Archive for the ‘Peter Hacks’ Category

„Ich bin wohl, … Alle Wetter sind schön“ – Johanna Schall inszeniert Peter Hacks‘ Monodrama über die vom Weimarer Klassiker-Genie Goethe verlassene Frau von Stein am Renaissance-Theater Berlin mit Annika Mauer in der Hauptrolle

Montag, Februar 8th, 2016

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Der Dramatiker, Lyriker und große Essayist Peter Hacks wird heute nicht mehr allzu oft auf den großen Bühnen der vereinten Bundesrepublik gespielt. Zuletzt führten 2010 Jürgen Kuttner und Tom Kühnel sein DDR-Produktions-Stück Die Sorgen und die Macht ganz erfolgreich an den Kammerspielen des Deutschen Theaters auf. Ein weiteres, zeitloses Erfolgsstück ist aber mit Sicherheit das 1974 uraufgeführte Monodrama Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe. Nicht nur dafür umarmte den sozialistischen Dichter Hacks sogar das bürgerliche Feuilleton, und der verstorbene F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher tönte 2008: „…er ist unser“. Wobei noch zu klären wäre, wen Schirrmacher eigentlich genau mit „unser“ meinte.

Peter Hacks - (c)Bundesarchiv-Bild-183-R1202-328-CC-BY-SA-3.0

Peter Hacks – (c)Bundesarchiv-Bild-183-R1202-328-CC-BY-SA-3.0

„Kommunismus ist, wenn Shakespeare verstanden wird.“ – verständlicher ist Peter Hacks nicht zu haben. Und das ist nur eines seiner vielen apodiktischen Bonmots, die der 2003 als wahrscheinlich letzter seines Schlages Verstorbene für die Nachwelt hinterlassen hat. Ein anderes lautet: „Haltungen kann man nicht erläutern; Haltungen nimmt man ein.“ Der Meister der sozialistischen Klassik ist vor allem für seine Forderung, eine Haltung zu bewahren, erst zum Klassiker geworden. Und dass als Vorbild seiner Klassik nur der Weimarer Dichterfürst Goethe in Frage kam, machte Hacks unmissverständlich klar: „Die Kunstrichtung der Klassik bestand aus einem einzigen Autor, Goethe.“

Und so steht es dann auch im erwähnten Monodrama über das abwesende Genie: „Weimar, das ist Goethe.“ Dass er erst in der Weimarer Gesellschaft zum Dichter reifen konnte, legt Hacks zumindest nahe und der Erzieherin des zunächst flegelhaften und zu domestizierenden Genies, Charlotte von Stein, in den Mund. Fakt ist, dass die Beziehung vor allem für Goethes Werdegang von Vorteil war. Dass er 1786 nach elf Jahren den ihn einengenden Verhältnissen am Weimarer Hof ohne Abschied entfloh, empfand die Verlassene daher auch als persönlichen Affront. Ganze fünf Akte lang lässt sich die adlige Dame über die Macken des Dichters aus. Hacks hat Material aus Briefen beider und auch aus persönlichen Quellen zu einer hochpoetischen Suada gemixt, in die er sogar sein Verhältnis zum Intimfeind Heiner Müller und dessen Frau, der Lyrikerin Inge Müller, gedanklich mit hineinschrieb.

Denn: In dem Genie des abwesenden Herrn von Goethe sah Hacks niemand anderen als sich selbst und in der sich etwas zickig gebenden Frau von Stein die Personifikation einer feudalabsolutistischen und reaktionären Gesellschaft als Hindernis für ein sich frei entfaltendes Künstlertum bzw. im Umkehrschluss bezogen auf die DDR auch deren sich bisweilen selbst absolutistisch gebende Kulturpolitik – wenn nicht gar die Partei oder den Staat selbst, dem Hacks in herzlicher Hassliebe verbunden war. Gleichwohl eine unerfüllte Zuneigung, die Hacks dennoch bis zum bitteren Ende des Sozialismus pflegte und sich seinem Objekt der Begierde auch nicht durch vorzeitige Flucht entzog. Im Gegenteil – er weinte noch in Gedichten einem ihrer Bollwerke als „der Erdenwunder schönstes“ nach. Ein paradoxer Widerspruch, der sich durch den Wegfall der DDR nur noch verschärft haben dürfte. Das alles muss man im Hinterkopf behalten, will man Hacks Stück verstehen oder es gar aufführen. Es ist ein nach wie vor hoch politisches und selbstreferenzielles Werk. Trotzdem bleibt da immer auch reichlich „Spiel“-Raum für Interpretationen.

