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HAMLET von William Shakespeare zweimal als Sommertheater in der Klosterruine am Alex und im Monbijou-Theater.

Mittwoch, August 5th, 2015

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Das Neue Globe Theater führt in der Klosterruine am Alex William Shakespeares Tragödie vom zaudernden Dänenprinzen als lockeres Sommertheater zwischen Pathos und Ironie auf.

Foto © Neues Globe Theater

Foto © Neues Globe Theater

„Man soll die Schauspieler gut behandeln“, heißt es in der aktuellen Shakespeare-Inszenierung des Neuen Globe Theater (formerly known as SHAKESPEARE und PARTNER), mit dem am Donnerstagabend die Potsdamer Truppe den diesjährigen Theatersommer in der Klosterruine am Alex eröffnete. Das ist ein wahres Wort und nicht ganz uneigennützig gesprochen. Denn darstellende Künstler sind nicht nur „der Spiegel und Ausdruck unserer Zeit“, sondern zumeist auch knapp bei Kasse. Nichtsdestotrotz bekommt gleich zu Beginn das Publikum der Berliner Hamlet-Premiere eine Vorstellung von dem, was der elisabethanische Dichter Shakespeare unter „den Spiegel vor die Natur halten“ verstand. Eine Lehrstunde in der Wirkung guter Schauspielkunst. Wenn es auch an Sologarderoben mangelt, Spreizen, Blöken, plattes Lachen gilt es zu vermeiden. Man hat ja schließlich eine staatliche Ausbildung. Außerdem haben ein plötzlicher Wechsel der Gesichtsfarbe oder die Träne im Auge schon so manchen Schuldbeladenen seine Missetaten eingestehen lassen. „Das Schauspiel sei der Akt, der mir den König am Gewissen packt“, wird Hauptfigur Hamlet später sagen.

Dem stets grübelnden Prinzen von Dänemark aus Shakespeares Tragödie dient das Stück im Stück als „Mausefalle“ für den Königs- und Vatermörder Claudius, der zu Hamlets Unmut nicht nur den Thron, sondern auch noch seine Mutter und des alten Königs Ehefrau geerbt hat. Die Welt gerät dem größten Zauderer der Theatergeschichte aber nicht nur aus den Fugen, weil ihn der Geist des ermordeten Vaters zu Rache gemahnt. Prinz Hamlet hat hier neben der ewigen Frage um das „Sein oder Nichtsein“ auch einige andere Dinge zu klären. Auch wenn der großartige Saro Emirze den bekannten Monolog des Dänenprinzen recht eindrucksvoll und glaubhaft über die Rampe bringt, von des Gedankens Blässe angekränkelt wirkt der sonst forsch mit dem Schwert hantierende Mitdreißiger noch aus einem weiteren Grund. Er kann sich ganz offensichtlich in Gefühlsdingen nicht zwischen der „Nymphe“ Ophelia (Thomas Keller) und Horatio (Till Artur Priebe) entscheiden und rekelt sich mit dem Freund aus Kindertagen nach dem nächtlichen Bade auch gern mal auf weißem Flokati-Podest.

Hamlet in der Klosterruine am Alex - Foto © Neues Globe Theater

Hamlet in der Klosterruine am Alex – Foto © Neues Globe Theater

Es gibt also doch mehr Dinge und Ärger zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Eine tragische Sommerliebelei á la Romeo und Julia in queer lässt sich daraus allerdings nicht so ohne weiteres machen, selbst wenn die auf Helsingør angekommene Schauspieltruppe etwas aus dem anderen berühmten Shakespeareklassiker zum Besten gibt. Dazu hat man sich für eine klassisch elisabethanische All-Male-Besetzung entschieden. Doch steigt auch so manches Männerbein in Kleid und Seidenstrümpfe, ist Regisseur und Ensemblemitglied Kai Frederic Schrickel weit davon entfernt, einen schenkelklopfenden Hamlet in Drag zu inszenieren. Trotzdem sehenswert sind vor allem das bärtige Königspaar Gertrud (Andreas Erfurth) und Claudius (Urs Stämpfli). Ein, wenn auch sicher nicht beabsichtigter, Kommentar zum Mitgliederentscheid der Berliner CDU zur Homo-Ehe? Dafür darf im Programmheft wild über Shakespeares sexuelle Ausrichtung spekuliert werden.

