Archive for the ‘Philipp Löhle’ Category

Flüchtlinge und der NSU sind die Themen bei den Autorentheatertagen 2015 am Deutschen Theater Berlin

Samstag, Juni 20th, 2015

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Zwei eng miteinander verbundene Themen durchziehen in diesem Jahr die Spielpläne der deutschsprachigen Theater: Fremdenfeindlichkeit und die Problematik der Flüchtlinge in Europa sowie die rechtsgerichtete Terrorzelle des NSU, deren einziger Überlebenden Beate Zschäpe gerade in München der Prozess gemacht wird. Bereits beim zurückliegenden Berliner Theatertreffen im Mai zeigte Nikolas Stemann seine Hamburger Version von Elfriede Jelineks Flüchtlingsdrama Die Schutzbefohlenen. Das Stück wird in der Interpretation des Wiener Burgtheaters (Regie: Michael Thalheimer) zu den Autorentheatertagen in die Hauptstadt kommen. Ebenso zu sehen war bereits die Münchner Uraufführungs-Inszenierung von Jelineks NSU-Stück Das schweigende Mädchen (Regie: Johan Simons). Und was die Jury des Theatertreffens demnach nicht getan hatte, holen daher die Macher der diesjährigen Autorentheatertage nach: den Blick (auch) in die deutsche Theaterprovinz, wo – neben München, Wien, Hamburg oder Köln – ebenso aktuell-politisches Theater zu besagten Themen abgehandelt wird; nachstehend gleich zwei Beispiele…

theatrale Stolperpersteine - Die ATT in Berlin - Foto: St. Bock

theatrale Stolperpersteine bei den ATT in Berlin
Foto: St. B.

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Wir sind keine Barbaren! von Philipp Löhle in der Regie von Ronny Jakubaschk als Gastspiel vom Neuen Theater Halle bei den ATT 2015 am Deutschen Theater Berlin

Kein Unbekannter bei den Autorentheatertagen ist Autor Philipp Löhle, dessen Stücke nach Berlin, Hamburg und Mannheim nun auch in Dresden oder Halle/Saale aufgeführt werden. Und hier v.a. das 2014 in Bern uraufgeführte Stück Wir sind keine Barbaren!, das Löhle im Zuge der im letzten Jahr durchgeführten Masseneinwanderungsinitiative für die Abschottung der Schweiz gegen vermehrte Zuwanderung aus dem Ausland geschrieben hat. Durch die Pegida-Bewegung in Deutschland hat es unerwartet an Aktualität gewonnen. In der Inszenierung von Ronny Jakubaschk vom Neuen Theater Halle steht das Volk nun als „Heimatchor“ der Überlegenen und Abwehrer alles Fremden in der Box des Deutschen Theaters und skandiert: „Hier sind wir… kein Platz mehr.“

Foto: Schaukasten DT-Kammerspiele

Schaukasten DT-Kammerspiele

Als das heimeliche Klischee des deutschen Kleinbürgers schlechthin hat Annegret Riediger eine vergoldete Sperrholzschrankwand auf die Bühne gebaut. Davor dann zwei benachbarte Paare, die sich gerade erst bei einer etwas verkrampften Cocktailparty kennengelernt haben. Barbara (Stella Hilb), Paul (Alexander Gamnitzer), Linda (Sonja Isemer) und Mario (Matthias Walter) sind typische Vertreter des mittelständigen Städtebewohners, der sich gesund und vegan ernährt, zum Yoga geht, neben Sex und Sport aber auch ganz technikaffin auf die modernste Unterhaltungselektronik abfährt.

Als Prüfung der Toleranz gegenüber dem Eindringen in ihren Hort der häuslichen Biederkeit schickt Autor Löhle einen klatschnassen Fremden aus dem Regen vorbei, der nachts an die Türen der beiden Paare klopft und um Einlass bittet. Von Linda und Mario zunächst abgewiesen, findet dieser Eindringling, von dem nur geredet wird, der aber selbst nicht auftritt, schließlich bei Barbara und Paul Aufnahme.

Nun spult sich mal auf der einen, dann wieder auf der anderen Seite der Schrankwand (es wechselt dabei nur das Paarfoto an der Wand) ein fröhlicher bis heftiger Schlagabtausch der Für- und Widerargumente ab. Man tauscht Vorurteile aus und ergeht sich in gängigen Rassismen gegenüber dem Flüchtling Bobo oder Klint, vermutlich aus Afrika oder anderswoher. So genau kann man das ja nicht wissen, weil man ihn nicht versteht. Immer wieder unterbrochen wird die Handlung durch den Chor, in dem die Paare in Aussehen und Kleidung völlig aufgehen.

Es bilden sich Fronten und Allianzen, mal zwischen den Männern, dann wieder zwischen den Frauen. Während sich bei Linda ein merkwürdiges Helfersyndrom herausbildet und sie den Fremden zur großen Metapher für die ganze Welt erklärt, verzweifelt der sich vernachlässigt fühlende Paul. Linda hegt sexuelle Phantasien, und Mario fängt schließlich an, einen Schutzraum im Schlafzimmer zu bauen, den er mit der Angst vor den Afrikanern begründet, die nun in Scharen daher kämen, wo es das Wissen gibt, was ihnen fehlt. Der moderne Germane als früherer Barbar bereitet sich auf „die Welle“ neuer fremdartiger Völker vor, die ihn nun sozusagen als Rache für Pizarro überrollen.

Das ist – wie immer bei Löhle – etwas nahe am Boulevard und wird von Jakubschk auch als flotte Konversationsfarce inszeniert. Ziemlich schwarz-humorig und böse endet die Geschichte aber spätestens, wenn nach dem Mord an Barbara mittels Pauls geliebtem Riesenflachbildschirmfernseher die Schuldfrage sofort eindeutig und keine weitere Erklärung mehr nötig ist. Barbaras herbeigeeilte Schwester Anna, die berechtigte Zweifel am Tathergang hegt, wird rüde niedergebrüllt und vom aufmarschierenden Heimatchor ausgeschlossen. „Wir sind das Volk… Wir müssen uns schützen.“ Und so weihen Mario und Linda dann auch sogleich den fertiggestellten Schutzraum ein.

