Archive for the ‘Theater’ Category

„Krieg“ von Rainald Goetz und „Girls & Boys“ von Dennis Kelly – große und kleine Stücke der Stunde, inszeniert von Robert Borgmann und Lily Sykes am Berliner Ensemble

Sonntag, April 1st, 2018

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Krieg – Robert Borgmann inszeniert am großen Haus die textlich schwierigen Stücktrilogie und Mash-up der alten Bundesrepublik von Rainald Goetz an einem Abend

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Es war ein wenig ruhig geworden um den Theaterautor Rainald Goetz. Die Uraufführung seines letzten Stücks Jeff Koons liegt auch schon wieder 10 Jahre zurück. Die Abrechnung mit dem Hype im Kunstbetrieb bleibt wohl auch Goetz‘ bekanntester Theatertext. In Berlin ist er zuletzt 2004 am Deutschen Theater inszeniert worden. Ansonsten haben es Goetz-Texte hier nur noch in zwei Inszenierungen von Patrick Wengenroth geschafft. In Katarakt / Brief an Deutschland verknüpfte der Theaterironiker 2012 am HAU 2 Goetz‘ Monolog eines alten Mannes mit den Bild-Kolumnen des Boulevard-Journalisten Franz Josef Wagner und bereits 2010 integrierte Wengenroth in seiner HAU-Inszenierung von Karl Kraus‘ Mammut-Drama Die letzten Tage der Menschheit den Klagenfurter Bachmann-Preis-Text Subito, bei dessen Lesung sich der angehende Popliterat 1983 die Stirn mit einer Rasierklinge aufschlitzte. Drei Jahre später schrieb Rainald Goetz seine 1987 von Hans Hollmann am Schauspiel Bonn uraufgeführte Bühnentrilogie Krieg. Drei Stücke – Heiliger Krieg, Schlachten und Kolik – über die Bonner Republik, die sich damals in einer politischen Wende von Helmut Schmidts SPD zu Helmut Kohls CDU befand, an drei Abenden. Beim Berliner Theatertreffen wurde die Trilogie in einer Neun-Stunden-Marathonaufführung gezeigt. Den Mülheimer Dramatikerpreis gab es obendrein. 31 Jahre später und auch schon wieder über 25 Jahre nach der gesamtdeutschen Wende hin zu Kohl feiert nun das Berliner Ensemble die Premiere aller drei Stücke an einem Abend.

Aber was hat uns Goetz‘ popkulturelles Mash-up der alten Bundesrepublik in den Zeiten der neuen Berliner Republik noch zu sagen? In den drei Stücken treten Gestalten aus der deutschen Vergangenheit auf, alte und neue Nazis, Soldaten, die Terroristen des deutschen Herbstes, desillusionierte Revolutionäre, ein Chor junger hübscher Mädchen, Künstler und sogenannte mündige Bürger. Namen und Zitate verweisen auf Heidegger, Stockhausen, Stammheim, Harald Juhnke, Bubi Scholz oder Joseph Beuys. Im Großen und Ganzen ist Krieg aber auch eine einzige Textzernichtung. Gleichzeitig geht es um den unmöglichen Kampf, Sprache in körperliche Handlung umzusetzen. Der fast mathematisch genau rhythmisierte Text im Stakkato-Ton bietet im ersten Teil kaum Regieanweisungen nur Zwischenüberschriften wie Gliedern, Zerstückeln, Ordnen, The Texas Chainsaw Massacre oder Welcome To The Pleasure Dome. Der Mensch im Sprachgefängnis.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Der 38jährige Regisseur Robert Borgmann formt aus dem ersten Teil Heiliger Krieg ein szenisches Panorama, das trotz stark eingekürztem Text einen ganz guten Einblick in das Stück bietet. Allerdings nimmt Borgmann auch weitestgehend den Beat aus Goetz‘ Text, vor allem in einigen der längeren Monologe. Einen ersten Kontrapunkt setzt der Regisseur aber bereits zu Beginn, an dem ein Junge die Projektion des Gemäldes Wanderer über dem Nebelmeer des Romantikers Caspar David Friedrich übermalt. Die große Wand aus Gipskartonplatten wird dann vom 7köpfigen Ensemble weiter mit roter Farbe bepinselt und schließlich mit Hammer, Händen und Füßen traktiert, bis sie in Einzelteilen zerschrotet am Boden liegt. Minutenlange Aktionskunst zu düsteren New-Wave-Klängen. Man isst Weintrauben, zermatscht sie, und ein goldbemalter Amor mit Pfeil und Bogen schreitet über die Bühne. Hier soll römischer Dekadenz und deutscher Romantik der Gar ausgemacht werden.

Was folgt ist ein Defilee des deutschen Kleinbürgertums mit Stahlhelmen, Netzhemden, Stiefeln und Bomberjacken. Ingo Hülsmann und Stefanie Reinsperger als Stockhausen und Stammheimer brüllen Parolen, predigen Bier und prosten sich zu. „Ach Harald“, „Mensch Bubi“, „Sprechen wir über die guten alten Zeiten.“ Aljoscha Stadelmann schimpft als telefonierender Heidegger über die „berufsnotorische Künstlerflausenidiotie“. Querschläger aufs userfeindliche Theater gibt es auch von Stefanie Reinsperger. Desillusionierte Erinnerungsmonologe von Veit Schubert als alt-68er Lehrer oder einen Abgesang auf Politik und Vernunft von Ingo Hülsmann als enttäuschter Künstler, Historiker, Revolutionär. Wieder Reinsperger ergeht sich nackt in wirrem Gebrabbel über die befreite Frau. Hass und wissenschaftlich verbrämte Ideologie, das ist auch heute noch durchaus aktuell.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Kabarettistisch ist der Auftritt von Gerrit Jansen und Annika Meier in einer Joseph-Beuys-Parodie mit Trage und Filzdecke, der noch eine bildszenische Anspielung auf dessen Performance I like America and America likes Me folgt. Der Höhepunkt der ersten zwei Stunden vor der Pause ist mit Sicherheit beim stampfenden Monolog The Texas Chainsaw Massacre von Constanze Becker im Sado-Maso-Kostüm erreicht. Hier greift auch wieder der musikalische Beat von Rainald Goetz, zu dem ein sich drehendes, mit Neonröhren und großem Zeiger bestücktes Weltenrad von der Decke nach unten bewegt. Der Maschinen-Sound von Techno-Clubs mischt sich mit Beschreibungen eines presslufthämmernden Industrial-Konzerts und kulminiert in einem Theaterbrand bei dem Trockeneisnebel den Saal flutet. Borgmann erweist sich hier auch wieder als großer Bildkünstler.

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Nach der Pause verpufft das Bühnenfeuerwerk allerdings zu Gunsten eines recht konventionellen Familiendramas. Schlachten handelt von einem Schlachtenmaler, der mangels Kriegen seit dreißig Jahren kein Bild mehr gemalt hat und seine Frau und Töchter terrorisiert. Gerrit Jansen spielt ihn als fiebernden Patriarchen im Biedermeierfrack, der monologisierend über die Bühne wütet, Eheknast, weiberbedingten Genieverlust beklagt und die Nacht beschwört. Das übrige Ensemble spielt hier puppenhaft die Frauen in roter gesichtsloser Schwesterntracht. Nach einer Wut-Attacke gegen die Frauen mit einer zerbrochenen Flasche am Essenstisch liegt der Maler später im irren Delirium im Krankenbett und wird mit Medikamenten ruhig gestellt. Das zieht sich dann schon auch etwas hin.

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Die langsame Auslöschung eines Individuums beschreibt der Monolog Kolik im letzten Teil des Abends. Nachdem Heiliger Krieg in der Anlage und Sprache stark an österreichische Autoren wie Karl Kraus oder Werner Schwab und Schlachten an die sprachwütenden Künstlerdramen von Thomas Bernhard erinnert, ist Kolik wiederum sehr nah an Samuel Becketts Endzeitstücken. Aljoscha Stadelmann sitzt hier in clownesk zu großem Hemd und Hose auf einem Sessel in einer schmalen Kiste und monologisiert sich (bei Goetz immer wieder trinkend) langsam zu Tode. Der Redefluss wird hier immer wieder durch kurze Blacks unterbrochen. Auch das ist ein an der Sinnlosigkeit des Lebens, der Wissenschaft, Bildung, Kunst und vergehenden Zeit verzweifelnder rhythmisch aufgebauter Nonsenstext. „Delirium ad infinitum“ bis zur endgültig erlösenden Stille und Finsternis. Regisseur Borgmann gelingt im ersten Teil ein durchaus interessanter Versuch Goetz‘ sicher nicht für konventionelles Theater geeignete Sprache ästhetisch umzusetzen. Der zweite Teil zeigt deutlich die Grenzen dieses 4,5stündigen Unterfangens. Trotzdem ist der Besuch des Abends unbedingt lohnend.

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KRIEG (Berliner Ensemble, 26.03.2018)
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Bettina Werner
Licht und Video: Carsten Rüger
Musik: Rashad Becker
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Mit: Constanze Becker, Ingo Hülsmann, Gerrit Jansen, Annika Meier, Stefanie Reinsperger, Veit Schubert und Aljoscha Stadelmann
Premiere war am 17. März 2018.
Weitere Termine: 07., 13.04. / 17., 25.05.2018

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de

Zuerst erschienen am 29. März 2018 auf Kultura-Extra.

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Girls & Boys von Dennis Kelly – Als Stück der Stunde und Kommentar zur Me-Too-Debatte annonciert, entpuppt sich die Inszenierung von Lily Sykes doch als etwas dünne Dramedy mit Stephanie Eidt in der Hauptrolle

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

Grandios, furios, umwerfend brillant – die Kritiker der Uraufführungsinszenierung von Girls & Boys, dem neuen Stück von Dennis Kelly, das im Februar am Royal Court Theatre in London mit Kino-Star Carey Mulligan in der Hauptrolle Premiere hatte, sind zumeist voll des Lobes. Der britische Dramatiker ist mit seinen nicht gerade einfachen Stücken wie Schutt, Liebe und Geld, Waisen oder DNA auch in Deutschland recht erfolgreich. Er behandelte darin bisher auf teilweise recht schockierende Weise zwischenmenschliche Störungen und familiäre Verwerfungen in der kapitalistischen Gesellschaft. Nun hat Oliver Reese, der ein besonderes Faible für neue Dramatik aus dem englischsprachigen Raum besitzt, die deutsche Erstaufführung des Stücks ans Berliner Ensemble geholt. Nach Die Frau, die gegen Türen rannte von Roddy Doyle wieder ein großer Bühnenmonolog, in dem eine vom Leben gebeutelte Frau ihre Biografie vor dem Publikum ausrollt.

„Ein Stück der Stunde“, ist im Programmheft zu lesen, sei Girls & Boys. Kleiner ist es wohl nicht mehr zu haben, wenn man damit seitens des Theaters einen Kommentar zur Me-Too-Debatte annoncieren will. Kelly hat das Stück allerdings bereits vor den Vorwürfen gegen Filmproduzent Harvey Weinstein geschrieben. Ein feministisches Stück von einem Mann, das den Wandel der Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert thematisiert. Das trifft es wohl eher. Und dennoch ist dieser von Kelly mit sicherlich großem Idealismus und Herzblut verfasste Text wohl doch der erste Fehlgriff des in Sachen Well-Made-Play bisher so sicheren neuen Intendanten des Berliner Ensembles.

Mit Stephanie Eidt steht natürlich eine großartige, in Berlin nicht unbekannte Schauspielerin auf der Bühne des Kleines Hauses, die Jelena Nagorni mit einem Stahlgerüst ausgestattet hat, das mit Treppen, Fenster- und Türöffnungen das traute aber trügerische Heim der Protagonistin darstellen soll. Stephanie Eidt klettert während des ganzen Abends darin herum. Regisseurin Lily Sykes hat ihr mit dem Pianisten David Schwarz einen Mann am Klavier beigestellt, der für die musikalische Untermalung des Textes sorgt, dafür harmonische bis dissonante Töne beisteuert und zumeist eine Barversion des Nirvana-Songs All Appologies spielt. „Married / Buried“ heißt es darin. Das sagt schon alles über die von Stephanie Eidt geschilderte Beziehung zu einem Partner, der zuerst ein Traummann zu sein scheint und dann doch zum „Auslöscher“ einer ganzen Familie mutiert. Wie es dazu kommt, erzählt das Stück in etwa 100 Minuten, wobei der Text strikt bei der Sicht der Frau auf ihr Leben und die Beziehung bleibt. Ob es dabei etwas zu entschuldigen gibt, wird das Stück nicht klären können.

 

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

 

Stephanie Eidt stellt zunächst eine recht taffe junge Frau dar, die gegen eingefahrene Lebensbahnen rebelliert. Einer Phase mit Sex and Drugs folgt ein Selbsterfahrungstrip durch Europa, bei dem sie jenen Mann in der Warteschlange eines Easy-Jet-Schalters kennenlernt. Erst unsympathisch kann er schließlich doch durch eine gewissen Witz und Schlagfertigkeit Eindruck machen. Was folgt, ist eine Phase sehr intensiver, sogar irrsinnig genannter Liebe, die schließlich in eine Ehe mit Haus und zwei Kindern mündet. Beide finden zunächst Erfüllung in ihrer Arbeit. Sie setzt sich geschickt über ein Praktikum als Assistentin in ihrem Traumberuf als Dokumentarfilmproduzentin durch. Er baut ein Möbelgeschäft auf, scheitert aber, weil er die Zeichen der Zeit nicht erkennt und Pleite geht.

Das Stück ist durchzogen mit Anspielungen an Rollenbilder, die sich vage in der unterschiedlichen Auffassung vom Kinderkriegen oder in politischen Diskussionen zeigen. Im Job erlebt die Frau auch einmal einen sexistischen Annährungsversuch eines älteren Regisseurs. Letztendlich manifestiert sich das Männerbild aber in der kalten Abwendung des Ehemannes von seiner Frau und der Drohung, nachdem sie sich scheiden lassen will, dass er ihr die Kinder nicht überlassen wird. Aus einer zunächst perfekten Beziehung entwickelt sich über die Jahre fast unmerklich ein Albtraum. Kelly beschreibt das allerdings sehr langsam über das gesamte Stück. Ob aus reinen Suspense-Gründen oder um die dramatische und emotionale Fallhöhe über ein anfängliches Himmelhoch jauchzend bis zum finalen zu Tode betrübt sein zu definieren, bleibt das Geheimnis des Autors. Wir erleben es als furiosen Start einer Stand-up Comedian, die nicht vor knalligen und expliziten Worten zurückschreckt.

Später baut Kelly Zwischenepisoden ein, in der die Frau mit ihren imaginierten Kindern spricht und spielt. Es geht auch da ganz thesenhaft um Rollenbilder. Die Tochter ist der kreative Part, wogegen der Junge zu destruktivem Spielverhalten neigt. Der Mann ist hier nicht anwesend. Irgendeine Brechung oder Erklärung gibt es dazu nicht. Alles rollt auf das tragische Ende zu, das wohl von Euripides inspiriert ist, aber tatsächlich eine nicht seltene Art der männlichen Gewaltausübung darstellt, die hier bis ins Detail geschildert wird. Dafür muss schließlich sogar noch die Statistik herhalten. Es geht letztendlich um männlichen Kontrollverlust, Erfolgsneid und um die Angst dem angestammten Rollenbild nicht mehr entsprechen zu können. Das ist soziologisch untersucht und auch nicht von der Hand zu weisen. Diese Art von Mann einfach so aus dem Kopf einer Frau auslöschen zu können, wie es im Text heißt, wird ohne entsprechende Debatte kaum möglich sein. Das Stück ist allerdings zu dünn, um einen echten Beitrag dazu leisten zu können.

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Girls & Boys (BE, Kleines Haus, 12.03.2018)
Von Dennis Kelly
Deutsch von John Birke
Regie: Lily Sykes
Bühne/Kostüme: Jelena Nagorni
Komposition/Live-Musik: David Schwarz
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Stephanie Eidt
Premiere war am 10.03.2018 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: ca. 1:40 h, keine Pause
Termine: 20., 21., 22.04. / 05., 06.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 14.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Ein „Übermann“ mit Frauenüberhang und eine nette „Null“-Nummer – Volksbühnenexilanten Christoph Marthaler und Herbert Fritsch am Hamburger Schauspielhaus und an der Berliner Schaubühne

Freitag, März 30th, 2018

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Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch – Christoph Marthaler imaginiert am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein männerloses Paralleluniversum der Kunst

Übermann oder die Die Liebe kommt zu Besuch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto © Matthias Horn

Wer die Inszenierungen von Christoph Marthaler schon immer für etwas seltsam hielt, der wird sich erst recht über dessen neuen Abend am Deutschen Schauspielhaus Hamburg verwundern. Benannt hat ihn der Schweizer Regisseur Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch. Inspiriert ist der Titel von dem fantastischen Roman Le Surmâle (dt.: Der Supermann) und dem Theaterstück L‘amour en Visites (dt.: Die Liebe auf Besuch) von Alfred Jarry, dem Vorläufer des absurden Theaters und als Dramatiker vor allem durch das Stück König Ubu bekannt. Viel hat der neue Marthaler aber nicht mit den genannten Werken von Jarry zu tun. Eher mit dessen Thesen von der sogenannten ’Pataphysik, einer Parawissenschaft, die sich v.a. mit imaginären Lösungen am Einzelfall und der Ausnahme von der Regel, sogenannten Epiphänomen, beschäftigt. „Die ’Pataphysik steht zur Metaphysik so wie die Metaphysik zur Physik.“ Das klingt zunächst recht absurd. Es handelt sich hierbei aber auch um die Vorstellung eines künstlerischen Paralleluniversums, das an die Stelle der bekannten Welt treten könnte. Und damit sind wir ja direkt wieder im Theater als Ort von Imaginationen und Utopien.

