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Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ und Anton Tschechows „Drei Schwestern“ – Zwei starke russische Inszenierungen bei den Wiener Festwochen 2016

Freitag, Juni 3rd, 2016

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Ein idealer Gatte – Der russische Regisseur Konstantin Bogomolov verschneidet Oscar Wildes Komödie mit dessen Roman Dorian Gray, Tschechows Drei Schwestern und Shakespeares Romeo und Julia

Es geht nichts über gutes Timing bei den Wiener Festwochen im Museumsquartier. Während im Hof bei sommerlichen Temperaturen der Soundcheck für das Festival der russischen Kultur FEEL RUSSIA über die Bühne geht, laufen in der Halle E und G zwei russische Inszenierungen parallel. Draußen organisiert das russische Kulturministerium das Line Up für gute kulturelle Beziehungen zwischen Russland und Österreich, drinnen zeigen zwei eher skandalträchtige Regisseure, gegen die vor allem die russisch-orthodoxe Kirche Front macht, ihre von der Schauspielchefin der Wiener Festwochen Marina Davydova eingeladenen Produktionen. Die vom Moskauer Theaterfestival NET (Neues Europäisches Theater) nach Wien gewechselte Theatertheoretikerin und -kritikerin hat mit Theaterproduktionen u.a. aus Kroatien, Litauen, Polen, Rumänien, Russland und Ungarn ein sehr Ost-affines Schauspielprogramm zusammengestellt. Und der in Kroatien lebende bosnische Regisseur Oliver Frljić, der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó sowie die beiden russischen Regisseure Konstantin Bogomolov und Timofej Kuljabin stehen auch für eine eher kritische künstlerische Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen in ihren Heimatländern.

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Konstantin Bogomolov ist in Wien und auch in Deutschland kein ganz Unbekannter mehr. Bei den Festwochen zeigte er 2014 seine trashige, lettische Produktion Stavangera (Pulp People). Nun ist der russische Regie-Star mit dem Tschechow Künstlertheater Moskau und einer sehr freien Inszenierung der Komödie Ein idealer Gatte von Oscar Wilde zurück. Und was Frljić für den Balkan ist, scheint Bogomolov für das russische Theater zu sein: ein mehr oder weniger rotes Tuch! Die orthodoxe Organisation „Gottes Wille“ hat laut Programmheft zumindest in Moskau versucht seine Inszenierung am Künstlertheater abzusetzen. Und auch der stellvertretende russische Kulturminister Schurawskij bat den Intendanten Oleg Tabakow, alle Bogomolov-Inszenierungen aus dem Spielplan zu nehmen.

 

Ein idealer Gatte durch das Tschechow Künstlertheater Moskau – Foto (c) Ekaterina Tsvetkova

 

Aber Bogomolovs Idealer Gatte zieht die Moskauer förmlich magisch an. Und auch in Wien hat der Regisseur leichtes Spiel. Das Museumsquartier scheint fest in russischer Hand. Gleich zu Anfang geht unter großem Beifall der European Songcontest klar an Russland. Bogomolov hat Wildes englische Gesellschaftssatire auf russische Verhältnisse getrimmt. Der ewige Junggeselle Lord Goring ist hier der schmalzige Schlagerstar Lord (Igor Mirkurbanow), der zu Ehren seines Freunds Robert Ternew (Alexej Krawtschenko), Minister für Gummiwaren, ein Konzert im Kreml gibt. Er singt von weißen Birken und russischem Himmel, und auf Videoleinwänden sieht man die passenden Naturbilder dazu.

Dass die beiden auch ein Liebespaar sind, erfährt man erst später, als die Gummifabrikantin Misses Cheavley (Marina Sudina) ein verfängliches Video als Erpressungsversuch vorlegt, um als Siegerin aus einer Staatsausschreibung hervorzugehen, deren Auftrag Ternew lieber seiner eigenen Frau Gertruda (Daja Moros) zuschustern wollte. Homophobie, Bigotterie und Korruption sind die Themen von Bogomolows Inszenierung, mit denen er konkret russische Probleme geißeln will. Nationalismus, Vetternwirtschaft und Staatsnähe von Künstlern mal anders herum. Dazu eine schwadronierende und koksende High Society von Business People, Modedesignern und Partygirls. Und auch die orthodoxe Kirche bekommt ihr Fett weg als Betreiber eines Waisenhauses, in dem Lord sich einen blonden Waisenknaben (Pawel Tschinarew) adoptiert, wie aus einem Bordell für zahlungskräftige Pädophile.