 

(c) Renaissance-Theater

(c) Renaissance-Theater

 

Hätte der Meister der sozialistischen Klassik einen Ort für die Umsetzung seiner Pläne für ein sozialistisches Hoftheater bestimmen können, dann wäre es zweifellos das Deutsche Theater Berlin mit seiner neoklassizistischen Anmut gewesen, auch wenn man im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt in schönster Regelmäßigkeit noch immer Hacks‘ Monodrama von der Frau von Stein und dem abwesenden Genie aufführt. Hätte, wäre, wenn – ist aber nicht. Nun, das Renaissance-Theater ist auch nicht zu verachten. Wenn schon nicht Klassik, dann wenigstens Renaissance. Jedoch niemals nicht Romantik. Nun will es der Zufall, dass Darstellerin und Regisseurin beide einst am Deutschen Theater beschäftigt waren. Annika Mauer hat schon seit geraumer Zeit ihr Arbeitsasyl am Charlottenburger Renaissance-Theater gefunden. Und sie ist mit Sicherheit nicht nur ein Ersatz für die Anfang letzten Jahres aus Krankheitsgründen von der Rolle zurückgetretene Dagmar Manzel. Was Regisseurin Johanna Schall betrifft, so führt sie hier nach einer gefühlten Ewigkeit wieder mal Regie in Berlin.

Frau Schall setzt in Kostüm und Bühnenbild voll auf ironisierendes Zeitkolorit. Annika Mauer trägt Blümchenreifrock, Strickjäckchen und Rokoko-Perücke. Das wirkt ein bisschen putzig aber auch passend spießig. Im Lehnsessel am Fenster sitzt nicht wie bei Hacks eine Puppe des Freiherrn von Stein, sondern hängen nur locker ein paar Kleidungsstücke. Links steht ein Spinett und rechts eine etwas angeknabberte Büste des jungen Dichters. Auch der Scherenschnitt von Charlotte von Stein, der Goethe einst auf die Dame aufmerksam machen sollte, hängt an der Wand. Weimarer Klassik dürfte ihr allerdings Wurscht sein, und Annika Mauer legt sofort los, den „berühmtesten Grobian“ vorzuführen. Das macht sie ganz ordentlich, zu weilen auch etwas zu ranschmeißerisch. Allerdings spielt hier ja jemand jemanden, der eine Rolle spielt, Publikum braucht und dankbar gefunden hat.

Goethe auf einer Postkarte-nach-einem-Gemälde-von-Georg-Oswald-May 1779 - Wikipedia

Goethe auf einer Postkarte nach einem Gemälde von Georg Oswald May 1779 – Wikipedia

Hacks selbst spielt nur als Textlieferant eine Rolle. Goethe als Genie ist ebenfalls abwesend. Er bleibt zunächst noch Mann, auch wenn er über den Dingen zu schweben scheint. Und auch der ungeliebte Ehegatte von Stein bekommt sein Fett weg, und das in recht deutlichen Worten. Ob hier nun ein Lustspiel aufgeführt wird oder eine verdrehte Emanzipationsposse, wird nicht ganz klar. Annika Mauer rollt die Worte, flötet „Lieböö“ oder schnarrt vom „Wettterrr“ und stottert gekonnt die gesetzten Versprecher beim Vortragen des geflunkerten Liebesakts. Immer wieder holt sie aus einer demonstrativ lang ausziehbaren Schublade Goethes Briefe. Erst leis, dann immer lauter klingt das Posthorn und kündigt die finale Pointe an. Hier schlägt das Genie Goethe/Hacks zurück. Aus dem erhofften Heiratsantrag wird nichts. Aber Goethe fühlt sich wohl und: „Alle Wetter sind schön.“

Die Stein reißt Goethes Kiste wie ein Westpaket auf, umtänzelt den Tisch mit der italienischen Herkulesstatue, lässt diese aber – wie schon zuvor die vom Universalgenie bemalte Kaffeetasse – fallen. Das wird hier aber weder ein großes Scherbengericht noch ist es eine Gesellschaftstragödie mit Frau von Stein in der Hauptrolle einer gescheiterten Heldin von gestern, die nach Fassung ringt. Jedoch nach hinten raus ein durchaus starkes Psychogramm, dem Annika Mauer nach der Pause noch ein paar mehr Facetten abringen kann. Und das muss der Neid ihr mindestens lassen, darin bleibt sie unbestrittene Siegerin über die etwas unentschiedene Regie.