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Wir sind keine Barbaren
von Philipp Löhle
Premiere war am 29. Januar 2015 im Neuen Theater Halle
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühne und Kostüme: Annegret Riediger, Dramaturgie: Henriette Hörnigk, Musik: Bastian Bandt
Besetzung: Barbara / Anna: Stella Hilb Linda: Sonja Isemer Paul: Alexander Gamnitzer Mario Matthias Walter
Chor: Kerstin König, Philipp Noack, Louise Nowitzki, Enrico Petters, Max Radestock, Maria Radomski, Andreas Range, Barbara Zinn
Dauer: 1h 30 min., ohne Pause

Infos: http://buehnen-halle.de/produktionen/wir-sind-keine-barbaren-2014-2015?for_event=5564

http://buehnen-halle.de

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mein deutsches deutsches Land – der Dresdner Hausregisseur Tilmann Köhler inszeniert eine NSU-nahe Polit-Fiktion von Thomas Freyer

mein deutsches deutsches Land - Foto (c) Matthias Horn

mein deutsches deutsches Land Foto (c) Matthias Horn

Auch Stücke von Thomas Freyer sind schon in Berlin aufgeführt worden. Eine lange künstlerische Verbindung besteht aber seit ihrer Weimarer Zeit zum Regisseur Tilmann Köhler. Nach Das halbe Meer ist mein deutsches deutsches land die zweite Zusammenarbeit der Beiden am Staatsschauspiel Dresden. Freyer hat für das Stück, das sich lose an die Geschichte der drei bekannten NSU-Aktivsten anlehnt, viele Akten und Bücher über den Fall sowie Protokolle von Untersuchungsausschüssen gelesen. Herausgekommen ist eine etwas mühsam zusammengepuzzelte Fiktion, die das Versagen der Ermittlungsbehörden als einen Politthriller um Korruption und Vertuschung durch den Verfassungsschutz und die Einflussnahme politischer Verantwortungsträger erzählt. Leider bewegen sich Text und Inszenierung dabei über weite Strecken auf dem Niveau eines flauen Fernsehkrimis.

Damit man als Zuschauer nicht den Faden zwischen den drei abwechselnd ablaufenden, zeitlich aber versetzten Spielebenen verliert, die gestern, heute und morgen miteinander verschränken sollen, werden Personen und Handlungsorte der einzelnen Szenen auf Bildschirmen angezeigt. Dazu dreht sich unaufhörlich eine Plattform mit großer Sperrholzwand, an die Karten und Ermittlungsdetails gepinnt oder große Videoprojektionen von einer Livekamera geworfen werden. Als nette Regieidee machen die Darsteller, die gerade nicht spielen, am Rand der Bühne Szenengeräusche. Eine nervtötende Umbaupausenmusik vermischt die deutsche Nationalhymne immer mal wieder mit orientalischen Klängen. Das ist dann aber fast schon der einzige Verweis auf die eigentlichen Opfer der rechten Terrorzelle, deren Angehörige gern die Hintergründe der Taten erfahren würden, aber selbst nur Verdächtigungen ausgesetzt sind.

Freyer interessiert sich zwar auch für die Drahtzieher hinter dem Geschehen, verortet alles Übel aber nur in den Chefetagen der Ämter und bei Parteifunktionären, die ihre Ministerämter missbrauchen, um aus Angst um ihre Wahlchancen die Morde an ausländischen Studenten nicht als rechtsradikale Terrorserie verfolgen lassen wollen. Hier wäscht eine Hand die andere. Dagegen ermitteln ein ehrlicher Polizeikommissar (Thomas Braungardt) und seine Assistentin (Ina Piontek) auf verlorenem Posten.

mein deutsches deutsches Land - Foto (c) Matthias Horn

mein deutsches deutsches Land
Foto (c) Matthias Horn

Die Motive der drei in die Rechtsradikalität abgerutschten Jugendlichen werden bei Sarah (Lea Ruckpaul) mit der Opposition gegen ihre gutmenschelnden, kleinbürgerlichen Erzeuger, bei Dominik (Jonas Friedrich Leonhardi) mit einer hyperreligiösen Übermutter und beim Schulschläger Florian (Kilian Land) mit einem verwahrlosten Elternhaus und Neonazibruder erklärt. Das ist recht simpel, weil man so natürlich auch ziemlich alles begründen kann. Jedenfalls verschwindet die Gang irgendwann erwartungsgemäß im Untergrund, kommt an eine mysteriös verschwundene Polizeiwaffe und beginnt die Morde zu planen. Die Verbindung zum rechten Heimatschutz gegen Islamisierung erfolgt über einen tumben Skinhead mit Baseballschläger.

Dazwischen laufen die Mordermittlungen, die von Seiten des Verfassungsschutzes behindert werden, der seine Anweisungen vom Innenminister persönlich bekommt. Kilian Land (erst Florian) verwandelt sich als besonderer Coup schließlich vor aller Augen in Minister Nöde. Ein biederer, karrierebeflissener Verfassungsschutzbeamter (Matthias Lucky) zieht die Fäden und verpasst den zwei bei einem Autounfall überlebenden Tätern eine neue Identität. Der Chef von Kommissar Wolff wird nach Brüssel versetzt, eine nachbohrende Journalistin bestochen. Die Ermittlungen verlaufen ruhig im Sand, und schließlich ist der Weg für den Minister und seinen Helfer ganz nach oben frei. In der dritten Ebene rechtfertigt man sich etwas später dann süffisant gegenüber den Fragen ergebnisloser parlamentarischer Untersuchungsausschüsse. Die Akten sind ja eh bereits geschreddert.

Es liegt sicher nicht an dem doch recht guten Spiel der immer wieder schnell zwischen den Rollen switchenden Schauspieler, das man irgendwann das Interesse an dem wie ein geöltes Uhrwerk ablaufenden Plot verliert. Auch kann man sich die Verwicklungen zwischen den staatlichen Ämtern und Regierungsebenen gut als parteipolitisches Gerangel vorstellen. Der tatsächlichen Aufklärung rechtsradikaler Gewalttaten als gesamtgesellschaftliches Phänomen dient das aber wenig. Da wäre ein rein dokumentarischer Ansatz doch die ehrlichere Variante der Herangehensweise gewesen. Aber auch das kommt ja noch bei den ATT. Man darf also weiter gespannt sein.

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mein deutsches deutsches Land
von Thomas Freyer
Uraufführung war am 04.12.2014 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüm: Barbara Drosihn, Licht: Andreas Barkleit, Dramaturgie: Robert Koall
Mit: Lea Ruckpaul, Ina Piontek, Thomas Braungardt, Kilian Land, Jonas Friedrich Leonhardi, Matthias Luckey
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Infos: http://staatsschauspiel-dresden.de

Zuerst erschienen am 19.06.2015 auf Kultura-Extra.

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All By Myself – Maxim Gorki und Deutsches Theater Berlin zwischen modernem Heldentum und blanker Erregungspose

Donnerstag, Mai 28th, 2015

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Jede Stadt braucht ihren Helden – In der Box des Deutschen Theaters bringt Daniela Löffner das neue Stück von Philipp Löhle zur Uraufführung

dt-logoEigentlich dachte man, die Zeit für Helden in Strumpfhosen sei längst vorbei. Aber weit gefehlt. Theaterautor Philipp Löhle lässt – nach einigen Stücken, in denen er noch Sympathien für moderne Antihelden (Marke Genannt Gospodin oder Die Überflüssigen) hegte – den echten Super Hero in seinem neuen Stück Jede Stadt braucht ihren Helden, das er für das Deutsche Theater Berlin geschrieben hat, wieder auferstehen. Die Uraufführung in der Box des DT besorgte (wie schon bei Löhles Globalisierungsstück Das Ding) Regisseurin Daniela Löffner.

