Archive for the ‘René Pollesch’ Category

Berliner Theaterabschiede 2017 (5) – Letztes von Frank Castorf und René Pollesch an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Samstag, Juli 8th, 2017

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DARK STAR – René Pollesch und seine Drei Amigos surfen zum allerletzten Mal in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zum Sound der Beach Boys auf der kalifornischen Psychedelic-Welle

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann
Foto: © LSD/Lenonore Blievernicht

Die Beach-Boys-Legende Brian Wilson ist am 20. Juni 75 Jahre alt geworden, und René Pollesch (die Diskurs-Legende der Volksbühne) hat ihm ein Stück zum Geburtstag geschrieben. So möchte man meinen, wenn man die heiligen Hallen zu einem der vielen Endspiele dieser letzten Spielzeit im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz betritt und mit dem easy Surf-Sound aus dem sonnigen Kalifornien der 1960er Jahre begrüßt wird. Dazu dreht eine kleine Raumkapsel mit Volksbühnenstar Martin Wuttke an Bord ihre Dauerschleife auf der großen leeren Bühne mit dem schwarzen Glitzervorhang von Bert Neumann. Wuttke kreiselt zu God Only Knows und zieht genüsslich an einem Joint. Die bewusstseinserweiternden Drogen gehörten zum Lebensstil der kalifornischen Hippies wie die psychedelische Musik. Die Beach Boys spielten da schon eher Mainstream-Pop für die surfenden College-Boys. Was Alkohol und Drogen betraf, standen sie ihren Musiker-Kollegen aus San Francisco oder L.A. allerdings in nichts nach.

René Pollesch zieht die Kreise aber noch etwas weiter. Inhaltlich gesehen geht es neben dem Gesetz der Serie (wir erinnern uns an den Volksbühnen-Diskurs: es beginnt erst bei drei) vor allem um den Zusammenhang der Hippies mit den Computer-Nerds und Technologie-Freaks aus Palo Alto im kalifornischen Silicon Valley. Und das sind Diskurswellenbewegungen der ganz besonderen Art, die unsere drei Amigos aus den beiden ersten Pollesch-Teilen zum dritten und letzten Mal hier zusammengeführt haben. Und neben Martin Wuttke sind wieder Milan Peschel und Trystan Pütter mit an Bord. Letzterer führt sich dann am Seil hängend gleich als großer Wellenreiter zum Good-Vibrations-Sound der Beach Boys ein. Surfen ist ein großer Aufhänger des Abends und die Pazifikküste die „letzte Grenze der westlichen Welt“, an deren Mauer im 20. Jahrhundert die Welle bricht und als Welle der technologischen Expansion zurückschwappt. Ideen werden zur Ideologie.

 

Dark Star in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz noch mit Räuberrad – Foto: St. B.

 

Lose angelegt ist die Handlung an die Science-Fiction-Parodie Dark Star von John Carpenter aus dem Jahr 1974, die gleichzeitig eine Hommage an Stanley Kubricks Kultfilm 2001: Odyssee im Weltraum ist. Seit 20 Jahren schwebt das Raumschiff Dark Star auf der Suche nach instabilen Planeten durchs All, um diese zu zerstören und fremde Galaxien zu kolonisieren. Dazu hat Barbara Steiner neben dem kleinen Raumgleiter ein containerartiges Raumschiff gebaut, in dem sich die Dark-Star-Besatzung immer wieder zum Philosophieren zurückzieht. In guter Castorf-Manier werden die Bilder aus dem Inneren via Live-Kamera auf die Außenhaut des Containers übertragen. Auch die intelligente Bombe Nr. 20 gibt es, mit der man versucht zu kommunizieren, um ihre Explosion zu verhindern, was allerdings ins Diskurschaos führt und die Vorstellung, dass entgegen der Erschaffung auch die Zerstörung von Welten ein interessantes Potential haben kann, wenn man das eigene Ende, mit dem Ende der Welt synchronisieren kann. Dr. Strangelove lässt grüßen.

Und Pollesch baut nach eigenem Gusto noch weitere Verweise ans Science-Fiction-Kino ein. Die frühe Pollesch-Ikone Christine Groß spielt einen Bordcomputer namens „Mutter“, den Filmcracks sicher aus Ridley Scotts Horrorstreifen Alien kennen, zu dem Carpenter-Mitstreiter Dan O’Bannon das Drehbuch schrieb. So schließt sich der Kreis und öffnen sich Diskursräume, in die die drei Space-Cowboys zu Wouldn’t It Be Nice stoßen. Es surfen mit: Boris Groys, Donna Haraway und Diedrich Diederichsen, dessen Theorien über Kalifornien und das Verschwinden des Außen als einer der Diskursanreger dient. Recht selbstironisch nimmt man sich im Blick zurück aus dem All auf den blauen Planeten als völlig losgelöst von der Welt war, in einem Außen, das es scheinbar nicht mehr gibt. „Die Suche nach dem Außen, der Wille zur Expansion“ sei ungebrochen, führe aber nur in „psychedelische Innenwelten“, dem Ausbau des eigenen Kopfes. Daher: „Don`t look back!“

 

Dernièrenapplaus zu Dark StarFoto: St. B.

 

Die bewusstseinserweiternde Droge heißt heute Internet. Dazu gibt es Witze zu Trump, einem Hippie auf Twitter. Und es führe „eine direkte Linie von der Manson-Family zu Facebook“. Aber es gibt auch wieder Seitenhiebe in Richtung Dercon. Etwa wenn Wuttke „Die Saison 17/18 findet nicht statt. Ist das von Baudrillard?“ fragt, oder den künftigen Intendanten angelehnt an das ballförmige Alien-(„Exoten“)-Maskottchen der Dark-Star-Crew „belgisches nichtsnutziges Hüpfgemüse“ nennt. Auch versucht Wuttke mit allerhand Scherzartikeln für gute Stimmung zu sorgen. Allerdings sind die Good Vibrations der Beach und unserer drei Outer-Space-Boys bald aufgebraucht und es macht sich eine Art Weltraumkoller im Inneren des Raumschiffs breit. Man bekommt sich zunehmend in die Haare und Bord-Computer „Mutter“ beginnt alle verbalen und gestischen Beleidigungen zu löschen.

Melancholie macht sich breit und die Zweifel am Fortbestehen der Liebe kulminieren in Wuttkes Frage: „Wo geht ihr denn jetzt hin?“ Nach etwas diskursivem Leerlauf erklingen dann aber zum Verglühen im Sternennebel mit I get Around wieder etwas fröhlichere Schlussakkorde im nun wirklich allerletzten Pollesch-Streich an der Volksbühne ever. Es kann an diesem Ort keine neue Premiere mehr geben, oder nur noch bombensichere, wie man witzelt. Wir werden das trotzdem vermissen. Um René Pollesch selbst muss man sich indes keine Sorgen machen. Er inszeniert ja längst an anderen Orten wie Hamburg, Wien, Zürich und demnächst, wie es heißt, auch am Deutschen Theater in Berlin.

