Archive for the ‘Theater’ Category

„Kalakuta Republik“ und „Au-delà de l’humain“ – Zum Auftakt der 29. Ausgabe von Tanz im August standen Choreografien aus Afrika im Mittelpunkt

Dienstag, August 15th, 2017

___

Am 11.08.2017 wurde im HAU 1 die 29. Ausgabe von TANZ IM AUGUST eröffnet. Nach Reden von Gastgeberin Annemie Vanackere, Kultursenator Klaus Lederer und der Kuratorin Virve Sutinen, die den Jahrgang in seiner Themenvielfalt und dem Versuch von künstlerischen Reflexionen angesichts einer globalisierten Welt allgemein als einen sehr guten anpriesen, stand eine Aufführung des Tänzers und Choreografen Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso auf dem Programm im HAU 1. Mit seiner Kalakuta Republik tourt er derzeit durch ganz Europa. Deutschlandpremiere hatte die Produktion bei der bei Africologne in Köln. Die nächste Station wird das Sommerfest auf Kampnagel in Hamburg sein.

*

Coulibaly thematisiert in seinem Tanzstück den Zusammenhang von Kunst und Revolte am Beispiel des bekannten nigerianischen Afrobeat-Musikers Fela Kuti, der von den 1960er Jahren bis zu seinem AIDS-Tod 1997 als Künstler und politischer Aktivist tätig war. In seinen Texten kritisierte er vor allem die Militärregierung des Landes. Anfang der 1970er Jahren gründete er in Lagos die titelgebende Künstlerkommune Kalakuta Republik. Diese wurde 1977 bei einem Angriff nigerianischer Regierungstruppen zerstört. Fela Kuti ist nach wie vor eine Leuchtfigur im Kampf gegen afrikanische Diktatoren oder die Folgen der westlichen Kolonisation. Von Kritikern wird er aber auch als Demagoge und sexistischer Fundamentalist bezeichnet. Vor allem seine klare Ablehnung der Homosexualität und der AIDS-Prävention sind bekannt.

 

Kalakuta Republik von Serge Aimé Coulibaly – Foto (c) Doune Photo

 

Diese Ambivalenz Kutis untersucht die Choreografie in zwei Teilen. Im ersten Teil, der mit „Without a Story we would go mad“ (Ohne eine Geschichte würden wir verrückt werden) überschrieben ist, zeigen die Tänzer in Gruppen- und Solopartien das Entstehen eines gemeinsamen Widerstands. Aber auch hier gibt es einen charismatischen Führer, der die einzelnen, farblich unterschiedenen Individuen um sich schart. Und immer mehr beginnen sie diesem zu huldigen. Die Choreografien sind dabei sehr körperlich, dynamisch und in ihrer Zeichenhaftigkeit nicht immer endschlüsselbar. Der treibende Beat der Funkmusik mit Saxofon-Einlagen trägt aber über die gut 40minütige, schweißtreibende Darbietung der 7 afrikanischen Tänzer und Tänzerinnen, zu denen der Choreograf selbst und auch die weiße, französische Tänzerin Marion Alzieu gehören. Als Requisiten dienen ihnen dabei einige Stühle eine Ledersitzecke und zwei große Videowände.

Der zweite Teil nach der Pause spielt in einem verrauchten Soul-Nachtclub, in dem die Stühle wild herumliegen, eine Frau auf einem Podest tanzt, betrunkene Gestalten umherirren und Männer die Frauen mit Gesten erniedrigen. So bläst einer der Tänzer einer Tänzerin, die am Mikrofon zu singen versucht, immer wieder Zigarettenqualm ins Gesicht und auf den Körper. „War is a purifiction rite“ (Krieg ist ein Reinigungs-Ritus) steht auf der Videowand oder auch „Dekadence can be an end in itself“ (Dekadenz kann Selbstzweck sein). Einer der Tänzer ruft: „Ich werde Präsident sein.“ Die Befreiung schlägt in ihr Gegenteil um, die Revolution frisst ihre Kinder. Der Widerstand erstickt in Ritualen der Körperlichkeit, der Dekadenz und des Machismo. In einer kleinen Parade mit wieder sehr symbolhaften Gesten verlässt die Truppe, die Tänzerinnen auf den Schultern der Tänzer, den Saal.

**

Zora Snake bei seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain vor dem HAU 1
Foto: St. B.

Mit traditionellen Riten beschäftigt sich der 1990 in Kamerun geborene Choreograf Zora Snake in seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain (Jenseits des Menschlichen), die er im Anschluss an die Eröffnungspremiere draußen vor dem HAU 1 begann. Er setzt sich darin mit dem postkolonialen afrikanischen Körper auseinandersetzen und bedient sich dabei Mitteln der Performing Arts sowie des Urban und African Dance. Zunächst sprang Snake mit zwei Ritualschalen auf die Stresemannstraße und zog danach einen Sarg mit der Kameruner Flagge zum HAU 2, wobei ihm das Publikum folgte und auch eine Kette aus schwarzen Holzkreuzen hinterher trug. Vor dem Café Wau zelebrierte der junge Performer noch ein streng durchchoreografiertes, afrikanisches Begräbnisritual auf einem quadratischen Erdfeld und hielt eine Rede in Französisch, die im Programmblatt auf Deutsch abgedruckt war.

In dem Text Die Toten sind nicht tot geht es um die Tragödie aus Kriegen überall in Afrika. „Werden wir immer schweigende Beute bleiben?“ fragt Zora Snake und verneint dies mit dem Aufruf „dem Leben, das vor Jahrhunderten gestorben ist, wieder Leben einzuflößen“. Snake ruft dazu die Ahnen des schwarzen Widerstands wie Nelson Mandela, Mohamed Ali, Fidel Castro, Martin Luther King, Malcom X oder Patrice Lumumba. „In dem Ring meiner Erinnerung boxt die Hoffnung gegen die Hoffnungslosigkeit. Wir leisten Widerstand.“ Gerade in ihrer für uns Europäer vielleicht etwas simplen Archaik blieb diese Performance nicht ganz ohne Wirkung.

 

Zora Snake bei seiner Tanzperformance Au-delà de l’humain vor dem HAU 2 – Foto: St. B.

***

Kalakuta Republik
Konzept & Choreografie: Serge Aimé Coulibaly
Von und mit Adonis Nebié, Marion Alzieu, Sayouba Sigué, Serge Aimé Coulibaly, Ahmed Soura, Antonia Naouele, Ida Faho
Musik: Yvan Talbot
Video: Eve Martin
Dramaturgie: Sara Vanderieck
Assistenz Choreografie: Sayouba Sigué
Bühne & Kostüm: Catherine Cosme
Licht: Hermann Coulibaly
Technische Leitung: Sam Serruys
Produktion: Faso Danse Théâtre & Halles de Schaerbeek
Produktionsleitung: Halles de Schaerbeek
Distribution: Frans Brood Productions
Koproduktion: Maison de la Danse Lyon, TorinoDanza, Le Manège Scène nationale de Maubeuge, Le TARMAC – La Scène internationale francophone Paris, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Ankata Bobo Dioulasso, Les Récréâtrales Ouagadougou, Festival AfriCologne, CC De Grote Post Oostende.
Dauer: 85 min + Pause

Au-delà de l’humain
von und mit Cie Zora Snake
Künstlerische Leitung: Zobel Raoul Tejeutsa / Snake
Konzept & Choreografie: Zora Snake
Bühnenbild: Snake
Produktion: Compagnie Zora Snake
Mit der Unterstützung von: Festival Ambony Ambany 4 Madagascar, Festival Mantsina Sony sur Scène – Congo-Brazzaville, Festival Les Récréârales, La Triennale danse l’Afrique danse, Festival les Dètours de Babel, Othni (laboratoire de théâtre de Yaoundé-Cameroun).
Dauer: 45 Min

Infos: http://m.tanzimaugust.de/

Zuerst erschienen am 13.08.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Alles im Eimer – Das Monbijou Theater spielt Shakespeares blutiges Königsdrama „Macbeth“ in einer Sandkastenarena

Montag, August 7th, 2017

___

Macbeth im Monbijou Theater
Foto (c) Bernd Schönberger

Sommerzeit ist Open-Air-Theaterzeit. So auch in diesem Jahr im Amphitheater am Monbijoupark in Berlin-Mitte. Nach der Abspaltung der alten Hexenkessel-Truppe um Jan und Carsta Zimmermann, die nun die Woesner Brothers auf dem Pfefferberg beerbt haben und das dortig Pfefferberg Theater betreiben, hat Christian Schulz, Theaterleiter und Geschäftsführer der Monbijou-Theater GmbH, die Zeichen auf Erneuerung gesetzt. Neben Die lustigen Weiber von Windsor, einem der üblichen Sommertheaterklassiker von William Shakespeare, hat man nun zwei eher schwergewichtigere Klassiker auf die Amphitheaterbühne gehievt. Nach Die Mitschuldigen (einer Jugendsünde von Johann Wolfgang von Goethe) im letzten Jahr eröffnete man die laufende Saison mit Faust, des Weimarer Geheimrats Tragödie erster Teil, der nun alternierend mit Macbeth, einem der wohl blutrünstigen Königsdramen Shakespeares gezeigt wird.

Nach Schenkelklopfen ist nun also Hauen und Stechen im Monbijou Theater angesagt. Das nötige Theaterblut dafür schleppt man gleich in mehreren Zinkeimern und -wannen auf die Bühne. Das Geschehen um den schottischen Edelmann Macbeth, der, angestachelt von seiner Frau und den Weissagungen dreier Hexen, er würde es zum Thane von Cawdor und schließlich gar zum König von Schottland bringen, den alten Monarchen Duncan ermordet und nachfolgend noch viele weitere Widersacher ins Jenseits befördert, spielt sich hier in einer kleinen Sandkastenarena zu Füßen der Zuschauertribüne ab. Während hier noch die drei Hexen ihre verwunschenen Beschwörungsformeln im Original singen, rollen nach gewonnener Schlacht Macbeth und Kumpan Banco von oben herab.

Die beiden sehen dabei aus, als wären sie eher Maske und Kostümfundus eines Mad-Max-Endzeitstreifens entsprungen. Wilde Gladiatorenkämpfer mit Lederschützern an Armen und Beinen und phantasievoll geformten Helmen auf dem Kopf, die sich im Sand einer antiken Arena suhlen. Regisseur Darijan Mihajlovic hat Shakespeares Drama auf handliche 90 Minuten gekürzt, aber wenig an der klassischen Übersetzung Friedrich Schillers geändert. Ohne allzu pathetisch zu werden, lässt das der Geschichte ihre düstere Wucht. Der Kampf um die Macht fordert auch hier seine Opfer.

 

Macbeth im Monbijou Theater – Foto (c) Bernd Schönberger

 

Wer einmal im Blute gebadet, ist davon gezeichnet und wird das auch so schnell nicht wieder los. Zunächst bekommt der übergriffige Suffkopp König Duncan seinen Eimer auf und später auch noch Banquo, dem die Hexen weissagten, einmal Könige zu zeugen. Wer kann, flieht nach England. Duncans Sohn benutzt dazu den Waschzuber, in dem später Mcduffs Weib samt Frischgeborenem das nächste Opfer der Blutorgie des Macbeth wird. Das Spiel gestaltet sich dabei sehr dynamisch. Fast fliegend wechselt das Ensemble immer wieder die Rollen – bis auf Macbeth, seine Lady und Banquo, der dem Mörder weiterhin als Geist mit blutigem Kopf beim Abendessen mit den Thanes erscheint.

Nun ist dies aber beileibe nicht nur ein martialisches Sandkastenspiel. Auch wenn Mord-, und Fechtszenen wie im schnellen Nummernprogramm wechseln, bleibt hin wieder auch mal Platz für etwas Slapstick oder einen theatralischen Wahnsinnsauftritt der Lady. Ernst und Unterhaltung halten sich die Waage, und auch das Publikum darf seinen Beitrag zum Sturz des Tyrannen leisten. Wenn dann endlich der Wald von Birnam nach Dunsinane gekommen ist, gibt es neben dem klassischen Ende noch eine überraschende Wende, bei der Banquos Sohn Fleance eine maßgebliche Rolle spielt.

***

Macbeth (Monbijou Theater, 31.07.2017)
von William Shakespeare
Regie: Darijan Mihajlovic
Dramaturgie: Maurici Farré
Kostümbild: Isa Mehnert
Maskenbild: Rivka Dette
Bühnenbild: David Regehr
Technische Leitung: Sebastian Söllner
Biomechanisches Training: Tony De Maeyer
Musik: Anna Krstajić in Zusammenarbeit mit Darijan Mihajlovic
Bühnenbild: David Regehr
Technische Leitung: Sebastian Söllner
Biomechanisches Training: Tony De Maeyer
Musik: Anna Krstajić in Zusammenarbeit mit Darijan Mihajlovic
ENSEMBLE:
Macbeth: Jonas Kling / Markus Braun
Lady Macbeth: Anja Pahl / Franziska Hayner
Duncan/ Macduff Matthias Horn / André Kudella
Banquo/ Banquos Geist: Uwe Neumann / Daniel Sellier
Hexe 1/ Malcolm/ Mörder/ Lord: Tobias Schulze / Rashidah Aljunied
Hexe 2/ Sohn Macduff/ Bote/ Mörder 2/ Lenox/ Soldat: Carolin Ott / Melanie Stahl / Marisa Wojtkowiak
Hexe 3/ Lady Macduff/ Fleance/ Rosse/ Krieger: Carmen Betker / Vlatka Alec
Premiere war 21. Juni 2017 im Monbijou Theater
Termine: 22. Juni – 3. September 2017

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater/macbeth.html

Zuerst erschienen am 02.082017 auf Kultura-Extra.