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Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe (02.02.2016)
von Peter Hacks Regie: Johanna Schall
Bühne: Horst Vogelgesang
Kostüme: Petra Kray
Dramaturgie: Gundula Reinig
mit Anika Mauer als Charlotte von Stein
Premiere war am 31. Januar 2016 im Renaissance-Theater Berlin
Termine: 19., 20., 21.02. / 02., 03., 04., 30. und 31.03.2016

Infos: http://www.renaissance-theater.de/

Zuerst erschienen am 05.02.2016 auf Kultura-Extra.

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Hüben wie drüben – Kunst im Schatten der Mauer, ein paar liebgewonnene Tote und jede Menge Jahrestage

Samstag, August 13th, 2011

berliner_mauer_gedenkmarkierung_doris-antony-put-it-under-the-gfdl-and-cc-by-sa-30.jpg Mauer-Gedenkmarkierung – Foto: Doris Antony (wikimedia commons)

Eine Frage der Perspektive. Die Mauer aus anderer Sicht.

„Ist es bei euch auch so kalt wie bei uns?“ Mit Sicherheit eine rethorische Frage, eine Antwort wird der Westberliner Zollbeamte an der Berliner Mauer von seinem Gegenüber auf der Ostberliner Seite nicht bekommen haben. Dass diese Sprüche dennoch überliefert worden sind, ist der Akribie der Grenztruppen der DDR bei ihrem Dienst an der Berliner Mauer geschuldet, die alles genauestens dokumentierten, was in ihren Abschnitten so Tag für Tag vorgefallen war. Bei Recherchen im Militärarchiv Potsdam sind die Autorin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer auf rund 1.500 Fotonegative von der Berliner Mauer gestoßen, die im Jahre 1965 von Grenzsoldaten der DDR entlang des gesamten Verlaufes der Mauer zwischen Ost- und Westberlin aufgenommen worden sind. Messmer hat diese Aufnahmen digitalisiert und zu eindrucksvollen Panoramen zusammengefügt.

Bisher kannte man die Mauer auf der Westseite von diversen Fotografien sehr genau. Fotos der Grenzanlagen von Osten aus waren eher selten, da strengsten verboten. Im Haus der ehemaligen Italienischen Botschaft im 2.Stock Unter den Linden 40 sind diese Fotografien nun zu sehen. Annett Gröschner, die bereits einige Bücher mit Geschichten über Berlin (Mitte, Prenzlauer Berg, Gleimstraße etc.) veröffentlichte, hat sie mit den oben bereits erwähnten Texten aus den Berichten der Grenzer versehen. So entstanden beklemmende Bilder einer fast surrealen Welt, mit menschenleeren Plätzen, Straßenläufen und Friedhöfen, entlang der durch Stacheldrahtverhaue, alte Friedhofsmauern und erste befestigte Grenzanlagen gesicherten Grenze. Das dieses Provisorium immer weiter ausgebaut wurde und schließlich 28 Jahre Bestand haben sollte, hat man damals vermutlich im Westteil der Stadt nicht für möglich gehalten. Der Kontrast der Bilder zu den Texten ermöglicht tatsächlich einen neuen, anderen Blick auf die damals noch trügerisch durchlässig wirkende Mauer.

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Die Sorgen und die Macht – Jürgen Kuttner und Tom Kühnel lassen Peter Hacks im DT Revue passieren

