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Die Ranke der Seele – Tobias Yves Zintel und Przemek Zybowski sind in ihrem Stück EXIT AYAHUASCA auf der Suche nach einer spirituellen Alternativ-Medizin

Donnerstag, Oktober 13th, 2016

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exita-poster_-c-daniel-ramirez-perezAyahuasca ist ein halluzinogenes Getränk, das bei indigenen Stämmen im Amazonasgebiet von Brasilien, über Bolivien, Peru bis nach Kolumbien bei rituellen Zeremonien zur Anwendung kommt. Der Pflanzensud wird aus der Liane Banisteriopsis caapi und N,N-Dimethyltryptamin-haltigen Blättern des Kaffeestrauchgewächses Chacruna (Psychotria viridis) gewonnen. Unter dem Namen Yagé ist es auch aus Reiseberichten des US-amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs bekannt, der Anfang der 1950er Jahre auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen dieser magischen bewusstseinserweiternden Droge in der Putumayo-Region Kolumbiens auf der Spur war. 1963 wurden die Briefe, die Burroughs in dieser Zeit an Allen Ginsberg schrieb, unter dem Titel Yage Letters (dt.: Auf der Suche nach Yage) veröffentlicht. Darin beschreibt er ziemlich bildhaft die halluzinogene Wirkung nach der Einnahme von Ayahuasca. Aber erst in einem Brief, den Allen Ginsberg 1960 an Burroughs schrieb, erfährt der Leser erstmals über das Eintreten von klaren Todesvisionen nach dem Genuss der Kombination mit Chacruna. Ginsberg schreibt: „… je öfter man Ayahuasca nimmt, desto tiefer kommt man rein – man macht eine Reise zum Mond, sieht die Toten, sieht Gott – Baumgeister – usw.“ Burroughs spricht später auch von einem „Ayahuasca-Bewußtsein“.

Um das komplexe schamanische Stammeswissen der Amazonasvölker geht es auch in dem Stück EXIT AYAHUASCA, das Autor Przemek Zybowski und Regisseur Tobias Yves Zintel für das Ballhaus Ost eingerichtet haben. Przemek Zybowski ist promovierter Mediziner, absolvierte eine Weiterbildung in der Psychoanalyse und arbeitet seit 2010 als Psychiater an verschiedenen Krankenhäusern. Seit 2007 schreibt er neben Prosa auch Theaterstücke, die er in Zusammenarbeit mit Johannes Wenzel (Posen in Angst, 2014 im Ballhaus Ost) und Tobias Yves Zintel entwickelt. Autor Zybowski verarbeitet in seinem neuen Stück sichtlich auch eigene Berufserfahrungen. Neben dem stark rauchenden Rentner Kurt Widmer (Johannes Suhm), der sich nach mehreren Herzinfarkten für eine Freitodbegleitung bei der Sterbehilfeorganisation EXIT entschieden hat, gibt es hier auch eine Psychiaterin Dr. X (Tamara Saphir), die Widmer zunächst eine „chronische Suizidalität bei depressiver Störung“ attestiert, was es ihm wegen des fehlenden positiven Gutachtens über den Zustand seiner Psyche unmöglich macht, die Dienste von EXIT in Anspruch zu nehmen.

Was sich zunächst wie ein Stück über das dauerhafte Streitthema Sterbehilfe anhört, entpuppt sich aber schnell als eine Kontroverse zwischen den wissenschaftlichen Standards der westlichen Schulmedizin und den rituellen Heilkräften südamerikanischer Schamanen. Als solcher tritt schon zu Beginn der Schauspieler Rasmus Slätis, Mitglied der norwegischen Theaterkompanie Nya Rampen (We love Africa and Africa loves us, 2012 im Ballhaus Ost), vor das Publikum und fordert zum Mitmachen bei Atemübungen auf. Man solle beim folgenden keine Angst haben. Nun, man muss auch kein Ayahuasca zu sich nehmen, das wird hier lediglich auf der Bühne bei einer schamanischen Sitzung simuliert, der die an der Allmacht der westlichen Medizin zu zweifeln beginnende Ärztin zusammen mit ihrem Patienten Kurt Widmer beiwohnt.

