Archive for the ‘Patrick Wengenroth’ Category

Satirische Dreierkonstellationen in „Love Hurts in Tinder Times“ an der Berliner Schaubühne und „Zeit der Kannibalen“ an der Vaganten Bühne

Sonntag, Februar 19th, 2017

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Patrick Wengenroth hat kein Glück mit der Liebe und seinem neuen Stück Love Hurts in Tinder Times am Studio der Berliner Schaubühne

Love Hurts in Tinder Times im Studio der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

Nachdem Lars Eidinger sich nur noch in Filmen für die Holocaustforschung auszieht, ist nun Tatort-Kommissar Mark Waschke an der Berliner Schaubühne für ihn eingesprungen. Und er macht dabei im neuen Stück Love Hurts in Tinder Times von Planet-Porno-Erfinder Patrick Wengenroth gar keine so schlechte Figur als Body-Action-Painter. Stehen einige Farbeimer neben einem mit weißer Folie ausgelegtem Bühnenboden, der vermutlich schon bei den Proben etwas bekleckert wurde, dann weiß man eigentlich sofort, was gleich passieren wird. Und so lassen Lise Risom Olsen, Andreas Schröders und Mark Waschke auch zu den Klängen von Sades „Smooth Operator“ sofort alle Hüllen fallen und matschen sich mit kindlicher Freude und Naivität von oben bis unten mit Farbe ein. Die Colours of Love sind hier überwiegend blau mit ein paar Spritzern rot und gelb. Die Yves-Klein-Körperabdrücke auf durchsichtigen Folien werden danach stolz an Traversen hochgezogen.

Zuvor durfte allerdings der Realisator des Stücks, Patrick Wengenroth, noch zeigen, dass ihm mittlerweile auch der engste Fummel passt. Auf Mega-High-Heels besingt der Regisseur mit „Love Is A Catastrophe“ von den Pet Shop Boys das Motto des Abends. Statt in den titelgebenden Online-Tinder-Times steckt der dann doch verdammt tief in den analogen 80th und kommt auch sonst so ziemlich old fashioned daher. Das ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass die Liebe, oder die gute alte Beziehungskiste, eben eine uralte Story, wenn nicht die älteste überhaupt ist. Bis auf ein paar Tipps von Andreas Schröders für Online-Liebesspielzeug geht es dann erstmal um die liebe gute Eifersucht in der heteronormativen Zweierbeziehung, die in den Zeiten von Gender Studies und sonstigen Verwirrungen auch mal ein wenig polyamourös zu dritt daher kommen darf. Aber, das ist nicht etwa das, wonach es aussieht, versichern sich die drei, wenn sie immer wieder übereinander herfallen.

 

Love Hurts in Tinder Times im Studio der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

O Gott, o Gott. Das trieft in seiner Unbeholfenheit und nervtötenden Sexualratgeberprosa doch jedem x-beliebigen Rechercheabend am Maxim Gorki Theater um Jahre hinterher. Wenn man nicht wüsste, dass Wengenroth sich auf den ironischen Unterton verstünde, man müsste besorgt sein um den Zustand der liebebedürftigen Ü40-Generation. Die hat dann auch schon so einiges erlebt, was hier in ein paar persönlichen Beichten ausgebreitet wird. Und sind es nicht die eigenen Erlebnisse, dann die der fremdgehenden Eltern von Mark Waschke, oder Partyerinnerungen in der Gartenlaube. So palavert man zwischen Deutsch und Englisch über den Freiheitsbegriff in der Liebe, den handelnden Beziehungskörper, Grenzen und Vereinbarungen der offenen Beziehung und Achtsamkeit und Wahrnehmung. Kommunikation ist alles. Es wird von romantischer Liebe geschwärmt und über Liebesleid geklagt. „Use your suffering.“ ist der tröstende Ratschlag. Lise Risom Olsen meint, Sex sei auch wie gute oder schlechte Kunst machen. Manchmal eben auch eine große Katastrophe.

Zwischen Love hurts und Love heals gibt es also doch noch einiges Berichtenswertes. Ansonsten singt man „Careless Whisper“ von Georg Michael, „Don’t You Want Me, Baby?“ von The Human League, oder „Greatest Love Of All“ von Whitney Houston. Matze Kloppe spielt dazu die 80th-Schweineorgel. Auch wenn Mark Waschke in selbstironisch gespielter Wut den ganzen Zauber am Ende selbst für Quatsch erklärt, Patrick Wengenroth hat nach seinem Feminismus-Abend thisisitgirl auch mit der Liebe kein großes Glück. Es gab schon wesentlich Erkleck(s)licheres von ihm an der Schaubühne zu sehen.

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LOVE HURTS IN TINDER TIMES (Schaubühne, 28.01.2017)
von Patrick Wengenroth und dem Ensemble
Auf Deutsch mit englischen Passagen
Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Künstlerische Mitarbeit Bühne: Céline Demars
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Matze Kloppe
Dramaturgie: Sina Katharina Flubacher
Mit: Matze Kloppe, Lise Risom Olsen, Andreas Schröders, Mark Waschke, Patrick Wengenroth
Musik: Matze Kloppe
Premiere war am 28.01.2017 im Studio der Schaubühne
Dauer: ca. 105 Minuten
Termine: 21. – 23.03. / 25. und 26.04.2017

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 29.01.2017 auf Kultura-Extra.

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Zeit der Kannibalen – Bettina Rehm inszeniert an der Berliner Vaganten Bühne das Drehbuch zum preisgekrönten Film von Johannes Naber als amüsantes well-made play

Zeit der Kannibalen an der Vaganten Bühne
Foto © Manuel Graubner

Der preisgekrönte Spielfilm Zeit der Kannibalen von Regisseur Johannes Naber feierte 2014 seine Premiere auf der BERLINALE. Er folgt zwei Unternehmensberatern bei ihrem globalen Job von Hotelzimmer zu Hotelzimmer. Frank Öllers und Kai Niederländer beraten weltweit ihre Klienten bei der Anlage ihres Geldes in boomenden Schwellenländern. Die beiden von sich überzeugten Business-Jet-Setter, die täglich auf den Karrieresprung zur Partnerschaft in ihrer Company warten, werden durch die Ankunft der neuen Kollegin Bianca März, die deren Leistung im Auftrag der Firmenleitung bewerten soll, kurzzeitig in ihrer Gewissheit erschüttert. Es entspinnt sich ein interner Konkurrenzkampf. Die Zeit der Kannibalen ist angebrochen.

Dass diese zynische Kapitalismus-Satire ihren Weg ins Theater finden würde, verwundert nicht, ist dieses Kammerspiel doch bestens geeignet für kleinere Studiobühnen. Nach der Uraufführung im November 2015 am Theater Krefeld und Mönchengladbach hat auch die Berliner Vaganten Bühne das Potential des Drehbuchs von Stefan Weigl erkannt und lässt nun ebenfalls die Bühnenfassung von Johannes Naber in der Regie von Bettina Rehm spielen. Der Film lebt vor allem durch den treffenden Wortwitz seiner Dialoge im Kontrast zum sterilen Ambiente der immer gleichen Hotelzimmer-Interieurs. Aber auch durch das Spiel von Sebastian Blomberg, Katharina Schüttler und Devid Striesow, die selbst keine Unbekannten auf deutschen Theaterbühnen sind. Jede Inszenierung wird sich also zwangsläufig daran messen lassen müssen.

In der Vaganten Bühne an der Charlottenburger Kantstraße hält sich die Regisseurin sehr genau an den Text der Vorlage. Die Bühne von Lars Georg Vogel ist mit grünem Kunstrasen ausgelegt. Mit weißem Klebeband sind wie auf einem Spielfeld Linien markiert. Im Hintergrund steht eine Turnhallenbank. Man nimmt hier das Berater-Business sportlich. Nur eine seitlich platzierte Plastikmuschel mit Sandfüllung für den Wellness-Bereich erinnert noch an ein Hotelzimmer.

Johann Fohl und Björn Bonn als Öllers und Niederländer sind ganz Geschäftsmänner in dreiteilige Business-Anzüge gekleidet. Smartphone und silberne Metallkoffer gehören ebenso zur Ausstattung. Während Öllers immer wieder nervös mit seiner Frau telefoniert, die ihn verlassen will und ihm wegen des an Neurodermitis leidenden Sohns die Hölle heiß macht, checkt der snobistische Niederländer ständig seinen Facebook-Account oder demütigt mit Vorliebe das Hotelpersonal. Beide überbieten sich geradezu in höhnischen Statements über ihr Klientel und das gesamte Berater-Business. Wirklich Spaß am Kapitalismus haben ihrer Meinung nach eh nur noch die Chinesen.

 

Zeit der Kannibalen auf der Vaganten Bühne
Foto © Manuel Graubner

 

Wie die Hotelzimmer mit ihrer Belegschaft (dargestellt von Senita Huskić und Amer Kassab) sind auch die jeweiligen Länder beliebig austauschbar. „Grow or go“ ist das Credo der Branche, geradezu zynische der Slogan „People, Profit, Planet“. Man geht stets dahin, wo sich der maximalste Profit für den Kunden erzielen lässt. Was vor Ort passiert, interessiert dabei die beiden Berater nicht. Die Umwelt sehen sie nur aus den nicht öffenbaren Hotelfenstern. Die Probleme, die durch ihren Job mit verursacht werden, bleiben draußen, wie der Dreck, der sich ins Glas der Scheiben frisst.

Das Leben von Öllers und Niederländer ist vollkommen durchorganisiert. Effizienz ist das A und O. Wobei sich besonders Niederländer durch einen fast schon zwanghaften Optimierungswahn hervortut. Er liebt keinerlei Überraschung, desinfiziert sich ständig die Hände, macht Liegestütze und kann seinen Koffer in Sekundenschnelle im Dunkeln packen. Kurzeitig irritiert sind die beiden Profis durch die unerwartete Ankunft der neuen Teamkollegin Bianca März (Hannah von Peinen). Was sie nicht wussten, ihr alter Mitstreiter Hellinger ist zum Partner aufgestiegen. Nachdem aber rauskommt, dass er sich das Leben genommen hat, geraten die einstudierten Abläufe zusehends durcheinander.

Bianca tickt etwas anders als die beiden Männer. Mit schönen Phrasen und Reiseführer im Gepäck will die ehemalige NGO-Mitarbeiterin fremden Kulturen mit Respekt auf Augenhöhe begegnen und fängt schon mal beim Zimmermädchen damit an. Aber auch das ist nichts als zynische Fassade. Dennoch weiß Bianca, wo sie die Alphamännchen packen muss. Sie offenbart Niederländer, dass sie die beiden im Auftrag der Company bewerten soll, und fragt ihn über Öllers aus. Als der sich übergangen fühlt, kommt es sogar zum direkten Ringkampf mit Niederländer.

Schließlich wird die Company verkauft, und alle drei bekommen in einer dubiosen Videokonferenz mit dem neuen Boss endlich die erhofften Teilhaberverträge angeboten. Letztendlich stürzen Öllers und Niederländer hierbei aber über ihre grenzenlose Arroganz und Gier. Und die fernen Schüsse, die Öllers zunächst noch spöttisch als „Sound des Dschihad“ bezeichnet, kommen auch immer näher. Die Panik steigt, und endlich geht die Well-made-Inszenierung von Bettina Rehm richtig aus sich heraus. Das hätte man sich schon etwas eher gewünscht. Trotzdem ist es ein durchaus amüsanter Abend, den vor allem das spielfreudige Ensemble über die 90 Minuten ins fulminante Ziel trägt.

