten Erich Selbmann (1926 – 2006), wenigen vielleicht noch als großes Tier im Rund- und Fernsehfunk der DDR sowie Chefredakteur der Aktuellen Kamera bekannt, entschieden hat. Eine „richtig rote Socke“ also, wie es Schauspieler Kai Frederic Schrickel etwas ironisch in seiner kleinen Einführung zum Stück erwähnt. Selbmanns Übersetzung entstand 1968 für Peter Kupkes Inszenierung am Hans-Otto-Theater Potsdam. Kupke, der mittlerweile z.B. auch wieder am Staatstheater Cottbus inszeniert, nahm die Übersetzung in den 1980er Jahren bei seinem Gang in den Westen mit ans Staatstheater Wiesbaden. Irgendwo da muss sie eines der bereits an etlichen deutschen Stadttheatern engagierten Mitglieder der Truppe jedenfalls aufgeschnappt haben.

Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Komödie der IrrungenFoto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Und der Text E. S. Lauterbachs scheint wie gemacht für das schnelle Spiel der Darsteller. Kein Stelzen oder Holpern, die Worte gehen allen recht flüssig von den Lippen. Die Pointen sitzen zielsicher und sind selbst noch für manch humoristischen Sidegag gut. Der erst 20jährige Shakespeare bewies hier schon ein gutes Gespür für Witz mit Hintersinn und versteckte tagespolitisch aktuelle Seitenhiebe. Soweit geht es bei SHAKESPEARE und PARTNER nicht, man konzentriert sich ganz auf den Spaß der Verwicklungen und Verwirrungen, die zwei sich gänzlich unbekannte Zwillingspaare bei sich selbst und den übrigen Protagonisten auslösen. Auch wenn der Schweizer Schriftsteller Ulrich Bräker 1790 in Etwas über William Shakespeares Schauspiele zu den Irrungen in der Art mäkelte: „Ich bin zwar wohl mit dir zufrieden, großer Dichter, du hast alles harmonisch und zierlich durcheinander gewebt: aber das glaub ich dir in Ewigkeit nicht, daß man auf Gottes Erdboden zwei Menschen finde, die in keinem Stück voneinander zu unterscheiden wären.“, der Plot geht dank seiner Situationskomik und gut getimten Dramaturgie dennoch ganz vorzüglich auf.

So schlägt dann auch pünktlich um 20:00 Uhr die Kirchenglocke der benachbarten Parochialkirche und gibt das Signal für den Auftritt von Kai Frederic Schrickel, der neben Solinus, Herzog von Ephesus, auch noch den Kaufmann Ägeon von Syracus gibt, der sich den landläufigen Gesetzten der Stadt zuwider in Ephesus aufhält und sich an den Rollstuhl gefesselt mangels nötigem Kleingeld nicht von der Verurteilung zum Tode freikaufen kann. Mitleid erheischend erzählt er dem Herzog die Geschichte seiner Zwillingssöhne namens Antipholus, die samt Zwillingsdienerpaar Dromio durch eine Schiffskatastrophe voneinander getrennt wurden. Das Gespann aus Syracus kommt justament im Hafen von Ephesus an, und gerät nun in einen Strudel zufälliger grotesker Situationen, in denen sie für die ihnen nicht bekannten Exemplare gleichen Aussehens Antipholus und Dromio aus Ephesus gehalten werden.

Was für den Herren Antipholus aus S. noch so manchen Reiz ausmachen dürfte – ihm wird ungefragt Schmuck und Geld angetragen, fremde gut aussehende Damen verfluchen und begehren ihn gleichermaßen – ist für den Diener sowohl des einen wie des anderen Herren durchaus von existentieller Not. Neben den Launen der Beiden (abwechselnd verkörpert von Andreas Erfurth) sowie der angedrohten bzw. verabreichten Schläge ergibt sich für sie nicht allzu viel Neues außer einer etwas zu rundlich geratenen Köchin und Weib des Dromio aus E., der sich Dromio aus S. dann doch lieber entziehen würde. Eine Glanzrolle für Sebastian Bischoff, der als Brechts Guter Mensch von Sezuan beim Theatersommer noch in einer weiteren berühmten Doppelrolle zu sehen sein wird. Bischoff hält als doppelt angeschmierter Dromio seine schmalen Schultern hin, kann sich aber Dank bauernschlauer Wesensart aus so mancher kniffligen Situation herausreden und heimst damit natürlich die meisten Sympathiepunkte beim durchweg amüsierten Publikum ein.

Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Komödie der IrrungenFoto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Die Damen sind nicht minder taff. Rike Joeinig als geplagte Ehefrau, des nicht gerade pflegeleichten Gatten Antipholus aus E. und Jillian Anthony (neu im Ensemble) als deren Schwester Luciana und der aufreizenden Kurtisane Adriana mit fulminantem Blondperücken-Aufritt kämpfen tapfer gegen die Geräuschkulisse der angrenzenden Grunerstraße an. Aber wir sind hier schließlich im Live-Open-Air-Theater. Übertriebene Perfektion und Akkuratesse sind da nicht primär gefragt. Man spielt ganz körperbetont auf fast leerer Bühne. Wenige Requisiten und schnelle Kostümwechsel bestimmen das Geschehen. Nach der Pause bessern sich Laut- und Lichtsituation und es kommt noch ein richtig gutes Sommerkomödienfeeling auf, bis sich über Koffer-auf-und-Zu, einige Geldverwicklungen, fälschliche Verhaftungen eines tumben Büttels (Kai Frederic Schrickel) und eines kuriosen Exerzitium des mittlerweile für wahnsinnig erklärten Antipholus von E. (oder doch von S.?) durch einen muskelbepackten blonden Recken (Dierk Prawdzik als Dr. Pinch sowie als Goldschmied und Überraschungs-Äbtissin) alles doch noch zum Guten hin auflöst.

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Ab 6. August gibt es den nächsten Shakespeare in der Klosterruine am Alex. Mit Wie es euch gefällt in der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel begeben sich SHAKESPEARE und PARTNER in den direkten Vergleich zu den anderen Berliner Shakespeare-Ensembles. Und wem es gefällt, kann das dann auch ausgiebig genießen.

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Komödie der Irrungen
von William Shakespeare
aus dem Englischen von E. S. Lauterbach

Regie: Kenneth Philip George
Kostüme: Ulrike Eisenreich
Bühne: Susanne Füller
Assistenz: Natascha Jeutter

Mit: Rike Joeinig, Jillian Anthony, Sebastian Bischoff, Andreas Erfurth, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel

Dauer: ca. 2 Stunden, eine Pause

Die nächsten Termine: 25. und 26. Juli sowie 29. und 30. Juli 2014, jeweils 20:00 Uhr

weitere Infos: http://www.shakespeareundpartner.de/stuecke/komoedie-der-irrungen/

Zuerst erschienen am 24.07.2014 auf Kultura-Extra.

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