Letztendlich lässt sich das, was Christoph Marthaler mit seinen Theaterinszenierungen betreibt, durchaus in diese Sparte einordnen, bewegt sich der Regisseur mit ihnen doch regelmäßig am Rande des Absonderlichen und Erklärbaren, jedenfalls immer weitab vom gängigen Mainstream. Wie weit man da mitgehen möchte, da scheiden sich regelmäßig die Geister. So auch beim Übermann, für den Marthalers Stammbühnenbildnerin Anna Viebrock wieder einen ihrer zeitvergessenen hohen Räume mit fahlen Wänden, an den alte Tapetenreste kleben, gebaut hat. Wir schauen auf einen Vorraum eines alten Kongresssaales mit Garderobentresen, an dem zunächst die Besucher der titelgebenden wissenschaftlichen Jahrestagung ihre Mäntel und Hüte abgeben, die von der bewährten englischen Marthalerdarstellerin und klassischen Sängerin Rosemary Hardy als strickende Garderobiere an imaginäre Kleiderhaken gehängt werden. Das erste also, was man sich vorstellen müsste, und so fallen die Kleidungstücke auch recht erwartbar zum Amüsement des Publikums an der Rampe zu Boden.

 

Übermann oder die Die Liebe kommt zu Besuch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto © Matthias Horn

 

Danach wird es plötzlich kurz dunkel und eine computeranimierte Stimme erklärt uns das Marthaler‘sche Paralleluniversum. Nicht nur der Titel des Abends muss aufgrund unerwarteter Ereignisse komplett eliminiert werden. Auch die männlichen Tagungsteilnehmer seien durch einen starken Sonnenwind, der den Magnetschild der Erde passiert hat, was zu Strom- und Funkausfällen führte, entmagnetisiert und der Gravitation enthoben in die Erdumlaufbahn entschwebt. Nur noch ihre Schuhe stehen auf dem Bühnenboden. Die Männer (Statisterie) befinden sich also im wahrsten Sinne des Wortes außer Reichweite. Dafür hat der Sonnenwind eine Gottheit aus dem Äther auf die Erde geweht, die sich in Gestalt von Musiker Clemens Sienknecht im seidenen Bademantel ans Klavier setzt und das Paralleluniversum der ’Pataphysik repräsentierend den ganzen Abend klassische Melodien von Bach, Beethoven, Cage, Satie, Schubert, Schumann und Wagner sowie Popsongs von Abba, den Kings und den Pretenders spielt. Dazu tritt eine achtköpfige Damenriege auf, zu der neben Rosemary Hardy noch Altea Garrido, Isabel Gehweiler (die auch auf dem Cello spielt), Sachiko Hara, Anja Laïs, Sasha Rau, Bettina Stucky und Gala Othero Winter gehören.

Rosemary Hardy beginnt den Reigen der eigenartigen Texte mit einem Auszug aus Gertrud Steins A Play Called Not and Now, einem Stück abstrakter, konkreter Literatur, das von Doppelgängern bekannter Männer wie Dashiell Hammett, Charly Chaplin oder Pablo Picasso berichtet. Ein Abend der experimentellen Sprache also, zu dem auch wunderbar ein Gedicht von Nora Gomringer, der Tochter des konkreten Lyrikers Eugen Gomringer (momentan Stein des Anstoßes an einer Berliner Hausfassade), passt. „Ich mache jetzt etwas mit der Sprache / Das wird ganz unerhört sein, was ich jetzt mache mit der Sprache / Da werden Sie staunen werden Sie da.“ trägt Clemens Sienknecht mit dem Klavier rauf- und runterfahrend vor. Das sorgt natürlich für Gelächter, geht aber doch über den blanken Nonsens hinaus. Einen ähnlichen Abend hat Herbert Fritsch mit der die mann an der Volksbühne (jetzt wieder an der Berliner Schaubühne zu sehen) gestaltet, nur das Christoph Marthaler nicht auf die Klamauktube drückt und diese Erwartungen auch ganz bewusst immer wieder unterläuft.

In gewohnt entschleunigter Manier tragen die Damen nun abwechselnd weitere absurde Texte von Ilse Aichinger, Gisela Elsner, Elfriede Gerstl, Gertrud Kolmar und auch von Alfred Jarry vor, der in Gestalt des französischen Schauspielers Marc Bodnar in passendem Radlerdress auftritt, wie eine Karikatur des Supermanns auf der Stelle in die Pedalen tritt, singt, oder von den Damen zum Gesellschaftstanz genötigt wird. Ansonsten passiert tatsächlich nicht allzu viel. Sideboards fahren rein und raus, Die Damen sitzen auf Barhockern, verfallen in schläfrige Starre oder singen Choräle und schöne, sehnsuchtsvolle Ohrwürmer wie „I go to sleep, sleep /And imagine that you’re there with me“. Bettina Stucky spricht mit einer Konservendose, Sasha Rau über eine im Weg liegende Schnecke, Anja Laïs über ihre Nase, Sachiko Hara über Familienleben und singt dazu Elfriede Gerstls Schlagertext „Ich möchte mit dir staubsaugen / ich möchte dich aufräumen / am silbernen Meer.” Gott Sienknecht philosophiert über Raum und Gegenwart und eine Maschine zur Erforschung der Zeit. Schön auch der gemeinsame Text Die Welt verlangt danach, gekontert zu werden von Ilse Aichinger.

Das ist sicher mehr als nur ein ironisch-feministischer Theaterabend. Die Frage, ob eine Welt ohne Männer vorstellbar ist, lässt sich sicher auch nicht nur einfach mit der Antwort „aber sinnlos“ kontern. Ob man damit etwas anfangen kann, hängt möglicherweise davon ab, ob man überhaupt bereit ist zu imaginieren. Und wie heißt es im Stück so schön im besten Oxford-English: „In that case there are wonders.” und „Many wonders are women.“

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Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch
von Christoph Marthaler nach Alfred Jarry
Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Sara Kittelmann
Licht: Annette ter Meulen
Ton: Matthias Lutz, Christoph Naumann
Video: Marcel Didolff, Peter Stein
Dramaturgie: Malte Ubenauf
Cello: Isabel Kathrin Gehweiler
Es spielen: Marc Bodnar, Altea Garrido, Rosemary Hardy, Sachiko Hara, Anja Laïs, Sasha Rau, Clemens Sienknecht, Bettina Stucky, Gala Othero Winter, sowie: Rolf Bach, Renè Batista, Uwe Behrmann, James Bleyer, Niels Christenhuß, Tommasso DelDuca, Steffen Gottschling, Allan Naylor, Davide Pronat, Mohammad Sabra
Die Uraufführung war am 18.03.2018 im SchauspielHaus
Termine: 02., 18., 26.04.2018

Infos: https://www.schauspielhaus.de/de

Zuerst erschienen am 20.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Gut abgehangen – Mit Null, seinem zweiten Stück an der Berliner Schaubühne, umkreist Herbert Fritsch das Nichts als kreativen Ausgangspunkt für das Theater

Herbert Fritsch kokettiert im Trailer für sein neues Stück an der Berliner Schaubühne, dass er auf die Null gekommen sei, weil ihm einfach nichts mehr eingefallen ist. Sozusagen Tabula Rasa im Kopf, ein Reset auf leerer Bühne. Auch für den Altmeister unter den Theatermachern, dem britischen Regisseur Peter Brook, war der leere Raum (also das Nichts) „der Punkt oder Ort in einem kreativen Prozess, an dem mir nichts mehr einfällt und sich in meinem Kopf eine absolute Leere ausbreitet“. Wohl in diesem Sinne wollte Fritsch einfach mal etwas anfangen, ohne zu wissen, was es wird, oder wohin das führt. Eine Art Umkreisung des Nichts als kreativen Ausgangspunkt für das Entstehen von Theater.

 

Null in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Man kann das philosophisch oder mathematisch untermauern wie im Programmheft zum neuen Fritsch-Null-Abend oder einfach mal anfangen, probieren und sehen, was passiert. Und so betritt das Fritsch-Ensemble mit Florian Anderer, Bernardo Arias Porras, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler und Axel Wandtke die leergeräumte Bühne, auf deren Boden geometrische Figuren gezeichnet sind. Linien, Kreise und Quadrate gehörten schon immer zum Fritsch-Universum. Und auch diesmal hat der Regisseur die Bühne selbst gestaltet.

Die gleicht einem Turnsaal, in dem auch eine lange Kletterstange montiert ist. Und so beginnt der Abend auch mit gymnastischen Aufwärmübungen, Stellproben, Einzählversuchen und kleinen Tanzeinlagen, die vom Ensemble in wiederkehrenden Satzfetzen mit Worten wie Metronom, Tinnitus oder Tanztee kommentiert werden. Ein lustiges Mach-doch-noch-Mal in Endlosschleife bis man irgendwann die Sicherheitsgeschirre am Boden entdeckt, sich in vom Schnürboden herabgelassene Seile einhängt und choreografierte Schwebefiguren im Gleichklang oder wildem Chaos vollführt. Auf und nieder immer wieder. Nach einer halben Stunde ist dann allerdings schon Umbaupause.

 

Null in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Das bringt diesen netten, improvisiert wirkenden Anfang etwas aus dem Gleichgewicht. Ein dramaturgisch unnützer Break, der in der Volksbühne sicher nicht notwendig gewesen wäre. Das Publikum sieht nun dem Aufhängen einer überdimensionalen Gliederhand zu, die im großen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz problemlos unter dem Schnürboden hätte versteckt werden können. Also noch mal alles zurück auf Anfang. Der Abend beginnt nach fast einer Stunde wieder bei null. Die Ensemblemitglieder haben ihre pastellfarbenen 50er-Jahre-Kostüme untereinander gewechselt und treten nun zu munteren Kreisspielen an, bis Axel Wandtke mit einem Gabelstapler Florian Anderer hereinfährt und an die Decke vor die Kletterstange hebt. Krampfhaft umklammert der die glatte Metallstange und rutsch an ihr ganz langsam aber geräuschvoll herab, worauf sich alle mal in mehr oder weniger akrobatischen Slapstick- oder Pooldance-Einlagen versuchen dürfen. Komisches Scheitern natürlich inbegriffen.

Bis hierhin ist der Abend eine perfektionierte, aber auch schrecklich nette Nullnummern-Revue der lustigen Art. Projizierte Farbquadrate und rhythmisch wechselnde Spotlights, auf Rückwand oder DarstellerInnen gesetzt, lassen eine virtuos durchkomponierte Licht- und Klanginstallation entstehen. Die diesmal relativ wortlose Fritsch’sche Sinnaustreibung erschöpft sich dann in einem von Musiker Ingo Günther dirigiertem schulterzuckenden „Hä“-Chor, der auf dem Gabelstapler in die Unterbühne fährt und mit Blechblasinstrumenten wieder zum Vorschein kommt. Es folgt ein Blaskonzert aus heißer Luft, die alle lautlos in ihre Instrumente pusten. Ähnlich wie in Pfusch wird auch lange rhythmisch auf den Instrumenten geklopft. Ein minimalistisch auf null laufendes Musikkunststück.

Die an der Decke hängende Hand, die sich auch zu Beginn auch mal wie ein Schutzdach über das Ensemble gesenkt hatte, knarrt nur leise und winkt etwas bedrohlich von oben. Ihr und dem Gabelstapler gehört der letzte Teil des Abends. Nachdem das Ensemble die Bühne verlassen hat, bewegen sich die riesigen Fingerglieder zu einem technischen Roboter-Sound. Gemeinsam mit dem kreiselnden Gabelstapler entspinnt sich ein gespenstischer Tanz der Maschinen. Eine kinetische Klanginstallation im leeren Raum als Vision eines Theaters ohne Menschen. Spielerisch umkreist der Abend damit vieles und nichts. Er ist schön anzuschauen, aber zuweilen auch ein wenig beliebig.

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NULL (Schaubühne am Lehniner Platz, 24.03.2018)
Regie und Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Bettina Helmi
Musik: Ingo Günther
Dramaturgie: Bettina Ehrlich
Licht: Carsten Sander
Mit: Florian Anderer, Bernardo Arias Porras, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler und Axel Wandtke
Die Uraufführung war am 24. März 2018.
Weitere Termine: 30.03. / 01., 02., 27.-30.04. / 01., 02.05.2018

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 25. März 2018 auf Kultura-Extra.

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Panikherz – Am Hamburger Thalia Theater bringt Christopher Rüping die Suchtbekenntnisse von Benjamin von Stuckrad-Barre ein weiteres Mal auf die Bühne

Montag, März 26th, 2018

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Vor genau einem Monat von Oliver Reese am Berliner Ensemble erstmals aufgeführt, ist Panikherz – die 2016 veröffentlichte Autobiografie von Benjamin von Stuckrad-Barre – nun in einer weiteren Bearbeitung von Christopher Rüping am Thalia Theater Hamburg zu sehen. Ähnlich wie Reese in Berlin stellt Rüping einen kollektiven Benjamin auf die Bühne. Bernd Grawert, Julian Greis, Franziska Hartmann, Pascal Houdus, Peter Maertens, Oda Thormeyer und Sebastian Zimmler teilen sich die Rolle des jungen wie auch des Mitte zwanzig- bis vierzigjährigen Journalisten und Schriftstellers, der mehrere Jahre seines Lebens im Drogenrausch verbrachte und auch an Bulimie litt.

 

Foto: St. B.

 

Christopher Rüping taucht aber wesentlich tiefer in die Abgründe dieses „Vollgaslifestyles“ ein. Wie im Buch geht es hier los mit der Ankunft im legendären Hotel Chateau Marmont in Los Angeles, wo Stuckrad-Barre mit Udo Lindenberg, seinem Idol aus Jugendjahren, eincheckt und für ein ganzen Jahr bleiben wird, um runter zu kommen und über sein bisheriges Leben nachzudenken. Panikherz ist dort entstanden. Immer wieder blickt der Autor von hier zurück auf seinen Werdegang, reflektiert seine Medienkarriere und das Abdriften in die Sucht. Auf zunächst leerer Bühne treten Peter Maertens und Sebastian Zimmler im Trockeneisnebel an die Rampe. Zimmler ganz in weiß gibt hier den Hauptpart als aus L.A. zurückschauender Stuckrad-Barre, Maertens wirkt wie eine Art Alter Ego. Ein Überlebender und in die Jahre gekommene Star. Sie sind aber auch ein aneinander gebundenes Zwillingspaar. „Verweile doch! Du bist so schön!“ hängt als große Leuchtreklame über der Bühne. Rüping sieht Stuckrad-Barres Leben auch als eine große Wette. Faust und Mephisto in einer Person. Die immer währende Walpurgisnacht eines Duos infernale.

Die Jugend des Pastorensohns, beginnend im Elternhaus in Rotenburg an der Wümme, wird dann vom restlichen Ensemble in Kapuzenpullis und Jogginghosen performt. Pubertäres Gehabe wechselt mit der Verehrung für sein Idol Udo Lindenberg, dessen Musik für Stuckrad Barre zur Initialzündung seines Lebenstraums wird. „Im Licht stehen.“ Kurz abgehandelt werden auch die ersten Stationen als Musikkritiker beim Nigthlife-Stadtmagazin in Göttingen, als Redakteur des Rolling Stone und der taz in Hamburg. Ein Traum wird war: Jeder Abend ein Spektakel. Rüping inszeniert diesen Beginn atmosphärisch dicht, nimmt Tempo auf, aber auch immer wieder raus, um in ruhigen Momenten den Fokus auf das Innenleben des Autor zu lenken. Das geschieht vorn am Mikrofon. Mikros hängen auch vom Schnürboden. Die Begleitmusik mixt Live-Musiker Christoph Hart. Ein Soundmix aus Technoklängen und Samplings bekannter Songs von Nirvana, Oasis, Blur, Elvis Costello, den Bates, einer Punkband, die heute kaum noch jemand kennt, und natürlich Udo Lindenberg, dessen Musik auch mal lauthals eingefordert wird und der als Double immer stumm anwesend ist.

 

Panikherz am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

 

Eine nicht ganz von Sentimentalität freie Reminiszenz an die Musik der 1980er und 90er Jahre, in denen alles begann, aber auch die Zeit des kalten Neoliberalismus nach der Wende eingeläutet wurde. Stuckrad-Barre liest Brett Easton Ellis und Jög Fauser, Idole, denen er nicht nur im Aussehen nacheifert. Nach dem kometenhaften Aufstieg folgt der Absturz in die Kokain- und Magersucht. Hin und wieder kommt Stuckrad-Barres Erzengelstimme vom Band, und einmal wird sein Besuch bei der WDR-Talksendung „Zimmer frei“ in den Bühnennebel projiziert. Da ist der Autor 27 Jahre alt und Götz Alsmann kündigt ihn mit den vielsagenden Worten an: „Was soll aus dem Jungen noch werden? Entweder Weltstar oder Drogensüchtiger.“ Warum nicht beides? Schnelle Kostüm- und Stimmungswechsel durchziehen den Abend. Das Ensemble stüzt sich in glitzernden Abendroben in die für Rüping typischen Infantilitäten und feiert eine italienische Nacht im Berliner Drogenrausch. Nach der Party folgt der Kater, Kotz-Arien, Klo-Meditationen, diverse Aufenthalte in Suchtkliniken.