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ZEIT DER KANNIBALEN (Vaganten Bühne, 04.02.2017)
von Johannes Naber
nach dem Drehbuch von Stefan Weigl
Regie: Bettina Rehm
Ausstattung: Lars Georg Vogel
Es spielen: Björn Bonn, Johann Fohl, Senita Huskić, Amer Kassab, Hannah von Peinen und Axel Strothmann
Premiere war am 02.02.2017 in der Vaganten Bühne Berlin
Termine: 15.-18.03.2017

Infos: http://www.vaganten.de/stuecke/zeit-der-kannibalen/

Zuerst erschienen am 06.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Feminismus und Westalgie – Die Berliner Schaubühne eröffnet mit satirischen Beiträgen von Patrick Wengenroth und Rainald Grebe die neue Spielzeit am Lehniner Platz

Donnerstag, Oktober 22nd, 2015

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Von Penisneid zu Penisleid – Patrick Wengenroths thisisitgirl im Studio der Schaubühne

Dass die Berliner Schaubühne unter Intendant und Commandeur de L’Ordre des Arts et des Lettres Thomas Ostermeier ausgerechnet mit zwei doch eher dem Genre Kabarett zuzuordnenden Theaterproduktionen die neue Spielzeit eröffnet, ist schon etwas verwunderlich. Mit dem Regisseur Patrick Wengenroth hat man am Lehniner Platz jedenfalls schon länger einen Fachmann in Sachen schräger Satire, Pop und Boulevard; und mit Neuzugang Rainald Grebe zumindest einen passablen Garanten für Stimmung, Spaß und gute Laune eingekauft. Und auch der schwarze Humor ist den beiden Enfant terribles der Hochkultur zu eigen. In jedem Fall erhofft man sich mit dem Reiz-Thema Feminismus (thisisitgirl) und einer nostalgischen Rückschau auf das alte West-Berlin (Westberlin) einen regen Publikumszuspruch.

 

thisisitgirl-westberlin_schaubühne_Oktober 2015

Spielzeitbeginn an der Schaubühne – Foto: St. B.

 

Theatermacher und Planet Porno-Erfinder Patrick Wengenroth hat sich also den Feminismus für seinen neuesten Streich thisisitgirl auf der kleinen Studiobühne ausgesucht. „Ein Abend über Frauen und Fragen und Frauenfragen für Frauen und Männer“ soll es sein. Es ist dann aber doch eher ein Abend von Männern über männliche Befindlichkeiten wie Genderstress, Orientierungslosigkeit und Selbstmitleid geworden. Das natürlich nicht ohne eine Portion Selbstironie, sonst wäre es wohl auch kaum über zwei Stunden zu ertragen. Für den Tip hatte Wengenroth sich sogar mit der Spezialistin für Frauenfragen in Literatur und am Theater Sibylle Berg zum Gespräch getroffen. So weit, so gut. Der Regisseur will aufräumen mit dem Maskulinismus und Sexismus vor allem auf der Theaterbühne, und saugt zunächst selbst den Teppich in der kleinen Wohnzimmerlandschaft mit Ledersesseln und biederen Einbauschrankwänden aus Holz.

Sich als „Quotenfrau“ des Abends bezeichnend tritt dann Iris Becher auf und stellt zunächst ihre männlichen Kollegen Ulrich Hoppe, Laurenz Laufenberg und Andreas Schröders mit eindeutig auf Alter und Körper anspielenden Sprüchen vor. Das sitzt als erste Pointe. Danach darf sie die Männer noch der Reihe nach auf die Psycho-Couch legen. Den Dreien macht ihr gestörtes Rollenbild zu schaffen und die Angst sich vor einer Frau zu Fragen der patriarchale Ordnungsgesellschaft, zu Abhängigkeiten und sexuellem Frust zu öffnen. Wir erfahren dann noch etwas von Siggi-Look-alike Ulrich Hoppe über Siegmund Freud und seine Träume, weibliche Öffnungen und den Feminismus als das kleinere Übel in der Gesellschaft. Vom Penisneid der Frauen zum Penisleid der ödipal veranlagten Männer, viel weiter geht’s leider nicht. Wengenroth kommt nicht raus aus der Männerecke.

 

THISISITGIRL von Patrick Wengenroth - Foto (c) Gianmarco Bresadola

THISISITGIRL von Patrick Wengenroth
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Matze Kloppe gibt im flauschig-infantilen Einhornkostüm den Musiker des Abends. Das ist die Richtung, in der sich die Nummernrevue dann auch weiterbewegt. Das Kind im Manne, das Bier trinkt, Fußballhymnen grölt und sich verschämt lachend platte Frauenwitze erzählt. Das greift natürlich zu kurz, wenn die drei sich auch die größte Mühe geben, männliche Klischees der Lächerlichkeit preiszugeben. Klaus Theweleits Buch Männerfantasien spielt da eine Rolle – oder auch eine Latte von feministischer Literatur von Sylvia Plath über Judith Butler bis zu Laurie Penny, wie der Programmzettel ausweist, und durch die man sich für diese Produktion wohl auch durchgeackert hat. Allein es hilft nicht, der Schauspielerin Iris Becher einen schönen Pimmel-Wutmonolog über Tradition und strukturelle Ungerechtigkeit zu schenken und sie ansonsten weiter den Frauenbilder projizierenden und ihre patriarchalen Fiktionen als Fetisch in Kleidern und Unterwäsche selbst reproduzierenden Männern auf der Bühne gegenüber zu stellen. Als Frau bleibt sie leider auch hier eklatant unterrepräsentiert.

Und wo die Männer nun die Schubladen (in der Schrankwand) auch aufmachen, überall fällt ihnen ihr männlicher Wortmüll (hier in Form von unzähligen Bierdosen und Minifässern) entgegen und bedeckt schließlich bald den ganzen Bühnenboden. Unsere wackeren Helden kämpfen sich nun scheppernd durch ihr eigenes Blech. Sicher ein schönes Bild, das nur noch durch eine Peter-Pan-Figur des sich zurück in den Mutterschoß wünschenden Ulrich Hoppe getoppt wird. Zum Schluss nimmt Iris Becher die verstörte Herrenpartie unter ihren weiten Reifrock. Mehr als Freud‘sche Symbolik, Pop und ein paar Sprüchen zum Feminismus ist Patrick Wengenroth leider nicht eingefallen. Aber gut, dass wir mal drüber gelacht haben.

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THISISITGIRL (12.10.2015)
Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Matze Kloppe
Dramaturgie: Giulia Baldelli
Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Matze Kloppe, Laurenz Laufenberg, Andreas Schröders und Patrick Wengenroth
Premiere im Studio der Schaubühne war am 16. September 2015

Weitere Termine: 6. + 8. 11. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

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Westberlin am laufenden Band, reenacted von Rainald Grebe und Ensemble an der Schaubühne Berlin

Nach zwei Produktionen am Maxim Gorki Theater (noch unter Armin Petras) hat Rainald Grebe nun eine Westberlin-Revue für Thomas Ostermeiers Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert. Und die ist dort am Ende des Kudamms, tief im Westen der Hauptstadt, wohl auch besser aufgehoben. Der alte Westen der ehemals geteilten Stadt ist nach der Wende etwas heruntergekommen. Das Interesse fokussierte sich ab 1989 mehr auf den spannenderen Osten. Nachdem nun auch dort nach und nach alles in geordneten, durchkapitalisierten Bahnen läuft und die kultigen Clubs sterben bzw. wegziehen, könnte es zumindest in einigen Teilen West-Berlins ein Revival geben. Zunehmend schicker wird es nun schon im Umkreis des Zoopalasts, dem alten Zentrum der Berlinale, die in Grebes Revue natürlich auch einen Platz mit steiler Gangway und Starauflauf bekommt.

 

1, 2, 3, fix - Westberlin von Rainald Grebe - Foto (c) Gianmarco Bresadola

1, 2, 3, fix – Westberlin von Rainald Grebe
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Es beginnt aber auf der als Altberliner Eckkneipe eingerichteten Bühne mit einer Ode an die Currywurst vor dem Moabiter Landgericht. Geschichten eines echten Berliner Jungen der Nachkriegszeit, als die Stadt noch nach Ruinen roch. Michael Eckert, ein Berliner Kiosk-Original der ersten Stunde, berlinert den Mann hinterm Tresen voll, näht ihm sozusagen die Currywurst ans Ohr, und bekommt schließlich einen Platz im Sarg zugewiesen. Ein starkes Stück, wenn man eigentlich vorhat, alte Zeiten wieder aufleben zu lassen. Die Auferstehung aus Ruinen West, mit den alliierten Streitkräften, amerikanischem Kino, Lebensmittelkarten und dem Sound der Luftbrücke.

Da ist von Anfang an natürlich auch ein wenig Spott und jede Menge Ironie im Spiel, wenn auch nicht das selbstironische Pathos des Wissenden. Das überlässt der zugezogene, bekennende Ost-Berliner Grebe seinen 8 Zeitzeugen aus 40 Jahren Berlin-West, 28 davon eingemauert als „Insel der Freiheit“ im sogenannten roten Meer. Echte Frontstadt-Insulaner also als lebender Beweis, dass West-Berlin nicht allein nur aus bereits toten Stars und Sternchen wie Harald Juhnke, Günter Pfitzmann oder Evelyn Künneke besteht.

Und da ist vor allem die immer noch recht vitale 84jährige Evelyn Gundlach, die auch nicht gerade auf den Mund gefallen ist. Sie hatte damals als 16jährige schon eine Raucherkarte und liebte die Rosinenbomber eher wegen Lucky Strikes und Chesterfield. Ein ehemaliger Berliner Sängerknabe erzählt von seinem Leben zwischen Schwulenstrich am Zoo und Chez Romy Haag, einer Ex-SEWlerin von der Kehrseite der Weltrevolution und eine ehemalige Hausbesetzerin von anderen Lebensentwürfen und dem Scheitern alternativer Wohnprojekte. Die wahren Heroen Berlins. In einem Leben zwischen Hells Angels, Buddhismus und Entspannungstherapie ist mehr Musike drin, als in der Frage, warum an Peter Steins Sommergäste-Inszenierung an der Berliner Schaubühne nur der Geruch der 300 frisch geschlagenen Birken erinnert.

 

Dass kein Joint mehr ausgeht - Westberlin von Rainald Grebe - Foto (c) Gianmarco Bresadola

Dass kein Joint mehr ausgeht – Westberlin von Rainald Grebe
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Aber anstatt mehr den Erzählungen seines „Chors von Westberlinern und Westberlinerinnen“ zu trauen, lässt Grebe sie immer wieder nur kurz als Randfiguren aus ihrem Erinnerungsschatz plaudern und füllt die klaffenden Lücken mit historischen Spielszenen, fadem DJ-Gelaber und Berliner Gassenhauern vom Band, die auch mal live von Jens-Karsten Stoll am Klavier eingespielt werden. Ein Geschichtsabriss aus Kultur, Politik und Boulevard im Schnelldurchlauf, performt von den SchauspielerInnen Robert Beyer, Marie Burchard, Tilla Kratochwil, David Ruland und Sebastian Schwarz. Dem wird man auf Dauer schnell überdrüssig und ahnt zumindest, dass die kleinen Geschichten vielleicht mehr zu erzählen hätten, als eine Nachstellung vom berühmten Foto der legendären Flucht eines NVA-Soldaten beim Mauerbau, ein trashiges Reenactment des Mords an Benno Ohnesorg während des Schah-Besuchs mit Salzstangen und Ketchup-Flasche, oder einer imaginierte Busfahrt durch „Berliner Straßen heute“.

Grebes pseudosentimentale Insel-Schau an der Schaubühne-West scheitert ebenso wie Kuttners Kessel-Buntes zum Hundertsten Volksbühne-Ost-Jubiläum im letzten Jahr. Beide Veranstaltungen kommen mit dem Wust an geschichtlichen Fakten und erinnerter Fiktion nicht klar, geschweige denn, dass sich daraus etwas wie eine kritische Distanz bilden würde, aus der man heute auf die Vergangenheit blicken könnte. Dafür sind dann selbst die immerhin knapp 2,5 Stunden auch zu kurz. Wo Jürgen Kuttner mit beredter Ironie kurz antippt und wieder wegwischt, verzettelt sich Rainald Grebe ziemlich hilflos in der Vielzahl von Ereignissen und Personen. Er spult ein endloses Defilee der Stars und Typen wie Nina Hagen, Christiane F., Wolfgang Neuss (der mit dem nie ausgehendem Joint), Iggi Pop oder Helga Götze (Ficken für den Frieden) ab. Und zu guter Letzt darf auch Rolf Eden nicht fehlen. Rainald Grebe hält acht Trümpfe in der Hand und mauert wie einst Walter Ulbricht. Es hat niemand die Absicht die Mauer wieder aufzubauen. Aber scheen war‘s doch.