 

Ein idealer Gatte durch das Tschechow Künstlertheater Moskau – Foto (c) Ekaterina Tsvetkova

 

Das klingt schärfer als es letztendlich ist. Die bösen Klischees sind fein ironisch verpackt und kommen nicht gerade mit dem Holzhammer, außer in den Sätzen von Lords Vater (Alexander Semtschew), einem alten Kriegsveteran, bei dem Putin schon mal vor den Toren Wiens steht. Über einige Witze kann hier im Westen aber nur lachen, wer die genauen Hintergründe kennt. Und doch ist Bogomolovs Farce bis zur ersten Pause sehr unterhaltsam, wenn man konventionelles Konversationstheater im stylischen Bühnenambiente mit Doppelbett und Sanitärtrakt wie in der Berliner Schaubühne mag.

Im zweiten Teil wird es dann schon etwas schärfer, wenn auch im Gewand einer Parabel, die sich Bogomolov ebenfalls bei Oscar Wilde borgt und mit Elementen aus Goethes Faust I kombiniert. Nun tritt der Schauspieler Sergej Tschonischwili als Dorian Gray auf und lässt sich sein Portrait von einem idealistischen jungen Künstler am TV-Bildschirm kreieren. Der bekommt Orden an die Brust und hängt später, nachdem er das Bildnis zurückgefordert, wie Jesus am Seil. Dorian Gray, den man sich hier unschwer als Politiker vorstellen kann, geht derweil einen Pakt mit der Kirche ein. Ein Pope (Maxim Matweew) mutiert zum Mephisto und beseitigt alle Mitwisser. Zwischendurch fährt man zum Ski nach Sotschi, Sinatra singt „Let it snow“, und der Rubel rollt. Die Welt ist die Hölle, denn wo brächte man sonst so viele Sünder unter.

Im letzten Teil wird wieder Komödie gespielt. Und wie schon zuvor covert sich Bogomolov durch die russische Literaturgeschichte mit Anspielungen an Puschkin, Turgenjew und natürlich Anton Tschechow, dessen Drei Schwestern nun als Edelnutten im Moskauer Café Vogue mit ihren Handys spielen, während sie vom Leben und Arbeiten sinnieren und auf solvente Freier warten. Es gibt noch ein bisschen Medienschelte bei einer Live-TV-Übertragung von Lords und Cheavleys Hochzeit mit Werbeeinblendungen. Das verhinderte schwule Paar stirbt zur Schlussszene von Shakespeares Romeo und Julia. Tot sind auch die Staatsschauspielerin Nina Zarečnaya (Die Möwe) sowie der letzte russische Intellektuelle, und Regisseur Bogomolov scheint sich hier selbst auch ein wenig als neuer Bulgakow zu gefallen. Vieles in seiner Inszenierung erinnert vom Aufbau her an dessen Roman Der Meister und Margarita. Das sind durchaus starke Bilder, die in Russland sicher verstören und somit ihre Berechtigung haben. Das Publikum dankt es dem aus Moskauer Team jedenfalls mit viel Beifall.

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Ein idealer Gatte (27.05.2016, Halle E im Museumsquartier)
Text nach der Komödie von Oscar Wilde
Textadaption: Konstantin Bogomolov
Regie: Konstantin Bogomolov
Bühne: Larisa Lomakina
Kostüme: Natalja Kanewskaja
Licht: Damir Ismagilow
Musik: Natalja Trichleb
Choreografie: Julia Kawezkaja
Regieassistenz: Olga Rosljakowa
Mit: Nadjeschda Borisowa, Andrej Burkowsky, Rosa Chairullina, Swetlana Kolpakowa, Alexej Krawtschenko, Maxim Matweew, Igor Mirkurbanow, Darja Moros, Wassili Nemirowitsch-Dantschenko, Jana Osipowa, Artjom Pantschik, Wladimir Pantschik, Alexander Semtschew, Marina Sudina, Pawel Tschinarew, Sergej Tschonischwili, Pawel Waschchilin u.a.
Eine Produktion des Tschechow Künstlertheaters Moskau
Dauer: 3 Stunden 50 Minuten, zwei Pausen
Termine bei den Festwochen: 25.-28.05.2016

Infos: http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 30.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Drei Schwestern stumm bewegt – Regisseur Timofej Kuljabin inszeniert den Tschechow-Klassiker ohne Worte nur in russischer Gebärdensprache

