Archive for the ‘Peter Handke’ Category

Entdramatisiertes Retrotheater mit Peter Handke und René Pollesch am Berliner Ensemble und an der Volksbühne

Mittwoch, Mai 11th, 2016

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Langer Titel, langes Warten, Langeweile – Nach Wien biegen Claus Peymann und Peter Handke mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße endlich am Berliner Ensemble in die Zielgerade

Die Unschuldigen_BE-Plakat

Foto: St. B.

Peter Handke hat sich etwas Zeit gelassen. Bereits seit Längerem konnte man auf der Website des Berliner Ensembles lesen, dass Claus Peymann die Inszenierung eines neuen Stücks des österreichischen Schriftstellers und Dramatikers, mit dem ihn eine langjährige Hassliebe verbindet, plane. Vor einem Jahr wurde dann freudig die Uraufführung für Januar 2016 am Wiener Burgtheater, an dem Claus Peymann 13 lange Jahre selbst Direktor war, angekündigt. Ein durchaus denkwürdiges Ereignis, ist es doch nun immerhin auch schon wieder 17 lange Jahre her, dass Peymann Wien samt Hose sowie anderem toten und lebenden Inventar in Richtung Berlin verlassen hat.

Fast ebenso lang ist auch Peymanns Liste mit Handke-Uraufführungen, angefangen mit der 1966 am Frankfurter Theater am Turm uraufgeführten Publikumsbeschimpfung. Recht lang ist auch der Titel ihrer 11. Zusammenarbeit, und ein wenig geschimpft wird auch hier. Peter Handke hat mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (auf 180 Seiten) eine mal in poetischem, dann wieder gebräuchlichem Prosa-Ton anklagende bis selbstironisch klagende Suada (in vier Jahreszeiten) auf die moderne Welt und die darin „unschuldig“ umherstreifende Menschheit geschrieben. Der Autor bedient sich dabei so manchem literarischeren Zitats und einiger Anspielungen an den herrschenden Dramenkanon von der Bibel über Shakespeare und Goethe bis hin zu Brecht.

Ein zunächst einsames Ich, das sich immer wieder in einen Ich-Erzähler und ein Ich, der Dramatische spaltet, wandert mit Rucksack auf einer ebenso einsamen Landstraße. Es ersehnt und flieht die Menschen, beschimpft sie z.B. als (Achtung Kalauer) „Pack, Doppelpack, Tetrapack“ und wartet auf die eine Unbekannte, die ihn erlöst. Der poetisch-prosaische Ich-Wandersmann, den Claus Peymann ins Rennen schickt, ist Christopher Nell, gut bekannt als wahn-wütiger Hamlet des Leander Haußmann und wahn-witziger Mephisto des Robert Wilson. Hier ist Nell ganz der lustige Kerl mit leichten Anwandlungen zum Rumpelstilzchen. Während das Ich auf der Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann mit geschwungener und beleuchteter Kurve wandelt, fabuliert es sich beim Gehen so seine Theater- und Menschheitsgeschichte hin, denn nichts zu suchen, das war sein Sinn.

 

die Unschuldigen ... am BE - Foto (c) Monika Rittershaus

Die Unschuldigen … am BE – Foto (c) Monika Rittershaus

 

Es läuft ihm dann alles mehr wie zufällig und dennoch recht erwartbar über den Weg. Allerdings ist dieses Stück Straße im dramatischen Nirgendwo auch eine theatrale Sackgasse, und das ist zunächst nicht mal abschätzig gemeint. Mit ein bisschen Fingerschnipsen entstehen Theaterdonner und Blitze, Vogelgezwitscher; und eine ruinöse, aufgelassene Bushaltestelle fährt aus der Unterbühne hoch, die sich das Handke-Ich als elfenbeinernen Ausguck wählt, auf dem es wachträumt oder von dem es immer wieder über die vorbeiziehenden Sprechblasenkrebse, tätowierten Schwimmlehrer, Gegoogelten, Rundinformierten und sämtlich Smartphoneabhängigen vom Planeten der Traumlosen, die ihm einfach nicht zuhören wollen, mit fast schon oberlehrerhaftem Tonfall herzieht.

Das schlägt natürlich auch mal in die andere Richtung aus. Mit dem Häuptling und der Häuptlingsfrau gibt es so etwas wie einen weiblichen und einen männlichen Gegenpart, die die nicht wenigen Unschuldigen, wie sie Handke nennt, an- und wortführen. Da wird viel von Maria Happel tremolierend gekichert und gejodelt oder mit weiser Stimme von Martin Schwab geschnarrt. Claus Peymann veranstaltet ein wenig Budenzauber und spielt Komödchen mit Handkes selbstreferenzieller Lebensbeichte eines mit sich und der Welt hadernden Intellektuellen, der den letzten freien Weg der Welt verteidigt. Das ist selten wirklich witzig, eher unfreiwillig komisch und putzig anzuschauen.

Schlussendlich stößt die doch noch aufgetauchte und zunächst stumm gestikulierende Unbekannte unseren blinden, selbstverliebten Denker etwas unsanft und wortschwallend vor die Stirn. Meret Becker musste sich in nur drei Tagen die Rolle der verletzten Burgtheaterschauspielerin Regina Fritsch drauf bringen. Die Berlinpremiere wurde dafür um einen Tag verschoben. Da weht dann schon mal so etwas wie Anarchie durch das Mausoleum der ewig Gestrigen, die hier viel von Damals reden.

Die etwas lang geratenen Unschuldigen mit dem noch längerem Namen sind gegen Gotscheffs bemerkenswert leichte und dennoch schwergewichtigere Handke-Inszenierung von Immer noch Sturm (Shakespeares Prospero wird hier dann auch noch bemüht) leider ein ziemlich laues Theaterlüftchen. Da macht sich am nicht enden wollenden Ende, dem nach Handke letzten Stündlein fürs Theater, trotz flehendem Hoffnungsgeraune an Brechtgardine auf Dauer doch etwas Langeweile breit. Und jetzt? Da wäre nichts gewesen, was uns Peter Handke nicht an anderer Stelle schon wesentlich pointierter gesagt hätte.

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Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (01.05.2015)
Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten von Peter Handke
Eine Koproduktion des Berliner Ensembles mit dem Burgtheater Wien
Uraufführung war am 27.01.2016 im Burgtheater Wien
Berlinpremiere war am 01.05.2016 im Berliner Ensemble
Regie: Claus Peymann
Bühne: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Margit Koppendorfer
Dramaturgie: Jutta Ferbers und Anke Geidel
Licht: Karl-Ernst Herrmann und Friedrich Rom
Musikalische Mitarbeit: Moritz Eggert
Geräusche / Töne: David Müllner
Mit: Christopher Nell („ich“ im Wechsel zwischen „Ich, Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“), Krista Birkner, Anatol Käbisch, Luca Schaub, Hermann Scheidleder, Martin Schneider, Fabian Stromberger, Jörg Thieme (Die Unschuldigen, nicht wenige), Felix Strobel (Die Unschuldigen, unter ihnen mein Doppelgänger), Martin Schwab (Der Wortführer der Unschuldigen oder: Häuptling/Capo), Maria Happel (Die Wortführerin der Unschuldigen oder: Häuptlingsfrau/Häuptlingin/Frau), Meret Becker (Die Unbekannte von der Landstraße)
Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Termine: 12. und 13.06.2016

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/120

Zuerst erschienen am 03.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit der Bong auf dem Balkon – Im neuen René Pollesch I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung wird an der Berliner Volksbühne der Kunst des Stoner-Movies und der virtuosen Beleidigung gehuldigt.