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WESTBERLIN (13.10.2015)
Regie: Rainald Grebe
Musikalische Leitung: Jens-Karsten Stoll
Bühne: Jürgen Lier
Kostüme: Kristina Böcher
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Mit: Robert Beyer, Marie Burchard, Rainald Grebe, Tilla Kratochwil, David Ruland, Sebastian Schwarz, Jens-Karsten Stoll
Chor von Westberlinern und Westberlinerinnen: Petra-Fleur Daase, Michael Eckert, Michael Gress, Evelyn Gundlach, Sylvia Moss, Monika Reineck, Yvonne Vita
Uraufführung in der Schaubühne am Lehniner Platz war am 2. Oktober 2015

Weitere Termine: 23. – 26., 29., 30. 11. 2015

Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 13.10. und 14.10 2015 auf Kultur-Extra.

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Hirnwütig und hirnrissig – Zweimal Georg Büchner zum Spielzeitauftakt im Berliner Ensemble und der Schaubühne

Dienstag, September 9th, 2014

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Strammgestanden! – Leander Haußmann inszeniert Georg Büchners WOYZECK-Fragment am Berliner Ensemble

Woyzeck_ BE_ Plakat

Foto: St. B.

Man kann Büchners getriebenen Soldaten und irren Frauenmörder Franz Woyzeck als Titelheld einer Mörderballade oder eines wirren Mörderreigens darstellen, ihn mit den Zuschauern in einen Käfig auf der Bühne sperren (alles Inszenierungsversuche der letzten Jahre in Berlin), oder man kann ihm auch ein paar Leidensgenossen in wüstenfarbenen Camouflageuniformen an die Seite stellen. So nun Leander Haußmann am Berliner Ensemble. Ein ganzer Trupp Bewaffneter stampft hier unter strengem Kommandoton mit den Stiefeln über die Bühne. Erste zarte Worte Woyzecks (Peter Miklusz) mit seiner Marie (Johanna Griebel) werden dadurch jäh unterbrochen, und der Wehrmann, Füsilier im 2. Regiment, 2. Bataillon, 4. Compagnie rückt wieder ein zum Dienst.

Den hirnlosen militärischen Drill mit seinem Gleichschritt und den gegenseitigen Demütigungen hatte Leander Haußmann schon in seinem mit eigenen Erlebnissen angereicherten Spielfilm NVA (2005) karikierend vorgeführt. Mit dem Woyzeck von Georg Büchner macht er ihn auch zum Thema seiner neuen Inszenierung am BE und stellt nach seinem fulminanten Hamlet aus dem letzten Jahr eine weitere unruhige, von Gedanken gebeutelte Männerfigur der Dramengeschichte auf die Bühne.

Zeigte Katie Mitchell in The Forbidden Zone an der Berliner Schaubühne noch den Krieg aus der Perspektive der ohnmächtigen Frau, so fügt Leander Haußmann die des zum Töten gedrillten Soldaten hinzu. Er macht aus Büchners Woyzeck nicht einfach nur das Drama eines armen, irren Menschen, der im Eifersuchtswahn seine Geliebte Marie ersticht, Haußmann sieht im Woyzeck auch das Drama einer Zurichtung des menschlichen Individuums zur willenlosen Kampf- und Tötungsmaschine. Und er zeigt das mit echten Theaterbildern von Menschen, um mit Büchner zu sprechen, aus „Fleisch und Blut“ bestehend.

Woyzeck am BE - Foto (c) Lucie Jansch

Woyzeck am BE – Foto (c) Lucie Jansch

Erst durch die Zurichtung mit der vom Doktor (Traute Hoess) verordneten Erbsensuppe, die der Proband hier löffelweise eingetrichtert bekommt, und dem Drill in der Truppe wird Woyzeck zum willenlosen Objekt degradiert. Liegestütze, Exerzieren, Feudeln. Hier steht einer in der Hierarchie auf der untersten Stufe, was er auch immer wieder zu spüren bekommt. Den Irrsinn der Dressur vervollkommnet eine Slapsticknummer mit Affe, Klappstuhl, Bier und Banane. Traute Höss als stotternder Jahrmarktsausrufer, dem das Wort Potentat nicht über die Lippen kommen will und Peter Luppa, der vom Affen auf dem Stuhl direkt zum Soldaten mutiert. Die Truppe kreist dabei zum Peitschenknall als astronomische Zirkuspferdchen.

Die Eliten halten Woyzeck für moralisch verkommen und dumm. Selbst versinken sie in lähmende Agonie und Melancholie vor dem alternativlosen Gang der Welt. Diese Welt, wie sie ist, dreht sich, und dem Hauptmann (Boris Jacoby) schwindelt nur beim Gedanken daran. Es ist gut philosophieren, wenn andere die Suppe im wahrsten Sinne des Wortes auslöffeln müssen. Haußmann bricht die Lanze für den armen Landser Woyzeck und lässt ihn seinen Hauptmann chaplinesk einseifen. In einem Anflug von eigenem Größenwahn schneidet er ihm zur Figaro-Arie Rossinis den Hals durch.

Woyzeck am BE -

Woyzeck am BE – Foto (c) Lucie Jansch

Leander Haußmanns Inszenierung ist genauso wundersam getrieben und hirnwütig wie der großartige Woyzeck des Peter Miklusz, der direkt von seiner Rolle als Brechts Hans im Glück von der Probenbühne auf die großen Bretter des BE gewechselt zu haben scheint. Es schwingen hier Albernheit, Spielwut und die Musik aus so manchem Vietnamkriegsfilm wie etwa Full Metall Jacket mit. Von My Wild Love Went Ridin‘ bis This Boots Are Made For Walking, Haußmanns GIs marschieren zur Flower-Power-Musik von Joan Baez, Canned Heat, The Doors oder Nancy Sinatra.

Es bleibt aber auch das Drama der Marie. Im roten Kleid steht Johanna Griebel auf die Bühne immer zwischen dem großen Schatten des Kinderwagens am Bühnenhintergrund und der großen Lust zum Leben. Und dazu fehlt es nicht nur am nötigen Kleingeld. Melanie singt vom Nickel und Dollar, Dollie Parton Love Is Like a Butterfly. Und so fliegt Marie in die Hände des Tambourmajors (Luca Schaub), einem langen schönen Schlacks mit Federhut und wüstem Schläger. Die Sünde lockt sie in ein Zelt mit Leuchtaugen.

Die Truppe ist ein Branndewein saufender, lallender Haufen, der das „Bedürfnis totzuschlagen“ als von Gott gegeben bezeichnet. Der zur Eifersucht getriebene Woyzeck hetzt über die Bühne, den Tod im Schlepptau, der ihm als irr kichernder Waffenhändler sein Arsenal vorführt. Das letzte Liebes- und Totenbett der Marie wird ein Moosgeflecht aus getarnten Soldaten, die ihn auch noch anfeuern. Dem Publikum ruft der zum wahnsinnigen Vergewaltiger und Mörder gewordene Woyzeck wütend zu: „Was gafft ihr. Guckt Euch selbst an.“

Woyzeck am BE Premierenapplaus für Leander Haußmann - Foto: St. B.

Woyzeck am BE. Premierenapplaus für Leander Haußmann – Foto: St. B.

Haußmann mixt Büchners lose Szenenfragmente neu zusammen und stellt sie in logische Folge. Damit, dass er die Parabel des traurigen Mädchens nach dem Grimm’schen Sterntalermärchen an den Schluss stellt, gelingt ihm ein weiterer wundersamer Coup. Auf einem ausgerollten blauen Teppich mit lauter glitzernden Sternen versammeln sich noch einmal alle wie in einem schönen melancholischen Traum. Die Welt ist ein umgestürzter Hafen oder Nachttopp, und das BE wieder ein Theater. Man kann das sehen wie man will. Großer Beifall für Leander Haußmann und sein Ensemble.

WOYZECK
von Georg Büchner
Berliner Ensemble Premiere vom 06.09.2014
Regie und Bühne: Leander Haußmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Ausbilder der Soldaten: Rainer Clemens
Mit: Peter Miklusz (Woyzeck), Johanna Griebel (Marie), Luca Schaub (Tambourmajor), Raphael Dwinger (Andres), Antonia Bill (Margreth), Traute Hoess (Narr), Peter Luppa (Kind), Boris Jacoby (Hauptmann), Marko Schmidt (Unteroffizier), Matthias Mosbach (Unteroffizier), Marvin Schulze (Unteroffizier), Felix Lüke (Unteroffizier), Hannes Lindenblatt (Unteroffizier)
und: Sharon Joy Liedke, Carmen Romero Velasco, Heidrun Schug; Rainer Clemens, Riccardo Drews, Mario Erbherr, Oliver Gabbert, Thomas Göhing, Marcus Hahn, Raik Hampel, Bjoern Jarkowski, Franz Jarkowski, Carsten Kaltner, Robert Landschek, Marc Lippert, Paul Marwitz, Detlef Matthes, Haiko Neumann, Valentin Olbrich, David Pino Moraga, Alexander Petau, Michel Podwojski, Nils Rech, Benjamin Schwarweit, Thomas Schenk, Mathias Schlicht, Ralf Tempel, Christian Tiedge, Dietmar Lukas Treiber, Jan Wirdeier

Termine:
19., 23. und 27.09.2014
20., 26. und 27.10.2014

weitere Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/101/woyzeck

Zuerst erschienen am 07.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Welch Ironie – Patrick Wengenroth langweilt mit Büchners melancholischem Lustspiel Leonce und Lena an der Berliner Schaubühne

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Leonce und Lena  an der Schaubühne - Foto: St. B.

Leonce und Lena an der Schaubühne – Foto: St. B.

Die Welt ist eine Scheibe, und an der Berliner Schaubühne eine ganz besonders schöne. Sie ist rund, schräg und dreht sich, und man kann nicht von ihr abrutschen, da es schon Mühe bereitet, überhaupt auf sie hinaufzukommen. Sie kann auch Nebel und Musik, und ein schräges Stück von Georg Büchner kann man auch auf ihr spielen. Das alles muss aber vorher erst noch erklärt werden. Wir wollen ja nicht dumm sterben oder gar aus lauter lange Weile, weil man nichts versteht vor lauter Pipi und Popo. Das hat sich sicher auch Patrick Wengenroth, der Mann fürs Komische an der Schaubühne, gedacht. Und schickt darum Ulrich Hoppe auf die Scheibe, der, nach dem er sich mit einiger Mühe hochgezogen hat, auch noch erwartungsvoll angestarrt wird.

„Was wollen Sie von mir? Ich habe alle Hände voll zu tun.“ beginnt dieser als Leonce, Prinz von Popo, seinen Vortrag über den melancholischen Müßiggang und weitere brennende Fragen wie den ganzen, blöden Sau-Sack-Sinn und andere Peinsäcke. Aber das ist nicht etwa schon Büchners Lustspiel Leonce und Lena, sondern Rainald Goetz‘ bitterböser Klagenfurt-Monolog, den Wengenroth nicht zum ersten Mal bemüht – lässt sich damit doch so schön die beschissene Kunst- und Literaturszene ironisieren. Wo oben und wo unten ist und wie das scheiß Leben geht, wird aber auch heute Abend niemand erfahren. Der Schnitt ins Hirn bleibt aus, dafür gibt es die Prinzenrolle.

Leonce und Lena in der Schaubühne Foto (c) Gianmarco Bresadola

Leonce und Lena in der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

Popliterat Goetz trifft auf Popregisseur Wengenroth, der sich auch diesmal nicht zu schade ist, in Netzstrümpfen und mit Elvistolle sein Debut als Peter, König von Scheißegalien, zu geben. Ein Udo-Lindenberg-Lookalike wird aber nicht mehr aus ihm werden, wenngleich er auch schon ganz erfolgreich eine Lindenberg-Revue im Studio der Schaubühne inszeniert hat. Wetten, dass? Das zumindest bietet Popo-Prinz Leonce dem lustigen Kerl Valerio an, der hier gar nicht so lustig ist und auch nicht so genannt werden möchte. Jule Böwe krabbelt mit auf die Scheibe und spielt abwechselnd den Narren mit Hütchen oder Rosetta, die Angebetete des melancholischen Prinzen.

Aus lauter Langeweile und der Liebe überdrüssig, gibt der Prinz Rosetta den Laufpass und läuft dann mit Valerio vor der Aussicht, nun selbst König von Popo bzw. Scheißegalien zu werden, genItalien. Und so werfen Wengenroths Spieler weiter den selbst schon ironischen Texten Büchners noch jede Menge faule Witze hinterher. Wie war das noch gleich mit der grünen Langeweile? Dazu sinniert Ulrich Hoppe als Kermit der Frosch über die Schwierigkeit grün zu sein. Aha.