Montag, September 13th, 2010

Ein Conférencier steht auf der Bühne der Kammerspiele des DT und mimt ein Telefonat mit niemand anderem als Walther Ulbricht, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR und 1. Sekretär des Zentralkomitees der SED von 1953 bis 1971, ich habe sicher noch einige Funktionen vergessen. Der Conférencier ist Hans-Georg Ponesky, ein bekannter und beliebter Moderator des DDR-Fernsehens, er versichert Ulbricht am Telefon, das kein anderer als Gast willkommener sei als er. Das Telefonat stammt aus einer „Mit dem Herzen dabei“-Sendung aus dem Jahre 1966 im Friedrichstadtpalast, einer Art Verstehen sie Spaß-Version der DDR. Ulbricht freut sich auch und verspricht in seinem viel parodiertem Sächsisch sofort zu kommen. Was ihn erwartete erfahren wie leider nicht, es ist aber bekannt, es war der ehemalige Justizminister der DDR Max Fechner, der sich nach seiner Inhaftierung wegen der Verweigerung der Strafverfolgung der streikenden Arbeiter des Volksaufstands am 17. Juni 1953 mit Ulbricht auf offener Bühne versöhnen durfte. Der „olle Zickenbart“ verstand also Spaß, aber das Ganze ist wohl eher als eine Art der Demütigung zu verstehen, die er dann später selbst erfahren musste, im Schlüpper abgelichtet, wie uns Jürgen Kuttner in seiner unnachahmlich, schnellsprechenden Art seiner Videoschnipselabende erklärt. Erich Honecker hat dann die Leute lieber mit „Ein Kessel Buntes“ gelangweilt und Intershops und Delikatläden eingerichtet, zur Befriedigung des Konsumbedürfnisse der Bevölkerung. Da liefen aber schon viele DDR-Bürger lieber am laufenden Band zu Rudi Carrell über und mit der sozialistischen Moral war es ebenfalls nicht mehr weit her. Auch Peter Hacks, um den es eigentlich gehen soll, war bekennender Fan von Ulbricht und schickte den Umstürzlern unter Honecker lieber einen langen Fluch hinterher, der sie auch tatsächlich später bekanntermaßen einholen sollte. Ulbricht war für Hacks die Hoffnung auf einen Neubeginn in der sozialistischen Wirtschaft und das Leute mit Praxis und nicht nur Parteizugehörigkeit in wichtige Positionen kommen. Das ist im Stück auch in den Figuren das Parteisekretärs Kunze und des Meisters Papmeier angelegt. Aber der Reihe nach.
Hacks` Stück die „Sorgen und die Macht“ wurde nach einigen Änderungen als es 1959 am DT nicht herauskommen durfte, erst in Senftenberg 1960 und dann 1962 noch mal am DT aufgeführt. Es kam zum Eklat, da sich die Partei nicht angemessen dargestellt sah und ein falsches Bild des sozialistischen Menschen im Stück kritisierte. Verschiedenste Funktionärsstimmen werden exemplarisch in der Inszenierung von Kuttner und Kühnel vorgeführt. Schließlich musste Intendant Wolfgang Langhoff seinen Hut nehmen und Peter Hacks verlor seine Dramaturgenstelle am DT. Die Rede Langhoffs zur Selbstkritik vor der Parteigruppe trägt Kuttner nach der Pause vor. Das kann nur nachempfinden, wer selbst einmal zur Erniedrigendung vor so einem Tribunal stehen musste. Kuttner bringt das sehr überzeugend rüber.
Das Stück selbst wird natürlich auch gespielt. Es geht am Beispiel zweier Fabriken, um das System des sozialistischen Wettbewerbs und die Einsicht nicht zuerst auf den Geldbeutel zu schauen, sondern Qualität unter Beibehaltung der Quantität zu erreichen. Eine Brikettfabrik liefert 160 % Planerfüllung indem die Qualität durch Tricks bewusst runter gefahren wird und kassieren fette Prämien dafür. Darunter leidet eine Glasfabrik, wo die schlechte Kohle zur Produktion nicht nutzbar ist. Über die Liebe zur Glasfabrikarbeiterin Hede Stoll (Susanne Wolff) kommt der Brikettierer Max Fidorra (Felix Goeser) zur Einsicht, das es im Sozialismus in erster Linie um Gemeinschaft und nicht um Einzelinteressen geht. Gegenspieler sind die Arbeiter Fromm und Zidewang, die lieber weiter gut verdienen wollen und dazu Partei und Wettbewerb ausnutzen. Hacks wollte damit die noch bestehenden Widersprüche auf dem Weg zum Sozialismus darstellen und überwinden helfen. Er hatte erkannt, das der Mensch in erster Linie nur über das Geld funktioniert aber Einsicht nicht materiell stimulierbar ist. Ein Widerspruch den er mit diesem Stück zu lösen versuchte. Heute mutet das natürlich eher lächerlich an und die agitatorischen Passagen stoßen unsanft auf. Dennoch gelingt Hacks hier noch beeinflusst von Brecht seinen politischen Standpunkt in einen künstlerisch sehr hochwertigen Text zu verpacken. Die durchaus gewünschte Komik setzen Kuttner und Kühnel gekonnt um. Kuttner klärt am Anfang erst mal über die Geschichte des Stücks auf, damit auch alles richtig verstanden wird und verspricht den Zuschauer auch im Auge zu behalten, jeder Lacher an der falschen Stelle werde genau registriert. Danach liefert er dann beim Betriebsfest im Kultursaal einen schmierigen Showmaster ab, der sich mit seinem doppeldeutigen aber platten Witz durchsetzen muss und das Spiel zwischen Hede