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Dark Star (Volksbühne, 19.06.2017)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Raum: Bert Neumann
Bühne: Barbara Steiner
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Frank Novak
Kamera: Ute Schall
Ton: Gabriel Anschütz, Klaus Dobbrick
Tonangel: William Minke
Soufflage: Tina Pfurr
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Christine Groß, Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke
Die Uraufführung war am 09.06.2017 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 21.06.2017 auf Kultura-Extra.

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„Für immer und Dich“ – Frank Castorf und die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz verabschiedeten sich mit letzten Vorstellungen und einem Straßenfest vor dem Theater

Räuberrad am Haken der Geschichte – Foto: St. B.

Die Ära Frank Castorfs an der Volksbühne ist Geschichte. Am 1. Juli 2017 wurde ein über 25 Jahre währendes Experiment mit einem großen Straßenfest vor der Volksbühne beendet. Noch einmal glänzte der trutzige Bau am Rosa-Luxemburg-Platz im Lichte seiner Macher, deren Köpfe sich während eines gemeinsamen Konzertes immer wieder wie an einem Mount Rushmore der Theaterkunst auf der steinernen Fassade abzeichneten. Ost-West war die Ausrichtung des Hauses, der Blick nie einseitig ins Ostalgische abgleitend, wie heute gern kolportiert wird. Den Finger aber immer in der offenen Wunde der politischen Erdbebenzone Europas, in der (gemäß Heiner Müller) Berlin auf dem geografischen Grenzriss zwischen West- und Ostrom lag. Eine oszillierende Grenze, die nicht erst durch die Tektonik des Kalten Krieges entstanden ist. Die Volksbühne von Frank Castorf hatte es sich auf dieser schockberuhigten Erdbebenspalte mitten in Berlin recht gemütlich gemacht, spielte aber immer auch munter getreu dem Motto Müllers: „Ich glaube an Konflikt.“

Der neue Kultursenator Klaus Lederer hat das in seinen Grußworten zum Straßenfest vor dem Portal der Volksbühne noch einmal betont. Widerständige Kunst widersetzt sich dem allgemeinen Konsens. Dass er hier sicher nicht ganz unbewusst auch Frank Castorfs Credo zitierte, passte zu seinem zweiten Zitat von Castorfs Hausheiligem Heiner Müller, für den Theater, das sich nicht wehrt, wert sei, abgeschafft zu werden. In diesem Sinne hat sich der scheidende Intendant sicher nichts vorzuwerfen. Lederer bedauerte die Umstände, unter denen der Wechsel an der Volksbühne zustande gekommen ist. Das kann man auch klar als nochmaliges Bekenntnis zum Hause Castorf werten, dessen Ende er, trotz des nachträglichen Versuchs die Bedingungen zu korrigieren, nicht verhindern konnte. Auf manche mag das aus dem Munde eines Kultursenators befremdlich wirken. Hier stand aber vor allem ein Mann, der, wie er zugab, vom Theater der Castorf-Volksbühne entscheidend geprägt wurde.

„Frost und Wind kommen von Osten (…) Ab dem Ural ist es nur flach, flach, flach. Keinerlei Hindernisse für das Wetter, keinerlei Hindernisse für Armeen.“ Für den polnischen Ostreisenden Andrzej Stasiuk hat Der Osten (so der Titel seines Buches) „etwas mit Natur zu tun, mit Tektonik, denn es war ein Schauer der von Kamtschatka bis an die Elbe lief. Wenn sich etwas über zehntausend Kilometer Länge erstreckt, ist es nicht ausschließlich ein historischer Prozess.“ Für Frank Castorf war es das immer. Er hat die historische Tiefe des Ostens literarisch vermessen. Diese Geschichte ist nun mit dem Wechsel beendet. Sogar der Chef der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, sieht hier nicht ganz zu Unrecht einen Systemwechsel, wie er in einem Interview mit nachtkritik.de betont. „Es ist grobianisch, wie man mit dem Haus und seiner Geschichte umgeht. (…) dieser seltene Fall von geglücktem, radikalen Bollwerktheater ist als Produktionsmodus dann erstmal weg.“

 

Videoprojektion an der Fassade der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Weg sind auch das Symbol OST auf dem Dach der Volksbühne und ihr jahrelanges Wahrzeichen, das Neumann’sche Räuberrad davor. War die spektakuläre Entfernung des Schriftzugs während der letzten Brüder Karamasow-Vorstellung noch nachvollziehbar, entbrannte an letzterem ein Prinzipienstreit. Castorf erklärte daher nochmals in seiner Rede am Samstagabend den Grund. Das Räuberrad stehe für die Zeit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und bedeutete immer: „Achtung, Volksbühne! Hier lauert Gefahr!“ Das Rad könne nicht im Museum stehen, es habe sich zu bewegen, auch hin zu anderen Orten. Wobei eine Rückkehr ja nicht ausgeschlossen sei. In Castorfs Worten, der sich bisher stets mit Kommentaren zu seiner Nichtverlängerung zurückgehalten hatte, schwang deutlich der Zorn, der aber nicht als blinde Wut verstanden werden sollte. Dass sich der Künstler hier auch als politischer Redner versuchte, der hofft, dass dieses Land nicht „macronisiert“ wird, möge man ihm nachsehen. In seinen Inszenierungen hat er immer wieder schmerzhaft aufgerissen, was allgemein hin schon als verfestigte Struktur galt. Kunst als Sektierertum gegen Herrschaftssysteme aller Art. Und siehe da, tags darauf ist bereits ein kleines, subversives Räuberrad aus der offenen Wunde am Rosa-Luxemburg-Platz nachgewachsen.

Bei all den ernsten Worten wurde aber natürlich auch gefeiert. Schon am Vortag endete die letzte Vorstellung des vom Hausherrn nachgeschobenen Dostojewskij-Abends Ein schwaches Herz mit einer minutenlangen, gefeierten Parade durch das Spalier der stehend applaudierenden Zuschauer, die sich nach 4 pausenlosen Stunden zu Ehren Castorfs und seines Ensembles von ihren Sitzsäcken erhoben hatten. Dieses schwierige Ensemblestück, das wie eine düster irrlichternde Totenbeschwörung daherkommt und fast ganz auf die sonst typischen Versteckspiele in den nur mit der immer anwesenden Live-Kamera durchleuchteten Tiefen der Volksbühne verzichtet, forderte nochmal Schauspieler und Publikum gleichermaßen.

 

Dernièrenapplaus nach Ein schwaches Herz
Foto: St. B.