Die Rettung kommt von Udo. Das asiatische Double nimmt die vor dem durchdringenden Udo-Blick schützende Brille ab. Stuckrad-Barre kehrt in den Schoß der Familie zurück wie ein verlorener Sohn. Ein wenig pathetisch steht dann nach der Pause Sebastian Zimmler in seinem weißen Anzug an der Rampe und wendet sich direkt ans Publikum, macht Konversation, etwas, was dem monologisierenden Buch in seiner konsequenten Ichbezogenheit fehlt. Er holt Zuschauerinnen in eine Sitzecke mit Plastikpalme auf die Bühne und monologisiert seinen Text zu zweit. In den Arm möchte man ihn hier nehmen. Ein Bild, das für die Liebes- und Anerkennungsbedürftigkeit des Soloalbum-Manns Stuckrad-Barre steht. In L.A. endet eine lange Nacht im Rausch. Was bleibt, ist ein latentes Suchtverlangen nach Action und Ruhm in Kopf und Körper, das nur durch Schlaftabletten ruhig gestellt werden kann.

Rüpings Inszenierung bleibt in den drei Stunden des Abends nah am Text des Autors. Die Dimension einer allgemeingültigen Analyse von Gesellschaft und Pop-Business, die zwischen den Zeilen von Stuckrad-Barres Suchtbekenntnissen steht, vermag aber auch Rüping nicht zu lesen. Stimmungsmäßig erfasst er den Roman allerdings wesentlich besser als Oliver Reese am BE, gerade weil er sich mehr Zeit dafür nimmt. Schauspielfutter für Selbstdarsteller ist Panikherz allemal. Alle bekommen hier ihren kleinen Soloauftritt. Und letztendlich überzeugt auch im Thalia Theater ein spielfreudiges Ensemble, das vom Publikum zurecht dafür gefeiert wird.

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Panikherz
von Benjamin von Stuckrad-Barre
in einer Bearbeitung von Christopher Rüping
Regie: Christopher Rüping
Musik: Christoph Hart
Bühne: Jonathan Mertz
Live-Musik: Christoph Hart
Kostüme: Anna-Maria Schories
Video: Su Steinmassl
Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Bernd Grawert, Julian Greis, Franziska Hartmann, Pascal Houdus, Peter Maertens, Oda Thormeyer, Sebastian Zimmler
Udo Lindenberg-Double (alternierend) Wenyen You / Chen Ding
Die Premiere war am 17. März 2018 im Thalia Theater Hamburg
Termine: 21., 23.03. / 07., 08., 18.04. / 06.05. / 08.07.2018

Infos: https://www.thalia-theater.de/de/

Zuerst erschienen am 18.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Das Maxim Gorki Theater stellt sich der Frage: „Alternative für Deutschland?“ und das Deutsche Theater Berlin verhandelt in „Rom“ die Demokratieverdrossenheit des Volkes

Mittwoch, März 21st, 2018

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Mut zur Wahrheit!? – Der kroatische Skandalregisseur Oliver Frljić lässt in seiner Performance Gorki – Alternative für Deutschland? über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert referieren

GOЯKI – ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND? von Oliver Frljić
Foto (c) Esra Rotthoff

Seit die Alternative für Deutschland in mehreren Landesparlamenten und seit September letzten Jahres auch im Bundestag sitzt, besteht das Problem des Umgangs mit der rechtspopulistischen Partei in politischen Debatten und Gesprächsrunden. „Mit Rechten reden“ ist zurzeit als heiß umstrittenes Thema in aller Linken und Liberalen Munde. Die Feuilletons überschlagen sich gerade in der richtigen Einordnung der Reaktionen auf AfD-nahe Äußerungen, die der Dresdner Schriftsteller und Autor des preisgekrönten Wenderomans Der Turm, Uwe Tellkamp, bei einer Podiumsdiskussion in Dresden mit dem Lyriker Durs Grünbein getätigt hatte. Tellkamp sprach unter anderem von „Gesinnungsdiktatur“, „Verrat“ und „Mainstream-Presse“. All das bevorzugtes Vokabular der neuen Rechten im Kampf gegen sogenannte „Political Correctness“ und die deutsche „Willkommenskultur“. Einfach ignorieren, als Prozess freier Meinungsäußerung werten oder entschieden widersprechen – zwischen diesen Möglichkeiten der Reaktion ist das liberale Lager gerade mehr als zerstritten.

Der kroatische Skandalregisseur Oliver Frljić hat dieses Dilemma zum Anlass genommen, über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert nachzudenken. In seinem Stück Gorki – Alternative für Deutschland?, das gestern im Maxim Gorki Theater Premiere hatte, lässt Frljić ein paritätisches Ensemble aus drei Schauspielerinnen und drei Schauspielern in Splittern und Zitaten aus Werken und Reden von historischen und heutigen Personen aus Kunst, Kultur und Politik über das Problem referieren. Der Clou dessen ist, dass diese Zitate so zusammengeschnitten sind, dass man sie im Einzelnen nicht mehr auseinanderhalten kann.

Vermengt ist das Ganze mit den für das Gorki typischen persönlichen Lebensbeichten der DarstellerInnen, was hier auch gleich zu Beginn des Abends thematisiert wird. Nachdem Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Nika Mišković, Falilou Seck und Till Wonka türenknallend vor den Eisernen Vorhang zur Rampe getreten sind, präsentieren sie ein minutenlanges Zitatengemenge aus kritischen bis populistisch verleumderischen Aussagen über das Gorki-Ensemble und seine künstlerische Ausrichtung. Da kommen so Sachen wie, dass bei Bewerbungen Menschen „mit Migrationshintergrund“ nicht nur erwünscht, sondern sogar bevorzugt eingestellt würden. Deren Befähigung also keine Rolle mehr spiele. Ein Theater ausschließlich für Minderheiten, in dem die deutsche Bevölkerung sich nicht mehr wiederfindet. Eine umgekehrte Art der Diskriminierung?

Falilou Seck möchte nicht mehr über seine Herkunft wahrgenommen werden und der Quoten-„Neger“ sein. Till Wonka nicht mehr Quoten-Ossi und biodeutsches Feigenblatt. Gastdarstellerin Nika Mišković beschimpft Ensemble und Publikum als eklig und nazisstisch. Als drei aus dem Ensemble auch noch vorgeben, in die AfD eingetreten zu sein und die Beiträge vom Gorki bezahlt würden (eine Replik auf Forderungen der AfD, dem Theater die Subventionen zu kürzen), kulminiert das Ganze in einem wilden Streit mit gegenseitigen Anschuldigungen. Das soll natürlich in erster Linie die schon bestehende Verunsicherung im Publikum – falls es da überhaupt eine gibt – noch vertiefen. Dazu hat man in Gorki-Lettern den Slogan „Mut zur Wahrheit“ an den Eisernen Vorhang projiziert. Also hören wir hier nun die Wahrheit oder alternative Fakten? Wo kein Faktencheck, da steigt bekanntlich gerne mal das Erregungspotential in ungeahnte Höhen. Siehe Tellkamps Behauptung von 95 Prozent Flüchtlingen, die einzig nach Deutschland kämen, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Will Frljić uns das vor Augen führen? Unsere Anfälligkeit für rechte Parolen? Oder ist es eher eine konfrontative Warnung vor der eigenen Selbstgewissheit, dagegen immun zu sein?

Dagegen stellt sich nun das Gorki-Ensemble mit Fragezeichen mal eben als Alternative für Deutschland selbst zur Diskussion. Was folgt, ist der Blick auf eine Pappnachbildung der Gorki-Fassade mit anschließender Demontage des Theaters und seiner deutschen Geschichte in Bild und Ton. Was übrig bleibt, sind diffuse persönliche Ängste über die eigene Zukunft und Deutschland, die die Ensemblemitglieder in kleinen Kammern des Kulissengerüstes äußern. Ziemlich düster gestalten sich natürlich diese Ahnungen. Ein allgemeines Raunen, dem man sich durchaus anschließen könnte, wäre da nicht das dumpfe Gefühl, vielleicht doch auf der falschen Seite des Diskurses zu stehen.

Der Abend gefällt sich aber zunehmend in der Präsentation rechten Gedankenguts im gewohnten Stil der plakativ verpackten Bloßstellung und ironischen Selbstbespiegelung oder arbeitet mit besonders fiesen Showeffekten. So wird zum Beispiel ein Monologwettbewerb zwischen den beiden deutschen Schauspielerinnen Mareike Beykirch und Swenja Liesau um den tränenrührigsten Seelenstriptease ausgetragen. Als schmieriger Spielleiter erklärt Mehmet Ateşçi das Publikum zum Entscheider per Applausometer, wer von den beiden das Ensemble verlassen muss. Beykirch spielt die Ossikarte und will nicht in die Unterschicht zurück. Liesau berichtet von einer Vergewaltigung durch ihren syrischen Exfreund und präsentiert das aus dieser Tat entstandene Kind (Alexander Sol Sweid).Trash, Parodie und gezielte Provokation sind die bekannten Mittel von Oliver Frljić‘ Theater. Der Regisseur verfolgt hier laut eigener Aussage auf Deutschlandfunk Kultur das „Konzept der subversiven Affirmation“, wie es in den 1970er- und 80er-Jahren in der Sowjetunion oder in Jugoslawien von regimekritischen Künstlern praktiziert wurde. So arbeitet u.a. auch die slowenische Rock-Band Laibach.

Falilou Seck spricht an einem Rednerpult von der konservativen Revolution und der Ausnutzung der parlamentarischen Demokratie zum Ziele ihrer Abschaffung. Hier sind Aussagen des AfD-Politikers Marc Jongen und des nationalsozialistischen Propagandaspezialisten Joseph Goebbels miteinander verknüpft. Das macht durchaus Sinn. Wer die Wiederherstellung der Marktwirtschaft und die Kritik an Lobbyismus und Bankenkrise mit der nationalen Identität der Deutschen verbindet, geht mit gleichen Mitteln auf Stimmenfang wie die Nazis in der Weimarer Republik. Diese politischen Aha-Momente sind allerdings recht selten. Es überwiegt die platte Provokation. Zuvor schon hatte Gorki-Kolumnistin Mely Kiyak gegen Linke wie Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine ausgeteilt. Und natürlich darf die durchaus gerechtfertigte Stellung der sozialen Frage die Verantwortung des Westens für das Geschehen in der Welt nicht in den Hintergrund rücken lassen. Zu diesem entscheidenden Punkt vermag Frljić lauthals schreiende Inszenierung aber gar nicht mehr vorzudringen.

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GOЯKI – ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND?
ÜBER DIE REPRÄSENTATIVE SCHWÄCHE DES THEATERS UND DER DEMOKRATIE IM FRÜHEN 21. JAHRHUNDERT (Maxim Gorki Theater, 15.03.2018)
Von Oliver Frljić
Regie: Oliver Frljić
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Sandra Dekanić
Dramaturgie: Aljoscha Begrich
Licht: Jens Krüger
Ton: Hannes Zieger
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Nika Mišković, Falilou Seck, Till Wonka, Alexander Sol Sweid
Die Uraufführung war am 15. März 2018 im Maxim Gorki Theater
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Termine: 23.03. / 07., 12.04.2018

Infos: http://www.gorki.de/de/

Zuerst erschienen am 16.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Rom – Karin Henkel inszeniert am Deutschen Theater drei Stücke über politisches Machtstreben, Teilhabe des Volks und Populismus nach William Shakespeares Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra

Foto (c) Arno Declair

Anhand der drei Shakespeare-Stücke Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra versucht die Regisseurin Karin Henkel eine kleine Geschichte der Demokratie am Beispiel des alten Rom zu erzählen. Der Schriftsteller, Dramatiker und ehemaliger Dramaturg des Deutschen Theaters John von Düffel hat mit ihr zusammen die Stücke für einen Abend von gut drei Stunden Länge bearbeitet. Rom ist kein großer Wurf aber eine ganz annehmbare Lehrstunde über politisches Machtstreben sowie die Beeinflussung des Volks durch Populismus und Versprechungen. „Rom Republik“ wird zu Beginn in roten Lettern an einen Bretterzaun geschrieben, ein Zeichen dafür, dass es vor allem blutig zugeht im Kampf um die Macht in Rom. Drei Stücke und drei Herrschertypen, die sich dem Volk von Rom auf ganz verschiedene Weise präsentieren, und die doch eines eint: Sie pfeifen eigentlich auf die Demokratie und spielen nur zum Schein nach ihren Regeln.

Das macht die Sache natürlich ziemlich heutig. Man denkt sofort an Trump, Erdogan oder die AfD. Die Nutzung demokratischer Mittel, um an die Macht zu gelangen, das Volk auf seine Seite zu ziehen und politische Gegner auszuschalten. Die Sprache ist entsprechend angepasst. Von Düffel ist ein Meister in der theatralen Verkürzung. Er hat dies schon an Abenden wie Joseph und seine Brüder oder Ödipus Stadt angewendet. Nicht immer zum Besten, aber doch immer auch ganz unterhaltsam. So dann auch an hier. Zuerst wird Coriolan gegeben. Das Stück über den römischen Feldherrn und Bezwinger der Volsker hat man am DT schon mal in einer Inszenierung von Rafael Sanchez mit einem reinen Damenteam an den Kammerspielen gesehen. Hier spielt Michael Goldberg den stolzen Demokratieverächter und Hasser des nach Getreide brüllenden gemeinen Pöbels. „Unsere Gefühle sind groß und authentisch“, rufen Camill Jammal und Benjamin Lillie als Volkstribune in ihre Megafone.

Als Aufstachlerinnen des zunächst nicht besonders machthungrigen Gaius Marcius, genannt Coriolan (nach der Stadt, die er für Rom erobert und geplündert hat), fungieren hier gleich drei Mütter. Bernd Moss, Kate Strong und Anita Vulesica sind die Einflüsterinnen des jungen Coriolan. Ziel ist der Thron. Und da dieser nur über eine Wahl zu erreichen ist, pinseln sie ihren aus dem Krieg heimkehrenden Sohn mit roter Farbe an. Zeige deine Wunden, so verlangt es der Brauch vom Kriegshelden. Der allerdings auf das Volk pfeift und sich nicht auf ein Koalitionsgeplänkel mit den Volkstribunen einlässt. Henkel lässt das als plumpe Politfarce spielen. Etwas zu klamaukig. Der Held scheitert hier noch an seinem Stolz und diplomatischem Unvermögen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Da ist Antonius (Manuel Harder) ein wesentlich geschickterer Koalitionär. Erst Vertrauter des Julius Cäsar, münzt er seine Niederlage gegen die Tyrannenmörder Brutus (Felix Goeser) und Cassius (Bernd Moss) mit einer populistischen Rede vor dem Grab Cäsars in einen Sieg um. Zweifler und Freiheitsidealist Brutus erkennt zu spät seinen Fehler. Die richtige Taktik führt hier zur Macht. Der zweite Teil ist finsterer Geister- und Prophezeiungsschwulst vor einer mit Leichenpuppen gefüllten Drehbühne. Die ehrenwerten Verschwörer pinseln ihre Arme bis zu den Ellenbogen mit Theaterblut ein und reichen Antonius die Hand, in die dieser bereitwillig einschlägt. Rom, ein „House of Cards“.

Nach der Pause geht es in Ägypten weiter. Anita Vulesica ist Cleopatra und Elisabeth-Taylor-Lookalike. Ihr Antonius (Manuel Harder) ist ein müder Rocker in Lederhose, der sich gegen einen verdoppelten Cäsar-Sprössling Oktavius (Camill Jammal und Benjamin Lillie in kurzen Hosen) erwehren muss. Schwester Oktvia (Wiebke Mollenhauer hat an diesem Abend die Rolle der Frau an seiner Seite gebucht) hält den beiden die Krone an einer Angel vor die Nase, während Kleopatra ihren Sohn Cäsarion (Jacob Braune / Bennet Schuster) mit Wettrennen auf den Thron trainiert. Intrigen und Machtkoalitionen auch hier. Da blickt der einfache Mann nicht mehr durch, wenn es plötzlich für die fremde ägyptische Königin gegen die eigenen Leute geht. Bernd Moss ist als alter Soldat einzige wahre Stimme des Volkes. Ansonsten kreisen die politischen Eliten um sich selbst.

Verzicht auf Rom bedeutet Niederlage und Freitod. Da wird’s dann auch mal ein wenig philosophisch, wenn Manuel Harder über die Freiheit, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu bestimmen, spricht. Der Sieger beeilt sich dem Volk seine Unschuld am Tod Kleopatras und Antonius zu beteuern. Ein Abend über Demokratie, bei dem das Volk nicht viel zu sagen hat. Die Fassung destilliert das Passende aus den drei Shakespeare-Stücken heraus. Ein pointensicherer Digest. Erkenntnisgewinn eher gering.

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Rom
nach Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra von William Shakespeare
Bearbeitung: John von Düffel
Fassung: Karin Henkel, John von Düffel
Regie: Karin Henkel
Bühne: Thilo Reuther
Kostüme: Tabea Braun, Sophie Leypold
Musik: Lars Wittershagen
Licht: Matthias Vogel
Maske: Andreas Müller
Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Manuel Harder, Camill Jammal, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Bernd Moss, Kate Strong, Anita Vulesica, Jacob Braune / Bennet Schuster
Die Premiere war am 16. März 2018 im Deutschen Theater
Termine: 22.03. / 03., 11., 22.04. / 01.05.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 17.03.2018 auf Kultura-Extra.

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DIE SELBSTMORD-SCHWESTERN / THE VIRGIN SUICIDES – Susanne Kennedy unterweist das Publikum an den Münchner Kammerspielen (und nun auch an der Volksbühne Berlin) in der Kunst des Sterbens

Montag, März 19th, 2018

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Die Selbstmord-Schwestern
Foto (c) David Baltzer

Kurz vor Ende des Castorf-Ära an der Berliner Volksbühne, warf genau vor einem Jahr schon Zukünftiges seine Schatten voraus. Es sind dies Bilder aus dem Totenreich. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Susanne Kennedy, die seit Herbst letzten Jahres zur künstlerischen Leitung der neuen Volksbühne unter Chris Dercon gehört, hat sich in der ersten Koproduktion der Dercon-Intendanz mit den Münchner Kammerspielen an eine Adaption des Romans The Virgin Sucides (dt.: Die Selbstmord-Schwestern) von Jeffrey Eugenides gewagt. Die Produktion ist nun auch an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz übergesiedelt.