__________

Das getanzte Selfie – Constanza Macras und DorkyPark bespielten mit ihrer neuen Tanztheaterperformance THE POSE Räume in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg

Mittwoch, Juli 19th, 2017

___

Mitte Mai geisterte eine beunruhigende Mitteilung durch die Berliner Feuilletons. Constanza Macras hätte keine Kooperationspielstätte mehr in der Hauptstadt. Weder die langjährigen Partner Schaubühne und HAU noch das Maxim Gorki Theater, in dem Macras noch im letzten Jahr ihre Produktion On Fire präsentierte, hätten in ihren Spielplänen Platz für die seit 1996 in Berlin lebende und mit ihrer Tanz- und Performancegruppe DorkyPark arbeitende argentinische Choreografin. Für zwei Aufführungen ihrer letzten Arbeit On Fire erhielt Constanza Macras Asyl im schicken Boulevard-Theater am Kurfürstendamm. Seit dem 9. Juli ist sie nun mit einer groß angelegten Teilbespielung der Akademie der Künste am Hanseatenweg zu sehen.

Das in den 1950er Jahren vom Architekten Werner Düttmann entworfene Akademiegebäude ist ein Baudenkmal der Berliner Nachkriegsmoderne und Herzstück des am Rande des Tiergartens gelegenen Hansaviertels. Constanza Macras nutzt die Intimität der hinteren Atelierräume und Teile des Gartens für ihre neue Produktion The Pose. Nun ist das Sich-in-Pose-Werfen ja nicht unbedingt eine intime Angelegenheit, außer man täte es daheim, allein vor dem Spiegel. Hier geht es aber zunächst um das ganz freizügige Posieren vor der eigenen Handykamera. Die Ergebnisse, sogenannte Selfies, landen dann meist sofort in den einschlägigen sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter, Instagram oder in Dating-Portalen wie etwa Tinder oder PlanetRomeo.

Die Choreografin von The Pose stellt sich nun ganz einfach die Frage: „Wie verändern sich die ikonografischen Narrative der Selbstinszenierung durch die Fülle achtlos erstellter Bilder?“ Was sich zunächst wie ein etwas aufgeblasenes Dramaturgen-Vokabular anhört, ergibt hier in Bewegung umgesetzt so etwas Ähnliches wie das getanzte Selfie. Was das in drei Gruppen aufgeteilte Publikum dann auch in mehreren Varianten im ersten Durchlauf des Abends von den 10 PerformerInnen der Gruppe DorkyPark geboten bekommt. Dabei werden wechselnd ein mit einem Erdbeet gefüllter, kleiner Sitzungssaal, ein Besprechungsraum mit Treppe und am Rand aufgestapelten Sesseln und ein Teil des Gartens mit Mauer, Steinsäulen und Wasserbecken bespielt.

 

The Pose von Constanza Macras/DorkyPark
Foto (c) Thomas Aurin

 

Zu den im Solo oder in der Gruppe absolvierten Tanzeinlagen mit in den Bewegungen immer wieder teils bizarr oder akrobatisch verrenkt eingefrorenen Posen zeigen die PerformerInnen in einer Art Lichtbildervortrag eigene Selfies, die sie an verschiedenen Orten der Welt, meist im Urlaub oder auf Flughäfen, aufgenommen haben. Erklärt wird dazu die gerade gewählte Attitüde oder vorherrschende Stimmungslage wie: peinlich, traurig, betrunken oder mit nachfolgendem „Hangover“. Auch kleine philosophische Abhandlungen, wie Lacans Spiegeltheorie, ziehen sich durch den ganzen Abend. Der Selbstpräsentationszwang als Teil unserer narzisstischen Ader verursacht eine digitale Bilderflut, die unsere Sinne täuschen will wie ein mit der Tapete verschmelzender Tänzer.

Dass Constanze Macras mit Orten und deren Geschichte umgehen kann, hat sie schon 2013 in der Performance Forest: The Nature of Crisis im Köpenicker Müggelwald bewiesen. Aber auch wenn hin und wieder auf bestimmte Orte oder Sehenswürdigkeiten auf den Fotos verwiesen wird, glückt das angekündigte Zusammenspiel der Performance mit der Architektur des Düttmann-Baus nur bedingt in den Gartenpassagen, wo sich die Bewegungen einfach besser in die Umgebung integrieren oder deren Gegebenheiten wie die Säulen und das Wasserbecken nutzen lassen. Um auf die eingangs erwähnte Frage zurückzukommen, wirkt die Fülle der Bilder und Erzählungen genauso beliebig wie achtlos erstellte Selfies nun mal meist sind. Der geglückte „Headshot“ (ob nun wild oder seriös) ist die Seltenheit. Die gewünschte Wirkung bleibt gemäß Bekundung der PerformerInnen auch in professionell erstellten Fotoserien für die eigene oder eine Agentur-Website doch meist aus.

 

The Pose von Constanza Macras/DorkyPark
Foto (c) Thomas Aurin

 

Trotz der für Macras typischen Ironie ernüchtert das dann schon etwas auf die Dauer. Zur Auflockerung gibt es vor der Pause für alle gemeinsam im Studiosaal eine tänzerische Gruppeneinlage zur teils recht minimalistischen, mit Störgeräuschen versetzten elektronischen Musik von Robert Lippok, Mitbegründer der legendären Ost-Berliner Experimentalband Ornament & Verbrechen. Bei schnellen Kostüm- und Accessoirewechseln friert das Ensemble immer wieder in Tableau Vivants ein oder führt kommandierte Gruppenchoreografien bis hin zum sterbenden Schwan aus.

Der Zwang alles zu fotografieren und zu dokumentieren ist dem Menschen immanent. Ein gesellschaftlicher Ritus und Fluch zugleich, der schon früher zu einer Fülle von Familienfotografien und Sammlungen von Fotoalben führte. Und so sind dann beim zweiten Durchlauf nach der Pause auch die persönlichen Familiengeschichten der PerformerInnen das Thema der Choreografien und wieder parallel stattfindenden Fotoschauen. Es geht um Kindheitserinnerungen, die teils schwierigen Beziehungen zu den Eltern oder auch um den Tod naher Verwandter. In einem einführenden Vortrag erzählt die brasilianische Performerin Fernanda Farah als Barkeeperin am Tresen im Studiofoyer von ihrem kunst- und fotografiebesessenen Vater, dessen Leidenschaft sie früher nicht teilte und nun bedauert, ihm vor seinem Tod die Fotos ihres Sohnes nicht mehr gezeigt zu haben.

Diese zum Teil sehr intimen Berichte gehen wesentlich tiefer als die Selfie-Parade zuvor. Die Fotografie als Spiegel der Geschichte von Menschen und Orten. Ein kollektives Gedächtnis, das sich durch die entsprechende Pose oder Gesichtsregung positiv oder negativ beeinflussen lässt. Wie trügerisch diese Erinnerungen sein können, zeigt sich, wenn die Performer einfach unversehens die Rollen bei der Erklärung der Fotos tauschen. Ein Foto allein sagt noch nichts über das ganze Leben eines Menschen. Die Geschichten dahinter müssen zum Leben erweckt werden. Als ziemlich perfekt abschnurrendes Gesamtkunstwerk aus Bild, Raum, Ton und Bewegung erzählt der Abend dann auch einiges über die magische Wirkung persönlicher Fotografie und die Geschichten ihrer Entstehung. In seiner recht epischen Struktur wirkt der gut 4,5-h-Abend aber auch etwas über Gebühr zerdehnt. Da ist es am Ende wie eine Befreiung, wenn die PerformerInnen noch mal wie aus dem starren Rahmen gefallen draußen vor den Fensterscheiben im Garten wild tanzen oder, uns fixierend, einfach als dreidimensionales Einzel- oder Gruppen-Selfie vor dem angeleuchteten Hintergrund verharren.

***

The Pose (AdK am Hanseatenweg, 09.07.2017)
Constanza Macras | DorkyPark
Regie & Choreographie: Constanza Macras
Musik: Robert Lippok
Dramaturgie: Carmen Mehnert
Von und mit: Emil Bordás, Diane Gemsch, Luc Guiol, Fernanda Farah, Nile Koetting, Thulani Lord Mgidi, Ana Mondini, Daisy Philips, Felix Saalmann, Miki Shoji & Momo Akkouch
Licht: Catalina Fernandez
Ton: Fabrice Moinet
Bühne: Laura Gamberg, Veronica Wüst & Chika Takabayashi
Kostüm: Constanza Macras & Daphna Munz
Regieassistenz: Helena Casas
Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark in Zusammenarbeit mit Robert Lippok. In Kooperation mit der Akademie der Künste, Berlin.
Premiere war am 09.07.2017 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg
Termine: 12.-17.07.2017

Infos: http://www.adk.de/de/programm/index.htm?filter=30211

Zuerst erschienen am 11.07.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Immersion 2017 (2) – Im „Nationaltheater Reinickendorf“ dauerperformen Vegard Vinge und Ida Müller mit Baumeister Solness erneut einen ganz speziellen Splatter-Ibsen

Dienstag, Juli 11th, 2017

___

Vegard Vinge und Ida Müller wurden mit ihren Ibsen-Schlachten im Berliner Prater um eine 24-Stunden-Wildente und den gescheiterten Banker John Gabriel Borgmann bekannt. Letzterer war 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Danach hatten sie ein 12-Spartenhaus ausgerufen und sich mit Ibsens Volksfeind darin verschanzt. Vier Jahre war es ruhig um das Duo, nun haben ihnen die Berliner Festspiele eine Lagerhalle am Reinickendorfer Eichborndamm für die Gründung eines „Nationaltheater Reinickendorf“ gemietet. Das klingt groß und anachronistisch zugleich. In einer Zeit, in der sich die Theater betont international geben, rühren Vinge/Müller in einem braunen Brei aus deutsch-norwegischen Nationalepen. Nietzsche und Wagner treffen Ibsen und einen bekannten Dänenprinzen mit Vaterkomplex. Dieses Totaltheater ist im Sinne der Kunst weder didaktisch noch aufklärerisch, sondern eine bombastische Verschwendung von Ressourcen, ein Angriff auf alle Sinne und hat nachweislich viele junge Theaterschaffende inspiriert. Es ist ein diktatorischer Spartenmix, der gefährliches Suchtpotenzial birgt und damit fast schon bedrohlich immersiv wirkt.

Das neue Theaterformat der Festspiele steht unter dem Motto IMMERSION. Ein Eintauchen in den Vinge/Müller-Kosmos kann da durchaus lohnend sein, vorausgesetzt man bringt genügend Zeit mit. Zu diesem Anlass dürfen auch ruhig mal ein paar Flaschen Rotkäppchen-Sekt geköpft werden. Eine für jeden Tag, wie eine der beiden grell-düster geschminkten Zombie-Figuren aus Vinges Ibsen-Imperium droht. Es ist der Baumeister Solness mit seiner Frau Aline, die uns hier im Vorraum empfangen. Wer nicht aufpasst, nimmt eine Sektdusche. Die Gläser fliegen hinterher. Der Baumeister preist die Vorzüge des schönen Bezirks Reinickendorf im Norden Berlins, wo sich buchstäblich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, und auf dem Heimweg Meister Reinicke tatsächlich über den Hof des benachbarten ALDI-Markts schleicht. Schlauer Stadtfuchs trifft gierige Performancehyäne, die lachend ihre Zähne in das Aas Stadttheater schlägt. Hier ist nicht nur Totentanz vor dem Reinickendorfer Finanzamt, heute Nacht ist ganz große Oper angesagt: „Verdi versus Puccini“.

Doch zunächst müssen noch alle Wartenden bei einer Glückstombola ihre Platznummern, die auf Tischtennisbällen stehen, aus einem Betonmischer ziehen. Der Blick schweift, sieht Aufschriften wie „Dramaturgischer Tunnel“, „Bio-Logisches Theater“ oder „Fort Bravo“. Es gibt Splattervideos, und man hört ein schnarrendes, nicht enden wollendes Bla-Bla in R-rollender Dauerschleife. So macht Vinge wie immer sein Publikum mürbe. Während bei einigen das Warten nur das Verlangen umso mehr steigert, sitzen andere schon etwas gelangweilt in den Ecken des Vorraums und spielen mit ihren Smartphones. Bei den eingefleischten Vinge-Jüngern hat sich eh mit der Zeit schon etwas Routine eingeschlichen. Routiniert läuft auch „Die Maschine“ des Spiels. Da der Solness-Darsteller angeblich den Eingang nicht findet, hilft Vinge irgendwann von innen nach und schlägt seitlich ein Loch in „Das neue Haus“. Ein Satz der fast mantra-artig ständig wiederholt wird. Nach über einer Stunde werden wir dann endlich gebeten, das Allerheiligste durch den Hintereingang zu betreten. Dieses Eingangsszenario hätte auch noch ewig so weitergehen können, man kennt das vom 12-Spartenhaus, das sich damals dem ehrerbietig wartenden Publikum partout nicht öffnen wollte.

Der Saal kommt einem angenehm bekannt vor. Die Sitzreihen und das von Ida Müller gemalte Bühnenportal sind wie im Prater. Hinten gibt es Stehplätze und vorn wie in einem Ballhaus einzelne Tische, an die später auch Essen gebracht wird. Meister Vinge kommentiert alles und gibt präzise Anweisungen. Man ist in ständiger Beobachtung. „Welcome to the Pleasuredome“ steht über dem Bühnenportal, darunter „Das Schauspiel sei die Schlinge“, was ein Verweis auf ShakespearesHamlet ist, der auch noch eine Rolle spielen wird. Dann erstmal nur Live-Video. Eine Spielplankonferenz der Theaterleitung mit Direktor, Geschäftsführer, Chefdramaturg und künstlerischem Leiter teilt den Inhalt eines Geldkoffers auf. Vinge beklagt „Die Wunde“, die das Stadtheater in ihn geschlagen habe. Mit viel Theaterblut und sogenanntem „Artistic Juice“ in Gläsern wird rumgematscht. Es erklingen Arien aus Puccinis Tosca. Der Maler Cavaradossi hat eine ganze Galerie Panini-Fußballsammelbilder geschaffen. Vinge nennt die inneren Räume, aus denen übertragen wird, „Die Panini-Kathedrale“. Später kann die ganze Pracht nebst Nazi-U-Boot und Vinge-Skulptur selbst von innen bewundern.

