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„Krieg“ von Rainald Goetz und „Girls & Boys“ von Dennis Kelly – große und kleine Stücke der Stunde, inszeniert von Robert Borgmann und Lily Sykes am Berliner Ensemble

Sonntag, April 1st, 2018

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Krieg – Robert Borgmann inszeniert am großen Haus die textlich schwierigen Stücktrilogie und Mash-up der alten Bundesrepublik von Rainald Goetz an einem Abend

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Es war ein wenig ruhig geworden um den Theaterautor Rainald Goetz. Die Uraufführung seines letzten Stücks Jeff Koons liegt auch schon wieder 10 Jahre zurück. Die Abrechnung mit dem Hype im Kunstbetrieb bleibt wohl auch Goetz‘ bekanntester Theatertext. In Berlin ist er zuletzt 2004 am Deutschen Theater inszeniert worden. Ansonsten haben es Goetz-Texte hier nur noch in zwei Inszenierungen von Patrick Wengenroth geschafft. In Katarakt / Brief an Deutschland verknüpfte der Theaterironiker 2012 am HAU 2 Goetz‘ Monolog eines alten Mannes mit den Bild-Kolumnen des Boulevard-Journalisten Franz Josef Wagner und bereits 2010 integrierte Wengenroth in seiner HAU-Inszenierung von Karl Kraus‘ Mammut-Drama Die letzten Tage der Menschheit den Klagenfurter Bachmann-Preis-Text Subito, bei dessen Lesung sich der angehende Popliterat 1983 die Stirn mit einer Rasierklinge aufschlitzte. Drei Jahre später schrieb Rainald Goetz seine 1987 von Hans Hollmann am Schauspiel Bonn uraufgeführte Bühnentrilogie Krieg. Drei Stücke – Heiliger Krieg, Schlachten und Kolik – über die Bonner Republik, die sich damals in einer politischen Wende von Helmut Schmidts SPD zu Helmut Kohls CDU befand, an drei Abenden. Beim Berliner Theatertreffen wurde die Trilogie in einer Neun-Stunden-Marathonaufführung gezeigt. Den Mülheimer Dramatikerpreis gab es obendrein. 31 Jahre später und auch schon wieder über 25 Jahre nach der gesamtdeutschen Wende hin zu Kohl feiert nun das Berliner Ensemble die Premiere aller drei Stücke an einem Abend.

Aber was hat uns Goetz‘ popkulturelles Mash-up der alten Bundesrepublik in den Zeiten der neuen Berliner Republik noch zu sagen? In den drei Stücken treten Gestalten aus der deutschen Vergangenheit auf, alte und neue Nazis, Soldaten, die Terroristen des deutschen Herbstes, desillusionierte Revolutionäre, ein Chor junger hübscher Mädchen, Künstler und sogenannte mündige Bürger. Namen und Zitate verweisen auf Heidegger, Stockhausen, Stammheim, Harald Juhnke, Bubi Scholz oder Joseph Beuys. Im Großen und Ganzen ist Krieg aber auch eine einzige Textzernichtung. Gleichzeitig geht es um den unmöglichen Kampf, Sprache in körperliche Handlung umzusetzen. Der fast mathematisch genau rhythmisierte Text im Stakkato-Ton bietet im ersten Teil kaum Regieanweisungen nur Zwischenüberschriften wie Gliedern, Zerstückeln, Ordnen, The Texas Chainsaw Massacre oder Welcome To The Pleasure Dome. Der Mensch im Sprachgefängnis.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Der 38jährige Regisseur Robert Borgmann formt aus dem ersten Teil Heiliger Krieg ein szenisches Panorama, das trotz stark eingekürztem Text einen ganz guten Einblick in das Stück bietet. Allerdings nimmt Borgmann auch weitestgehend den Beat aus Goetz‘ Text, vor allem in einigen der längeren Monologe. Einen ersten Kontrapunkt setzt der Regisseur aber bereits zu Beginn, an dem ein Junge die Projektion des Gemäldes Wanderer über dem Nebelmeer des Romantikers Caspar David Friedrich übermalt. Die große Wand aus Gipskartonplatten wird dann vom 7köpfigen Ensemble weiter mit roter Farbe bepinselt und schließlich mit Hammer, Händen und Füßen traktiert, bis sie in Einzelteilen zerschrotet am Boden liegt. Minutenlange Aktionskunst zu düsteren New-Wave-Klängen. Man isst Weintrauben, zermatscht sie, und ein goldbemalter Amor mit Pfeil und Bogen schreitet über die Bühne. Hier soll römischer Dekadenz und deutscher Romantik der Gar ausgemacht werden.