Nicht nur Peter Handke kann lange Stücktitel, nein auch René Pollesch hat schon einige Textwürmer kreiert wie etwa Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte oder Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen? Sein neuer Streich an der Berliner Volksbühne heißt etwas kryptisch in Denglisch: I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung. Eine geistige Darmwurst, sprich Abfallprodukt, des großen Twitter-Nachrichtendienstes on WorldWideWeb, wo sich der Autor Pollesch im Gegensatz zum Autor Handke ziemlich aktiv herumtreibt.

 

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

 

Wie Handkes Unschuldige … am Rand der Landstraße befinden sich die vier Pollesch-Akteure Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider auf der Retrospur, wobei sie sich mit ihren Glitzerkostümen, dem Hang zum Kiffen und der Musik von Scott Walker wohl in den 1960er und 70er Jahren befinden. Im Bühnenbild, das aus drei Wagen der Rollenden Roadshow von Bert Neumann besteht, die seitlich auf der Asphaltfläche des Theatersaals stehen, spiegelt sich ein wenig die guten alten Volksbühnenzeiten, und das Publikum sitzt direkt davor wie einst im Prater, einem schönen Nebenspielplatz, den René Pollesch in den Anfangsjahren der Castorf-Ära etablierte. Man bewegte sich damals auf einer kleinen Seitenstraße der Volksbühne, die nun selbst im Mainstream angekommen ist, wie US-Rocker Bruce Springsteen, der „Hiding on the Backstreet“ röhrt.

Im Gegensatz zu Peter Handke findet René Pollesch zum Glück immer wieder einen Diskurs-Schleifenweg back to Futur oder zumindest ins aktuelle politische Alltagsgeschehen. Im Rückblick auf die Jammer-Kultur des No Futur der 1980er ist Zukunft heute kein Thema mehr für Gesprächsrunden. Keine Zukunft, kein Zuhause. Der Pollesch‘sche moderne und spaßverliebte No-Futur-Mensch lebt wie ein Nomade der hippen Airbnb-Welt auf irgendeiner Couch, einem Hybrid-Möbel zwischen Bett und Stuhl, und lässt die Tüte kreisen. Was hier ausgiebig getan wird, bevorzugt hinter der Wagenplane mit Livekameras auf zwei große Videoscreens übertragen.

 

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Dazu fällt man sich immer wieder ins Word, wirft Gedanken hoch und fängt die der anderen wortreich wieder ab. So werden etwa Theorien über die soziale Praxis der Konfliktbewältigung durch Beleidigung im multiethnischen Burkina Faso oder die befreiende Wirkung des Lachens über das Beschimpfen des Gegners vor bewaffneten Kämpfen in Zentralafrika ausgetauscht. Zum besseren Abbau von Spannungen und der Herstellung des sozialen Friedens wird sogar über ein Gesetz, das zur gegenseitigen Beleidigung verpflichtet, nachgedacht. Man könnte das durchaus als einen augenzwinkernden Kommentar zur aktuellen Böhmermann-Debatte verstehen oder als lustige Diskurs-Fortsetzung von Frank Castorfs Thesen gegen die herrschende Konsenskultur. Zumindest kämpft man hier ein wenig gegen deren entdramatisierende Wirkung an, wenn da so herrliche Sätze fallen wie: „Beleidigung kann auch was Kathartisches haben, wenn man sie nicht übel nimmt.“

Den philosophischen Überbau bilden diesmal theoretische Schriften wie Soziale Raumzeit von Gunter Weidenhaus, Peripherie und Ungleichzeitigkeit von Klaus Ronneberger, Was ist ein Ereignis von Slavoj Žižek sowie Der Implex von Dietmar Dath und Barbara Kirchner, deren selbstgeschöpftes Amalgam René Pollesch wie immer in leicht ironischen Dosen beimengt und damit sein Diskurstheater mit kapitalismuskritischen Thesen zu Raum, Zeit, Realität und Fortschritt befeuert.

Zusammen mit der US-Komödie Half Baked (1998) über vier durchgeknallte Marihuana-Dealer und ihre Freundin Mary Johanna, was hier zu einigen schönen Kalauern ausgebaut wird, huldigt man viel der Kunst der virtuosen Beleidigung und dem Genre der Stoner-Movies, die in den 1990er Jahren wie bunte psychodelische Pilze aus dem Boden schossen. Allerdings macht Shit in der Birne auch ein wenig bewegungsfaul, und ein Fahrrad ist nun mal kein Pit-Bike. Ein Ausflug der Vier mit qualmender Bong auf den Balkon ist da schon das aufregendste Ereignis dieses sanft entdramatisierten und trotzdem recht witzigen Abends. Da träumt der Dude von.

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I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung (UA)
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: entwickelt von Lenore Blievernicht / Nina Peller mit den Wagen der Rollenden-Road-Schau (RRS) von Bert Neumann, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 2000-2006
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Frank Novak
Kamera: Mathias Klütz, Ute Schall
Videoschnitt: Cemile Sahin
Ton: Hans-Georg Teubert, Georg Wedel
Tonangel: William Minke
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider
Premiere war am 04.05.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Termine: 03., 16. und 27.06.2016

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 05.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Die neue Langsamkeit in einer Doppelpremiere – „Don Carlos“ von Friedrich Schiller und Peter Handkes „Immer noch Sturm“ am Deutschen Theater Berlin

Montag, Mai 4th, 2015

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Das Deutsche Theater Berlin macht mal wieder auf Doppelpremiere. Kurz vor Beginn des Theatertreffens wollte es die Khuon-Mannschaft noch mal wissen. Es standen Peter Handke in den Kammerspielen und Friedrich Schiller im großen Haus auf dem Programm. Beide Dramatiker stehen auch für Geschichtsbewusstsein und einen ungebunden Geist. Also geben sie Gedankenfreiheit, Sire…

Foto: St. B.

Foto: St. B.

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Immer noch Sturm – Frank Abt inszeniert Peter Handkes poetische Familienaufstellung der Kärtner Slowenen als naturalistisches Requiem.

Das Einzige was den Schrifststeller Peter Handke mit Schiller verbinden dürfte, ist ein Zitat vom Anfang des Don Carlos, das Handke für sein Stück Die schönen Tage von Aranjuez verwendete. Aber nicht den 2012 am Wiener Akademietheater uraufgeführten „Sommerdialog„, der ein Jahr später auf der Probebühne des Berliner Ensembles seine Deutsche Erstaufführung erlebte, hat sich der junge DT-Regisseur Frank Abt ausgesucht, sondern Immer noch Sturm, die mit fiktiven Elementen angereicherte Familiengeschichte des österreichischen Autors mit slowenischen Wurzeln.

