Archive for the ‘Philip Tiedemann’ Category

Von Kleist`scher Melancholie über ein Heiner-Müller-Oratorium bis zur schrägen Molière-Freakshow – Einige Abschiede an Berliner Theatern (Teil 4)

Freitag, März 17th, 2017

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Ohne großes Getöse und recht melancholisch verabschiedet sich der scheidende Intendant Claus Peymann mit Kleists Drama Prinz Friedrich von Homburg vom Berliner Ensemble

Prinz Friedrich von Homburg am Berliner Ensemble
Foto (c) Monika Rittershaus

In einigen Theatern der Stadt Berlin stehen in diesem Jahr die Zeichen auf Abschied. Zwei Intendanten müssen ihren Platz räumen. Aber während Frank Castorf an der Volksbühne nur die Theaterkantine wechseln wird und Chris Dercon die verrauchten Wände ein wenig neu streicht, gibt es am Berliner Ensemble einen echten Generationswechsel. Der alte Theaterpatriarch Claus Peymann übergibt den Intendantenstab an Oliver Reese aus Frankfurt, ehemals Chefdramaturg am DT und bestens in Berlin vernetzt. Der hat sich bereits die Mitarbeit zweier bekannter Regisseure gesichert. So kommt es, dass man Frank Castorf und Michael Thalheimer, der von der Schaubühne an den Schiffbauerdamm wechselt, schon sehr bald wiedersehen wird. Aber dazu später.

Währen Frank Castorf es an der Volksbühne mit den Stones oder Iggy Pop oft krachen lässt, liebt man es am Berliner Ensemble etwas softer. Hier säuselte schon Cat Stevens in Leander Haußmanns letzter BE-Inszenierung Die Räuber von Father and Son. Nun hört man ihn bei Peymann am Ende „If you want to sing out, sing out / and if you want to be free, be free” röhren. Dazu steigt Sambrin Tambrea, Peymanns wohl größte Schauspielerentdeckung in seiner Zeit am BE, auf ein schräg durch den Zuschauersaal gespannte Seil, das er bereits zum Anfang des Abends erklettert hatte. Er spielt die Hauptrolle in Heinrich von Kleists 1809/1810 geschriebenem Drama Prinz Friedrich von Homburg. Das letzte aus der Feder von Kleist, der sich bekanntlich 1811 am Kleinen Wannsee das Leben nahm. Entgegen der preußischen Glorifizierung des Helden durch den Autor lässt Claus Peymann seinen Prinzen am Ende nach Kanonendonnergrollen tot in den Seilen hängen. Der jugendliche Traum-Seiltänzer vom Anfang fällt in einer Vorschau auf künftige Schlachten seinem Gehorsam, später auch treffend Kadavergehorsam genannt, zum Opfer. Selbst aus dem Mund der vom Prinzen geliebten Prinzessin Natalie von Oranien, Nichte des Kurfürsten von Brandenburg, lässt Peymann Blut fließen.

Zwischen traumwandlerischem Beginn und fulminantem Ende stehen allerdings zähe zwei Stunden mit einem vollkommen entschleunigten Theater, wie man es selbst von Claus Peymann nicht erwartet hätte. Im Grunde gibt er sich mit seiner erstaunlich pazifistischen Schlussdeutung zufrieden. Der patriotische Ruf: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“ erschallt schon zu des Prinzen übermütigem Alleingang mit seinem Reiterregiment in der Schlacht von Fehrbellin gegen das schwedische Heer. Auf der kargen, in tiefes Schwarz getauchten Bühnenschräge von Achim Freyer, auf der auch mal kurz Fahnen geschwenkt werden, stehen die Schauspieler zumeist in Haufen. Allzu viel Bewegung ist nicht. Lange Blacks trennen die eh schon recht schwach ausgeleuchteten Szenen voneinander.

 

Prinz Friedrich von Homburg am Berliner Ensemble
Foto (c) Monika Rittershaus

 

Viel Raum gibt Peymann nur seinem Prinzen, der alle Gefühlslagen von nachdenklich verträumt bis jugendlich forsch, von verzweifelt um seine Leben flehend bis zur Einsicht in die Notwendigkeit seiner Verurteilung aus Staatsraison auskosten darf. Roman Kaminski als Kurfürst gibt den fast väterlichen Zuchtmeister mit Hang zu Gehorsam und Gesetz, Antonia Bill als dessen Nichte Natalie die Pragmatische mit Durchblick, die die Stimmungsschwankungen des Prinzen zu ordnen versucht. Und Carmen-Maja Antoni hat als Obrist Kottwitz mit angeklebtem Zwirbelbart und Zopf ein paar knarzig-schöne Auftritte als alter preußischer Samurai-Verschnitt. Ansonsten viel Deklamation und Krampf.

Nun könnte man einiges über mögliche Altersweisheit, -milde oder Weitsicht sagen, man muss letztendlich aber konstatieren, dass sich Claus Peymann in seinem letzten Aufbäumen als Regisseur am Berliner Ensemble hier weit unter Format schlägt. Ein zu tiefst melancholischer Abgang, der dem sich einstmals selbst als „Reißzahn im Regierungsviertel“ Postulierten endgültig die Schärfe nimmt. Wer Claus Peymann nochmal sehen will, muss nun nach Wien oder nach Stuttgart fahren, wo Armin Petras, der dann selbst in seiner letzten Spielzeit als Schauspieldirektor fungiert, den ehemaligen Intendanten Peymann eingeladen hat, Shakespeares König Lear zu inszenieren. Ein wahrhaft würdiger Abschluss, den man sich eigentlich schon für den Abschied vom Berliner Ensemble gewünscht hätte.

Das Homburg-Ensemble beim Schlussapplaus. Foto: St. B.

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PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG
Ein Schauspiel von Heinrich von Kleist
Inszenierung: Claus Peymann
Bühne und Kostüme: Achim Freyer
Dramaturgie: Jutta Ferbers, Sarah Thielen
Mitarbeit Bühne und Kostüme: Petra Weikert, Wicke Naujoks
Mit: Roman Kaminski (Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg), Swetlana Schönfeld (Die Kurfürstin), Antonia Bill (Prinzessin Natalie von Oranien, seine Nichte, Chef eines Dragonerregiments), Veit Schubert (Feldmarschall Dörfling), Sabin Tambrea (Prinz Friedrich Arthur von Homburg, Genereal der Reiterei), Carmen-Maja Antoni (Obrist Kottwitz, vom Regiment der Prinzessin von Oranien), Fabian Stromberger (Hennings, Oberst der Infanterie / Ein Soldat), Carl Bruchhäuser (Graf Truchß, Oberst der Infanterie), Matthias Mosbach (Graf Hohenzollern, von der Suite des Kurfürsten), Boris Jacoby (Rittmeister von der Golz), Luca Schaub (Graf Reuß, Rittmeister), Anatol Käbisch (Prittwitz, ein Diener / Ein Offizier)
Premiere war am 10.02.2017 im Berliner Ensemble
Dauer: ca. 2h 10 Min (ohne Pause)
Termine: 23., 30.03 / 01., 13.04. / 01.05.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

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Mit Heiner Müller und HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE. trägt Philip Tiedemann auf der Probebühne des Berliner Ensembles die Intendanz von Claus Peymann zu Grabe

HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE in der Probebühne des BE
Foto (c) Marcus Lieberenz

„Mein Blick aus dem Fenster fällt / Auf den Mercedesstern / Der sich im Nachthimmel dreht melancholisch…“ heißt es in Ajax zum Beispiel, einem Langgedicht des deutsche Dramatikers Heiner Müller, das er ein Jahr vor seinem Tod bei der Arbeit an seinem letzten Stück GERMANIA 3. GESPENSTER AM TOTEN MANN geschrieben hat. Die Uraufführung 1996 hat Müller nicht mehr erlebt. Im Stück treten sie alle noch einmal auf, die teuren untoten Geister der deutschen Geschichte wie Rosa Luxemburg, Ernst Thälmann oder Walter Ulbricht. Der Horizont reicht von den Nibelungen über Stalingrad bis an die Berliner Mauer, das „Mausoleum des deutschen Sozialismus“. Das Mausoleum der guten deutschen Schauspielkunst scheint momentan für viele am Schiffbauerdamm zu stehen. Man ist am Berliner Ensemble ganz auf Abschied eingestellt. Melancholisch dreht sich auch das BE-Zeichen über dem Haus, das Claus Peymann zum Ende der Spielzeit abgeben wird und das auch Heiner Müller von 1992 bis zu seinem Tod 1995 mit einem Intendantenteam leitete.

Das sind dann auch schon die wesentlichsten Gemeinsamkeiten zwischen Berliner Ensemble und Heiner Müller, von dem in der Intendanz Claus Peymanns eher selten die Rede war. Ganze fünf Mal schaffte es hier eine Inszenierung Müllers auf die Bühne. Im Januar 2014 gab es noch ein Fest zu Heiner Müllers 85. Geburtstag. DER SPUK IST NICHT VORBEI, so dachte man da noch optimistisch. Nach Bildbeschreibung (2001) und VORSICHT OPTIMIST! (2005) versucht sich nun zum dritten und letzten Mal Regisseur Philip Tiedemann an den Texten des sperrigen Dichters und Dramatikers. Der Titel des Abends lautet passend HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE.