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„Ich weiß zwar nicht, wer hier gegen wen kämpft, aber Krieg kommt von kriegen, und irgendjemand kriegt seiner Meinung nach zu wenig.“ Das in etwa ist der Grundtenor des Stücks, in dem Autor Löhle die heutige Welt zunächst mal in allen Schattierungen alltäglicher Gewalt ausmalt. Dazu lässt Daniela Löffner die DarstellerInnen immer wieder über den Überfall in eine Spielbank, ein herbeigeführtes Zugunglück, diverse Wohnungsdiebstähle, gewaltsame Streitigkeiten zwischen Ex-Ehepartnern oder Mord und Totschlag an einer Bearbeiterin im Jobcenter bzw. dem Mitarbeiter eines Landratsamts berichten. Die Psychologie der Aggression als eine Form der Kommunikation bekommt der Zuschauer in Löhles Text gleich mitgeliefert. Ein andauernder Dialog mit dem Schmerz, bis die Schmerzgrenze für einen der Partner überschritten ist. Wobei Gewalt natürlich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch durch Ausgrenzung, Ablehnung, Demütigung oder Ignoranz ausgeübt werden kann.

Nun hat Löhle aber bei weitem keine düstere Anthologie der Welt des Schmerzes verfasst. Die eingestreuten Prosatexte – u.a., wie es eigentlich in der Menschheitsgeschichte zur Herausbildung des Eigentums kam – bilden hier den Verweis oder auch eine Art gedankliche Metaebene zur Wirklichkeit. Ansonsten arbeitet der Autor wie immer mit Elementen der Komik und Ironie und verpackt seine Kritik an den herrschenden Eigentumsverhältnissen und Verteilungsungerechtigkeiten unserer Gesellschaft in eine hübsche, kleine Tragikomödie über zwei Mitarbeiter einer Firma für Sicherheitstechnik, die sich ihre schmale Kasse mit kleineren Gaunereien und Diebstählen nach dem Prinzip „erst Schloss einbauen, dann wieder knacken“ aufbessern. Dabei scheint dann beim letzten Bruch einiges schief gelaufen zu sein.

Jede Stadt braucht ihren Helden - Foto: DT-Schaukasten

Jede Stadt braucht ihren HeldenFoto: DT-Schaukasten

Jedenfalls hat Daniel (Timo Weisschnur), einer der beiden Kleinganoven, auf der Flucht seine Jacke mit dem Wohnungsschlüssel verloren und steht nun selbst etwas hilflos vor seiner verschlossenen Wohnungstür. Eine tolle Gelegenheit mit der Nachbarin Ella (Wiebke Mollenhauer) anzubändeln, die Daniel ganz offensiv zum Kaffee zwecks Kennenlernen einlädt. Da Chef Jörg (Christoph Franken) die Tür mangels passendem Werkzeug einfach eintritt, steht Ella nun selbige immer offen, was die junge Frau auch weidlich ausnutzt, nicht ohne Nachbar Daniel auch als Sicherheitsfachmann für ihre Kunstgalerie zu engagieren. Zu sichern gäbe es dort u.a. ein angeblich sehr wertvolles diamantbesetztes Hühnerei vom Superkünstler Rush – wer auch immer das sein mag.

Die ziemlich misstrauische Alma (Lisa Hrdina), eine Kollegin von Jörg und Daniel, vervollkommnet schließlich das Personal in Philipp Löhles Heldenstück zum Quartett Infernale. Sie trifft in Daniels leerer Wohnung auf die etwas undurchsichtige Ella und entwickelt, nachdem sie auch noch Zeugin wird, wie ein brutaler Tarantino-Typ im Anzug (UdK-Student Eric Wehlan) ihren Chef Jörg malträtiert, eine regelrechte Paranoia. Dazu beginnt Alma sich nach und nach einen eigenen Super Hero zu imaginieren, wobei nun die Fantasie kräftig mit ihr und der Inszenierung durchgeht. Der abends ständig abwesende Daniel mutiert in den Augen Almas zum Retter Veto in enganliegenden Strumpfhosen, Umhang und Glitzer-V auf nackter Brust. Und das von Jens immer wieder wie ein Mantra vorgetragene Motto, das alles gut würde, nimmt nun tatsächlich Gestalt an.

Regisseurin und Ausstatterin (Sigi Colpe) packen das in schöne, überdrehte Bilder. Von der Decke hängen schwarze Müllsäcke, die nach und nach aufgeschlitzt, passende Requisiten, Styroporkugeln oder anderes freigeben. Das spielfreudige Ensemble hängt sich mit Körper, Stimme und viel Elan mächtig rein. Superheld Daniel stemmt sich gegen einen Zug aus Müllsäcken, rettet Leben, verteilt Deo, Klopapier und Hustenbonbons. Dazu schmachtet Eric Carmen sein „All By Myself“ vom Band. Doch die romantischen Träume platzen wie die aufgeblasenen Luftballons und die Würde des Menschen ist wieder antastbar.

Die Handlungsfäden laufen schließlich zielgerichtet in Ellas Galerie zusammen, wo Jens und Daniel im Trockeneisnebel mit Taschenlampen bewaffnet dem Glitzer-Fake-Ei der Erkenntnis auf der Spur sind und die verkappte Zielfahnderin Ella schon auf sie wartet. Dass die Geschichte nicht so ausgeht, wie es sich die beiden verzweifelt herumfunzelnden Einbrecher oder die sich aus Angst vor dem Draußen in ihre Wohnung einschließende Alma vorstellen, ist vorprogrammiert. Auch wenn sie sich schließlich selbst in eine V-Woman verwandelt, wird das Alma nicht mehr aus ihrer Angst-Isolation befreien. Die Realität lässt sich nicht aussperren. Wir sind gemeint und gefordert im alltäglichen Leben. Zumindest das will uns Philipp Löhles Stück über modernes Real-Life-Heldentum sagen.

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Jede Stadt braucht ihren Helden
von Philipp Löhle
Uraufführung: 20.05.2015 Deutsches Theater Box
Regie: Daniela Löffner
Bühne / Kostüme: Sigi Colpe
Dramaturgie: Ulrich Beck
Mit: Timo Weisschnur, Christoph Franken, Lisa Hrdina, Wiebke Mollenhauer

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Premiere war am 20. Mai 2015

Termine: 10.,26. und 29.06.2015

Info: https://www.deutschestheater.de/home/jede_stadt/

Zuerst erschienen am 23.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Das Kohlhaas Prinzip am Maxim Gorki Theater – In ihrer Adaption von Heinrich von Kleists Rachenovelle lassen Yael Ronen und Ensemble das Latte-macchiato-Berlin in Flammen aufgehen.