Das Stück gastierte in der Hamburger Uraufführungsinszenierung von Dimiter Gotscheff im Juni 2012 bei den Autorentheatertagen im Großen Haus des Deutschen Theaters. Diesen großen Schatten wird die kleine, kammerspielartige Inszenierung von Frank Abt, die auch noch auf die Hinterbühne der DT-Kammerspiele verbannt wurde, leider den ganzen Abend über nicht los. Sie wirkt dann auch in Ästhetik und Darstellungsweise eher wie für die Probebühne des BE konzipiert. Und das ist sehr schade, bietet sich das Stück doch vor allem für eine expressive Ausweitung in den leeren Theaterraum an, was Gotscheff auf der großen Bühne damals auch bestens gelungen ist.

Frank Abt  interpretiert Handkes Familiensaga  aus dem  Zweiten Weltkrieg aber wesentlich intimer. Peter Handke wurde 1943 als unehelicher Sohn einer Kärtner Slowenin und eines Wehrmachtsoldaten geboren. Seine Mutter hat den Vater lange in Deutschland gesucht und schließlich einen anderen Deutschen geheiratet. Davon hat Handke erst sehr spät erfahren, eine Tatsache, die ihn sein Leben lang beschäftigt hat.  Als Ich-Erzähler tritt er nun in Immer noch Sturm – auch dies ein Klassiker-Zitat, diesmal aus Shakespeares König Lear – wie ein Beschwörer der Geister aus seiner Vergangenheit in Erscheinung und schlägt ein Kapitel der tragischen Geschichte der Kärtner Slowenen als unfreiwillige Protagonisten zwischen den damaligen Weltmächten wie ein Familienalbum vor uns auf.

Immer noch Sturm am DT -Foto (c) Arno Declair

Immer noch Sturm am DT – Foto (c) Arno Declair

Regisseur Abt macht daraus eine Art naturalistisches Leporello, das er zunächst in einem kurzen Prolog vom Ende her aufblättert, indem er den Erzähler (Markwart Müller-Elmau) detailliert vom Selbstmord seiner Mutter berichten lässt. Es ist eine Passage aus Handkes Erzählung Wunschloses Unglück, in der er bereits in den 1970er Jahren die Geschichte seiner Mutter verarbeitet hat. Für die Geisterbeschwörung Handkes hat Steffi Wurster eine schmal unterteilte  Miniaturwohnkulisse aus spitzwinkligen Wände auf eine runde, drehbare Scheibe gestellt. Darin sitzen in zeitgemäßer Kostümierung die Vorfahren des Ich-Erzählers, der ihren Berichten auf kahler Bühne andächtig aber weitestgehend passiv lauscht.

Ort des Erinnerns in Handkes Gedanken ist das Jaunfeld, ein offenes Tal, durch das der Fluss Drau in Richtung Slowenien fliest, bekränzt vom Mittelgebirgszug der Saualpen und den Karawanken. Der Dichter beschreibt Berge, Natur und Jahreszeiten mit höchst poetischen Worten. Hier spielt sich das Leben der Familie von Handkes Mutter Maria (Judith Hofmann) ab, das die Darsteller nun in kleinen Spielszenen vor uns ausbreiten. Das Volk der Kärtner Slowenen muss, seiner Sprache und Traditionen beraubt, für das Dritte Reich in den Krieg ziehen. Drei Söhne (Thorsten Hierse, Ole Lagerpusch, Marcel Kohler) haben das Ehepaar Siutz (Katharina Matz und Michael Gerber), von denen zwei fallen werden und einer, Gregor (Thorsten Hierse), seiner Schwester Ursula (Simone von Ziglinicki) zu den jugoslawischen Partisanen folgt. Darüber verbittern die passiven Alten, und die Jungen werden hart. Gegenseitige Vorwürfe, Trotzreaktionen und Wut, ein wortgewaltiges Requiem zwischen Trauer und Resignation.

Und das wird hier sehr breit erzählt und oft auch pathetisch auffahrend gespielt. Nichts von der gedankenoffenen Schwerelosigkeit der Gotscheff-Inszenierung. Die stille Passivität des Erzählers tut ihr Übriges, dass diese Inszenierung zusehends in Schwermut versinkt. Bezüglich seiner Geburt bleibt Müller Elmaus Figur immer außen vor, auch wenn er in der Geschichte seiner Vorfahren gefangen ist. Es überwiegt die Trauer über den Verlust der Heimat durch den Verrat der englischen Verbündeten im Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge sie das Jauntal Österreich zuschlagen. Das Bühnenbild wird von Akt zu Akt von den Darstellern selbst abgebaut, bis die leere Scheibe übrig bleibt, und sich die Familienmitglieder zu einem Abgesang an der Rückwand der Bühne versammeln. Regisseur Abt versucht Schicksal und Leid der Menschen emotional erfahrbar zu machen. Aber trotz der guten darstellerischer Leistung bleiben einem diese Figuren doch seltsam fremd.

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Immer noch Sturm
von Peter Handke
Premiere auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele war am 29. April 2015
Regie: Frank Abt
Bühne: Steffi Wurster
Kostüme: Sophie Leypold
Dramaturgie: Meike Schmitz
Mit: Markwart Müller-Elmau, Judith Hofmann, Katharina Matz, Michael Gerber, Ole Lagerpusch, Thorsten Hierse, Simone von Zglinicki, Marcel Kohler

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Termine: 08. und 26.05., 11.06. und 01.07.2015

Infos: https://www.deutschestheater.de/spielplan/immer_noch_sturm/

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Europa in der Schlafstarre – Im großen Haus des Deutschen Theaters führt Stephan Kimmig den spanischen Hof in Schillers Don Carlos als Müdigkeitsgesellschaft vor.

Während es in den Flandern‘schen Provinzen rumort und sich der Aufstand gegen die spanische Krone formiert, befindet sich der Hof von König Philipp (Ulrich Matthes mit angegrautem Bart und Langhaarfrisur) zur Sommerfrische auf dem Land. Doch wie es bei Schiller so schön heißt: „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende.“ Und als Vorbote des Wandels kommt hier der Marquis von Posa (Andreas Döhler im Dutschke-Parker) mit einer Präsentkiste samt Schampus aus Brüssel, um den Freund und Infanten Don Carlos (Alexander Khuon) aus seiner Lethargie zu befreien. Dieser macht sich fit durch Seilhüpfen und Schattenboxen, allerdings scheitert sein kurzer Ausflug in die Aktion am Misstrauen des Vaters, der den Heißsporn schnell wieder in die zweite Reihe zurückstuft. Hier haben eindeutig andere die dicken Eier.

Alexander Khuon ist in Stephan Kimmigs Inszenierung am Deutschen Theater nicht der mad guy, wie zum Beispiel noch Philipp Hochmaier in Nicolas Stemanns Inszenierung von 2007 am gleichen Haus, sondern eher ein düster Brütender, der sich die innere Wut abtrainiert ob seiner ewigen Zweitbesetzung im Wartestand auf den Thron. Auf dem sitzt Vater Philipp, zwar des Amtes relativ überdrüssig, aber wie ein angeschlagener Tiger noch gefährlich genug, um den drohenden Aufstand mit aller Macht niederzudrücken. Das Bühnenbild von Katja Haß zeigt eine fast leere Bürolandschaft mit großen Fenstern und Glastüren, an denen die Jalousien runtergefahren werden, wenn sich das misstrauische Beraterteam (Henning Vogt als Herzog Alba und Jürgen Huth als Pater Domingo) um den machtmüden König nähert. Eine abgeschottete Wirtschaftselite – das EU-Fähnchen steht auf dem Tisch – , das der frechen Provinz die Richtung aufzwingen will.