 

EXIT AYAHUASCA im Ballhaus Ost - Foto (c) Robert Funke

EXIT AYAHUASCA im Ballhaus Ost – Foto (c) Robert Funke

 

Bühnenbildner Philip Wiegard hat dafür ein paar mit Luft gefüllte, zelt- und trichterartige Schlauchgebilde im Saal des Ballhaus Ost verteilt, sowie einen ebenfalls aufblasbaren durchsichtigen Iglu, in dem der Schamane seine Sitzungen vorbereitet und vollzieht. Es erklingt ein psychedelischer Elektrosound begleitet vom sphärischen Gesang Steev Lemerciers. Der Text lässt sich zunächst in einigen wissenschaftlichen Abhandlungen zu den pflanzlichen Bestandteilen des halluzinogenen Gebräus, zur spirituellen Verbindung von Mensch und Pflanze und dem Dialog der Gene in der spiralförmigen Doppelhelix der DNS aus. Dazu kommen die Erzählungen des Rentners über seinen depressiven Zustand und die der Ärztin über ihre Zweifel am System aus Karriere und Reichtum sowie schnellen, billigen Lösungen der Psychotherapie. Später wird ihr dann vor einer Kommission der medizinischen Fakultät die Approbation wegen Verletzung wissenschaftlicher Standards aberkannt, was hier wie in einem Ayahuasca-Trip vorgetragen wird.

Die Sinne öffnen und die Grenzen des Denkens überwinden – das Verschmelzen des Menschen mit der Natur und den Pflanzen – das alles vollzieht sich hier als Exit aus den normierten westlichen Vorstellungen und Einstieg in spirituelle Erfahrungen. So kann der kranke Rentner Widmer durch eine Todesvision seine Ängste lösen und gewinnt neue Lust am Leben. Der Ärztin wiederum gelingt es sich von ihren Zweifeln zu befreien und sich alternativen Heilmethoden zuzuwenden. Ayahuasca als „Auflöser von Problemen“ – das Zeremoniell als innere Reinigung und Katharsis.

Sind Pflanzen intelligente Wesen? Wissen Schamanen mehr? Das sind u.a. die Fragen, der die Inszenierung nachgehen will. Leider wirkt sie dabei auf die Dauer auch wie ein etwas verunglückter Workshop zur medizinischen Drogeneinnahme. Man könnte das Ganze vielleicht noch als gutgemeinte Informationsveranstaltung mit leicht folkloristischem Kunstanspruch verbuchen. Allerdings gehen in dem ganzen, für Laien etwas schwer verständlichen Wissenschaftsgedöns auch etwas die philosophischen Hintergründe flöten. Zybowski hat sich ein wenig beim deutschen Ethnopharmakologen und Drogen-Spezialisten Christian Rätsch belesen, der mehrere Bücher über die kulturelle Nutzung psychoaktiver Pflanzen und über Schamanismus geschrieben hat.

Spielerisch wird die Performance u.a. durch die Befreiung aus einer Fesselung oder den Tanz zwischen zwei Seilen unterstützt. Es gibt Videoeinblendungen von DNS-Strängen und Insekten. Es werden bionische Phänomene erklärt sowie die Metamorphose vom Wurm zum Schmetterling oder die Reise auf die andere Seite durch den Darm einer Schlange und im Stamm des Weltenbaumes beschrieben. Es ist bekannt, dass der Genuss von Ayahuasca nicht nur Gedächtnis und Geist stärkt, sondern auch die Phantasie und Kunstproduktion anregt. William S. Burroughs hat so die vom Künstler Brion Gysin erfundene Cut-up-Technik weiterentwickelt. Dem Team Zintel / Zybowski gelingt das nicht ganz.

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EXIT AYAHUASCA (Ballhaus Ost, 09.10.2016)

(c) Tobias Zintel

(c) Tobias Zintel

von Tobias Yves Zintel und Przemek Zybowski
Regie: Tobias Yves Zintel
Text: Przemek Zybowski
Bühne: Philip Wiegard
Kostüm: Jutta Klingel
Dramaturgie: Andreas Wolfsteiner
Produktionsleitung: Tina Pfurr / Ballhaus Ost
Mit: Steev Lemercier, Tamara Saphir, Rasmus Slätis, Johannes Suhm
Eine Produktion von ZINTEL / ZYBOWSKI in Kooperation mit dem Ballhaus Ost
Premiere im Ballhaus Ost war am 08.10.2016
Weitere Termine: 13., 14., 15., 16.10.2016

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/exit-ayahuasca/

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Posen in Angst, das neue Theaterprojekt von Wenzel & Zybowski feierte Premiere im Ballhaus Ost.