Leonce und Lena in der Schaubühne Foto (c) Gianmarco Bresadola

Leonce und Lena in der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

Ironie des Schicksals, dass Prinz Popo gerade das, was er eigentlich fliehen möchte, auf der sich unablässig drehenden Glücksscheibe wiederfinden muss. Auftritt Lena, Prinzessin von Pipi (Iris Becher), die auch nur irgendein weiteres It- und Covergirl der Pop(o)Historie im Klunkerlook ist. Beide liegen dann ein wenig auf dem Scheibenrasen rum, singen was von der Melancholie und so, und Jule Böwe stellt noch ein paar Hasenattrappen dazu. Bis Musiker Matze Kloppe schließlich ein Einsehen hat, den Discoladen dicht macht und die zwei Schmusehasen doch noch beschließen, Hochzeit zu machen.

Bei Büchners Automatenhochzeit bekommt dann noch das Theater sein Fett weg. Nichts als Kunst und Mechanismus. Scheiß Spiel. Und das ist der Unterschied zu Leander Haußmann. Sein Woyzeck wird erst zur Maschine gemacht, während Wengenrohts Büchner-Imitate von Beginn an Musikboxen sind, in die man nur Geld hineinwerfen muss, damit Kunst rauskommt. Für die Erkenntnis braucht es allerdings geschlagene zwei Stunden. Der Rest ist Hobby. Die Welt als Scheibe ist dann wohl doch kein so weitläufiges Gebäude, wie der Narr Valerio meint. Immerhin bekommt er endlich eine Hose und einen Ministerposten. Wengenroths König Peter gibt die Regie-rung ab und dem Prinzen eine zerknitterte Papp-Krone. „Geht einfach nochmal euren Text durch. Bis später, euer Party-Peter.“ Melancholie, du kriegst mich nie klein, tönt es mit Gisbert zu Knyphausen. Ein klarer Fall von Denkste.

Leonce und Lena in der Schaubühne - Foto: St. B.

Leonce und Lena in der Schaubühne
Foto: St. B.

Leonce und Lena
Ein Lustspiel von Georg Büchner
Schaubühne am Lehniner Platz (06.09.2014)
Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Matze Kloppe
Licht: Erich Schneider
Mit: Iris Becher, Jule Böwe, Ulrich Hoppe, Patrick Wengenroth

Premiere war am 4. September 2014.

Termine:
19.09.2014, 20.30 Uhr
20.09.2014, 20.30 Uhr
06.10.2014, 20.00 Uhr
07.10.2014, 20.00 Uhr
10.10.2014, 20.00 Uhr
12.10.2014, 19.30 Uhr

weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/leonce-undlena.html/m=221

Zuerst erschienen am 08.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Zum Start der neuen Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 3: Die Schaubühne

Freitag, September 5th, 2014

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„In unserer digitalisierten Welt, die meist vor zweidimensionalen Bildschirmen stattfindet, ist dieser unmittelbare Moment, virtuell glaubwürdig zu agieren, ohne sich in einer virtuellen Realität zu befinden, Auftrag und Herausforderung des Theaters.“ Thomas Ostermeier in: Zukunft des Theaters. (Veröffentlicht in: TEXT + KRITIK. Zeitschrift für Literatur. Sonderband. Zukunft der Literatur. München 2013) – Text (c) Schaubühne

Die Berliner Schaubühne in der Spielzeit 2014/15 Foto: St. B.

Die Berliner Schaubühne in der Spielzeit 2014/15
Foto: St. B.

Entgegen der Ost-Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht die Schaubühne am Lehniner-Platz, tief im alten Westen gelegen, nach der letzten Spielzeit nicht so gut, wie zu Anfang noch erwartet. Anders kann man den stark verminderten Premierenoutput sein Anfang des Jahres nicht deuten. Es ging nach einem sommerlichen, leider leicht verregneten Ausflug Ende August 2013 mit Constanza Macras (Forest: The Nature of Crisis) in den Berliner Müggelwald noch relativ locker mit einer Shakespeares-Inszenierung von Marius von Mayenburg (Viel Lärm um Nichts) und Patrick Wengenroths Fassbinder-Adaption Die bitteren Tränen der Petra von Kant in die Spielzeit 2013/14. Die erreichte ihren Höhenpunkt dann allerdings bereits im Dezember mit Michael Thalheimers außergewöhnlicher Inszenierung von Molières Tartuffe mit Lars Eidinger in der Hauptrolle. Ein Jesusdouble mit strähnigem Langhaar und Hassprediger von Gottes Gnaden.

Der Intendant der Schaubühne, Thomas Ostermeier, wollte mit Überraschungs-Neuzugang Nina Hoss und Rückkehrer Mark Waschke im Januar gleichziehen. Seine Little Foxes, ein alter Broadway-Klassiker von Lillian Hellman, waren aber zu handzahm und glatt inszeniert, als dass sie wirklich überraschen konnten. Statt harscher Kritik an Gier und Neoliberalismus nur wenig wirklich „elaboriertes Vokabular für unsere politischen Wirklichkeiten“ (Originalzitat Ostermeier). Eher musikalisch aufgepeppter Mainstream, zur allgemeinen Massenverwertung freigegeben. Danach herrschte große Leere und Ratlosigkeit an der Schaubühne. Friederike Hellers Inszenierung von Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti musste im März abgesagt werden. Dagegen stehen kleinere Achtungserfolge für die Schauspielstudierenden im Studio mit Brechts Heiliger Johanna der Schlachthöfe sowie Video-Ästhetin Katie Mitchel und Duncan Macmillan mit Atmen, der einzigen Uraufführung der Schaubühnensaison. Eine weitere Inszenierung von Thomas Ostermeier kam nicht mehr zu Stande.

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Foto: St. B.

Auch das Festival Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. im April mit der letzten Premiere der Spielzeit, 2666 von Roberto Bolaño in der Regie des Spaniers Àlex Rigola, geriet da allgemein zu brav. Das scheint zu wenig für eine rundum gelungene Spielzeit, wenn man sich derlei hohe Ansprüche an politische wie ästhetische Wirkung gleichermaßen setzt, wie es Thomas Ostermeier in seinem Beitrag zur Zukunft desTheaters für die Zeitschrift TEXT + KRITIK formuliert. Oder Dramaturg Bernd Stegemann in seiner Streitschrift Kritik des Theaters, in der er für ein neues Künstlertheater plädiert, befreit von Zwängen bürokratischer Natur und finanziell bedingten Rechtfertigungen. Für die Umsetzung dieser Überlegungen scheinen sich die Schaubühnenmacher nun eine Art kreative Auszeit genommen zu haben.

Die Institution des Stadttheaters mit dem allgemeinen deutschen System der öffentlichen Subventionierung scheint sich für den renommierten Theaterwissenschaftler Hans-Thieß Lehmann allerdings auf Dauer überlebt zu haben, wenn sie auch nicht gleich von heute auf morgen verschwinden wird. In seinen Ausführungen übers Tragische (Tragödie und dramatisches Theater) betont Lehmann, dass das Tragische Theater „nicht selbst bloß ein ästhetischer Effekt sein“ sollte, sondern sich die Institution Theater immer wieder selbst in Frage stellen muss. „Politisch ist das Theater, wenn es unsere Kategorien verunsichert. (…) Es geht um die Überschreitung, um den Exzess.“ stellte Lehmann Ende August in einem Interview mit der Berliner Zeitung fest. Das deckt sich, selbst wenn man es an der Schaubühne nicht immer sieht, in etwa auch mit den Aussagen des Intendanten Ostermeier und seines Dramaturgen Stegemann.

Die neue Spielzeit an der Schaubühne - Foto: St. B.

Die neue Spielzeit an der Schaubühne – Foto: St. B.

Man kann nicht wirklich sagen, dass die Schaubühne vor den Problemen der Realität die Augen verschließt. Anregende Podiumsdiskussionen zu politischen und ästhetischen Fragen im Rahmen des sogenannten Streitraums prägen das Selbstverständnis des Hauses am Lehniner Platz, wie es auch die eigentlichen Bühnen-Inszenierungen sollten. Der Streitraum 2014/15 wird sich auf  die Suche  nach  der  Demokratie begeben. Öffentlichkeit in Zeiten sozialer Netzwerke und das Misstrauen gegenüber Politik und totaler Überwachung. Die Krise der Demokratie als doppelte Krise der Repräsentation in Gesellschaft und auf dem Theater. Ein Interessantes Thema. Was die neue Spielzeit in dieser Hinsicht bringt, wird man dann ja sehen.

Geplant sind jedenfalls Drama, Tragödie und Komödie gleichermaßen. Wobei das Hauptaugenmerk in der neuen Spielzeit tatsächlich mehr auf dem ernsten Sektor liegen dürfte. Nach einem Ausflug ins Komische mit Patrick Wengenroth und Büchners Leonce und Lena, stehen u.a. Richard III. von William Shakespeare, inszeniert von Thomas Ostermeier, und die Tragödie Ödipus der Tyrann (Sophokles/Hölderlin) in der Regie von Romeo Castellucci auf dem Programm. Castellucci hatte schon mit seiner Hölderlin-Interpretation des Hyperion Ästhetik und Gewalt miteinander verbunden. In Shakespeares Königsdrama geht es für Thomas Ostermeier um Macht, Moral und den Verfall von politischen Eliten.

Gewalt und Ästhetik an der Schaubühne Foto: St. B.

Gewalt und Ästhetik an der Schaubühne
Foto: St. B.

Weiter auf dem Programm stehen Prosawerke von Thomas Bernhard und Christa Wolf. Regisseur Philipp Preuss gestaltet im Studio mit Das Kalkwerk einen Soloabend für den Schauspieler Felix Römer in den Fußstampfen des Holz fällenden Sepp Bierbichler. Für die Inszenierung des Romans Der geteilte Himmel aus den 1960er Jahren der DDR kehrt Armin Petras im Januar 2015 aus Stuttgart nach Berlin zurück. Bereits im November inszeniert Jan Philipp Gloger Ödön von Horváths Theaterstück Kasimir und Karoline und Zeitgenössisches gibt es noch mit den an der Schaubühne bereits gut bekannten Autoren Falk Richter, Rafael Spregelburd und Lars Norén. Zusammen mit der Choreografin Nir de Volff stellt Falk Richter erneut einen Mix aus eigenen Texten und Tanz auf die Bühne. Premiere von NEVER FOREVER, einem Stück über untote Online-Großstadt-Krieger, ist am 9. September. Hausautor Marius von Mayenburg führt im März 2015 mal wieder Regie bei der Deutschen Erstaufführung von Spregelburds Stück Luzid. Die zweite Inszenierung von Thomas Ostermeier im Mai 2015 ist mit Nachtwache eine Fortsetzung von Noréns Drama Dämonen. Die Spielzeit schließt im Juni Michael Thalheimer mit einem Klassiker Maxim Gorkis, dem Sozialdrama Nachtasyl.

Fortsetzung folgt…

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Katie Mitchel inszeniert an der Berliner Schaubühne mit The Forbidden Zone ein feministisch-pazifistisches Statement zum Krieg der Männer in ästhetisch schönen Bildern.

Abschließend gilt es noch von der ersten Premiere der neuen Spielzeit an der Schaubühne zu berichten. Das bereits bei den Salzburger Festspielen Ende Juli uraufgeführte Stück The Forbidden Zone von Duncan MacMillan unter Verwendung von Zitaten von Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Mary Borden, Emma Goldman und Virginia Woolf inszenierte Regisseurin Katie Mitchell in ihrem gewohnten Stil als live gedrehtes Bühnenfilmdrama. Eine eindrucksvolle Demonstration der Kraft der Bilder und Sieg der Ästhetik über das Thema. Die Kunst dominiert hier in einer Weise das Drama, dass die eigentlich erwünschte Verunsicherung der Sehgewohnheiten des Publikums, mittels der Verfremdung durch eine Sichtbarmachung des Schaffensprozesses der Kunst, einer gut funktionierenden Gefühlsmaschinerie aus perfekten Bildern und dramatischen Elementen weicht.