Don Carlos am DT -Foto (c) Arno Declair

Don Carlos am DT – Foto (c) Arno Declair

Wer würde da nicht an Griechenland denken. Aber hier tanzt keiner Sirtaki, auch wenn mal ein Walzer geprobt wird, und schon gar nicht den Machern der Macht auf der Nase herum. Der Versuch endet dann bekanntlich auch für einige ziemlich tödlich. Das Konzept von Regisseur Kimmig ist in den ersten Minuten seiner Inszenierung durchaus interessant und stimmig, im allgemeinen Intrigensumpf um echte und falsch verstandene Liebe, gekränkte Eitelkeiten, Eifersucht und kompromittierende Briefe beginnt es aber schnell fad zu werden. Da gab es schon wesentlich politischere Deutungen.

Statt das Funktionieren von Machtmechanismen zu überprüfen, wie noch in Schillers Maria Stuart, begnügt sich Kimmig mit der Pathologisierung eines überkommenen Systems, dass sich nach Menschen sehnt (Philipp), aber restriktiv an der Macht hängt. Das Duell ist hier aber nicht Posa und Carlos gegen Philipp, sondern alle gegen alle. Auch Posa, der sich für Carlos in die höfischen Intrigenspiele einlässt, muss das am Ende bitter erkennen. Der Schuss fällt aus dem Hinterhalt. Seinen Idealismus und die Hoffnung auf Gedankenfreiheit hat der Schlacks Posa zu schnell an den Schlips verkauft, der Parker wechselt symbolhaft die Person.

Selbst die Liebe ist hier nicht die Rettung, auch wenn sie in Gestalt der Königin Elisabeth so sympathisch offenherzig wie bei Katrin Wichmann daherkommt. Der Gegenentwurf ist Kathleen Morgeneyers Prinzessin Eboli im smarten Kostüm. Auch sie ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihre Liebe aber kleinmütig verrät, nachdem sie im Nahkampf an der Rampe an der Gefühlsmaschine Carlos abgeglitten ist. In verzweifelten Zweierkonstellationen gehen die potentiellen Revolutionäre hier oft in den Clinch. Der Macht im Sessel haben sie allerdings nicht viel entgegenzusetzen. Das DT probt (wie schon am Vorabend bei Handkes Immer noch Sturm in den Kammerspielen) die neue Langsamkeit. Das Schlaflied Europas singt ein Kind in historischem Kostüm aus den Katakomben der Unterbühne. Als Drahtzieher im Hintergrund tritt dann noch Barbara Schnitzler auf, die ihren Kardinal Großinquisitor frontal ins Publikum deklamiert. Wer da noch nicht entschlummert ist, unterwirft sich freiwillig.

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Don Carlos
von Friedrich Schiller
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Antje Rabes
Musik: Michael Verhoeven
Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Ulrich Matthes, Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Andreas Döhler, Kathleen Morgeneyer, Henning Vogt, Jürgen Huth, Barbara Schnitzler

Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Premiere im Deutschen Theater Berlin war am 30.04.2015

Termine: 14., 19. und 29.05., 04. und 10.06. sowie 05.07.2015

Infos: www.deutschestheater.de

Die Texte sind zuerst am 02.05. und 03.05.2015 auf Kultura-Extra erschienen.

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Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Deutsche Regisseure und Österreichische Dramatiker (Teil 3) – Stücke von Peter Handke und Thomas Bernhard am Berliner Ensembles.

Dienstag, März 17th, 2015

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Die Macht der Gewohnheit – Am Berliner Ensemble inszeniert Claus Peymann Thomas Bernhards Tragikomödie über das Scheitern eines Zirkusdirektors an Schuberts Forellenquintett als großes Solo für Jürgen Holtz

Jürgen Holtz in Die Macht der Gewohnheit am BE
Foto (c) Monika Rittershaus

Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Diese Fragen durchziehen gleichsam das gesamte Leben und Werk des Schriftstellers und Dramatikers Thomas Bernhard. Naturgemäß ist es von beiden etwas. Der Witz, der aus der Tragik des Lebens entsteht. Die Lächerlichkeit der Existenz an sich. Die Kraft seiner Worte zieht der Österreicher Bernhard zeitlebens aus der großen Hass-Liebe zu seinem Heimatland, zum Theater und zur Kunst im Allgemeinen. Einen großen Teil seines Erfolgs auf der Bühne verdankt Thomas Bernhard aber auch dem Regisseur Claus Peymann, der ab 1972 viele seiner Stücke zur Uraufführung brachte. Besonders eines aber fehlte dem amtierenden BE-Intendanten noch. Nach dem Notlicht-Skandal bei der Uraufführung von Der Ignorant und der Wahnsinnige bei den Salzburger Festspielen 1972 war Peymann zwei Jahre später zu Uraufführung von Bernhards Komödie Die Macht der Gewohnheit in Salzburg unerwünscht. Es übernahm Dieter Dorn, der mit Bernhard Minetti in der Hauptrolle des Zirkusdirektors Caribaldi einen denkwürdigen Erfolg feierte. Das Stück tourte danach im wahrsten Sinne des Wortes wie eine Zirkusattraktion durch ganz Deutschland.

Vierzig Jahre danach und zwei Jahre vor seinem geplanten Abgang als Intendant des Berliner Ensembles holt Claus Peymann nun sein Versäumnis nach. Und es ist wieder die Geschichte zweier Männer. War es für Thomas Bernhard nur sein hoch verehrter und geliebter Schauspieler Bernhard Minetti, der „ihn spielen“ konnte, so ist es nun für Regisseur Claus Peymann der langjährige BE-Schauspieler Jürgen Holtz, der in der Rolle des Caribaldi zu den großen Bernhard-Mimen Bernhard Minetti, Traugott Buhre und Gert Voss aufschließt. Man möchte sich fast keinen anderen vorstellen als den 82jährigen Holtz, der – so scheint es – sein ganzen Leben auf diese Rolle gewartet und nun nochmal die gebündelten Erfahrungen seines Schauspielerlebens hineingetan hat. Sein Caribaldi ist zu einem für ihn wie für Claus Peymann [doppel-]weisen Alterswerk geworden. Es muss also nicht immer der Lear sein.