Trotz manchem Griff zum Säbel ficht das unseren Hamlet weiter nicht an. Er schickt seine gerade noch angebetete Ophelia zu den Nonnen und gibt sich dem methodischen Wahnsinn hin. Als verschmähte Ophelia wirft sich Thomas Keller mit sehr viel Verve in Pose. Ihm steht selbst der nun ihrerseits ausufernde Wahnsinn gut. Unter anderem singt er „La Vie en Rose“ von Edith Piaf und wagt ein Tänzchen mit dem Bruder und weißen Ritter Laertes (Dierk Prawdzik), der für seine Reise nach Paris noch ein paar vom Blatt abgelesene Kalendersprüche von seinem Vater Polonius (Sebastian Bischoff) mitbekommt. Trotz Gehhilfe ist der alte Oberkämmerer und Schwätzer noch immer gut im Intrigenspinnen, muss dafür aber bekanntlich sein Leben hinterm Vorhang aushauchen, wozu er hier vom mit einer Pistole vor seiner Mutter herumfuchtelnden Hamlet unterm Flokati erschlagen und in eine Kiste entsorgt wird. Auch den Hofschranzen Rosencrantz (Thomas Keller) und Guildenstern (Till Artur Priebe) ergeht es nicht viel besser. Sie beherrschen weder die subtile Psyche noch das richtige Spielen auf dem Instrument des Prinzen. Trotz einiger protziger Schwanzvergleiche gilt da wohl immer noch die von der Schauspieltruppe vorgetragene Otto-Parodie Dänen lügen nicht.

Hamlet in der Klosterruine am Alex - Foto © Neues Globe Theater

Hamlet in der Klosterruine am Alex – Foto © Neues Globe Theater

Leider gehen der über drei Stunden dauernden, zwischen gespieltem Pathos und etlichen ironischen Einlagen chargierenden Inszenierung nach der Pause etwas die Luft und der Witz aus. Man rettet sich nun ins philosophisch Kalauernde des Dialogs zwischen Hamlet und dem mit einem grinsenden Joker-Gesicht auftretenden Totengräber (Sebastian Bischoff) sowie schön einstudierten Kampchoreografien zwischen Hamlet und dem als schwarzem Rächer heimgekehrten Laertes, bis alles röchelnd auf dem Flokati liegt und Horatio sein „Gute Nacht, mein süßer Prinz“ haucht. Ist auch der Rest bekanntlich Schweigen, gibt es noch einen schönen Abgesang von Thomas Keller mit einem Text aus Shakespeares doppeldeutigen Sonetten. Wohl auch ein leiser Wink dahin, dass das letzte Wort über den geheimnisumwitternden Dichter und seinen Hamlet noch nicht gesprochen ist.

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HAMLET
von William Shakespeare
SOMMERTHEATER AM ALEX
Premiere am 23. Juli 2015 in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche
Klosterstraße 73 a, 10179 Berlin-Mitte.
Anfahrt: U2 Klosterstraße oder S- und U-Bhf. Alexanderplatz
Übersetzung von Maik Hamburger und Adolf Dresen
Regie und Raum: Kai Frederic Schrickel
Kostüme: Hannah Hamburger
Kampfchoreographie: Kai Fung Rieck
Mit: Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Andreas Erfurth, Thomas Kellner, Dierk Prawdzik, Till Artur
Priebe, Urs Stämpfli
Premiere: 26.06.2015 im Bürgerhaus Pullach
Aufführungsdauer: 2 Std 45 Min zuzüglich 1 Pause
Eine Produktion von shakespeare und partner/ Neues Globe Theater
Kartenreservierung und Tickets
Email: tickets@NeuesGlobeTheater.de
Kartentelefon: 01575 – 420 87 61
Onlinekauf: www.reservix.de
Weitere Termine, Beginn immer 20:00 Uhr:
Mi., 5.8., Do. 6.8., Fr. 7.8. und Sa. 8.8.2015

anschließend:

WIE ES EUCH GEFÄLLT
(Siehe Rezension aus dem letzten Jahr)
von William Shakespeare
Termine: 12.08.-16.08.2015

Infos: http://www.neuesglobetheater.de/

Zuerst erschienen am 25. Juli 2015 auf Kultura-Extra.