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The Forbidden Zone Foto: Stephen Cummiskey

Im Grunde geht es um die Kriegsgreuel die im Laufe der Weltgeschichte immer wieder von Männern geplant und verübt werden. An denen Frauen aber weder einen direkten noch geistigen Anteil haben. Die ausgewählten Zitate der genannten Künstlerinnen und Frauenrechtlerinnen bezeugen dies in eingesprochenen Passagen. In der Zeit des Ersten Weltkriegs waren Frauen noch von den meisten Entscheidungsprozessen ausgeschlossen, durften weder wählen, noch hatten sie politische oder wirtschaftliche Macht. Das Drama um die Folgen der Erfindung des Giftgases für den Kriegseinsatz durch den jüdisch-deutschen Chemiker Fritz Haber gipfelt hier schließlich in einer doppelten menschlichen Tragödie. Habers Frau Clara Immerwahr, eine ebenfalls promovierte Wissenschaftlerin, kann sich nicht gegen ihren Mann durchsetzen, der die Treue zum Vaterland über die Menschlichkeit und die Verantwortung des Wissenschaftlers stellt. Auch Rolf Hochhuth benutzte diese Geschichte bereits 1990 für sein Drama Sommer 14 – Ein Totentanz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg forscht Claire, die Enkelin Habers, in den USA an einem Gegenmittel. Sie sieht sich hier in der direkten Verantwortung. Nachdem die Gelder zu Gunsten der Atomwaffenforschung abgezogen werden und sie aus der Zeitung erfährt, dass das Giftgas des Großvaters Grundlage für Zyklon B und somit für die Vernichtung der Juden war, gerät sie in eine tiefe persönliche Krise. Beide Frauen nehmen sich aus Ohnmacht gegenüber der Tatsache, nicht eingreifen zu können, das Leben. Das verdichtet Katie Mitchel in einem minutenlangen psychischen Kampf der beiden Frauen, deren Schicksale sich auf der Leinwand immer wieder überschneiden. Die Spielszenen werden direkt in dafür originalgetreu nachgebauten Kulissen auf der hinteren Bühne und einem auseinanderschiebbaren Eisenbahnwagon im Vordergrund gedreht.

The Forbidden Zone an der Schaubühne Foto: St. B.

The Forbidden Zone an der Schaubühne
Foto: St. B.

Ein weiteres Bindeglied bildet die Liebesgeschichte eines französischen Soldaten, der durch einen Giftgasangriff schwer verwundet wird, und einer Krankenschwester. Hier diente das Buch The Forbidden Zone der anglo-amerikanischen Schriftstellerin Mary Borden als Vorbild, aus dem auch Luk Perceval für seine Weltkriegspolyfonie FRONT am Thalia Theater Hamburg zitierte. Zusammen ergibt das ein Geflecht aus pazifistischen und feministischen Statements, angedeuteter Feindseligkeit und Übergriffigkeit in den Szenen zwischen Claire und einem amerikanischen Soldaten im Zug sowie einer filmisch erzeugten dramatischer Spannung. Letztendlich tritt die eigentlich gewünschte „affektive und mentale Erschütterung“ der Tragödie (gemäß Hans Thies Lehmann) wieder hinter einen gezielt erzeugten ästhetischen Effekt zurück. Das Stück erzeugt zwar ein gewisses Unwohlsein (und das ist durchaus gut so), fügt aber in seiner schaurig schöne Art dem üblichen, normierten Weltkriegsgedenken nicht allzu viel hinzu.

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The Forbidden Zone
von Duncan MacMillan
Regie Katie Mitchell
Videoregie Leo Warner
Bühne Lizzie Clachan
Kostüme Sussie Juhlin-Wallen
Video Design Finn Ross
Sound Design Gareth Fry, Melanie Wilson
Übersetzung Vera Neuroth
Dramaturgie Nils Haarmann, David Tushingham
Licht Jack Knowles
Mit:
Ruth Marie Kröger… Clara Haber
Felix Römer… Fritz Haber
Jenny König… Claire Haber
Andreas Schröders… Wissenschaftler
Laurenz Laufenberg / Giorgio Spiegelfeld… Soldat
Cathlen Gawlich / Kate Duchêne… Krankenschwester, Wissenschaftlerin
Sebastian Pircher… Amerikanischer Soldat

Kamera Andreas Hartmann, Stefan Kessissoglou, Sebastian Pircher

Die nächsten Termine:

  • 25.10.2014, 20.00 Uhr
  • 27.10.2014, 20.00 Uhr

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/the-forbidden-zone.html/m=221

Infos zur Spielzeit 2014/15: http://www.schaubuehne.de/de/spielzeit/index.html

zu Teil 1: DT und BE

zu Teil 2: Volksbühne

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„Viel Lärm um Nichts“ und „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ – Ein musikalischer Spielzeitauftakt an der Berliner SHOW-bühne.

Montag, Oktober 7th, 2013

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Verkehrte Welt an der Berliner Schaubühne. Hausautor und Regisseur Marius von Mayenburg, sonst ein feiner Sezierer der bürgerlichen Gesellschaft und Beziehungshölle (Parasiten, Das kalte Kind, Der Stein), macht aus Shakespeares Komödie Viel Lärm um Nichts eine Film-Klamotte und Patrick Wengenroth, an der Schaubühne eher der Mann fürs Grobe und Trashige, überträgt Fassbinders kammerspielartiges Filmset zu dessen sadomasochistisch angehauchtem Beziehungshorrorstück Die bitteren Tränen der Petra von Kant fast werkgetreu wieder zurück auf die Bühne. Und man weiß zunächst nicht, ob man staunen, sich ärgern oder einfach nur befreit auflachen soll. So viel nur, wer verbissen nach einem Sinn sucht, wird in beiden Fällen bitter enttäuscht werden. Die Sache liegt, so einfach wie kompliziert, im Auge des jeweiligen Betrachters selbst. Zu konstatieren bleibt im Vorfeld lediglich, dass die Schaubühne auch in der neuen Spielzeit wieder verstärkt auf musikalische Showelemente setzt.

Viel Lärm...8_Schaubühne Sept. 2013

Viel Lärm um nichts? Die Schaubühne am Lehniner Platz, ein unvergesslicher (H)Ort der Feude. – Foto: St. B.

„Teach me tiger” – Marius von Mayenburg geht mit Shakespeare ins Kino. Man sieht und hört: Viel Lärm um Nichts 

Den Anfang machte bereits Ende August Marius von Mayenburg mit einer Revuevariante von Shakespeares romantischer Komödie Viel Lärm um Nichts. Dass man sein Publikum nicht gleich zu Beginn der Spielzeit mit schweren Klassikern überfordern sollte, hat das Deutsche Theater einen Tag vorher bitter erfahren müssen. Unterfordern muss man es aber auch nicht gleich. Das Mayenburg Sinn für schrägen Humor besitzt, hat er schon mit der Inszenierung seiner eigenen Komödie Perplex bewiesen. Ein philosophierendes Well-made-Play über den Zufall und das Spiel mit Rollen und Identitäten, das sich aus den Tiefen des Klamauks in ungeahnte geistige Höhen erhob. Und auch bei Shakespeares lärmig beredtem Geschlechterkampfszenario geht es neben den verschiedenen Spielarten der Liebe und Intrige vor allem auch um Sein und Schein, was wiederum wunderbar an Mayenburgs Stück Perplex andockt.

Mit Eva Meckbach und Sebastian Schwarz stehen ihm als Paar wider Willen, Beatrice und Benedick, hier auch wieder zwei begnadete Komödianten zur Verfügung. Der Rest der spielfreudigen Bande scheint geradewegs aus Lars Eidingers knalliger Romeo und Julia-Inszenierung entsprungen zu sein. Zumindest für Moritz Gottwald, Bernardo Arias Porras und Kay Bartholomäus Schulze trifft das definitiv zu. Und nachdem sie bereits bei Eidinger dem Komödien-Affen reichlich Zucker geben durften, kommt auch bei Mayenburg die Gaudi nicht zu kurz. Fucked up with Shakespeare. Aber bei aller Liebe und Frivolität, der Alte ist nicht unterzukriegen und hat schon wesentlich Schlimmeres als ein paar schräge Riffs auf der Akustikgitarre und verschwitzt hüftkreisende Liebeschwüre überlebt.

It's Showtime. - Foto: St. B.

It’s Showtime. – Foto: St. B.

Während Eidinger mit der Live Band The Echo Vamper die wesentlich coolere Rockmusik am Start hatte, wartet Mayenburg mit einem größeren Bühnenportal auf. Der Drang zur ganz großen Show ist unübersehbar und geht mit einem noch größeren Hang zur bloßen Behauptung einher. Es weiß spätestens seit René Pollesch eh jeder, dass am Theater gelogen wird, dass sich die dünnen Bretter biegen. Passend dazu intoniert Conférencier Kai Bartholomäus Schulze, eigentlich als Leonato, Gouverneur von Messina besetzt, auf der goldenen Showtreppe Leonard Cohens „Everybody knows“. Später darf er dann noch eine veritable Travestie als Kammerfrau Margaret hinlegen. Aufs gnadenlose Chargieren scheint er seit seinem Schluckspecht-Slapstick als notgeiler Bruder Lorenzo abonniert zu sein.

„That’s how it goes“ heißt es weiter bei Cohen. Vom blutigen Kreuz auf der Spitze des Kalvarienbergs bis zum Strand von Malibu ist alles absehbar. Drum nimm einen letzten Blick auf die heilige Liebe, bevor sie verweht. Und da das Paradies eh futsch ist, feiert es sich umso ungenierter. Das nutzt nun Mayenburg, um ein szenisches Feuerwerk der Verkleidungskunst zu entzünden und bläst zur großen Zitatschlacht in Videobildern. Da wehen Palmen in der Südsee, während Männer in GI-Kluft aus dem Krieg heimkehren um sich zu vergnügen und im Hintergrund eine Atombombe hochgeht. Aber allzu hoch will man das dann natürlich auch nicht gehängt wissen. Auf geht’s zum Maskenball der einsamen Seelen. Man nennt das hierzulande auch manchmal Fisch sucht Fahrrad. Und wenn das Fahrrad dazu noch eine goldene Kette trägt, will der Fisch auch kein Frosch sein.

Viel Lärm...6_Schaubühne Sept. 2013

Das Ensemble beim Applaus. – Foto: St. B.

„Teach me tiger, how to kiss you.“ säuselt Beatrice und Benedick entdeckt den Tiger im flauschigen Bettvorleger in sich. Darf aber auch mal Elvis the Pelvis sein. „I can’t help falling in love with you.“ Ein trefflich necken ohne anzuecken. Man sieht Claudio (Moritz Gottwald) und seine keusche Hero (Jenny König) als Tarzan und Jane und bei anderen Gladiatorenspielen. Die falsche Hero wird von Borachio (Bernardo Arias Porras) im Kingkong-Kostüm erst verführt und dann über die Dächer New Yorks entführt. Die Männer balzen und spielen Zombietennis, während die Frauen visuell viel und akustisch noch weit mehr zu bieten haben. In einer begnadeten Doppelrolle darf Robert Beyer den Prinzen Don Pedro und dessen halbseidenen Halbbruder Don John (Juan) mit Fledermausohren geben. Als Kinski-look-alike sieht man den intriganten Strippenzieher auf der Videoleinwand über einen Friedhof wandeln.

Eine Handlung hat das Stück natürlich auch noch, was hier aber nicht weiter stört, da eh alles aufs große Showfinale hinläuft. Nur so viel: Die Ehre der heroisch allen männlichen Tücken zum Trotz standhaltende Hero („Sometimes I feel like a motherless child“) wird mit List wieder hergestellt und der sich um die Jungfräulichkeit der Braut betrogen geglaubte Bräutigam Claudio kann nun die seine dazutun. Die Männlichkeit bekommt ihr Fett weg und gereimte Liebesbekenntnisse werden ausgetauscht. Jeder Topf kriegt seinen Deckel in passender Größe, und die Welt, wie wir sie kennen, dreht sich einfach weiter. Es singt und swingt so schön wie ehedem. Denn das ist eisernes Gesetz nicht nur am Theater: The Show must go on!

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Die bitteren Tränen der Petra von Kant – Patrick Wengenroth nimmt Fassbinders legendäres Kammerspiel unerwartet bitter ernst.