Was folgt ist ein Defilee des deutschen Kleinbürgertums mit Stahlhelmen, Netzhemden, Stiefeln und Bomberjacken. Ingo Hülsmann und Stefanie Reinsperger als Stockhausen und Stammheimer brüllen Parolen, predigen Bier und prosten sich zu. „Ach Harald“, „Mensch Bubi“, „Sprechen wir über die guten alten Zeiten.“ Aljoscha Stadelmann schimpft als telefonierender Heidegger über die „berufsnotorische Künstlerflausenidiotie“. Querschläger aufs userfeindliche Theater gibt es auch von Stefanie Reinsperger. Desillusionierte Erinnerungsmonologe von Veit Schubert als alt-68er Lehrer oder einen Abgesang auf Politik und Vernunft von Ingo Hülsmann als enttäuschter Künstler, Historiker, Revolutionär. Wieder Reinsperger ergeht sich nackt in wirrem Gebrabbel über die befreite Frau. Hass und wissenschaftlich verbrämte Ideologie, das ist auch heute noch durchaus aktuell.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Kabarettistisch ist der Auftritt von Gerrit Jansen und Annika Meier in einer Joseph-Beuys-Parodie mit Trage und Filzdecke, der noch eine bildszenische Anspielung auf dessen Performance I like America and America likes Me folgt. Der Höhepunkt der ersten zwei Stunden vor der Pause ist mit Sicherheit beim stampfenden Monolog The Texas Chainsaw Massacre von Constanze Becker im Sado-Maso-Kostüm erreicht. Hier greift auch wieder der musikalische Beat von Rainald Goetz, zu dem ein sich drehendes, mit Neonröhren und großem Zeiger bestücktes Weltenrad von der Decke nach unten bewegt. Der Maschinen-Sound von Techno-Clubs mischt sich mit Beschreibungen eines presslufthämmernden Industrial-Konzerts und kulminiert in einem Theaterbrand bei dem Trockeneisnebel den Saal flutet. Borgmann erweist sich hier auch wieder als großer Bildkünstler.

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Nach der Pause verpufft das Bühnenfeuerwerk allerdings zu Gunsten eines recht konventionellen Familiendramas. Schlachten handelt von einem Schlachtenmaler, der mangels Kriegen seit dreißig Jahren kein Bild mehr gemalt hat und seine Frau und Töchter terrorisiert. Gerrit Jansen spielt ihn als fiebernden Patriarchen im Biedermeierfrack, der monologisierend über die Bühne wütet, Eheknast, weiberbedingten Genieverlust beklagt und die Nacht beschwört. Das übrige Ensemble spielt hier puppenhaft die Frauen in roter gesichtsloser Schwesterntracht. Nach einer Wut-Attacke gegen die Frauen mit einer zerbrochenen Flasche am Essenstisch liegt der Maler später im irren Delirium im Krankenbett und wird mit Medikamenten ruhig gestellt. Das zieht sich dann schon auch etwas hin.

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Die langsame Auslöschung eines Individuums beschreibt der Monolog Kolik im letzten Teil des Abends. Nachdem Heiliger Krieg in der Anlage und Sprache stark an österreichische Autoren wie Karl Kraus oder Werner Schwab und Schlachten an die sprachwütenden Künstlerdramen von Thomas Bernhard erinnert, ist Kolik wiederum sehr nah an Samuel Becketts Endzeitstücken. Aljoscha Stadelmann sitzt hier in clownesk zu großem Hemd und Hose auf einem Sessel in einer schmalen Kiste und monologisiert sich (bei Goetz immer wieder trinkend) langsam zu Tode. Der Redefluss wird hier immer wieder durch kurze Blacks unterbrochen. Auch das ist ein an der Sinnlosigkeit des Lebens, der Wissenschaft, Bildung, Kunst und vergehenden Zeit verzweifelnder rhythmisch aufgebauter Nonsenstext. „Delirium ad infinitum“ bis zur endgültig erlösenden Stille und Finsternis. Regisseur Borgmann gelingt im ersten Teil ein durchaus interessanter Versuch Goetz‘ sicher nicht für konventionelles Theater geeignete Sprache ästhetisch umzusetzen. Der zweite Teil zeigt deutlich die Grenzen dieses 4,5stündigen Unterfangens. Trotzdem ist der Besuch des Abends unbedingt lohnend.

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KRIEG (Berliner Ensemble, 26.03.2018)
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Bettina Werner
Licht und Video: Carsten Rüger
Musik: Rashad Becker
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Mit: Constanze Becker, Ingo Hülsmann, Gerrit Jansen, Annika Meier, Stefanie Reinsperger, Veit Schubert und Aljoscha Stadelmann
Premiere war am 17. März 2018.
Weitere Termine: 07., 13.04. / 17., 25.05.2018

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de

Zuerst erschienen am 29. März 2018 auf Kultura-Extra.

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Girls & Boys von Dennis Kelly – Als Stück der Stunde und Kommentar zur Me-Too-Debatte annonciert, entpuppt sich die Inszenierung von Lily Sykes doch als etwas dünne Dramedy mit Stephanie Eidt in der Hauptrolle

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

Grandios, furios, umwerfend brillant – die Kritiker der Uraufführungsinszenierung von Girls & Boys, dem neuen Stück von Dennis Kelly, das im Februar am Royal Court Theatre in London mit Kino-Star Carey Mulligan in der Hauptrolle Premiere hatte, sind zumeist voll des Lobes. Der britische Dramatiker ist mit seinen nicht gerade einfachen Stücken wie Schutt, Liebe und Geld, Waisen oder DNA auch in Deutschland recht erfolgreich. Er behandelte darin bisher auf teilweise recht schockierende Weise zwischenmenschliche Störungen und familiäre Verwerfungen in der kapitalistischen Gesellschaft. Nun hat Oliver Reese, der ein besonderes Faible für neue Dramatik aus dem englischsprachigen Raum besitzt, die deutsche Erstaufführung des Stücks ans Berliner Ensemble geholt. Nach Die Frau, die gegen Türen rannte von Roddy Doyle wieder ein großer Bühnenmonolog, in dem eine vom Leben gebeutelte Frau ihre Biografie vor dem Publikum ausrollt.