Dieser Abend ist rein rational nicht zu fassen. Auf einer knallbunten, wie zu einem Popkultur-Schrein umgebauten Bühne mit Devotionalien, Blumen, Video-Screens und einer in einem Terrarium liegenden Wachsleiche findet ein ritueller Totenkult für die fünf Lisbon-Töchter aus dem Roman, der 1999 auch erfolgreich von Sophia Coppola verfilmt wurde, statt. Susanne Kennedy, bekannt durch ihre recht spezielle Verfremdungstechnik mit Silikonmasken und verzerrter Stimmwiedergabe aus dem Off, dient die Romanvorlage allerdings nur als Stichwortgeber für eine Reise in eine transzendente Bewusstseinsebene.

Dieser Trip wickelt sich nach den rituellen Lehren zur Sterbebegleitung aus dem Tibetanischen Totenbuch, getaktet in 49 Tage, ab. Ein weiblicher Avatar vermittelt dazu per Videobotschaft die einzelnen Wahrnehmungsstufen, die der LSD-Papst Timothy Leary 1966 in seinem Buch The Psychedelic Experience nach eigenen Drogenerfahrungen aufgezeichnet hatte. Auch er befasste sich wie schon der Psychoanalytiker C.G. Jung sehr eng mit dem Tibetanischen Totenbuch. Eine deutsche Übersetzung erfolgt leider nicht. Wer des Englischen nicht mächtig ist, sollte sich das Programmheft kaufen, in dem Ausschnitte des Textes abgedruckt sind.

 

Die Selbstmord-Schwestern – Foto (c) David Baltzer

 

„Das Ziel der Reise ist Ekstase, die Grenzen der normalen Wahrnehmung und des Bewusstseins zu überschreiten und die entfernten Regionen deines Nervensystems zu erreichen.“ So spricht Learys Computer-Avatar zu uns. Loslassen, Geschehenlassen und Genießen ist sein Rat. Es geht dabei um Akzeptanz für das, wofür wir keine Worte haben oder das wir, wie eben den Tod, gerne auch verdrängen. Auf die Suche nach der Erklärung für den Selbstmord der Lisbon-Schwestern gehen weiterhin vier Schauspieler, die lange weiße Hemden, Stoffmasken mit großen Augen und bunte Blumenkränze auf den Köpfen tragen. Sie wirken dabei wie kultische Fruchtbarkeitspriesterinnen in Manga-Gestalt. Ein Pop- und spiritueller Culturclash quer durch Welt-Religionen. Ein Statist nimmt während der Performance noch ein leuchtendes Herz aus einer der Vitrinen, das angebetet wird. Das brennende Herz als Jesus-Symbol ist auch weitverbreitetes Zeichen im Buddhismus.

Auch wenn das mitunter etwas esoterisch oder gar kitschig wirkt, wird hier jeder etwas für sich finden, soweit er denn bereit ist, sich auf dieses Spiel einzulassen. Und damit hat der Abend dann auch so seine Probleme. Kennedys Inszenierung wirkt eher wie eine gewaltige Bild-Ton-Installation. Es gibt viel Videoeinsatz, z.B. sogenannte kleine YouTube-Tutorials mit Schminktipps von amerikanischen Teenagerinnen. Die Stimmen der Darsteller kommen in der sogenannten Voice-Over-Technik vom Band. Die Performer bewegen dazu nur die Münder. Sie reflektieren wie im Roman die Geschehnisse aus Sicht der männlichen, voyeuristischen Bewunderer der Mädchen.

Der Genießer konventioneller Theaterkunst wird sich hier spätestens nach einigen unfreiwillig komischen Sanges- und Tanzeinlagen mit plötzlicher Kotzattacke abwenden und die Flucht ergreifen. Türenknallen und Buhrufe gehören zurzeit scheinbar auch zur Aufführungspraxis an den Kammerspielen. Dennoch spielt die Inszenierung durchaus geschickt mit ungewohnten Wahrnehmungsebenen und entwickelt dabei eine gewisse Faszination, die sich leider nicht jedem erschließen wird. Bigotte Triebunterdrückung, das Phänomen der westlichen Jungfrauenerotik bis zur sexuellen Verklärung gekoppelt mit der letzten großen Bewusstseinserweiterung, der Todeserfahrung und deren bewusster Begleitung ist sicher schwer ertragbar. „The world will glow for you.“ sind Timothy Learys letzte Worte. Ob Susanne Kennedy damit Herzen, Augen und Geist des Berliner Publikums erleuchten wird, bleibt die große Frage.

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DIE SELBSTMORD-SCHWESTERN / THE VIRGIN SUICIDES (Kammer 1, 20.04.2017)
Regie: Susanne Kennedy
Bühne: Lena Newton
Kostüme: Teresa Vergho
Video: Rodrik Biersteker
Licht: Stephan Mariani
Sound: Richard Janssen
Dramaturgie: Johanna Höhmann
Mit: Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber, Damian Rebgetz und Ingmar Thilo
Eine Koproduktion mit der Volksbühne Berlin
Uraufführung an den Münchner Kammerspielen: 30.03.2017
Die Berlin-Premiere war am 15.03.2018
Weitere Termine in München: 10.04.2018
Für Berlin siehe: https://www.volksbuehne.berlin/de/programm/792/die-selbstmord-schwestern

Weitere Infos siehe auch: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 21.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Weltzustand Davos – Das Dokutheater-Kollektiv Rimini Protokoll bringt das Weltwirtschaftsforum von den Schweizer Alpen ins HKW an die Berliner Spree

Freitag, März 16th, 2018

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Wer würde nicht gern den Zustand der Welt verbessern? Mit diesem Anspruch sind die meisten Politiker einmal angetreten. Aber sind in der neoliberalen Welt die Staaten überhaupt noch Lenker ihres Geschicks oder nicht schon lange von global operierenden Wirtschaftskonzernen abhängig? Bei der vom Schweizer Dokutheater-Kollektiv Rimini Protokoll veranstalteten Performance Weltzustand Davos kann das Publikum nun für zwei Stunden in die Rolle sogenannter Weltwirtschaftslenker schlüpfen, die sich alljährlich im Januar im schönen Schweizer Luftkurort Davos zum Weltwirtschaftsforum (WEF) treffen. Vom Gründer dieses 1971 als Stiftung ins Leben gerufenen Forums mit 1.000 Mitgliedsunternehmen, dem deutschen Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab, stammt auch der schöne Ausspruch vom „Sanatorium für die kränkelnde Welt“.

Davos – nicht nur aus Thomas Manns Roman Der Zauberberg als Mekka für Tuberkulosepatienten bekannt – hat sich nach dem fast vollständigen Sieg über diese Krankheit, deren Bekämpfung dem kleinen Ort in den Schweizer Alpen einst zu Ruhm und Reichtum verhalf, einem neuen finanziellen Zugpferd zugewandt. Den meisten Umsatz im Jahr machen Hoteliers, Bauern und örtliche Händler mit den rund 3.000 Teilnehmern des WEF, die sich aus Firmenvertretern, Wirtschaftsexperten, Politikern, NGO-Mitarbeitern, Intellektuellen und Journalisten zusammensetzen. Im exklusiven Kreis diskutieren sie neben aktuellen globalen Fragen der Wirtschaft auch die von Gesundheits- und Umweltpolitik.

Weltzustand Davos (Staat 4) ist eigentlich der Höhepunkt einer in vier Teilen mit vier koproduzierenden Stadttheatern in München (Staat 1), Düsseldorf (Staat 2), Dresden (Staat 3) und Zürich (Staat 4) angesetzten Bestandsaufnahme über gesellschaftliche „Phänomene der Postdemokratie“, die sich mit dem Funktionieren von demokratischen Prozessen innerhalb von Geheimdiensten, bei öffentlichen Großbauvorhaben, bei der Entwicklung der allgemeinen Digitalisierung und in der globalisierten Wirtschaftswelt z.T. interaktiv auseinandersetzt. Im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW), das für drei Wochen die vier Teile zusammenführt, geht man die Sache rund um eine ovale Arena, unter deren Kunstschneedecke später der Stadtplan von Davos freigelegt wird, zunächst ganz sportlich an, übt zur Auflockerung die La-Ola-Welle und ist per Video beim Helikopterflug von Zürich nach Davos dabei.

 

Weltzustand Davos (Staat 4) von Rimini Protokoll
Foto (c) Benno Tobler

 

Wie immer hat Rimini Protokoll zu seinem Projekt sogenannte Experten geladen. Es sind dies der von 2005 bis 2012 als Landammann (Bürgermeister) der Stadt Davos an der Organisation des Weltwirtschaftsforums beteiligte Hans Peter Michel, der aus Sri Lanka stammende Wirtschaftssoziologe Ganga Jey Aratnam, der Lungenarzt Otto Brändli, die ehemalige Direktorin des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) Cécile Molinier und die aus Russland stammende Vizepräsidentin des Zürcher Verbandes Global Shapers (einer WEF-Nachwuchsorganisation), Sofia Sharkova. Begrüßt werden wir von Hans Peter Michel, der uns im schönsten Schwyzerdütsch die Fabel vom Wolf und Fuchs erzählt. Wer hier gefräßiger Wolf und schlauer Fuchs ist, bleibt zunächst der eigenen Interpretation überlassen. Zumindest Michel erweist sich als relativ bauernschlau und kann einige Anekdoten aus seinem Wirken als Gastgeber und führender Logistiker des WEF zum Besten geben. Womit er auch die meisten Sympathiepunkte beim Publikum einheimst.

Unter den Sitzen befinden sich Mappen mit den Badges der Namen von Firmen- und Konzernchefs sowie Unterlagen zu Daten über Jahresumsätze, Mitarbeiterzahlen und Börsendotierungen. In die Rollen der CEOs von Internetunternehmen, Banken, Entwicklungs-, Pharma- und Rohstoffgiganten wird das Publikum allerdings mehr symbolisch steigen. Wir könnten uns wohl auch kaum die bei ungefähr 100.000 Schweizer Franken liegenden Kosten für eine Teilnahme am WEF leisten. Und wenn in diesen Aufzählungen bisher nicht gegendert wurde, liegt das daran, dass im Gegensatz zum Publikum die Frauenquote beim WEF mit ca. 12% extrem niedrig ist. Nicht von ungefähr spricht man auch vom sogenannten „Davos Man“. Im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird dieses elitäre männliche Wesen auch als Vertreter des heimatlosen Establishments bezeichnet. Ein Aufsatz des amerikanischen Soziologen Richard Sennett machte ihn bereits 1998 bekannt. Wenn heute vom Kampf des globalen Establishments derer da oben gegen heimatverbundene Normalbürger gesprochen wird, hat man meist Politiker wie Donald Trump im Ohr oder andere nationalistische Populisten. Im Grunde lenkt das aber auch nur vom eigentlichen ökonomischen Wirken globaler Konzerne ab. Gerade da hätte man sich mehr Hintergrundwissen gewünscht.

 

Weltzustand Davos (Staat 4) von Rimini Protokoll
Foto (c) Benno Tobler

 

Wir stellen also nur die Abgesandten allermöglicher Branchen, sogenannte marktführende Globalplayer oder auch „Big Shots“, dar. So kann man sich dann auch ein wenig mit seinen Nachbarn austauschen, also networken, wie es so schön heißt. Was da aber eigentlich so genetworked wird, erfährt man z.B. aus den Berichten von Cécile Molinier, die in ihrer Eigenschaft als UN-Mitarbeiterin über das Zustande- oder Nichtzustandekommen von Entwicklungsprojekten mit multinationalen Konzernen wie Nestlé oder von großen Rohstoffkonzernen mit Drittweltstaaten berichtet. Die Rolle der UN als Vermittler oder Warner vor solchen Entwicklungen erscheint da durchaus auch hinterfragungswürdig. Nachhaken kann man hier leider nicht. Das Publikum ist meist nur als Schildchenhochhalter gefragt. Wie so ein Globalplayer wie etwa der Rohstoffkonzern Glencore die Entwicklung eines afrikanischen Staates beeinflusst, erfahren wir von Ganga Jey Aratnam, der dafür extra aus Basel zum Standort einer Mine in Sambia gefahren ist. Es werden Steuerschlupflöcher durch die Ausfuhr der Rohstoffe über die Steueroase Schweiz nach China, Indien und Russland ausgenutzt. Und während durch die Ausbeutung der Mine die Grundstückspreise im Firmenstammsitz Zug steigen, verfallen sie vor Ort und machen sich Krankheiten wie Malaria und Asthma breit oder eben auch wieder die Lungentuberkulose, mit der sich der Soziologe sogar angesteckt hat.

Dass das Interesse der großen Pharmaunternehmen an der Herstellung und Vertreibung preiswerter Medikamente in Dritte-Welt-Staaten nicht sehr groß ist, davon berichtet Lungenarzt Otto Brändli. Vom sinkenden Einfluss der UN-Staaten bei dieser Entwicklung spricht wiederum Cécile Molinier. Wir wechseln dafür kurz von Firmenvertretern zu Mitgliedsländern der UN. In deren Plenum zumindest haben afrikanische oder ozeanische Staaten noch eine Stimme. Dennoch entziehen sich immer mehr ihrer finanziellen Verantwortung, und die Welt steuert damit weiter auf ein System der privaten Stiftungen und Mäzene zu – siehe etwa IT-Größen wie Bill Gates in den USA oder SAP-Gründer Hasso Plattner im schönen Potsdam. Das wirklich Interessante erfährt man hier mehr nebenbei. Die Staatschefs flimmern als Talking Heads bei ihren Eröffnungsreden meist gegen den politischen Protektionismus über die Videowände. Man sieht Angela Merkel, Bill Clinton, Emmanuel Macron, Alibabagründer John Ma, Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping oder Donald Trump mit den deutschen Siemensmanagern. Lokal, sprich national, gedacht, global gehandelt.

Am besten auf den Punkt bringt es Ganga Jey Aratnam, der beim abschließenden Eishockeyspiel der Firmen gegen die Staaten verkündet: „Ich spiele für die Firmen, die sind nicht nationalistisch.“ Dass das Publikum doch mehr den Staaten zujubelt, liegt wohl sicher auch daran, dass das Volk den Machenschaften sich kosmopolitisch gebender Wirtschaftseliten misstraut. Mehr staatliche Kontrolle gegen die Deregulierung der Märkte und mehr Freihandel? Ist das alles nur linker oder populistischer Mumpitz á la Trump? Den Siemensmanagern dürfte es ziemlich egal sein, wohin dabei die Reise geht.

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Weltzustand Davos (Staat 4) – HKW, 10.03.2018
Von Rimini Protokoll
Konzept, Text, Regie: Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi,
Bühne: Dominic Huber
Musik: Tomek Kolczynski
Video: Mikko Gaestel
Dramaturgie: Imanuel Schipper, Karolin Trachte
Mit: Ganga Jey Aratnam, Otto Brändli, Hans Peter Michel, Cécile Molinier, Sofia Sharkova
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Premiere war am 12.01.2018 im Schauspielhaus Zürich

Infos: http://www.rimini-protokoll.de/

https://www.hkw.de/de/

Zuerst erschienen am 13.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Droge Theater – Drei Stücke über verschiedene Süchte auf Berliner Bühnen

Mittwoch, März 7th, 2018

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Unendlicher Spaß – Mit einem gut gelaunten Schauspielensemble bringt Thorsten Lensing Teile des großen Romans von David Foster Wallace auf die Bühne der Berliner Sophiensaele

Unendlicher Spaß nach David Foster Wallace – Foto (c) David Baltzer

Unendlicher Spaß heißt der berühmte, 1996 veröffentlichte Kult-Roman des US-amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, der sich 2008 mit nur 46 Jahren das Leben nahm. Das in der deutschen Übersetzung über 1.500 Seiten umfassende Buch hat sich nun Thorsten Lensing für seinen neusten Regiestreich an den Berliner Sophiensaelen vorgenommen. Und er hat dabei auch wieder ein auserlesenes Schauspielensemble am Start, das den Titel des Romans sozusagen fast wörtlich nimmt. Mit vier Stunden fällt die Lensing‘sche Bühnenfassung relativ schlank aus. Das liegt vor allem auch daran, dass sich der Regisseur – wie schon bei der Adaption von Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow – nur auf bestimmte Teile und Figuren dieses ausufernden Werks beschränkt.

Das sind hier vor allem die drei Söhne des Experimentalfilmers und Gründers der Bostoner Enfield Tennis Academy James O. Incandenza, genannt „Himself“. Der älteste Sohn Orin ist Footballspieler und Frauenheld; Mario, der mittlere, ist von Geburt schwer verkrüppelt und leidenschaftlicher Videofilmer; und der jüngste der drei Brüder, der 17 jährige Harold James Incandenza, ist angehender Tennisstar und ein wandelndes Lexikon, weshalb ihm der Autor wohl auch den Kurznamen Hal nach dem Superhirn-Computer in Stanley Kubricks Kultfilm 2001- Odyssee im Weltraum gegeben hat. In einer zweiten Querhandlung beschreibt Foster Wallace die Insassen der Suchtklinik Ennet House, die sich in unmittelbarer Nähe der Tennisakademie befindet. Eine der Hauptpersonen ist der seit vier Jahren von Schmerzmitteln cleane Pfleger Don Gately, der auch regelmäßig zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA) geht.