Während im großen Saal Hedda Gabler in Ostermeiers Ibsenhölle noch mit Duellpistolen spielt, lädt auch Patrick Wengenroth nebenan im Saal C zur Schlacht auf dem Fassbinder-Flokati unter einem großen dreiteiligen mit Rüschen besetzten Showportal. Hierhin ist er nach der vorgezogen grell-bunten Fassbinder-Kür Angst essen Deutschland auf im Studio der Schaubühne zur weitaus schwierigeren Pflicht umgezogen. Fassbinders psychologisches Kammerspiel aus dem Jahr 1972 mit Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Irm Hermann und Eva Mattes ist legendär. Die Latte liegt demnach hoch, ist doch auch Martin Kušej am Residenztheater München vor kurzem eine vielbeachtete Inszenierung gelungen. Ein komplettes Stück vom Blatt zu inszenieren, ist nicht der übliche Regiestil von Patrick Wengenroth. Mit Die bitteren Tränen der Petra von Kant macht er die Ausnahme zur Regel, und dennoch scheint zunächst alles wie gewohnt. In bunten Katzenkostümen treten er und sein langjähriger Mitstreiter, der Musiker Matze Kloppe, vor den Vorhang, auf den der Schatten einer großen Frauensilhouette geworfen ist, und intonieren Lovecats von The Cure. Das ist natürlich Ironie satt.

Schaubühne_Petra von Kant_Sept. 2013 (16)

Patrick Wengenroth als Marlene.
Foto: St. B.

Man ist sich auch im Folgenden nicht ganz sicher, ob das nicht doch eine Parodie werden soll. Und wenn ja, ist es zumindest eine sehr bittere. Wengenroth hat die ausschließlich weibliche Besetzung des Originals fast vollständig übernommen, nur die Mutter ist gestrichen. Jule Böwe spielt die mondäne Modedesignerin Petra von Kant. In einem Traum von Kleid mit langer Schleppe steht sie dort auf der Bühne, es fehlt lediglich noch die Zigarettenspitze, um an einen noch bekannteren Film zu erinnern. Lucy Wirth gibt im Wechsel das Frauchenklischee Sidonie von Grasenabb und das eigentliche Objekt der Begierde Karin Thimm. Patrick Wengenroth lässt es sich aber nicht nehmen, die stumme Rolle der Sekretärin Marlene im devoten Gouvernanten-Look selbst zu mimen. Die Kostüme sind mit Korsetts, Seidenstrümpfen und Strapsen zusätzlich sexuell aufgeladen. Wie schon Fassbinder spielt auch Wengenroth mit diesem Klischee.

Er liefert die stilgenaue Kopie des Films. Die Inszenierung atmet von den Kostümen bis zu den Frisuren das 70er-Jahre-Flair des Originals. Die eiskalten Worte mit denen die Protagonistinnen aus ihren kaputten Beziehungen berichten, lassen einem auch heute noch die Haare zu Berge stehen. Rasiermesserscharf schneiden sie die Luft. Als schmieriger Barpianist sitzt Matze Kloppe am Rand der Bühne und klimpert den Soundtrack zum fiesen Spiel. Es geht bei Fassbinder vordergründig um die Unmöglichkeit der bedingungslose Liebe auf Augenhöhe und emotionale, wie monetäre Abhängigkeitsverhältnisse, in die seine Figuren mehr oder minder freiwillig geraten. „Weil man leben muss, Petra. Und weil man arbeiten muss, wenn man Geld verdienen will, und weil man Geld braucht, wenn man lebt.“ sagt Sidonie. Nach Aktualität in der postmodernen kapitalistischen Gesellschaft muss man da eigentlich nicht mehr fragen.

Während Petra von Kant ein unklares Herrschaftsverhältnis zu ihrer Bediensteten Marlene pflegt, Wengenroth und Böwe tanzen wie im Film zu Smoke Gets in Your Eyes von den Platters, geht sie relativ bedingungslos in die Beziehung zur jungen, aufstiegswilligen Karin und beginnt so ein gefährliches Spiel, das sie nicht gewinnen kann. Immer mehr rutscht Petra, die eigentlich besitzen will, selbst in eine emotionale Abhängigkeit. Mit großem Einsatz geben Jule Böwe und Lucy Wirth das ungleiche Liebespaar, stöckeln, albern und rollen dabei ausgelassen über den rutschigen Untergrund. But Every Thing Must Change“ weiß ein weiterer Song. Der Mensch ist letztendlich austauschbar, „das muss man lernen.“ Als Karin bei der ersten Gelegenheit fremdgeht und sogar wieder zu ihrem Mann zurückkehrt, erfolgt nicht ganz unerwartet der Absturz aus dem siebten Himmel, auch wenn er vom Flokati noch relativ weich abgefangen wird.

Schaubühne_Petra von Kant_Sept. 2013 (14)

Das Ensemble beim Premieren-Applaus. Foto: St. B.

Kein Telefon, keine Puppen, nichts woran sich Jules Böwes Petra von Kant festhalten könnte, außer an ihrer Ginflasche. Daneben dient als einziges Requisit lediglich noch ein Tablett mit zwei Gläsern. Wenn das Telefon klingelt oder die Post zu holen ist, serviert Marlene immer wieder untertänig frisch gefüllte Gläser. Als Wiedergängerin des ganzen Beziehungselends schneit schließlich noch die Tochter Gabriele (Iris Becher) in züchtigem Gelb herein und berichtet der emotional am Boden liegenden Mutter Petra von ihrer banalen Teenagerliebe. Jule Böwes Gin-geschwängerte Schrei- und Heulorgie auf dem weißen Flokati, sie hat die Schnapsdrossel schon mehrfach an der Schaubühne geübt, ist dann ganz großes Kino oder auch Theater. Je nachdem, wie man‘s nehmen will. Sie kämpft sich tapfer durch die bitteren Tränen der Verzweiflung, was auch leicht in übertrieben, sentimentalen Kitsch abgleiten könnte. Denn Liebe ist kälter als der Tod.

Dass das bei Fassbinders völlig ernster, ironiefreier Vorlage nicht passiert, liegt wohl vor allem an der großartigen Frauenriege, die sich trotz strengem Korsett, ihre Freiräume erspielen kann. Auch Wengenroth geht diesmal wesentlich subtiler vor, drängt den Klamauk nicht in den Vordergrund. Allerdings emanzipiert er sich nur recht mühsam vom übermächtigen Vorbild. Wahrscheinlich sind sich die beiden Regisseure nicht nur im Aussehen sehr ähnlich. Schlussendlich ist es das Weggehen, das Ausbrechen aus der Enge des bürgerlichen Gefängnisses, was Fassbinder als Lösung anbietet. Selbst mit der Gefahr, direkt in die nächste Abhängigkeit zu schlittern. Auch die treue Dienerin Marlene verlässt Petra von Kant, als diese ihre Stärke aufgibt, Schwäche eingesteht und somit Marlene nicht mehr das bieten kann und will, was diese benötigt. Das sind natürlich ganz persönliche, autobiografisch gefärbte Eindrücke Fassbinders, nah am Klischee und nicht frei von bourgeoisem Dünkel. An Thomas Ostermeiers Schaubühne am Kudamm ist er damit jedenfalls bestens aufgehoben.

Einen Aufbruch ganz anderer Art gibt es dann auch bei Patrick Wengenroth. Anstatt ihren Koffer packt seine Marlene allerdings nur den Flokati und macht erst mal die Bühne frei. Wohin könnte man auch gehen? Stumm wird Marlene hier jedenfalls nicht bleiben. Was Wengenroth zu sagen bzw. singen hat, sollte man sich nicht entgehen lassen. „Jippie-Ya-Yeah“, Schweinebacke Fassbinder. Oder siegt bei Wengenroth etwa doch die Wa(h)re Liebe?

Der Text ist zuerst am 09.09.13 auf Kultura-Extra erschienen.

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... und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. - Foto: St. B.

… und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. – Foto: St. B.

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Viel Lärm um Nichts
von William Shakespeare
Deutsch von Marius von Mayenburg

Regie: Marius von Mayenburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Claus Erbskorn, Thomas Witte
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider

Pedro/John: Robert Beyer
Claudio: Moritz Gottwald
Benedick: Sebastian Schwarz
Beatrice: Eva Meckbach
Hero: Jenny König
Leonato/Margaret: Kay Bartholomäus Schulze
Borachio/Francis: Bernardo Arias Porras

Dauer: ca. 135 Minuten (keine Pause)

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Die bitteren Tränen der Petra von Kant
von Rainer Werner Fassbinder

Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Andy Besuch
Musik: Matze Kloppe
Licht: Erich Schneider

Mit: Jule Böwe, Lucy Wirth, Iris Becher, Patrick Wengenroth
Musiker: Matze Kloppe

Dauer: ca. 105 Minuten (keine Pause)

Termine unter: www.schaubuehne.de

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Non Stop Nonsens? Herbert Fritsch lässt es an der Volksbühne murmeln und Patrick Wengenroth beBILDert das Leben von Seite-2-Kolumnist Franz Josef Wagner im HAU

Sonntag, April 1st, 2012

„Murmel Murmel“ – Herbert Fritschs grandiose Spaß-Choreographie lässt Dieter Roths konkrete Poesie an der Berliner Volksbühne wiedererstrahlen

Der Aktions- und Objektkünstler Dieter Roth hat seit den 1960er Jahren unermüdlich sein ganzes Leben selbst zur Kunst gemacht. Er war ein Universalgenie und in fast allen Bereichen der bildenden Kunst zu Hause, wie auch als Lyriker und Schriftsteller tätig. Roth gehörte zu den Vertretern der sogenannten „Konkreten Poesie“, einer Mischung aus Schrift, Bild und Wort. Die Sprache dient dabei nicht mehr dem Sinn der konkreten Beschreibung von etwas, sondern wird selbst zur Kunstform. Wie Ernst Jandl oder H. C. Artmann hat auch Dieter Roth seine Werke wie z.B. die „Scheiße-Gedichte“ auf eine ganz spezielle Art vorgetragen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der ebenfalls als Universalkünstler bekannte Schauspieler, Filmemacher und Theaterregisseur Herbert Fritsch sich auf das Werk Roths stürzen würde, um es dem Vergessen zu entreißen. Nun hat er sich tatsächlich Roths einzigem Theaterstück namens „Murmel“ gewidmet, das aus eben diesem einzigen Wort besteht. „Murmel“ ist im Stile der „Konkreten Poesie“ verfasst und stellt eine Art Künstlerbuch dar, das Roth im Jahr 1974 im Eigenverlag herausgebracht hat. Den ganz speziellen Wort- und Bildrhythmus hat Fritsch in der Berliner Volksbühne nun in eine Art musikalisch choreographiertes Bild-, Ton- und Bewegungstheater übersetzt. Und auch die Zeit der Sofas und Trampoline, wie noch zuletzt beim „Raub der Sabinierinnen“ am Thalia in Hamburg oder letztes Jahr bei der „(s)panischen Fliege“ an der Volksbühne selbst, scheint vorbei zu sein. Die Bühne zeigt zu Beginn keinerlei Requisiten dieser Art.

volksbuhne_murmel-murmel.jpg Foto: St. B.

Für seine Inszenierung „Murmel Murmel“ hat Herbert Fritsch ein Bühnenbild aus monochromfarbigen Portalen und Wänden gebaut, empfunden nach Roths früher Op-Art-Phase, die sich rahmenartig ineinander verschachteln können. Bildräume entstehen und verengen sich wieder im Rhythmus des Musikers Ingo Günther, der wiederum die 11 Schauspieler auf der Bühne dirigiert. Der Sound besteht aus Marimbaphonklängen und dem mitunter treibenden 60th-Beat einer Hammondorgel. Aus den 50er und 60er Jahren sind auch die Kostüme. Die Herren tragen Anzug und Hut, die Damen Kleider und auftoupierte Perücken. Erst einzeln schüchtern, dann im Pulk wagen sich die Murmler an die Rampe und dann geht es auch schon los: „Murmel, Murmel, Murmel…“ intoniert man solo oder in ganzen Murmler-Chören, stehend, laufend oder in den Orchestergraben stürzend. Es gibt einen Murmler-Catwalk, Rampen-Murmler in Gruppenpose, Murmelhaucher, -brüller und einen ganzen Murmler-Choral. Murmel Murmel über alles und überall, sogar, was Wunder, in der Hose der männlichen Murmler. Dem assoziativem Slapstick sind keine sinngebenden Wort-Grenzen mehr gesetzt. Hier trifft Buster Keaton auf Jacques Tati, die Marx-Brothers auf Stan und Olli, zusammengehalten durch den Takt der Musik und den Drang das eine Wort loszuwerden. Und dabei ist Murmel nicht gleich Murmel, in der Wiederholung verliert das Wort seine Form, zerdehnt sich, geht in eine andere über und schnippst schließlich wieder in die ursprüngliche Lautformung zurück.