Montag, April 28th, 2014

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(c) Ballhaus Ost

(c) Ballhaus Ost

Der 1976 im polnischen Łódź geborene Przemek Zybowski kam mit neun Jahren nach Deutschland, studierte später Medizin und machte eine Weiterbildung in der Psychoanalyse. Seit 2007 schreibt er Prosatexte und Theaterstücke. Johannes Wenzel, 1977 in Karlsruhe geboren, kam über ein Studium der Philosophie und Germanistik zum Theater. Nach mehreren Hospitanzen und Gastassistenzen führt er seit 2005 selbst Regie. Gemeinsam bilden die Beiden seit sechs Jahren ein Autor-Regie-Team. Dabei sind mittlerweile einige Theaterproduktionen in Berlin und Hamburg entstanden. Vor einem Jahr zeigten Wenzel/Zybowski im Ballhaus Ost Rom – die lange Rückkehr in den Westen, eine deutsch-polnische Geschichts- und Familienabrechnung. Ihre neue Produktion Posen in Angst hatte nun wiederum im Ballhaus Ost Premiere.

Autor Zybowski kann man hier durchaus eine Neigung zum Phantastischen bescheinigen. Sein Stück kommt zunächst wie eine Art Science-Fiction daher, eine Dystopie auf das Onlinezeitalter. Im Jahr 2040 sind die Menschen der westlichen Welt via implantiertem Chip mit einem übergeordneten Online-Bewusstsein verbunden. Da bricht in der EU ein nicht näher beschriebener mysteriöser Online-Virus, der mit einem Gedächtnisverlust einhergeht, aus und stürzt den Westen in eine Krise. Der sich noch offline befindliche Osten wird plötzlich zum Flucht- und Sehnsuchtsort der orientierungslosen Menschen. Der Autokrat Putin dagegen hat bereits Polen und das Baltikum besetzt und steht mit der russischen Armee wiedermal an den Seelower Höhen. Zybowski nimmt mit seinem Stück die Ängste der westlichen Welt und ihre Projektionen auf den Osten aufs Korn. Der Russe kommt, und die EU droht in einem Krieg unterzugehen.

Im Lazarettlager des zynischen Arztes Che (Andreas Nickl) in Berlin kreuzen sich die Geschichten von fünf ganz unterschiedliche Personen. Die idealistische Wissenschaftlerin Katja (Vera Löbau) sucht verzweifelt nach einem Impfstoff, dessen Träger sie in Boris (Johannes Suhm) sieht, der auf der Flucht nach Posen zum alten Landsitz derer von Bonin ist. Im Gepäck hat er die alten Germania Möbel, die die Gräfin von Bonin einst auf ihrer Flucht vor den Russen nach Berlin im Brandenburgischen vergraben hatte sowie die Jüdin Rebekka (Lale Yavas) und deren Mutter Martha (Michaela Hinnenthal), die eigentlich auf dem Weg nach Jerusalem waren. Boris steht nun zwischen seiner Liebe zu Rebekka und Katjas Drängen aus seiner DNA, die mehr einem Tier als einem Maschinenmenschen gleicht, und dem Extrakt der Germania Möbel, als Träger von Erinnerungen, den erforderlichen Impfstoff zu gewinnen.

Klingt das auch irgendwie ziemlich verrückt, so hat es doch Methode. Zybowski mixt geschickt kaum verständliche wissenschaftliche Details, biblische und jüdische Mystik mit Daten und Ereignissen aus der europäischen Geschichte und Gegenwart. Während man im Inneren über die Rettung der Onlinewelt philosophiert, lässt der Arzt Che die Infizierten, die das Lazarett wie die rettende Arche Noah der Online-Zivilisation belagern, immer wieder durch Schlägertrupps in die Quarantänestation nach Tempelhof bringen. Seine Gedanken vertraut der Arzt seinem persönlichen Logbuch an. Michaela Hinnenthal ist hier in einer schönen Doppelrolle als verfremdete Computerstimme (HAL aus Kubricks 2001 lässt grüßen) und Orakel Martha zu sehen. Sie sieht in Boris einen neuen Zaddik, einen Gerechten zur Rettung des jüdischen Volks.