 

Die Stimmen der Toten ziehen sich séanceartig durch die Inszenierung und läuteten so das nahe Ende ein. Aber irgendwann, wie es heißt, bricht jeder frisch Begrabene sein Schweigen. Die Hauptfigur dieser Verschränkung von Dostojewskijs Erzählungen Ein schwaches Herz und Bobok mit Bildern des Sowjetfilms Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf von 1973 nach Michail Bulgakows satirischem Bühnenstück aus den 1930er Jahren verfällt zum Schluss dem Wahnsinn. Wie ein Soldat aus einem Eisenstein-Stummfilm marschiert Georg Friedrich als Wassja Schumkoff über den leeren Platz vor den Portalstufen der Volksbühne. Der Traum von Freundschaft, Liebe und Harmonie geht über in einen halluzinierenden Albtraum aus Geldnöten und forcierter Selbstverausgabung. Eines der Markenzeichen Castorfs: Erschöpfung pur.

 

Frank Castorf beim Balkanbrass zum Ausmarsch – Foto: St. B.

 

Der angekündigte Ausmarsch aus der Volksbühne, die man nach eigenen Worten „besenrein“ übergeben wollte, erfolgte mit Balkan-Brass-Klängen wie sie einst schon in Castorfs Sartre-Inszenierung Die schmutzigen Hände erklangen. Die Stimmung auf dem Platz und der mit langen Tafeln dekorierten Rosa-Luxemburg-Straße konnte man durchaus als gemischt bezeichnen. Während sich am Portal die Ehemaligen der Castorftruppe mit Henry Hübchen, Martin Wuttke, Alexander Scheer, Milan Peschel und Jürgen Kuttner in den Armen lag, wurde bei Rio-Reiser-Songs durchaus auch die ein oder andere Träne verdrückt, wenn es nicht doch nur der feine Sprühregen war, der sich zeitweise wie ein feiner Trauerschleier über die zahlreich erschienene Feiergemeinde legte. „Für immer und Dich“ war das Versprechen aus zahlreichen Männerkehlen am Portal, das dann doch auch noch von den weiblichen Sangesstimmen Kathrin Angerers, Lilith Stangenbergs und der von Gorki-Intendantin Shermin Langhoff bekräftig wurde. Frank Castorf wird auch weiterhin Gelegenheit haben, das gebührend zu reflektieren. Oder mit Ibsen gesagt: „Leben heißt, dunkler Gewalten Spuk bekämpfen in sich, Dichten, Gerichtstag halten über sein eigenes Ich.“ In diesem Sinne, farewell, Volksbühne.

 

Videoprojektion am Volksbühnenportal – Foto: St. B.

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Straßenfest (Volksbühne, 1.Juli 2017)
Abschiedsfeier vor dem Theater und auf der gesamten Rosa-Luxemburg-Straße

Infos: http://www.volksbühne-berlin.de

Fotoalbum zum Straßenfest: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1416596728434697.1073741854.100002531517385&type=1&l=cc8714c7f0

Zuerst erschienen am 03.07.2017 auf Kultura-Extra.

Theaterabschiede Teil 1: Christoph Marthaler an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf mit FAUST an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

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Diskurs und Solo – Mit „Carol Reed“ und „Die Welt im Rücken“ präsentiert das Wiener Akademietheater zwei starke Sprechtheaterabende

Donnerstag, Juni 8th, 2017

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Baby, das Drama ist weg – René Pollesch nimmt in seinem neuen Stück Carol Reed am Wiener Akademietheater die Bedeutung aus den Dingen raus

Foto: St. B.

Wer bei den diesjährigen Wiener Festwochen ein wenig das gute alte Sprechtheaterformat vermisst, ist im Burgtheater immer noch gut aufgehoben. Genauer gesagt in der Nebenstelle für neue Dramatik, dem Akademietheater. Bereits seit einigen Jahren ist hier auch der Diskurstheaterspezialist der Berliner Volksbühne, René Pollesch, aktiv. Vorzugweise mit dem Dream-Team Minichmayr-Wuttke, die nicht erst seit Simon Stones Festwochen-Hit John Gabriel Borkman die kleine Bühne in der Lisztstraße rocken. Was natürlich auch gerade in Wien immer ein Garant für ein volles Haus ist.

Für sein neues Wiener Stück Carol Reed recycelt Pollesch mal wieder sein altes Thema der Repräsentation. Fühlte sich Martin Wuttke mit seinen Mitstreitern im Volksbühnen-Diskurs-Zweiteiler noch im falschen Bühnenbild, so ist die Bühne am Akademietheater schlicht und ergreifend leer. Nur eine Batterie Scheinwerfer und Spotlights scheint ein reges Eigenleben zu führen und fährt an mehreren Prospekten befestigt rauf und runter, als tanze es ein kleines Scheinwerfer-Ballett.

Die Bühnenbildnerin Katrin Brack, heißt es, sei mit dem Bühnenbild durchgebrannt. Die mit mondänen Abendroben aufgedonnerte Party-Gesellschaft steht sichtlich ohne Möbel und Plan da und weiß nicht so recht wie es weiter oder erst einmal richtig losgehen soll, wie die DarstellerInnen-Riege (neben Martin Wuttke und Birgit Minichmayr sind das noch Irina Sulaver und Tino Hillebrand) nicht müde wird immer wieder festzustellen. Ein weiterer Running Gag des Abends ist der sogenannte MacGuffin, „der von Alfred Hitchcock geprägte Begriff für mehr oder weniger beliebige Objekte oder Personen, die in einem Film meist dazu dienen, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein.“ (Quelle Wikipedia)

Schaukasten Akademietheater
Foto: St. B.

Diese These treibt nun das Quartett in wie bei Pollesch üblicher offener Rollengestaltung, wechselnden Situationen und Kostümen den ganzen Abend über an. Das Scheinwerferballett bietet dazu einen sogar wörtlich genommenen Aufhänger. Wuttke fühlt sich von den eigentlich leblosen Spots beobachtet, sie reagieren auf Ansprache und lassen sich auch mal herzen. Pollesch verknüpft den MacGaffin-Effekt aus der Filmdramaturgie mit dem Liebesleben der ProtagonistInnen, die sich mal völlig verzweifelt vor dem Selbstmord und dann wieder unbeschreiblich glücklich fühlen.

Nun sucht man selbst ständig nach dem Ding, dass die Geschichte in Gang bringen würde. Nur müsste dafür auch die Bedeutung aus den Dingen rausgenommen werden. Die unentwegte Aufladung mit Bedeutung ist es, was dem Verstehen von Darstellung und eigentlichem Gefühl im Wege steht. Man ist nicht das, was man zu sein scheint oder vorgibt zu sein. Also das typische Repräsentationsproblem des Theaters. Das Quartett führt das an einigen witzigen Beispielen auf, wie einem vergeblichen Opernbesuch von Mussolini und Hitler, der die Weltgeschichte auch nicht zu ändern vermochte, oder der Polizeiaktion beim Räumen des alternativen Wohnprojekts „Pizzeria-Anarchia“ in der Leopoldstadt. Man müsse sich Hilfsmittel zulegen, sein wahres Ich zu zeigen, oder was man nicht ist.