Auch hier kreiselt als Reminiszenz ans Haus und den toten Dichter ein rundes Logo mit der Inschrift „HERZSTÜCK“ über der kleinen Probebühne. Philip Tiedemann leistet ein gutes Stück sentimental-melancholische Aufräumarbeit am Hause Brechts, Müllers und nun auch des scheidenden Peymanns. Und das geht dann wohl auch besser mit der passenden Musik, dachte sich die Regie und kleidet die Texte Müllers, allen voran das Minidramolett HERZSTÜCK, das Müller 1981 für ein Theaterfest an Peymanns Bochumer Bühne geschrieben hatte, in den samtenen Schmelz einer melancholischen Marching Band mit viel Tuba, die auch den Blues beherrscht, oder zum Trompetensolo bläst.

 

HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE in der Probebühne des BE
Foto (c) Marcus Lieberenz

 

Welche Musik passt zu Heiner Müller, fragt man sich zu Beginn des Abends. Diese hier zum größten Teil wohl eher nicht, weiß man an seinem Ende. Ein großes Missverständnis, sieht man mal vom inneren Beat der Texte Müllers ab, die ihren Rhythmus meist stakkatohaft entfalten. Sie sind scharfe didaktische Herzschläge, wie das Metronom auf der Bühne sie zu Beginn auch vorgibt. Wir sehen zunächst geblendet im vernebelten Gegenlicht die Schatten der Live-Band. In Trenchcoats gehüllt baut das Ensemble den Müller-Parcours aus Tischen und Stühlen auf rotem Tuch auf. Es schwingt viel Wehmut und Tod mit, was nicht immer den Sinn der von Regisseur Tiedemann zusammengetragenen Gedichte und Kurztexte Müllers trifft. Das Können des Ensembles muss da vieles wettmachen.

Von Theatertod ist die Rede, viel Träumerisches erklingt und der Engel der Verzweiflung schaut vorbei. Ansonsten gibt es auch viel dramatischen Leerlauf. Ein wenig ironisch-makaber wird es beim Tafeln mit ICH HATT EINEN KAMERADEN, und der Streit Friedrichs des Großen mit seinem Müller ist eine zirzensische Clownerie am Trapez. Zwei deutsche Klassiker im Disput über Kunst und Politik als BRANDENBURGISCHES KONZERT. Das hat durchaus Witz. Wie ein Hit der Neuen Deutschen Welle präsentiert sich, dem Dichter noch am nächsten, ein dadaistischer Todesmarsch. „Arbeiten und nicht verzweifeln“ bleibt aber das sich mantraartig wiederholende Motto des Abends.

„Darf ich Ihnen mein Herz zu Füßen legen?“ heißt es hier ebenfalls mehrfach. Mal als Chanson, Opernarie, oder als clownesker, pantomimischer Stummfilm zum Klavier vorgetragen. „Ihr Herz ist ein Ziegelstein.“ stellt der angebetete Klaviervirtuose fest. „Aber es schlägt nur für Sie!“ haucht der ergebene Fan zurück. Eine Anbetung des Dichters ist dieser Abend von Philip Tiedemann sicher nicht. Dennoch machen der Regisseur und sein Kurzschluss zum bevorstehenden Ende von Peymanns BE ein unfreiwilliges Oratorium mit finalem Schlafliedgesang nach Brecht daraus. Ein Scheitern, das wiederum ganz gut zu Müllers Zeiten am BE und dem Reißzahngehabe Peymanns nach ihm passt.

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HERZSTÜCK. TEXTE AM ENDE (BE, 24.02.2017)
von Heiner Müller
Regie: Philip Tiedemann
Bühne: Moritz Nitsche
Kostüme: Margit Koppendorfer
Musikalische Leitung: Martin Klingeberg
Dramaturgie: Dietmar Böck
Licht: Benjamin Schwigon
Mit: Claudia Burckhardt, Anke Engelsmann, Raphael Dwinger, Winfried Peter Goos, Uli Pleßmann, Martin Schneider, Jörg Thieme, Georgios Tsivanoglou
und David Hagen (Susaphon, Kontrabass)
Martin Klingeberg (Trompete, Tenorhorn)
Peer Neumann (Klavier, Percussion)
Timofey Sattarov (Akkordeon)
Premiere war am 14.02.2017 auf der Probebühne des Berliner Ensembles
Dauer: ca. 1h 30 Min (ohne Pause)
Termine: 23.03. / 13.04.2017

Info: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 26.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Ach! und weh! Mord! Zeter! Jammer! Ach vergeh! – Michael Thalheimer inszeniert in der Berliner Schaubühne Molières Der eingebildete Kranke als groteske Horrorfarce

Der eingebildete Kranke an der Schaubühne – Foto (c) Katrin Ribbe

Humor ist wenn man trotzdem lacht! Der deutsche Lyriker und Schriftsteller Otto Julius Bierbaum kannte da noch nicht den ganz speziellen Humor von Regisseur Michael Thalheimer, der für seinen Abschied von der Schaubühne mit der Komödie Der eingebildete Kranke nach dem Tartuffe Ende 2013 seinen zweiten Molière inszeniert hat. Thalheimer hält es hier eher mit Andreas Gryphius und seinem Ander Buch, in dem der sprachgewaltige deutsche Barockdichter das Leiden und die Gebrechlichkeit des Lebens und der Welt zelebrierte. Das Studium der Philosophie bei René Descartes und die Faszination bei der Durchführung von öffentlichen Sektionen an Mumien im Theatrum Anatomicum an der Universität Leiden inspirierten ihn zu seinen klagenden Sonetten über die menschliche Eitelkeit und Vergänglichkeit.

Wie Molière verfasst der eigentliche Pessimist Gryphius neben einigen Trauerspielen auch ein paar Lustspiele und erlag ähnlich dem französischen Komödiendichter mit nur 48 Jahren an einem Schlaganfall. Das barocke Zeitalter war nicht nur eine Ära großer europäischer Künstler, sondern auch für Kriege und Krankheiten, und damit ebenso eine Hochzeit für medizinische Quacksalber aller Couleur, denen sich die von ihren Leiden Gepeinigten auf Gedeih und Verderb ausliefern mussten. Das Programmheft bietet hier eine amüsante Abhandlung über den Leibarzt des französischen Sonnenkönigs, der in seiner Amtszeit einiges an medizinischen Martern über sich hatte ergehen lassen müssen.

„Ach! und Weh! / Mord! Zeter! Jammer! Angst! Kreuz! Marter! Würme! Plagen. / Pech! Folter! Henker! Flamm! Stank! Geister! Kälte! Zagen! / Ach vergeh!“ hebt Peter Moltzen als Molières Eingebildeter Kranker Argan dann auch zu Beginn zum Klagegesang aus Gryphius‘ Gedicht Die Hölle an, bevor er aus den Arztrechnungen für seine täglichen Anwendungen aus verschiedensten Pillen, Tränken und Einläufen deklamiert und hernach sein weiß gefliestes Krankenzimmer mit allerlei Kunstblut und Körpersäften besudelt, nebst frischem Stuhlgang in einer Windel, die seine impertinente Dienerin Toinette (Regine Zimmermann) wie eine Trophäe schwenkt. Ein irrwitziger Schlagabtausch der Sondergüte in einem von Olaf Altmann gebauten Kastenverließ, in dem Argan in einem Rollstuhl vegetiert und mit ihm hin und wieder wie das Pendel einer großes Lebensuhr schwingt. Sakral dazu die Orgelmusik von Bert Wrede.

Der eingebildete Kranke an der Schaubühne
Foto (c) Katrin Ribbe

 

Thalheimer vereint den barocken Komödiendichter Molière mit dem Metaphysiker des barocken Memento mori Gryphius, die lächerliche Wehleidigkeit der Titelfigur mit einer gewissen Lust am Leiden und das Wissen um die Vergänglichkeit mit der Angst vor dem Tod. Zumindest pseudobarock ist auch die Kostümierung (Michaela Barth) des Ensembles, das sich nacheinander in den beengten Fliesenkasten zwängt, was immer wieder Anlass für Slapstick bietet. Allein der Humor wirkt dabei etwas makaber bis grotesk albern. So etwa beim Auftritt des Doktor Diafoirus (Ulrich Hoppe) mit seinem grenzdebil stotternden Sohn Thomas (Renato Schuch), den Argan als Freier für seine Tochter Angélique (Alina Stiegler) auserkoren hat, um medizinisch bestens versorgt zu sein. Was dem jungen Mann an Geist fehlt, macht er durch sein riesiges Gemächt wett. Da kann der Musiklehrer und eigentliche Geliebte Angéliques Cléante (Felix Römer) mit seiner ärmlichen Kunstperformance kaum mithalten.