Eingebettet ist das alles in eine science-fiction-mäßige Rahmenhandlung in einer nicht näher bestimmten Zukunft, in der sich die Staaten Kanada, USA und Mexiko zur Organization of North American Nations, kurz O.N.A.N., zusammengeschlossen haben. Bekämpft werden die sogenannten O.N.A.N.isten (ein Foster-Wallace-Gag am Rande) von einigen Separatistengruppen wie den die rollstuhlfahrenden „Assassins des Fauteuils Roulants“ (A.F.R.). Sie sind auf der Suche nach der Master-Kassette, des Unendlicher Spaß genannten letzten Films von James O. Incandenza, der sich mit dem Kopf in der Mikrowelle das Leben genommen hat. Wer diesen Film sieht, verblödet innerhalb von Minuten und will nichts anderes mehr sehen. Eine kleine Kulturkritik auf heutige TV-Sender.

 

Unendlicher Spaß nach David Foster Wallace
Foto (c) David Baltzer

 

All das interessiert Thorsten Lensing eher nicht. Die Inszenierung konzentriert sich ganz auf die drei Incandenza-Brüder und die Insassen der Suchtklinik. Ein Familientrauma und die Geschichten von kaputten Existenzen, was nicht besonders weit voneinander entfernt ist, da auch die Tennisschüler wie Hal wegen des Erfolgsdrucks auf der Akademie Drogen nehmen und ihre Urinproben manipulieren. Das klingt eher nicht nach sehr viel Spaß, obwohl auch das Buch voll von Humor ist, dem sich das Ensemble teilweise gedienter Lessing-MitstreiterInnen auch vor der Pause bestens hingibt.

Es beginnt mit dem Aufnahmegespräch bei der University von Arizona, bei dem Ursina Lardi als Hal in weißer Tenniskleidung recht autistisch vor der Kommission steht und von seinen Vorzügen prahlt, aber nicht gehört wird. Eines der Kindheitstraumata des Jungen, dessen Vater in bereits als 10jährigen als verkleideter Konversationalist in einem gefakten Gespräch zum kultivierten Reden trainieren will, letztendlich aber auffliegt. Ursina Lardi und Sebastian Blomberg als Hals Vater versprühen hier erstmals eine Menge an Situationskomik, die sich in den folgenden Szenen fortsetzt. Wie etwa in den Telefonaten, die Hal mit seinem Bruder Orin (Devid Striesow) führt. Es geht auch hier neben Frauen, die Orin nur Subjekte nennt, meist um den Vater und dessen Suizid. Hal hatte ihn mit 13 in der Küche gefunden. Um bei seinem Trauma-Therapeuten nicht zu versagen und das von ihm Gewünschte „rüberzubringen“, liest er psychoanalytische Fachliteratur.

 

Unendlicher Spaß nach David Foster Wallace
Foto (c) David Baltzer

 

Wahrheit und Lüge sind immerwährende Begleiter der Familie. Berührend sind die fast philosophischen Bettgespräche Hals mit seinem anderen Bruder Mario, den André Jung mit hochgebundener Oberlippe und angebundenem Arm spielt. Die beiden lehnen dabei mit Kissen an der großen Stahlschalungswand, die die Grenze zum mit Müll verseuchten Gebiet der „Konkavität“ darstellt und über die die nicht mehr benötigten Requisiten geworfen werden.

Der Abend behält trotz der sich am Roman orientierenden episodenhaften Inszenierung durchaus seine Spannung und erlebt seinen komödiantischen Höhepunkt kurz vor der Pause, wenn Devid Striesow als Orin mal wieder mit Hal telefoniert, wobei sich Ursina Lardi im Zehennagelzielwurf übt, während Sebastian Blomberg eine Vogel darstellt, der schließlich tot in Orins Whirlpool landet. Auch nach der Pause glänzt das Team Blomberg/Striesow noch in weiteren komischen Szenen wie einem Umarmungsslapstick bei den Anonymen Alkoholikern. Ansonsten konzentriert sich das Geschehen nun auch mehr auf die Suchtklinik. Heiko Pinkowski ist ein begnadeter Don Gately, ein leidender Fleischberg, der um seine Seele ringt, den Zugang zu Gott oder den Gefühlen seiner Patienten aber nicht findet und am Ende angeschossen die Schmerzmittel aus Angst vor dem Rückfall verweigert.

Hier weist der Roman durchaus religiöse oder gar mythische Bezüge auf. Ist Pinkowskis Don der reine Schmerzensmann, dann ist Jasna Fritzi Bauer als cracksüchtige Mutter einer Totgeburt oder als verschleierte Madame Psychosis von der „Liga der absolut rüde Verunstalteten und Entstellten“, die die Männer nicht ihrem Blick aussetzen will, Schmerzensfrau und Medusa zugleich. „Selig sind die körperlich Armen.“ Ob nun Drogensüchtige oder privilegierte Tennisschüler, alle Figuren sind hier in ihrer Angst vor Nähe, dem Zulassen von Gefühlen oder davor nicht zu funktionieren, gefangen. Thorsten Lensing zeigt dieses Anderssein aber nicht ausschließlich als Makel, sondern als liebenswerten Tick. Ein sehr körperbetontes Spiel, das mit seinen relativ einfachen Theatermitteln und vor allem seinen tollen DarstellerInnen zu beeindrucken weiß.

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Unendlicher Spaß
Von David Foster Wallace
In der Übersetzung von Ulrich Blumenbach
Regie: Thorsten Lensing
Bühne: Gordian Blumenthal und Ramun Capaul
Kostüme: Anette Guther
Dramaturgie: Thierry Mousset
Textfassung: Thorsten Lensing
Mitarbeit Textfassung: Thierry Mousset, Dirk Pilz
Mitarbeit Regie: Benjamin Eggers
Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann
Mit: Jasna Fritzi Bauer, Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi, Heiko Pinkowski, Devid Striesow
Premiere war am 22.02.2018 in den Sophiensaelen Berlin
Eine Produktion von Thorsten Lensing in Koproduktion mit Schauspiel Stuttgart, Schauspielhaus Zürich, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Kampnagel Hamburg, Theater im Pumpenhaus Münster, HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste, Künstlerhaus Mousonturm, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und SOPHIENSÆLE

Weitere Termine:
2018: Mai in Stuttgart und Recklinghausen, Juni in Dresden-Hellerau, November in Luxembourg
2019: Januar in Zürich, März in Frankfurt

Infos: http://www.sophiensaele.de/

Zuerst erschienen am 24.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Menschen, Orte und Dinge – Bernadette Sonnenbichler inszeniert am Berliner Ensemble Duncan MacMillans Well-Made-Play über die Drogentherapie einer jungen Schauspielerin

Menschen, Orte und Dinge von Duncan MacMillan am BE
Foto (c) Matthias Horn

„Mehr Realität als hier geht nicht.“ So etwas auf einer Bühne zu sagen, dem Ort, an dem wohl mit am meisten gelogen wird, ist schon recht mutig. Die verabredete Lüge gehört hier sozusagen zum Programm. Dennoch hat sich das Berliner Ensemble unter der neuen Leitung von Oliver Reese vorgenommen, mit einem Schwerpunkt auf moderne Autoren die heutige Realität ins Theater zu bringen, und so langsam kommt sie da auch an. Das BE hat sich in dieser Woche Einiges vorgenommen: Rausch, Wahn, Sucht, verschwimmende Wirklichkeit bis zum totalen Realitätsverlust. Der Eingangssatz stammt aus dem neuen Stück des britischen Dramatikers Duncan MacMillan, gesprochen in einer Entzugsklinik, in die sich die junge Schauspielerin Emma selbst eingeliefert hat, nachdem sie mit einem drogenbedingten Blackout auf der Bühne zusammengebrochen war.

Die titelgebenden Menschen, Orte und Dinge gilt es dabei zu meiden, um nicht wieder in die Gewohnheit des eingeübten Suchtverhaltens zurückzufallen. Der zweite Drogenexperte dieser Woche in eigener Sache ist der deutsche Journalist und Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, der in Panikherz seine Drogenkarriere und verschiedenste Therapieversuche autobiografisch beschreibt. Bei ihm heißt es ganz ähnlich „Menschen, Orte, Situationen“, und auch sonst sind Stuckrad-Barre und Emma Geschwister im Geiste. Der Weg zur Selbsterkenntnis und Anerkennung des durch exzessiven Drogenkonsum verursachten Realitäts- und Kontrollverlustes ist hart – und schwierig die Rückkehr ins real life, in dem die Trigger an jeder Straßenecke, in der Wohnung, Bars oder Konzertsälen warten.

Im Kleinen Haus des BE hat nun die viel gelobte Regisseurin Bernadette Sonnenbichler MacMillans in Form eines Well-Made-Play geschriebene Therapiesitzung mit der als Nachwuchsschauspielerin des Jahres 2017 ausgezeichneten Sina Martens in der Rolle der Emma in deutscher Erstaufführung auf die Bühne gebracht. Und Martens legt sich von Anfang an mächtig ins Zeug. Ihrem Aussetzer in einer Vorstellung von Tschechows Möwe folgt ein Telefonat, in dem die sich auch später Nina oder Sarah nennenden Frau mit ihrer Mutter streitet. Die soll alle Drogen aus Emmas Wohnung mitnehmen. Nichts soll sie mehr an früher erinnern. Die Schauspielerin braucht einen Schein aus der Suchtklinik, um wieder ihren Beruf ausüben zu können. Doch macht sie allen etwas vor, trickst nicht nur bei ihrem Namen und belügt die Ärztin, sondern sabotiert auch die Gruppensitzungen bei Therapeutin Lydia (beide Josefin Platt), die sie beide als Abbild ihrer Mutter empfindet.

 

Menschen, Orte und Dinge von Duncan MacMillan am BE
Foto (c) Matthias Horn

 

Sina Martens zittert, kämpft, schwitzt sich durch das Stück und bekommt obendrein noch zwei Alter Egos (Cristiana Casadio und Anna Viktoria Valentiner) an die Seite, die sie im Entzugswahn heimsuchen und in choreografierten Tänzen quälen. Dazu werden wabernde Schwarz-Weiß-Videoprojektionen an die kargen Klinikwände geworfen. Störgeräusche, Black-Outs und weißes Rauschen sollen bildlich und akustisch das kaputte Innere Emmas zeichnen. Die weiteren Insassen und Angestellten der Klinik verunsichern die junge Frau zusätzlich. Pfleger Foster (Oliver Kraushaar) ist selbst psychisch labil, steht auf Regeln und hält sich einen gestörten Kampfhund, nach dessen Tod er sich das Leben nimmt. Paul (Owen Peter Read) plagen religiöse Wahnvorstellungen, und Mark (Patrick Güldenberg) wirft Emma ständig ihre Sprunghaftigkeit und den Hang zur Lüge vor.

Zwischen beiden könnte sich eine Beziehung entwickeln, aber Emma blockiert Marks Annährungsversuche und auch jedes therapeutische Rollenspiel sowie die in der Klinik praktizierten 12 Schritte zu Gott oder einem höheren Wesen, dem man sich zur Heilung anvertrauen soll. Als Schauspielerin lebt sie ihre Rollen. Die Kontrolle an jemand anderen abzugeben kommt für sie nicht in Frage. Die Welt ist das sinnlose Chaos, die Drogen bieten ihr Verlässlichkeit und haben sie nie enttäuscht. Erst sehr spät beginnt Emma sich zu öffnen und eine Strategie für einen Neuanfang zu entwerfen. Der Plot MacMillans ist hier allerdings recht einfach und vorhersehbar. Ihre eingeübte Rede an die Eltern klingt am Ende wie die Versprechen einer Firmenwerbung, die sie auswendig lernt. Die Eltern (Josefin Platt und Axel Werner) nehmen der scheinbar Geläuterten ihre Wandlung nicht ab. Hinzu kommt der nicht aufgearbeitete Tod des Bruders.

Das Ganze ist ein verzwickter Kreislauf. Das zumindest kann man aus diesem doch recht thesenhaften Therapie-Stück mitnehmen. Allerdings fällt es hinter vergleichbarer Dramatik wie etwa Sara Kanes 4.48 Psychose oder Gier zurück. Sind Sina Martens und Patrick Güldenburg in ihren Rollen auch sehenswert, kann der verstärkte Einsatz multimedialer Effekte nicht über die Schwächen dieses aufs Theater-Milieu abzielenden Well-Made-Plays hinwegtäuschen. Man ist gespannt, wie sich Intendant Oliver Reese am Samstag mit Stuckrad-Barres zeitgeistkritischem Drogenbericht schlagen wird.

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Menschen, Orte und Dinge
von Duncan MacMillan
Aus dem Englischen von Corinna Brocher
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Bernadette Sonnenbichler
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Tanja Kramberger
Musik: Christoph Cico Beck, Tad Klimp
Video: Stefano Di Buduo
Licht: Steffen Heinke
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Besetzung:
Sina Martens als Nina/Emma/Sarah/Lisa
Josefin Platt als Ärztin/Therapeutin/Mutter
Oliver Kraushaar als Foster
Patrick Güldenberg als Mark
Owen Peter Read als Paul
Axel Werner als Vater
Cristiana Casadio und Anna Viktoria Valentiner als Emmas Alter Egos
Die Premiere war am 14.02.2018 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, keine Pause
Termine: 15., 16., 17.03.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 16.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Panikherz – Oliver Reese bringt den autobiografischen Drogenbericht von Benjamin von Stuckrad-Barre als szenische Lesung mit angeschlossenem Pop-Konzert auf die Bühne des Berliner Ensembles

Panikherz nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre
Foto (c) Julian Röder

„KEINE PANIK“ steht in Versalien auf der Fassadenfront des Berliner Ensembles. Das Motto des deutschen Popentertainers Udo Lindenberg, Leitstern mehrerer Generationen Jugendlicher, die sehnsuchtsvoll die Feuerzeuge bei einem Udo-Konzert hochhalten, sich aus der Provinz wegträumend, es dann aber doch nur zum Besuch der Hamburger Reeperbahn schaffen. Aber auch für die jenseits des „Funset-Boulevards“ hat Udo eine Botschaft, die er in eine Hymne der geilen Meile, auf die er kann, verpackte. Auch der 10jähirge Pastorensohn Benjamin aus der niedersächsischen Kleinstadt Rotenburg an der Wümme erfährt in den 1980er Jahren über die Musik und die deutschen Texte von Udo Lindenberg seine Initiation zum Aufbruch in die große Welt. Sein Weg führt ihn über Göttingen, Hamburg, Köln, Berlin und Zürich schließlich auch in die Stadt seiner Träume Los Angeles.

Was ihm bis dahin wiederfahren ist, die Auf und Abs seiner Medienkariere beschreibt der Journalist und Autor Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem 2016 veröffentlichten Roman Panikherz, dessen Bühnenadaption Intendant Oliver Reese nun am Berliner Ensemble inszeniert hat. Es ist aber vor allem auch der selbstkritische Bericht einer exzessiven Suchtkarriere, die Stuckrad-Barre buchstäblich an den Rand des Wahnsinns und der eigenen Existenz treibt. Daraus einen funktionierenden Theaterabend zu bauen, ist fast genauso riskant wie ein Volle-Pulle-Leben, dass der Romanautor mehre Jahre im Vollrausch verbracht hat, bis ihn sein einstiges Idol, das er als angehender Musikkritiker von taz und Rolling Stone noch als Karikatur seiner selbst verrissen hatte, aus dem Drogensumpf zieht und ihn geradezu liebevoll in die „Udo-Familie“ aufnimmt.

Diese selbstlose, alles verzeihende Größe verhilft Stuckrad-Barre schließlich erst zu einer zweiten Karriere oder (wie er es in seinem Roman scheibt) einem zweiten Akt, den Größen wie der US-amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald ja für nicht existent hielten. Ein Leben also im beständigen Aufstieg, ohne retardierendes Moment und also auch im Abstieg immer konsequent im Hier und Jetzt, ohne Blick zurück. Diesen reflektierenden Blick erlaubt sich Stuckrad-Barre erst im legendären Hotel Chateau Marmont in Hollywood, in dem so einige Berühmtheiten ein- und ausgegangen sind. Und nicht nur sein Leben, auch die Begegnungen mit seinen Helden wie Helmut Dietl, Friedrich Küppersbusch, Harald Schmidt, Thomas Gottschalk und natürlich Udo Lindenberg, der ihn letztendlich an diesen Ort der inneren Ruhe führt, lässt der Autor Review passieren.

 

Panikherz nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre – Foto (c) Julian Röder

 

Regisseur Oliver Reese interessiert sich aber in erster Linie für die Lebensgeschichte Stuckrad-Barres, die im Roman natürlich auch den meisten Platz einnimmt. Dazu stehen Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp und Carina Zichner vom BE-Ensemble als vier wechselnd erzählende Benjamins auf der Bühne, die Hansjörg Hartung passend zum Udo-Style als mit Teppich ausgelegte Hotellobby mit Treppe und Bar im Hintergrund gestaltet hat. Bettina Hoppe beginnt mit einem der reflektierenden Zwischentexte, mit den der Autor auf die Zeit seiner Drogensucht zurückblickt. Nach dem Absturz folgt das Reset seines Lebens in einen nüchternen Alltag, bei dem dennoch die Sehnsucht nach dem Meer als Punk, dem alles egal ist, bleibt. Dazu stimmt die Schauspielerin Durch die schweren Zeiten, ein neueres Lied von Udo Lindenberg, an. Das Buch ist ja durchzogen mit Auszügen aus Songtexten von Udo L. über Oasis, Nirvana bis zu Rammstein.