Keine Festwochen ohne Anton Tschechow. Der russische Schriftsteller und Dramatiker gehört in Wien fast schon zum festen Inventar, so auch in diesem Jahr. Während in Konstantin Bogomolovs Oscar-Wilde-Verschnitt die Drei Schwestern als Edelnutten in Moskau angekommen sind, wollen sie in der Inszenierung von Timofej Kuljabin noch immer an den Ort ihrer großen Sehnsucht. Nur können sie es in der Produktion des Teatr Krasnyi Fackel aus Nowosibirsk nicht in Worten ausdrücken. Die jüngste der drei Prosorow-Schwestern, Irina (Linda Achmetsjanowa), schreibt es daher mit den von Unterleutnant Fedotik (Alexej Meschow) in der Moskowskaja-Straße für sie gekauften Buntstiften auf Papier: „Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“

Das Publikum in der Halle G des MuseumsQuartiers liest das in den eingeblendeten deutschen Übertiteln, während das Schauspielensemble der Inszenierung von Tschechows Drei Schwestern sich in russischer Gebärdensprache untereinander verständlich machen muss. Timofei Kuljabin hat sie ihrer Muttersprache beraubt. Was verschwindet, ist allerdings nicht der Text, sondern seine „Vertonung“, wie es der Regisseur nennt und für eine „Intonierung des Schauspielers“ hält.

 

Drei Schwestern vom Teatr Krasnyi Fackel, Nowosibirsk
Foto (c) Frol Podlesny

 

Der 32jährige Kuljabin wird als einer der prominentesten Regisseure Russlands gehandelt. Bekannt geworden ist er im Westen durch seine viel gelobte Tannhäuser-Inszenierung, in deren Venusberg-Szene Tannhäuser als Jesus Christus dargestellt wurde. Dafür bekamen er und der Intendant des Nowosibirsker Theaters, Boris Mesdritsch, im März 2015 eine Anzeige wegen des Vorwurfs der Schändung religiöser Symbole. Das Bezirksgericht sprach die beiden zwar vom Vorwurf der Blasphemie frei. Mesdritsch wurde allerdings trotzdem aus seinem Amt entlassen.

Mit seiner Gehörlosen-Variante des Tschechow-Klassikers dürfte Kuljabin kaum Probleme mit der orthodoxen Kirche bekommen, wohl aber mit den Tschechowpuristen, von denen einige schon nach der ersten der drei Pausen in Wien verständnislos das Weite suchen. Sie werden Einiges vermisst, aber am Ende des erstaunlichen Abends auch Wesentliches verpasst haben.

Die Stimmung der Inszenierung lässt sich so ziemlich auf die Anfangssequenz des Abend verdichten, in der die junge Irina an ihrem Namenstag zu einem Miley-Cyrus-Video tanzt, in dem die Sängerin nackt auf einer Abrissbirne schwingend, den gleichnamigen Song intoniert, und das ziemlich laut. „I came in like a wrecking ball / I never hit so hard in love“. Später wird Irina verzweifelt feststellen, noch nie geliebt zu haben, obwohl sie doch so oft davon geträumt und darauf gehofft hatte. So wie das Ziel Moskau, werden die drei Schwestern die Erfüllung ihrer Träume nicht erreichen. Davon handelt dieses Stück – und das ändert auch nicht, dass die Tschechow-Figuren hier ihre Wünsche und Gefühle nicht in die Worte fassen können, die der Zuschauer doch ständig als Text vor Augen hat.

 

Drei Schwestern vom Teatr Krasnyi Fackel, Nowosibirsk
Foto (c) Frol Podlesny

 

Denn selbst in Tschechows höchst melancholisch angelegtem Stück vermögen die ProtagonistInnen nicht das, was sie ständig so wortreich von sich geben. Dafür knallen hier die stummen Gefühle Aller wesentlich heftiger und oft ziemlich ungebremst aufeinander. Das macht vor allem, dass man sich zum Verständnis der Gebärdensprache immer direkt zum Angesprochenen wenden muss, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Ungewohnt und komisch wirkt das schon, aber man hat sich schnell eingesehen, denn besonders der erste Teil mit der Namenstagfeier im Hause Prosorow funktioniert immer auch als Komödie recht gut. Wer das Stück nicht kennt, wird trotzdem intuitiv alles verstehen.