Diese Endlos-Diskursschleife zieht sich nun über knapp 90 Minuten hin, nur unterbrochen durch die üblichen Musikeinspielungen wie dem Super-Hit Trouper lights are gonna find me von den in Österreich immer noch sehr beliebten ABBA oder dem Barbarella-Soundtrack It’s a wonder, Wonder woman, zu dem alle in orangenen Raumanzügen an einem riesigen Joint ziehen. Weiter geht’s im 60th Glitzeroutfit, nur hat das Team mit dem Joint im Dauerbodennebel nicht nur sämtlichen Sinn aus der Sache rausgeblasen, sondern sich auch noch in einen wahren Dauer-Laberflash hineinmanövriert.

Dass es nebenbei auch um den im Wiener Untergrund spielenden Agententhriller Der dritte Mann vom titelgebenden Regisseur Carol Reed gehen könnte, ist ebenso nebensächlich wie die im Programmheft angegebenen Theorietrigger Lacan in Hollywood von Slavoj Žižek oder die französische Liebeskomödie Ein Elefant irrt sich gewaltig von Yves Robert, auf die natürlich immer mal wieder in Szenen angespielt wird. Pollesch frönt hier seiner Liebe zum Kino, wie Wuttke und Minichmayr ihrer zu darstellerischer Übertreibung und Slapstick. Da wird selbst noch ein Schluckauf Wuttkes zum Ereignis. Wir hätten es gern langweilig und aufregend zugleich, ist der Tenor Polleschs nicht erst seit diesem Stück. Trotz allem Witz ist das Drama raus, Baby, und die gerauchten Kippen liegen im großen Ascheeimer auf der Bühne. Man darf trotzdem auf René Polleschs nächsten Berliner Streich Dark Star, der bald in diesem und letzten Volksbühnen-Monat Premiere hat, gespannt sein.

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Carol Reed (Akademietheater, 01.06.2017)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Bühnenbild: Katrin Brack
Dramaturgie: Eva-Maria Voigtländer
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Michael Hofer
Mit: Birgit Minichmayr, Irina Sulaver, Martin Wuttke, Tino Hillebrand
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Die Uraufführung war am 29.04.2017 im Akademietheater
Termine: 28.06.2017

Weitere Infos unter: http://www.burgtheater.at

Zuerst erschienen am 02.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Die Welt im Rücken – Joachim Meyerhoff glänzt im Wiener Akademietheater in der Rolle des manisch-depressiven Erzählers aus Thomas Melles autobiografischem Roman

Schaukasten Akademietheater
Foto: St. B.

Dass der Schauspieler Joachim Meyerhoff eine Art manische Seite hat, wird kaum jemand, der ihn auf der Bühne spielen sah, ernsthaft bezweifeln. Ihm sei nichts peinlich genug, offenbarte Meyerhoff anlässlich eines Interviews für die DVD Spielweisen – Videogespräche mit Schauspielern. Der seit 2005 am Wiener Burgtheater engagierte Meyerhoff ist selbst im Interview immer auch ein begnadeter Entertainer. Seine Soloabenden Alle Toten fliegen hoch mit autobiografischen Texten am Rande der Fiktion waren nicht nur da ein großer Erfolg. Die Geschichten sind mittlerweile in drei Bänden veröffentlicht worden. Von daher scheint Meyerhoff geradezu prädestiniert für die Rolle des Protagonisten in der Bühnenfassung des Romans Die Welt im Rücken von Thomas Melle. Melles autobiografisches Werk stand 2016 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Der Schriftsteller und Dramatiker berichtet darin recht eindrucksvoll und freizügig über seine bipolare Störung. Ein offenes Umgehen mit der Scham, die eigene Katastrophe auszustellen, wie er es nennt.

Aber natürlich spricht Melle in seinen Erinnerungen selbst auch von einer großen Theaterleidenschaft, die er in seiner manischen Phase am Theater Erlangen voll ausgekostet hat. Hierzu scheucht der hibbelige Meyerhoff nach der Pause einen ganzen Trupp von Bühnenarbeitern vor sich her, der sich davon allerdings wenig beeindruckt zeigt. Der Abend beginnt aber zunächst recht unspektakulär mit dem Bericht des Verlusts einer Bibliothek. Sie ist Melles sogenannte „Welt im Rücken“, seine nach und nach schwindende Identität, die er sich über die Jahre aufgebaut hat. Bildung als etwas, über das wir uns definieren. Geradezu süchtig nach Kultur häufte er Buch für Buch an als Bestandteil seiner Persönlichkeit, die er mit dem Verkauf der Bibliothek in der ersten manischen Phase Stück für Stück wieder verramschte. Leere Wände in der Wohnung illustrieren das Scheitern eines Lebensentwurfs.

Leer ist auch die Bühne im Wiener Akademietheater, auf die Stéphane Laimé eine Tischtennisplatte gestellt hat, an der sich Meyerhoff immer wieder mit den kleinen weißen Bällen ausagiert, die Begrenzungsstriche der Platte abreißt und umständlich den Frühstückstisch in Melles WG aufbaut, an dem alles begann. „Etwas stimmte nicht – Ich meinte: mit der Welt. Er meinte natürlich: mit mir!“ Im noch ruhigen, aus dem Abstand der Zeit reflektierenden Ton erzählt Meyerhoff, wie Melles Problem als „Elefant im Zimmer“ für jeden sichtbar ist, aber niemand darüber spricht – bis auf jenen Morgen in der WG, der den Beginn des jahrelangen Kampfes des Autors mit sich und der Welt markiert.

Wir nehmen teil an einer jahrelangen Achterbahnfahrt aller Phasen Melles bipolarer Störung, seinen emotionalen Höhenritten und Tiefen der nachfolgenden Depressionen, in denen sich Melle in seiner Wohnung verkroch. Wir hören vom überspannten, aufstrebenden Literaten, der seine schreibende Konkurrenz genauestens beobachtet, sich beim Bachmannpreislesen zu Höherem berufen fühlt, bei Suhrkamp aber erst noch ankommen muss. Immer mehr fantasiert sich Melle in einen Wahn der äußeren Signale, die scheinbar nur ihm gelten. Verliert sich in einer Schnitzeljagd der Zeichen, auf der Suche nach einer nur für ihn versteckten Party in Berlin, reißt ziellos umher und hat in seiner Phantasie Sex mit Madonna. Das wird größtenteils von Meyerhoff szenisch performt. Er bepöbelt manisch die erste Reihe im Zuschauerraum, vergrößert seine Körperteile auf zwei hereingeschobenen Kopiergeräten und tackert die Ergebnisse als riesiges Messias-Abbild an die Rückwand der Bühne. Die Inszenierung von Jan Bosse entzieht sich dennoch weitestgehend einer bloßen Bebilderung der geistigen Zustände des Autors. Vorm Selbstmord rettet ihn nur die Musik von Coldplay und ABBA.

 

Die Welt im Rücken – Joachim Meyerhoff beim Applaus im Wiener Akademietheater – Foto: St. B.