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Shakespeares HAMLET als flotte Ménage-à-trois im Monbijou-Theater

Hamlet_Monbijou Theater

im Monbijou-Theater – Foto: St. B.

Das Berliner Monbijou-Theater spielt just in diesem Jahr genau wie das Neue Globe auch Shakespeares Hamlet und macht zusammen mit Molières Tartüff den im Sommerurlaub weilenden Tempeln der Hochkultur Konkurrenz. Und da insbesondere der Schaubühne am Lehniner Platz, die beide Klassiker mit Haus-Star Lars Eidinger in der Titelrolle im Programm hat. Mit den Komödien von Molière konnte man im hölzernen Amphitheater im Monbijoupark bereits große Publikumserfolge feiern. Zu nennen wären da vor allem Der eingebildete Kranke oder auch die Verwechslungskomödie Amphitryon. William Shakespeare ist das andere Standbein der Truppe, die einst aus dem legendären Hexenkessel-Hoftheater hervorging. Auch mit den Stücken des englischen Dichters verbindet das Monbijou-Theater eine lange Aufführungstradition.

Beliebt sind da natürlich in erster Linie Open-Air-taugliche Komödien wie Ein Sommernachtstraum oder Wie es euch gefällt, die beide hier im letzten Jahr zu sehen waren. Nun also wagt sich das Monbijou-Theater ebenfalls an die wohl bekannteste Tragödie Shakespeares. In der gut gekürzten Berliner Fassung von Peter Kaempfe zeigt man einen auf „90 Minuten Zentralplot“ eingedampften Hamlet. Der grüblerische Dänenprinz aus dem „Reich der Zweifel“ als „schillernde“ Sommerkomödienfigur? Das ist zunächst nur recht schwer vorstellbar. Das Monbijou-Theater setzt da noch einen drauf und schnurrt das Ganze mit nur drei Schauspielern ab, die sich die Stichworte beim schnellen Rollenwechsel fast wie im Traume zuwerfen. Immerhin gilt es dabei 12 Figuren zu bedienen. Um da bei einem Ausfall nicht auf dem Trockenen zu sitzen, spielen zwei Gruppen die sich abwechselnd aus Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Matthias Horn, Michael ­Schwager, Lina Wendel und Carsta Zimmermann zusammensetzen. Den Part des zweifelnden Dänenprinzen übernehmen dabei entweder Benjamin Bieber oder der Monbijou-Publikumsliebling Vlad Chiriac.

Berlin, Monbijou Theater 2015   HAMLET nach William Shakespeare BERLINER FASSUNG von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe         Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann          Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann    Pressekontakt : lone.bech@hej-pr.com   Fotograf: Bernd Schönberger

HAMLET nach William Shakespeare vom Monbijou Theater Berlin
Foto (c) Bernd Schönberger

Hier hat es also jeder mal mit jedem und muss es auch, da sonst die ganze Chose kaum ins Laufen käme. Und ja, es funktioniert soweit ganz gut. Die Akteure geben sich jedenfalls alle erdenkliche Mühe, das Komödiantische aus der Tragödie zu kratzen. Dazu gibt Shakespeare selbst ja auch etliche Vorlagen. Wir sehen also eine flotte Ménage-à-trois am Hof von Helsingør, der hier aus ein paar spitz ins Halbrund zulaufenden Brettern besteht, die zunächst für die bevorstehende Hochzeit von Gertrud und Claudius noch ordentlich vom blau bekittelten Haus(hof?)meister Olsen gefegt werden müssen. In Gestalt von Matthias Horn gibt der gleich noch die ganze Vorgeschichte im breitesten anhaltinischen Dialekt zum Besten. Schnell in Gewand und Perücke ist er schon wieder ein galanter Chevalier, der das Publikum zum Winken mit den ausgeteilten Fähnchen des Staates Dänemark animiert. Und da ist bekanntlich etwas faul, was Prinz Hamlet (Vlad Chiriac) im blauen Waffenrock wie Preußens Homburg zusammen mit seinem Waffenkumpan Horatio (Matthias Horn) wieder richten soll. So suggeriert es ihnen zumindest die Stimme des Hamlet-Vater-Geistes aus dem Off.