 

Ibsen Saga 7 von Vinge/Mueller
Foto (c) Nationaltheater Reinickendorf

 

Ansonsten wird relativ erkennbar in einzelnen Szenen Ibsens Baumeister Solness gespielt, was knapp eine Woche nach dem Volksbühnenende wie eine Reminiszenz an Frank Castorf wirkt. Man hat die Kunstkampfgefährten vom Rosa-Luxemburg-Platz nicht vergessen. Wenn die Kamera durch die Gänge schweift, hängen neben Filmplakaten von Arnold Schwarzenegger und Clint Eastwood auch Comicstrips der Pratersaga von René Pollesch und Bert Neumann als Denkmal auf dem Platz, wo einst das Räuberrad stand. Natürlich gibt es auch das gewohnte Ekeltheater mit Blut, Kot und Sperma. Es ist da nur konsequent, wenn der Baumeister die Kunstkacke von Hilde „Lolita“ Wangel selbst essen muss. Auch zu lachen gibt es einiges, noch nie waren die Szenen mit einer solchen Liebe zum Wortwitz gestaltet. Da wirkt ein Dinner bei Familie Solness fast schon wie ein Sketch von Loriot.

Man soll ja nicht so viel spoilern, auch wird bekanntlich für jeden der Abend in seiner bis zu 12 Stunden Länge anderes verlaufen, aber wenn sich dann doch hin und wieder auf Anweisung Vinges der Vorhang öffnet, dann weitet sich auch der Vinge/Müller-Kosmos ins Unendliche. Da mauert sich Solness in einen Turm des schlechten Gewissens ein, und eine gottähnliche Figur malt über einem Wolkenmeer die Sonne an. King-Kong Solness kämpft mit dem jungen Rivalen Ragnar, in dem Ida Müller steckt, und nach einer Catch-Einlage geht der Blick bis tief auf die Hinterbühne. Es wird nicht nur ohrenbetäubend laut Tosca gegeben, es erklingen auch Madonna und die obligatorischen Modern Talking. Pappmaché-Chöre fahren vom Bühnenhimmel herunter, und immer wieder wird auch auf Wagners Parsifal und die Gralsritterrunde angespielt. Markante, immer wiederholte Sätze aus dem Solness stehen neben bildlichen Zitaten von Fritz Lang über Kubrick bis zu Brecht und Heiner Müller.

 

Ibsen Saga 7 von Vinge/Mueller
Foto (c) Nationaltheater Reinickendorf

 

Das erreicht über die Stunden nicht unbedingt die Wucht des Borkman, aber es ist immer noch genug Wut da, um auf die Institution Theater zu scheißen. Ein radikaler Spukhaus-Exorzismus eines Kunst-Wahnsinnigen, der gefühlte Stunden lang die Bühne umdekoriert, ohne sich auch nur für Augenblicke aus der Ruhe bringen zu lassen. Immer höher, immer weiter. „Es kann nur einen Baumeister geben.“ Vor ein paar Tagen hatte noch Kay Voges, Dortmunder Intendant, Regisseur und Borderline-Experte in einer Gesprächsrunde zur Immersion über Virtual Reality eine Akademie für Digitalität und Darstellende Kunst sowie über Medienkompetenz referiert. In Vinge/Müllers Nationaltheater gibt es auf allen Sendern des „Radios Reinickendorf“ noch ganz real voll auf die 12 – Sparten, versteht sich.

***

Nationaltheater Reinickendorf (06.07.2017)
Vegard Vinge / Ida Müller
Von und mit Malin Andreasson, Laszlo Antal, Max Philip Aschenbrenner, Pelle Ask, Kirsten Astrup, Jonas Blume, Maximilian Brauer, Martin Breine, Katarina Caspersen, Torbjørn Davidsen, Ilaria Di Carlo, Michael Duté, Robert Faber, Hadas Foguel, Martin Gehrmann, Zoe Goldstein, Florian Gwinner, Roman Hagenbrock, Tobias Hagge, Martin Heise, Christopher Heisler, Snorre Sjønøst Henriksen, Margarita Hoffmann, Marc Hönninger, Katerina Ivanova, Joachim Janner, Ofelia Jarl Ortega, Gesine Kaufmann, Saebom Kim, Rosina Koch, Harald Kolaas, Candie Koschnik, David Kunold, Anne Kutzner, Daniel Mecklenburg, Anastasia Mikhaylova, Ida Müller, stefanpaul, Laurent Pellissier, Marc Philipps, Adam Read, Trond Reinholdtsen, Hanna Rode, Michael Rudolph, Susanne Sachsse, Pamela Schlewinski, Ole Schmidt, Judith Seither, Ville Sepännen, Rebecca Shein, Bastian Späth, Micha Spanknöbel, Stephen Stegmaier, Gabriel Stenlund Larsen, Tilman van Tankeren, Sarah Teichmann, Arnt Christian Teigen, Hans Georg Teubert, Loukas Troll, Marianne Tuckman, Vegard Vinge, Dominik Wagner, Silke Weyer, Petter Width Kristiansen, Yassu Yabara
Die Premiere war am 06.07.2017 im „Nationaltheater Reinickendorf“, Eichborndamm 165/167
Produktion Vinge/Müller & Berliner Festspiele / Immersion

Weitere Termine: 13., 15., 18., 22., 26., 28., 30.07.2017

Infos: https://www.nationaltheaterreinickendorf.com/

https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/immersion/

Zuerst erschienen am 08.07.2017 auf Kultura-Extra.

__________

IMMERSION – Die neue Programmreihe der Berliner Festpiele zeigt interdisziplinäre Ausstellungen und Performances (Teil1)

Dienstag, Juli 11th, 2017

___

Die Ausstellung Limits of Knowing kämpft im Martin-Gropius-Bau mit der Nichterkennbarkeit der Welt

(c) Berliner Festspiele

Vergangenen Sonntag haben die Berliner Festspiele ihr neues interdisziplinäres Kunst- und Theaterformat IMMERSION gestartet. Mit der Ausstellung Limits of Knowing im Martin-Gropius-Bau wollen die Veranstalter sogenannte sensorische Ansätze in Kunst und Wissenschaft untersuchen und diese beiden Felder miteinander verbinden, wie es heißt. Weiter steht dazu im Begleitkatalog: „Immersive Kunstwerke – ob sie nun mit technischen Apparaturen Sensoren (VR-Brillen, Overalls mit Sensoren, Smartphones, Stroboskopen) oder mit analogen Mitteln arbeiten – können wissenschaftliche Erkenntnisse und Problemstellungen in Erfahrungen übersetzen, die einer ungewöhnlichen Logik folgen. Sie locken uns Zuschauer*innen aus der Rolle der Betrachter*innen und laden uns in eine sensorische Erfahrungswelt ein, in der sie das Außen kurzzeitig vergessen.“ Vorausgesetzt natürlich, man ließe sich auch von diesen etwas kryptischen Beschreibungsversuchen locken.

Die „Immersion“, also das buchstäbliche Eintauchen in ein auf beschriebene Weise erzeugtes Kunstwerk, erfordert ein stückweit die Bereitschaft der potentiellen KonsumentInnen, sich jenseits der „klassischen Erkenntnistheorie“ auch direkten physischen Erfahrung auszusetzten und dabei durch rein sinnliche Empfindungen leiten zu lassen. Es spielt dabei zunächst auch keine Rolle, ob man direkt interagiert oder sich nur passiv treiben lässt. Wichtig scheint den KünstlerInnen lediglich die „Theorie der Unerkennbarkeit“, was bedeutet, dass sich diese neuen Phänomene nicht mit alten, verbrauchten Begriffen erfassen und beschreiben lassen. Dabei soll es vor allem auch um das Befremden, Verblüffen und die Hinterfragung unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit gehen.

 

RHIZOMAT VR(c) Mona el Gammal

 

Das sieht dann in den Ausstellungsräumen im 1.Stock des Martin-Gropius-Bau zunächst mal wie eine ganz normal kuratierte Schau zeitgenössischer bildender Kunst mit interdisziplinärer Ausrichtung aus. Der erste Raum befasst sich mit dem sogenannten „Narrative Space“ RHIZOMAT der deutschen Künstlerin Mona el Gammal, den sie bereits 2016 im Rahmen der Vorbereitungen auf das neue Format IMMERSION in Berlin vorstellte. Dabei konnte das Publikum einzeln in den von der studierten Szenografin gestalteten Räumen eines alten Gebäudes, dessen Lage nur Eingeweihten bekannt war, wandeln und einer dystopischen Geschichte um Gedankenkontrolle und eine Untergrundgruppe, die gegen ein monopolisierendes, unterdrückendes und überwachendes global ausgerichtetes Unternehmen kämpft, folgen. Dieses begehbare Szenario wurde nun für die Ausstellung in den 360°-Film RHIZOMAT VR verlängert. In einem kleinen abgeplanten Pavillion kann man auf einem Drehstuhl sitzend diesen 12minütigen Film durch eine Virtual-Reality-Brille ansehen. Die Story klingt ein wenig wie Matrix, ist in diesem inhaltlich recht begrenzten Schnuppervideo aber lediglich ein technisch durchaus perfektes Schmankerl, wenn nicht die Handys in den VR-Brillen heiß laufen.

 

Chris Salte: Haptic Field – Shanghai, Chronos Art Centre (CAC) – Foto (c) Aina Wang / CAC

 

Wirklich selbst in Räume eintauchen kann man mit den Overalls der chinesischen Kostümdesigner JNBY, die mit Sensoren ausgestattet sind. Durch semitransparente Brillen sieht man die Umgebung der Haptic Field (v2.0) genannten multisensorischen Rauminstallation von Chris Salter + TeZ nur sehr verschwommen und kann anderen TeilnehmerInnen nur durch die am Körper leuchtenden Sensoren, die zudem hin und wieder auch brummen und vibrieren, wahrnehmen und ihnen somit ausweichen. In den Räumen gibt es verschiedene, wechselnde elektronische Licht- und Soundquellen, die diesen Parcours zu einem durchaus interessanten Sinn-Erlebnis aus Tasten, Sehen und Hören machen. Ein heißer Tipp für jeden Technotempel.

„Arrival of Time“ nennt sich ein Ausstellungsteil, der sich künstlerisch mit der Messbarkeit von Zeitfluktuation auseinandersetzt. Es geht hierbei um Einsteins Theorie der Änderung der Raumzeit in Gravitationswellen. Das klingt zunächst recht wissenschaftlich. Das Künstlerduo Evelina Domnitch & Dimitry Gelfand nutzt zur Veranschaulichung in ihrer Lichtinstallation ER=EPR zwei gegeneinander rotierende Wasserwirbel, die zwei miteinander verbundene schwarze Löcher simulieren. Ebenfalls in einem Wasserbecken stellt die prismatische Lichtwellen produzierende Installation Orbihedron die quantentheoretische Interpretation von Schwerkraft dar.

 

Arrival of Time – Computersimulation von Gravitationswellen, die bei der Verschmelzung zweier schwarzer Löcher entstehen.  – Foto (c) Henze / NASA

 

Das ist sicher sehr schön anzusehen, das Prinzip der Immersion erschließt sich dem Betrachter allerdings nur durch zusätzliche Erklärungen und wirkt auch bei den von Professor Rana X. Adhikari durch programmierte Algorithmen computeranimierten Videobilder von Gravitationswellen oder der flackerndes Stroboskoplicht und hochfrequente Klänge ausendenden Videoscreen-Installation not even nothing can be free of ghosts von Rainer Kohlberger nicht viel anders als eine Ausstellung multimedialer bildender Kunst in anderen Zusammenhängen.

***

Limits of Knowing
Ausstellung, Performance, Diskurs
01. bis 31. Juli 2017
Martin-Gropius-Bau

Infos: https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/immersion/start.php

Zuerst erschienen am 04.07.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Nachlass – Rimini-Protokoll versuchen in einer videoakustischen Rauminstallation dem persönlichen Vermächtnis verschiedener Menschen nach ihrem Tode näher zu kommen

Das Schweizer Theaterkollektiv Rimini Protokoll kann man durchaus zu den Vorläufern der immersiven Theaterkunst zählen. Neben ihren Themenabenden mit den sogenannten Experten des Alltags gab es immer auch Produktionen, in die das Publikum interaktiv oder medial gesteuert eintauchen konnte. So zum Beispiel auch in dem 2014 zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Video-Parcours Situation Rooms. Mit Tablets und Kopfhörern bewaffnet bewegte man sich in der im HAU 2 aufgebauten Rauminstallation zum Thema internationaler Waffenhandel. Die Richtung und das Aufeinandertreffen mit den anderen MitspielerInnen wurden allerdings von außen gesteuert.

Relativ frei bewegen kann man sich in der neuen Rauminstallation Nachlass, die nach dem Schweizer Entstehungsort im Théâtre de Vidy in Lausanne über das Staatsschauspiel Dresden nun zur IMMERSION in den Berliner Martin-Gropius-Bau umgezogen ist. Wie der Titel der Produktion bereits erahnen lässt, geht es um die letzten Dinge, das, was von einem nach dem Tod als sogenannter Nachlass bleibt und Zeugnis über das vergangene Leben gibt. In einem Nebenraum im 1. Stock des großen Ausstellungshauses der Berliner Festspiele betritt man diesmal ganz ohne technische Hilfsmittel einen ovalen Flur, dessen Decke eine Weltkarte ziert, auf der kleine, aufleuchtende Lämpchen im Sekundentakt eine Art globalen Bodycount andeuten.

Wenn man schon eher ungern an den eigenen Tod denken mag, hilft es vielleicht, sich mit dem anderer Menschen auseinanderzusetzen oder zumindest mit deren Gedanken zu einem Thema, dem über kurz oder lang niemand entrinnen kann. Wir tauchen also für jeweils fünf bis acht Minuten in die Privatsphäre völlig fremder Menschen ein, denn nichts ist privater als der eigene Tod. Acht Türen führen vom Flur in kleine Räume, die der Szenograf Dominic Hube nach den Vorstellungen von acht Menschen gestaltet hat, die den Machern von Rimini Protokoll ihre Gedanken zu ihrem bereits relativ nahen oder noch unbestimmtem Ende mitgeteilt haben. Entstanden sind Audio- und Videoaufnahmen, denen man beim Blättern in Fotoalben, Kramen in Umzugskisten oder einfach nur so folgen kann.