Was auf den ersten Blick klar wirkt, scheint, einer optischen Täuschung gleich, auf den zweiten und dritten nicht mehr das zu sein, was es vorgibt. Ähnlich ist es mit dem gesprochenen Wort. Was sich dahinter tatsächlich verbirgt, entsagt durch mehrfache Wiederholung oft der gewohnten Wahrnehmung, wird zur surrealen Absurdität. Das scheinbar abgründig Absurde, was Andrea Breth in ihren Zwischenfällen mit Texten von Courteline, Cami und Charms gesucht hat, abstrahiert Fritsch mit der Murmelei von Roth ins absolut sinnfreie Dada. Nachdem Fritsch das eine Weile so hat durchspielen lassen, verschwinden die elf Murmler hinter der Bühne. Durch einen Gazevorhang sieht man die Schattenrisse sich umkleiden. Dann hüpfen alle in engen neonfarbenen Gymnastikanzügen mit Tutus zu einem Murmel-Ballett über die Bühne und machen noch ein paar pantomimische Turnübungen. Dabei tragen sie weiße Masken mit den Zügen des Regisseurs. Fritsch elf mal verkörpert vom dienstbaren Ensemble, das sich sichtlich dankbar für diesen sinnfreien Spaß nicht zu schade ist. Wenn es einem dann doch endlich so vorkommt, als sei das Wort und der Abend endgültig überdehnt, dreht Fritsch plötzlich ab und die Darsteller gehen ansatzlos zur Applausordnung über, verschwinden und kommen hinter den Wänden wieder hervor, bis der Meister schließlich selbst auf der Bühne erscheint und die Maske fallen lässt. In der Kürze liegt die Würze. Das weiß der schlaue Murmel-Fuchs Fritsch und nimmt nach gut einer Stunde und 15 Minuten Applauszugabe die Murmel aus dem Maul und gibt sie an das gut gelaunte Publikum weiter. Mehr Worte brauchte es nicht dafür, als „Murmel, Murmel…“

Murmel Murmel an der Volksbühne wieder am:

Sa 07.04., Sa 14.04., So 22.04., So 29.04., So 13.05. und So 20.05. jeweils um 19:30 Uhr

Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme Victoria Behr, Musik: Ingo Günther, Dramaturgie: Sabrina Zwach.
Mit: Florian Anderer, Matthias Buss, Werner Eng, Jonas Hien, Simon Jensen, Wolfram Koch, Annika Meier, Anne Ratte-Polle, Bastian Reiber, Stefan Staudinger, Axel Wandtke und Ingo Günter (am Marimbaphon).

murmel-murmel.jpg  Dieter Roth: Murmel.
Reykjavik, Rikisprentsmidja Gultenberg, 1974. 176 Seiten im Buchdruck. 18 x 12 cm. Fadenheftung, broschiert, Papier gebräunt. Gefunden bei AbeBooks, Preis: 600,00 bis 923,87 € (signiert)

Das Leben

Wenn sich das Leben richtet
nach dem Falle wieder auf,
hab ich die Falle schon gesichtet
und haue dem Leben eins drauf

Dieter Roth aus „Frühe Schriften und typische Scheiße“ Sammlung Luchterhand 1973, 1975 neu herausgegeben von Edition Hansjörg Mayer, Stuttgart London Reykjavík

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„Katarakt“ / „Brief an Deutschland“ – Patrick Wengeroth verschränkt die Autobiografie des „Gossen-Goethe“ und „Gaga-Kolumnisten“ Franz Josef Wagner mit dem Lebensmonolog eines alten Mannes von Rainald Goetz im Berliner HAU 2

Zum 100. Todestag von Karl May erinnert sich Franz Josef Wagner in seiner gestrigen Kolumne „Post von Wagner“ an seine ersten Leseerlebnisse unter der Bettdecke. Er lernte in der Sprache der Wilden was Gott heißt – Manitou – und das Rothäute edel waren. Wagner hat mit 8 Jahren Winnetou ein Happy-End geschrieben. „Howgh, ich habe gesprochen“. Besser kann man nicht beschreiben, wie aus dem Karl-May-Fan, der immerhin auch Fallada, Salinger und Hemingway verehrt, der berühmt-berüchtigte Kolumnist auf der ersten (Innen)-Seite der Bild-Zeitung wurde. Sein großes Vorbild ist der damalige Bild-Chef Peter Boenisch, den er stets um seine Fähigkeit der kurzen und prägnanten Schlagzeile beneidete. Boenisch hatte es immerhin zum Staatssekretär und Pressesprecher unter Helmut Kohl gebracht. Wagner war Bild-Journalist, Mitbegründer der Super-Illu, Bunte- und B.Z.-Chefredakteur. 1992 setzte er das erste Ost-Boulevard-Blatt „Super!“ bereits nach einem Jahr in den märkischen Sand. Seit 2001 genießt Wagner als Chefkolumnist bei Bild und Welt am Sonntag (bis 2005) sein journalistisches Gnadenbrot beim Axel Springer Verlag.

Den Tod seines Ex-Chefs Peter Boenisch, der 2005 an Prostatakrebs starb, und auch das tragische Ende von dessen Frau, walzt Wagner nun in seiner Autobiografie „Brief an Deutschland“ (Diederichs, 2010) in plattester „BILD“-Manier breit. Er zeigt dabei das journalistische Feingefühl einer Dampframme, die anstatt mit Öl, mit triefendem Seelenschmalz geschmiert ist. Wagner trieb immer die Sorge um seine literarische Wirkung an, eine lebenslange verzweifelte Suche nach dem ersten Satz. Das hat ihn allerdings nicht daran gehindert ein paar Romane zu schreiben, von denen „Das Ding“ 1978 mit Uwe Ochsenknecht in der Hauptrolle von Uli Edel sogar verfilmt wurde. Vom ersten großen Geld kaufte sich Wagner dann einen Porsche, den er aber nicht vor dem Haus seiner Eltern parken durfte. Das sein Erfolg, nach Jahren des Umhertingelns in Europa und als Kriegsberichterstatter in Vietnam und dem Nahen Osten, von den Eltern nicht anerkannt wurde, scheint Wagner heute noch zu wurmen. All das erfahren wir nun, wenn es nicht bereits bestens bekannt ist, in Patrick Wengenroths Nummernkabarett über Franz Josef Wagners Leben im HAU 2.

HAU 2, Foto: St. B. hau-2_katarakt.JPG

Damit die etwas zu lang geratene Kolumne „Brief an Deutschland“ nicht zum drögen Monolog wird, hat sich Wengenroth mit seinen langjährigen Mistreiterinnen Vivien Mahler, Verena Unbehaun sowie mit Niels Bormann von der Schaubühne Verstärkung auf die Bühne geholt, die mit Nachbildungen West-Berliner Wahrzeichen wie der Gedächtniskirche, dem Funkturm, Brandenburger Tor und dem Flugbrückendenkmal ausgestattet ist. Musikalisch wird der Abend durch die Band „Ja, Panik“ begleitet, die mit „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.“ den passenden Soundtrack beisteuert. Gemeinsam sind die vier Schauspieler nun Alter Egos von Franz Josef Wagner, erzählen Anekdoten aus dessen Buch und fallen sich dabei immer wieder gegenseitig ins Wort. Geboren als Flüchtlingskind, aufgewachsen an einem Sarg in dem die „Leiche Deutschlands“ lag, schwärmt Wagner von seiner Mutter, die sich mit dem spät aus dem Krieg heimgekehrten Vater im Vorgarten des Regensburger Reihenhaus streitet. Vivian Mahler steigt dazu in einen Mutter-Courage-Mantel. Eine weitere Station aus Wagners Lebensbeichte ist ein Treffen mit Sartre in Paris (Verena Unbehaun im Muppet-Marsianer-Kostüm), dem er sein neustes Gagarin-Gedicht vorträgt: „Oh Gagarin, sag uns die Wahrheit, sind die Marsmenschen schöner als wir?“ (Niels Bormann in Dichterpose). Noch besser ist der Versuch des jungen W. an Hiroshima: „Oh Atomium, oh Radioaktivität, alle Fische ungenießbar.“, schnell auf den Block eines Kellerns verewigt. Mehr von dem auf 13 Verse angelegten Gedicht ist leider nicht überliefert.

Für große Heiterkeit sorgen auch die Erinnerungen an Treffen mit Andreas Baader in Schwabings Kneipen und Wagners erstes Interview mit dem 17-jährigen Wimbleton-Sieger Boris Becker. Niels Bormann mit roter Perücke und offenem Hemd wird dabei von Vivian Mahler regelrecht abgeschleckt. Fruchteis schleckt auch das Mädchen auf Seite 1, dem Wagner in seiner Kolumne nachweint: „Lieber Chefredakteur, mir fehlt dieses Mädchen auf Seite 1, das lebt, liebt … und lutscht“ dichtet Wengenroth dazu. In Highheels und Tangerslip rekelt er sich auf einer Videoleinwand oder läuft als Goldelse über die Bühne. Fürs Regietheater hat Wagner dagegen wenig  übrig: „Liebe deutsche Theaterregisseure, auf euren Bühnen wird geschissen, gefurzt, onaniert und Urin getrunken… Warum, frage ich mich, subventionieren wir die Theater, wenn doch jeder Porno-Shop das Gleiche bietet?“ Passend dazu gibt Wengenroth eine kleine Kotzschlauchpersiflage auf die Falladainszenierung am Gorki. Und so wird zu jedem noch so peinlichen und pathetischen Satz Wagners das passende Bild erzeugt. Wagner erreicht allerdings mit seinen schlappen Polemiken täglich Millionen, während Wengenroth angefangen mit der Off-Theater-Produktion „Planet Porno“ einige Jahre brauchte, um nun seine Satiren im subventionierten Theater vor einigen wenigen Eingeweihten zu zelebrieren.

Nach gut 90 Minuten ist Schluss mit lustig, die Band packt ein und die Wagner-Darsteller trollen sich. Auf der Bühne steht nun allein die Schauspielerin Eva Löbau und hält eine ganz andere Art von Monolog. Als Widerpart zum emotionalen Bauch-Menschen und Stammtisch-Schwadroneur Wagner hat Wengenroth den intellektuellen Kopf-Chaoten und Pop-Poeten Rainald Goetz gesetzt. Beide eint eine rege Mitteilsamkeit über Gott und die Welt, Wagner mit seiner Bild-Kolumne und Goetz in seinem Onlinetagebuch „Abfall für alle“ oder dem Blog „Klage“, das er für ein Jahr auf der Website der Illustrierten Vanity Fair führte. Das „Loslabern“ von Goetz unterscheidet sich aber wesentlich von dem Wagners und so ist „Katarakt“ ein wagemutiges Kontrastprogramm, dem bei der Premiere nicht alle Zuschauer mit der nötigen Engelsgeduld folgen mochten. Patrick Wengeroth scheint eine gewisse Affinität zu Rainald Goetz zu besitzen, bereits in seiner Persiflage auf Karl Kraus´ „Die letzten Tage der Menschheit“ 2010 am HAU 2 hat er aus Goetz´ berüchtigter Klagenfurter Skandallesung vorgetragen. Goetz ist übrigens gerade mit dem Berliner Literaturpreis zu fast unverhofften Ehren gekommen. Der Preis ist mit der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ an der Freien Universität Berlin verbunden. Antrittsvorlesung ist am 10.05.2012 im Hörsaal 1b der Rostlaube an der Habelschwerdter Allee 45.