 

Den Hochphasen folgen der Zusammenbruch und die Erkenntnis, kein Mensch mehr, sondern nur lebloses Objekt und nicht mehr erreichbar zu sein. Ein knochenloser Parasit, gefangen im winzigen Universum der Wohnung. Wieder willenlos der Psychiatrie ausgeliefert und als typischer Krankheitsverlauf den Medizinstudenten vorgeführt. Meyerhoff nimmt dazu den Kreuzbalken von der Wand und hüpft wie ein verwundeter Vogel am Boden, der nicht mehr fliegen kann. Doch die nächste manische Flugphase kommt mit Sicherheit, die Melle bei der besagten Theaterarbeit in Erlangen ereilt. Probenstress und nächtliches Schreiben unter Alkoholeinfluss führen direkt wieder in die Manie. Dazu reitet Meyerhoff auf einem von Bühnenarbeitern hereingeschobenen und an Seilen hochgezogenen Riesen-Brain aus Wachs und Pappmaché. Er begibt sich vollkommen in Melles „Reich des Wahns“, dabei mehrere Schichten seiner wechselnden Bühnenkleidung durchschwitzend.

Und Regisseur Bosse lässt ihn machen, verlässt sich ganz auf das Können und die Kunst der Performance seines Hauptdarstellers, der sich am Ende in der großen Gehirnattrappe wie ein Fötus im Uterus verliert, aber oben nochmal wieder zum Vorschein kommt und die Normalität für sich beansprucht, die letztendlich auch ein Weiterleben mit der Krankheit bedeutet. Standing Ovation im Akademietheater für Joachim Meyerhoff und auch für Thomas Melles großen, sensiblen Text.

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Die Welt im Rücken
nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Gabriella Bußacker
Mit: Joachim Meyerhoff
Dauer: ca. 165 Min., 1 Pause
Die Premiere war am 11. März 2017 im Wiener Akademietheater
Termine: 18., 27.06.2017

Infos: https://www.burgtheater.at/

Zuerst erschienen am 04.06.2017 auf Kultura-Extra.

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René Pollesch treibt in „Bühne frei für Mick Levčik!“ Brechts berühmtes Antigone-Modell ins Absurde. Ein Gastspiel des Schauspielhauses Zürich am Berliner Ensemble

Mittwoch, Januar 25th, 2017

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(c) Schauspielhaus Zürich

Der Volksbühnenautor und -regisseur René Pollesch geht schon seit längerer Zeit auch in anderen deutschsprachigen Theatern fremd. Neben dem Burgtheater Wien und dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg zum Beispiel auch am Schauspielhaus Zürich. Aber wer hätte gedacht, dass es ihn einmal, wenn auch nur für ein kurzes Gastspiel, an das Berliner Ensemble verschlagen würde? Es hat also bis zum Ende der Intendanzen von Claus Peymann und Frank Castorf dauern müssen, bis sich die beiden so grundverschiedenen Auffassungen von Theater mal auf einer Bühne treffen.

Treffend ausgesucht für das Zürcher Gastspiel am BE ist auch das Stück, das René Pollesch im Gepäck hat. Der Autor und Regisseur in Personalunion beschäftigt sich darin mit dem Hausheiligen des BE; er brachte im Auftrag des Schauspielhauses Zürich eine Idee des verstorbenen Bühnenbildners Bert Neumann auf die dortige Pfauenbühne. Es ist eine Nachbildung des Bühnenbilds von Caspar Neher zur legendären Modellinszenierung der Antigone des Sophokles in der Bearbeitung von Bertolt Brecht für das Stadttheater Chur. Brecht hatte 1948 nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil Kontakte zum damaligen Direktor des kleinen Churer Stadttheaters Hans Curjel aufgenommen, um seine Idee des Epischen Theaters weiterentwickeln zu können.

Die Inszenierung floppte leider bei Kritik und Publikum gleichermaßen. Das Stück wurde nach drei Vorstellungen und einer halb verkauften Gastspiel-Matinée am Zürcher Pfauen wieder abgesetzt. Dank des aus dem Probenmaterial entstandenen Antigone-Modellbuchs gelangte das Experiment aber zu Weltruhm. Es hat viele Theatermacher in ihrer Arbeit inspiriert und ist als moderner Klassiker des Epischen Theaters in die Annalen der Theaterwissenschaften eigegangen. Vermutlich hat auch René Pollesch in seiner umfangreichen Bibliothek das ein oder andere Exemplar über Brechts Theaterarbeit.

Aber es wäre schon erstaunlich, würde sich Pollesch sklavisch an ein Modellbuch halten, hält er doch auch sonst nicht viel von überkommenen Theatertheorien, der Verlogenheit der Repräsentation und dem grassierenden Authentizitätswahn auf den Bühnen. Dagegen versteht er umso mehr von der Arbeit mit Verfremdungseffekten oder den Identitätsproblemen seiner Figuren, deren reales Leben stets in die Bühnensituation eindringt. Etwas Ähnliches schwebte wohl auch Brecht vor, als er den Probenprozess in die Inszenierung einbezog und Texte, mit denen die Schauspieler ihre Handlungen auf der Bühne beschreiben (die sogenannte Brückentexte), mitsprechen ließ, um den Denkprozess bei der Theaterarbeit sichtbar zu machen.

Ein gefundenes Fressen für René Pollesch und seine diskursive Arbeitsmethode, bei der noch im Probenprozess an Stück und Text gefeilt wird und sich die Schauspieler wie Koautoren einbringen können. Natürlich treibt Pollesch Brechts Modellvorstellungen mit seiner Methode nach und nach ins Absurde. Die Dinge auf der Bühne bekommen ihre eigene Dynamik, alles scheint immer weiter aus dem Ruder zu laufen. Auch Polleschs Hang zu amerikanischen Screwball-Komödien wird genüsslich ausgewalzt. Und wer wäre dafür geeigneter als Volksbühnendiva Sophie Rois, die unnachahmlich den Takt in Polleschs respektloser Brecht-Aneignung Bühne frei für Mick Levčik! angibt.

Wir sehen zu Beginn auf die Nachbildung der Neher-Bühne mit einer im Halbrund aufgestellten Rückwand, die mit roten Bastmatten bespannt ist. Das vierköpfige Ensemble (neben Sophie Rois noch Nils Kahnwald, Marie Rosa Tietjen und Jirka Zett) sitzt in ihren Kostümen auf Bänken vor der Wand und diskutiert die Auftritte ins Bühnenzentrum, das von vier Holzpfählen mit Pferdeschädeln markiert wird. Zunächst wird das von Brecht geschriebene Vorspiel „Berlin, April 1945“ vor einer heruntergelassenen Holzwand mit Tür geprobt, was bei Rois und Tietjen zum Budenzauber mit Mantel, Schinken und Brotlaib wird. Sophie Rois als Helene-Weigel-Double holt später noch Toaster, Krücke, Kuscheltier und ähnliches aus den unergründlichen Tiefen der Manteltaschen. „Man wird doch wohl noch eine Idee haben können.“ ist ihr trockener Kommentar. René Pollesch heizt an mit viel Wortwitz und gibt Raum für herrliche Slapsticknummern.