Die vier Benjamin-DarstellerInnen singen zwischen den Sprechtexten immer wieder einige dieser berühmten Songs. Begleitet werden sie dabei von den Live-Musikern Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Gerhard Schmitt, Tilo Weber und Manuel Zacek, die zu den fluffigen Arrangements von Jörg Gollasch die alten Udo-Songs im neuen Gewand spielen. Es entwickelt sich so ein musikalisch untermaltes Textaufsagen, bei dem zunächst über die vier Benjamins verteilt die Lebensgeschichte des Autors von seiner Kindheit als viertes Kind einer pazifistischen Öko-Pastorenfamilie, die Gymnasiastenzeit in Göttingen mit ersten Musikkritiken für das dortige Stadtmagazin bis zur Arbeit als Redakteur bei der taz und dem Rolling Stone und als Produktmanager bei der Plattenfirma Motor Music in Hamburg im Schnelldurchlauf abgespult wird. Das macht den Abend weitestgehend zu einer rhythmisierten szenischen Lesung mit angeschlossenem Pop-Konzert.

 

Panikherz nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre – Foto (c) Julian Röder

 

Nach der ersten Sozialisation in der Musikbranche, bei der hier noch der parallele Aufstieg der lokalen Punkband The Bates fehlt, folgt Stuckrad-Barre dem Ruf des TV-Moderators Küppersbusch nach Köln und wird nach der Absetzung von dessen Sendung Gagschreiber bei der Harald-Schmidt-Show. In diese Zeit fällt neben der Veröffentlichung seines ersten Buchs auch das Eintauchen in die Clubszene mit ersten noch euphorischen Drogenerlebnissen, die Stuckrad-Barre in Berlin vertieft. Was er auf seinen Lesereisen erlebt, kommt hier nicht vor, wie überhaupt der Autor im Folgenden nur noch als Drogensüchtiger und Bulimie-Kranker interessiert, dessen Absturz in allen Details von einer Suchtphase zur anderen unterbrochen durch etliche Therapieaufenthalte geschildert wird. Die Angst vor dem Nachdenken über das eigenen Ich treibt ihn in viele Pseudo-Projekte und die Kokainsucht.

Bebildert wird das mehr oder weniger durch viel Gehampel, Werfen mit Visitenkarten, säckeweise Verstreuen von weißem Pulver und dem Darstellen von delirierenden Wahnanfällen. Irgendwann klettert man auch mal ins Publikum, das zwischendurch immer wieder wie wissend über den ja durchaus witzigen Stuckrad-Barre-Sound lacht. Eine kritische Ebene, die der Autor ja durch seine Reflexionen auch des Systems der Sucht nach Erfolg und Ruhm einzieht sowie seine durchaus erhellenden Gespräche mit dem US-amerikanischen Schriftsteller Bret Easton Ellis (American Psycho), mit dem Regisseur Helmut Dietl oder Thomas Gottschalk fehlen in dieser leider komplett auf die Figur Stuckrad-Barres fokussierten Inszenierung. Eine kurz am Tresen genuschelte Udo-Persiflage verkauft die Abrechnung mit der Medienwelt des 20. Jahrhunderts, deren Teil Stuckrad-Barre ja auch bis zur kompletten Selbstentgrenzung war, endgültig an den totalen Fun.

Dass Suchtkrankheit und die Krankheit eines Systems, das so an den persönlichen Erfolg gekoppelt ist, nicht voneinander zu trennen sind, dürfte selbst Benjamin von Stuckrad-Barre nicht entgangen sein. Dass der Autor diese Welt des schönen Scheins, deren Gründungsidee nach seiner Aussage mal der Protest gegen die Wirklichkeit war, weiterhin liebt, wird man ihm nicht übelnehmen können. Dass aber Oliver Reese dies nicht erkennt, und das in einem Medium wie dem Theater, das sich eigentlich permanent selbst analysiert und auf die Bühne bringt, ist mehr als dürftig und die große Enttäuschung dieses Abends. Die nächste Chance gibt es in einem Monat am Thalia Theater in Hamburg.

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Panikherz
von Benjamin von Stuckrad-Barre
Regie/Fassung: Oliver Reese
Bühne: Hansjörg Hartung
Kostüme: Elina Schnizler
Musik: Jörg Gollasch
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie: Valerie Göhring
Mit: Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp, Carina Zichner
Live-Musik: Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Gerhard Schmitt, Tilo Weber, Manuel Zacek
Die Premiere war am 17.02.2018 im Berliner Ensemble
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, keine Pause
Termine: 08., 09., 16.03. / 02.04.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 18.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Neues in und an der Berliner Volksbühne – Wenn auch der große Saal öfter leer steht und die Kritiker nicht verstummen wollen – es tut sich einiges an und hinter der Fassade des Theaterbaus am Rosa-Luxemburg-Platz

Montag, Februar 19th, 2018

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Waffenruhe – An die Fassade der Volksbühne werden Fotografien von Michael Schmidt aus Westberlin kurz vorm Mauerfall und Texte von Einar Schleef projiziert

Es ist ein halbes Jahr ist es her, da waren die alten Helden der Volksbühne in Liveprojektionen am Portal vor dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz beim großen Abschiedskonzert zu sehen. Wie bei einem klassischen Begräbnis regnete es den ganzen Abend hindurch, und auch wieder am 31. Januar, seit in einer neuen Projektions-Installation, die Bilder des Fotografen Michael Schmidt aus dem alten Westberlin kurz vorm Mauerfall mit Texten des Schriftstellers, Dramatikers und Theaterregisseurs Einar Schleef verbindet. In strengem Schwarz-Weiß lösen sich die Fotografien Schmidts mit Texte des 2001 verstorbenen Autors ab. Auch Michael Schmidt ist seit 2014 tot. Ein bedauerlicher Umstand, ebenso wie das Fehlen Schleef’scher Dramatik auf deutschsprachigen Bühnen.

 

WAFFENRUHE 1987, Projektion 2018 – Fotografie: Michael Schmidt, Text: Einar Schleef – Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Beide Künstler zusammen hatten sich in den 1980er Jahren beim Steirischen Herbst in Graz kennengelernt und stellten 1987 in der Berlinischen Galerie, damals noch im Martin-Gropius-Bau beheimatet, gemeinsam aus. Waffenruhe hieß dieses Aufeinandertreffen der Fotografien von Michael Schmidt mit Texten, die Einar Schleef später in seine 1998 erschiene Erzählung Zigaretten einfließen ließ. Der Plot ist einfach, relativ karge Prosa. Ein Mann sitzt allein in seiner Küche. Frau und Tochter haben ihn verlassen. Geblieben ist ein Kaninchen. Der Mann trinkt Tee, sinniert vor sich hin, hört seinen Nachbarn zu, schafft es aber nicht aufzustehen, rauszugehen und Zigaretten zu holen. Dazu Schmidts ebenso karge Stadtlandschaften, Naturstillleben und einzelne Porträts, „ein subjektives, bleiernes Bild der noch geteilten Stadt“, wie es im Klappentext des neu aufgelegten Ausstellungskatalogs heißt. Sich nicht kommentierend, aber einander ergänzend bilden Texte und Fotografien ein Psychogramm und recht düstere Zustandsbeschreibung der noch geteilten Stadt.

 

Waffenruhe – Michael Schmidt und Einar Schleef an der Fassade der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Diese legendäre Ausstellung wird nun in einem Reenactment als ca. 41 Minuten in Schleife laufender Bild-Text-Projektion auf das Volksbühnenportal geworfen, wo sich Schrift und Schwarz-Weiß-Fotografien mit der Struktur der klassizistischen Sandsteinfassade und ihren wuchtigen Säulen verbinden. Eine durchaus beeindruckende Groß-Installation zur Wiederentdeckung des Werks zweier bedeutender Künstler, wie es Intendant Chris Dercon in einer Gesprächsrunde zur Vernissage betonte. Nach einer kurzen Lesung des Schleef-Textes traf der Ex-Kurator auf den Ausstellungskurator Thomas Weski und den Fotografen und Filmemacher Tobias Zielony. Ein Gedankenaustausch zum Wirken Schmidts und seine Würdigung als Dokumentarist der Westberliner Subkultur in der grauen Kältestarre kurz vorm großen Tauwetter hin zum gesamtdeutschen Gesellschaftsumbruch und als künstlerischer Kopf der Werkstatt für Fotografie an der Volkshochschule Kreuzberg.

Leider eine reine Westrunde, die sich um den Begriff Heimat herumdrückte, wie um einen ungebetenen Tischgast. Und auch Einar Schleef kommt kaum vor im Gespräch der Fotografie-Experten. Dass Schleef die Mauer von beiden Seiten gesehen und später in Westberlin dann auch oft selbst fotografierte hatte, erfährt man an diesem Abend nicht. Zeitlebens hing der Künstler zwischen den beiden Deutschlands, ohne wirklich anzukommen. Dennoch hat der Autor viel zum Thema Heimat geschrieben. Man spricht zwar von Epochenumbrüchen auf dem Podium, ist aber gleichsam doch auch so seltsam geschichtsvergessen, nicht nur was die Tradition der alten Volksbühne betrifft.

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Betrunken am Highway – Im 3. Stock der Volksbühne versetzt das P14-Jugendtheater Franz Wedekinds Franziska in den Wilden Westen

Diese künstlerische Tradition setzt sich momentan nur noch im 3. Stock der Volksbühne fort. Dort residiert nach wie vor das unter der Castorf-Intendanz 1993 ins Leben gerufene P14-Jugendtheater. Das Motto der jungen Theatermacher lautet „Anarchischer Dilettantismus“, oder auch: „Mach Theater, so wie du es verstehst.“ Unter der Leitung von Vanessa Unzalu Troya haben P14 nach Lolita will nicht sterben im November 2017 nun schon die zweite Inszenierung auf die kleine Bühne im 3. Stock gebracht. Mit Betrunken am Highway in der Regie von Charlotte Brandhorst wagt man sich an eine Adaption des Bühnenstücks Franziska von Frank Wedekind. 1912 als erstes Stück zur Eröffnung der Münchner Kammerspiele als Franziska – Ein modernes Mysterium uraufgeführt, hat das damals noch skandalträchtige Stück die Zeit kaum überlebt. 2012 zur 100-Jahrfeier  der Kammerspiele gab es eine recht schräge Neuinszenierung von Andreas Kriegenburg mit Brigitte Hobmeier als Franziska.

 

Betrunken am Highway – P14 – Foto (c) Jakob Fliedner

 

Schräg lässt sich auch die P14-Inszenierung an. Wedekinds Text mixt die Regisseurin Brandhorst mit einem nicht näher benannten Westernplot in einer Stadt namens Bottleneck. Auf der Bühne stehen eine Stellwand mit Westerntapete und ein Klavier wie in einem richtigen Salon. Es fehlen nur die Schwingtüren für Auftritt und Abgänge des jungen Ensembles. Dafür gibt es Castorf-like Livekamerabegleitung inklusive eines kleinen Ausflugs vors Haus auf den Rosa-Luxemburg-Platz.

Das Stück von Wedekind ist der Versuch einer Umkehr von gängigen Geschlechterrollenbildern und eine Untersuchung bürgerlicher Konventionen wie der Ehe unter Zuhilfenahme von Motiven aus Goethes Faust. Eine gesellschaftliche Grenzüberschreitung in Form eines Pakts mit einer Art Mephisto namens Veit Kunz, durch den die Titelfigur Franziska die Möglichkeit erhält, zwei Jahre als männlicher Franz zu leben. Provokateur Wedekind hatte es sich nicht nehmen lassen, die Hauptrollen des Veit Kunz und der Franziska sich und seiner Frau auf den Leib zu schreiben. Gleiches haben nun die Mitglieder des Jugendtheaters mit ihrer Version und den verschiedenen Rollen getan.

 

Betrunken am Highway – P14 – Foto (c) Jakob Fliedner

 

„Ich hab so ‘ne Sehnsucht nach mir selbst.“ ist der anfängliche Selbsterkundungshilferuf der jungen Franziska (Lioba Kippe). Ein Ausbruch aus einem Leben, das sie so nicht führen will. Was einst nur durch den zweifelhaften Pakt mit einem Mann gelingt, wird hier zum fröhlichen Spiel mit den Identitäten und der Verwandlung. Wobei Frau doch immer noch erkennbar weiblich bleibt und nur die neuen Möglichkeiten weidlich auslotet. Etwa in Szenen wie der Auerbachs Keller aus Goethes Faust nachempfundene Weinstube Clara, einem Bordell, in der Franziska als Franz das Freudenmädchen Mausi betört und sich als Mann gegen deren Zuhälter erwehren muss, oder dem Scheitern der Ehe des angehenden Künstlers mit Sophie und dem Liebesverhältnis mit dem Manipulator Veit Kunz.

Es gibt sogar Theater im Theater. Auch hier folgt Wedekind ja Goethes Faust bis in die griechische Antike mit einem Mysterienspiel in Versen. Dabei werden Songs zum Klavier intoniert. Der Soundtrack aus dem Off geht von Chanson über Punk bis zum Wüstenfeeling mit Stoner Rock. Leonard Cohen röhrt I’m Your Man und die Jungs führen einen Veits-Tanz als Travestienummer im Kleid auf. Der Genderclash als Boxkampf und Salonduell. Das sich Wedekind mit der Emanzipation Franziskas in die Mutterrolle und Erzieherin des neu zu gestaltenden Mannes in Person ihres Sohnes Veitralf am Ende etwas verhoben hatte, sieht man hier nicht so eng. Zuweilen fällt es allerdings auch schwer dem wilden Treiben zu folgen. Der Spiel- und Einfallswut sind da keine Grenzen gesetzt. Die gibt es ja bekanntlich nur im Kopf und der wird hier mal gewaltig freigepustet.

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Health & Safety – In ihrer zweiten Inszenierung im Grünen Salon der Volksbühne fantasieren Calla Henkel & Max Pitegoff von einem Stadtschlossbrand mit musikalischer Karaokeuntermalung

Foto: St. B.

Health and Safety bedeutet ja so viel wie Arbeits- und Gesundheitsschutz. Mit beidem nimmt es die neue Volksbühne anscheinend nicht so genau. Man sollte sich daher zweimal überlegen, ob man den Gang in den Grünen Salon wagt. Dort hat seit Beginn der Intendanz von Chris Dercon das Künstlerduo Calla Henkel & Max Pitegoff ihr Work-in-Progress-Zelt aufgeschlagen. Als Markenzeichen auf der Homepage fungiert ein Fluchtwegpiktogramm. Also rette sich wer kann.

Bereits bei ihrer Antritts-Inszenierung News Crime Sports versammelten Henkel und Pitegoff eine illustre Schar von Berliner Partypeople in rumpliger Sofaatmosphäre. Zum Personal von Health & Safety gehören der abgehalfterte, englisch sprechende Architekturstudent Daniel (Lily McMenamy), der in einer fahruntüchtigen Autokarosse haust und die Szene-Künstlerin Celine (Mia von Matt), die Dercons Lieblingsspruch von der Kommerzialisierung der bildenden Kunst und der Krise der Malerei herbetet. Allerdings wurde die ja schon vor Jahrzehnten für tot erklärt und feiert doch immer wieder fröhliche Auferstehung. Als kleinen Insider-Gag persifliert Celine dann noch den Slogan der Ex-Volksbühnenbesetzer auf den Treppen vor dem Haus: „Over my dead body.“

Ein untoter Wiedergänger des preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel (Tobias Spichtig) geistert durch die Szenerie und will das wiedererbaute Berliner Stadtschloss als Akt des Widerstands gegen die Fakearchitektur abfackeln. „We don’t need a historical reenact.“ Stadtplanung mit dem Benzinkanister. Mehr Mut zur Leere also. Was der zugebauten Berliner Mitte ja durchaus gut zu Gesicht stünde. Allerdings lässt sich der angehende Jungarchitekt Daniel nur temporär für diese radikale Idee begeistern. Er hat mehr mit seinen Architekturmodellen aus Pizzakartons, dem Ordnungsamt-Abschnittsbevollmächtigten (Sir Henry als Running Gag), der sein Auto abschleppen lassen will, und seiner Eifersucht auf den angesagten Maler Clemens zu kämpfen. Nebenbei erzählt das Stück nämlich auch noch die unglückliche Liebesbeziehung zur seiner Verflossenen Celine.

 

Health & Safety im Grünen Salon der Volksbühne
Foto © Calla Henkel & Max Pitegoff

 

Boulevard to go, der musikalisch vom Volksbühnenurgestein Sir Henry und Special-Guest Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten an Gitarre und Keyboard minimal-elektronisch untermalt wird. Alle treffen sich immer wieder in einer Karaoke-Bar, wo sie sehnsuchtsvolle Lieder anstimmen. Der Barkeeper Wolf (Leon Kahane) ist ein Berliner Original ganz in Leder, hat ein dickes Fell und als Leichenwäscher schon so einige Hakenkreuz-Tattoos seiner Kundschaft gesehen. „Wehret den Anfängen.“ So, so. Sein Lieblingsplatz ist nicht nur hinter der Theke, sondern meist an einer original orangenen BSR-Kippenurne vor der Bar. Der Müllkübel fängt irgendwann selbst an zu qualmen, wohl als kleiner Vorgeschmack auf das versprochene Inferno am Stadtschloss, das sich dann allerdings doch nur als ein kleiner Kabelbrand entpuppt.

So wie die P14-Produktion den alten Wedekind aufmischt, soll das Ganze hier im Grünen Salon irgendwie soll lose an Molières Komödie Der Menschenfeind angelehnt sein. Ob Daniel etwas von einem Misanthropen hat, der ja bei Molière idealistisch gegen die Heuchelei zu Felde zieht, bleibt aber eher das Geheimnis der Stückeschreiberlinge. Irgendwann spricht man auch davon, raus ins ländliche Brandenburg zu wollen. Aber „There is no Exit“, heißt es am Ende, und Schinkels Geist fordert in einer abschließenden Séance dazu auf, die Augen zu schließen. Wir tun es müde abwinkend.