„Ein Stück der Stunde“, ist im Programmheft zu lesen, sei Girls & Boys. Kleiner ist es wohl nicht mehr zu haben, wenn man damit seitens des Theaters einen Kommentar zur Me-Too-Debatte annoncieren will. Kelly hat das Stück allerdings bereits vor den Vorwürfen gegen Filmproduzent Harvey Weinstein geschrieben. Ein feministisches Stück von einem Mann, das den Wandel der Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert thematisiert. Das trifft es wohl eher. Und dennoch ist dieser von Kelly mit sicherlich großem Idealismus und Herzblut verfasste Text wohl doch der erste Fehlgriff des in Sachen Well-Made-Play bisher so sicheren neuen Intendanten des Berliner Ensembles.

Mit Stephanie Eidt steht natürlich eine großartige, in Berlin nicht unbekannte Schauspielerin auf der Bühne des Kleines Hauses, die Jelena Nagorni mit einem Stahlgerüst ausgestattet hat, das mit Treppen, Fenster- und Türöffnungen das traute aber trügerische Heim der Protagonistin darstellen soll. Stephanie Eidt klettert während des ganzen Abends darin herum. Regisseurin Lily Sykes hat ihr mit dem Pianisten David Schwarz einen Mann am Klavier beigestellt, der für die musikalische Untermalung des Textes sorgt, dafür harmonische bis dissonante Töne beisteuert und zumeist eine Barversion des Nirvana-Songs All Appologies spielt. „Married / Buried“ heißt es darin. Das sagt schon alles über die von Stephanie Eidt geschilderte Beziehung zu einem Partner, der zuerst ein Traummann zu sein scheint und dann doch zum „Auslöscher“ einer ganzen Familie mutiert. Wie es dazu kommt, erzählt das Stück in etwa 100 Minuten, wobei der Text strikt bei der Sicht der Frau auf ihr Leben und die Beziehung bleibt. Ob es dabei etwas zu entschuldigen gibt, wird das Stück nicht klären können.

 

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

 

Stephanie Eidt stellt zunächst eine recht taffe junge Frau dar, die gegen eingefahrene Lebensbahnen rebelliert. Einer Phase mit Sex and Drugs folgt ein Selbsterfahrungstrip durch Europa, bei dem sie jenen Mann in der Warteschlange eines Easy-Jet-Schalters kennenlernt. Erst unsympathisch kann er schließlich doch durch eine gewissen Witz und Schlagfertigkeit Eindruck machen. Was folgt, ist eine Phase sehr intensiver, sogar irrsinnig genannter Liebe, die schließlich in eine Ehe mit Haus und zwei Kindern mündet. Beide finden zunächst Erfüllung in ihrer Arbeit. Sie setzt sich geschickt über ein Praktikum als Assistentin in ihrem Traumberuf als Dokumentarfilmproduzentin durch. Er baut ein Möbelgeschäft auf, scheitert aber, weil er die Zeichen der Zeit nicht erkennt und Pleite geht.

Das Stück ist durchzogen mit Anspielungen an Rollenbilder, die sich vage in der unterschiedlichen Auffassung vom Kinderkriegen oder in politischen Diskussionen zeigen. Im Job erlebt die Frau auch einmal einen sexistischen Annährungsversuch eines älteren Regisseurs. Letztendlich manifestiert sich das Männerbild aber in der kalten Abwendung des Ehemannes von seiner Frau und der Drohung, nachdem sie sich scheiden lassen will, dass er ihr die Kinder nicht überlassen wird. Aus einer zunächst perfekten Beziehung entwickelt sich über die Jahre fast unmerklich ein Albtraum. Kelly beschreibt das allerdings sehr langsam über das gesamte Stück. Ob aus reinen Suspense-Gründen oder um die dramatische und emotionale Fallhöhe über ein anfängliches Himmelhoch jauchzend bis zum finalen zu Tode betrübt sein zu definieren, bleibt das Geheimnis des Autors. Wir erleben es als furiosen Start einer Stand-up Comedian, die nicht vor knalligen und expliziten Worten zurückschreckt.