 

Schlussbeifall nach dem BE-Gastspiel des Schauspielhauses Zürich mit Bühne frei für Mick Levčik!Foto: St. B.

 

Aber, „Worum geht es eigentlich in diesem Stück?“ Um den Staat oder doch die familiäre Inzesttragödie? Eine junge Frau, besessen von Beerdigungen? Die Moral, oder den persönlichen Deal, der das große Ganze außer Kraft setzt? Das sind die Fragen des Abends, der natürlich ergebnisoffen bleiben wird, ganz wie es angeblich das Publikum bevorzugt oder doch eher der große Meister, der hier Mick Levčik heißt, propagierte. Die Produktion hat aber nicht nur mit Sinnsuche und Auslegungsproblemen zu kämpfen, sondern auch noch mit einem störrischen Jungmännerchor, der partout keine alte Frau (sprich Vettel) spielen will, sondern lieber einen schicken Nazi. Sich auf ein Alter festlegen zu lassen, würde die Karriere ruinieren.

Zum schönen Running Gag wird, dass sich der Chor nach den Worten „Die Probe ist beendet.“ immer wieder auf den jeweiligen Sprecher stürzt. Der Zusammenhang von Sprechakt und Handlung, das Transparentmachen der Theatermittel und das Zitat als eigentlicher Pool der Kunstschöpfung sind nur einige der Themen, die die Diskursschleifen der ProtagonistInnen zum Drehen und Glühen bringen, meist auch zum Spaß des amüsierten Publikums. Und auch der Chor bekommt noch seinen großen Auftritt als Boygroup und schwules Naziballett ganz wie in Mell Brooks großartiger Komödie The Producers (Frühling für Hitler). Die klärende Tragödie und verunsichernde Komödie vermischen sich aufs Feinste, auch wenn alle irgendwann feststellen, dass man sich ein bisschen verrannt hat. Aber warum sollte das nicht zu einem neuen Humor-Modell für das künftige BE unter Oliver Reese führen.

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BÜHNE FREI FÜR MICK LEVČIK! (BE, 22.01.2017)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann/Barbara Steiner
Kostüme: Sabin Fleck
Choreografie: Sebastian Henn
Chorleitung: Christine Gross
Licht: Lothar Baumgarte, Christoph Kunz
Dramaturgie: Karolin Trachte
Mit: Nils Kahnwald, Sophie Rois, Marie Rosa Tietjen, Jirka Zett
Gastspiel des SCHAUSPIELHAUSES ZÜRICH am 21. und 22.01.2017 am Berliner Ensemble
Uraufführung am 01.04.2016 im Pfauen Zürich
Dauer: ca. 75 Minuten, keine Pause

Infos: http://schauspielhaus.ch/de/

Zuerst erschienen am 24.01.2017 auf Kultura-Extra.

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Rene Pollesch feiert mit den „Drei Amigos“ Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke einen Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs – Teil 1: Ich spreche zu den Wänden, Teil 2: Es beginnt erst bei Drei

Sonntag, November 6th, 2016

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Im langen Abschiedsreigen der Volksbühnenregisseure [den Anfang machte im September Christoph Marthaler mit Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter] wartet nun Diskurstheatermacher René Pollesch noch mit einer Abhandlung über die Serie auf. Zunächst in zwei Teilen, aber mit der netten Androhung: „Es beginnt erst bei Drei“. In voller Länge nennt sich das neue Stück dann: Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs. Und bis auf den Titel, der dem Gesetz der Serie folgend bei René Pollesch immer auch ein Bandwurm ist, fasst sich der Meister dann inhaltlich doch recht kurz. In einem Abend als Diskurs-Package genossen, verbringt man lediglich 3 Stunden inklusive Pause in der Volksbühne, um die als Ort und das Genießen es dann auch im Großen und Ganzen geht.

 

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Über die Serie und Reflexionsbude – Der Volksbühnen-Diskurs von René Pollesch – Foto: St. B.

 

Dabei gibt es wie immer auch einen zumindest angedeuteten theoretischen Diskurshintergrund, den hier u.a. der Philosoph Alain Badiou mit seiner Theorie des Subjekts, der Psychoanalytiker Jacques Lacan mit seinem Essay Ich spreche zu den Wänden. Gespräche aus der Kapelle Saint-Anne bilden. Beide sind alte Bekannte im Diskursuniversum von Renè Pollesch. Als grobes Handlungsgerüst hat sich der Autor und Regisseur gleich bei drei US-amerikanischen Genre-Filmkomödien bedient: den Body-Komödien Husbands von John Cassavetes und Hangover von Todd Phillips sowie der Western-Parodie ¡Drei Amigos! von John Landis, aus denen hier auch hin und wieder zitiert wird.

Drei Filmkomödien also mit drei Kumpel-Typen, die nichts auslassen, um sich lächerlich zu machen. Dem Seriengedanken und mit der magischen Zahl drei stehen hier die drei altgedienten Volksbühnen-Schauspieler Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke in roten Flanell-Unterwäsche-Bodies und großen Cowboyhüten als Dreieinigkeit der Peinlichkeit gegenüber. Dazu noch, wie sie feststellen, ins falsche Bretterbuden-Bühnenbild hineingehoben, ohne echten Plan, was sie hier sollen.

Daraus machen sie dann allerdings das Beste, was seit langem an Komik und Diskurs-(Un)Sinn bei René Pollesch zu sehen und zu hören war. So arbeitet man sich am schönen Wuttke-Satz: „Du, ich fand dich ganz toll, aber ich hab nichts verstanden.“ ab, oder der Theorie des Nichtverstehens der sprechenden Person als Symptom. Die drei wirbeln dabei über die Bühne, bilden Zweier- und Dreikonstellationen oder nehmen sich wechselnd in die Mitte. Was ist das nur, das Einzelindividuum und das Kollektiv? Was ein Arbeiter ist, weiß man ja, aber was zwei Arbeiter sind, da wird es kompliziert. Fazit: Ein Dienstleister mit Klassenbewusstsein kann nicht mehr nice sein.

 

Volksbühnenschaukasten (c) LSD - Foto: St. B.

Volksbühnenschaukasten ( Bild (c) LSD / Lenore Blievernicht) zum Volksbühnen-DiskursFoto: St. B.

 

Im Grunde genommen geht es aber um die Volksbühne als physischen Ort, den man nicht so einfach mitnehmen kann, was für die Dercon-Unterstützer in ihrem Brief überhaupt keine Rolle spiele. Physisch bräuchten die gar keinen Ort, von dem aus sie schreiben. Der Volksbühnen-„Mob“ gegen die Jetsetter der globalen Kunst und ihren Freund „Chris“. Rem Koolhaas kenne sicher keine Gebäude, die sprechen können, meint Wuttke. Für ihn ist das Arbeiten an der Volksbühne „eine Ebene der Auseinandersetzung, die ich aus keinem anderen Arbeitszusammenhang kenne“. Das könne man nicht planen oder regulieren und nirgends wohin mitnehmen. „Das ist dann einfach weg.“ Dazu referiert Milan Peschel über Filmförderstrukturen, die mit der Ausbeutung Einzelner beginnen und im großen Erfolg für Produktionsfirmen wie Wiedemann & Berg (Das Leben der Anderen) enden.