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WAFFENRUHE, 1987 (Projektion, 2018)
Fotografie: Michael Schmidt
Text: Einar Schleef
Kurator: Thomas Weski
Produktion: Volksbühne Berlin
Koproduktion: Stiftung für Fotografie und Medienkunst, Archiv Michael Schmidt
Termine: täglich bis 11.03.2018

P14
Betrunken am Highway (3. Stock, 06.02.2018)
Nach Franziska von Frank Wedekind
Regie: Charlotte Brandhorst
Videokonzeption: Luna Zscharnt
Musikkonzeption: Lilith Krause, Fee Aviv Marschall
Musik: Fee Aviv Marschall
Maske: Zelal Yesilyurt
Grundraum: Maike Krych, Konrad Walkow
Technische Leitung: Leander Hagen
P14-Leitung: Vanessa Unzalu Troya
Mit: Lail Braslawski, Tom Garus, Milan Herms, Lioba Kippe, Gesa Kreye, Noah Roos, Fee Aviv Marschall, Marike Voß, Tamara Welcher
Premiere war am 02.02.2018 im 3. Stock der Volksbühne Berlin
Termine: 21.02.18

Calla Henkel & Max Pitegoff
Health & Safety (UA)
Komposition: Jochen Arbeit und Sir Henry
Kostüme: Nhu Duong
Choreografie: Tarren Johnson
Mit: Jochen Arbeit, Leon Kahane, Lily McMenamy, Sir Henry, Mia von Matt und Tobias Spichtig
Die Premiere war am 08.02.2018 im Grünen Salaon der Volksbühne Berlin
Weitere Termine: 22., 23., 24.02. / 01., 02. und 03.03.2018

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/de/

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„Die Netzwelt“ und „Verbrechen und Strafe“ – Alexander Nerlich verabschiedet sich gewohnt düster vom Hans Otto Theater Potsdam

Mittwoch, Februar 14th, 2018

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Die Netzwelt – Alexander Nerlich inszeniert in der Reithalle des Hans Otto Theaters den philosophischen Cyber-Krimi von US-Autorin Jennifer Haley

Die Netzwelt am Hans Otto Theater
Foto (c) Göran Gnaudschun

Solides Well-made-Konversationsstück oder cooler Cyber-Krimi – was ist das von der US-amerikanischen Autorin Jennifer Haley geschriebene Drama Die Netzwelt eigentlich wirklich? Da es in dem 2013 im Kirk Douglas Theatre in Culver City (California) unter dem Titel The Nether uraufgeführten Theaterstück um einen in naher Zukunft spielenden Kriminalfall in der sogenannten Virtual Reality geht, ist es zunächst mal ein durchaus spannend geschriebener Science-Fiction-Thriller. Jennifer Haley verhandelt allerdings in den von ihr als „Technologie-Stücke“ bezeichneten Dramen vor allem auch moral-philosophische Fragen in Bezug auf die Nutzung von Internet-Medien und entsprechenden Technologien. Die Netzwelt ist ein Ort, an dem sich Menschen in programmierten Räumen anonym zu bestimmten Rollenspielen treffen. Der pädophile Sims, auch Papa genannt, hat hier für sich und seine Kunden ein sogenanntes „Refugium“ geschaffen, in dem sie sich mit als junge Mädchen gestalteten Avataren vergnügen können inklusive des Auslebens von Gewaltfantasien. Nach Aussage von Sims: „Die Möglichkeit eines Lebens jenseits aller Konsequenzen.“

In diesem scheinbar gesetzlosen Raum, der durch Zugangscodes gesichert ist, versucht die Cyber-Detektivin Morris den Betreiber Sims der Vergewaltigung, Sodomie und Anstiftung zu selbigen Verbrechen zu überführen. Sie hat dazu den verdeckten Ermittler Woodnut in das Refugium eingeschleust, dessen Berichte sie in verschieden Szenen als digitale Tonaufzeichnungen abspielt. Die Handlung des Stücks verläuft dabei nicht chronologisch und springt nicht nur in den Zeiten, sondern auch beständig zwischen realer und der sogenannten Netzwelt, in der sich mittlerweile auch Schulen und Universitäten befinden. Menschen, die sich für immer in die Netzwelt eingekauft haben und deren Körper nur noch an lebenserhaltenden Systemen hängen, werden „Schatten“ genannt.

Das klingt nach einem guten Plot für einen Science-Fiction-Film, schreibt Haley doch auch Drehbücher für amerikanische Fernsehserien. Aber wie ließe sich die digitale Welt auf der sehr realen Theaterbühne darstellen? Ein aktuelles Thema, dem sich zurzeit immer mehr TheatermacherInnen widmen. Und auch Die Netzwelt steht landesweit auf vielen Theaterspielplänen. Regisseur Alexander Nerlich war am Hans Otto Theater Potsdam allerdings bisher nicht für besonders netzaffine Inszenierungen bekannt. Ihn zeichnet eher ein bestimmter Hang zum Düsteren und Magischen aus. Aber auch das ist ja in dieser etwas bizarren Cyber-Crime-Story durchaus angelegt. Sicher nicht von ungefähr gleicht dann auch die von Zora Klostermann gespielte Detektivin Morris der stets schwarz-gekleideten Computerhackerin Lisbeth Salander aus den Verfilmungen der Millenniums-Trilogie von Stieg Larsson.

 

Die Netzwelt am Hans Otto Theater
Foto (c) Göran Gnaudschun

 

Ähnlich wie Salander besitzt auch Morris ein geheimnisvolles Vorleben, das sich erst im Laufe der Handlung nach und nach erschließt. Keiner ist hier das, was er vorgibt zu sein, auch nicht Doyle (Bernd Geiling), ein Stammgast des Refugiums, aus dem Morris mittels erpresserischen Methoden Informationen über Sims herauszuquetschen versucht. Die Inszenierung in der Potsdamer Reithalle beginnt aber in einem erhöht liegenden und steril weiß gefliesten Raum (Bühne: Wolfgang Menardi) mit einem Verhör, bei dem Morris den Standort des Refugium-Servers von Sims erfahren will. In 16 Szenen und Rückblenden erzählt das Stück nun die Geschichte von Sims, seiner Cyber-Lolita Iris (Juliane Götz, die für die erkrankte Marie Fischer einsprang), die immer mehr auch eigene Gefühle und Wünsche entwickelt, und Woodnut, der bei seinen Recherchen im Refugium schließlich dem Reiz des virtuellen Spiels mit dem neunjährigen Mädchen und seinen eigenen Obsessionen erliegt.

Inwieweit das etwas mit dem Missbrauch Minderjähriger durch Pädophilenringe, die Bilder und Videos von ihren Sexualstraftaten ins sogenannte Darknet stellen, zu tun hat, bleibt aber unklar. Die Pädophilie-Story angereichert mit ein paar Splatter-Fantasien dient hier nur der Verdeutlichung der Diskrepanz zwischen real-gesellschaftlichem Tabu und der Möglichkeit, perverse und strafrechtlich relevante Fantasien im virtuellen Raum auszuleben. Diese Ambivalenz des Plots ist einerseits seine Schwäche, anderseits zielt die Autorin damit auch mehr auf einen philosophische Diskurs über die zunehmende Verwischung des realen, ungeliebten körperlichen Ichs zugunsten einer sich nur in der virtuellen Welt erfüllbaren Fantasie-Identität. Sims ist vor seiner pädophilen Neigungen in das von ihm geschaffene Refugium geflüchtet, in dem ihm Leute wie der alte Lehrer Doyle, der die Fesseln der Körperlichkeit für immer abwerfen will, als Objekte seiner Fantasie einvernehmlich dienen, bis sie dessen fragwürdige Regeln verletzen und wieder aus dem Refugium verbannt werden.

Nerlich lässt das zumeist sehr real spielen. Es gibt keine Videos oder ähnliche Projektionen. Virtuell ist hier nichts. Die psychisch und körperlich brutalen Verhörszenen wechseln mit den im Rokokostil-Ambiente von holzvertäfelten und mit Waldlandschaften bemalten Wänden des Refugiums. Eine Art Alice im Wunderland-Spiel, bei dem es kein Altern oder gar den Tod gibt. Doch auch hier bricht die Realität ein und wirft Fragen über wahre Liebe, Verlangen, Gewalt, Abhängigkeit und Hörigkeit auf. Dem virtuellen Püppchen Alice stellt der Regisseur eine von den maskierten Schauspielern geführte Puppe zur Seite. Wer gerade nicht spielt, macht am Rand über ein Mikrofon Geräusche mit Zweigen, Papier oder dem Mund. Es ist eher ein Anti-Netzstück das Nerlich hier inszeniert. Die Vertreibung aus dem virtuellen Paradies und Aussetzung in der realen Welt endet in einer utopischen Traumsequenz.

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Die Netzwelt (Reithalle Potsdam, 24.11.2017)
Von Jennifer Haley
Deutsch von Michael Duszat
Regie: Alexander Nerlich
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Anneke Goertz
Musik / Sounddesign: Malte Preuß
Dramaturgie: Christopher Hanf
Theaterpädagogik: Kerstin Kusch
Besetzung:
Sims/ Papa: Michael Schrodt
Morris: Zora Klostermann
Doyle: Bernd Geiling
Iris: Marie Fischer
Woodnut: Friedemann Eckert
Die Premiere in der Reithalle des Hans Otto Theater Potsdam war am 24. November 2017
Termine: 24.03.2018

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 26.11.2017 auf Kultura-Extra.

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Verbrechen und Strafe – Alexander Nerlich inszeniert Fjodor Dostojewskis großen Schuld- und Sühne-Roman als düsteren Horroralbtraum

Verbrechen und Strafe am HOT Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Ist es gerechtfertigt im Namen einer großen Idee zu morden? Diese moralisch gesehen eigentlich recht abwegige Frage bejaht nicht nur der hochintelligente aber verarmte Jurastudent Rodion Romanowitsch Raskolnikow aus dem großen Romanwerk Verbrechen und Strafe des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski, auch Anhänger verschiedenster Ideologien erachteten in der Geschichte der Menschheit in ihren Augen unwertes Leben für nicht erhaltenswert. Und nicht erst durch die drohenden Gewalttaten von Terroristen gewinnt diese Frage heute wieder an Bedeutung.

War es für Thomas Mann „der größte Kriminalroman aller Zeiten“, obwohl der Täter ja von Anfang an feststand, interessierte sich Dostojewski mehr für die Psyche seines Romanhelden Raskolnikow. Außerdem spielten für den Autor auch eher religiöse und moralische Fragen eine Rolle, weshalb der Roman in früheren Übersetzungen wohl auch mit Schuld und Sühne betitelt wurde. Dostojewski beschreibt darin eine Wandlung, die er (wegen sozialrevolutionärer Umtriebe zunächst zum Tode verurteilt) selbst beim Abbüßen seiner Strafe in einem sibirischen Lager durch das Lesen des Neuen Testaments vollzogen hatte. Wie er kommt auch der Mörder Raskolnikow am Ende in ein Straflager. Ob sich dabei tatsächlich eine spirituelle oder humanistische Wandlung vollzieht, lässt die Inszenierung von Alexander Nerlich am Hans Otto Theater Potsdam ähnlich wie Dostojewski offen. Dennoch beschreibt sie von Anbeginn recht eindrücklich die innere Spannung und Zerrissenheit Raskolnikows bis zur Entscheidung sich dem Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch zu stellen.

Den schuldigen Studenten verfolgen hier seine inneren Dämonen schon in einem minutenlangen Prolog, bei dem Eddi Irle als rastloser Raskolnikow beim Laufen über die Bühne zu treibenden Beats vom restlichen Ensemble in weißen Totenkopfmasken verfolgt und immer wieder angerempelt wird. Der in einer ärmlichen Kammer Hausende hat für die Miete seine letzte Habe bei der Pfandleiherin Aljona Iwanowna (Andrea Thelemann) versetzt und sinnt nun nach einem Gespräch in der Kneipe darauf, wie er einen Mord an dieser niederen, von ihm als Laus bezeichneten Person rechtfertigen könnte. Raskolnikow hatte zu diesem Gedankenspiel bereits den passenden Artikel in einer Zeitschrift veröffentlichen wollen. Nun schreitet der sich zu höherem Berufene mit der Axt zur Tat.

 

Verbrechen und Strafe am HOT Potsdam
Foto (c) HL Böhme

 

Auf der Drehbühne des Hans Otto Theaters sind die verschiedenen Handlungsorte durch schräge Wände, die einen sich vorn öffnenden Trichter bilden, an dessen Rückseiten die Stube Raskolnikows, die angeranzte Behausung der Familie Marmeladow, die der Pfandleiherin oder ein schmuddeliges Hotelzimmerzimmer angeordnet sind. Immer wieder sieht man Ikonenbilder, und bei der Wucherin steht so eine Madonna sogar leibhaftig in der Wohnung. Raskolnikow geht mit der Axt zu Werke, bis das Genick knackt, und erwürgt auch die aus der Waschmaschine gekrochene, im Geiste etwas schlichte Schwester (Nina Gummich). In einem fast slapstickartigen Tänzchen hindern ihn die beiden Untoten daran, das Schmuckversteck der Wucherin in der Schrankwand auszuräumen.

Regisseur Nerlich setzt wie schon in seinen Inszenierungen von Peer Gynt und Das goldene Vlies auf manch düstere Horroreffekte, das Spiel mit Puppen und lässt am Rande vom Ensemble Geräusche machen. Besonders gelungen ist ihm aber neben der dunklen Bühne von Zana Bosnjak auch die Figur des pädophilen Arkadij Iwanowitsch Swidrigajlow, den Moritz von Treuenfels als eine Art schwarzgewandeten Vampir gibt, der Raskolnikow immer wieder auflauert oder in einer Telefonzelle anruft. Dass von Treuenfels auch noch den Untersuchungsrichter spielt, funktioniert als schöner Verwirrungstrick, ist doch auch Porfirij Petrowitsch hinter dem Mörder her, nur eben kreist er sein Opfer geschickt auf Fehler wartend ein, triggert es unmerklich, bis er plötzlich unvermittelt neue Verhörmethoden aufzieht. Dazu findet Nerlich immer wieder sehr plastische Bilder. So zieht sich der Idealist Raskolnikow, der durch den Mord und die Begegnung mit den Marmeladows in der harten Realität aufgeschlagen ist, immer wieder wie eine Fledermaus in eine Kraterhöhle zurück.

Neben Eddi Irle verkörpern weitere sechs SchauspielerInnen in wechselnden Rollen Dostojewskis Romanpersonal. Michael Schrodt gibt u.a. den verzweifelten Trinker Marmeladow, Denia Nironen
dessen geplagte und dauerkeuchende Frau. Fast ein Gegenpaar bilden die beiden als schmieriger Geschäftsmann Luschin und Dunja, die zeitweilig mit ihm verlobte Schwester des Raskolnikow. Florian Schmidtke überzeugt als Raskolnikows rühriger Kumpel Rasumichin, der ein Auge auf Dunja geworfen hat und auch für ein paar komische Momente sorgt. Die vielleicht stärkste Bezugsperson beim Wandel des Raskolnikow ist aber Sonja, die Tochter der Marmeladows (wieder Nina Gummich). Sie prostituiert sich für die Ernährung der Familie und will den an nichts mehr Glaubenden zur Reue und Liebe zu Gott zurückführen. Dass Raskolnikow auch wegen der ständigen um ihn schwirrenden Stimmen schließlich das schlechte Gewissen kommt und er einsehen muss, dass er eben doch nicht der große Übermensch ist, den er in sich gesehen hat, lässt den Dauerschwitzenden in sich zusammenklappen. Aber selbst als die Hatz ein Ende hat und Irle im Lager in einem Doppelstockbett liegt, lassen ihn die Toten nicht ruhen.

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Verbrechen und Strafe (HOT Potsdam, 10.02.2018)
von Fjodor Dostojewski
Regie: Alexander Nerlich
Bühne/ Kostüme: Zana Bosnjak
Musik: Malte Preuß
Choreografie: Jasmin Hauck, Cecilia Wretemark
Dramaturgie: Julia Fahle
Theaterpädagogik: Manuela Gerlach
Besetzung:
Rodion Romanowitsch Raskolnikow / Chor: Eddie Irle
Dmitrij Prokofjitsch Rasumichin / Ilja Petrowitsch / Mikolka / Chor: Florian Schmidtke
Sofja (Sonja) Semjonowna Marmeladowa / Lisaweta Iwanowna / Nastassja Petrowna / Chor: Nina Gummich
Semjon Sacharitsch Marmeladow / Pjotr Petrowitsch Luschin / Chor: Michael Schrodt
Arkadij Iwanowitsch Swidrigajlow / Porfirij Petrowitsch / Chor: Moritz von Treuenfels
Pulcherija Alexandrowna Raskolnikowa / Aljona Iwanowna / Amalija Fjodorowna Lippewechsel / Chor: Andrea Thelemann
Awdotja (Dunja) Romanowna Raskolnikowa / Katerina Iwanowna Marmeladowa / Chor: Denia Nironen
Die Premiere war am 2. Februar 2018 im Hans Otto Theater Potsdam
Termine: 28.02. / 09., 25.03.2018

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 12.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Digitale Utopien und analoger Brecht – „COLONIA DIGITAL: The Empire Feeds Back“ von andcompany&Co. und „Oratorium“ von She She Pop im Berliner HAU

Dienstag, Februar 13th, 2018

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COLONIA DIGITAL: The Empire Feeds Back – Im Zeitalter von Big-Data träumen andcompany&Co. im HAU 1 von einem neuen Internetsystem aus alten Zeiten

(c) Hebbel am Ufer

„Spy on Me“ heißt ein neuer Programmschwerpunkt des Hebbel am Ufer. Internetkonzerne wie Facebook, Google oder Amazon schöpfen ihre Nutzer ab, um deren Konsumverhalten zu beeinflussen. Man erkennt das z.B. an personalisierten Werbeeinblendungen auf Internetseiten oder der Bitte sich mit seinem Facebookprofil auf der Seite eines Internetversands anzumelden. Die Praktiken sind mittlerweile aber noch viel ausgeklügelter. Der Mensch im Internet ist gläsern und wird meist ohne sein direktes Wissen abgeschöpft. In Performances und Gesprächsrunden soll es um das Sammeln, Überwachen und Kontrollieren von Daten und Informationen gehen. Die TheatermacherInnen begeben sich dabei auf die Spuren der Auswirkungen mit ihren Vor- und Nachteilen von Big-Data-basierten Analysemethoden und kybernetischer Verhaltenssteuerung in der total vernetzten digitalen Welt.