 

Nachlass von Rimini Protokoll – Foto (c) Samuel Rubio

 

Digitalanzeigen über den Türen zählen die zur Verfügung stehende Zeit, dann öffnen und schließen sich die Türen wieder. Man wählt dabei selbst die Reihenfolge der neben den Türen namentlich erwähnten Personen. Ich lande zunächst im Keller eines Base-Springers. Das sind Extremsportler, die sich mit Fallschirmen von hohen festen Objekten stürzen. Das kann bei Unachtsamkeit und Fehlern bei der Ausrüstung schnell mal schief gehen, wie der 44jährige weiß. Er war schon auf einigen Beerdigungen. Entsprechend hat er mit einer Risiko-Lebensversicherung für seine Familie Vorsorge getroffen. Ansonsten hilft ihm ein Faible für schwarzen Humor (der Absprung heißt in diesem Sport Exit) und Westcoast-Punk, ums sich von den Gedanken an den Tod abzulenken.

Dagegen haben andere schon die Gewissheit des nahen Todes, meist bedingt durch Krankheit. Wir sind in der Schweiz, entsprechend geht es in drei der Fälle auch um Sterbehilfe – und dabei ganz konkret um ein selbstbestimmtes Ende. Die Inszenierung des eigenen Todes spielt dabei weniger eine Rolle als der Gedanke an die Hinterbliebenen, denen man entweder Briefe oder kleine Videobotschaften hinterlassen möchte. Einen besonders geordneten gemeinsamen Abgang wünscht sich ein altes Ehepaar aus Stuttgart. Er Bankangestellter, sie seine Sekretärin. Wir sitzen vor einem großen Eichenholzschreibtisch und lauschen ihren Lebensweisheiten von der Nazizeit über den Aufbau nach dem Krieg bis ins Heute. Für die Enkel der mittlerweile nach Brasilien ausgewanderten Kinder hat man einen Ausbildungsfond angelegt, allerdings steht dieser nur bei einem Studium in Deutschland zur Verfügung. Da schwingt schon einiges an Loriot-Humor mit.

 

Nachlass von Rimini Protokoll – Foto (c) Samuel Rubio

 

Gut geordnet in großen Umzugskisten befindet sich der Nachlass einer ehemaligen Mitarbeiterin einer EU-Kommission für Afrika. Wir werden aufgefordert darin zu stöbern, während sie mit Anrufen bei Beteiligten ihre Stiftung für junge afrikanische Künstler erklärt. Rührend sind die Erzählungen einer ehemaligen Arbeiterin einer Uhrenfabrik, auf deren Küchentisch ein ganzes Leben in Fotos liegt, und einer Büroangestellten, die in ihrer Kindheit gern Sängerin geworden wäre. Wir sitzen dabei wie in einem kleinen Theater vor einem geschlossenen Vorhang. Beider Leben verlief anders als geplant. Aber man ist mit sich und der Vergangenheit weitestgehend versöhnt. Hier hilft wohl auch eine gewisse Religiosität über die Angst vor dem Tod. Diese ist auch in kaum einem der Fälle wirklich spürbar. Weder bei einem 44jährigen Mann mit Hippel-Lindau-Syndrom, der die Ruhe in der Natur beim Fliegenfischens sucht und so seiner Tochter in Erinnerung bleiben möchte, noch bei einem 77jährigen gläubigen Muslim, der uns in einem als Gebetsraum ausgestalteten Raum per Video die Reise seines Sarges von Zürich bis nach Istanbul beschreibt.

Ganz anders ein Professor im Ruhestand, der sein ganzes Leben der Demenzforschung gewidmet hat. Fast schon philosophisch beschreibt uns der Wissenschaftler das im Alter zunehmende Schrumpfen des menschlichen Gehirns als Vorstufe des Todes. Sechs Personen sitzen dabei um einen zylindrischen Guckkasten und schauen in das Gesicht des jeweiligen Gegenübers. Im Dunklen werden die Gesichter dabei immer wieder überblendet. Der Forscher altert in Sekunden mittels seiner Fotos. Der Prozess des Sterbens als Videosimulation. Sind die anderen Zimmer teils nur recht eindimensionale, visuelle Nachlassverwaltung oder vermitteln lediglich akustische Lebensbeichten von Menschen, die wir nicht kennen, wird hier der eigene Verfall tatsächlich für Minuten fast greifbar. Aber ob wir nun eher spirituelle oder kognitive Wesen sind, das, was nach dem Tod kommt, wissen wir nicht. Um den eigen „Nachlass“ aber muss sich irgendwann jeder seine Gedanken machen.

***

Nachlass – Pièces sans personnes (Martin-Gropius-Bau, 01.07.2017)
von Rimini Protokoll (Stefan Kaegi, Dominic Huber)
Konzept: Stefan Kaegi und Dominic Huber
Text: Stefan Kaegi
Szenografie: Dominic Hube
Video: Bruno Deville
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Premiere war am 14.09.2016 im Théâtre de Vidy, Lausanne
Die Deutsche Erstaufführung war am 16.06.2017 am Staatsschauspiel Dresden
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion von Théâtre de Vidy, Lausanne mit dem Staatsschauspiel Dresden

Termine in Berlin: 01.-31.07. im Martin-Gropius-Bau

Infos: http://www.vidy.ch

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/immersion/

Zuerst erschienen am 05.07.2017 auf Kultura-Extra.

_________

Berliner Theaterabschiede 2017 (5) – Letztes von Frank Castorf und René Pollesch an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Samstag, Juli 8th, 2017

___

DARK STAR – René Pollesch und seine Drei Amigos surfen zum allerletzten Mal in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zum Sound der Beach Boys auf der kalifornischen Psychedelic-Welle

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann
Foto: © LSD/Lenonore Blievernicht

Die Beach-Boys-Legende Brian Wilson ist am 20. Juni 75 Jahre alt geworden, und René Pollesch (die Diskurs-Legende der Volksbühne) hat ihm ein Stück zum Geburtstag geschrieben. So möchte man meinen, wenn man die heiligen Hallen zu einem der vielen Endspiele dieser letzten Spielzeit im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz betritt und mit dem easy Surf-Sound aus dem sonnigen Kalifornien der 1960er Jahre begrüßt wird. Dazu dreht eine kleine Raumkapsel mit Volksbühnenstar Martin Wuttke an Bord ihre Dauerschleife auf der großen leeren Bühne mit dem schwarzen Glitzervorhang von Bert Neumann. Wuttke kreiselt zu God Only Knows und zieht genüsslich an einem Joint. Die bewusstseinserweiternden Drogen gehörten zum Lebensstil der kalifornischen Hippies wie die psychedelische Musik. Die Beach Boys spielten da schon eher Mainstream-Pop für die surfenden College-Boys. Was Alkohol und Drogen betraf, standen sie ihren Musiker-Kollegen aus San Francisco oder L.A. allerdings in nichts nach.

René Pollesch zieht die Kreise aber noch etwas weiter. Inhaltlich gesehen geht es neben dem Gesetz der Serie (wir erinnern uns an den Volksbühnen-Diskurs: es beginnt erst bei drei) vor allem um den Zusammenhang der Hippies mit den Computer-Nerds und Technologie-Freaks aus Palo Alto im kalifornischen Silicon Valley. Und das sind Diskurswellenbewegungen der ganz besonderen Art, die unsere drei Amigos aus den beiden ersten Pollesch-Teilen zum dritten und letzten Mal hier zusammengeführt haben. Und neben Martin Wuttke sind wieder Milan Peschel und Trystan Pütter mit an Bord. Letzterer führt sich dann am Seil hängend gleich als großer Wellenreiter zum Good-Vibrations-Sound der Beach Boys ein. Surfen ist ein großer Aufhänger des Abends und die Pazifikküste die „letzte Grenze der westlichen Welt“, an deren Mauer im 20. Jahrhundert die Welle bricht und als Welle der technologischen Expansion zurückschwappt. Ideen werden zur Ideologie.

 

Dark Star in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz noch mit Räuberrad – Foto: St. B.

 

Lose angelegt ist die Handlung an die Science-Fiction-Parodie Dark Star von John Carpenter aus dem Jahr 1974, die gleichzeitig eine Hommage an Stanley Kubricks Kultfilm 2001: Odyssee im Weltraum ist. Seit 20 Jahren schwebt das Raumschiff Dark Star auf der Suche nach instabilen Planeten durchs All, um diese zu zerstören und fremde Galaxien zu kolonisieren. Dazu hat Barbara Steiner neben dem kleinen Raumgleiter ein containerartiges Raumschiff gebaut, in dem sich die Dark-Star-Besatzung immer wieder zum Philosophieren zurückzieht. In guter Castorf-Manier werden die Bilder aus dem Inneren via Live-Kamera auf die Außenhaut des Containers übertragen. Auch die intelligente Bombe Nr. 20 gibt es, mit der man versucht zu kommunizieren, um ihre Explosion zu verhindern, was allerdings ins Diskurschaos führt und die Vorstellung, dass entgegen der Erschaffung auch die Zerstörung von Welten ein interessantes Potential haben kann, wenn man das eigene Ende, mit dem Ende der Welt synchronisieren kann. Dr. Strangelove lässt grüßen.

Und Pollesch baut nach eigenem Gusto noch weitere Verweise ans Science-Fiction-Kino ein. Die frühe Pollesch-Ikone Christine Groß spielt einen Bordcomputer namens „Mutter“, den Filmcracks sicher aus Ridley Scotts Horrorstreifen Alien kennen, zu dem Carpenter-Mitstreiter Dan O’Bannon das Drehbuch schrieb. So schließt sich der Kreis und öffnen sich Diskursräume, in die die drei Space-Cowboys zu Wouldn’t It Be Nice stoßen. Es surfen mit: Boris Groys, Donna Haraway und Diedrich Diederichsen, dessen Theorien über Kalifornien und das Verschwinden des Außen als einer der Diskursanreger dient. Recht selbstironisch nimmt man sich im Blick zurück aus dem All auf den blauen Planeten als völlig losgelöst von der Welt war, in einem Außen, das es scheinbar nicht mehr gibt. „Die Suche nach dem Außen, der Wille zur Expansion“ sei ungebrochen, führe aber nur in „psychedelische Innenwelten“, dem Ausbau des eigenen Kopfes. Daher: „Don`t look back!“

 

Dernièrenapplaus zu Dark StarFoto: St. B.

 

Die bewusstseinserweiternde Droge heißt heute Internet. Dazu gibt es Witze zu Trump, einem Hippie auf Twitter. Und es führe „eine direkte Linie von der Manson-Family zu Facebook“. Aber es gibt auch wieder Seitenhiebe in Richtung Dercon. Etwa wenn Wuttke „Die Saison 17/18 findet nicht statt. Ist das von Baudrillard?“ fragt, oder den künftigen Intendanten angelehnt an das ballförmige Alien-(„Exoten“)-Maskottchen der Dark-Star-Crew „belgisches nichtsnutziges Hüpfgemüse“ nennt. Auch versucht Wuttke mit allerhand Scherzartikeln für gute Stimmung zu sorgen. Allerdings sind die Good Vibrations der Beach und unserer drei Outer-Space-Boys bald aufgebraucht und es macht sich eine Art Weltraumkoller im Inneren des Raumschiffs breit. Man bekommt sich zunehmend in die Haare und Bord-Computer „Mutter“ beginnt alle verbalen und gestischen Beleidigungen zu löschen.

Melancholie macht sich breit und die Zweifel am Fortbestehen der Liebe kulminieren in Wuttkes Frage: „Wo geht ihr denn jetzt hin?“ Nach etwas diskursivem Leerlauf erklingen dann aber zum Verglühen im Sternennebel mit I get Around wieder etwas fröhlichere Schlussakkorde im nun wirklich allerletzten Pollesch-Streich an der Volksbühne ever. Es kann an diesem Ort keine neue Premiere mehr geben, oder nur noch bombensichere, wie man witzelt. Wir werden das trotzdem vermissen. Um René Pollesch selbst muss man sich indes keine Sorgen machen. Er inszeniert ja längst an anderen Orten wie Hamburg, Wien, Zürich und demnächst, wie es heißt, auch am Deutschen Theater in Berlin.

***

Dark Star (Volksbühne, 19.06.2017)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Raum: Bert Neumann
Bühne: Barbara Steiner
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Frank Novak
Kamera: Ute Schall
Ton: Gabriel Anschütz, Klaus Dobbrick
Tonangel: William Minke
Soufflage: Tina Pfurr
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Christine Groß, Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke
Die Uraufführung war am 09.06.2017 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 21.06.2017 auf Kultura-Extra.

**
*

„Für immer und Dich“ – Frank Castorf und die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz verabschiedeten sich mit letzten Vorstellungen und einem Straßenfest vor dem Theater

Räuberrad am Haken der Geschichte – Foto: St. B.

Die Ära Frank Castorfs an der Volksbühne ist Geschichte. Am 1. Juli 2017 wurde ein über 25 Jahre währendes Experiment mit einem großen Straßenfest vor der Volksbühne beendet. Noch einmal glänzte der trutzige Bau am Rosa-Luxemburg-Platz im Lichte seiner Macher, deren Köpfe sich während eines gemeinsamen Konzertes immer wieder wie an einem Mount Rushmore der Theaterkunst auf der steinernen Fassade abzeichneten. Ost-West war die Ausrichtung des Hauses, der Blick nie einseitig ins Ostalgische abgleitend, wie heute gern kolportiert wird. Den Finger aber immer in der offenen Wunde der politischen Erdbebenzone Europas, in der (gemäß Heiner Müller) Berlin auf dem geografischen Grenzriss zwischen West- und Ostrom lag. Eine oszillierende Grenze, die nicht erst durch die Tektonik des Kalten Krieges entstanden ist. Die Volksbühne von Frank Castorf hatte es sich auf dieser schockberuhigten Erdbebenspalte mitten in Berlin recht gemütlich gemacht, spielte aber immer auch munter getreu dem Motto Müllers: „Ich glaube an Konflikt.“

Der neue Kultursenator Klaus Lederer hat das in seinen Grußworten zum Straßenfest vor dem Portal der Volksbühne noch einmal betont. Widerständige Kunst widersetzt sich dem allgemeinen Konsens. Dass er hier sicher nicht ganz unbewusst auch Frank Castorfs Credo zitierte, passte zu seinem zweiten Zitat von Castorfs Hausheiligem Heiner Müller, für den Theater, das sich nicht wehrt, wert sei, abgeschafft zu werden. In diesem Sinne hat sich der scheidende Intendant sicher nichts vorzuwerfen. Lederer bedauerte die Umstände, unter denen der Wechsel an der Volksbühne zustande gekommen ist. Das kann man auch klar als nochmaliges Bekenntnis zum Hause Castorf werten, dessen Ende er, trotz des nachträglichen Versuchs die Bedingungen zu korrigieren, nicht verhindern konnte. Auf manche mag das aus dem Munde eines Kultursenators befremdlich wirken. Hier stand aber vor allem ein Mann, der, wie er zugab, vom Theater der Castorf-Volksbühne entscheidend geprägt wurde.