Trotz Streichungen im Text spult Thalheimer die Komödie so einigermaßen erkennbar ab. Schön hintertrieben, fast schon gruselig böse wirkt Jule Böwe als Ehefrau und Stiefmutter Béline, die nur auf den Tod ihres Mannes Argan wartet. Wie ein hilfloser Käfer liegt dieser auf dem Rücken, wenn er sich auf Anraten Toinettes und seines Bruders Béralde (Kay Bartholomäus Schulze) tot stellt, um seine geldgierige Frau zu entlarven. KB Schulze tritt hier als völlig in Binden gewickelte Mumie auf, die röchelnd und blutend von Gesabbel der Medizin spricht. Thalheimer treibt die Komödie um die Angst vor dem Tod ins übertrieben Lächerliche. Argan ist ein alter, geiler Bock, der sich gern von einer Domina-Krankenschwester quälen lässt und bei der Familie den Autoritären herauskehrt.

Das ist allerdings weder zum Niederknien komisch noch „Zum Totlachen“, wie es noch vor 5 Jahren bei der Molière-Inszenierung von Martin Wuttke an der Volksbühne über dem Bühnenportal stand. Auch Wuttke hatte sich in übertriebener Manier kreischend und winselnd ans Leben gehängt, während das Hausmädchen Toinette düster Antonin Artaud deklamierte. Hier ist es eben Gryphius‘ Weltuntergangsschmerz. Ein großes Theater ums Leben und Sterben wird das allerdings auch nicht. Quälend lang mit dem Kopf an die Wände seines Fliesengefängnisses rennend verabschiedet sich Argan aus der Welt in den erlösenden Tod.

 

Schlussapplaus für den eingebildeten Kranken an der Schaubühne
Foto: St. B.

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Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals, dass Michael Thalheimer nach dieser matten Molière-Komödie zu Oliver Reese, dem Nachfolger des ebenso ermatteten Claus Peymann, ans Berliner Ensemble wechselt. Vielleicht vitalisiert ihn ja die Aussicht dort auf den nimmermüden Frank Castorf zu treffen. Schon Ende März kann Thalheimer am Deutschen Schauspielhaus Hamburg zeigen, ob er in Kleists Lustspiel Der zerbrochene Krug mehr Potential zur Komödie oder zur Tragödie sieht.

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DER EINGEBILDETE KRANKE
von Molière
Deutsch von Hans Weigel
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Michaela Barth
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Norman Plathe
Darsteller:
Argan: Peter Moltzen
Béline: Jule Böwe
Angélique: Alina Stiegler
Louison: Iris Becher
Béralde: Kay Bartholomäus Schulze
Cléante: Felix Römer
Doktor Diafoirus: Ulrich Hoppe
Thomas Diafoirus: Renato Schuch
Toinette: Regine Zimmermann
Premiere war am 18.01.2017 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: ca. 105 Minuten
Termine: 16.-19.04.2017

Infos: http://www.schaubuehne.de/de

Theaterabschiede Teil 1: Christoph Marthaler an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

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100 Jahre George – Zum 100. Geburtstag von Georg Tabori zeigt das Berliner Ensemble sein Stücke.

Freitag, Mai 30th, 2014

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Anlässlich des 100. Geburtstags des großen jüdisch-europäischen Theatermanns George Tabori am 24. Mai 2014 veranstaltet das Berliner Ensemble bereits seit dem 18. Mai eine ganze Woche unter dem Motto „100 Jahre George“. Auf dem Programm stehen dabei Filme seiner früheren Inszenierungen, Lesungen und natürlich Aufführungen von Taboris Stücken und Regiearbeiten aus dem Repertoire des Berliner Ensembles, an dem er von 1999 bis zu seinem Tod 2007 arbeitete. Die Festivitäten kulminieren am 24. Mai in einem großen Fest für George.

100 Jahre George Tabori im BE - Foto: St. B.

100 Jahre George Tabori im BE – Foto: St. B.

George Tabori wurde 1914 als Sohn des jüdischen Journalisten und Schriftstellers Cornelius Tábori in Budapest geboren. 1932 begann er in Berlin zunächst eine Hotelfachlehre, musste dann aber 1933 wieder nach Budapest fliehen. Durch seine Emigration 1935 nach England entging George Tabori dem Holocaust. Sein Vater wurde 1944 in Auschwitz umgebracht. Den Tod des Vaters und die wundersame Errettung der Mutter verarbeitete Tabori später in seinen Theaterstücken Die Kannibalen und Mutters Courage. Ab 1947 arbeitete Tabori u.a. für Alfred Hitchcock als Drehbuchautor in Hollywood. In den USA traf er auch Bertolt Brecht und fing daraufhin selbst an Theaterstücke zu schreiben, die auch Ende der 1960er Jahre in New York uraufgeführt wurden. 1971 kehrte George Tabori wieder nach Deutschland zurück. Von Claus Peymann 1983 ans Schauspielhaus Bochum eingeladen, folgte er dem Regisseur und Theaterintendanten auf seinen Stationen über das Burgtheater Wien bis ans Berliner Ensemble.

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Die Demonstration, ein Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg in der Regie von Frank Hoffmann.

Von den 11 Theaterstücken, die Tabori in seiner Zeit am Berliner Ensemble inszenierte, zeigt das BE nun Becketts Warten auf Godot (Premiere 2006) und Taboris eigenes Stück Die Juden (Premiere: 2003). Mit Mein Kampf (Premiere 2009) in der Regie von Hermann Beil und Die Kannibalen, von Philip Tiedemann gerade erst im März frisch in Szene gesetzt, sind weitere Inszenierungen von Tabori-Stücken zu sehen. Höhepunkt ist aber zweifellos ein Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg mit Taboris 1967 in New York uraufgeführtem Stück Die Demonstration. Damals noch unter dem provokanten Titel The Niggerlovers und mit Stacy Keach sowie dem jungen Morgan Freeman durchaus prominent besetzt. Erst 2011 kam es dann unter dem Regisseur und Intendanten der Ruhrfestspiele Recklinghausen Frank Hoffmann zu seiner deutschen Erstaufführung. In einer Wiederaufnahme ist Die Demonstration jetzt am 20. und 21. Mai am BE zu sehen.

Der Plot ist schnell erzählt. Monsieur X, ein 92-jähriger französischer Jude, sitzt mit seiner Frau Madam Y in seiner schicken New Yorker Wohnung und hadert seit Jahren damit, einziger Überlebender seiner im Holocaust umgekommen Familie zu sein. Dieses Recht will sich der immer noch kampfeslustige Alte nun mit einem nachträglichen Martyrium verdienen. Monsieur X plant eine Reise in den Süden der USA, um an Ort und Stelle – sozusagen direkt da, wo es wirklich weh tut – für die Rechte der Schwarzen zu demonstrieren. Aus Angst um die Gesundheit ihres bereits etwas betagten Gatten (der bekannte deutsche Schauspieler Martin Brambach gibt ihn slapstickhaft als Tattergreis mit wirrer Grauhaarperücke und Krückstock) hat Frau Y (Christiane Rausch) zwei kampferprobte, schwarze New Yorker Bürgerrechtsstreiter geladen, um ihrem Mann eine möglichst echte und abschreckende Demonstration der zu erwartenden Konsequenzen zu geben.

Die Demonstration von George Tabori Foto © Bohumil Kostohryz

Die Demonstration von George Tabori
Foto © Bohumil Kostohryz

Das wohlmeinende, gutsituierte X-Y-Wohlstandspärchen hätte das wohl lieber unterlassen. Hier liegt der Witz allein schon im Wortspiel Demonstration. Freckles und Creampuff (dargestellt von den nigerianischen Schauspielern Michael Ojake und Jubril Sulaimon), zwei ausgebuffte Einpeitscher auf so mancher Protestdemo, gehen nun ihrerseits recht respektlos zu Werke und auch etwas unsanft mit dem Alten und seiner Wohnung um. Anhand eines krakelig geschriebenen Spickzettels mit guten Ratschlägen eines Bekannten von Monsieur X handeln nun die Beteiligen alle möglichen Szenarios von rassistischen Beschimpfungen über direkte Polizeigewalt bis zum geifernden Lynch-Mob ab. Dabei fällt es Monsieur X offenbar nicht sonderlich schwer von der Opferrolle des blutenden „Negers“ in die des pöbelnden Rassisten und wieder zurück zu switchen. We Shall Overcome, Black and White werden ändern die Welt, singt er zynisch.

Und so entwickelt sich ein alle political correctness missachtender, typischer Taboristoff zwischen Tragikomödie und Farce, bei dem einiges an Kunstblut und jede Menge Lachtränen vergossen werden. Täter und Opfer wechseln beständig ihre Rollen, bis Monsieur X keine Lust mehr hat und aus dem Spiel, das für die beiden Schwarzen in den 1960er Jahren der USA jeder Zeit ernste Bedrohung ist, aussteigen will. Doch das ist hier nicht mehr so einfach möglich. Das „Flirten mit der Gewalt“ gerät etwas außer Kontrolle. In kleinen ruhigen Momenten gedenkt das alte Paar der gemeinsam erlittenen Schmerzen ihrer früheren Gefangenschaft im Gestapoknast in Rouen. Sichtlich derangiert ist der greise Held dann aber dankbar für die aufschlussreiche Präsentation und nun erst recht bereit für seine Reise gen Süden. Schmerz oder Scherz, man kann sich hier nie wirklich sicher sein. Ein hinterfotziger Spaß zwischen oberflächlichen, verlogenen Klischees und tiefer Wahrheit. Und wie schon der kluge, listige Theatermagier George Tabori selbst sagte: „Alles ist verlogen, außer Theater. Auf der Bühne ist jede Lüge wahr.“

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DIE DEMONSTRATION
von George Tabori
Regie: Frank Hoffmann
Bühne und Kostüme: Jean Flammang
Musik: René Nuss
Dramaturgie: Andreas Wagner
Mit: Christiane Rausch; Martin Brambach, Michael Ojake, Jubril Sulaimon
Ein Gastspiel des Théâtre National du Luxembourg in Koproduktion mit Ruhrfestspiele Recklinghausen auf der Probebühne des BE
Termine:
Dienstag, 20. Mai, 20.30 Uhr, Probebühne
Mittwoch, 21. Mai,19.30 Uhr, Probebühne

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/zugabe

Weitere Infos: http://www.tnl.lu/de/2014/05/19/die-demonstration-in-berlin

Zuerst erschienen am 21.05.2014 auf Kultura-Extra.