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 Das Theaterkollektiv andcompany&Co. hat sich schon einmal beim Heiner-Müller-Schwerpunkt mit dem permanenten digitalen Rauschen befasst. Nun hat sich dieses Rauschen der Informationsströme im Internet zum Datensturm entwickelt, vor dem die drei andcompany&Co.-Performer Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma in ein stillgelegtes Datencenter in der Wüste geflüchtet sind. Sie bezeichnen sich als „exkommuniziert“, was heißen soll, dass sie von der Kommunikation im Netz ausgeschlossen sind. Das Internet, wie wir es kannten, ist kaputt. Von programmierten „Trollen erobert und von Social Bots beherrscht“, wie es im Programmtext heißt.

Das Internet, eine Art dystopischer Kontrollraum, dem die drei eine utopische Versuchsanordnung entgegensetzen wollen. Diese stammt allerdings aus der Vergangenheit. Genauer gesagt vom Anfang der 1970er Jahre, als der britische Betriebswirt und Managementkybernetiker Stafford Beer im Auftrag des frei gewählten chilenischen Präsident Salvador Allende ein netzbasiertes Kontrollsystem, mit dem die Wirtschaft des Landes in Echtzeit durch Computer kontrolliert und gesteuert werden sollte, entwarf. Das sogenannte Cyberyn wird bis heute als „sozialistisches Internet“ bezeichnet, obwohl es nur einen einzigen Computer mit 400 in den Fabriken des Landes stehenden Fernschreibern verband. Ein Cyber-Allende spricht im Video davon, dem Volk die Wissenschaft zu übergeben. Zumindest konnte so 1973 während eines Streiks von Lastwagenfahrern die Versorgung mit wichtigen Gütern im Lande aufrecht gehalten werden.

 

Foto (c) Jan Brokof

 

Ein schöner Traum von einem dritten Weg zwischen Wachstum und Krise des Kapitalismus und kommunistischer Planwirtschaft, der nach dem Putsch Pinochets und dem Tod Allendes allerdings rasch beendet war. Was blieb, war ein interessantes zukunftsorientiertes Organisations-, Kontroll- und Optimierungssystem. Alexander Karschnia erklärt es anhand des von Stafford Beer entwickelten 5stufigen Systemmodels, an dessen Spitze das Volk stehen sollte. Allerdings um die Kontrolle wieder zu erlangen, müsste es erstmal zum kontrollierten bzw. auch unkontrollierten Absturz des jetzigen Systems kommen, was ungefähr gleichbedeutend dem Warten auf die Selbstzerstörung des Kapitalismus wäre. Entsprechend diffus sind auch die Dialoge und Erklärungsversuche auf der Bühne, auf der das chilenische Kontrollcenter mit futuristischen Drehstühlen, ein paar Palmen und Wänden mit verpixelter Fototapete in schwarz-weiß nachgebaut ist.

Hier wuseln die drei Zukunftsforscher des neuen Internets in roten Schutzanzügen herum, drücken ein paar Knöpfe auf den Drehstühlen, philosophieren vom Drinnen und Draußen, von Kontrollverlust und Kommunikation, und Musiker Sascha Sulimma macht den passenden Computersound dazu. Nicola Nord singt Victor Jaras Manifesto und Touch von Daft Punk. Da heißt es: „Tell me what you see, I need something more.” Bei Alexander Karschnias lautet die Maxime: „Ich lenke als so bin ich.“ oder nach Stafford Beer: „Der Zweck eines Systems ist, was es tut.“ Da kann man als digitaler Laie schon mal auf dem Schlauch bzw. der langen Leitung stehen. Eine Diskurs in fast endlosen Feedbackschleifen, der geschichtlich von Deutschland nach Südamerika und wieder zurück führt. Chile nach dem Zweiten Weltkrieg, war da nicht was? Der Titel COLONIA DIGITAL spielt da auch auf eine christliche Sekte von ausgewanderten Deutschen im chilenischen Dschungel an.

Das ist wie immer bei ancompany&Co. nicht ganz unwitzig gemacht, mitunter aber auch etwas didaktisch, und ein korrekter Hinweis auf die Rolle der Frau zwischen Mann und Maschine darf natürlich auch nicht fehlen, wenn Nicola Nord von der „Compañera Computer“ spricht. „Don‘t feed the platform!“ Sind wir der Wirt oder Parasit des Systems? Ob zentralistisch oder dezentral, Hauptsache global. Und die Kalauer-Maschine spuckt noch ein „der Mensch ist dem Menschen ein Loop“ aus. Die Kommunikation unter Gleichen generiert den Populismus der Plattformen. Zumindest das kann man täglich in den Kommentarspalten der sozialen Internetmedien live mitverfolgen. Zum wichtigen Thema Netzneutralität ist dann allerdings nichts zu hören. Der Abend auf der Hinterbühne des HAU1 bleibt da recht allgemein und relativ theoretisch, auch wenn es am Ende noch mal in einer Videoeinpielung auf die Straße geht. „El pueblo unido!“ ruft das Volk bei der Beerdigung von Dichter Pablo Neruda. Fazit: „Kein System ohne Schwund.“ Doch ein Fünkchen Hoffnung bleibt immer.

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COLONIA DIGITAL: The Empire Feeds Back (HAU 1, 23.01.2018)
Im Rahmen des Schwerpunkts „Spy on Me“
Konzept & Regie: andcompany&Co.
Von & mit: Jan Brokof, Noah Fischer, Alexander Karschnia, Kathrin Krottenthaler, Nicola Nord, Sascha Sulimma&Co.
Bühne: Jan Brokof&Co.
Video: Kathrin Krottenthaler
Lichtobjekte: Noah Fischer&Co.
Kostüme & Mitarbeit Bühne: Franziska Sauer&Co.
Ton: Mareike Trillhaas
Regieassistenz: Verena Rebekka Katz
Technische Leitung: Holger Müller, Marc Zeuske
Company Management: Monica Ferrari
Produktion: andcompany&Co. Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer, Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt am Main), FFT Düsseldorf, Ringlokschuppen Ruhr, Theater im Pumpenhaus (Münster), Brechtfestival Augsburg, brut (Wien). Gefördert durch: Fonds Darstellende Künste, Senatsverwaltung für Kultur und Europa, Kunststiftung NRW und Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.
Die Premiere war am 19.01.2018 im Hebbel am Ufer, HAU 1
Termine:
03.02.18, Ringlokschuppen Ruhr
27.04 – 28.04.18, FFT Juta

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Zuerst erschienen am 25.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Oratorium – Im Berliner HAU 2 gestalten She She Pop nach Brechts Lehrstücktheorie eine „Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis

Einen Tag vor dem 120. Geburtstag des Dramatikers Bertolt Brecht bringt das feministische Theaterkollektiv She She Pop ihre neue Produktion Oratorium im Berliner Hebbel am Ufer zur Premiere. Das Stück nennt sich im Untertitel Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis. Dieses Geheimnis dreht sich um nichts anderes als das Eigentum. Ein eigentlich ganz materieller Begriff, dem Brecht in Zusammenhang mit der herrschenden bürgerlichen Gesellschaftsordnung aber auch ganz bewusst religiöse Züge nachsagte, indem er den Kapitalismus als „Religion, welche die Verwendung von Eigentum zum Zwecke der Ausbeutung heilig spricht“ bezeichnete.

 

Foto: St. B.

 

„Eigentum verändert das Bewusstsein. Es trennt Freund*innen, es erteilt Macht über andere, es schließt aus. Eigentum ist selbstverständlich. Und man spricht nicht darüber. Nichts ist so konstituierend für unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben, nichts wirkt so trennend auf die Gemeinschaft wie das Eigentum.“ So umschreiben wiederum She She Pop ihren an Brechts Lehrstücktheorie orientierten, kollektiven Theaterabend, an dessen Anfang erstmal das Einüben von chorisch vorzutragenden Texten steht, die das Publikum von einem großen Teleprompter an der Rückwand der Bühne im HAU 2 ablesen muss. Ein Akt des solidarischen Handels, der das Publikum aber gleichzeitig auch wieder in verschiedene für sich sprechende Gruppen aufteilt, zum Beispiel in den Chor der aus dem Prenzlauer Berg Verdrängten, der Zugezogenen, der aus dem Ausland Kommenden, der Mütter ohne Absicherung, der Erb*innen, der Kinder von 68er-Eltern, der Studierenden, die ihr Studium selbst bezahlen, oder solcher mit Eigentumswohnungen. Womit wie dann auch beim eigentlichen Thema des Abends angelangt wären.

Nach diesem schönen Einstimmungsprolog, an dem das Publikum zwar freiwillig teilnehmen kann, sich aber sozusagen aus der anonymen Masse heraus zu seiner Gruppenzugehörigkeit bekennen muss, bevölkert nun ein wenn man so will Brecht`scher Kontrollchor „der Delegierten“ die Bühne, der aus den drei She-She-Pop-Performerinnen Lisa Lucassen, Mieke Matzke und Berit Stumpf sowie sieben weiteren aus Berlin stammenden Performer*innen besteht. Unter ihnen auch Brigitte Cuvelier und Jean Chaize aus Frank Castorfs ehemaliger Volksbühnen-Familie. Sie marschieren mit bunten Fantasie-Fahnen auf, die sie sich später auch als Kostüme überziehen. Eine Demonstration von ernsthafter Geschlossenheit, die von Richard Koch an der Trompete und Karl Ivar Refseth am Vibraphon musikalisch ganz im Stile von Dessau, Eisler und Weill untermalt wird. Die Komposition lieferte Max Knoth. Die Solo- und Chortexte stammen aus zahlreichen Interviews mit Vertreter*innen verschiedenster Gruppen wie Alleinerziehende, Eingewanderte, Entmietete, Erbinnen, Hausbesitzerinnen, freischaffenden Lohnarbeitern, Mietern, Wohnungseigentümern und Vermieterinnen, die das Theaterkollektiv in einer Art Work in Progress über Monate gesammelt hat.

Das Spiel der Gruppenzugehörigkeiten geht auch unter den Performer*innen auf der Bühne weiter. Frei nach Brecht heißt es hier zwar auch: „Wir sind der Protagonist.“ Allerdings wird der Gang in die Entindividualisierung auch nicht ganz ohne Ironie dadurch gebrochen, dass man zwar kein Einzelschicksal darstellt, wie Mieke Matzke etwa als Beispiel einer prekären Schriftstellerin, die in einer dreiteiligen „Fabel von der Entmietung“ durch den Verkauf ihrer Wohnung als Eigentum entmietet wird, sondern aus dem Bühnenchor heraus immer wieder auch einzelne Gruppen wie Mieter, Wohnungskäufer oder Erben sprechen. Das Publikum wird via Teleprompter zwischendurch zu skeptischen Kommentaren aufgefordert, oder es kommen sogar einige potentielle Erb*innen auf die Bühne, deren Vermögen sich nach kurzer interner Evaluierung auf 6 ½ Millionen Euro belaufen soll.

 

Oratorium von She She Pop im HAU2 – Foto (c) Benjamin Krieg

 

In kleinen Zwischenstücken betet man den „Katechismus des Eigentums“ mit Zitaten aus der Geschichte des römischen Rechts auf das Land, John Lockes Begriff des Eigentums sowie mit Auszügen aus Texten von Wirtschafts- und Regierungsinstitutionen und Sprüchen von Bundeskanzlern wie Konrad Adenauer und Helmut Kohl herunter. Oder Brigitte Cuvelier als Allegorie des schlechten Gewissens performt das „Lied von der moralischen Überforderung“ als kleinen Maskentanz. Das „Lied von der zynischen Empathie“ beklagt den Zwang zum Altruismus aus Sicht zweier natürlicher Erbinnen, deren Vater einen afrikanischen Flüchtling adoptieren will.

Heißt es in Brechts Gedicht vom Lob des Revolutionärs: „Er fragt das Eigentum: / Woher kommst du?“ wissen She-She-Pop in ihrem Oratorium: „Das Kriterium ist Geld.“ Dass sie dabei so bewusst auf den rein materiellen Vorgang des Erbens abzielen und diesen in Zusammenhang mit dem Erwerb von Eigentum in Form von Immobilien setzen, ist sicher aktuell der nicht nur in Berlin heiß diskutierten Form der Gentrifizierung und dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum geschuldet. Auch die bestehenden Ost-West-Unterschiede bezüglich der Kapitalanhäufung durch Erben spielen da sicher eine Rolle. Brechts Revolutionär fragt aber auch „die Ansichten: / Wem nützt ihr?“ Die Zusammenhänge von Privateigentum und Nutzen bleiben hier aber doch weitestgehend im Dunkeln.

Dass das Theaterkollektiv auch Marx gelesen haben muss, erfährt man zumindest am Rande, wenn von den Urformen kollektiven Eigentums und dem Zusammenhang von Eigentum und Produktion die Rede ist. Brechts Einstellung zum geistigen Eigentum ist bekannt. Aber nicht allein vom Recht am geistigen Eigentum ist hier die Rede, sondern von der entsprechenden Entlohnung für das entstandene Produkt. Der Künstler als Individuum und Produzent ist zwar Eigentümer seiner geistigen Arbeit, muss das Ergebnis seiner produktiven Kraft aber auch am freien Markt entsprechend der Nachfrage veräußern. Der Wunsch nach fairer Bezahlung ist da nur ein Gesichtspunkt.

Am Ende legen die Performer*innen ihre Kleider wie zu einem parzellierten Flickenteppich auf der Bühne aus. In einem Epilog spricht der nur mit einer Tasche aus Polen nach Berlin gekommenen Jan Sobolewski von seinem Blick von außen. Eigentum ist für ihn nicht wichtig. „Befreit euch von dem Gedanken, dass euch etwas zusteht, und ihr werdet mit dem Denken anfangen können.“ Da verengt der hiesige Blick auf die eigene Scholle vielfach noch die Sicht. Der Abend als szenisches Denkspiel ist da ein Anfang, auch wenn hier kaum ein gesamtgesellschaftlicher Abgleich stattfindet.

Die globalisierte Welt des Kapitals mit ihren neoliberalen Slogans der Selbstoptimierung, der „Lüge von der Leistungsgesellschaft“ und den Gesetzen der Wirtschaft, die gleich den Gesetzen der Schwerkraft dem Menschen das Haus über dem Kopf zusammenstürzen lassen, wird das selbst nicht erschüttern können. Wie man aus dem kapitalistischen System von Geld und Eigentum ausscheren kann, scheint ein ebenso wohlgehütetes Geheimnis zu bleiben. Aber vielleicht schaffen She She Pop im 25. Jahr ihres Bestehens und 200. Geburtstag von Karl Marx noch eine weiterführende Produktion zum brennenden Thema Eigentum und Gerechtigkeit. Derweil übt man sich mit dem Publikum bei einem abschließenden Summen im Treffen eines gemeinschaftlichen Tons, der zunächst im Einklang anschwillt und später in einen harmonischen Chor individueller Klangfärbungen mündet.

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She She Pop
Oratorium
Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis
Von und mit: Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf sowie dem Chor der lokalen Delegierten: Susanne Scholl, Saioa Alvarez Ruiz, Brigitte Cuvelier, Jean Chaize, Wenke Seemann, Antonio Cerezo, Jan Sobolewski
Bühne: Sandra Fox, Kostüme: Lea Søvsø, Musik: Max Knoth, Trompete: Richard Koch, Vibraphon: Karl Ivar Refseth, Künstlerische Mitarbeit: Ruschka Steininger, Dramaturgische Mitarbeit: Peggy Maedler, Annett Gröschner, Technische Leitung & Lichtdesign: Sven Nichterlein, Produktionsleitung: Anne Brammen, Kommunikation: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro, Tour-Organisation: Tina Ebert, Administration: Aminata Oelßner, Company Management: Elke Weber
Eine Produktion von She She Pop in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer Berlin, Festival Theaterformen, Münchner Kammerspiele, Schauspiel Stuttgart, Kaserne Basel, Schauspiel Leipzig, Kampnagel Hamburg, Künstlerhaus Mousonturm, FFT Düsseldorf, Konfrontacje Teatralne Festival Lublin und ACT Independent Theater Festival Sofia.
Die Premiere war am 09. Februar 2018 im HAU Hebbel am Ufer, Berlin
Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Weitere Termine: 23. – 25.03.2018 im Hebbel am Ufer (HAU2)
März 2018 im Schauspiel Leipzig
April 2018 in den Münchner Kammerspielen
Mai 2018 in der Kaserne Basel
Juni 2018 im Schauspiel Stuttgart

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

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