Einer der zugleich rechtschaffensten wie entsetzlichsten Menschen seiner Zeit sei Michael Kohlhaas gewesen, so heißt es am Anfang von Kleists Novelle, in der ein durch adlige Willkür geprellter brandenburgischer Rosshändler mit übersteigertem Rechtsgefühl zum Räuber und Mörder wird. Von der Rechtschaffenheit bis zum Zünden von Molotowcocktails und brennenden Autos ist es nur ein kurzer Schritt, will uns der neue Theaterabend von Yael Ronen und Ensemble am Maxim Gorki Theater auch schon zu Beginn sagen. Hier stehen nun die SchauspielerInnen Jerry Hoffmann, Cynthia Micas, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka in eherner Kämpferpose an der Rampe, und Schaad lässt nun in bewehrter ironischer Manier einen Monolog voller provozierender Äußerungen zur Bedeutung und Wirkung von Theater, aber auch zum Aussehen und Können seiner Schauspielkollegen vom Stapel, der mit teils sogar sexistisch bis rassistisch anmutenden Anspielungen die anderen schließlich auch in die gewünschte Rage versetzt.

Maxim Gorki Theater_Mai 2015

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Was den Erregungszustand eines korrekt seinen Müll trennenden und seine Steuern zahlenden Entrepreneurs für Elektro-Bikes (Thomas Wodianka) betrifft, so köchelt dieser genau in dem Moment hoch, als der Vertreter des heutigen Wut-Bürgertums mit Sohn (als Puppe von Jerry Hoffmann geführt) und Fahrrad vom BMW-Fahrer und Industriellen-Sohn Hajo von Tronka (wieder schön blasiert: Dimitrij Schaad) unsanft aus dem Verkehr geschubst wird. In einer ersten Reaktion kippt unser Kohlaas aus Berlin-Friedrichshain dem Gegenspieler im Auto seinen heißen Kaffee ins Gesicht und wird daraufhin mangels Glaubwürdigkeit von der Polizei schikaniert und von Tronka auch noch auf Schadenersatz verklagt. Der Gang durch die Instanzen mit seinem Rechtsanwalt führt – wie beim echten Kohlhaas – in eine Sackgasse, aus der sich der im Recht Wähnende nur mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit befreien zu können glaubt. Dazu bekommt er noch den zwielichtigen Arbeitslosen und Saufkumpan Max Schneider (Taner Şahintürk) an die Seite. Eine Art moderner Johann Nagelschmidt aus Kleists Novelle, der der neuen Stimme der Stimmlosen in ihrem Akt des zivilen Ungehorsams sofort die Größe von Gottesarbeit bescheinigt.

Diese auf Krawall gebürstete Räuberpistole wird nun in schnellen Rollenwechseln vom gesamten Ensemble bewältigt, das die von oben auf die Bühne gefallenen Kostüme und Requisiten (wie z.B. Autotüren) zu immer neuen Bildern zusammenfügt. Allerdings wirkt das Runterbrechen von Kleists Kohlhaas auf einen Latte trinkenden Ökofaschisten in Radlerhosen, der im Internet zu Gerechtigkeits-Kampagnen aufruft und damit einen infernalischen Flächenbrand auslöst, wie ein ziemlich schlechter Witz, der in seiner spielerischen Überzeichnung eher bedauernswert ist, auch wenn sich Thomas Wodianka bewundernswürdig in diese Rolle hineinkniet. Nicht dass wir uns alle nicht schon mal an der Entertaste des Computers abreagiert hätten. Brennende Autos und ähnlich Gewaltaktionen gibt es ja auch. Wir regen uns über Prenzlschwaben, laute Biergärten, Bahnstreiks oder die allgemeine Gentrifizierung mehr auf als über Flüchtlingsprobleme oder Machenschaften von Geheimdiensten. Dass das hier aber wiedermal nur in eine Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Gewalt mündet und schließlich sogar in die Nähe der R.A.F. gerückt wird, ist äußerst kurzsichtig und zeugt nicht von einer dialektischen Denke, wie sie z.B. Stéphane Hessel in seinen Werken Empört Euch! und Engagiert Euch! einfordert.

Kohlhaas-Prinzip im Gorki_Fotos (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Interessanter Weise macht Yael Ronen nebenbei noch eine zweite Baustelle auf, in der ein entrechteter Palästinenser namens Michail (wieder Taner Şahintürk) aus Israel nach Berlin flieht, dem dortigen Wutbürger Kohlhaas als Zeuge seines Unbills zufällig über den Weg läuft und schließlich in einer Geheimdienstposse (erst israelischer, dann deutscher Art) als Sündenbock herhalten muss. Dem kommt dann auch, wenn die Bomben vor dem Berliner Soho-Haus explodieren, plötzlich alles so bekannt vor. In der Geschichte eines kleinen Käsehändlers, der am israelischen Checkpoint in Ramallah an Bürokratie und Willkür scheitert, steckt echtes Potential. Recht poetisch erzählt Cynthia Micas noch eine Parabel über die „Biologische Invasion“ schwarzer Indischer Raben, die die Fantasie der Zuhörer in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit und Rachemotive durchaus beflügelt.

Leider wird dieser Plot nicht wirklich weiter verfolgt, dazu hätte es einer guten, plausiblen Story bedurft, die Fragen unserer tatsächlichen Verfasstheit betrifft. Und hiermit meine ich durchaus auch ein Nachdenken über den Sinn des deutschen Grundgesetztes. Das hat die Regisseurin Anja Gronau mal anhand des Kohlhaas‘ sehr schön in ihrem Theatersolo Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger getan. Oder erst letztens der scheidende Dessauer Intendant André Bücker in Goethes Fehde-Drama Götz von Berlichingen. Rachefabel hin oder her, der Kleist`sche Kohlhaas zweifelt neben der Absurdität einer kleinstaaterischen Anmaßung von Lokalrecht und Bürokratie (siehe israelischer Checkpoint oder Ignoranz deutscher Polizeibeamter) auch die allgemeine, gottgewollte Rechtsordnung seiner Zeit an. Das betrifft dann schließlich den Landesfürsten selbst, und da hörte der Spaß bekanntlich auch bei Luther auf, der mitnichten ein pazifistischer Einbeter war, und wenig zu tun hat mit dem von Yael Ronen herbeizitierten US-amerikanischen Bürgerrechtler gleichen Namens M. L. King und dem Begründer des passiven Widerstands Mahatma Gandhi, die hier gemeinsam den außer Kontrolle geratenen Gerechtigkeitsfanatiker mit den Worten des Reformators aus Kleists Novelle im Traum zur Ordnung rufen wollen.