Berlin, Monbijou Theater 2015   HAMLET nach William Shakespeare BERLINER FASSUNG von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe         Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann          Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann    Pressekontakt : lone.bech@hej-pr.com   Fotograf: Bernd Schönberger

HAMLET vom Monbijou Theater Berlin
Foto (c) Bernd Schönberger

Gegenüber dem fast dreistündigen Hamlet in der Klosterruine am Alex geht man hier schon etwas effizienter zu Werk. Bereit sein ist alles. Was sich infolge der dreigestirnigen Darstellerkonstellation nicht zeigen lässt, wird einfach erzählt. Und da erweisen sich vor allem die Höflinge Rosenkrantz (Lina Wendel) und Güldenstern (Vlad Chiriac) als gute Beobachter und willfährige Berichterstatter der Treffen zwischen dem liebestollen Hamlet und der schönen Ophelia, die dieser Spielweise dann allerdings komplett zum Opfer fällt. Der Komik und dem Slapstick dieser Szenen tut das keinen Abbruch. Am nächsten ist man dem klassischen Hamlet noch in den übriggebliebenen Monologen und wenigen Dialogszenen. Selbst das von Hamlet inszenierte Schauspiel die Mausefalle findet nur hinter einem roten Dänen-Vorhang statt, zeigt aber dennoch seine Wirkung beim getroffen davoneilenden Claudius (Matthias Horn).

Hinterm Vorhang fällt auch Lauscher Polonius (Lina Wendel), während Hamlet seiner Mutter Gertrud (ebenfalls Lina Wendel) davor ins Gewissen redet. Aber der Plot wird rasch weiter vorangetrieben. Gerade erst nach England entsandt, ist Prinz Hamlet auch schon wieder zurück und müsste sich nun quasi selbst zum Duell herausfordern, da Vlad Chiriac auch noch den Laertes geben muss. Die Inszenierung sieht hier wieder den braven Olsen vor, der fröhlich palavernd den bereits geschehenen Schlamassel einfach wegfeudelt. Es bleibt ein schweigend grinsender Fortinbras (Vlad Chiriac) als Banker mit Aktenkoffer. So billig kauft er sich ein ganzes Land. Den Rest darf man sich denken.

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Hamlet (12.07.2015)
nach William Shakespeare
Berliner Fassung von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe
Bühnenbild: David Regehr
Kostüm- und Maskenbild: Isa Mehnert
Requisite: Mona Glass
Tongestaltung: Torsten Podraza
Licht: Henning Streck
Maske: Nina Dell und Nora Kraetzer
Besetzung:
Chevalier: Michael Schwager oder Matthias Horn · Olsen: Michael Schwager oder Matthias Horn · Hamlet: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Gertrud: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Claudius: Michael Schwager oder Matthias Horn · Horatio: Michael Schwager oder Matthias Horn · Polonius: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Laertes: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Rosenkrantz: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Güldenstern: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Fortinbras: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber

Premiere im Monbijou-Theater war am 18. Juni 2015

Termine: 18. Juni – 6. September 2015

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater/hamlet.html

Hamlet im Monbijou Theater mit Vlad Chiriac, Lina Wendel und Matthias Horn - Foto: St. B.

Hamlet im Monbijou Theater mit Vlad Chiriac, Lina Wendel und Matthias Horn – Foto: St. B.

Tartüff vom 10.6. (Premiere) bis 6.9.2015 ­

Regie: Darijan Mihajlović; mit Stephan Baumecker, Matthias Horn, Aleksandar Tesla, Franziska Hayner, Roman Kanonik.