Auch zum berüchtigten Dercon-Zitat gibt es eine kleine Replik. Berühmt wäre man erst, wenn man wie Shakespeare nicht mehr mit dem Vornamen genannt werden muss. Ansonsten hält sich die Dercon-Schelte aber in Grenzen, dafür wird der ganze „selbstbezügliche Theaterscheiß“ mit dem „Transparentmachen der Theatersituation“ vom Engländer Brook an durch den Kakao gezogen. Über das ganze Theater mit der Aufregung referiert Milan Peschel wie ein Baby auf dem Rücken liegend, das auf ein sich bewegendes Mobile starrt. Und auch beim Aufzählen von Sportarten ist er sehr rege.

Womit wir dann auch wieder bei der Frage sind: ob die Serie der Anfang des Seriösen ist. „Enjoy your Symptom“ schreibt Slavoy Žižek über Lacans Theorien, was die drei dann auch ausgiebig tun. Man singt Phil Collins‘ „In The Air Tonight“, rollt eine riesige Mistkugel über die Bühne und reitet auf einem entsprechenden Käfertier. Irgendwann wird ihnen dann während eines längeren Telefon-Slapsticks das Bühnenbild abgebaut, und die drei Amigos zeigen sich noch mal im Coboyoutfit mit riesigen Schnabelstiefeln, die ihnen im zweiten Diskurs-Teil allerdings wieder abhandengekommen sind.

Wie bei einem echten Hangover nach durchzechter Nacht suchen die drei erstmal in großen Einkaufstüten nach ihren Habseligkeiten und spielen noch ein wenig lustige Identitätsverwirrung á la „Du hast meinen Kopf und Du sprichst meinen Text“. Die marxistischen Theorien Badious tanzen nun Wiener Walzer mit Lacans Kathedralenwänden. Dazu fahren die „Drei Amigos“ auf Freuds Couch über die Bühne, seilen sich am nachgebildeten Volksbühnen-Kronleuchter ab und drehen selig beduselt Pirouetten. Die Reflexionsbude in Serie legt nun den Wiederholungsgang ein. Was sozusagen eine Einleitung für den dritten Teil sein soll. Eine endlos aneinanderhängende Minisalami, wie die drei sie in ihren Tüten suchen. Das Verstehen wird zurück ans Publikum delegiert. Auf der Bühne genießt man sich derweil beim Genießen. Und wenn es nicht zu Ende ist, dann ist es auch nicht vorbei.

„Man stirbt irgendwann, das ist alles, und bis dahin ist die Frage, ob man ein einigermaßen geschmackvolles Theater gemacht hat.“ sind Wuttkes letzte Worte. Aber wie hieß es noch vorher: „Der Tod gehört in den Bereich des Glaubens.“ Und ob Gott an sich selbst glaubt, ist auch so eine Frage. Sicher ist nur: „Showgeschäft ist Arbeit.“ Das wird auch in einer Eventbude nicht anders sein.

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VOLKSBÜHNEN-DISKURS Teil 1 und 2
(Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 29.10.2016)
Text und Regie: René Pollesch
Raum: Bert Neumann
Bühne: Barbara Steiner
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Frank Novak
Kamera: Ute Schall
Video: Konstantin Hapke und Nicolas Keil
Ton: Christopher von Nathusius und William Minke
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke
Premieren waren am 18. 10. (Teil 1) und am 20. 10. 2016 (Teil 2)

Weitere Termine:  07.11. nur Teil 1 // 08. und 28.11. / 04. und 18.12.2016 (beide Teile zusammen)

Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 30.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Entdramatisiertes Retrotheater mit Peter Handke und René Pollesch am Berliner Ensemble und an der Volksbühne

Mittwoch, Mai 11th, 2016

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Langer Titel, langes Warten, Langeweile – Nach Wien biegen Claus Peymann und Peter Handke mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße endlich am Berliner Ensemble in die Zielgerade

Die Unschuldigen_BE-Plakat

Foto: St. B.

Peter Handke hat sich etwas Zeit gelassen. Bereits seit Längerem konnte man auf der Website des Berliner Ensembles lesen, dass Claus Peymann die Inszenierung eines neuen Stücks des österreichischen Schriftstellers und Dramatikers, mit dem ihn eine langjährige Hassliebe verbindet, plane. Vor einem Jahr wurde dann freudig die Uraufführung für Januar 2016 am Wiener Burgtheater, an dem Claus Peymann 13 lange Jahre selbst Direktor war, angekündigt. Ein durchaus denkwürdiges Ereignis, ist es doch nun immerhin auch schon wieder 17 lange Jahre her, dass Peymann Wien samt Hose sowie anderem toten und lebenden Inventar in Richtung Berlin verlassen hat.

Fast ebenso lang ist auch Peymanns Liste mit Handke-Uraufführungen, angefangen mit der 1966 am Frankfurter Theater am Turm uraufgeführten Publikumsbeschimpfung. Recht lang ist auch der Titel ihrer 11. Zusammenarbeit, und ein wenig geschimpft wird auch hier. Peter Handke hat mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (auf 180 Seiten) eine mal in poetischem, dann wieder gebräuchlichem Prosa-Ton anklagende bis selbstironisch klagende Suada (in vier Jahreszeiten) auf die moderne Welt und die darin „unschuldig“ umherstreifende Menschheit geschrieben. Der Autor bedient sich dabei so manchem literarischeren Zitats und einiger Anspielungen an den herrschenden Dramenkanon von der Bibel über Shakespeare und Goethe bis hin zu Brecht.

Ein zunächst einsames Ich, das sich immer wieder in einen Ich-Erzähler und ein Ich, der Dramatische spaltet, wandert mit Rucksack auf einer ebenso einsamen Landstraße. Es ersehnt und flieht die Menschen, beschimpft sie z.B. als (Achtung Kalauer) „Pack, Doppelpack, Tetrapack“ und wartet auf die eine Unbekannte, die ihn erlöst. Der poetisch-prosaische Ich-Wandersmann, den Claus Peymann ins Rennen schickt, ist Christopher Nell, gut bekannt als wahn-wütiger Hamlet des Leander Haußmann und wahn-witziger Mephisto des Robert Wilson. Hier ist Nell ganz der lustige Kerl mit leichten Anwandlungen zum Rumpelstilzchen. Während das Ich auf der Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann mit geschwungener und beleuchteter Kurve wandelt, fabuliert es sich beim Gehen so seine Theater- und Menschheitsgeschichte hin, denn nichts zu suchen, das war sein Sinn.