Später baut Kelly Zwischenepisoden ein, in der die Frau mit ihren imaginierten Kindern spricht und spielt. Es geht auch da ganz thesenhaft um Rollenbilder. Die Tochter ist der kreative Part, wogegen der Junge zu destruktivem Spielverhalten neigt. Der Mann ist hier nicht anwesend. Irgendeine Brechung oder Erklärung gibt es dazu nicht. Alles rollt auf das tragische Ende zu, das wohl von Euripides inspiriert ist, aber tatsächlich eine nicht seltene Art der männlichen Gewaltausübung darstellt, die hier bis ins Detail geschildert wird. Dafür muss schließlich sogar noch die Statistik herhalten. Es geht letztendlich um männlichen Kontrollverlust, Erfolgsneid und um die Angst dem angestammten Rollenbild nicht mehr entsprechen zu können. Das ist soziologisch untersucht und auch nicht von der Hand zu weisen. Diese Art von Mann einfach so aus dem Kopf einer Frau auslöschen zu können, wie es im Text heißt, wird ohne entsprechende Debatte kaum möglich sein. Das Stück ist allerdings zu dünn, um einen echten Beitrag dazu leisten zu können.

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Girls & Boys (BE, Kleines Haus, 12.03.2018)
Von Dennis Kelly
Deutsch von John Birke
Regie: Lily Sykes
Bühne/Kostüme: Jelena Nagorni
Komposition/Live-Musik: David Schwarz
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Stephanie Eidt
Premiere war am 10.03.2018 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: ca. 1:40 h, keine Pause
Termine: 20., 21., 22.04. / 05., 06.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 14.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Non Stop Nonsens? Herbert Fritsch lässt es an der Volksbühne murmeln und Patrick Wengenroth beBILDert das Leben von Seite-2-Kolumnist Franz Josef Wagner im HAU

Sonntag, April 1st, 2012

„Murmel Murmel“ – Herbert Fritschs grandiose Spaß-Choreographie lässt Dieter Roths konkrete Poesie an der Berliner Volksbühne wiedererstrahlen

Der Aktions- und Objektkünstler Dieter Roth hat seit den 1960er Jahren unermüdlich sein ganzes Leben selbst zur Kunst gemacht. Er war ein Universalgenie und in fast allen Bereichen der bildenden Kunst zu Hause, wie auch als Lyriker und Schriftsteller tätig. Roth gehörte zu den Vertretern der sogenannten „Konkreten Poesie“, einer Mischung aus Schrift, Bild und Wort. Die Sprache dient dabei nicht mehr dem Sinn der konkreten Beschreibung von etwas, sondern wird selbst zur Kunstform. Wie Ernst Jandl oder H. C. Artmann hat auch Dieter Roth seine Werke wie z.B. die „Scheiße-Gedichte“ auf eine ganz spezielle Art vorgetragen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der ebenfalls als Universalkünstler bekannte Schauspieler, Filmemacher und Theaterregisseur Herbert Fritsch sich auf das Werk Roths stürzen würde, um es dem Vergessen zu entreißen. Nun hat er sich tatsächlich Roths einzigem Theaterstück namens „Murmel“ gewidmet, das aus eben diesem einzigen Wort besteht. „Murmel“ ist im Stile der „Konkreten Poesie“ verfasst und stellt eine Art Künstlerbuch dar, das Roth im Jahr 1974 im Eigenverlag herausgebracht hat. Den ganz speziellen Wort- und Bildrhythmus hat Fritsch in der Berliner Volksbühne nun in eine Art musikalisch choreographiertes Bild-, Ton- und Bewegungstheater übersetzt. Und auch die Zeit der Sofas und Trampoline, wie noch zuletzt beim „Raub der Sabinierinnen“ am Thalia in Hamburg oder letztes Jahr bei der „(s)panischen Fliege“ an der Volksbühne selbst, scheint vorbei zu sein. Die Bühne zeigt zu Beginn keinerlei Requisiten dieser Art.

volksbuhne_murmel-murmel.jpg Foto: St. B.

Für seine Inszenierung „Murmel Murmel“ hat Herbert Fritsch ein Bühnenbild aus monochromfarbigen Portalen und Wänden gebaut, empfunden nach Roths früher Op-Art-Phase, die sich rahmenartig ineinander verschachteln können. Bildräume entstehen und verengen sich wieder im Rhythmus des Musikers Ingo Günther, der wiederum die 11 Schauspieler auf der Bühne dirigiert. Der Sound besteht aus Marimbaphonklängen und dem mitunter treibenden 60th-Beat einer Hammondorgel. Aus den 50er und 60er Jahren sind auch die Kostüme. Die Herren tragen Anzug und Hut, die Damen Kleider und auftoupierte Perücken. Erst einzeln schüchtern, dann im Pulk wagen sich die Murmler an die Rampe und dann geht es auch schon los: „Murmel, Murmel, Murmel…“ intoniert man solo oder in ganzen Murmler-Chören, stehend, laufend oder in den Orchestergraben stürzend. Es gibt einen Murmler-Catwalk, Rampen-Murmler in Gruppenpose, Murmelhaucher, -brüller und einen ganzen Murmler-Choral. Murmel Murmel über alles und überall, sogar, was Wunder, in der Hose der männlichen Murmler. Dem assoziativem Slapstick sind keine sinngebenden Wort-Grenzen mehr gesetzt. Hier trifft Buster Keaton auf Jacques Tati, die Marx-Brothers auf Stan und Olli, zusammengehalten durch den Takt der Musik und den Drang das eine Wort loszuwerden. Und dabei ist Murmel nicht gleich Murmel, in der Wiederholung verliert das Wort seine Form, zerdehnt sich, geht in eine andere über und schnippst schließlich wieder in die ursprüngliche Lautformung zurück.