und Max erst ins rollen bringt. Alle Schauspieler sind mehrfach besetzt und bewegen sich mit viel Spielfreude durch das angestaubte Stück. Zur Kommentierung und sicher auch zur Auflockerung des Stoffes werden immer wieder bekannte Persönlichkeiten wie Marcel Reich-Ranicki (Klasse Parodie von Christoph Franken) und der Herausgeber der FAZ Frank Schirrmacher eingeflochten. Sie stehen für die westdeutsche Sicht auf Peter Hacks. Sogar ein paar nicht so gewogene Stimmen der Kritiken zur jetzigen Premiere werden verlesen und das gar nicht altklug. Schirrmacher (Elias Arens) lobt die essayistische Kunst des Peter Hacks und reklamiert ihn, die ideologische Seite negierend, für uns alle. Im Prinzip hat er Recht, Hacks` „Maßgaben der Kunst“ und die Abhandlungen über die Gattungen als Werkzeuge der Kunst, beispielhaft genannt hierfür vielleicht sein Versuch über die Ballade in „Urpoesie, oder: Das scheintote Kind“, sind unterhaltsame Theorievermittelung auf höchstem Niveau. So einfach ist dann aber Hacks nicht zu vereinnahmen, das wissen auch Kuttner und Kühnel. Nachdem der eiserne Vorhang aufgezogen ist und den Blick auf das Junozimmer Goethes freigibt, den Hacks zu seinem klassischen Idol erkoren hatte, steht dort eine überdimensionale Büste, ein Januskopf, vorn Juno hinten Karl Marx, die zwei Gesichter des Peter Hacks. Kunst und Ideologie, das war für ihn untrennbar, der eine ist ohne den anderen nicht zu haben. Diesem Widerspruch sind Kuttner und Kühnel auf der Spur, allein sie mühen sich vergeblich. Hacks versuchte mittels Kunst eine Haltung anzubieten. Das ist heute verpönt und so steht wieder der Hacks der poetischen Liebesdichtung „Beeilt euch ihr Stunden, die Liebste will kommen.“ neben den zynischen Nachwendegedichten zur Mauer als „Erdenwunder schönstes“ und dem „Tamerlan in Berlin“ mit seinen als usbekische Plünderer dargestellten Wessis. Die Darsteller tragen die Gedichte zum Schluss nacheinander vor, sie wie Aphorismen auf Kalenderblättern von der Wand reißend. In der Inszenierung werden Parteiversammlungen in Kostümen der Goethezeit abgehalten, Kohlen prasseln über eine Rutsche ins Junozimmer und sind Versuche diese Widersprüche humorvoll aufzuarbeiten. Aber sie bleiben bestehen, da sie Hacks auch nie als solche angesehene hat. Zwiespältig ist auch die wunderbare Parodie Michael Schweighöfers vom Kölner Auftritt Wolf Biermanns mit seinem Song „so soll es sein – so wird es sein“. Da heißt es: „So oder so die Erde wird rot…“, auch ein Ziel Peter Hacks`, trotzdem begrüßte er die Ausbürgerung Biermanns und wünschte den Bürgerrechtlern noch nach der Wende die Guillotine auf dem Bebelplatz an den Hals. Darin war er unbeirrbar und konsequent.
Kuttner und Kühnel verkürzen die zweite Hälfte des Stückes stark, um die Nachwendezeit noch mit unterzubringen. Die Protagonisten sehen sich plötzlich einem Herrn Wesselbrunner, einer Figur aus einem Nachwendestück von Hacks, gegenüber, der das Haus als Alteigentümer beansprucht. Gemeinsam versucht man ihn mit Kohlenwürfen zu vertreiben und tanzt dann zu Feeling B`s „Ich such die DDR und keiner weiß wo sie ist“. Die Musik hatten die Bandmitglieder um Aljoscha Rompe, die nach seinem frühen Tod zum großen Teil in der Band Rammstein aufgegangen sind, von dem alten und sehr beliebten Jiří-Korn-Schlager „Ich such die Yvetta“ entlehnt. So versuchen Kuttner und Kühnel mittels dieser gelungenen Revueeinlagen mit der Vergangenheit zu versöhnen und geben zum Schluss ein diffuses und eher satirisch gemeintes Bild auf die Zukunft frei, diesmal mit einem Westschlager von Christian Anders „Die Mauer hat uns nicht besiegt“, schauen Hede und Max in eine glutrote Sonne. Noch ein kleiner Verweis auf Hacks, er hatte Symbolik und deren Verwendung in geflügelter Sprache verabscheut.
Was gäbe es da eigentlich noch zu kritisieren, abgesehen davon, das wir uns gut amüsiert haben und einigen ein netter Grusel den Rücken runter gelaufen ist. Nun, es ist die schmerzhafte Abwesenheit eines Dichters, den uns Kuttner auch in seiner lockeren eloquenten Art nicht weiter näher bringen kann. Gut, zu einer Haltung, die man nicht einnehmen will, kann man heute nicht mehr gezwungen werden, aber man könnte sich zu einer eigenen Meinung durchringen, wenn man denn wollte. Hacks setzte den mitdenkenden Zuschauer nicht zwangsweise voraus, er appellierte eher an Einsicht und Vernunft, an ein gewisses Interesse am Politischen und eine Fähigkeit zur Empathie. Das wäre das eigentlich Klassische in seinem Werk. Das er seine Stücke immer mehr auch in klassische Stoffe verpackt hat, liegt wohl eher daran, das ihm der real existierende sozialistische Mensch fremd geworden war. Peter Hacks hat die Utopie der Zukunft aus der Vergangenheit heraus zu entwickeln versucht. Vielleicht können wir ja heute auch wieder beginnen aus der Geschichte und der Klassik zu lernen ganz ohne festgefahrene Sichtweisen.