Auf dem Vorhang des Berliner Ensemble prangen die Worte: „Ein Dummkopf / der heute noch einem Künstler glaubt / ein Dummkopf“. Es ist die altersweise Wahrheit des Zirkusdirektors, der immer ein großer Künstler sein wollte und doch weiß, dass er dieses hoch gesteckte Ziel nie erreichen wird. Exemplarisch hat ihn Autor Thomas Bernhard dazu verdonnert, auf einem Stuhl zu sitzen und wie Sisyphos, der den Stein immer wieder den Berg hoch rollt, tagtäglich Franz Schuberts Forellenquintett zu üben. Einmal nur will er es fehlerlos durchspielen. Alles setzt er auf die morgige Vorstellung in Augsburg. Wie ein Schlachtruf klingt es immer wieder: „Morgen Augsburg“. Aber es will nicht gelingen. Denn scheinbar alles hat sich gegen Caribaldi verschworen. Zum Quintett gehören nämlich dummer Weise noch vier Mitspieler. Ein Jongleur (Norbert Stöß), der lieber zum Zirkus Sarasani will, als die Violine zu spielen, Caribaldis Enkelin (Karla Sengteller), die mit ihrer Viola crescendo und decrescendo nicht auseinanderhalten kann, ein grobschlächtige Dompteur und Neffe Caribaldis (Joachim Nimtz) am Klavier, der durch seinen Suff jede Probe platzen lässt und der Spaßmacher (Peter Luppa) am Bass, dem ständig die Haube vom Kopf fällt.

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Die Macht der Gewohnheit am BE – Foto (c) Monika Rittershaus

Konzentration, Präzision, Perfektion und Vollkommenheit sind die Schlagworte, die Caribaldi im Takt des schwingenden Cellobogens den ihm ausgelieferten Mitspielern einbläut. Holtz knarzt mit Stimme und Bogen, streicht über die Cellosaiten wie über sein Holzbein oder den Körper des Jongleurs. Die Enkelin hampelt auf Befehl und macht Verbeugungen wie eine Puppe. Der Spaßmacher kuscht und springt wie ein Hund nach den Wurststücken des Dompteurs – wie zuvor der Jongleur nach dem Kolophonium Caribaldis. Eine zirkusreife Dressurnummer, die zum Leidwesen des Zirkusdirektors aber zum großen Vergnügen des Publikums, nach dessen Gestank Caribaldi in Bernhards Stück den Ort des Auftritts herausriechen kann, ihre Wirkung verfehlt. In einer Welt der Intoleranz macht Übung nicht den Meister, sondern führt drei Akte lang zum gemeinschaftlichen Wahnsinn. Der Weg an endlosen Strommasten und noch einem Augsburg vorbei führt ins Chaos, das sich schließlich das schräge Terrain, das Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann ins BE gestellt hat, wieder zurück erobert.

Es ist nicht allein die Vergeblichkeit der Kunst – „Wir hassen das Forellenquintett, aber es muss gespielt werden.“ – es ist die ganze Sinnlosigkeit des Lebens selbst: „Wir wollen das Leben nicht, aber es muss gelebt werden.” Eine großes Arie des Scheiterns und ein Solo für den Schauspieler Jürgen Holtz, dem das hier über zwei ganze Stunden lang gelingt, und der nicht müde wird (eine Pause hat ihm Regisseur Peymann gegönnt), den Weltekel Caribaldis nicht nur wie in seiner legendären Fernsehrolle trocken raus zu motzen, sondern virtuos zu zelebrieren. Einziger Nachteil dieser Inszenierung, die Claus Peymann gewohnt werkgetreu vom Blatt spielen lässt, ist die Tatsache, dass der Regisseur den Text Bernhards wort-wörtlich nimmt und somit die Mitspieler Caribaldis fast zu lebenden Requisiten degradiert. Der tiefere philosophische Sinn von Bernhards Stück erschöpft sich hier in der Sinnlosigkeit des alltäglichen Tuns. Ist Dieter Dorn der Magier des konservativen Regietheaters, so ist Claus Peymann sein detailverliebter Handwerker, der es sogar mal kräftig blitzen und donnern lässt. Dennoch ist das Ganze durchaus sehenswert. Respekt für Peymann und sein etwas angestaubtes BE. Großer Beifall und Bravorufe aber für Jürgen Holtz.

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DIE MACHT DER GEWOHNHEIT
Komödie in drei Akten von Thomas Bernhard
Premiere war am 14.03.2015 im Berliner Ensemble
Inszenierung: Claus Peymann Bühne und Kostüme: Karl-Ernst Herrmann Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks Dramaturgie: Jutta Ferbers
Licht: Karl-Ernst Herrmann, Ulrich Eh
Mit: Jürgen Holtz (Caribaldi, Zirkusdirektor), Karla Sengteller (Enkelin), Norbert Stöß (Jongleur), Joachim Nimtz (Dompteur), Peter Luppa (Spaßmacher)

Dauer: ca. 2h 30 Minuten (eine Pause)

Termine:
21.03.2015 um 20:00 Uhr
28.03.2015 um 20:00 Uhr
10.04.2015 um 19:30 Uhr
17.04.2015 um 19:30 Uhr
29.04.2015 um 19:30 Uhr
23.05.2015 um 20:00 Uhr

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/111/die-macht-der-gewohnheit

Zuerst erschienen am 15.03.2015 auf Kultura-Extra.

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KASPAR – Sebastian Sommer inszeniert das frühe Sprechstück von Peter Handke im Pavillon des Berliner Ensembles

Kaspar

Kaspar von Peter Handke am BE
Foto (C) Lucie Jansch

Die Geschichte des „rätselhaften Findlings“ Kaspar Hauser, der aus nie ganz geklärten Gründen völlig isoliert in einem Kellerverließ aufwuchs und 1828 wie aus dem Nichts auf dem Marktplatz von Nürnberg auftauchte, hat die Dichter seiner Zeit wie auch moderne Literaten und Theatermacher immer wieder inspiriert. Der Letzte, der sich mit diesem Thema im Theater beschäftigte, war der lettische Regisseur Alvis Hermanis, der auf Texte von Georg Friedrich Daumer (dem Lehrer von Kaspar Hauser) und von Anselm Ritter von Feuerbach (einem Rechtsgelehrten, Hausers Vormund) zurückgriff. Hermanis‘ recht eigentümliche Züricher Inszenierung war 2014 beim Berliner Theatertreffen zu sehen. Bereits um 1966-67 verwendete der 25jährige Peter Handke, inspiriert durch Feuerbachs Geschichte von Kaspar Hauser, das Thema für eines seiner frühen Sprechstücke. Kaspar wurde 1968 parallel von Claus Peymann in Frankfurt und Günther Büch in Oberhausen uraufgeführt.

In Abwandlung des berühmten Satz: „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“ („Ein solcher Reiter möchte ich werden, wie mein Vater gewesen ist.“), den Kaspar Hauser bei seiner Auffindung immer wieder von sich gab, legte Handke seiner Hauptfigur Kaspar den Satz: „Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein anderer gewesen ist.“ in den Mund. Im Weiteren wird das relativ unbeschriebene Blatt Kaspar durch ominöse Einsager einer Sprecherziehung unterzogen und schließlich, als Individuum gebrochen, in die Gesellschaft der anderen integriert. Handke bezeichnete das selbst als „Sprechforschung“ oder sogar „Sprechfolterung“. Am Probanden Kaspars zeigte er, wie das Bewusstsein eines Menschen durch Sprache zerrüttet werden kann. Letztendlich gilt das Stück auch als kritische Reaktion auf den zeitgenössischen Literaturbetrieb und die vorherrschende Theaterpraxis, mit traditionell narrativen Texten zu arbeiten. Kaspar ist – wie schon Handkes Publikumsbeschimpfung – als theatrale Provokation angelegt.