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Die Kannibalen von George Tabori in einer Inszenierung von Philip Tiedemann am Berliner Ensemble

Die Kannibalen von George Tabori am BE Foto: St. B.

Die Kannibalen von George Tabori am BE
Foto: St. B.

Zwanzig Jahre, nachdem George Tabori seinen abgelehnten, vom Schicksal des in Auschwitz umgekommenen Vaters handelnden Roman Pogrom vernichtet hatte, widmete er sich in den 1960er Jahren wieder diesem Thema. 1968 wurde sein Theaterstück The Cannibals in New York uraufgeführt und feierte ein Jahr später am Berliner Schillertheater unter dem Titel Die Kannibalen (Übersetzung: Peter Sandberg) seine viel beachtete Deutschlandpremiere. „Es darf in Ansehung des Schlimmsten gefragt werden, darf mitgefühlt, darf sogar gelacht werden.“ schrieb damals der Berliner Theaterkritiker Friedrich Luft. Die letzte, sehr rasante Inszenierung von Taboris Stück zum schwierigen Thema des Kannibalismus unter hungernden KZ-Häftlingen fand zu seinem 80. Geburtstag 1994 im Carrousel Theater (heute Theater an der Parkaue) statt. Im Jahr des 100. Geburtstags des jüdischen Dramatikers hat es nun Regisseur Philip Tiedemann mit sanfter, tragikomischer Hand am Berliner Ensemble neu inszeniert. Die Premiere war im März. Am letzten Wochenende ist es wieder im Rahmen eines Festes für Georg aufgeführt worden.

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Zum Thema Mitfühlen sei jedoch gesagt, dass das vermutlich nicht die Intension Taboris beim Schreiben der Kannibalen war. Zumindest lässt sich feststellen, dass seine Versuchsanordnung im Stück, bei der zwölf Söhne und Überlebende die Geschichte des Todes und Speisung der Leiche eines Mithäftlings rekonstruieren, stark an Brechts episches Theater erinnern. Tabori, von Brecht beeinflusst, nutzt hier tragische und komische Momente gleichermaßen zur Vermenschlichung der Leiden und Bewältigung der Trauerarbeit. Eine weitere wichtige Quelle für Taboris Stück war, da er selbst keine KZ-Erfahrungen hatte, die Erinnerungen des Auschwitz-Überlebenden Primo Levi, die er in seinem Bericht Ist das ein Mensch? niederschrieb. Darin heißt es sehr eindrücklich: „Aber wer könnte sich vorstellen, einmal keinen Hunger zu haben? Das Lager ist der Hunger. Wir selber sind der Hunger, der lebende Hunger.“

Am Berliner Ensemble treten die Darsteller nun nach und nach aus dem Dunkel der Bühne auf einen mit rotem Vorhang eingerahmten, schrägen Podest und zeichnen mit Kreide die Umrisse einer Lagerbaracke auf. Während alle beim Schlafen in ihren Kojen vom Essen träumen und vergangene Genüsse herbeifantasieren, kaut im Vordergrund der fette Häftling Puffi und ehemalige Gänseleberfabrikant (Detlef Lutz), auch Lieblingsobjekt der Aufseher genannt, an einem verborgenen Stück Brot. Die davon erwachten Hungernden erschlagen ihn für seinen Mundraub. Anstatt Puffi zu begraben, wie es der menschliche Anstand verlangen würde, kommt der Medizinstudent Klaub (Sabin Tambrea) auf die Idee, gemäß des Nachrufs „Er speiste Millionen“ von Onkel (Martin Seifert als Klaubs moralischer Widerpart), Puffi einfach im Pisseimer zu kochen und zu essen. Klaubs Referat über die Verdaulichkeit von Menschenfleisch und dessen Diktum „Fleisch ist Fleisch, und ich will existieren.” kann Onkel nur noch die Dostojewski-Worte: „Wenn Gott tot ist, dann ist alles erlaubt.“ entgegensetzen.

Die Kannibalen am BE - Foto (c) Monika Rittershaus

Die Kannibalen am BE – Foto (c) Monika Rittershaus

Während alle ungeduldig auf das Mal warten und blubbernde Kochgeräusche nachahmen, entspinnt sich ein moralischer Schlagabtausch zwischen dem feinsinnigen Menschen Onkel (Taboris Vater Cornelius nachempfunden, dem Tabori dieses Stück auch widmete) mit seinen reinen, weißen Handschuhen sowie Klaub und dem Koch Weiss (Stephan Schäfer), die ganz pragmatisch den Hunger in den Vordergrund stellen. „Die Friedhöfe sind voll von Leckerbissen.“ In kleinen Zwischenmonologen berichten die Häftlinge/Söhne aus dem früheren Leben, der im KZ Umgekommenen und geben damit ihnen und ihrer Geschichte Gesicht und Stimme zurück. Die beiden Überlebenden Hirschler und Heltai (Axel Werner und Thomas Wittmann) unterhalten sich über die Schwierigkeit der rechten Erinnerung.

So bekommt hier jeder seinen Auftritt. Es gibt eine urkomische Showeinlage von Georgios Tsivanoglou als Zigeuner, der den Fall eines Leberwurstmörders zur erotischen Phantasie werden lässt. Und schließlich erscheint dann Onkel noch Gott persönlich als riesiger Schattenriss in Gestalt von Klaub, um ihn davon zu überzeugen, dass mit dem Gebot „keine ekeligen Sachen“ zu essen, wohl nicht Puffi Pinkus gemeint war. Die herkömmlichen Moralbegriffe werden angesichts der buchstäblichen Alternative „friss oder stirb“ vollkommen ad absurdum geführt. Gott im Munde zu führen erweist sich hier fast noch unmenschlicher als zum Kannibalen zu werden. Die Häftlinge werfen Onkel in einer Art Prozess sogar vor, damals beim Transport nach Ausschwitz die Möglichkeit der Flucht durch das Verschwindenlassen eines Messers vereitelt zu haben.

Denkmal des Knienden und straßenwaschenden Juden von Alfred Hrdlicka am Helmut-Zilk-Platz in Wien - Foto: St. B.

Denkmal des Knienden und straßenwaschenden Juden von Alfred Hrdlicka am Helmut-Zilk-Platz in Wien – Foto: St. B.

Die Grenze zwischen Täter und Opfer scheint sich hier im KZ zu verwischen, würde Tabori nicht zum Schluss noch den SS-Mann und ehemaligen Gastwirt Schrekinger bei einer Selektion auftreten lassen. Tabori-Witwe Ursula Höpfner-Tabori räsoniert als in schwarz gewandeter „Engel des Todes“ über Tugend, Moral und den richtigen Umgang mit Juden. In einem schizophren anmutenden Zwiegespräch mit seinem Sohn, der ihn danach fragt, was er damals getan hat, windet sich Schrekinger mit der Aussage heraus, nur Befehle befolgt zu haben. Die Moral und Freiheit der Wahl ist hier wieder auf der Seite der Häftlinge, die einer nach dem anderen Schrekingers Befehl zu essen nicht befolgen und – zischend das Gasgeräusch nachahmend – in den Tod gehen. Die beiden Überlebenden täuschen zumindest das Essen an und können sich somit retten. Einsam stehen die zwei an der Rampe, während Schrekinger, auf dem Tisch hockend, gierig die Näpfe ausleckt. Es ist dies dennoch eine behutsame aber auch sehr eindrucksvolle Annäherung von Philip Tiedemann an Taboris Stück, das uns immer nur eine Ahnung von dem, was wirklich war, vermitteln kann, jedoch die Erinnerung daran wach hält.