„Der heilige Benediktus, der, wie man mir sagte, im Jahre 480 geboren wurde, befaßte sich vornehmlich mit der Lösung des Problems, wie einer auf Erden möglichst glücklich leben und doch eben noch in den Himmel kommen könnte. Ich, der ich, wie man mir sagt, im Jahre 1928 geboren bin, befasse mich (das zu Ändernde geändert) ganz mit demselben Problem.“                                          Peter Hacks, 1965

„Es gibt bei Hacks aber eine immer wieder zu beobachtende Erscheinung: Da man ihn selber nicht mehr zu fürchten hat, kann man ihn so ein bisschen an die Brust nehmen. Bürgerliche, Linksradikale, alle wollen ihren Hacks, greifen Teile raus und haben dann doch wieder den ganzen am Hals.“ … „Brecht, das ist der revolutionäre Hacks; Shaw und Oscar Wilde, das ist der sozialistische Hacks; Shakespeare und Goethe, das ist der kommunistische Hacks.“
„Die Art, wie die mit ihm umgesprungen sind, ist einer der schlimmsten Indikatoren dafür, was an der DDR nicht in Ordnung war: dass sie es nicht geschafft haben, Zustimmung auf hohem Niveau zu verarbeiten. Da ist jemand wirklich für diesen Staat, und zwar nicht aus Dummheit oder Naivität oder weil er sich hat bestechen lassen, sondern weil er sich das überlegt hat – und die verbieten ihn.“

Dietmar Dath, Schriftsteller und Verfasser des Nachworts zur Suhrkamp-Ausgabe der „Maßgaben der Kunst“ in einem Interview mit dem ND vom 03.07.10

Interessante Links zum Thema:

Ein Gespräch von Ulrich Seidler mit den Regisseuren Klaus Gendries und Jürgen Kuttner über Propaganda, Provokation und den Reiz des Widersprüchlichen im Magazin der Berliner Zeitung vom 28.08.10
„Der eine inszenierte in der DDR ein Theaterstück, das wenig später einen Skandal provozierte. Der andere bringt es fünfzig Jahre danach auf die Bühne.“