Letztendlich ergibt sich der Wodianka-Kohlhaas in einen rechtsstaatlich fragwürdigen Kuhhandel, was tatsächlich einige grundsätzliche Fragen aufwirft, die sonst den so vielgerühmten diskursiven Grund (s. Common Ground) in Yael Ronens bisherigen Theaterprojekten erst ausmachten. Natürlich lässt es sich in Deutschland als unbescholtener, rechtschaffender Bürger relativ unberührt von den Sorgen der Welt recht gut leben. Kaum jemand würde das ernsthaft in Frage stellen. Das ist dann vielleicht auch der Punkt, wo das Denken einsetzen muss, und nicht beim Streit BMW-Schlitten mit Pandafell-Bezügen versus kaputtem E-Bike. Leider geigelt sich der Abend dann doch lieber von einer Kabarettnummer zur nächsten, was sicher darstellerisches Futter für das durchweg spielfreudige Ensemble bietet, aber nicht annähernd in die Tiefen der Kleist’schen Novelle vordringt.

Was zur komödiantischen Geißelung deutscher Befindlichkeiten dienen soll und nebenbei noch ein paar Probleme der repräsentativen Demokratie und ihrer drei Gewalten des Rechtsstaats aufzeigt, die sich allzu sehr mit der Wirtschaft verbandeln, wird somit auch zum großen Manko des Abends, der über diese Mätzchen hinaus keinerlei echte politische Haltung zeigt. Als wenn es politische Essays wie Der kommende Aufstand oder die schon erwähnten Hessel-Bücher nicht geben würde. Zudem lässt das Organisationen wie Blockupy, Attac oder Wikileaks wie eine Ansammlung von unkontrollierten Wutbürgern erscheinen. Eigentlich ein Schlag ins Gesicht echter politischer Empörung und Bürgerbewegtheit. Und das ist nun wirklich schade.

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DAS KOHLHAAS-PRINZIP
Maxim Gorki Theater, 23.05.2015
Regie: Yael Ronen
Bühne: Heike Schuppelius
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Nils Ostendorf
Video: Hanna Slak
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Jerry Hoffmann, Cynthia Micas, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Premiere war am 23. Mai 2015

Weitere Termine: 4. + 14. 6. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 25.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Komödie ist wenn`s singt und kracht – Zum Abschluss der Autorentheatertage am DT

Mittwoch, Juni 29th, 2011

Nun ist man weit davon entfernt am Deutschen Theater, nicht nur dem in Berlin, den Dyonisuskult wieder einzuführen, aber mit etwas mehr Humor könnte man eigentlich nicht all zu viel falsch machen, denkt man sich so, wenn man das Motto der Autorentheatertage 2011 vor Augen hat. Einer näheren Betrachtung unterzogen, kommen einem dann aber schon einige Zweifel, ob das die richtige Medizin für den problembeladenen Bildungsbürger und ach so gestreßten Großstädter ist. Zuviel absurd Groteskes verwirrt nur und beim kollektiven Schenkelklopfen steigt der Denkapparat dann meist endgültig aus. Gute Komödie scheint in der Tat das Einfache, das schwer zu machen ist.

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Das Deutsche Theater Berlin, ein Hort des Humors während der Autorentheatertage 2011 (Foto: St.B.)

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Der Mensch fängt beim Nein an, (…) Aber dieses Nein muß auf ein großes Ja zielen. Wir lachen nein und meinen ja.“ aus: Otto Julius Bierbaum „Yankeedoodle-Fahrt“ (1909)

Man könnte auch sagen: Der Mann hat gut lachen, aber dieses Zitat aus dem Bericht des Schriftstellers und Herausgebers der Literaturzeitschriften „Pan“ und „Die Insel“ von einer Schiffsreise in den Orient gibt ziemlich deutlich die Kriterien für eine echte Tragikkomödie vor. Es kann immer noch schlimmer kommen, aber wenn man den Weg nicht weiter geht, wird man nicht erfahren, ob es am Ende nicht vielleicht doch gut ausgeht. Und so hält den Menschen in erster Linie der Humor und die Selbstironie am Leben, diese Gewissheit, dass am Ende des Tunnels immer ein Licht ist. Nur das in der heutigen Zeit dem gestressten und gebeutelten Städtebewohner meist die Sicht nach vorn verstellt scheint und das Lachen abhanden gekommen ist, weswegen er es eben darum nicht macht. Lachen entsteht heute in erster Linie aus der Situation heraus und je verfahrener diese erscheint, um so befreiender kann das Lachen über diese Erkenntnis sein, was wiederum Otto Julius Bierbaums These wieder bestätigt.

„supernova (wie gold ensteht)“ und „Gespräche mit Kosmonauten“ – Zwei sozialkritische Komödien vom Nationaltheater Mannheim bei den ATT

Am besten haben die Maxime Bierbaums die Dramatiker Felicia Zeller und Philipp Löhle verstanden, die in ihren Stücken für das Nationaltheater Mannheim den alltäglichen Wahnsinn und daraus entstehende komische Situationen oder den Menschen als geschichtsresistenten Anachronismus bestens darstellen. Einen solchen Fall nimmt sich Philipp Löhle, der in Berlin schon mit seinem Eastern „Die Überflüssigen“ im Gorki-Studio  zu überzeugen wußte, in seinem Stück „supernova (wie gold entsteht)“ vor. Gemäß der Entgegnung von Karl Marx auf das Postulat Hegels, nach dem „… alle weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen“ nur eben „… das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ entwickelt Löhle eine Story, die erst als Sozialkritik startet und dann in eben jene unglaubliche Wiederholung von Geschichte mündet.
Friedrich, der ewige Praktikant der Geologie, pinkelt in einem Anflug von Leck-mich-Widerstandsgefühl seinem Arsch von Chef nach der Kündigung auf den Tisch. Nach dem sein Ego daheim von seiner beruflich erfolgreichen Lebensgefährtin wieder auf Normalmaß zurechtgestutzt ist, kommt ihm die glorreiche Idee, den Zufallsfund eines Goldklumpens im Schwarzwald als großen Coup rauszubringen. Er fälscht die Satellitenbilder und holt sich den ehemaligen Chef als Compagnon ins Boot. Die Claims sind schnell abgesteckt, Latzhosen tragende Baumschützer und Anwohner mehr oder minder gut abgefunden. Das imaginäre Gold wird im Termingeschäft verkauft, noch bevor der vermeintliche Schatz überhaupt gehoben ist. Friedrich hat außerdem die Rechnung ohne die geprellten Mitwisser und einheimischen Bauern Wolf, Michl und Henning gemacht, die sich den Anteil am Kuchen etwas größer vorgestellt hatten und dem Möchtegernkapitalisten auf die Bude rücken. Noch bevor das Gewissen ihn umbringt, hat das das verschworene Rächertrio mit Cowboyhüten, Wagnermusik und ordentlich Wut im Bauch schon erledigt. Nur allein, der Goldklumpen bleibt unauffindbar.
Parallel dazu wird der Selbstverwirklichungsversuch der Mutter erzählt, die ebenfalls am Goldfund beteiligt ist. Das eigenen Ende vor Augen, beginnt sie ihr Leben neu zu organisieren mit Freund Wolf und neuer Garderobe. Sie kündigt ihren Job und fängt an Lokalgeschichte zu studieren. Im Revolutionsjahr 1848 wird sie fündig, die Geschichte des linksliberalen Politikers und gescheiterten Märzrevolutionärs Friedrich Karl Franz Hecker und der große Mythos um ihn herum haben es ihr angetan. Eine Leerstelle in dessen Leben gilt es zu füllen und wie der Zufall so will, gibt es da einen mysteriösen Überfall auf eine Metallgießerei mit Goldraub.
Regisseurin Cilli Drexel inszeniert diese kleine schwarze Komödie als schnelles schmissiges Rollenspiel mit grell überzeichneten Figuren in einer Pappmascheekulisse, nur der Mutter sind hier echte menschliche Gefühle erlaubt. Sie erkennt irgendwann die Parallelen, nur dass sie von ihrem Wissensvorsprung leider wegen plötzlichem Ablebens nicht mehr provitieren und ihn auch nicht an die ahnungslosen Hinterbliebenen weitergeben kann. Ironie des Schicksals. Ihr Sohn landet, als Leiche, unter den Schwarzwaldbäumen, die er selbst nach Mecklenburg verpflanzen ließ. Wie in einer Supernova verpufft der große Traum vom Reichtum. Das Ganze holpert sich etwas verwirrend durch die einzelnen Erzählstränge, die aber zum Schluss recht einfach zu lösen sind. Fazit: Der Mensch ist in seiner Gier unermesslich und zu blöd aus der Geschichte zu lernen und muss daher zwangsläufig als Idiot enden. Damit wir gemeinsam über ihn lachen können, bedarf es dieser Farce, nur dass die Banken dabei den längeren Atem haben.