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DIE KANNIBALEN (gesehen am 24.05.14 am BE)
von George Tabori
Deutsch von Peter Sandberg

Inszenierung und Bühne: Philip Tiedemann
Kostüme: Margit Koppendorfer
Musik: Henrik Kairies
Dramaturgie: Hermann Beil, Dietmar Böck
Licht: Ulrich Eh, Steffen Heinke
Mitarbeit Bühne: Jan Freese

Mit: Axel Werner (HIRSCHLER, ein Überlebender), Thomas Wittmann (HELTAI, ein Überlebender), Martin Seifert (ONKEL), Sabin Tambrea (KLAUB, ein Medizinstudent), Georgios Tsivanoglou (DER ZIGEUNER), Stephan Schäfer (WEISS, der Koch), Uli Pleßmann (PROFESSOR GLATZ), Martin Schneider (GHOULOS, der Grieche), Winfried Goos (DER KLEINE LANG), Jonathan Kutzner (DER RAMASEDER-JUNGE), Marvin Schulze (DER STILLE HAAS), Detlef Lutz (PUFFI, ein fetter Mann), Ursula Höpfner-Tabori (SCHREKINGER, Engel des Todes), Michael Kinkel (KAPO)

Dauer: 1h 40 Min (keine Pause)

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/97

Termine:

  • 06.06.2014 um 20:00 Uhr
  • 30.06.2014 um 20:00 Uhr
  • 09.07.2014 um 19:00 Uhr

Zuerst erschienen am 28.05.2014 auf Kultura-Extra.

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Nobody called? – Feydeaus „Floh im Ohr“ bleibt in der eher gebremsten Regie von Philip Tiedemann am Berliner Ensemble merkwürdig anschlusslos.

Donnerstag, Mai 23rd, 2013
Floh im Ohr von George Feydeau im Berliner Ensemble - Foto: St. B.

„Floh im Ohr“ von Georges Feydeau im Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Gute Unterhaltung ist Mangelware an den Theatertempeln der subventionierten deutschen Hochkultur. Obwohl man sich schon hin und wieder mal am gut gemachten Boulevard versucht. Neben zeitgenössischen deutschen Autoren wie David Gieselmann (Herr Kolpert) und Lutz Hübner (Blütenträume, Richtfest u.a.), dem Briten Alan Ayckbourn (Bedroom Farce, RollenSpiel, Schöne Bescherungen u.a.) oder auch der Meisterin des französischen Edelboulevards Yasmina Reza (Drei Mal Leben, Der Gott des Gemetzels u.a.), die in ihren Komödien aber immer auch eine tiefere Metaebene einziehen, eignen sich dabei besonders die französischen Autoren der Belle Époque wie Eugène Labiche (Das Sparschwein) oder sein Bewunderer Georges Feydeau, der das Vaudville immer gegen die Hochkultur verteidigt hatte. Dieses Genre der sogenannten leichten Muse (u.a. Jacques Offenbach) und Boulevard-Komödie erfuhr etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch an deutschen Theatern seine Hochzeit.

Das Deutsche Theater in Berlin hat sich in der Gründerzeit aus eben einer solchen Vaudeville- und Operettenbühne heraus erst zum Nationalen Kunsttempel entwickelt. Das national erstarkte deutsche Bürgertum, das sein Selbstverständnis plötzlich nicht mehr nur in der reinen Unterhaltung sah, sondern seine gerade gewonnene Freiheit wieder mit strengeren Moralvorstellungen reglementierte, entdeckte wieder Goethe, Schiller und Kleist für sich. Eine für Deutschland durchaus typische Entwicklung, die bis heute trotz Postdramatik und Regietheater anhält, und sich nun, damit ästhetisch fast am Ende, plötzlich wieder in ironischer Weise des guten alten Vaudevilles besinnt. Dass die Komödie mit ironischem Tiefgang jedoch auch gewaltig in die Hose gehen kann, hat gerade erst der oberste Hausregisseur des DT Andreas Kriegenburg mit seiner bunten Show des individualisierten Unterhaltungsterrors „Sklaven“ nach Einaktern von Georges Courteline bewiesen.

Um der Hölle der sogenannten bürgerlichen Freiheit zu entkommen, ging der vergnügungssüchtige Familienvater von jeher gerne in den Puff und daheim zum Lachen in den Keller, oder eben auch ins Boulevardtheater. Da war es fast schon zwangsläufig Bedingung, dass neben dem festgefügten bürgerlichen Weltbild auch die Hosen ordentlich ins Rutschen geraten durften. Dazu bedarf es natürlich, um nicht auch noch das Niveau allzu tief sinken zu lassen, eines glücklichen Regiehändchens und einer gut geölten Theatermaschinerie vor und hinter den Kulissen. Nichts ist auf der Bühne schwieriger, als einen Schwank so zu schmieren, dass die Chose ordentlich flutscht und dabei nicht vollends abschmiert. Was so leicht aussieht, ist also durchaus handwerkliche Schwerstarbeit, und davor steht natürlich noch der mit der nötigen Begabung fürs Feine und Grobe versehene Autor, der in seinen Stücken das Uhrwerk so genau einzustellen weiß, dass es auch an den richtigen Stellen gongt, sprich Witz und Situationskomik überhaupt erst zünden können.

Georges Feydeau (1862 - 1921)

Georges Feydeau (1862 – 1921)

Und so ein Meister der guten Theaterschmiere ist eben der bereits erwähnte Georges Feydeau. Er hat derer immerhin sechsundsechzig geschrieben. Dabei durchlebte Feydeau seine, die Doppelmoral des Bürgertums entlarvenden Komödien, geradezu am eigenen Leib. Je nach Erfolg seiner Stücke bewegte er sich in gehobeneren oder weniger solventen Kreisen, und beendete sein Leben als geschiedener Mann, der die letzen Jahre seines Lebens in einem Hotel verbrachte, infolge einer Syphiliserkrankung geistig umnachtet. Feydeaus bekanntestes und auch immer wieder auf den Spielplänen der subventionierten Stadttheater stehende Stück ist die schwankhaft-groteske Komödie „La puce à l’oreille“, zu deutsch „Der Floh im Ohr“.

Das Berliner Ensemble öffnet sich damit nun auch ganz offiziell dem breiteren Publikumsgeschmack. Was nicht weiter erwähnenswert wäre, würde man hier nicht geradezu immer wieder den Hort der politischen Widerständigkeit gegen jegliche programmatische Verflachung verteidigen. Mit Regisseur Philip Tiedemann hat man dann auch den Mann gefunden, der bereits mehrfach bewiesen hat, siehe seine Inszenierungen der Schillerversion „Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen“ nach der Komödie des Franzosen Louis-Benoît Picard oder „Immanuel Kant“ von Thomas Bernhard, dass er einer boulevardesken Figurenzeichnung durchaus nicht abgeneigt ist, und den Spagat zwischen E und U mühelos hinbekommt.

Philip Tiedemann befindet sich mit seiner Idee Feydaus Klamotte „Floh im Ohr“ auf die große Bühne des BE zu hieven in prominenter Gesellschaft. Wie bereits Martin Kušej 2004 am Thalia Theater Hamburg und Dieter Dorn 2006 am Resi in München verwendet er dabei die moderne Übersetzung von Elfriede Jelinek. Die französische Boulevardkomödie hat tatsächlich einen gewissen Reiz auf die österreichische Autorin ausgeübt, und sich mit Sicherheit auch in den oft endlos kalauernden Wortkaskaden ihrer Theatertexte niedergeschlagen.

Die scharfe Kritikerin bürgerlicher Abgründe und fieser Scheinmoral ist von Detailreichtum, Komplexität und Zeichenhaftigkeit der Sprache in der französischen Farce gleichermaßen fasziniert, wie von der rasanten Schnelligkeit und der Tatsache, das nach dem kurzen Durchrütteln der bürgerlichen Konventionen alles wieder auf den Ausgangspunkt zuläuft. Der Bürger als Hamster im Rad der gesellschaftlichen Konventionen, wie sie es beschreibt. Die Komik speist sich hier aus der Verzweifelung der Figuren, mit der sie ihre Fehltritte zu vertuschen suchen, um dabei doch nur in Höchstgeschwindigkeit scheinbar immer tiefer im Strudel um die eigenen Lügen und Intrigen zu versinken.

Der „Floh im Ohr“ von Raymonde (Swetlana Schönfeld), der Ehefrau des Rechtsanwalts Victor-Emmanuel Chandebise (Joachim Nimtz), ist die irrige Annahme, dass ihr Gatte, der sie scheinbar absichtlich vernachlässigt, eine Affäre haben muss. Denn, was ich selber denk und tu, das trau ich auch den andren zu. Beweis sind ein paar Hosenträger, die ihr aus dem berüchtigten Etablissement „Zur Zärtlichen Miezekatze“ mit der Post zugeschickt wurden. Ihr Plan ist es, mit Hilfe eines fingierten anonymen Liebesbriefs, den ihre Freundin Luceinne (Marina Senkel) schreiben muss, den Untreuen Ehemann zu überführen. Daraus ergeben sich naturgemäß in Folge die allerschönsten Verwicklungen. Die verklemmte Moral wirft im Verborgenen ihre Hosenträger ab und stolpert sogleich über die heruntergelassenen Hosen.

Floh im Ohr am BE. Bühnenbild: Norbert Bellen - Foto: St. B.

„Floh im Ohr“ am Berliner Ensemble.
Bühnenbild: Norbert Bellen – Foto: St. B.

Der eigentliche Besitzer der Chandebise’schen Hosenträger ist allerdings der Cousin des Hausherrn Camille, der überdies einen veritablen Sprachfehler besitzt (Thomas Wittmann beherrscht das konsonantenlose Sprechen praktisch wie aus dem Effeff), und ohne Hilfsmittel des zwielichtigen Arztes Dr. Finache (Uli Pleßmann) nicht viel zur Aufklärung beitragen kann. Der in Liebesdingen Benachteiligte benötigt etwas erotische Nachhilfe, die er sich in den Armen „zärtlicher Miezekatzen“ erhofft.