Die SchauspielerInnen sind fast immer in den auf dem Boden markierten, möblierten Zimmerzellen anwesend. Wenn jemand neu dazu kommt, leuchten an der Decke zwei Lampen als Türklingel auf. Man sitzt an der Tafel, gebärdet durcheinander oder unterhält sich zu zweit abseits. Gebannt legen alle das Ohr auf die Tischplatte, als der von Fedotik mitgebrachte Brummkreisel auf dem Tisch summt. „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“, sang einst Herbert Grönemeyer. Hier wird die brüllende Lautsprecherbox auf den Fußboden gestellt und barfuß zu den Vibrationen getanzt.

Es sind nur die alltäglichen Geräusche, an die sich das an Konversationstheater gewöhnte Publikum hier halten kann. Das nervöse Klopfen des Doktors (Andrej Tschernych) beim Schachspielen, das Klappern von Geschirr oder Schuhen, das Knarren der Dielen, Vogelgezwitscher und der Wind, der ums Haus streicht. Ansonsten geben die DarstellerInnen nur Laute von sich. Einzig der Gemeinderatsdiener Ferapont (Sergej Nowikow), der dem Bruder der drei Schwestern, Andrej (Ilja Musyko), immer Papiere zur Unterschift bringt, kann sprechen. Dafür hört er bekanntlich schwer. Und so reden die Beiden auch hier munter aneinander vorbei. Der Inner Circle einer abgeschirmten Intellektuellenwelt, in die sich das unaufhörlich Plappernde einer neuen Zeit drängt.

Kuljabins Regie überzeugt mit einer sparsamen Dramatik, die sich aber von Akt zu Akt steigert und ihren Höhepunkt in der Brandnacht findet, wo sich alle Gefühle Bahn brechen wollen. Was Kuljabin immer wieder mit Lichtausfällen erschwert, in denen alle umherirrend mit ihren Handys leuchten, während der betrunkene Doktor wortlos stöhnend sein Zimmer zerlegt. Vertrieben werden die stumm Gestikulierenden auch hier von Andrejs ehrgeiziger und lebenstüchtigen Frau Natascha (Claudia Kachussowa), die sie erst noch verspotteten und die nun das Regime der Nutzlosen an sich reißt.

Zuvor tragen sie aber alle noch ihre gewohnten Kämpfe aus. Sprachlos aber mit einer körperlichen Intensität, die fast schon choreografiert wirkt, wenn der Batteriekommandeur Werschinin (Pawel Poljakow) seine Rede an die neue Zeit wie ein Dirigent vor seinem aufmerksamen Orchester hält. An seiner Hand hängt am Ende die verzweifelte Mascha (Darja Jemeljanowa), wenn die Brigade zur Marschmusik abzieht. Auch hier wird die strenge Olga (Irina Kriwonos) sich müde ihrer Pflicht ergeben und der linkische, zu spontanen Gewaltausbrüchen neigende Soljony (Konstantin Telegin) den redlichen Baron Tusenbach (Anton Woynalowitsch) im Duell um Irina erschossen haben. Das ist dann nochmal hochemotionales, ergreifendes und auch aktuelles Theater ganz ohne Worte.

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Drei Schwestern (28.05.2016, Halle G im MuseumsQuartier)
von Anton Tschechow
Regie: Timofej Kuljabin
Bühne: Oleg Golowko
Licht: Denis Solntsew
Mit:
Andrej Sergejewitsch Prosorow… Ilja Musyko
Nikolai Lwowitsch Tusenbach… Anton Woynalowitsch
Natalja Iwanowna… Claudia Kachussowa
Olga… Irina Kriwonos
Mascha… Darja Jemeljanowa
Irina… Linda Achmetsjanowa
Fjodor Iljitsch Kulygin… Denis Frank
Alexej Petrowitsch Fedotik… Alexej Meschow
Alexander Ignatjewitsch Werschinin… Pawel Poljakow
Wassili Wassiljewitsch Soljony… Konstantin Telegin
Iwan Romanowitsch Tschebutykin… Andrej Tschernych
Wladimir Karlowitsch Rode… Sergej Bogomolow
Ferapont… Sergej Nowikow
Anfissa… Elena Drinewskaja
Eine Produktion des Teatr Krasnyi Fackel, Nowosibirsk
Dauer: 4 Stunden 15 Minuten, drei Pausen
Termine bei den Festwochen: 27.-30.05.2015

Infos: http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 30.05.2016 auf Kultura-Extra.

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