In keinem Fall langatmig sind die Texte von Felicia Zeller, mit ihrer Jugendamtskomödie „Kaspar Häuser Meer“ hat sie 2008 die Zuschauer bei den Mülheimer Theatertagen begeistert. Das Stück war in Berlin bis vor kurzem noch am Maxim Gorki Theater und im Theater unterm Dach zu sehen. Mit ihrem neuen Stück „Gespräche mit Astronauten“ wurde sie in diesem Jahr wieder nach Mülheim eingeladen. Vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler switchen zwischen nervenden Öko-Müttern, aufgeregten Businessfrauen, ihren verzogenen Blagen und den dazugehörenden jungen Au-pairs hin- und her. Diese kommen aus Stolen, Rostland, der Mogelei oder auch Schlamperei und haben eigentlich eine ganz andere Vorstellung von ihren Gastfamilien und dem Aufenthalt in Knautschland. Und so spult sich ein Feuerwerk der kulturellen Gegensätze, Vorurteile und Missverständnisse ab. Das frech freudig agierende junge Ensemble vom Schauspiel Mannheim spielt sich die Bälle und Zellerschen Wortkanonaden zu.
In einem Plüsch- und Popgewitter hat das der Mannheimer Hausregisseur Burkhard C. Kosminski als knallbunte Farce mit Dschingis-Khan-Tanz und jeder Menge mimischer Raffinesse inszeniert. Über allem schwebt ein ferner Kosmonaut, einer der Väter, der lieber zum Mond fliegt, als sich mit den irdischen Banalitäten der Kindererziehung zu befassen. Der alltägliche Wahnsinn in den Familien der Besserverdienenden prallt gegen die Probleme der jungen Mädchen, die von einer Karriere im Gastland träumen und sich dafür mehr oder weniger bereitwillig ausbeuten lassen. Sie sind längst unersetzlich für die sich zwischen häuslicher Rolle und Selbstverwirklichung aufreibenden Mütter. Für die eigenen Pläne und privaten Interessen bleibt da so gut wie keine Gelegenheit mehr außer dem obligatorischen „Knautschkurs“. Das gipfelt schließlich darin, dass eine der Mütter ihr Au-pair heiraten will, um es dauerhaft an die Familie zu binden. Hier entseht zwar jede Menge Komik aus den Gegensätzen, der Sprachverwirrung und dem bewussten Überspitzen von bekannten Klischees, die Tragik, die auch in diesen Zuständen steckt, sucht man allerdings vergebens.

Mit Klischees spielt Felicia Zeller auch in ihrem Prosatext „Einsam lehnen am Bekannten“, das just zum Ende der Autorentheatertagen im Heimathafen Neukölln Premiere hatte. Felicia Zeller hat dem Neuköllner aufs Maul geschaut und die Ohren gespitzt. Die Vorlage liegt förmlich auf der Straße, in kurzen Glossen beschreibt die Autorin hier ihre täglichen Wahrnehmungen der Wahlheimat Berlin-Neukölln. Diesen „performativen Großstadt Tingel Tangel“ inszeniert Regisseurin Regina Gyr wie eine Zirkusaufführung in einer Manege, um die das Publikum platziert ist, mit viel Witz, reichlich Slapstick- und einigen Performancenummern. Rotzebatzen fliegen vom Balkon, Macker mit überdimensionalen Muskelpolstern werfen sich wie brünstige Hirsche in die Brust. „Willste was?“ „Gras, Gras?“ Grasgeflüster überall, geile Rotznasen und nervig berlinernde Bademeister. Das sind die Stereotypen, die man hier eh vermutet hat. Aber auch andere Durchgeknallte und Möchtegernstars, die sich in der „Hasenschänke“ oder dem „Blauen Affen“ am Hermannplatz heimisch fühlen, bevölkern die Szene. Ein fast endloser Reigen des Wollens und nicht Könnens, oder umgekehrt, gipfelt in einer herrlichen Stuhlchoreografie des Stillstands. Ein Hund auf Rädern wird den Zuschauern zum Aufpassen zugeführt und pups nebenbei Seifenblasen. Wortblasen gibt es auch jede Menge, vorzugsweise ins Mikro gehaucht. „Willste poppen?“ – „Nee, geh joggen!“ Es entspinnt sich ein herrlicher Run im Kreis und irgendwann, weiß keiner mehr warum und wer angefangen hat. Wir erfahren, das Trinken hier „Brettern“ heißt und dass es Koordination erfordert, das mit dem Lebenspartner zeitlich in Einklang zu bringen, da nur gemeinsames Brettern vor schlaflosen Nächten schützt. Warum lebt man in Neukölln, was ist an diesen Originalen so liebenswert? Darauf kann dieser Abend mit den Textsplittern von Felica Zeller leider keine Antwort geben und irgendwann überfällt einen mit der Autorin die Sehnsucht nach dem schönen Freiburg oder zumindest nach einem Weizenbier.

dsc04273.JPG Mitten im Kiez.
Der Heimathafen im ehemaligen Saalbau Neukölln an der Karl-Marx-Straße. (Foto: St. B.)