Weiterhin verwickelt sind der bisher verschmähte Verehrer von Madam Chandebise und Mitarbeiter von Victor-Emmanuel, Romain Tournell (Veit Schubert), der für seinen vorsichtigen Chef das Rendezvous wahrnehmen soll, und der sich nun ebenfalls gehörnt glaubende spanische Gatte von Luceinne, Carlos Homenides de Histangua (Jakob Schneider). Für vollkommene Verwirrung bei allen Beteiligten sorgt noch, dass der versoffene Portier des Hotels „Zur Zärtlichen Miezekatze“, genannt Poche, Rechtsanwalt Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Joachim Nimtz brilliert in dieser Doppelrolle mit schnellem Wechsel von Körperhaltung, Sprache und Kostüm.

Wie in jeder richtigen Boulevardkomödie klappen nun auch am BE die Türen und Bodenluken auf und zu, drehen sich Betten und verschwinden die Figuren damit im Bühnenboden, geben sich Herrenzote und Unterleibswitz die Klinke in die Hand. Nach anfänglichem Geplänkel und Ränkeschmieden im Hause Chandebise dreht die Klamotte erwartungsgemäß im 2. Akt bei den „Zärtlichen Miezekatzen“ auf. Ganz routiniert und halbwegs gut geölt läuft dann auch die Bühnenmaschinerie mit einer variabel verschiebbaren Lattenwand (Bühne: Norbert Bellen), die neben den Türen noch Platz zum Durchschlüpfen lässt und den Akteuren auch als Klettergerüst dient.

Die ganze Personage versammelt sich zum nicht ganz freiwilligen, gemeinsamen amourösen Tänzchen im verruchten Hotel. Männer stammeln, Damen kreischen. Klischee reiht sich an Klischee. Der Holzhammer regiert und Fußtritte sind noch immer probates Mittel für Schenkelklopfer. Chaplin lässt grüßen, und hat noch immer die Lacher auf seine Seite bekommen. Ein riesiger Rugbyspieler (Nicolai Despot) gibt den nach erotischen Abenteuern gierenden Engländer gleichen Namens, der sich auf alles was noch einen Rock trägt mit eindeutiger Pose stürzt. Der eifersüchtige spanische Ehemann trägt seinen Colt wie ein mexikanischer Pistolero, und kaut dabei bedrohlich auf seinem Akzent herum.

Feydeaus frecher Floh beißt sich fest im Ohr aller Beteiligten und versucht auch den gewagten Sprung ins Publikum, das bislang nur vereinzelt zu Lachen wagte. Dabei halten sich innere Abwehrhaltung und der Wille zum Amüsement vorerst die Waage. Allein das Karussell der Verwicklungen dreht sich dann doch etwas zu vorhersehbar. Man merkt dem Floh seine Jahre an, die er auf dem Buckel trägt. Es ächzt bedächtig im Gebälk der Witzmaschine. Der Sprung in die Gegenwart gerät leider etwas zu kurz. Tiedemann lässt der Farce auch nicht vollends ihren freien Lauf, bewahrt sie vor dem unkontrollierten Durchdrehen.

Das Team vom "Floh im Ohr" beim Beifall. Foto: St. B.

Das Team vom „Floh im Ohr“ beim Beifall. Foto: St. B.

Zu durchsichtig scheint heute diese Verwechslungskomödie, als dass sich daraus die nötigen Funken schlagen ließen, um einen Hochkultur-gesättigten Bildungsbürger noch aus der Reserve locken zu können. Obwohl die moralischen Hosenträger sicher auch weiterhin festgezurrt am Körper sitzen, scheinen uns das vorübergehende Ausbrechen aus starren Ehe-Konventionen oder ähnlich lächerliche Befindlichkeiten, wie die Angst vor dem Skandal, der noch die Figuren in Feydeaus Komödien antrieb, heute doch eher kalt zu lassen. Oder lag es am kühlen Wetter? Trotz allem noch ein recht warmer Applaus für das aufopferungsvoll kämpfende und ausgelassen hüpfende Floh-Ensemble.

Kurzfassungen auf livekritik.de und nachtkritik.de

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Termine:

  • 27.05.2013 um 19:30 Uhr
  • 28.05.2013 um 19:30 Uhr
  • 02.06.2013 um 18:00 Uhr
  • 13.06.2013 um 19:30 Uhr
  • 16.06.2013 um 19:30 Uhr
  • 28.06.2013 um 20:00 Uhr

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VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger – Thomas Brasch am BE, Einar Schleef am Gorki und Heiner Müller am DT (Teil1)

Sonntag, März 4th, 2012

„Erst wenn eine Gesellschaft so regressiv ist, daß sie den Menschen das Wünschen abtrainiert, ist das Ziel der Mächtigen erreicht.“ Thomas Brasch

Wenn im folgendem hier gleich zweier liebgewonnener deutscher Theaterberserker gedacht werden soll, denen die Berliner Theater in dieser Spielzeit ganze Wochenenden eingerichtet haben, darf man natürlich einen nicht vergessen. Thomas Langhoff, der Ex-Intendant des Deutschen Theaters, der, seit er dort nicht mehr inszenieren konnte, am Münchner Residenztheater bei Dieter Dorn und am Berliner Ensemble bei Claus Peymann eine neue Bühnenheimat fand, ist 73jährig am 18. Februar gestorben. Auf der Bühne des BE wurde gerade seine letzte Inszenierung gespielt, Tschechows „Kirschgarten“. In diese Arbeit hatte er noch einmal all seine verbliebene Kraft und Erfahrung gesteckt. Ein merkwürdig ruhiger und melancholischer Abgesang an vergangene Zeiten, der dennoch nicht gestrig wirkte. Sein stilles Vermächtnis nach immerhin knapp 50 Jahren als Theaterregisseur.

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Thomas Langhoff (08.04.1938 – 18.02.2012)

Begonnen hatte der Sohn von Theaterlegende Wolfgang Langhoff in den 60er Jahren als Schauspieler in Potsdam und kam übers Fernsehen schließlich als Regisseur zum Theater nach Berlin. Seine Inszenierung der „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow brachte er 1979 gleich am Maxim Gorki Theater und am Schauspiel Frankfurt a.M. heraus. Theatergeschichte schrieb Thomas Langhoff dann 1988 mit der „Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun am Maxim-Gorki-Theater. Seit den 80er Jahren inszenierte er auch häufig im Westen. Mit Ibsen, Hauptmann, Brecht und Tschechow stellte Langhoff immer wieder die Probleme der bürgerliche Gesellschaft hüben wie drüben auf die Bühne. Und so pendelte er seit Jahren zwischen Ost und West, als wäre da nie etwas Trennendes gewesen. Mehrere Einladungen zum Berliner Theatertreffen waren die Folge.

Seit 2010 hat er es gewusst, dass es ihm wie dem Jürgen Gosch ging. Zwei Inszenierungen, „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams und besagter „Kirschgarten“ von Anton Tschechow, entstanden dann noch unter seiner Regie am BE. Dafür holte er auch ehemalige DT-Stars wie Dagmar Manzel und Robert Gallinowski ans Berliner Ensemble. Eine mit Sicherheit bemerkenswertere Inszenierung ist Thomas Langhoff aber Anfang 2010 mit Gorkis „Nachtasyl“ gelungen, in der auch seine langjährigen Weggefährten Alexander Lang und Christian Grashof mitwirkten. „In das, was man liebt, legt man seine Seele …“ sagt dort Christian Grashof als Luka, das gilt insbesondere auch für Thomas Langhoff. Es hätte ihn sicher gefreut, noch erleben zu können, dass sein Sohn Lukas Langhoff, der die Familientradition als Regisseur weiterführt, mit Ibsens „Ein Volksfeind“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen ist.

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„Vor den Vätern sterben die Söhne“ / „Mercedes“ – Manfred Karge und Philipp Tiedemann erinnert am Berliner Ensemble an Thomas Brasch

Maxim Gorki wird im März auch wieder auf dem Spielplan des Berliner Ensembles stehen. Manfred Karge wird das Drama „Wassa Shelesnowa“ inszenieren. Im letzen November zu Beginn der Spielzeit widmete er sich aber dem 2001 verstorbenen und dem BE sehr verbundenen Theaterautor, Lyriker und Filmregisseur Thomas Brasch. „Vor den Vätern sterben die Söhne“ heißt ein 1977 erschienener und recht erfolgreicher Prosaband mit einer ungewohnt direkten, revoltierenden Attitüde. Eine Bestandsaufnahme der Sicht junger DDR-Bürger auf das Land ihrer Väter, in dem es für sie keine Ziele und Freiheiten mehr gab. Manfred Karge hatte bereits in den 80er Jahren in Bochum Stücke von Thomas Brasch inszeniert, ist also prädestiniert in einer Hommage an den früh verstorbenen Autor zu erinnern. Er tut dies ganz als der wissende Onkel, am Lesetisch sitzen, mit dem Bild Braschs vor sich.