Was auf den ersten Blick klar wirkt, scheint, einer optischen Täuschung gleich, auf den zweiten und dritten nicht mehr das zu sein, was es vorgibt. Ähnlich ist es mit dem gesprochenen Wort. Was sich dahinter tatsächlich verbirgt, entsagt durch mehrfache Wiederholung oft der gewohnten Wahrnehmung, wird zur surrealen Absurdität. Das scheinbar abgründig Absurde, was Andrea Breth in ihren Zwischenfällen mit Texten von Courteline, Cami und Charms gesucht hat, abstrahiert Fritsch mit der Murmelei von Roth ins absolut sinnfreie Dada. Nachdem Fritsch das eine Weile so hat durchspielen lassen, verschwinden die elf Murmler hinter der Bühne. Durch einen Gazevorhang sieht man die Schattenrisse sich umkleiden. Dann hüpfen alle in engen neonfarbenen Gymnastikanzügen mit Tutus zu einem Murmel-Ballett über die Bühne und machen noch ein paar pantomimische Turnübungen. Dabei tragen sie weiße Masken mit den Zügen des Regisseurs. Fritsch elf mal verkörpert vom dienstbaren Ensemble, das sich sichtlich dankbar für diesen sinnfreien Spaß nicht zu schade ist. Wenn es einem dann doch endlich so vorkommt, als sei das Wort und der Abend endgültig überdehnt, dreht Fritsch plötzlich ab und die Darsteller gehen ansatzlos zur Applausordnung über, verschwinden und kommen hinter den Wänden wieder hervor, bis der Meister schließlich selbst auf der Bühne erscheint und die Maske fallen lässt. In der Kürze liegt die Würze. Das weiß der schlaue Murmel-Fuchs Fritsch und nimmt nach gut einer Stunde und 15 Minuten Applauszugabe die Murmel aus dem Maul und gibt sie an das gut gelaunte Publikum weiter. Mehr Worte brauchte es nicht dafür, als „Murmel, Murmel…“

Murmel Murmel an der Volksbühne wieder am:

Sa 07.04., Sa 14.04., So 22.04., So 29.04., So 13.05. und So 20.05. jeweils um 19:30 Uhr

Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme Victoria Behr, Musik: Ingo Günther, Dramaturgie: Sabrina Zwach.
Mit: Florian Anderer, Matthias Buss, Werner Eng, Jonas Hien, Simon Jensen, Wolfram Koch, Annika Meier, Anne Ratte-Polle, Bastian Reiber, Stefan Staudinger, Axel Wandtke und Ingo Günter (am Marimbaphon).

murmel-murmel.jpg  Dieter Roth: Murmel.
Reykjavik, Rikisprentsmidja Gultenberg, 1974. 176 Seiten im Buchdruck. 18 x 12 cm. Fadenheftung, broschiert, Papier gebräunt. Gefunden bei AbeBooks, Preis: 600,00 bis 923,87 € (signiert)

Das Leben

Wenn sich das Leben richtet
nach dem Falle wieder auf,
hab ich die Falle schon gesichtet
und haue dem Leben eins drauf

Dieter Roth aus „Frühe Schriften und typische Scheiße“ Sammlung Luchterhand 1973, 1975 neu herausgegeben von Edition Hansjörg Mayer, Stuttgart London Reykjavík

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„Katarakt“ / „Brief an Deutschland“ – Patrick Wengeroth verschränkt die Autobiografie des „Gossen-Goethe“ und „Gaga-Kolumnisten“ Franz Josef Wagner mit dem Lebensmonolog eines alten Mannes von Rainald Goetz im Berliner HAU 2

Zum 100. Todestag von Karl May erinnert sich Franz Josef Wagner in seiner gestrigen Kolumne „Post von Wagner“ an seine ersten Leseerlebnisse unter der Bettdecke. Er lernte in der Sprache der Wilden was Gott heißt – Manitou – und das Rothäute edel waren. Wagner hat mit 8 Jahren Winnetou ein Happy-End geschrieben. „Howgh, ich habe gesprochen“. Besser kann man nicht beschreiben, wie aus dem Karl-May-Fan, der immerhin auch Fallada, Salinger und Hemingway verehrt, der berühmt-berüchtigte Kolumnist auf der ersten (Innen)-Seite der Bild-Zeitung wurde. Sein großes Vorbild ist der damalige Bild-Chef Peter Boenisch, den er stets um seine Fähigkeit der kurzen und prägnanten Schlagzeile beneidete. Boenisch hatte es immerhin zum Staatssekretär und Pressesprecher unter Helmut Kohl gebracht. Wagner war Bild-Journalist, Mitbegründer der Super-Illu, Bunte- und B.Z.-Chefredakteur. 1992 setzte er das erste Ost-Boulevard-Blatt „Super!“ bereits nach einem Jahr in den märkischen Sand. Seit 2001 genießt Wagner als Chefkolumnist bei Bild und Welt am Sonntag (bis 2005) sein journalistisches Gnadenbrot beim Axel Springer Verlag.