„Frost und Wind kommen von Osten (…) Ab dem Ural ist es nur flach, flach, flach. Keinerlei Hindernisse für das Wetter, keinerlei Hindernisse für Armeen.“ Für den polnischen Ostreisenden Andrzej Stasiuk hat Der Osten (so der Titel seines Buches) „etwas mit Natur zu tun, mit Tektonik, denn es war ein Schauer der von Kamtschatka bis an die Elbe lief. Wenn sich etwas über zehntausend Kilometer Länge erstreckt, ist es nicht ausschließlich ein historischer Prozess.“ Für Frank Castorf war es das immer. Er hat die historische Tiefe des Ostens literarisch vermessen. Diese Geschichte ist nun mit dem Wechsel beendet. Sogar der Chef der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, sieht hier nicht ganz zu Unrecht einen Systemwechsel, wie er in einem Interview mit nachtkritik.de betont. „Es ist grobianisch, wie man mit dem Haus und seiner Geschichte umgeht. (…) dieser seltene Fall von geglücktem, radikalen Bollwerktheater ist als Produktionsmodus dann erstmal weg.“

 

Videoprojektion an der Fassade der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Weg sind auch das Symbol OST auf dem Dach der Volksbühne und ihr jahrelanges Wahrzeichen, das Neumann’sche Räuberrad davor. War die spektakuläre Entfernung des Schriftzugs während der letzten Brüder Karamasow-Vorstellung noch nachvollziehbar, entbrannte an letzterem ein Prinzipienstreit. Castorf erklärte daher nochmals in seiner Rede am Samstagabend den Grund. Das Räuberrad stehe für die Zeit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und bedeutete immer: „Achtung, Volksbühne! Hier lauert Gefahr!“ Das Rad könne nicht im Museum stehen, es habe sich zu bewegen, auch hin zu anderen Orten. Wobei eine Rückkehr ja nicht ausgeschlossen sei. In Castorfs Worten, der sich bisher stets mit Kommentaren zu seiner Nichtverlängerung zurückgehalten hatte, schwang deutlich der Zorn, der aber nicht als blinde Wut verstanden werden sollte. Dass sich der Künstler hier auch als politischer Redner versuchte, der hofft, dass dieses Land nicht „macronisiert“ wird, möge man ihm nachsehen. In seinen Inszenierungen hat er immer wieder schmerzhaft aufgerissen, was allgemein hin schon als verfestigte Struktur galt. Kunst als Sektierertum gegen Herrschaftssysteme aller Art. Und siehe da, tags darauf ist bereits ein kleines, subversives Räuberrad aus der offenen Wunde am Rosa-Luxemburg-Platz nachgewachsen.

Bei all den ernsten Worten wurde aber natürlich auch gefeiert. Schon am Vortag endete die letzte Vorstellung des vom Hausherrn nachgeschobenen Dostojewskij-Abends Ein schwaches Herz mit einer minutenlangen, gefeierten Parade durch das Spalier der stehend applaudierenden Zuschauer, die sich nach 4 pausenlosen Stunden zu Ehren Castorfs und seines Ensembles von ihren Sitzsäcken erhoben hatten. Dieses schwierige Ensemblestück, das wie eine düster irrlichternde Totenbeschwörung daherkommt und fast ganz auf die sonst typischen Versteckspiele in den nur mit der immer anwesenden Live-Kamera durchleuchteten Tiefen der Volksbühne verzichtet, forderte nochmal Schauspieler und Publikum gleichermaßen.

 

Dernièrenapplaus nach Ein schwaches Herz
Foto: St. B.

 

Die Stimmen der Toten ziehen sich séanceartig durch die Inszenierung und läuteten so das nahe Ende ein. Aber irgendwann, wie es heißt, bricht jeder frisch Begrabene sein Schweigen. Die Hauptfigur dieser Verschränkung von Dostojewskijs Erzählungen Ein schwaches Herz und Bobok mit Bildern des Sowjetfilms Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf von 1973 nach Michail Bulgakows satirischem Bühnenstück aus den 1930er Jahren verfällt zum Schluss dem Wahnsinn. Wie ein Soldat aus einem Eisenstein-Stummfilm marschiert Georg Friedrich als Wassja Schumkoff über den leeren Platz vor den Portalstufen der Volksbühne. Der Traum von Freundschaft, Liebe und Harmonie geht über in einen halluzinierenden Albtraum aus Geldnöten und forcierter Selbstverausgabung. Eines der Markenzeichen Castorfs: Erschöpfung pur.

 

Frank Castorf beim Balkanbrass zum Ausmarsch – Foto: St. B.

 

Der angekündigte Ausmarsch aus der Volksbühne, die man nach eigenen Worten „besenrein“ übergeben wollte, erfolgte mit Balkan-Brass-Klängen wie sie einst schon in Castorfs Sartre-Inszenierung Die schmutzigen Hände erklangen. Die Stimmung auf dem Platz und der mit langen Tafeln dekorierten Rosa-Luxemburg-Straße konnte man durchaus als gemischt bezeichnen. Während sich am Portal die Ehemaligen der Castorftruppe mit Henry Hübchen, Martin Wuttke, Alexander Scheer, Milan Peschel und Jürgen Kuttner in den Armen lag, wurde bei Rio-Reiser-Songs durchaus auch die ein oder andere Träne verdrückt, wenn es nicht doch nur der feine Sprühregen war, der sich zeitweise wie ein feiner Trauerschleier über die zahlreich erschienene Feiergemeinde legte. „Für immer und Dich“ war das Versprechen aus zahlreichen Männerkehlen am Portal, das dann doch auch noch von den weiblichen Sangesstimmen Kathrin Angerers, Lilith Stangenbergs und der von Gorki-Intendantin Shermin Langhoff bekräftig wurde. Frank Castorf wird auch weiterhin Gelegenheit haben, das gebührend zu reflektieren. Oder mit Ibsen gesagt: „Leben heißt, dunkler Gewalten Spuk bekämpfen in sich, Dichten, Gerichtstag halten über sein eigenes Ich.“ In diesem Sinne, farewell, Volksbühne.

 

Videoprojektion am Volksbühnenportal – Foto: St. B.

***

Straßenfest (Volksbühne, 1.Juli 2017)
Abschiedsfeier vor dem Theater und auf der gesamten Rosa-Luxemburg-Straße

Infos: http://www.volksbühne-berlin.de

Fotoalbum zum Straßenfest: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1416596728434697.1073741854.100002531517385&type=1&l=cc8714c7f0

Zuerst erschienen am 03.07.2017 auf Kultura-Extra.

Theaterabschiede Teil 1: Christoph Marthaler an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf mit FAUST an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

__________

KARTONAGE von Yade Yasemin Önder und YOUR VERY OWN DOUBLE CRISIS CLUB von Sivan Ben Yishai in der Langen Nacht der Autorinnen bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin

Donnerstag, Juni 29th, 2017

___

Höhepunkt der AUTORENTHEATERTAGE ist seit Jahren die „Lange Nacht der Autoren“, die in diesem Jahr ganz ohne großes Binnen-I auskommt, und gleich Lange Nacht der Autorinnen genannt werden kann, sind doch alle drei von der Jury (bestehend aus der Kulturjournalistin Anke Dürr, dem Regisseur Jan Ole Gerster und der Schauspielerin Annette Paulmann) prämierten Stücke tatsächlich von Frauen. Zudem ist die Auswahl so international wie noch nie. Flucht, Fremdheit, Heimat sind die Themen der Texte, die in Inszenierungen des die AUTORENTHEATERTAGEN ausrichtenden Deutschen Theaters, dem Schauspielhaus Zürich und dem Burgtheater Wien uraufgeführt wurden. Die Ergebnisse der Stückausschreibungen und ihre Uraufführungsinszenierungen waren häufig umstritten. In diesem Jahr konnten jedoch besonders zwei der ausgewählten Stücke durchaus überzeugen.

**

Da ist zunächst mal Kartonage, das Debütstück der 1985 in Wiesbaden geborenen Yade Yasemin Önder, die ihr Handwerk am Deutschen Literaturinstitut Leipzig erlernte. Die Autorin mit türkischen Wurzeln lässt in ihrem Text das schwarz-humorige Volksstück nach Vorbild des österreichischen Dramatikers Werner Schwab wieder aufleben, was zunächst nicht nur wegen der Kartonbehausung der Protagonisten in Eiche rustikal etwas Retro wirkt. Einem Ewald Palmetshofer würde man so etwas wohl nicht mehr durchgehen lassen. Mit räuber.schuldengenital hatte der Österreicher noch vor ein paar Jahren ein ganz ähnliches Generationendrama geschrieben. Es war 2013 in einer Inszenierung des Burgtheaters Wien in der Regie von Stephan Kimmig bei den AUTORENTHEATERTAGEN in Berlin zu sehen. Palmetshofer hat sich mittlerweile nicht nur inhaltlich etwas von seinem Vorbild Werner Schwab und dessen Fäkaliendramen entfernt.

 

Applaus bei Kartonage vom Burgtheater Wien – Foto St. B.

 

Bei Yade Yasemin Önder sind es dann auch weniger Körperausscheidungen, sondern der mit Vorliebe eingekochte Marmeladenbrei der in Österreich so beliebten Marillenfrucht, der schließlich nicht nur die Bühne im Deutschen Theater besudelt. Die Uraufführung dieser kleinen Farce in Koproduktion mit dem Burgtheater Wien besorgte dann auch der österreichische Regisseur Franz-Xaver Mayr, der sich mit dem Schauspielhaus Wien und Miroslava Svolikovas Stück Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt schon bei den diesjährigen AUTORENTHEATERTAGEN als Meister der schwarzen Komödie bewiesen hat.

In Kartonage will ein altes Ehepaar, das sich selbst in trauter Zweisamkeit Wernereins (Bernd Birkhahn) und Wernerzwei (Petra Morzé) nennt, den sprichwörtlichen Deckel nicht nur aufs Marillen-Einmachglas setzen, sondern auch über die familiäre Vergangenheit stülpen. Die beiden leben seit 16 Jahren gefangen in einem Karton genanntem Heim mit Holzsitzecke und Küchenzeile, an der die Frau mit Fatsuit und blonder Betonfrisur einen riesigen Topf mit Marillenmarmelade am stetigen Kochen hält. Es wird „gekaut“, „geschluckt“, „geschwiegen“ und hin und wieder durch ein mit einem Schlüsselwappen verdecktes Loch nach draußen gespannt. Man streicht Marmeladenbrote, redet davon, wie gut alles ist, lebt aber in ständiger Angst vor den Nachbarn und der Vergangenheit.

Diese dunkle Vergangenheit, nach der es nicht lohnt zu suchen, flimmert zu Beginn kurz in einem Video über der Kartonkastenszene. Die Tochter Rosalie (Irina Sulaver) hatte mit ihrer Freundin Ella (Marta Kizyma), um dem Kleinstadtmief aus Einkaufszentrum und geilen Jungskliquen zu entkommen, dem Vater aus dem Einmachglas Geld und den Jungs das Auto geklaut, mit dem beide allerdings verunglücken. Dazu singt France Gall verführerisch ihr Ella, elle l’a. 16 Jahre später rutscht dann die tot geglaubte Rosalie mit blutigem Knie wieder in den Karton der Werners und bringt die durch alltägliche Verdrängungsmechanismen zusammengehaltene Funktionsgemeinschaft der beiden in bedrohliche Schieflage. Während der Vater das „Tier“ von Tochter mit Verwünschungen überhäuft und die Familienehre bedroht sieht, versucht die Mutter alles mit ihrem Marillenbrei zu übertünchen.

Kein Schlüssel und Ausweg nirgends. Der Versuch der Vergangenheitsbewältigung führt natürlich geradewegs in die Familienkatstrophe, in der erst der wiedererwachte Patriarch der Mutter an die Wäsche geht, die sich ihrerseits dann mit „bitter-süßer“, vergifteter Marillenmarmelade rächt. Das Stück erreicht nicht ganz die Schärfe der Dramen eines Werner Schwab, ist aber in der Anlage vielversprechend und in der gelungenen Einrichtung von Franz-Xaver Mayr durchaus sehenswert.

*

Foto (c) Arno Declair

Komplett in Englisch geschrieben hat die aus Israel stammende Autorin Sivan Ben Yishai ihr als „Ein übersetztes Klagelied mit furchtbarem Akzent“ annonciertes Stück Your Very Own Double Crisis Club. Es kam in einer besonders gewürdigten Übersetzung von Henning Bochert in der Inszenierung des ungarischen Regisseurs András Dömötör auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele zur Uraufführung. Die Kooperation mit der Universität der Künste Berlin geht dann ab Juli in den Spielplan des Deutschen Theaters über.

Sechs Studierende der UdK bilden hier den Chor, der aus einer in großer Feuersbrunst untergegangen Stadt Entkommenen. Assoziationen zur biblischen Legende des Loth sowie zu kriegerischen Ereignissen im Nahen Osten sind durchaus beabsichtigt. Die Erlebnisse der Geflüchteten werden jedoch nicht explizit verortet. Den Text zeichnet dabei aber eine hohe sprachliche Qualität aus. Die Autorin arbeitet mit metaphorischen Umschreibungen wie auch direkten Ansprachen ans Publikum.