Düsteres und Nachdenkliches in Stücken von Rebekka Kricheldorf und Anne Habermehl bei den ATT

Aus jener Stadt mit den zufriedensten Einwohnern Deutschlands stammt die andere Jungdramatikerin mit Hang zum überbordenden Humor Rebekka Kricheldorf, die mit zwei Stücken beim ATT vertreten war. Da das weitaus interessantere „Robert Redfords Hände Selig“ zeitgleich zu Elfriede Jelineks „Winterreise“ lief, war als Ausgleich nur noch der Nick-Cave-Liederabend „Murder Ballads“ im Angebot. Kein schlechter Ersatz, da das durchweg gut aufgestellte Ensemble des Berner Stadttheaters die schwarze Komödie um eine heruntergekommene Bar im tiefen Westen Amerikas bestens absolvierte. Es ist nicht leicht an die eigentlichen Meister des schwarzen Musik-Genres die unnachahmlichen „Tiger Lillies“ heranzukommen, aber das versucht die Regie von Erich Seidler auch gar nicht erst. Der Text von Rebekka Kricheldorf soll die melancholisch düsteren Songs von Nick Cave thematisch rahmen und sie lässt dann auch eine skurrile Personage von heimatlos Gestrandeten, Barflys und Geistesgestörten über Gut und Böse sinnieren und schließlich auf einander losgehen. Verbunden sind sie durch den Gesang und die Ausweglosigkeit ihrer Situation. Aus dem Fernseher klingen Nachrichten von Mord und Totschlag in der Welt, in der Bar spiegelt sich dieses Wahnsinnsspiel im kleinen Mikrokosmos wider. Die Bühne zeigt einen besseren Stall mit schiefem Tresen, zwielichtigen Gestalten, die es auf eine arme Tramperin abgesehen haben und einen geschwätzigen Handlungsreisenden auch mal die Seele abluchsen. Ein Gehängter stimmt in die düsteren Songs mit ein und der Barmann verschafft sich mit der Knarre Gehör. Ein Panoptikum der gescheiterten Existenzen. Die manchmal etwas banalen Texte von Rebekka Kricheldorf sind nicht das ganz große Ding, aber die Band „Los Hemiolos“ entschädigt mit ihren hervorragenden Nick-Cave-Interpretationen. Man kann Rebekka Kricheldorf mit ihrem neuen Stück „Alltag & Ekstase. Ein Panoptikum des Scheiterns“, wie passend, im Januar 2012 am DT wiedersehen.

Irgendwie fällt auf, dass alle hier beschriebenen AutorInnen aus dem Süden unseres schönen Landes kommen. Baden-Württemberg scheint tatsächlich nicht nur die Hochburg der Wutbürger, sondern auch noch der Hort des deutschen Theater-Humors zu sein. Auch die aus Heidelberg stammende Anne Habermehl reiht sich in diesen Kreis ein, nur dass sie keine Farce oder schwarze Komödie geschrieben hat, sondern mit ihrem Stück „Narbengelände“, eine Auftragsarbeit für die Bühnen Gera und Altenburg, eher tiefer in die Befindlichkeit einer Familie in Thüringen kurz vor und nach der Wende schaut. In eigener Regie und ohne große Effekte inszeniert sie das Stück über eine junge Frau im Widerspruch zwischen ihren Träumen als 16jährige in der DDR und dem Alltag nach der Wende.
„Eigentlich müsste sich ein extremes Gefühl von Freiheit einstellen“ ist der erste Satz des Stückes und eigentlich dreht es sich auch genau um dieses Gefühl, dass sich eben nicht von allein einstellen will. Marie trifft Marc, einen nachdenklicher Außenseiter, nicht nur wegen seines einen Arms. Er will immer nur wegrennen und eckt überall an. Sie ist eine Sternenguckerin und träumt von der großen Freiheit. Sie wagen gemeinsam die Flucht, bei der Marc umkommt. Auch einige Jahre nach der Wende hat Marie das noch nicht überwunden. Sie lebt allein in einem Bahnhofsgebäude in Bremen mit wechselnden Freunden und Hunden. In der Erinnerung gefangen, vergisst sie ihr Leben zu leben. Beim Besuch der Mutter Ingrid aus Thüringen kommen diese Erinnerungen wieder hoch. Ingrid wirft ihr Tütenweise die Briefe des Vaters vor: „Das muss aufhören!“ In Rückblenden wird immer wieder die Geschichte von ihr und Marc und die der Eltern erzählt. Anne Habermehl inszeniert das nicht ohne Witz und leise Ironie besonders in den Szenen, wenn sich die jungen Menschen näher kommen oder das alte Ehepaar ohne viel Worte ihre Zusammengehörigkeit in eingefahren Gleisen beschreibt. „Unsere Körper sind wie Landschaften mit Straßen, auf denen keiner mehr fährt.“
Es ist natürlich in erster Linie ein Stück über den Osten aber auch ein Generationendrama. Der Ostbezug stört eigentlich überhaupt nicht, man könnte ihn sich durchaus wegdenken. Das Stück würde auch so noch funktioniert. Es geht allgemein um Freiheit im Denken und Handeln, im Anderssein, sich ausprobieren können und um Toleranz. Unverständnis der Elterngeneration, Leistungs- und Anpassungsdruck verhindern die Entwicklung junger Menschen. Bei den Eltern ist es der Verlust von Identität, Orientierungslosigkeit, das Altern und unerledigte Trauerarbeit, zwischenmenschliche Beziehungen im Großen und Ganzen, dabei aber immer auch an realen Vorgängen in der Gesellschaft orientiert. Eine einfache Lösung hat Anne Habermehl nicht anzubieten, dafür aber echte Figuren die trotz schmerzvollen Verlusten noch nicht aufgegeben haben. Alles in Allem ein tolles Schauspielensemble und ein überraschendes Wiedersehen mit Ursula Staack als Ingrid am DT.

Bliebe zu guter Letzt noch der Österreicher  Ewald Palmetshofer mit seinem chorisch gestalteten Stück vom Rand der Gesellschaft „tier. man wird doch bitte unterschicht“. Das DT hat hier nicht die Dresdner Uraufführung sondern Felicitas Bruckers Inszenierung vom Schauspielhaus Wien eingeladen. Brucker hat bereits einige von Palmetshofers Sprachwundern auf die Bühne in Wien gebracht. Das Tier lacht bekanntlich nicht und die Sprachfrische Paltmetshofers erster Stücke hatte sich hier dann auch etwas im Empörungsmodus verhakt. Dennoch ist der Versuch, die Sprachlosigkeit weiter Teile der am sogenannten Rand der Gesellschaft befindlichen Menschen zu thematisieren, in seiner strengen Kunstform bemerkenswert. Die Hauptfigur Erika streift letztendlich aus der ständigen Demütigung heraus ihr Sprachlosigkeit ab und schlägt zurück. Dieser spontane Aufstand trifft die vermeindlich Verantwortlichen wie auch Unschuldige. Erika ist noch nicht in der Lage eine gemeinsame Sprache mit anderen zu finden, um ihre Wut zu kanalisieren. Allerdings fällt Palmetshofer auch nichts weiter dazu und zu der Problematik der vom Expertenchor verwendeten Floskeln und „Falschwörter“ ein. Der gerade 80 Jahre alt gewordene Theaterwissenschaftler Ivan Nagel hatte bereits 2008 in seinem bekannten „Falschwörterbuch“ geschrieben: „Der einheimische Streit in der Gesellschaft ist den Wortfabrikanten (und uns, ihren Konsumenten) wichtiger, als wenn, laut Goethe, „hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen““ und „Sprachkritik wird notwendig zur Sachkritik: Nur wenn die Sache ein Falschargument zum Kern hat, produziert sie ein Falschwort als Hülle.“ Ewald Palmetshofer, dem wohl zur Zeit meist gespielten Autor auf deutschsprachigen Bühnen, in Berlin laufen allein drei seiner Stücke im bat-Studiotheater, im Theater unterm Dach und am DT selbst, wird hier demnächst ein separater Beitrag gewidmet.