Posen in Angst im Ballhaus Ost. Bettler 2006 (c) Philip Wiegard

Posen in Angst im Ballhaus Ost. Bettler 2006  (c) Philip Wiegard

Zybowskis Stück ist durchaus auch als politische Satire zu verstehen. So hält Boris wie in Trance einen hochkomischen Monolog über das Zustandekommen des polnischen EU-Beitritts, den der trinkfeste und hitzeresistente Helmut Kohl Boris Jelzin und Michail Gorbatschow in der Sauna abgerungen hat. Eva Löbau darf dann noch einmal in einem verzweifelten Aufruf an die Vernunft und Freiheit des Online-Individuums brillieren. Da aber ist der Versuch einer Therapie des Online-Bewusstseins bereits gescheitert, und das einerseits befürchtete wie anderseits erhoffte Offlineloch hat sich aufgetan. Offline ist Tabula Rasa, wie Katja prophezeit, es herrscht Maschinendämmerung. Die Gruppe steht den sich neu auftuenden Möglichkeiten am Ende doch noch etwas ratlos gegenüber.

In Przemek Zybowski Text geht es immer wieder um Erinnerungen, kollektive wie individuelle, und deren Verlust. Amnesie folgt Amnestie und umgekehrt. Wer oder was bestimmt unsere Erinnerung? Und was tragen kollektive Erfahrungen und einzelne Biografien dazu bei? In der Stadt Berlin, die immer auch ein Tor zum Osten war, treffen nach wie vor die verschiedensten Geschichten, Werte und Erfahrungen aufeinander. Andererseits enthält das Stück auch eine Zivilisations- und Technikkritik. Der moderne Mensch hat sein Gedächtnis längst an Maschinen abgegeben, die er nicht mehr kontrollieren kann, die ihn aber umso kontrollierbarer machen.

Gebrochen wird Zybowkis schier überbordender Text immer wieder mit den melodiösen Synthie-Pop-Balladen des Musikers Friedrich Greiling (Mittekill), die das Stück thematisch gut ergänzen. Gespielt wird vor einer Art Eiszeitkulisse, die mit Installationen und Fabelwesen der bildenden Künstler Tobias Yves Zintel und Philip Wiegard bevölkert sind. Ein etwas mutigerer Eingriff des Regisseurs Johannes Wenzel und ein paar Striche mehr hätten dem ca. 1 3/4 Stunden dauernden Abend sicher auch gut getan. Wenzel nimmt den Text aber sehr ernst und vermeidet so eine Überironisierung der Geschichte.

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POSEN IN ANGST
Text PRZEMEK ZYBOWSKI
Regie JOHANNES WENZEL
Art Direction TOBIAS YVES ZINTEL
Musik FRIEDRICH GREILING
Produktionsassistenz / Musikdramaturgie MONICA SUTEU
Regiehospitanz PATRICK SCHNEIDER
Bühnenbildassistenz MICK KLOECKER
Technische Leitung VOLKER M. SCHMIDT
Produktionsleitung TINA PFURR / BALLHAUS OST
mit MICHAELA HINNENTHAL, EVA LÖBAU, ANDREAS NICKL, JOHANNES SUHM, LALE YAVAS

mit Kunstwerken von PHILIP WIEGARD und TOBIAS YVES ZINTEL
EINE PRODUKTION VON WENZEL & ZYBOWSKI IN KOOPERATION MIT DEM BALLHAUS OST UND DEM TEATR NOWY POZNAN
PREMIERE 25. APRIL im Ballhaus Ost
WEITERE VORSTELLUNGEN 28. APRIL UND 03. MAI

Weitere Informationen: http://ballhausost.de/index.php?article609&sub=20

Zuerst erschienen am 27.04.2014 auf Kultura-Extra.

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