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Thomas Brasch, 1993 – Foto: Marion Brasch (wikimedia commons)

Zur Unterstützung hat sich Karge die jungen Schauspielstudenten Johanna Griebel, Patrick Bartsch und Andy Klinger geholt. Zu Beginn verliest er andächtig den Brief des linientreuen Vaters an den Sohn in der Kadettenschule. Thomas, der den Wunsch geäußert hatte Schriftsteller zu werden, bekommt vom Vater den guten Rat sich das nötige Rüstzeug beim Lernen im sozialistischen Kollektiv der Kadettenschule zu holen und erst mal die Laufbahn des Offiziers einzuschlagen und legt ihm auch noch die Lektüre von Scholochow ans Herz. Das wird es wohl nicht gewesen sein, was Thomas Brasch damals hören wollte, seine Entwicklung ging bekanntlich auch in eine andere Richtung.

Die von den Studenten stehend, wie vor einer Art Anklagetribunal an ein Geländer gelehnt, wechselnd oder im Chor vorgetragenen Texte, haben mit dem titelgebenden Prosawerk nicht viel zu tun. Es ist im Großen und Ganzen eine Zusammenstellung aus dem Versstück „Papiertiger“ von 1977, dem „Mörder Ratzek“ aus dem Gedichtband „Der schöne 27. September“, der Satire „Kasimir und Margarete“ aus der sozialistischen Produktion und als Rahmen den Bauerkriegstext „Hahnenkopf 1525″, den Karge mit sämtlichen Punkten und Kommata vorträgt. Zum Schluss gibt es noch Auszüge aus dem Künstlerdrama „Lieber Georg“ über den tragischen Tod des jungen expressionistischen Dichters Georg Heym und das Gedicht „Kassandra“, erstmals 1977 erschienen in „Kargo“. Eine Klage in 8 Strophen über die Unmöglichkeit eines selbstbestimmtes Lebens und die Flucht in den Traum, Tod oder wie Brasch selbst in den Westen. Kassandra in der Resignation, als Wodkatrinkende Seherin, die schließlich das Eintreffen der Prophezeiung nicht mehr erwarten kann und der U-Bahn in der Schönhauser Allee entgegenschwankt.

Die jungen Schauspieler tragen das mit einigem Furor und mit der Attitüde der jugendlichen Empörung vor, die Brasch zu seiner Zeit sicher anhaftete. Für die passende Bebilderung laufen Videofilme im Hintergrund. Karge bricht mit seinem Erinnerungsabend nicht im dünnen Eis vergangener Tage ein, aber er kommt auch nicht über den Stand einer szenischen Lesung hinaus. Thomas Brasch konnte nicht raus aus seiner Haut. Eine neue hat er nie bekommen. Hier wird sie leider auch nur mit Sprechblasen gefüllt. „Wer sind wir eigentlich noch. / Wollen wir gehen. Was wollen wir finden. / Welchen Namen hat dieses Loch, / in dem wir, einer nach dem andern, verschwinden.“ Die Frage bleibt offen. Wer Thomas Brasch nicht kennt, wird ihm hier nicht näher kommen. Karge legt den Fokus auf das Scheitern eines unverstandenen Künstler, der sich vergeblich an einem ihm feindlich gesinnten System abarbeitet. Darstellerisch kann der Abend da nicht überzeugen. Aber es lohnt sich trotzdem, einfach nur zuzuhören und die Texte auf sich wirken zu lassen.

Einen vermeintlichen Clou hält Philipp Tiedemann mit seiner Inszenierung des 1983 uraufgeführten Stücks „Mercedes“ bereit. Er besetzt die beiden Hauptrollen mit Swetlana Schönfeld und Dieter Montag deutlich älter als im Original. Nun ist das Stück ja mittlerweile auch in die Jahre gekommen und der Autor wäre ungefähr im Alter der Schauspieler. Es hätte auch einen gewissen Reiz, wenn Tiedemann damit ein plausibles Ziel verfolgen würde. Er (Sakko) arbeitsloser Überführer von Mercedes-Luxuskarossen trifft Sie (Oi), die sich als Gelegenheitsprostituierte und -diebin durchschlägt. Machoimponiergehabe gegen ungezwungene Lebenslust, Brasch lässt die beiden in einer Art Straßenjargon, heute würde man sagen Jugendsprech aufeinanderprallen und aneinander vorbei parlieren. Ihre Träume werden durch die Realität ausgebremst, das endet mit dem Griff zum Hammer. Bei Tiedemann wirken die beiden wie lebende Anachronismen, übriggebliebene Dinos in einer Welt, in der sie nicht mehr gebraucht werden. Vermutlich eine Konzession ans ebenfalls in die Jahre gekommene BE-Publikum.

Schönfeld und Montag berlinern sich lustig durch den Text, der vorzugsweise mehrfach wiederholt wird, und hetzen dabei durch eine Art Guckkastenbühne, die sich wie ein Fokus rahmenartig nach hinten verengt. Das kommt Tiedemanns Hang zum Kasperletheater sehr entgegen. Bei Suhrkamp heißt es über „Mercedes“, das Stück oszilliere zwischen Irrsinn und Groteske, Traum und Trauma, Poesie und Klamauk. Bei Tiedemann sind Traum, Trauma und jegliche Poesie gestrichen, wie auch die philosophierenden Zwischenmonologe der beiden Protagonisten. Tiedemann ebnet mit seiner gefälligen Inszenierung den Irrsinn ein und umschifft alle Abgründe direkt in den Klamauk. Man muss konstatieren, dass die Wiederbelebung des Autors Brasch für die Bühne hier misslungen ist. Der Patient bleibt komatös und dämmert weiter, eingeliefert ins Theatermuseum BE.

23.30 MEZ

Das kalte Licht verschwimmt
zur Mauer übern Fluß.
Die Hure flucht und krümmt
sich unterm Kuß.

Danton

Der Held auf der Bettkante. Was
er seinen Feinden entriß, haben seine Freunde
schon unterm Nagel: ihn.

So ist es, bleibt auch so. Bis
sie mich holen und reißen mir den Kopf vom Hals,
Für weniger als nichts: Für ihre neue Welt.

Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

Literaturempfehlungen:

  • Vor den Vätern sterben die Söhne, Bibliothek Suhrkamp 1355
  • Lovely Rita, Lieber Georg, Mercedes (Stücke), Taschenbuch Henschelverlag (1988), nur gebraucht erhältlich
  • Theater heute: 8 Stücke inkl. Braschs „Mercedes“, Suhrkamp Taschenbuch (1985) nur gebraucht erhältlich
  • Liebe Macht Tod, nach Romeo und Julia, Stücke und Materialien, Edition Suhrkamp 3415
  • Frauen. Krieg. Lustspiel, Edition Suhrkamp 1469
  • Lovely Rita, Rotter, Lieber Georg, Drei Stücke, Edition Suhrkamp 1562
  • Kargo, 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen. Gedichte, Kurzstücke und Prosa, Suhrkamp (1977), nur gebraucht erhältlich
  • Der schöne 27. September, Gedichte, Bibliothek Suhrkamp 1373
  • Mädchenmörder Brunke, Suhrkamp Taschenbuch 3195
  • Reihe Spectaculum: Nr. 26 mit dem Stück „Papiertiger“, Suhrkamp (1977); Nr. 28 mit dem Stück „Lovely Rita“, Suhrkamp (1978); Nr. 37 mit dem Stück „Rotter“, Suhrkamp (1983); Nr. 50 mit dem Stück „Frauen. Krieg. Lustspiel“, Suhrkamp (1990)
  • Thomas Brasch, »Ich merke mich nur im Chaos«, Interviews 1976–2001, Suhrkamp (2009)
  • Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie, S. Fischer (2012)
  • Filme: Engel aus Eisen, Domino, Mercedes, Der Passagier, DVD-Box (2010)

Asche und Diamanten

Geh nicht weg, sagt sie.
Der blaue Himmel im Kino und die Welt die nicht mehr ist, wie sie nie war.

Thomas Brasch aus „Kargo“, Suhrkamp 1977

Teil 2: Einar Schleef

Teil 3: Heiner Müller

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Claus Peymann veranstaltet große Bernhardfestspiele am Berliner Ensemble und bestätigt damit wieder mal dessen Ruf als Theatermuseum.

Sonntag, März 13th, 2011

Claus Peymann hat pünktlich zum 80sten Geburtstag des leider zu früh verstorbenen österreichischen Dramatikers Thomas Bernhard im gesamten Haus die Bernhard-Festspiele ausgerufen. Da er in Bochum, Wien und auch am BE schon so ziemlich alle Bernhard-Klassiker aufgeführt hat, musste zum Jubiläum nun einfach etwas Kompliziertes her. Die Wahl viel auf „Einfach Kompliziert“ und mit diesem Stück, in Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater, stellt sich Peymann nun einen besonders schönen Pokal in die Vitrine. Das Strahlende an diesem neuen Solitär ist sicherlich, dass er für die Rolle des alternden zwischen vergangenem Ruhm und Selbstkasteiung gefangenen Mimen, nach Klaus-Maria Brandauer, wieder einen hochkarätigen Burgtheaterschauspieler präsentieren kann.

dsc03804.JPG Gert Voss am BE. Foto: St. B.