Jürgen Kuttner und Tom Kühnel über Peter Hacks‘ Utopie, den Genossen Stalin und über ihre Hacks-Inszenierung „Die Sorgen und die Macht“ am Deutschen Theater

Jürgen Kuttner und Tom Kühnel im Gespräch mit Marion Brasch am 03.09.10 auf radio eins

Der Schriftsteller Dietmar Dath im Gespräch mit Martin Hatzius im ND vom 03.07.10 über den sozialistischen Klassiker Peter Hacks, den Kommunisten Goethe über den politischen Literaturstreit zwischen Klassik und Romantik und über den Anspruch, den die Kunst an das Leben stellt.

Dietmar Dath in der FAZ vom 15.03.2008 zum 80.Geburtstag von Peter Hacks

Aus dem Nachwort der am Montag erscheinenden Neuauflage von Peter Hacks‘ »Die Maßgaben der Kunst« von Dietmar Dath im ND vom 19.06.2010

Der Text von Frank Schirrmacher aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 09.03.2008 der in der Inszenierung verwendet wird.

Vor 40 Jahren: Absetzung von Wolfgang Langhoffs Inszenierung »Die Sorgen und die Macht« am Deutschen Theater. Ein Artikel von Hans-Dieter Schütt im ND vom 09.01.2003

Felix Bartels, 5.9.2010 auf der Peter-Hacks-Website, eine sehr gute Kritik der Inszenierung mit noch mehr Hintergrundinfos, hier auch weitere Links zu Kritiken in der Presse

„Schernikau.Sehnsuchtsland“ – Eine dreiseitige Annäherung von PortFolio Inc. im Theater unterm Dach

Montag, Juli 5th, 2010

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Es mutet schon bizarr an, dass sich an einem Dichter die Geister zu scheiden scheinen, der nichts anderes getan hat, als seine Ansprüche, Sexualität und Überzeugung zu leben, ohne Rücksicht auf sich selbst und jedwede Konsequenz. Reicht das schon zur Provokation, ist das tatsächlich fragwürdig oder gar abwegig und wenn ja, worin liegt denn das Provokante, Fragwürdige und Abwegige begründet?

Provokant und abwegig wirkt der bürgerlichen Gesellschaft immer das, was sie nicht versteht und was sich nicht einordnen lässt. Fragwürdig kann dagegen alles sein. Da wird einer als letzter Kommunist betitelt, als schillernde Figur, weil er etwas tat, was sich so wohl selten einer getraut hatte, aber vielen Westlinken immer als eine Option möglich schien. Er geht in die DDR, zu einer Zeit, als die Bewohner dieses Versuchs eines Gegenentwurfs zur bürgerlichen Gesellschaft sich bereits auf den Weg in die andere Alternative aufgemacht hatten und „Keine Experimente“ mehr am lebenden Individuum forderten. Die Frage des Warum steht noch immer im Raum und was er sich davon erwartet hat bzw. was er zu ändern versuchte, wo doch eigentlich kaum noch etwas zu reformieren war.

Elfriede Jelinek sagte 1989 über Ronald M. Schernikau: „Eine seltsame Vorstellung, wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten.“ Sie kann es sich eben auch nicht schlüssig erklären, wie man zu so gefestigten Überzeugungen gelangen kann. Dieses Zitat stammt nicht aus dem Stück, ist aber in der Biografie von Matthias Frings Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald. M. Schernikau nachzulesen.

Eine Erklärung gibt auch die Theatergruppe PortFolio Inc. in Schernikau.Sehnsuchtsland im Theater unterm Dach nicht, sie belässt es bewusst bei einem Annährungsversuch an den Schriftsteller Schernikau, um seine Überzeugungen und Ideale auf den Prüfstand zu stellen, auf Relevanz in der heutigen Zeit zu testen. Gemäß der Maxime von Ronald M. Schernikau: „Alles was verstanden werden soll, muss dreimal gesagt werden.“ verkörpern in diesem als biografische Doku-Fiction angekündigtem Stück drei Schauspieler die drei Seiten und Ansprüche Schernikaus: „schreiben schwulsein kommunistsein, glaube liebe hoffnung, kindlich tuntig selbstbewusst.“