Das nicht näher beschriebene chorische Wir symbolisiert in blauen Freizeitanzügen mit aufgedruckten EU-Sternen vor dem Eisernen Vorhang der Kammerspiele auch das kollektive schlechte Gewissen Europas vor Krieg, Gewalt und Vertreibung. Der Text wird zunächst in Hebräisch, dann Englisch und in Deutsch vorgetragen. Das vielstimmige Klagelied handelt von einer sterbenden Stadt, die „gegangbangt“ wird, während wir zuschauen. Es wird viel von Tod und Vergewaltigung gesprochen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Die doppelte Krise besteht darin, dass wir uns als Publikum mit der „Hand in der Unterwäsche“ an der Geschichte, die uns vom Chor verkauft wird, wie an einem „Kriegsporno“ ergötzen, während die Theater von der „Migrantenpoesie“ noch profitieren. Mehrfach steigt der Chor aus seiner Erzählerrolle aus und bedankt sich dafür beim Publikum oder skandiert: „Weint nicht um uns.“ Regisseur Dömötör setzt dem noch einen drauf, in dem er das Theater mit Geräuschen als Horrorhaus darstellt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Durch Bühnenarbeiter an den Rand gedrängt, klopft der Chor an die unsichtbare vierte Wand eines schnell aufgebauten Biedermeierbühnenbilds.

Unterstützung bekommt der Chor durch die DT-Schauspieler Judith Hofmann und Felix Goeser. Letzterer sitzt nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs am Schlagzeug und schlägt als umjubelter Bürgermeister und Kriegsherr den Beat der Diktatur, während Judith Hofmann eine Suada vom Krieg der „Schwänze und Ärsche“ hält und dem maskulinen „Geruch von Hass und Sperma“ beschwört. Worte wie „Schwanzkrieg“ und „Schwanzmoral“ wirken da in ihrer übertriebenen Eindringlichkeit vielleicht auch etwas kurios. Die Geflüchteten werden nun mehr und mehr zum Backgroundchor degradiert, und Goeser tönt ein There Is A Light That Never Goes Out von The Smiths.

„Alles passiert gleichzeitig.“ Der Text beschreibt die Schwierigkeit des Verstehens wie auch das Ineinandergreifen der Ereignisse im „Haus der Geschichte“. Die Frage geht nach der Hauptfigur, als die sich der Chor nicht empfindet. Die Toten werden in die Welt der Lebenden zurückholt. Ihre Albträume wiederholen sich. Sivan Ben Yishai scheint ihren Heiner Müller gelesen zu haben. Das Klagelied wird zum Kampf um die Deutungshoheit des Erzählens über gute und schlechte Kunst und den „Emigrantenpoesie-Ausverkauf“ auf der Bühne. „Die Menschen sind so schön, wenn sie nicht mehr Gegenstand der Geschichte sind“, heißt es am Ende. „Vielleicht ist es besser aufzuhören“, spricht die Autorin vom Band. Doch die Leere will gefüllt sein. Es gibt kein Entkommen aus der Geschichte. Das Maxim Gorki Theater hat sich bereits die Uraufführung von Sivan Ben Yishais neuem Stück The story of life and death of the new bew wew woopidu Jew gesichert. Man darf gespannt sein.

***

KARTONAGE (Deutsches Theater, 24.06.2017)
von Yade Yasemin Önder
Regie: Franz-Xaver Mayr
Bühne: Michela Flück
Kostüme: Korbinian Schmidt
Video: Sophie Lux
Musik: Levent Pinarci
Licht: Norbert Gottwald
Dramaturgie: Florian Hirsch
Uraufführung am 23. Juni 2017 im Deutschen Theater Berlin
Koproduktion mit dem Burgtheater Wien
Premiere dort am 27. September 2017 im Kasino
Besetzung:
Bernd Birkhahn: Herr Werner
Petra Morzé: Frau Werner
Irina Sulaver: Rosalie
Marta Kizyma: Ella

Info: https://www.burgtheater.at/de/

***

YOUR VERY OWN DOUBLE CRISIS CLUB (DT-Kammerspiele, 24.06.2017)
Ein übersetztes Klagelied mit furchtbarem Akzent
von Sivan Ben Yishai
Übersetzt aus dem Englischen von Henning Bochert
Regie: András Dömötör
Bühne / Kostüme: Sigi Colpe
Musik: Tamás Matkó
Dramaturgie: Claus Caesar, Marion Hirte
Uraufführung wam am 23. Juni 2017, Kammerspiele D
Mit: Hicham-Tankred Felske, Felix Goeser, Christian Hankammer, Esther Maria Hilsemer, Judith Hofmann, Richard Manualpillai, Til Schindler, Mariann Yar
Deutsches Theater Berlin in Kooperation mit der Universität der Künste Berlin
Termine: 03. und 14.07.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 25.06.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Denkende Mondkreisläufer aus der Bern und sprechende Mauern und Sterne aus Wien – Zwei absurd komische Gastspiele bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2017 im Deutschen Theater Berlin

Freitag, Juni 23rd, 2017

___

MONDKREISLÄUFER – Ein launiges Gedankenkonstrukt von Jürg Halter als Gastspiel des Konzert Theaters Bern

Mit schöner Regelmäßigkeit gibt es bei den AUTORENTHEATERTAGEN in Berlin Inszenierungen aus dem Konzert Theater Bern zu sehen. Mit Die Vernichtung von Olga Bach und Ersan Mondtag hat es erstmals auch eine Produktion des kleinen Schweizer Stadttheaters zum Berliner Theatertreffen und zu den Mülheimer Theatertagen geschafft. Nach den im letzten Jahr auch in Deutschland bekannt gewordenen Querelen um den Intendanten Stephan Märki und die von ihm entlassene Schauspieldirektorin Stephanie Gräve lag nun ein besonderes Augenmerk auf der vom Deutschen Theater eingeladenen Inszenierung des Berner Dichters, Performancekünstlers und Musikers Jürg Halter. Mondkreisläufer – eine Heimsuchung in vier bis unendlich vielen Akten ist Halters erstes Theaterstück und wurde zudem vom neu bestellten Schauspieldirektor Cihan Inan uraufgeführt.

Diese Verbindung scheint sich als ein Glücksfall herausgestellt zu haben. Die Schweizer Kritik war nach der Premiere recht entzückt über das kleine Kammerspiel, das sich mit seinen knapp 80 Minuten dann doch auf vier statt der im Titel avisierten unendlich vielen Akte beschränkt. Es ist ein von Jürg Halter konzipiertes vielstimmiges Denkkonstrukt im „Grenzgebiet zwischen Vernunft und Wahnsinn“ wie es heißt. Ganz in Weiß sitzen Gabriel Schneider, Irina Wrona, Milva Stark und Nico Delpy vom Ensemble des Konzert Theaters Bern zu Beginn an den vier Ecken eines ebenfalls weißen Bühnenpodests mit Säule und grabkammerartiger Vertiefung auf der Hinterbühne der Kammerspiele. Sie spielen nicht näher bestimmte Figuren, die sich in kleinen Monologen über verschiedene Lebensentwürfe zwischen Individual- und Gemeinschaftswesen auslassen. Gemeinsam sind sie auf einer Reise zum Mond und tauschen Sehnsüchte und Ängste zur Idee einer neuen Gesellschaft aus.

 

Mondkreisläufer am Konzert Theater Bern
Foto (c) Annette Boutellier

 

„Lass mich dir durch den Kopf gehen“, ist Halters Gedanken-Credo. Und so soll es dann auch locker wie bei Freunden zugehen, in einem leeren Gedankenraum, den die vier Gedankenträger, die Halter als Geschmacks-, Gefühls- und Körpermischwesen bezeichnet, mit ihren Denkgebilden füllen. Das klingt dann mal wie ein ideologisches Sektenbrevier einer kompletten Selbstauslöschung, mal wie das Bewerbungsgespräch eines überambitionierten Selbstoptimierers oder auch mal wie eine entspannte Laissez-faire-Lebenshaltung eines Alles-ist-Möglich, Nichts-Muss. Doch wer ist die Mutter aller Gedanken? Bald kommen erste Zweifel auf, und die Besatzung aus „Mondkälbern“ sehnt sich zurück zum Mutterschiff Erde. Anbetung von Gedankengötzen oder der Rückzug in den gedankenfreien Mutterbauch, Halter lässt seinen Text da relativ offen und die Gedankenwolken wild kreisen.

Eine genaue Richtung ist nicht vorgegeben. „Wo bin ich hier?“ ist eine der bangen Fragen der Stimmen. Das suchende Individuum tanzt „Hop-Heißa“ im Gedankenstress. Dass das aseptische Bühnenbild den Gedanken eines Irrenhauses in sich birgt, ist da so naheliegend wie die Assoziation einer utopischen, zukünftigen Welt von reinweißen oder uniformierten Gedanken. Es geht viel um Freiheit und Freiräume, Vernunft und Verstand. Neue Utopien brauchen natürlich den freien Austausch der Gedanken. Ob wir uns entscheiden für eine Einengung oder Befreiung, die Sicherheit oder das Stürzen im gedanklichen Raum-Zeit-Kontinuum: „Der Gedanke ist eine tolle Erfindung.“

***

MONDKREISLÄUFEREINE HEIMSUCHUNG IN VIER BIS UNENDLICH VIELEN AKTEN
(Hinterbühne der DT-Kammerspiele, 18.06.2017)
Ein Gastspiel des Konzert Theaters Bern bei den AUTORENTHEATERTAGEN
Die Uraufführung war am 10.09.2016 in den Vidmarhallen Bern
Inszenierungskonzept: Cihan Inan, Jürg Halter
Regie und Bühne: Cihan Inan
Dramaturgie: Elisabeth Caesar
Kostüme: Anouk Bonsma
Mitarbeit Bühne: Konstantina Dacheva
Mit: Gabriel Schneider, Irina Wrona, Milva Stark, Nico Delpy

Infos: http://www.konzerttheaterbern.ch/

Zuerst erschienen am 20.06.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

DIESE MAUER FASST SICH SELBST ZUSAMMEN UND DER STERN HAT GESPROCHEN, DER STERN HAT AUCH WAS GESAGT – Eine absurde Kunstbetriebsfarce von Miroslava Svolikova als Gastspiel des Wiener Schauspielhauses

Den Retzhofer Dramapreis hatte Miroslava Svolikova schon für die hockenden (ebenfalls zu den ATT eingeladen) bekommen, nun gab es für die junge österreichische Dramatikerin bei den AUTORENTHEATERTAGEN auch noch den Hermann-Sudermann-Preis für ihr neues Stück mit dem kryptischen Titel Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt oben drauf. Entstanden ist diese surreal anmutende Farce im Rahmen des Hans-Gratzer-Stipendiums, das ihr das Schauspielhaus Wien für den Stückentwurf verlieh.

Dass sich Svolikova mit ihrem Text bei szenischen Lesungen gegen 50 MitbewerberInnen durchgesetzt hat, ist fast schon Ironie. Handelt das Stück doch genau von diesem Dilemma, dem sich junge Kreative permanent aussetzen. Drei hoffnungsvolle Talente (Simon Bauer, Katharina Farnleitner und Steffen Link) wähnen sich im Glück eine Ausschreibung gewonnen zu haben und sehen sich nun am Ziel wiederum zwei Konkurrenten gegenüber. Bewaffnet mit Sieben und dem Willen, sich durchzusetzen, treffen sie in einem Museum für merkwürdige Dinge auf einen Museumsführer (Sebastian Schindegger), der von sich behauptet, ein Hologramm zu sein, und einer taffen Putzkraft, die als Regisseurin (Dolores Winkler) alles im Griff zu haben scheint. Wundersam herumliegende Zettel, deren Botschaften man kaum noch lesen kann, geben zusätzliche Rätsel auf.

Die Autorin kommt aus der bildenden Kunst, entsprechend bildhaft auch die Sprache ihres zuweilen vor sich hin kalauernder Textes, der in regelrechte Wortverballhornungen führt. Das könnte schnell auch fad werden, aber das gut aufgelegte Schauspielhaus-Ensemble, allen voran Sebastian Schindegger als bramarbasierender, fusselbärtiger Professorentyp und Dolores Winkler, die auch immer wieder in einem gelben Europa-Sternenkostüm auftaucht, halten das komödiantische Niveau stetig hoch. Die drei Eleven spitzen Stift und Ohren, schreiben alles Gehörte bereitwillig mit und repetieren es gehorsamst. Es geht schließlich um so etwas großes, wie „die Rettung der Onion“.

 

Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt am Schauspielhaus Wien – Foto (c) Matthias Heschl

 

Die witzige Inszenierung von Franz-Xaver Mayr spielt in einem von Michela Flück gebauten Bühnenkasten, in dem nur ein fester Tisch mit vier Stühlen und ein Fenster die weiße Leere der Wände durchbrechen. Aber wo ist die eigentliche Geschichte, der rote Faden, den der Museumsführer beschwört? „Das dringende Bedürfnis nach Handlung!“ wird durch groteske Wortkaskaden immer wieder unterlaufen. Schon gleich zu Beginn fällt das Wort Farce, das hier im doppelten Sinn zutrifft. Das Stück nimmt das Thema Kunstwille und „scheue“ Institution lustvoll auf die Schippe und führt es in sich drehenden Sätzen immer weiter ad absurdum. Der Stern der „Onion“ erscheint als die Parodie seines politischen Versprechens. Ein Übriggebliebener am leeren Himmel, der hoffnungsfroh umarmend nach den anderen sucht. Ein sarkastischer Abgesang an die einstige Gemeinschaft.

„Die Dinge wünschen sich nichts mehr, als erzählt zu werden.“ Doch wo hört man auf, wo fängt man an? So werden schließlich auch die drei Aspiranten bis zur Ermüdung durch die immer gleichen weißen Ausstellungsräume geführt, lassen sich ein skurriles Exponat nach dem anderen vorführen, mit faden Parolen motivieren oder im wahrsten Sinne des Wortes mit schaumigen Reden einseifen. Danach trocknet man sich mit dem Picasso-Handtuch aus dem angeschlossenen Museumsshop. Doch der Wille zur Erfüllung des Ausschreibungsziels lässt die drei ohne Zweifel immer weiter machen. Der Wunsch der Welt seinen Willen aufzudrücken wird zusammengehalten durch Angstschweiß. Keiner will auf dem Weg zur „Kariette“ durch die Maschen des Auswahlsiebs fallen. Doch die kurzzeitig vereinzelten Individuen landen schließlich wieder vereint im Eimer. Was für sie abfällt, sind lediglich verlorene Fingernägel ihrer Vorgänger oder Häppchen einer historischen Käseplatte.