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Von Provokation kann heute kaum noch die Rede sein. Erst recht nicht am Berliner Ensemble, dessen Hausherr Claus Peymann eher auf behutsames Konservieren von Theatererbe (siehe die Praxis seiner Brecht-Aufführungen) bedacht ist. Dass die Neuinszenierung von Handkes Kaspar zu keinem bloßen Reenactment der Peymann’schen Uraufführung wurde, ist dem jungen Regisseur Sebastian Sommer zu danken, der schon Bertolt Brechts altes Stückfragment Hans im Glück ganz beglückend im Pavillon des BE inszeniert hat. Und dabei ist Kaspar ein formal recht streng strukturiertes Stück, das Handke mit einer Unmenge von klaren Regieanweisungen zur Bühne und der Person des Kaspars versehen hat, was dem Regisseur kaum Freiheiten zum künstlerischen Eingriff gewährt.

Handkes „Spielmodell“ des noch unverbildeten Kaspar, dessen Neugier erst durch Sprache geweckt, der dann aber durch regelrechte Sprachsalven verunsichert und schließlich durch wiederholtes Aufsagen von Ordnungsregeln zugerichtet wird, führt Sebastian Sommer im leeren, länglichen Raum des Pavillons auf, in den Bühnenbildner Johannes Schütz Holzstühle für die Zuschauer entlang der Wände gestellt und ein wüstes Feld umgestürzter Holztische gestapelt hat. Nicht wie bei Handke durch einen engfaltigen Vorhang, sondern aus dem Gewirr der Tische wühlt sich hier unter einigen Anstrengungen Hauptdarsteller Jörg Thieme noch in Unterhemd und Mütze ins Rampenlicht, um dann auch wie erwartet immer wieder den erwähnten Anfangssatz in verschiedenster Betonung, mal unsicher, mal gewiss, mal laut oder flüsternd zu sprechen.

Kaspar von Peter Handke am BE - Foto (C) Lucie Jansch

Kaspar von Peter Handke am BE – Foto (C) Lucie Jansch

Handkes Intension war es auch, erklärend das Publikum in das Spiel der Gruppenzurichtung des Kaspars mit einzubeziehen. Er hat dazu Pausentexte vorgesehen, die per Lautsprecher eingespielt, aktuell-politische Beispiele von Manipulation durch Reden etc. verdeutlichen sollen. Das würde dann heute vielleicht doch etwas lehrstückhaft wirken. Sommer belässt es bei ein paar akustischen Lautspielereien mit dem Mikro, Wortsamplings und etwas Musik. Dass mit den Einsagern auch wir ganz persönlich gemeint sind, daran lässt der Regisseur aber von Anbeginn keinen Zweifel. Claudia Burckhardt, Nadine Kiesewalter, Ursula Höpfner-Tabori, Boris Jacoby, Marko Schmidt und Thomas Wittmann beginnen ihr Sprechwerk aus den Zuschauerreihen heraus, wo sie zunächst ganz unauffällig unter uns sitzen.

Ausgehend von Kaspars Satz wird ihm nun suggeriert, wie man es sich mittels Sprache in der Welt gemütlich machen, Ordnung schaffen, einrichten und auch Macht ausüben kann. Die Reaktionen und Reflexionen Kaspars spielt Jörg Thieme als zunächst unsicher Suchender, der sich immer besser zurechtfindet, Dinge aufgreift und sich bekleidet. Er beginnt langsam, dann immer bestimmter die Tische aufzurichten und zu einer Tafel zu ordnen. Er hat nun Modellsätze, mit denen er sich durchschlagen kann, wie es im Text heißt. Kaspar integriert sich hier recht schnell. Er scheint gelehrig, übt sogar selbst einige Wortkreationen auf dem Tisch, wird aber wieder zur Ordnung gerufen. Das wirkt an der großen Tafel fast wie eine Art gemütlicher Debattierklub, wenn nicht der Tonfall hin und wieder etwas schärfer würde. Neben Sprüchen von Diktatoren und Ideologen im Text zeigen auch Zitate aus Haushaltslehrbüchern den ganz alltäglichen Ordnungswahn.

Kaspar fordert nun die Zuschauer auf, mit an die Tafel zu rücken, man prostet sich gut gelaunt bei Jazzmusik zu. Beim Premierenpublikum (unter das sich Hausherr Peymann wie auch Widersacher Rolf Hochhuth mischten), erfährt dieser doch recht freundliche Zugriff Zustimmung. Die Gemütlichkeit ist letztendlich aber auch der ständigen Präsenz heutiger Selbstoptimierungszwänge geschuldet, die das Individuum in der neoliberalen Gesellschaft auch relativ freiwillig eingeht. „Weil ich weiß, wo mein Platz ist.“ sagt Kaspar. An Aktualisierung scheint das Sebastian Sommer genug. Das höllische Feilen der Einsager am neuen Redekaspar fällt aus. Ganz so artig entlässt einen die Inszenierung dann aber doch nicht. Im Chor skandieren alle unentwegt: „Ziegen und Affen“. Vom dummen Nachahmer zum Herdentier. „Ich bin nur zufällig ich.“ An seinen Sätzen zweifelnd verlässt unser Kaspar den Raum. Eine durchaus gelungene Reanimierung eines Stücks deutsch-österreichischer Koproduktion.

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KASPAR
von Peter Handke
Premiere im Pavillon des BE: 21. Februar 2015
Inszenierung: Sebastian Sommer
Bühne, Kostüme: Johannes Schütz
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Sounddesign: Knut Jensen
Mit: Claudia Burckhardt, Nadine Kiesewalter, Ursula Höpfner-Tabori, Boris Jacoby, Marko Schmidt, Jörg Thieme, Thomas Wittmann

Dauer: ca. 1h 30 Minuten (keine Pause)

Termine: 31.03., 01.04., 02.04., 04.04. und 15.04.2015

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/110/kaspar

Zuerst erschienen am 23.02.2015 auf Kultura-Extra.

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Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

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Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

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Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

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Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

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Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

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„Ich werde mich entschlossen verirren.“ – Dem Schriftsteller Peter Handke zum 70sten Geburtstag.

Donnerstag, Dezember 6th, 2012

„Und daß ihr nicht wieder lümmelt im Gras ohne Hoffnung!“

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Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.

Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.

(…)

Als das Kind Kind war,
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
und sie zittert da heute noch.

Peter Handke (* 6. Dezember 1942 in Griffen, Kärnten)
aus Lied Vom Kindsein

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„Husserl hat uns verdorben. Nicht die Phänomene, sondern die Konstruktion! Und nicht ich ernähre mich von der Substanz – die Substanz ernährt sich von mir.“ – „Woher hast du das?“ – „Ich habe heute morgen Edgar Allan Poe gelesen.“

Nur ein Traum?

nach A Dream Within A Dream
von Edgar Allan Poe (19.01.1809 – 07.10.1849)

Nimm den Kuss! Die Stirn wird brennen.
Und, in dem Moment, da wir uns trennen,
Lass mich eines noch bekennen:
Es ist richtig, ohne Frage,
Träume füllten meine Tage.
Doch die Hoffnung ist verflogen
Zwischen Dunkelheit und Licht,
Ob nun Trugbild oder nicht,
War sie darum weniger verlogen?
Alles scheint, man glaubt es kaum,
Nur ein Traum in einem Traum.