Wie bei einem Leichenschmaus treffen sich die drei, Stefan Artz, Thomas Georgiades und Michael F. Stoerzer, Trauer und Kuchen steht auf dem Tisch, ein Bild von Schernikau mit Trauerflor daneben. Es entwickelt sich nach und nach ein Disput über die Form der Schernikauschen Texte, autobiografisch oder nicht, Novelle, Blankvers etc. und ob Schwulsein im Kommunismus schon enthalten ist oder immer erst noch mitgedacht werden müsse. Die Genderfrage wird anhand eines Für-und-Wider-Spiels mit Punkten diskutiert. Die Akteure zeigen die drei Seiten eines widersprüchlichen Menschen, stehen im Streit miteinander, testen aus was in der Figur Schernikaus an Gehalt vorhanden ist.

Gleich seinem Stil der literarischen Collage wird aus dem hochgestellten Tisch eine Zettelwand, an der das Leben Schernikaus aus Zitaten und Dokumenten wiederersteht. Die einzelnen Stationen entwickeln sich nacheinander im Spiel, wie die Veröffentlichung seiner Kleinstadtnovelle, einer Coming-Out-Geschichte als Antwort auf pseudoliberale Lehrer, weitere Erscheinungen im Selbstverlag, weil den Lektoren selbst beim Rotbuchverlag seine Texte zu abgehoben erscheinen und schließlich die scheinbare Unvereinbarkeit von Pop mit politischem Anspruch, am Beispiel eines Songs über Ronald Reagen für Marianne Rosenberg, Amerika wird auch von allen als schrille Parodie vorgetragen.

Schließlich die Geschichte der Mutter, die wohl prägendste Bezugsperson für Schernikau, der einige längere Szenen gewidmet sind, wie die Flucht aus Liebe mit ihm als 6-Jährigen im Kofferraum in den Westen. Sie lässt sich in ihrer Überzeugung ebenso wenig verbiegen, wie später Schernikau als er im Land seiner Sehnsucht angekommen ist und in Leipzig Literatur studieren kann. Hier entseht die tage in l. und der Wunsch ganz in die DDR überzusiedeln, gestärkt durch den Zuspruch seines Vorbilds Peter Hacks. In Leipzig wird er argwöhnisch von den anderen Studenten beäugt, er ist ihnen mit seinen ehrlichen Überzeugungen nicht geheuer. Er sagte darüber: „ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.“

Er passt sich auch im Osten nicht an, er verweigert den für westliche Ausländer obligatorischen AIDS-Test und fährt immer wieder zu seinem Freund nach West-Berlin. Dieses Nomadisieren zwischen den Systemen hat der Journalist und Schriftsteller Helmut Höge in einem Beitrag für seinen taz-blog 2009 beschrieben, als ein gelegentliches Gefühl von Sehnsucht von Migranten nach der Heimat, nach Rückkehr in ein Land, in das man nicht zurückkehren darf oder kann. Und genauso haben viele Westlinke nach der Wende empfunden. „Mit der DDR verschwand das Land ihrer Kindheit, mithin ihre Heimat.“ sagt Höge und meint damit nicht nur eine geistige sondern durchaus eine real existierende.

Das Stück im Theater unterm Dach schließt mit Zitaten aus Schernikaus Rede auf dem Schriftsteller-Kongress der DDR 1990, und da steht nicht nur der Spruch von der Konterrevolution im Vordergrund, sondern auch: „Wir werden uns wieder mit den ganz uninteressanten Fragen auseinander zusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?“

Ich weiß nicht, wie der Umgang mit Schernikau in Leipzig stattgefunden hat. Aus den Berichten auf nachtkritik.de, kann man zumindest erfahren, dass es unabhängig von der Qualität, sicher eine ähnliche Herangehensweise war und etwas weniger gewollte Provokation, sondern etwas mehr Unaufgeregtheit weiter bringt, wie in Berlin auch geschehen. Es wurde in leichter, spielerischer Weise ein junger widersprüchlicher Mensch mit echten Utopien vorgestellt, der nicht nur geredet, sondern auch gehandelt hat, und es sind somit Fragen aufgeworfen, die durchaus des Nachdenkens wert sind.

Den Leipzigern bleibt, diesen Unterschied festzustellen, im September im LOFFT und dann wohl wieder ab Oktober in Berlin.

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