Infos: http://www.monbijou-theater.de/

Zuerst erschienen am 04.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr von Christoph Ransmayr – Das aufBruch-Gefängnistheater bespielt die Ruine des alten BVB-Freibads in Berlin-Lichtenberg

Mittwoch, Juli 1st, 2015

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aufBruchOdysseusEinmal im Jahr lädt das Berliner Gefängnistheater aufBruch seine Zuschauer zu einer Inszenierung an einen möglichst geschichtsträchtigen Ort der Stadt. Waren es in den letzten Jahren die Museumsinsel, die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße, die Feuerwache oder das Casino des Flughafens Tempelhof, hat man sich diesmal das alte Freibad auf dem Gelände des BVB-Stadions in Lichtenberg ausgesucht. 1928 errichtet, diente es auch den Nazis als Trainingsstätte für die Olympischen Sommerspiele 1936. Von 1970 bis kurz nach der Wende wieder als BVB-Freibad genutzt, wurde der Ort nach der Schließung 1990 endgültig dem Verfall preisgegeben. Eine Ruine bestehend aus einer Baracke, zwei Schwimmbecken und einem Dreimeterturm, wo die Frösche nun das Sagen haben und sich auch sonst die Natur das Gelände zusehends zurückerobert.

Hier wächst also im wahrsten Sinne des Wortes Gras über Geschichte, und ein älterer Herr fragt am Eingang in der Siegfriedstraße auch etwas ungläubig nach dem Veranstaltungsort, auf den das Plakat mit großem Richtungspfeil verweist. Sichtlich überrascht ist der Mann, dass man im alten Freibad nun Theater spielt, aber auch froh, dass nach 25 Jahren hier endlich mal was passiert. Und dafür hat sich der langjährige aufBruch-Theaterregisseur Peter Atanassow auch wieder ein ganz besonderes Stück Geschichte ausgesucht. Es wird Odysseus, Verbrecher gespielt – Christoph Ransmayrs Bearbeitung der Odysseus-Sage, die den Trojanischen Krieg und seinen antiken Helden etwas ungeschlacht in die Gemetzel der Moderne herüberholt. Wie gemacht also für Atanasow, der es immer wieder schafft, mit seinem archaischen, körperbetonten Stil geschichtsträchtige Stoffe für sein Ensemble aus Ex-Inhaftierten, Freigängern, Schauspielern und Laien zu adaptieren.

Autor Ransmayr hat sein Stück auch als Schauspiel einer Rückkehr geschrieben. Aber Odysseus erscheint hier nicht als glorreicher Held, der sich Thron und Frau zurückgewinnt, sondern als heruntergekommener, traumatisierter Kriegsheimkehrer, der nicht aufhören kann im Modus des ewigen Soldaten zu denken. Atanasow lässt ihn nacheinander sehr eindrucksvoll von vier Darstellern (Hans-Jürgen Simon, Six Pack Hansi, Tadeusz Kruszynski und Wolf Nachbauer) verkörpern, was der Figur eine gewisse Allgemeingültigkeit verleiht. Und so fällt der an den Ufern Ithakas in der Schweinebucht Gestrandete zuerst der forschen Strandläuferin Athene (Irina Weihrich) auf ihrem Beutezug in die Hände. Für sie zählen nur bleibende Werte, von Schiffen und Gesellschaften, die nichts mehr taugen. Und höhnisch spottend nimmt sie Odysseus einen Teil seiner Habe ab. Schließlich war der Krieger ja auch nicht nur wegen der Ehre unterwegs, sondern wegen Uran, Öl usw. Auf den Kopf zu sagt Athene dem Heimgekehrten, der sein Land nicht wiedererkennt: „Aus einem Krieg, Held Trojas, Städteverwüster, ist noch keiner heimgekehrt – jedenfalls nicht als der, der er war.“

Odysseus, Verbrecher im alten BVB-Schwimmbad - Foto: St. B.

Odysseus, Verbrecher im alten BVB-Schwimmbad – Foto: St. B.