Den Tod seines Ex-Chefs Peter Boenisch, der 2005 an Prostatakrebs starb, und auch das tragische Ende von dessen Frau, walzt Wagner nun in seiner Autobiografie „Brief an Deutschland“ (Diederichs, 2010) in plattester „BILD“-Manier breit. Er zeigt dabei das journalistische Feingefühl einer Dampframme, die anstatt mit Öl, mit triefendem Seelenschmalz geschmiert ist. Wagner trieb immer die Sorge um seine literarische Wirkung an, eine lebenslange verzweifelte Suche nach dem ersten Satz. Das hat ihn allerdings nicht daran gehindert ein paar Romane zu schreiben, von denen „Das Ding“ 1978 mit Uwe Ochsenknecht in der Hauptrolle von Uli Edel sogar verfilmt wurde. Vom ersten großen Geld kaufte sich Wagner dann einen Porsche, den er aber nicht vor dem Haus seiner Eltern parken durfte. Das sein Erfolg, nach Jahren des Umhertingelns in Europa und als Kriegsberichterstatter in Vietnam und dem Nahen Osten, von den Eltern nicht anerkannt wurde, scheint Wagner heute noch zu wurmen. All das erfahren wir nun, wenn es nicht bereits bestens bekannt ist, in Patrick Wengenroths Nummernkabarett über Franz Josef Wagners Leben im HAU 2.

HAU 2, Foto: St. B. hau-2_katarakt.JPG

Damit die etwas zu lang geratene Kolumne „Brief an Deutschland“ nicht zum drögen Monolog wird, hat sich Wengenroth mit seinen langjährigen Mistreiterinnen Vivien Mahler, Verena Unbehaun sowie mit Niels Bormann von der Schaubühne Verstärkung auf die Bühne geholt, die mit Nachbildungen West-Berliner Wahrzeichen wie der Gedächtniskirche, dem Funkturm, Brandenburger Tor und dem Flugbrückendenkmal ausgestattet ist. Musikalisch wird der Abend durch die Band „Ja, Panik“ begleitet, die mit „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit.“ den passenden Soundtrack beisteuert. Gemeinsam sind die vier Schauspieler nun Alter Egos von Franz Josef Wagner, erzählen Anekdoten aus dessen Buch und fallen sich dabei immer wieder gegenseitig ins Wort. Geboren als Flüchtlingskind, aufgewachsen an einem Sarg in dem die „Leiche Deutschlands“ lag, schwärmt Wagner von seiner Mutter, die sich mit dem spät aus dem Krieg heimgekehrten Vater im Vorgarten des Regensburger Reihenhaus streitet. Vivian Mahler steigt dazu in einen Mutter-Courage-Mantel. Eine weitere Station aus Wagners Lebensbeichte ist ein Treffen mit Sartre in Paris (Verena Unbehaun im Muppet-Marsianer-Kostüm), dem er sein neustes Gagarin-Gedicht vorträgt: „Oh Gagarin, sag uns die Wahrheit, sind die Marsmenschen schöner als wir?“ (Niels Bormann in Dichterpose). Noch besser ist der Versuch des jungen W. an Hiroshima: „Oh Atomium, oh Radioaktivität, alle Fische ungenießbar.“, schnell auf den Block eines Kellerns verewigt. Mehr von dem auf 13 Verse angelegten Gedicht ist leider nicht überliefert.

Für große Heiterkeit sorgen auch die Erinnerungen an Treffen mit Andreas Baader in Schwabings Kneipen und Wagners erstes Interview mit dem 17-jährigen Wimbleton-Sieger Boris Becker. Niels Bormann mit roter Perücke und offenem Hemd wird dabei von Vivian Mahler regelrecht abgeschleckt. Fruchteis schleckt auch das Mädchen auf Seite 1, dem Wagner in seiner Kolumne nachweint: „Lieber Chefredakteur, mir fehlt dieses Mädchen auf Seite 1, das lebt, liebt … und lutscht“ dichtet Wengenroth dazu. In Highheels und Tangerslip rekelt er sich auf einer Videoleinwand oder läuft als Goldelse über die Bühne. Fürs Regietheater hat Wagner dagegen wenig  übrig: „Liebe deutsche Theaterregisseure, auf euren Bühnen wird geschissen, gefurzt, onaniert und Urin getrunken… Warum, frage ich mich, subventionieren wir die Theater, wenn doch jeder Porno-Shop das Gleiche bietet?“ Passend dazu gibt Wengenroth eine kleine Kotzschlauchpersiflage auf die Falladainszenierung am Gorki. Und so wird zu jedem noch so peinlichen und pathetischen Satz Wagners das passende Bild erzeugt. Wagner erreicht allerdings mit seinen schlappen Polemiken täglich Millionen, während Wengenroth angefangen mit der Off-Theater-Produktion „Planet Porno“ einige Jahre brauchte, um nun seine Satiren im subventionierten Theater vor einigen wenigen Eingeweihten zu zelebrieren.