goetz_klappenfoto.jpg Rainald Goetz, Foto: Suhrkamp Verlag

In Goetz´ 1993 in Mülheim preisgekröntem Theatermonolog versucht ein alter, vermutlich einsamer Mensch, sich auszudrücken, seine innersten Gedanken einem imaginärem Publikum mitzuteilen. Er kommt dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, reißt vieles an, führt nichts zu Ende aus. Dem einerseits folgt stets ein anderseits, er fällt sich selbst in den Gedanken und verwirft alles als Quatsch. Man kann diese Lebensklage als Wagners eigene Reflexionen zu dessen unausgegorenen, sich oft widersprechenden und mit viel Halbwissen angereicherten Ergüssen ansehen, es kann sogar wie ein Nachruf auf dessen gesamtes Wirken gelesen werden. Wengeroth lässt das offen. Er versucht den sprunghaften Wagner mit Goetz´ intellektuellem Nonsens-Text zu entschleunigen und hat mit Eva Löbau auch die kongeniale Darstellerin dafür gefunden. „Wenn man sich sonst nicht bewegt, hört man sogar das Öffnen und Schließen der Augenlider.“ Sie trägt aber den Monolog recht locker mit einer gewissen naiven Impulsivität vor, steigt gestikulierend auf die erste Stuhlreihe und verteilt freundlich auffordernd Bierflaschen. Allein es hilft nichts, nach 2 ½ Stunden ist man trotzdem ziemlich ausgelaugt und wenn man sich nicht schon ein Bier von der Bühne geangelt hatte, strebt man durstig der Premierenparty entgegen. Fazit: „Hm, na ja.“ Kann man so machen, aber anderseits…

Rainald Goetz: „Katarakt“ auf voxpulpi.blogspot.de

Katarakt / Brief an Deutschland im HAU 2 wieder am:

01.04. und 02.04. jeweils um 20:00 Uhr

Regie: Patrick Wengenroth, Musik: Ja, Panik, Bühne: Masha Mazur, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Licht: Hans Leser, Dramaturgie: Friederike Heller
Mit: Eva Löbau, Vivien Mahler, Verena Unbehaun, Niels Bormann und Patrick Wengenroth

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Gott ist tot und fährt U-Bahn – „Also sprach Zarathustra“ und „Der Penner ist jetzt schon wieder woanders“ auf den Studiobühnen der Schaubühne und des Maxim Gorki Theaters

Mittwoch, Januar 18th, 2012

Gott ist tot! Das ist spätestens seit Friedrich Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“ jedem bekannt. Nun zeigt er sich doch noch einmal in der Berliner U-Bahn, wenn auch nur in Form eines schmierigen Schlagersängers (Wolfgang Hosfeld), der Udo Lindenberg intoniert und ein Stepptänzchen zum besten gibt. Und genau wie der keine Herzen reparieren kann, weiß Gott auch keine Antwort auf die großen Fragen der Menschheit. Außer den Lottozahlen und ein paar Bibelsprüchen hat er weiter nichts zu sagen und empfiehlt die Lektüre von „The Maracot Deep“, einem utopischen Roman von Sir Arthur Conan Doyle über das sagenhafte Atlantis und den Sieg des Guten über das Böse. Was sollen einem auch schon die Antworten auf die letzten großen Fragen, wenn man noch nicht einmal weiß, was sich auf dem Meeresgrund abspielt. Das ist den beiden schrägen Typen Andrej und Igor (Anne Müller und Matti Krause) dann doch zu viel und nachdem sie während der U-Bahnfahrt zu ihrem Dealer bereits einen Verleger, einen Sprayer mit Rastalocken, eine Nazi-Oma und ein sächsisch schwäbelndes Touristenpärchen gekillt haben, muss nun auch noch Gott dran glauben.

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Der ganz normale Wahnsinn, täglich in der U-Bahn.
(Biennale Venedig 2011, Arsenale) Foto: St. B.

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Wer, wie, was – Wieso, weshalb, warum – Sei schlau, bleib lieber dumm!

Sonntag, Oktober 24th, 2010

In Patrick Wengenroths herrlicher Farce auf Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus im HAU 2 liegt die Silk-Ecke von Wien mitten auf der Sesamstraße.

Karl Kraus` Lesedrama „Die letzten Tage der Menschheit“ sollte für ein Marstheater gedacht sein, „…Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten.“ Er hatte darin den 1. Weltkrieg dokumentiert, eine Montage von originalen Zitaten und Kommentaren mit unzähligen realen und fiktiven Figuren in über 200 Spielszenen. Ein Werk was in 5 Akten mit Vorwort, Vorspiel und Epilog an die 10 Abende zur Aufführung gebraucht hätte. Kraus ein Meister der satirischen Zeitkritik, hatte hier eine fast unglaubliche Realsatire über den Wahnsinn des Krieges verfasst. Wenn nun einer in Sprache und Ideenreichtum ebenso versierter aber in seinen Mitteln mit Sicherheit nicht in die Fußstapfen des ewigen Moralisten Karl Kraus tretender Theaterberserker wie Patrick Wengenroth sich dieses unspielbaren Dramas annimmt, was könnte dann nicht alles daraus werden?
Wir sitzen vor einem riesigen Gerüst, das mit einem roten Vorhang verkleidet ist. Patrick Wengenroth liest im Frack von oben herab das Vorwort von Karl Kraus. Der Vorhang wird aufgezogen und gibt eine an ein Kasperletheater anmutende Bühne über unseren Köpfen frei. Es treten nun Muppet-Figuren wie Sam der amerikanische Adler auf, Bart Simson oder Puppen aus der Sesamstraße wie Ernie und Bert, die das Aufhängen von Minderjährigen diskutieren, eine der vielen bösen kleinen Szenen bei Karl Kraus. Die Soldaten in T-Shirts mit Aufschriften wie Multikulti ist tot, Ich bin fremd im eigenen Kiez und Gott strafe England, tragen Kochtöpfe als Helm. Alle bei Kraus schon absurd überzeichnete Figuren sind hier nochmals überhöht und extreme Karikaturen des lächerlichen nationalen Wahns und Patriotismus. In persona tritt natürlich die österreichische Feuilletonredakteurin Alice Schalek auf. Sie war die einzige weibliche Kriegberichterstatterin und schrieb für die Wiener Neue Freie Presse, ein Blatt des liberalen Bildungsbürgertums, das Kraus für seine patriotische Berichterstattung immer wieder kritisierte. Hier erklärt sie den Patriotismus wie ein Gaststar der Sesamstraße. Die Schalek zieht sich durch das Werk wie die Szenen des Optimisten und des Nörglers, in der sich Kraus selbst darstellte. Bei Wengenroth findet das irgendwann unter der Bühne statt, im Stile einer Diskussion unter Intellektuellen, die auch einfach mal die Standpunkte vertauschen. Die Medienkritik ist schließlich auch das Thema von Wengenroth. Sam der amerikanische Adler tritt als Moralapostel auf und liest angestrengt in der FAZ. Es gibt immer wieder solche Anspielungen in den original von Karl Kraus entnommenen Spielszenen.
Zu einer bitterböse Satire auf die viel diskutierte Leitkultur, wird die Szene, wenn wie bei Kraus, Ordnungshüter fremdsprachige Aufschriften von Läden und Lokalen entfernen und sich dann selbst in der von Fremdwörtern nur so strotzenden österreichischen Sprache verheddern. Österreich bekommt sein Fett genauso weg wie Deutschland. Ein wichsender Bayer und ein besoffener Österreicher karikieren den Spießbürger und das neue Nationalgefühl „…wos hom denn Sö fürs Votterland geleisteet? Legimitiern S‘ Ihna! Vur mir!“ Ein reinstes Stahlgewitter der Lächerlichkeit bietet dann noch eine Ernst-Jünger-Karikatur als Bodybilder. In den Rollen des Normalessers und des Starkessers in herrlichen Fatsuits, werden immer wieder die von Intellektuellen wie etwa Alfred Kerr im 1. Weltkrieg patriotisch umgedichteten Klassiker von Goethe dargebracht. Wanderers Nachtlied wird da auch zu einem sicher nicht ungewollten Seitenhieb auf Thilo Sarrazin. Überhaupt hat Wengenroth sich auf das Aktuelle in den Szenen von Karl Kraus konzentriert und so einen ebenso schrägen wie klugen Abend zusammengebastelt. Ein großes Kompliment gilt den Darstellern, die das alles mit einem unglaublich körperlichen Einsatz präsentieren. Das ist sicher nichts für Karl-Kraus-Puristen, macht aber großen Spaß beim Zusehen. Unterstützt wird der Abend noch musikalisch von der Band „Die Türen“, die die Szenen immer wieder mit ihren Liedern wie „In die Stadt“ oder „Sei schlau, bleib dumm“ kommentieren.
Am Ende geht die Welt zwar nicht unter, aber nachdem das Gerüst vom Vorhangstoff befreit ist, steht das Theater zeimlich nackt da, zwei Sado-Maso-Figuren sprechen die letzten Kraus-Texte. Das Schlusswort hat wieder Wengenroth, er liest den Subito-Text von Rainald Goetz: „Ich schneide ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen.“ Ein medial aufbereiteter Skandal 1983 in Klagenfurt, damals noch Aufruf für mehr Authentizität in der Literatur, heute ein Verweis auf den Zustand der Kultur, die zum Popevent verkommen ist. In Goetz Text tritt der bekannte Poptheoretiker Diedrich Diederichsen als Neger Negersen auf. „Nein, nein nein, immer alles zerschlagen,…“ sagt da Raspe, das Alter ego von Rainald Goetz. „Ja, sagte Neger Negersen, dann hast du die Identität, die Stabilität, und am Ende sogar noch einen Sinn.“ Der Sausinn wird wie bei Rainald Goetz auch von Patrick Wengenroth letztendlich verweigert. Das alles ist nicht ganz ohne Selbstironie, da Wengenroth, einst Rebell des Planet Porno, längst selbst in der Kulturinstitution Theater angekommen ist. Es wird noch ausgiebig getanzt, danach geht es sicher übergangslos zur Premierenfeier. Das mediale Ende der Menschheit ist nah, Patrick Wengenroth hat den Vorhang für die letzten Tage schon mal für zwei kurzweilige Stunden aufgezogen.

noch bis zum 27.10.10 im HAU 2

Was! Ist das episches Theater? Von und mit Patrick Wengenroth an der Berliner Schaubühne, nach Texten von Bertolt Brecht

Freitag, März 26th, 2010

Was! Ist das Episches Theater? Das wird die große Frage dieses Events bleiben. Patrick Wengenroth ist und bleibt ein großer liebenswerter Kindskopf. Wir befinden uns bei ihm mitten in einem verrückten Sit-in zum Theater des wissenschaftlichen Zeitalters. Es soll nicht um Brechts Stücke gehen, sondern um seine theatertheoretischen Schriften. Wengenroth hat sie sicherheitshalber gleich mal mitgebracht, vergisst Sie aber auch sofort wieder. Da wird im Brecht-Blaumann demonstriert, plakatiert, referiert, reflektiert, zur Schau gestellt oder was auch immer Wengenroth so zum Epischem Theater eingefallen ist, vor oder hinter der Gardine vorgeführt. Kein Klischee lässt er aus und niemand wird verschont. Vor allem nicht die Lachmuskeln der Zuschauer, wenn Größen wie Campino oder Klaus Maria Brandauer von ihm durch den Kakao gezogen werden und er aus ihrem Drei-Groschen-Heft-Brechterlebnisbuch zitiert, oder Milva beim Vortragen Brecht-Weill-Songs vor lauter Einfühlung auf dem Boden landet. Das Ganze ist von A bis Z ein riesiger Trash, aber es funktioniert, auch wenn alle die ernsthafte Erklärungen erwartet haben, gnadenlos enttäuscht werden. Dass Brecht auch ein gekonnter Plagiator war, will uns Wengenroth dann am aktuellen Beispiel deutlich machen. Helene Hegemann im Boxring mit sich und ihren Untermietern im Kopf kämpfend, selbst die erste Szene Axolotl Roadkill auf der Bühne erspart uns Wengenroth höchstpersönlich nicht. Dagegen dann der Aufmarsch der Leipziger Aufrufer der Entrüsteten in Mutter-Courage-Kostümen mit roter Fahne. Es gibt auch immer wieder brauchbare Realsatire für solche Typen wie Wengenroth, der das dann gnadenlos verwurstet in dieser himmelschreiend komischen Kopfgeburt. Das da Angela Winkler als angekündigter Stargast offensichtlich keine Lust hatte, als die Persiflage ihrer eigenen Mutter Courage aufzutreten und dem Abend ferngeblieben ist, kann man gut nachvollziehen. Eines hat dieser Versuch aber wieder mal bewiesen, man kann noch so derb auf Brecht herum klopfen, er ist einfach nicht platt zu kriegen. Das war nicht nur Brecht mit Über- sondern mit Vollschuss. Einfach Klasse!