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Festivalsommer 2012 (3): Sprache und Bewegung beim „Tanz im August“

Freitag, August 24th, 2012

Bemerkenswerte Solo-Performances mit Antony Rizzi, Lisbeth Gruwez und Lee Meir beim Festival „Tanz im August“

Dass Sprache und Tanz sich nicht grundsätzlich gegenseitig ausschließen, ist nicht erst seit der Zusammenarbeit von Autor und Theaterregisseur Falk Richter mit der Choreografin Anouk van Dijk oder den Tanztheaterstücken einer Constanza Macras an der Berliner Schaubühne bekannt. Auch William Forsythe setzt sich schon länger in seinen Choreografien immer wieder auch mit Texten auseinander. Sein modernes Tanztheater wird nicht nur „Denken in Bewegung“ genannt, „Sprache und Tanz“ heißt eine weitere Monografie zu Forsythes umfangreichem Schaffen. Neben dem Ausdrücken von Gedanken und Emotionen durch Tanz hat sich laut dem Linguisten Wolfgang Steinig sogar die Sprache und ihre grundlegende Grammatik ursprünglich aus tänzerischen Ausdrucksformen entwickelt. Nun hat das Berliner Festival „Tanz im August“ dem Thema Sprache im Tanz einen kleine Schwerpunkt gesetzt. An besagter Schaubühne am Lehniner Platz fand dann auch einer der Höhepunkte dieser Reihe statt. Der langjährige Mitstreiter in William Forsythes Frankfurter Company Antony Rizzi setzte mit dem Solo „Drugs kept me alive“ einen biografischen Text, den ihm der belgische Maler, Dramatiker, Regisseur und Choreograf Jan Fabre auf den Leib geschrieben hat, performativ und erzählerisch um.

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Antony Rizzi und Jan Fabre zu Gast an der Schaubühne am Lehniner Platz

Grundlage des Stücks sind Rizzis eigene Drogen-, Sex- und Krankheitserfahrungen. Er ist seit einigen Jahren HIV-positiv. Und so stehen dann dort am Bühnenrand im Halbkreis aufgereiht Fläschchen mit Pillen und Elixieren, von denen man nicht genau weiß, und wahrscheinlich auch nicht unbedingt wissen will, welche Wirkung sie im Einzelnen versprechen. Rizzi schert sich aber nicht viel darum und beginnt über jede Droge, die er in seinem Leben genommen hat, detailliert zu berichten und zu reflektieren, was genau ihn daran am Leben gehalten hat und warum. Natürlich nicht ohne die nötige ironische Verklärung, die der zeitliche Abstand mit sich bringt. Dazu geriert sich der ganz in schwarz gewandete und mit einer Art spitzer Sufimütze bekleidete Rizzi als Hohepriester der reinen Lebenslust und -sucht, mit all ihren bekannten und unbekannten Risiken und Nebenwirkungen. Er bezeichnet sich als wandelnde Apotheke, schüttet sich Pillen ins Gesicht, stopft sich die Fläschchen unter die Jacke oder dreht und windet sich auch mal vor deren Übermacht.

Aber trotz all diesem Furor bleibt hier fast alles Sprache. Eine intensivere Assoziation über Bewegung findet kaum statt, eher sogar das Gegenteil. Rizzi betreibt gekonnt eine ironisch aufgeladene Abspaltung der Performance von der Erzählung. Er kreiert als „uncurable soldier of love“ eine scheinbar heile, aber doch fragile Welt aus Seifenblasen, die er mit einem großen Ring erzeugt, um in sie hinein zu schlüpfen. So verliert das Ganze natürlich seine schwarze Seite und Rizzi begibt sich ins Reich der liebenswerten Schaumschlägerei und des Seifenblasenkitsches. Allein das Wissen, dass dieser Mensch all das tatsächlich durchgemacht und überlebt hat, wovon er da freimütig berichtet, nötigt einem schließlich die Bewunderung über dessen ungebrochene Vitalität und Virilität ab, und lässt die World of Bubbles, mit der er sich umgibt, wieder in einem anderen Licht erscheinen. Hier feiert jemand sein Überleben und den Spaß am Leben, mit allen Auf und Abs. „Life is to accept the unacceptable.“ Das hat der unermüdliche Lebensphilosoph Antony Rizzi für sich erkannt.

Heute im Podewil:

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Mal einen Yogakurs …

Etwas anders geht die belgische Tänzerin und Choreografin Lisbeth Gruwez in ihrer Performance „It’s going to get worse and worse and worse, my friend.“ im Podewil vor. Sie benutzt die Worte eines Anderen, für eine strenge Konversion des Gesprochenen in klare Bewegungsabläufe. Dafür hat ihr der Sounddesigner Maarten von Cauwenberghe Satzfetzen einer Rede des US-amerikanischen TV-Predigers der konservativ-religiösen Gemeinschaft „Assemblies of God“ Jimmy Swaggart zu einer Toncollage verdichtet. Gruwez ist zu ihrer Performance korrekt in ein weißes Hemd und eine Bügelfaltenhose gekleidet, das Haar streng nach hinten gekämmt. Später ändert sie das Outfit leicht, indem sie die Strümpfe über die Hosenbeine und einen korsettartigen Stoff über das Hemd zieht. Das verstärkt die Strenge ihres Vortrags noch zusätzlich.