Fest steh ich mitten im Gebrüll
der Brandung, die ans Ufer will.
Golden glänzt der feine Sand,
Korn für Korn in meiner Hand.
Wenig nur! Jedoch geschwind
Durch die Finger er mir rinnt.
Weinend klag ich wie ein Kind:
O Gott! Wie kann ich ihn fassen,
Nie aus dem Verschluss mehr lassen?
O Gott! Gibt es nicht eine Kraft,
Die Rettung aus den Wellen schafft?
So ist denn alles, was wir kaum
in Händen glaubten, doch nur Traum?

Neu übertragen von Stefan Bock

max-klinger_pinkelnder-tod_ausschnitt.jpg Max Klinger
„Pinkelnder Tod“ (um 1880), Museum der bildenden Künste Leipzig

„Er hat die Hand in den Fluß der Träume gesteckt und sie trocken wieder herausgezogen.“

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Zitate aus:
Peter Handke:
Ein Jahr aus der Nacht gesprochen
bei Jung und Jung, 2010
Über 500 Sätze zwischen Traum und Erwachen

„Es kann zur Schrift kommen, aber es kann auch zu nichts kommen“

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WIENER FESTWOCHEN 2012 (Teil 2)

Mittwoch, Juni 13th, 2012

Foto: St. B. festwochenreklame_mariahilferstrase.jpg

„Eine Tragödie? … kein Drama. … Nichts als ein Sommerdialog.“Luc Bondy tuscht Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“ ins Wiener Akademietheater.

Der Mann: „Zu einem Leib und einer Seele wird die Zeit, und jedes A und O japst nach der Ewigkeit.“
Die Frau: „So war es. So ist es! Japst. Und schnappt.“

Damit wäre eigentlich das neue Stück von Peter Handke „Die schönen Tage von Aranjuez“, eine Auftragsarbeit für die Wiener Festwochen, von ihm höchst selbst auch schon hinreichend beschrieben. Schöne Tage, eine schöne Landschaft, ein „sachter Sommerwind“ und eine schöne aber auch etwas belanglose Plauderei eines Paares, das sich nicht, wie z.B. in Heiner Müllers „Quartett“, zu einem Rededuell, sondern eher zu einem launigen Frage-Antwort-Spielchen in angenehmer Umgebung mit „rauschenden Bäumen und „schreienden Schwalben“ eingefunden hat. Wenn Luc Bondy sich vollends an Handkes einleitende Regieanweisungen gehalten hätte, wäre es vermutlich schier nicht zum Aushalten gewesen. Aber es handelt sich hier eben nicht nur um einen Dutzend-Erguss eines x-beliebigen Autors, sondern um das neue Werk Peter Handkes, des mit zahlreichen Literaturpreisen überhäuften Verfasser von etlichen Romanen, Erzählungen und Theaterstücken. Mit seinem gerade in Mülheim preisgekrönten Drama „Immer noch Sturm“ gastiert Handke in der Inszenierung von Dimiter Gotscheff gerade bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater. Ulrich Khuon hat wieder mal eine sicheres Händchen bewiesen und wie im letzten Jahr Elfriede Jelinek (Winterreise) auch den diesjährigen Dramatikpreisträger nach Berlin eingeladen. Ob er das auch mit den „Schönen Tagen“ machen wird, dürfte eher fragwürdig sein. Das es noch zu einem leidlich annehmbaren Theaterabend wird, der zwar unter einigen Längen leidet, aber durch zwei Ausnahmeschauspieler wie Dörte Lyssewski und Jens Harzer über die ein oder andere textliche und inszenatorische Unzulänglichkeit hinwegtäuschen kann.

Um Täuschung und Wahrheit, Maske und Offenbarung geht es dann auch bei diesem nur im ersten Anschein so ungezwungenen „Sommerdialog“. Er stellt die Fragen, sie muss antworten. Es geht um: „Das erste Mal, du mit einem Mann, wie ist das gewesen?“ Es folgen präzise Schilderungen von Erinnerungen, Liebesakten und Natureindrücken, ein ganzes „Körperuniversum“ von Silhouetten, Fassaden und Naturvergleichen wird ausgebreitet. Das Paar hängt in Handkes „Unendlichkeitsschleife“ aus Körper und Seele, Liebe und Hass. Und so ist der gesamte Text auch mit jeder Menge Zitaten gespickt. Von Nietzsches Ewigkeit, über Tennessee Williams Dramen „Endstation Sehnsucht“ und „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, bis zu Bob Marleys „Redemption Song“. Doch es gibt weder Zuflucht noch Erlösung. There is no Redemption Song. Dafür Bedauern des Verlusts der Liebe ihrerseits – „Ne me parle pas d`amour.“ – und aus der Erinnerung entspringende Schilderungen der sich wandelnden Natur seinerseits. Die Natur mal wieder als Gleichnis für Entstehen und Vergehen, springendes Kraut und der explodierende Geschmack der Johannesbeere, welkes Laub und Stinkekäfer. „Noli me tangere!“ gegen „Love Is All Around”. Die bittere Erkenntnis der Unmöglichkeit zueinander zukommen und doch nicht voneinander lassen zu können. Dieser ewige Kampf der Geschlechter gipfelt in dem Ausruf „Flores! Flores! para los muertos!“ aus „Endstation Sehnsucht“. Man spricht nicht miteinander, sondern immer nur über sich selbst und hängt der Vergangenheit nach. Die Zeitlosigkeit des Paares wird gegen Ende des Stückes von der Wirklichkeit erreicht. Geräusche der sie umgebenden Außenwelt drängen sich in das Idyll und lassen beide wieder vom Gedanklichen zum Leiblichen übergehen. „Tengo hambre. Ich habe Hunger, Soledad.“ Und man wird weiter zweisam einsam sein.

wien_akademietheater-juni-2011-73.JPG Foto: St. B.
Das Akademietheater der Wiener Burg.

Luc Bondy entscheidet sich Handkes etwas zu sentimental selbstreflexiv geratenen Text auf leicht ironische Weise zu inszenieren und verlegt ihn ganz und gar in den Bereich der Kunst und Imagination. Der Ort des Sommerdialogs ist im Akademietheater eine Bühne hinter der Bühne, ausgestattet mit Garderobenständern, Umkleide und einem Schminktisch mit Klappstühlen. Die passende Naturkulisse muss man sich vorstellen, nur ein Strauß Blumen, und atmosphärisch schön schaukelt dazu hin und wieder ein junges Mädchen durch den Vorhang, wie im imaginären Sommerwind. Die Protagonisten kommen in Kostümen, als hätten sie gerade Figuren aus Schillers „Don Carlos“ gegeben, und lassen sich an dem Tisch nieder, der auch in einer Garderobe stehen könnte. Nur hin und wieder werden Geräusche und Musik vom Band eingespielt. So müssen sich Dörte Lyssewski und Jens Harzer ganz auf ihr schauspielerisches Können verlassen. Sie spielt den reiferen, abgeklärten Part, er darf den etwas eitlen, nicht erwachsen werden wollenden Mann geben und die heiteren Regieeinfälle dazu liefern. Harzer wechselt dazu die Kostüme, greift mal zur Axt und führt ein Indianertänzchen mit passendem Kopfschmuck auf. Lyssewski will daraufhin fliehen, er hält sie immer wieder zurück und spult wie beiläufig seine Naturbeschreibungen ab. Ein Paar, das tatsächlich nicht wirklich zueinander passen will. Die Geräusche von Menschen, Hubschraubern und einer Jagd, die die Beiden aus ihrem Geplänkel reißen sollen, sind bei Bondy noch sehr fern und diffus. Nur ein Schuss durchreißt das Idyll, den Harzer mit etwas Theaterblut auffängt. Nun ja, die Mittel erschöpfen sich bei 1 ¾ Stunden Dauer doch recht schnell und lassen einen etwas ermüdet zurück. Das Ganze wäre durchaus eine schöne Novelle geworden, aber ein abendfüllendes Theaterstück ist es nicht. Am Ende ist man sich bei all der Ironie nicht ganz sicher, wer hier wenn zum Besten halten will. Die Protagonisten das Publikum, Bondy den Autor Handke, oder Handke gar sich selbst? Es wäre schon erschreckend, wenn sich Handke hier allzu ernst nehmen würde. Noch einen Botho Strauß braucht es wirklich nicht.