Das Willkommen in Ithaka fällt auch im Folgenden nicht besonders herzlich aus. Die Hirten, die eine Art Schlachtenquartett spielen, bei dem die Karte mit der höchsten Zahl von Gefallenen gewinnt, erkennen ihren König zuerst nicht, auch sein Sohn Telemach (Laurenz Wiegand) ist ihm fremd, und der Palast wird von sogenannten Reformern belagert, die das runtergekommene Land wirtschaftlich unter sich aufgeteilt haben und nun um Penelope (Maria Stoecker Baton) freien, um auch an die Krone zu gelangen. Als Bettler verkleidet, schleicht sich Odysseus in den Palast und metzelt schließlich gemeinsam mit den Hirten und seinem Sohn die Reformer als Volksverräter nieder. Ergebnis ist allerdings die endgültige Entfremdung zu seiner Frau („aber der Mann, den ich geliebt habe, ist im Krieg geblieben“), die ihm vorwirft, das Schlimmste getan zu haben, was ein Vater seinem Sohn antun kann. „Odysseus, Verbrecher, du hast ihn zu deinesgleichen gemacht.“

Man kann Ransmayrs Stück sicher in verschiedenste Richtungen interpretieren. Als Kriegsheimkehrergeschichte, Wirtschaftskrimi oder Flüchtlingsdrama, Prämisse aber hat sicher die Story über die dauerhaften Nachwirkungen und Kollateralschäden von Kriegen, wie sie auch heute noch weltweit geführt werden. Atanasow verschränkt Ransmayrs Text auch mit Auszügen aus Werken von Franz Kafka, Botho Strauß, Heiner Müller, Jean Genet, Jean-Paul Sartre, Wolfram Lotz u.a. sowie Heinrich Himmlers Posener Rede an SS-Angehörige und Berichten von ehemaligen Bundeswehrsoldaten, was dem zu Zeigefingertheater und Holzhammerdidaktik neigendem Stück etwas Wahrhaftiges verleiht. Neben dem Chor der Krüppel und Gefangenen, die Odysseus beständig verfolgen und plagen, werden auch die eingeschobenen Passagen meist chorisch oder auch mal im Solo vorgetragen und handeln von Gewalt, Tod, militärischem Drill und chauvinistischer Zurichtung von Soldaten sowie nationalistischem Größenwahn und Fremdenhass.

Es wird viel marschiert, Tango getanzt und wie immer sehr schön im Chor gesungen. Vor allem passende Soldatenlieder wie „Wir lagen vor Madagaskar“, „Heimat deine Sterne“, „Lili Marlen“ oder „Hundert Mann und ein Befehl „, aber auch das Gefangenlied „Po Lazarus“ und ein herzzerreißendes „O Happy Day“ der Amme Euryklia (Rose Louis-Rudek) beim Wiedererscheinen des verlorenen Odysseus. Ein besonderes Augenmerk legt die Inszenierung aber noch auf die Klage der Mägde, die als wehrlose Frauen am meisten unter Krieg, Rache und Vergewaltigungen zu leiden haben. Auch ein kleines Lehrstück in Sachen Siegerjustiz. Insgesamt eine sehr gute Teamleistung und anschauliche Performance aller Beteiligten mit hohem künstlerischem Anspruch wie politischer Aussagekraft.

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Odysseus, Verbrecher
Von Christoph Ransmayr
Regie: Peter Atanassow
Dramaturgie: Hans-Dieter Schütt
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Belén Montoliu
Choreografie: Ronni Maciel
Musikalische Einstudierung: Vsevolod Silkin
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Grafik: Alexander Atanassow
Es spielt ein gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, Schauspielern und Berliner Bürgern mit: Ali El-Faour, André Stiller, Anna Maria Sosnik, Birte Flint, Celio, Christoph Bettinger, Dominik Hermanns, eko a, Hans-Jürgen Simon, Irene Oberrauch, Irina Weihrich, Jan-Urs Hartmann, Jean, Katja Götz, Laurenz Wiegand, Mathis Köllmann, Maria Stoecker Baton, Mohamad Koulaghassi, Olivia Beck, Rita Ferreira, Rose Louis-Rudek, Sabine Böhm, Sarah Zastrau, Sidney Steven Hübner, Six Pack Hansi, Tadeusz Kruszynski, Wolf Nachbauer

Premiere war am 24.06.2015 im alten BVB-Freibad in Berlin-Lichtenberg, Siegfriedstraße 71

Weitere Vorstellungen: 1.- 5. und 8.- 12. Juli 2015 jeweils um 19.30 Uhr

Infos: http://www.gefaengnistheater.de/aktuelles-details/odysseus-verbrecher.html

Zuerst erschienen am 30.06.2015 auf Kultura-Extra.

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