Ruhig beginnt Gruwez mit ihren Händen zu agieren, hebt und senkt sie, führt nivilierende Kreisbewegungen aus. Erste unverständliche Wort-Fragmente zerschneiden die fast klassische Musik, bis sie sich zu vollständigen Sätzen formen. Nun werden die Bewegungen von Gruwez entsprechend ruckartiger, sie führt Pirouetten aus, die gleich den abgehackten Sätzen immer wieder repetiert werden. „We have not made any advancement at all.” ist die Kernaussage des Textes, die Gruwez jetzt plastisch sichtbar macht. Das konservative Denken und die entsprechende Rhetorik Swaggerts übersetzt sie in eindrückliche, fast zwanghafte Bewegungsmuster. Ein Schütteln befällt den ganzen Körper zur sich überschlagenden Stimme des Predigers. Gruwez ist Sender und Empfänger der Botschaft gleichermaßen. Die Performance verdeutlicht die Kunst des Verführens durch entsprechende Mimik, Gestik und Diktion, wobei die Worte hier fast austauschbar erscheinen. Auf die Wirkung kommt es an, und die ist in der Tat gespenstisch.

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… oder doch lieber Sommergarten?

Im Anschluss an Lisbeth Gruwez trat die junge israelische Choreografien Lee Meir mit einem 15minütigen Solo auf, das sich ebenfalls einen bestimmten Satz zum Auslöser von teilweise unkontrolliert wirkenden Bewegungsabläufen gewählt hat. „Translation Included“ trägt die Rückübersetzung von Sprache in entsprechende Bewegung schon im Titel. Meir steht vor dem Publikum und spricht immer wieder den Satz „Is it working between us?“ mit einladend fragenden Gesten in Richtung einzelner Zuschauer. Sie variiert dabei die Diktion, die Armbewegungen werden schneller, bis sie sich zu verheddern scheinen. Meir bringt auf ironische Weise die Schwierigkeit zum Ausdruck, Worten und Bewegungen ein konkretes Ziel zu geben. Ihre zwischenmenschlichen Bemühungen scheitern am eigenen Körper, der sich vergeblich am Koordinierungsproblem abarbeitet und schließlich in sich verrenkt am Boden landet. Dass das nicht als verhinderte rhythmische Sportgymnastik endet, liegt vor allem an Meirs Können, auf witzige Art und Weise innere Blockierungen nach außen zu transportieren und in entsprechender Körpersprache sichtbar zu machen.

Der „Tanz im August“ ist in den letzten Jahren immer mal wieder wegen angeblich programmatischer Beliebigkeit kritisiert worden. Die FAZ sprach 2011 sogar von „Kinderkram“ und attestierte den Kuratoren eine „vollkommene ästhetische Instinktlosigkeit“. Das Festival gehöre umbenannt in „Etwas im August“. Drei Mitglieder des langjährigen Kuratorenteams, unter ihnen der ehemalige HAU-Chef Matthias Lilienthal, scheiden nun in diesem Jahr aus ihrer Verantwortung und schon macht sich im Hintergrund ein kleines Kompetenzgerangel bemerkbar. Die koproduzierende Tanz-Werkstatt im Podewil und die neue Intendantin am Hebbel am Ufer Annemie Vanackere vertreten unterschiedliche Positionen zur Fortführung des „Tanz im August“. Die Anbindung an die Kulturprojekte Berlin GmbH mit festem Haushaltstitel steht gegen eine Trägerschaft durch das HAU mit einer externen Kuratorenstelle. Wie auch immer man sich seitens des Senats entscheiden wird, eine verbesserte Außenwirkung ist dringend angeraten.

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Bisher ist der „Tanz im August“ eine reine Insiderveranstaltung, die sich im Stadtbild noch zu wenig bemerkbar macht. An den veranstaltenden Häusern wie dem HAU, Podewil, den sophiensaelen oder der Schaubühne gibt es kaum Hinweise zum Festival selbst. Zwar sind die Vorstellungen wie immer gut besucht, für ein renommiertes Internationales Tanzfest kocht die Szene jedoch auch weiterhin zu sehr im eigenen Saft. Ein netter Sommergarten im Podewil oder eine sogenannte „Sideshow“ mit Yoga und anderen Positionen neben dem Tanz dringen kaum wirklich in das Bewusstsein einer durchaus interessierten breiteren Öffentlichkeit. Es scheint, man wolle weiterhin unter sich bleiben. Ob da ein runder Expertentisch Abhilfe schaffen kann, ist fraglich. Derweil zeigt zumindest Annemie Vanackere schon mal Präsens. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn sie im Streit um die künftige Ausrichtung des „Tanz im August“ nicht die Nase vorn behält.

 tanz-im-august-2012_hebbel-am-ufer.jpg … gegen großes HAU

Fotos: St. B.

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Weitere Termine: Tanz-Nacht Berlin, 22.-26.08.2012 im Podewil (Klosterstraße 68), Maison de France (Kurfürstendamm 211) und in den Uferstudios (Uferstr. 8/23, Berlin-Wedding) – Termine unter: www.tanznachtberlin.de

Literatur: Wolfgang Steinig: Als die Wörter tanzen lernten: Ursprung und Gegenwart von Sprache – Elsevier, Spektrum Akademischer Verlag, München 2007, 456 Seiten, 24,00 Euro

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