Nach gut 90 Minuten ist Schluss mit lustig, die Band packt ein und die Wagner-Darsteller trollen sich. Auf der Bühne steht nun allein die Schauspielerin Eva Löbau und hält eine ganz andere Art von Monolog. Als Widerpart zum emotionalen Bauch-Menschen und Stammtisch-Schwadroneur Wagner hat Wengenroth den intellektuellen Kopf-Chaoten und Pop-Poeten Rainald Goetz gesetzt. Beide eint eine rege Mitteilsamkeit über Gott und die Welt, Wagner mit seiner Bild-Kolumne und Goetz in seinem Onlinetagebuch „Abfall für alle“ oder dem Blog „Klage“, das er für ein Jahr auf der Website der Illustrierten Vanity Fair führte. Das „Loslabern“ von Goetz unterscheidet sich aber wesentlich von dem Wagners und so ist „Katarakt“ ein wagemutiges Kontrastprogramm, dem bei der Premiere nicht alle Zuschauer mit der nötigen Engelsgeduld folgen mochten. Patrick Wengeroth scheint eine gewisse Affinität zu Rainald Goetz zu besitzen, bereits in seiner Persiflage auf Karl Kraus´ „Die letzten Tage der Menschheit“ 2010 am HAU 2 hat er aus Goetz´ berüchtigter Klagenfurter Skandallesung vorgetragen. Goetz ist übrigens gerade mit dem Berliner Literaturpreis zu fast unverhofften Ehren gekommen. Der Preis ist mit der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ an der Freien Universität Berlin verbunden. Antrittsvorlesung ist am 10.05.2012 im Hörsaal 1b der Rostlaube an der Habelschwerdter Allee 45.

goetz_klappenfoto.jpg Rainald Goetz, Foto: Suhrkamp Verlag

In Goetz´ 1993 in Mülheim preisgekröntem Theatermonolog versucht ein alter, vermutlich einsamer Mensch, sich auszudrücken, seine innersten Gedanken einem imaginärem Publikum mitzuteilen. Er kommt dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, reißt vieles an, führt nichts zu Ende aus. Dem einerseits folgt stets ein anderseits, er fällt sich selbst in den Gedanken und verwirft alles als Quatsch. Man kann diese Lebensklage als Wagners eigene Reflexionen zu dessen unausgegorenen, sich oft widersprechenden und mit viel Halbwissen angereicherten Ergüssen ansehen, es kann sogar wie ein Nachruf auf dessen gesamtes Wirken gelesen werden. Wengeroth lässt das offen. Er versucht den sprunghaften Wagner mit Goetz´ intellektuellem Nonsens-Text zu entschleunigen und hat mit Eva Löbau auch die kongeniale Darstellerin dafür gefunden. „Wenn man sich sonst nicht bewegt, hört man sogar das Öffnen und Schließen der Augenlider.“ Sie trägt aber den Monolog recht locker mit einer gewissen naiven Impulsivität vor, steigt gestikulierend auf die erste Stuhlreihe und verteilt freundlich auffordernd Bierflaschen. Allein es hilft nichts, nach 2 ½ Stunden ist man trotzdem ziemlich ausgelaugt und wenn man sich nicht schon ein Bier von der Bühne geangelt hatte, strebt man durstig der Premierenparty entgegen. Fazit: „Hm, na ja.“ Kann man so machen, aber anderseits…

Rainald Goetz: „Katarakt“ auf voxpulpi.blogspot.de

Katarakt / Brief an Deutschland im HAU 2 wieder am:

01.04. und 02.04. jeweils um 20:00 Uhr

Regie: Patrick Wengenroth, Musik: Ja, Panik, Bühne: Masha Mazur, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Licht: Hans Leser, Dramaturgie: Friederike Heller
Mit: Eva Löbau, Vivien Mahler, Verena Unbehaun, Niels Bormann und Patrick Wengenroth

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Wer, wie, was – Wieso, weshalb, warum – Sei schlau, bleib lieber dumm!

Sonntag, Oktober 24th, 2010

In Patrick Wengenroths herrlicher Farce auf Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus im HAU 2 liegt die Silk-Ecke von Wien mitten auf der Sesamstraße.