***

DIESE MAUER FASST SICH SELBST ZUSAMMEN UND DER STERN HAT GESPROCHEN, DER STERN HAT AUCH WAS GESAGT (Kammerspiele des DT, 21.06.2017)
von Miroslava Svolikova
Regie: Franz-Xaver Mayr
Bühne / Kostüme: Michela Flück
Dramaturgie: Anna Laner
Mit: Simon Bauer, Katharina Farnleitner, Steffen Link, Sebastian Schindegger und Dolores Winkler
Uraufführung am Schauspielhaus Wien: 13.01.2017 Gastspiel zu den AUTORENTHEATERTAGEN BERLIN
Aufführungsdauer ca. 1 ½ Stunden, keine Pause

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus.at

Zuerst erschienen am 23.06.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Gelungener Auftakt der AUTORENTHEATERTAGE im DT mit Thomas Köcks „paradies fluten“ und Yael Ronens „Point Of No Return“

Sonntag, Juni 18th, 2017

___

Vom 14.06. bis 24.06.2017 veranstaltet das Deutsche Theater Berlin wieder die alljährlichen AUTORENTHEATERTAGE. Sie stehen diesmal unter keinem bestimmten Motto, jedoch die Auswahl der Stücke ist wie immer nah am Puls der Zeit. Flucht, Fremdheit, Heimat und ihr Verlust sind die Schwerpunktthemen der 10 eingeladenen Stücke, Romanadaptionen und Stückentwicklungen. Auch in den drei von einer Jury ausgewählten Texten der Stückeausschreibung des DT stehen diese Schlagworte im Mittelpunkt. In einer langen Nacht der Autoren kommen sie erstmals auf die Bühne.

*

Gleich zwei dieser aktuellen Worttrigger trägt das Stück paradies fluten des österreichischen Dramatikers Thomas Köck schon im Titel. Der Autor erhielt 2016 für seinen Text den Kleist-Förderpreis. Und nicht nur rein sprachlich gesehen ist dieser Text ein regelrechtes Wortungetüm. Auch inhaltlich schweift das Stück quer durch die Weltgeschichte von der ökonomischen Kolonisation Amerikas bis zu den Auswüchsen globaler Umweltverschmutzung und der Finanzkrise in Europa. Bei der Uraufführung in einer Inszenierung des Staatstheaters Mainz im Juni 2016 bei den Ruhrfestspielen sprach die Kritik nicht ganz zu Unrecht von einem „Text-Tsunami“ der an „Fitzgeraldo“ und Christoph Schlingensief erinnere. Der Autor, der sich nichts Geringeres als ein erschöpftes Tanzensemble, ein ertrinkendes Symphonieorchester und ein bühnenfüllendes Schiffswrack wünscht, gibt selbst an: „da das alles sicherlich sehr viel ist für einen abend / empfehle ich den text häufig nachzuspielen / es lohnt sich“. Wie diese nicht ganz uneigennützige Anregung gemeint ist, konnte man nun beim Gastspiel des kleinen Stuttgarter Theaters Rampe in den DT-Kammerspielen sehen.

Fanden die Kritiker der Mainzer Uraufführung die Inszenierung noch viel zu statisch, so geht die Intendantin des Theaters Rampe, Marie Bues, ganz anders an Köcks Textflut, die ganz ähnlich den Textflächen einer Elfriede Jekinek aufgebaut ist. Bues hat sich für ihre Inszenierung die Unterstützung der Tanzkompanie backsteinhaus geholt und mit der Choreografin Nicki Liszta zusammengearbeitet. Und so kommt es dann gleich in der Eröffnungsszene zu einem die gesamte Bühne überflutenden Zusammenspiel des vom Autor empfohlenen, umherschwankenden Tanzensembles mit dem ertrinkenden Symphonieorchester in Form eines Trios an Keyboard, Bass und Schlagzeug.

 

paradies fluten am Theater Rampe – Foto (c) Felix Grünschloß

 

Zuvor war das Stuttgarter Ensemble noch bei einem szenischen Epilog auf dem Vorplatz des Theaters an einem mit Autoreifen behängtem Galgen und Autowrack zugange und las aus Köcks prophetischem Katastrophenszenario – Teil 1 einer ganzen Klimatrilogie. Als Schiffswrack liegt auf der Bühne der Kammerspiele ein gestrandeter Wal mit angedeutetem Fischschwanz und einem Rumpf aus mit einer Plane abgedeckten Autoreifen. Lediglich die zwei Überlebenden der Katastrophe in Klimakapseln, Postparzen genannt, fehlen. Die von Köck beschriebene durchschnittliche weiße mitteleuropäische Familienaufstellung der 90er Jahre schält sich allmählich aus dem Kreis der Tanzenden. Es sind „Schreckgespenster“ der kriselnden globalen kapitalistischen Industrialisierung.

Vater, Mutter, Tochter im Goldenen Zeitalten nach der deutsch-deutschen Wende. „Das Geld floss und der Markt expandierte.“ Der Vater hat sich eine Autowerkstatt mit Reifenhandel aufgebaut, nennt sich selbständig und unabhängig. Der Mutter geht dieser Drang nach unternehmerischer Freiheit und Selbstverwirklichung zu weit. Jahre später, wenn der Vater dement ins Pflegeheim muss, steht sie vor den Scherben des nur kurzen wirtschaftlichen Aufschwungs. „Vogelfrei“ geht es in den Konkurs. Die Tochter, die in der Stadt einem prekären Tanzjob auf Honorarbasis nachgeht, verkauft schließlich das elterliche Heim, um nach einem „querfinanzierten Leben“ doch noch irgendwie unterzukommen.

 

paradies fluten am Theater Rampe – Foto (c) Felix Grünschloß

 

Diese kurzen, szenisch vorgetragenen Passagen werden mit einem Ereignis 100 Jahre zuvor auf dem lateinamerikanischen Kontinent kurzgeschlossen. 1890 baut der deutsche Architekt Felix Nachtigall am Amazonas in Manaus, Brasilien, eine Dschungeloper für die Gummibarone. Der junge idealistische Mann will mit Hilfe der Kunst eine neue Gesellschaft gestalten, während der neue Geist des Kapitals längst am Paradies einer Steueroase arbeitet. Die Werte der freien Welt heißen hier Geld und Ware. Entwicklungsarbeit bedeutet Kolonisierung und Schaffung von Absatzmärkten. Auf der Strecke bleiben die Menschenrecht der Ureinwohner. Eine Indiofrau hängt geschunden am Seil.

Der Wille zur politischen Veränderung mit Mitteln der Kunst gerät zur Pose. Immer wieder rutscht einer der Tänzer über den mit Seifenwasser geschmierten Bühnenoden, während er die hehren Sätze des Architekten predigt. Über den Rohstoff Kautschuk funktioniert der Umschluss in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart der Mittelstandsfamilie mit ihrer Reifenbude am Rande der Pleite zwischen regionalem wirtschaftlichem Aufschwung und globaler Finanzkrise. Die Paradise werden geflutet, erst vom Geld, und nach dessen Abfluss mit Erinnerungswellen einer historischer Demenz. Die Band setzt zum finalen Begräbnismarsch an. Das Chaos, das sich mittlerweile auf der Bühne breitgemacht hat, schwappt nun mit den SchauspielerInnen und TänzerInnen auch ins Publikum.

Einer der Schauspieler baut mit den Reifen eine Mauer und drängt die sprachlose Sparte dahinter. So bekommt Köcks Text noch eine Betriebsaktualität, die des Kampfes von Tanz und Performance gegen das Sprechtheater. Köcks „Neuronenmassen“, die vor Jahrtausenden gelernt haben, „Ich“ zu sagen, verschwimmen zu einer Polonaise tanzenden Masse. Dass dabei der komplexe, ausufernde Text akustisch immer mehr verschwimmt, ist sicher beabsichtigt, und tut der Intensität der Inszenierung kaum keinen Abbruch. Ein durchaus gelungener Auftakt der AUTORENTHEATERTAGE.

***

paradies fluten (verirrte sinfonie) – (DT-Kammerspiele, 14.06.2017)
von Thomas Köck
Regie/Choreografie: Marie Bues, Nicki Liszta
Ausstattung: Claudia Irro
Musikalische Leitung: Heiko Giering
Musiker: Georg Bomhard, Thorge Pries
Dramaturgie: Martina Grohmann
Mit: Sarah Bauerett, Lilly Bendl, Ariel Cohen, Goncalo Cruzinha, Niko Eleftheriadis, Britta Gemmer, Steffi Schadeweg, Isabelle von Gatterburg, Raimund Widra, Andy Zondag
Koproduktion von Theater Rampe und backsteinhaus produktion
Produktionsleitung backsteinhaus produktion: Isabelle von Gatterburg
Premiere war am 17.09.2016 im Theater Rampe Stuttgart
Dauer: ca. 110 Minuten ohne Pause

Info: http://theaterrampe.de/stuecke/paradies-fluten/

Zuerst erschienen am 16.06.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Point Of No Return – Ein Gedankenaustausch über die Angst vor dem Terror von Yael Ronen und dem Ensemble der Münchner Kammerspiele

Point Of No Return an den Münchner Kammerspielen
Foto (c) David Baltzer

Beim Theatertreffen nur auf der Longlist ist Point Of No Return, die erste Stückentwicklung von Yael Ronen für die Münchner Kammerspiele, nun über die AUTORENTHEATERTAGE nach Berlin gekommen. Eigentlich wollte die Gorki-Hausregisseurin eine Art Fortsetzung ihres Berliner Erfolgsstücks Erotic Crisis machen, nun hat sie mit den Mitwirkenden des Ensembles der Kammerspiele eine Reflexion der mitten in den sommerlichen Probeprozess platzenden Ereignisse um den Amoklauf des David S. im Münchner Olympia-Einkaufzentrum im letzten Jahr erarbeitet.

Zu Beginn verkündet uns der aus einer Bühnenluke krabbelnde, langjährige Ronen-Mitstreiter Niels Bormann, dass es sehr viel Potential zum Sterben im Saal gäbe. Früher oder später müsse ja jeder mal sterben. Da verspüre er schon ein großer Druck, nicht alles besser zu wissen. Nun klettern auch die anderen DarstellerInnen in alpiner Winterkleidung die verspiegelte Bühnenschräge herunter. Angeseilt sicher nicht nur wegen der offensichtlich gefährlichen Schieflage der Bühne, sondern auch wegen des schwierigen diskursiven Terrains, auf das sie sich da begeben. Ein Schutz also auch vor der Gefahr des Abrutschens in die Pietätlosigkeit und den schlechten Geschmack. Es geht zum Teil dann auch recht schwarzhumorig zu an diesem Abend. Es gilt sich nicht Bange machen zu lassen vor der Gefahr des Terrors, vor allem im Umgang mit den ureigensten Ängsten und persönlichen Befindlichkeiten.

Die werden dann auch lang und breit ausgewalzt. Der Reihe nach erzählen alle, wo sie während der Ereignisse waren, was sie fühlten und an was sie dabei dachten. Wiebke Puls war zum Beispiel mit ihren Kindern im Theater und zwar nicht auf der Bühne, sondern als Zuschauerin im Saal. Eine ungewohnte Situation. Sie fühlte sofort alle Blicke auf sich, als ob man etwas von ihr erwarten würde. Sofort gingen ihr auch Horrorszenarien durch den Kopf und Gedanken darüber, ob sie im Ernstfall eine heldenhafte Mutter wäre. Den Helden hätte auch Niels Bormann bei seiner täglichen Fischsuppe in der Kantine gern gespielt, während Dejan Bućin beim Sockenkauf im Discounter der Handy-Akku leerlief, und er nun mit seinen Gedanken über sich und die Welt mehr oder weniger allein war.

 

Point Of No Return an den Münchner Kammerspielen
Foto (c) David Baltzer

 

Der eigene Schauspieljob ist dann aber der große Aufhänger des Abends, denn auch die aus Serbien stammende Sängerin und Schauspielerin Jelena Kuljić stand an diesem Tag auf der Bühne und fühlte sich an ihre Zeit als junge Künstlerin während der Balkankriege erinnert. Wesentlich unberührter gibt sich der australische Performer Damian Rebgetz, der im Folgenden die Rolle eines sterbenden Attentäters übernimmt und nur darüber klagt, in diesen Szenen keinen Text zu haben. Auf der Schräge werden dazu die Bilder einer Überwachungskamera projiziert, die einen ähnlichen Fall wie in München zeigen. Verstörende Bilder von flüchtenden Menschen, denen die DarstellerInnen wie Schatten folgen, ihre Bewegungen nachahmen und mögliche Gedanken durchspielen.

Was ist noch darstellbar, wo ist der Punkt überschritten, der diese Art der Reflexion ins Kippen bringt? Wo der, an dem es kein Zurück mehr gibt zur Normalität vor den YouTube- und Fernsehbildern? Ist der Joke, dass doch Berlin den ersten Terrorakt hatte und München nur einen Amoklauf noch okay? Ein provozierendes Spiel mit der allgegenwärtigen Medienausschlachtung und dem eigenen Kopfkino, aber auch lockere Brechung mit Hilfe der Ironie und Komik als Mittel der Selbstvergewisserung und Behauptung gegenüber den verschiedenen Angstszenarien von Terror und Tod. Als Schauspieler auf Einfühlung trainiert, scheitert Wiebke Puls bei der Verlesung des Folterprotokolls einer aus Eritrea geflüchteten Frau, während es Jelena Kuljić ruhig und professionell vorträgt. Zwischen gespielter und echter Empathie und Erinnerungen an Rollen mit Sterbeszenen übt sich das Ensemble im Verstehen.