Gert Voss steht bzw. liegt am Anfang auf den Knien in einem geschwungenen Tortenstück als Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann, das spitz in den kleinen Zuschauerraum des BE ragt. Die Wände dieser Klause sind hoch und von schäbig bröckelnder Farbe bedeckt, ein großes Fenster suggeriert Tageslichteinfall. Da liegt er nun also auf den Knien und hämmert gegen die Fußleiste und die verflixte Mäuseplage an. „Die Mäuse sind übriggeblieben, Alle weggestorben ausnahmslos …“ „Wir haben alle unsere Talente verkümmern lassen … Aus dem Herzen eine Mördergrube gemacht.“ Und so geht es weiter, die ganze Litanei eines alten Schauspielers über das vergangene Leben, verpasste Chancen, einst Geliebtes wie Goethe oder Schopenhauer ist ihm nun verhasst, ein einsames Warten auf den Tod mit immer gleichen Tagesabläufen, unterbrochen nur durch ein kleines Mädchen, das ihm Milch bringt, die er eigentlich nicht mag und immer wieder wegschüttet.
Das Stück hat Thomas Bernhard für den Schauspieler Bernhard Minetti zu dessen 80sten Geburtstag geschrieben, nun führt es Claus Peymann zum 80sten Bernhards wieder auf. 1986 hatte das Stück am Schillertheater in der Regie von Klaus André Uraufführung, Minetti spielte die Rolle selbst. Die Regieanweisungen Bernhards sind klar und seit damals nicht geändert worden, auch Peymann vermeidet das bewusst und so wird Voss zwangsläufig zur Minetti-Karrikatur bis hin zur Krone Richard III., die der alte Schauspieler im Stück für seine Rolle in Duisburg als Andenken überreicht bekommen hat. Voss gestikuliert, wirft Schattenbilder, schwingt den Hammer und rotzt gekonnt die Rolle hin, philosophiert aber auch bisweilen zu aufgesetzt und sonnt sich übertrieben in ihr. Zwischentöne werden gelegentlich weggenuschelt, der Text aber Wort für Wort deklamiert. Komödie oder Tragödie, das ist immer die Frage bei Bernhard, auch Peymann kann sich hier nicht wirklich entscheiden, er überlässt Voss die Regie und dieser dankte es ihm als geübter Bernharddarsteller mit routiniertem Spiel. Es ist schade, dass dabei nicht mehr herauskommt als eine Kopie, Minetti ist allgegenwärtig, Voss müht sich redlich diesem Vergleich zu entkommen, den Gedanken an den großen Mimen Bernhard Minetti wird man aber trotzdem den ganzen Abend nicht los.

Keine Probleme mit der Frage Tragödie oder Komödie, Original oder Kopie hat dagegen der Peymann-Zweitverwerter Philip Tiedemann, der bereits im Dezember letzten Jahres als Ouvertüre zum Bernhardjubiläum dessen selten gespielte Hochseekomödientragödie „Immanuel Kant“ gnadenlos als Klamotte aufführte. Im Stück fährt ein Professor mit dem gleichen Namen wie der große Königsberger Philosoph mit dem Dampfer von Europa nach Amerika, um sich dort die Augen operieren zu lassen. Im Gepäck hat er seine Frau und seinen minderbemittelten Bruder Ernst Ludwig, den er als Diener gebraucht und unablässig schikaniert, jede Menge Bernhardsche Hasstiraden loslässt, natürlich philosophiert und einen Papagei namens Friedrich in einem verhängten Käfig als sein schützenswertes Gedächtnis ansieht, das ständig „Imperativ, Imperativ“ rufen muss.
Das Ganze spielt auf schwankender Plattform, da hohe See, am Hintergrund ist der Dampfer angedeutet, das Personal schwebt auch mal an langen Strippen vorbei und ständig hat man das Tuten des Nebelhorns im Ohr. Die Rolle des grantelnden Philosophen sollte erst Christian Grashof übernehmen, wurde aber nach Unstimmigkeiten von Norbert Stöß ersetzt, was besser gewesen wäre, scheint bei dieser Nichtregie eigentlich auch egal. Stöß liegt im Liegestuhl und hat weiter nicht zu tun als zu kommandieren, lamentieren und den Irren zu spielen. Ursula Höpfner, als seine Frau und Martin Schneider als Bruder, haben dies zu ertragen und ansonsten nichts weiter zu bestellen. Für den großen Spaß sorgen die Schiffbesatzung und Carmen-Maja Antoni als überdrehte amerikanische Millionärin mit rostiger Kniescheibe, die dem Anachronismus Theater lieber ein heißes Fußbad vorzieht und ansonsten ordentlich Kalauern und Chargieren darf.
Der Witz an dem eher schwächeren Bernhard-Stück ist, dass eigentlich alle eine Knall haben und auf den großen Philosophen in Amerika schon die Zwangsjacke wartet. Der Blinde, der das Licht der Aufklärung nach Amerika bringen will. Diese Abgründe umschifft Tiedemann gekonnt, wie die Untiefen in scheinbar bekannter See, und lässt die ganze Personage von Anfang bis Ende eine Slapstick-Nummer nach der anderen aufführen, bis zum finalen Sing-Sang mit Lampion. Unter dem Tuch über dem Käfig ist aber nichts, der Vogel ist ausgeflogen und der Sinn über Bord gegangen, die Chose läuft gewaltig auf Grund oder auch Land unter am BE.

Zum Jubiläum des Dramatikers gehört natürlich auch eine entsprechende Bernhard-Werkschau. Claus Peymann lässt sie im gesamten Haus des BE ausrichten. Das sehr umfangreiche Programmbuch zur Aufführung von „Einfach Kompliziert“ dient dazu als Katalog. Die Ausstellung ist in 5 Teile gegliedert, Bernhard Lebensbilder mit vielen Fotos aus dem Bernhard-Archiv und u.a. auch vom Fotografen Sepp Dreissinger im Weigel-Zimmer, Fotos von Bernhard-Inszenierungen am BE in der Kantine und Die Räume des Bernhard-Bühnenbildners Karl-Ernst Herrmann im Aufricht-Zimmer. Besonders interessant sind die Fotografien von Bernhards Theater im Rang-Foyer, eine fast lückenlose Dokumentation von Bernhard-Inszenierungen von 1960 bis heute. Ein Wiedersehen mit so bekannten Theaterschauspielern wie Bruno Ganz, Ulrich Wildgruber, Otto Sander, Therese Affolter, Marianne Hoppe, Kirsten Dene, Ilse Ritter, Gert Voss und natürlich Bernhard Minetti in Inszenierungen von Dieter Dorn, Ernst Wendt, Alfred Kirchner, Uwe Jens Jensen, Philip Tiedemann sowie dem Hausherrn des BE Claus Peymann selbst. Und noch ein großer Bernhard-Mime ist hier immer wieder vertreten, der 2009 verstorbene Traugott Buhre. Viele Fotos und einige Videos zeigen ihn in seinen unvergessenen Rollen wie in „Der Schein trügt“, „Der Theatermacher“, „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, „Der Deutsche Mittagstisch“ und „Vor dem Ruhestand“.
Für Brechts Turmzimmer hat sich Claus Peymann aber etwas ganz besonderes ausgedacht. Es ist der lückenlosen Dokumentation des Burgtheaterskandals um die Uraufführung des Stückes „Heldenplatz“ gewidmet. Das Stück und der Autor, obwohl in großer Fotografie anwesend, spielen dabei aber eher eine untergeordnete Rolle. Peymann feiert sich hier vielmehr selbst, in 26 Fotos, 50 Schlagzeilen und mehreren Originaldokumenten sowie Mitschnitten von Publikumsreaktionen geht es nicht etwa um den verhassten Nestbeschmutzer Bernhard, sondern viel mehr um die Herausstellung der Tat Peymanns dieses Werk auf der Bühne der Burg durchgesetzt zu haben. Der Skandal um des Skandal Willens, eine Attitüde, die sich durch Peymanns Intendanzen seit der Stuttgarter Zeit zieht. Der Skandal in Berlin scheint aber immer mehr die Tatsache zu sein, das BE zur Archivierung seiner Arbeiten zu missbrauchen sowie seinen Regiestil zu konservieren. Man spricht zu Recht immer mehr von einem Theatermuseum. Viele von Peymanns alten Inszenierungen wurden hier wieder aufgewärmt und dazu gesellte sich noch eine eher unkritische Aneignung der Werke Brechts.
Demnächst wird am BE wieder Brecht verhandelt. Manfred Karge, der erst kürzlich Hans Eisler für sich entdeckt hat, inszeniert die Umstände um das Verbot der Brecht-Dessau-Oper „Das Verhör des Lukullus“ in „Der Lukullus-Skandal“ einer Collage von Werner Hecht. Der Autor und Brecht-Experte äußerte sich dazu schon in der Berliner Zeitung. Man wird sehen, ob ein nachdenklicherer Umgang mit Brecht wieder ins Haus Einzug hält oder nach den Bernhardfestspielen nun wieder Brecht gehuldigt werden soll.

„Wir existieren nur, wenn wir sozusagen der Mittelpunkt der Welt sind.“ Thomas Bernhard aus Einfach Kompliziert