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Im österreichischen Hobbykeller – „Böse Buben / Fiese Männer“ nach David Foster Wallace in der Regie von Ulrich Seidl im Theater Akzent

Seit den Fällen Kampusch und Fritzl ist das Treiben in österreichischen Keller in den Fokus des allgemeinen Interesses gerückt und treibt sogar in der Kunst seine abseitigen Blüten. Schon seit einiger Zeit ist es übrigens auch verstärkt Thema auf den Theaterbühnen. Elfriede Jelinek hat sich in dem Text „Abraumhalde“, dem Stück „Winterreise“ und dem Sekundärdrama „FaustIn and out“ damit auseinandergesetzt, Kathrin Röggla hat in „Die Beteiligten“ den Medienrummel um Natascha Kampusch beschrieben und die norwegische Theatertruppe „Nya Rampen“ hat den Fall Fritzl in ihre klaustrophobe Videoperformance „Cote d`amour“ übersetzt. Fast alles preisgekrönte Inszenierungen, von denen einige auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden. „Cote d`amour“ von „Nya Rampen“ war sogar bei den diesjährigen Wiener Festwochen in der Garage X zu sehen. Das Fernsehen zeigte die Dokumentation „Natascha Kampusch – 3096 Tage Gefangenschaft“ und demnächst verfilmt sogar die amerikanische Regisseurin Sherry Hormann (Wüstenblume) das Schicksal der Natascha Kampusch fürs Kino. Der bekannte Kameramann Michael Ballhaus (u.a. bei Fassbinder und Scorsese) wird die Produktion, die noch vom 2011 verstorbenen Bernd Eichinger angeleiert wurde, unterstützend begleiten.

bose-buben_theater-akzent-2.jpg Foto: St. B.
Das Theater Akzent in der Theresianumgasse in Wien.

Vom Film kommt eigentlich auch Regisseur Ulrich Seidl, seine Filme „Hundstage“ oder „Import Export“ sind nicht nur in Österreich bekannt und preisgekrönt. Sein neuester Film „Paradies: Liebe“ hatte gerade in Cannes Premiere. Seidl hat sich in seinen Dokumentar- und Spielfilmen immer wieder mit den Obsessionen und Abgründen der menschlichen Seele beschäftigt. Geht es in „Paradies: Liebe“ noch um den Sextourismus von Frauen in Kenia, hat sich Seidl nun in seinem Theaterstück „Böse Buben / Fiese Männer“ die heimlichen Vorlieben, Sexpraktiken und anderen Hobbys der Männer vorgenommen. Inspirieren ließ sich Seidl dabei von David Foster Wallaces pseudodokumentarischen Shortstorys „Kurze Interviews mit fiesen Männern“. Und ganze sieben Exemplare dieser Gattung mühen sich nun beim Seelenstriptease auf der von Duri Bischoff als universalen Kellerraum gestalteten Bühne. Sie posieren am Anfang wie Models für Alltagskleidung an der Rampe, fassen sich ans Gemächt und geben erste Statements ab. Noch nicht zu viel und über die Familienverhältnisse am liebsten gar nichts, die meisten von ihnen sind jedenfalls Singles oder geschieden. Danach beginnen sie sich auszukleiden und treiben im Sportsdress gymnastische Übungen, zeigen ihre Muskeln und auch mal eine nationale Pose, die man nicht nur von Martin Wuttkes Arturo Ui her kennt. Man ist ganz froh, das der Keller scheinbar über eine Lüftungsanlage verfügt und einem der Männerschweiß nicht in die Nase steigt, denn durchaus miefig ist zumeist auch das, was die Herren zu berichten haben.

Da ist der ewige „Busenfreund“ René Rupnik, der über die Fickgewohnheiten großer Monarchen gleichermaßen wie über seine eigenen Vorlieben zu referieren weiß und ansonsten am Rande sitzt und in Stapeln von Pornoheften stöbert. Der Wiener Schauspieler Georg Friedrich, Darsteller in einigen Werken Seidls, mimt einen Bondagefetischisten, der nur bei der ganz präzisen Einhaltung von bestimmten Ritualen Lust empfindet. Andere sprechen von Versagensängsten (Michael Tregor) oder zwanghaften Sexneurosen (Michael Thomas). Der Ägypter Nabil Saleh ist wegen der Freizügigkeit nach Österreich gekommen und bietet nun seine Dienste für unbefriedigte Frauen an. Dafür wird er von den anderen in einen Sack gesteckt und kurzzeitig vom Turnen befreit. Den einarmigen Turnlehrer gibt Lars Rudolph mit Trillerpfeife, der die Frauen auf eine ganz perfide Mitleidstour rumzukriegen weiß. Die Storys der Amateure, die Seidl beigesteuert hat, bleiben doch deutlich hinter den diabolischen von Wallace zurück. Wirklich fies wird es erst, wenn Wolfgang Pregler ein besonders herrenbezogenes Gedankenmodell entwickelt, über das charakterstärkende Moment bei einer Frau, die gerade eine brutale Vergewaltigung überlebt hat. Frei nach dem Motto, was uns nicht umbringt, macht uns nur noch stärker. Die offensichtlichen Leerstellen dazwischen werden mit Gesang, Männerritualen und Spielen überbrückt, bei denen die Bestrafung aus Hose runter besteht. Das Ganze kann über 2 ½ Stunden nur funktionieren, weil Seidl immer wieder auf den Voyeur im Zuschauer setzt, was dennoch Einige vorzeitig in die Flucht trieb. Das Zwingende in den Beichten der sieben Männer wirkt hier leider nicht so immanent wie noch in Seidls letztem Theaterausflug „Vater Unser“ 2004 an der Berliner Volksbühne. Aber er wird beim Thema bleiben und demnächst einen Film über die Männerdomäne Keller drehen. Die vorliegende Theaterversion ist ab dem 28. Juni in den Münchner Kammerspielen zu sehen.

david-foster-wallace_donaukanalradweg.jpg Foto: St. B.
Man muss in Wien keine 24 Stunden Bus fahren, um David Foster Wallace zu begegnen, eine Radtour am Donaukanal tut es auch.
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