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Mut zu(r) Lükke – „Die Überflüssigen“ von Philipp Löhle

Samstag, Mai 29th, 2010

inszeniert von Dominic Friedel im Studio des Maxim Gorki Theaters Berlin

Wie schon in Genannt Gosbodin müht sich in den Überflüssigen ein hoffnungsloser Utopist, um einen alternativen Lebensentwurf. Ist es mit Gosbodin noch ein weltfremder, schwadronierender Zivilisationsverweigerer, der erst mit dem Fund eines dubiosen Geldkoffers eher unfreiwillig wieder ins reale Leben gespült wird, ist es mit Eddie Seuss ein zivilisationsmüder und stressgeschädigter Workaholic, auf der Suche nach inneren Ruhe.

Diese Umkehr der Voraussetzungen und der Kontext, über schrumpfende Städte in der Prignitz zu berichten, bilden die Grundlage für das neue Stück „Die Überflüssigen“ von Philipp Löhle. Übrigens kringelt mein Wordprogramm den Namen dieser brandenburgischen Region auch ein, als wenn er nicht wirklich existieren würde. Und genau so erscheinen einem die Figuren im Stück auch unwirklich, wie in dieser Welt vergessene oder gestrandete Außenseiter.

Der Tod der Eltern, sie sind, wen wundert’s, mit einem Auto gegen eine Alleepappel gefahren, bringt Eddie eher gegen seinen Willen wieder zurück in die Heimatstadt Lükke und es ist für ihn auch genau so wie früher, alles beim alten geblieben, nebst dem blöden Spitznamen Eddie Spaghetti. Nach einem Disput mit dem daheim gebliebenen Bruder Uwe, über die Tatsache, das Eddie und nicht er zuerst vom Tod der Eltern informiert wurden und einem schrägen Begräbnis in, Ironie des Schicksals, Pappelsärgen, fährt Eddie erst mal wieder ins wahre Leben. Aber Lükke und die wiedergetroffene eine Klasse unter Uwe, eine Klasse über ihm Ellen, lassen ihn nicht in Ruhe und so reift der Traum dieses vergessene Nest wieder zu erwecken und zum Ruheidyll auf Matratzen für müde Städter umzuwandeln.

Das ist nun der Knackpunkt der Story, denn nicht wie man meinen würde, Eddie freudig begrüßend, wollen der alte Kumpel Chris, ein stoischer, philosophierender Dorfpolizist und Fitz der Pappelzüchter, gar nicht erweckt werden. Das machen sie ihm nach und nach klar und scheuen letztendlich auch nicht vor dem Einsatz krimineller Mittel zurück. Eddies Steine, die er aus den verlassenen Häusern für eine monumentale Skulptur bricht, verschwinden und er verirrt sich, unter Mithilfe von Chris im Wald, auf der Suche nach den alten Einspurbahnschienen, weil er diese nun zu Geld machen muss. Sein Traum scheitert nicht zuletzt am Geldmangel, die Bank spielt auch irgendwann nicht mehr mit, sondern auch an der massiven Gegenwehr der Einheimischen, die sich in ihrer Lethargie wohl zu fühlen scheinen. Klischeebilder vom Wodkasaufen mit Russensound und zwei kleine Geschichten vom Bubble-Boy, der nur abgeschirmt in einer Blase leben kann und stirbt als er aus ihr befreit wird und der unter Hunden aufgewachsenen Oxana Malaya, sollen diese These verdeutlichen.

Ist das nun eine umgekehrte Utopie oder eine Darstellung, wie man auch ohne allen Fortschritt glücklich leben kann? Aber glücklich scheinen die Bewohner von Lükke ja auch nicht zu sein. Das kommt vor allem in der tragischen Figur der Ellen zum Ausdruck, die ihr mit Eddie gezeugtes Kind lieber an die nach Familienglück gierende Kollegin von Eddie weggibt, als sich mit ihm ein neues Leben in Lükke vorstellen zu können.

Die Geschichte bleibt ein Rätsel, und entwickelt sich sogar noch zum mysteriösen Krimi, als erst Eddies Bruder, der die Idee eines Ladens umsetzten wollte, an geplatzten Krampfadern stirbt und dann auch Eddie selbst im Luk mit aufgeschlagenem Kopf gefunden wird. Die Bewohner von Lükke haben ihre Störenfriede einen nach dem anderen aus dem Weg geräumt und sind nun wieder mit sich und der Welt im reinen. Wer jetzt wirklich „Die Überflüssigen“ sind, bleibt da auch völlig offen.

Nun wäre sicher diese horrende Story zum Scheitern verurteilt, wenn nicht die wunderbaren Bilder der Inszenierung von Dominic Friedel und die tollen Schauspieler wären, die diese herrlich schräge Geschichte retten und nicht vollends ins Klischee abrutschen lassen. Hervorzuheben sind vor allem die Frauen. Ninja Stangenberg als träumerisch, traurige Ellen und Sabine Waibel, die gleich drei Figuren zu stemmen hat, die Bank, die Kollegin von Eddie und eine Klasse Slapstickeinlage als serbischer Türke mit Wiener Dialekt. Aber auch Robert Kuchenbuch als Eddie, Gunnar Teuber als Uwe / Chris und Horst Kotterba als Pappel-Fitz können in ihren Figuren durch leisen und trockenem Humor überzeugen.

Ob nun Philipp Löhle mit diesem Stück den Nerv der Zeit getroffen hat, eine genaue Beschreibung der brandenburgischen Bevölkerung abliefert oder einfach nur eine Parabel über die Unmöglichkeit des Ausfüllens von Lebenslücken geschrieben hat, bleibt letztendlich egal. Befreit vom starren Kontext der Projekt-Vorgabe „Über Leben im Umbruch“, wird das Stück seinen Weg finden, denn Lükke ist schließlich überall.