Karl Kraus` Lesedrama „Die letzten Tage der Menschheit“ sollte für ein Marstheater gedacht sein, „…Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten.“ Er hatte darin den 1. Weltkrieg dokumentiert, eine Montage von originalen Zitaten und Kommentaren mit unzähligen realen und fiktiven Figuren in über 200 Spielszenen. Ein Werk was in 5 Akten mit Vorwort, Vorspiel und Epilog an die 10 Abende zur Aufführung gebraucht hätte. Kraus ein Meister der satirischen Zeitkritik, hatte hier eine fast unglaubliche Realsatire über den Wahnsinn des Krieges verfasst. Wenn nun einer in Sprache und Ideenreichtum ebenso versierter aber in seinen Mitteln mit Sicherheit nicht in die Fußstapfen des ewigen Moralisten Karl Kraus tretender Theaterberserker wie Patrick Wengenroth sich dieses unspielbaren Dramas annimmt, was könnte dann nicht alles daraus werden?
Wir sitzen vor einem riesigen Gerüst, das mit einem roten Vorhang verkleidet ist. Patrick Wengenroth liest im Frack von oben herab das Vorwort von Karl Kraus. Der Vorhang wird aufgezogen und gibt eine an ein Kasperletheater anmutende Bühne über unseren Köpfen frei. Es treten nun Muppet-Figuren wie Sam der amerikanische Adler auf, Bart Simson oder Puppen aus der Sesamstraße wie Ernie und Bert, die das Aufhängen von Minderjährigen diskutieren, eine der vielen bösen kleinen Szenen bei Karl Kraus. Die Soldaten in T-Shirts mit Aufschriften wie Multikulti ist tot, Ich bin fremd im eigenen Kiez und Gott strafe England, tragen Kochtöpfe als Helm. Alle bei Kraus schon absurd überzeichnete Figuren sind hier nochmals überhöht und extreme Karikaturen des lächerlichen nationalen Wahns und Patriotismus. In persona tritt natürlich die österreichische Feuilletonredakteurin Alice Schalek auf. Sie war die einzige weibliche Kriegberichterstatterin und schrieb für die Wiener Neue Freie Presse, ein Blatt des liberalen Bildungsbürgertums, das Kraus für seine patriotische Berichterstattung immer wieder kritisierte. Hier erklärt sie den Patriotismus wie ein Gaststar der Sesamstraße. Die Schalek zieht sich durch das Werk wie die Szenen des Optimisten und des Nörglers, in der sich Kraus selbst darstellte. Bei Wengenroth findet das irgendwann unter der Bühne statt, im Stile einer Diskussion unter Intellektuellen, die auch einfach mal die Standpunkte vertauschen. Die Medienkritik ist schließlich auch das Thema von Wengenroth. Sam der amerikanische Adler tritt als Moralapostel auf und liest angestrengt in der FAZ. Es gibt immer wieder solche Anspielungen in den original von Karl Kraus entnommenen Spielszenen.
Zu einer bitterböse Satire auf die viel diskutierte Leitkultur, wird die Szene, wenn wie bei Kraus, Ordnungshüter fremdsprachige Aufschriften von Läden und Lokalen entfernen und sich dann selbst in der von Fremdwörtern nur so strotzenden österreichischen Sprache verheddern. Österreich bekommt sein Fett genauso weg wie Deutschland. Ein wichsender Bayer und ein besoffener Österreicher karikieren den Spießbürger und das neue Nationalgefühl „…wos hom denn Sö fürs Votterland geleisteet? Legimitiern S‘ Ihna! Vur mir!“ Ein reinstes Stahlgewitter der Lächerlichkeit bietet dann noch eine Ernst-Jünger-Karikatur als Bodybilder. In den Rollen des Normalessers und des Starkessers in herrlichen Fatsuits, werden immer wieder die von Intellektuellen wie etwa Alfred Kerr im 1. Weltkrieg patriotisch umgedichteten Klassiker von Goethe dargebracht. Wanderers Nachtlied wird da auch zu einem sicher nicht ungewollten Seitenhieb auf Thilo Sarrazin. Überhaupt hat Wengenroth sich auf das Aktuelle in den Szenen von Karl Kraus konzentriert und so einen ebenso schrägen wie klugen Abend zusammengebastelt. Ein großes Kompliment gilt den Darstellern, die das alles mit einem unglaublich körperlichen Einsatz präsentieren. Das ist sicher nichts für Karl-Kraus-Puristen, macht aber großen Spaß beim Zusehen. Unterstützt wird der Abend noch musikalisch von der Band „Die Türen“, die die Szenen immer wieder mit ihren Liedern wie „In die Stadt“ oder „Sei schlau, bleib dumm“ kommentieren.
Am Ende geht die Welt zwar nicht unter, aber nachdem das Gerüst vom Vorhangstoff befreit ist, steht das Theater zeimlich nackt da, zwei Sado-Maso-Figuren sprechen die letzten Kraus-Texte. Das Schlusswort hat wieder Wengenroth, er liest den Subito-Text von Rainald Goetz: „Ich schneide ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen.“ Ein medial aufbereiteter Skandal 1983 in Klagenfurt, damals noch Aufruf für mehr Authentizität in der Literatur, heute ein Verweis auf den Zustand der Kultur, die zum Popevent verkommen ist. In Goetz Text tritt der bekannte Poptheoretiker Diedrich Diederichsen als Neger Negersen auf. „Nein, nein nein, immer alles zerschlagen,…“ sagt da Raspe, das Alter ego von Rainald Goetz. „Ja, sagte Neger Negersen, dann hast du die Identität, die Stabilität, und am Ende sogar noch einen Sinn.“ Der Sausinn wird wie bei Rainald Goetz auch von Patrick Wengenroth letztendlich verweigert. Das alles ist nicht ganz ohne Selbstironie, da Wengenroth, einst Rebell des Planet Porno, längst selbst in der Kulturinstitution Theater angekommen ist. Es wird noch ausgiebig getanzt, danach geht es sicher übergangslos zur Premierenfeier. Das mediale Ende der Menschheit ist nah, Patrick Wengenroth hat den Vorhang für die letzten Tage schon mal für zwei kurzweilige Stunden aufgezogen.

noch bis zum 27.10.10 im HAU 2