Was ist ein Terrorist überhaupt für ein Mensch? Kann man sich den eigenen Tod eigentlich vorstellen? Wie gehen wir um mit unseren Ängsten? Das Aufzählen von Statistiken, Fakten und Phobien hilft kaum gegen die meist irrationale „Angst vor der Angst“. Wie schon am Anfang von Niels Bormann angemerkt, werden wir die Medienbilder wie die eigenen Bilder im Kopf und auch den Tod selbst nicht mehr los. Das Sprechen darüber ist die Kunst des Umgangs mit den Katastrophen dieser Welt. Gerade gutes und dabei unterhaltsames Theater kann dieser Kunst Ausdruck verleihen. Yael Ronen lässt am Ende Walter Benjamin Engel der Geschichte rezitieren. Dieser Abend ist ein Anfang und gar kein so schlechter Versuch, die Trümmer der Katastrophen, die wir Geschichte nennen, zu sortieren.

***

Point Of No Return (Deutsches Theater, 15.06.2017)
von Yael Ronen und Ensemble
Gastspiel Münchner Kammerspiele
Premiere dort war am 27.10.2016
Regie: Yael Ronen
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Amit Epstein
Sounddesign: Yaniv Fridel
Video: Claudius Schulz, Angelika Widel, Wolfgang Menardi
Licht: Jürgen Tulzer
Musik Yaniv Fridel, Ofer (OJ) Shabi
Dramaturgie: Johanna Höhmann
Recherche: Bastian Zimmermann
Mit: Niels Bormann, Dejan Bućin, Jelena Kuljić, Wiebke Puls, Damian Rebgetz
Termine Münchner Kammerspiele: 21.06. und 21.07.2017

Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de/

Zuerst erschienen am 18.06.2017 auf Kultura-Extra.

__________

GET DEUTSCH OR DIE TRYIN‘ und PENG – Maxim Gorki Theater und Schaubühne verabschieden sich mäßig aus einer insgesamt eher mauen Spielzeit

Freitag, Juni 16th, 2017

___

GET DEUTSCH OR DIE TRYIN‘ – Necati Öziri hält mit seinem von Sebastian Nübling am Maxim Gorki Theater inszenierten Stück einen Wut-Monolog an den Vater

Get deutsch or die tryin am Maxim Gorki Theater
Foto (c) Esra Rotthoff

Die gerade zu Ende gehende war nicht die beste Spielzeit des Maxim Gorki Theaters. Der viel gelobte Gorki-Sound hat sich mittlerweile eingespielt und dabei auch ein wenig abgenutzt. Daran ist aber sicher nicht Necati Öziri schuld, dessen Stück Get deutsch or die tryin‘ vor einer Woche als letztes auf der großen Bühne Premiere feierte. Entstanden ist es in der Literaturwerkstatt des Gorki-Studios, das mit dem Thema „Flucht, die mich bedingt“ noch mal tief in die Migrationskiste greift. Özirir landete mit seinem Erstling, der Satire Vorhaut (2014) einen Publikumserfolg am Ballhaus Naunynstraße. Mit seinem neuen Stück hat er sich nun einem eher ernsthaften Migrationsthema zugewandt. Die Regie besorgte der für seine Körperchoreografien bekannte Sebastian Nübling.

Körperbetont und rhythmisch geht es Regisseur Nübling dann zu Beginn auch an, wenn zum Beat der Live-Schlagzeugerin Almut Lustig die DarstellerInnen in gefühlter Dauerschleife immer wieder auf und abtreten. Der 18jährige Protagonist Arda berichtet auf einer Parkbank sitzend von seiner ziemlich zerrütteten Familie und Jugend. Schuld am Dilemma haben aber nicht nur die typischen Adoleszenz- und Integrationsprobleme, sondern auch der fehlende Vater, dem Arda seinen Dauermonolog widmet. Dimitrij Schaad als Arda sitzt zunächst in einem Sessel auf der von Magda Willi in die Tiefe gebauten Mehrfachportalbühne. Der vorherrschende Farbton ist lila wie Ardas Anzug. Der vorherrschende Ton der Ansprache ist in einem etwas gebremsten Gorki-Wut-Sound gehalten.

Und Arda hat wohl auch allen Grund wütend zu sein. Seine Mutter trinkt, seine ältere Schwester Aylin hat es zu Hause nicht mehr ausgehalten und der Vater sich schon vor Ardas Geburt wieder in die Türkei verabschiedet. Ihm hält der gerade vom deutschen Einbürgerungsamt Gekommene eine fiktive Grabrede. Darin treten, wie schon beschrieben, Mutter (Pınar Erincin), Schwester (Linda Vaher) und Jugendfreunde (Aleksandar Radenković und Aram Tafreshian) wie in einer Art Familienaufstellung auf. Arda lässt sie bestimmte Szenen immer wiederholen. Die Mutter kriecht zum Kühlschrank mit der Wodkaflasche, ihre wechselnden Bekanntschaften stoßen Arda beiseite, die Schwester streitet mit der Mutter. Dazu gesellen sich Berichte über die Kämpfe der verschiedenen Ethnien angehörenden und Drogen verkaufenden Gangs im Viertel.

Das allein gibt noch kein originelles Stück. Arda reflektiert dann neben seiner verkorksten Jugend, die er mit dem Bekenntnis zur deutschen Staatsbürgerschaft zu beenden versucht, aber auch die Herkunft und Beziehung der Eltern. Das ist die von Autor Necati Öziri sogenannte B-Seite des im Titel an das Album Get rich or die tryin‘ des Rappers 50 Cent erinnernden Stücks. Die Kehrseite der Migration und vergeblichen Integrationsversuche, an der die Eltern zerbrechen und für die der Sohn sich auf dem Einwanderungsamt erniedrigen muss. Es ist die Suche nach der Heimat und den Wurzeln, gespickt mit schmerzhaften Fragen an den Vater, der einst als politischer Flüchtling nach dem Putsch 1980 aus der Türkei nach Deutschland kam, sich dort verliebte, aber nicht der ewige Exilant bleiben wollte.

Öziri stellt nun erzählerisch das Kennenlernen und die Hochzeit von Ardas Eltern nach, was Nübling in eine varietäthafte Dauerparty übersetzt. Erster Wodka-Lemmon der Mutter neben den politischen Bekenntnissen des Vaters, der bei einem Überfall auf ein Armeefahrzeug mit 5 Toten dabei war. Sohn Arda ist immer kommentierend zugegen. Taner Şahintürk spielt den Vater „dartend und abwartend“ relativ stumm. Stumm lässt er auch die Vorwürfe des Sohnes, sich nie gemeldet zu haben, über sich ergehen. Er zog den Knast in der Türkei dem schwieriger werdenden Familienalltag und der Schlachthofarbeit im sogenannten „Paradies“ Almanya, dem „Land der Zombies“, vor.

Wo der Bericht an Intensität gewinnt, zerfasert die Inszenierung von Sebastian Nübling doch zusehends in performativer Beliebigkeit mit ironischen Showeffekten. Necati Öziri bricht noch eine Lanze für die „einsamen Müttern, die ohne die Versager, die vom Zigarettenholen und Bombenlegen nicht wiederkamen, alleine die Welt retten müssen“. Das ist durchaus berührend. Der Bericht an den Vater wird zur Abrechnung eines einsamen, alleingelassenen jungen Menschen, der nach seinem Platz in der Welt sucht. „The Revolution Will Not Be Televised“ ist seine Erkenntnis, die ihn letztendlich aus dem Sessel reißt und den Vater sitzen lässt. Trotzdem hat man das Gefühl auf der A-Bühne des Gorki Theaters von der Regie doch nur mit der groovy Studio-B-Seite abgespeist worden zu sein.

***

GET DEUTSCH OR DIE TRYIN‘ – UA (Maxim Gorki Theater , 28.05.2017)
von Necati Öziri
Regie: Sebastian Nübling
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Pascale Martin
Musik: Lars Wittershagen
Dramaturgie: Ludwig Haugk
Mit: Pınar Erincin, Almut Lustig, Aleksandar Radenković, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad, Aram Tafreshian, Linda Vaher
Die Uraufführung war am 20.05.2017 im Maxim Gorki Theater ​
Termine: 12., 28.10. / 16., 23.11.2017

Infos: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 30.05.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Helter Skelter im Kinderzimmer – Mit PENG verschliddert Marius von Mayenburg in der gutbürgerlichen Schaubühne via mediensatirischem Greenscreen eine postnatale Trump-Parodie

 

Peng von Marius von Mayenburg in der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Marius von Mayenburg scheint ein Faible für Stücktitel mit „P“ zu haben. Nach Parasiten (2002), Perplex (2010) und Stück Plastik (2015) hat er sein neuestes Werk Peng genannt. Wie schon öfters zuvor übernahm der Hausautor der Berliner Schaubühne auch gleich die Inszenierung des Stücks. Und wie immer in seinen Stücken schaut er mal wieder tief in die Abgründe der gutbürgerlichen Familie.

Auch diese Inszenierung setzt wie schon Stück Plastik auf viel Humor und mediensatirischen Klamauk. Aber die Bombe „Peng“, wie sie der Protagonist gleichen Namens zu Beginn ankündigt, will so recht nicht zünden. Dabei hat das Stück mit Sebastian Schwarz als Hauptakteur Ralf Peng durchaus eine veritable Rampensau am Start, der kein Witz zu peinlich und grenzwertig ist, als dass man ihn nicht auf die Menschheit loslassen könnte. Autor Mayenburg hat eine böse Satire auf die aktuell-politische Lage entworfen, die mit ihren momentan vielerorts regierenden Populisten und Nationalisten schlimmer kaum noch sein könnte. Zumindest sieht es das Gros des intellektuellen, liberalen Europas so und kommt doch selbst in dieser ausufernden Farce nicht besonders gut weg.

Erzählt wird die Geschichte des großmannssüchtigen Kleinkinds Ralf Peng, vor der Geburt noch durch den Hauptdarsteller selbst, der gleich noch die Parodien seiner Prenzlauer-Berg-typischen Helikoptereltern (Marie Burchard und Robert Beyer) mit Biomacke, Genderknall und Spleen von der natürlichen Geburt vorstellt. Eindrucksvoll befreit sich Peng dann begleitet von Schwester Mechthild (Damir Avdic) mit Haaren auf den Zähnen und der herbeigeholten Gynäkologin Dr. Bauer (Eva Meckbach) zuerst von seiner Zwillingsschwester und dann aus einer riesigen Gummiblase. Der Schrecken ist auf der Welt und beginnt sofort als hochbegabt eingestuft sein Umfeld zu terrorisieren.

 

Peng von Marius von Mayenburg in der Schaubühne
Foto (c) Arno Declair

 

Lügen, abwiegeln, Fakten verdrehen und Grapschen nach dem Kindermädchen – wer Ralf nicht huldigt, wird entlassen, zieht wie das dicke Nachbarskind schon im Buddelkasten den Kürzeren oder verliert ein Auge wie der Geigenlehrer, der den musikalischen Dilettanten schlicht für unbegabt erklärt. Das Ganze spielt vor einer Wand mit Greenscreen-Halfpipe, auf die die Szenen davor ins schicke Wohnambiente der Familie oder in andere Zusammenhänge eingebettet werden. Live-TV-begleitet und gefilmt vom sensationsgeilen Journalisten Tom (Lukas Turtur).

Damit es nicht zu langweilig wird, mixt Mayenburg noch Waffenhandel, Flucht- und Feminismus-Debatte sowie häusliche Gewalt mit in die Handlung. Im einst von den Großeltern zweckentfremdeten Keller unterhält Mutter Vicky nun ein offenes Frauenhaus, deren Insassinnen der aufwachsende Kleinpopulist mit vollautomatischer Waffengewalt gerne raus hätte. Als vorgeführtes Opfer fungiert Nachbarin Uschi, die von ihrem Mann Herrn Schmiedel (Eva Meckbach und Damir Avdic in noch weiteren Rollen) gern mit den Haushaltsgeräten des Firmenmanager-Vaters Dominik verprügelt wird.

Darstellerisch ist es durchaus bewundernswert, wie sich das gesamte Ensemble ins Zeug legt. Inhaltlich und gagmäßig bewegt man sich dabei aber nah an der intellektuellen Abrutschkante, die dann überschritten ist, als Mayenburg auch noch eine als „Miss Universum“ getarnte Wahl zur Weltherrschaft einfällt, bei der alle Damen noch mal einen Gesangsauftritt bekommen und dann doch vom schlechten Verlierer Ralf Peng der Reihe nach disqualifiziert werden, bis er sich als einzig übriggebliebener Teilnehmer selbst zum Sieger kürt. Dass der kleine große Diktator dann schließlich doch mit großem Knall zu Fall gebracht wird, tut seinem Nimbus des Ich-darf-das keinen Abbruch.

Da drängelt sich einer vor und macht Macho- und Chauvi-Sprüche am laufenden Band. Wer würde da nicht an den Narzissten im Amt, Donald Trump, denken. Das Stück versucht ein Milieu zu karikieren, in dem so etwas groß werden kann. „Ich mach den Laden endlich wieder groß.“ tönt dann auch irgendwann das Riesenbaby, meint damit aber nicht etwa Deutschland, sondern die Schaubühne mit den mittelmäßigen Kollegen, die der Hauptdarsteller Schwarz nun beim richtigen Namen nennt, und deren Rollen er gleich noch mit übernehmen will. Mayenburg schließt die große Weltpolitik einfach mit der bürgerlichen Kleinfamilie und ihrem Theater kurz. Das ist durchaus nicht uninteressant, aber auf dem Weg dahin ist dem Regisseur und Autor auch irgendwie sein eigenes Stück entglitten.

Gegen Peng, das sich eher als ein verpuffender Rohrkrepierer herausstellt, war Stück Plastik noch ein reines Goldstück und erreichte Falk Richter im letzten Jahr mit seinem AfD-Bashing Fear geradezu intellektuelle Höhen. Bis auf den Professor Bernhardi von Schaubühnenchef Thomas Ostermeier geht mit Peng eine eher bescheidene Spielzeit am Lehniner Platz zu Ende.

***

Peng (Schaubühne, 12.06.2017)
von Marius von Mayenburg
Regie: Marius von Mayenburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Mitarbeit Bühne: Doreen Back
Musik: Matthias Grübel
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Mit: Damir Avdic, Robert Beyer, Marie Burchard, Eva Meckbach, Sebastian Schwarz, Lukas Turtur
Die Uraufführung war am 03.06.2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: ca. 120 Minuten
Termine: 05.-08.10. / 14. und 15.11.2017

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 14.06.2017 auf Kultura-Extra.

__________