 

die Unschuldigen ... am BE - Foto (c) Monika Rittershaus

Die Unschuldigen … am BE – Foto (c) Monika Rittershaus

 

Es läuft ihm dann alles mehr wie zufällig und dennoch recht erwartbar über den Weg. Allerdings ist dieses Stück Straße im dramatischen Nirgendwo auch eine theatrale Sackgasse, und das ist zunächst nicht mal abschätzig gemeint. Mit ein bisschen Fingerschnipsen entstehen Theaterdonner und Blitze, Vogelgezwitscher; und eine ruinöse, aufgelassene Bushaltestelle fährt aus der Unterbühne hoch, die sich das Handke-Ich als elfenbeinernen Ausguck wählt, auf dem es wachträumt oder von dem es immer wieder über die vorbeiziehenden Sprechblasenkrebse, tätowierten Schwimmlehrer, Gegoogelten, Rundinformierten und sämtlich Smartphoneabhängigen vom Planeten der Traumlosen, die ihm einfach nicht zuhören wollen, mit fast schon oberlehrerhaftem Tonfall herzieht.

Das schlägt natürlich auch mal in die andere Richtung aus. Mit dem Häuptling und der Häuptlingsfrau gibt es so etwas wie einen weiblichen und einen männlichen Gegenpart, die die nicht wenigen Unschuldigen, wie sie Handke nennt, an- und wortführen. Da wird viel von Maria Happel tremolierend gekichert und gejodelt oder mit weiser Stimme von Martin Schwab geschnarrt. Claus Peymann veranstaltet ein wenig Budenzauber und spielt Komödchen mit Handkes selbstreferenzieller Lebensbeichte eines mit sich und der Welt hadernden Intellektuellen, der den letzten freien Weg der Welt verteidigt. Das ist selten wirklich witzig, eher unfreiwillig komisch und putzig anzuschauen.

Schlussendlich stößt die doch noch aufgetauchte und zunächst stumm gestikulierende Unbekannte unseren blinden, selbstverliebten Denker etwas unsanft und wortschwallend vor die Stirn. Meret Becker musste sich in nur drei Tagen die Rolle der verletzten Burgtheaterschauspielerin Regina Fritsch drauf bringen. Die Berlinpremiere wurde dafür um einen Tag verschoben. Da weht dann schon mal so etwas wie Anarchie durch das Mausoleum der ewig Gestrigen, die hier viel von Damals reden.

Die etwas lang geratenen Unschuldigen mit dem noch längerem Namen sind gegen Gotscheffs bemerkenswert leichte und dennoch schwergewichtigere Handke-Inszenierung von Immer noch Sturm (Shakespeares Prospero wird hier dann auch noch bemüht) leider ein ziemlich laues Theaterlüftchen. Da macht sich am nicht enden wollenden Ende, dem nach Handke letzten Stündlein fürs Theater, trotz flehendem Hoffnungsgeraune an Brechtgardine auf Dauer doch etwas Langeweile breit. Und jetzt? Da wäre nichts gewesen, was uns Peter Handke nicht an anderer Stelle schon wesentlich pointierter gesagt hätte.

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Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (01.05.2015)
Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten von Peter Handke
Eine Koproduktion des Berliner Ensembles mit dem Burgtheater Wien
Uraufführung war am 27.01.2016 im Burgtheater Wien
Berlinpremiere war am 01.05.2016 im Berliner Ensemble
Regie: Claus Peymann
Bühne: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Margit Koppendorfer
Dramaturgie: Jutta Ferbers und Anke Geidel
Licht: Karl-Ernst Herrmann und Friedrich Rom
Musikalische Mitarbeit: Moritz Eggert
Geräusche / Töne: David Müllner
Mit: Christopher Nell („ich“ im Wechsel zwischen „Ich, Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“), Krista Birkner, Anatol Käbisch, Luca Schaub, Hermann Scheidleder, Martin Schneider, Fabian Stromberger, Jörg Thieme (Die Unschuldigen, nicht wenige), Felix Strobel (Die Unschuldigen, unter ihnen mein Doppelgänger), Martin Schwab (Der Wortführer der Unschuldigen oder: Häuptling/Capo), Maria Happel (Die Wortführerin der Unschuldigen oder: Häuptlingsfrau/Häuptlingin/Frau), Meret Becker (Die Unbekannte von der Landstraße)
Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Termine: 12. und 13.06.2016

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/120

Zuerst erschienen am 03.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit der Bong auf dem Balkon – Im neuen René Pollesch I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung wird an der Berliner Volksbühne der Kunst des Stoner-Movies und der virtuosen Beleidigung gehuldigt.

Nicht nur Peter Handke kann lange Stücktitel, nein auch René Pollesch hat schon einige Textwürmer kreiert wie etwa Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte oder Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen? Sein neuer Streich an der Berliner Volksbühne heißt etwas kryptisch in Denglisch: I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung. Eine geistige Darmwurst, sprich Abfallprodukt, des großen Twitter-Nachrichtendienstes on WorldWideWeb, wo sich der Autor Pollesch im Gegensatz zum Autor Handke ziemlich aktiv herumtreibt.

 

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

 

Wie Handkes Unschuldige … am Rand der Landstraße befinden sich die vier Pollesch-Akteure Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider auf der Retrospur, wobei sie sich mit ihren Glitzerkostümen, dem Hang zum Kiffen und der Musik von Scott Walker wohl in den 1960er und 70er Jahren befinden. Im Bühnenbild, das aus drei Wagen der Rollenden Roadshow von Bert Neumann besteht, die seitlich auf der Asphaltfläche des Theatersaals stehen, spiegelt sich ein wenig die guten alten Volksbühnenzeiten, und das Publikum sitzt direkt davor wie einst im Prater, einem schönen Nebenspielplatz, den René Pollesch in den Anfangsjahren der Castorf-Ära etablierte. Man bewegte sich damals auf einer kleinen Seitenstraße der Volksbühne, die nun selbst im Mainstream angekommen ist, wie US-Rocker Bruce Springsteen, der „Hiding on the Backstreet“ röhrt.

Im Gegensatz zu Peter Handke findet René Pollesch zum Glück immer wieder einen Diskurs-Schleifenweg back to Futur oder zumindest ins aktuelle politische Alltagsgeschehen. Im Rückblick auf die Jammer-Kultur des No Futur der 1980er ist Zukunft heute kein Thema mehr für Gesprächsrunden. Keine Zukunft, kein Zuhause. Der Pollesch‘sche moderne und spaßverliebte No-Futur-Mensch lebt wie ein Nomade der hippen Airbnb-Welt auf irgendeiner Couch, einem Hybrid-Möbel zwischen Bett und Stuhl, und lässt die Tüte kreisen. Was hier ausgiebig getan wird, bevorzugt hinter der Wagenplane mit Livekameras auf zwei große Videoscreens übertragen.

 

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Dazu fällt man sich immer wieder ins Word, wirft Gedanken hoch und fängt die der anderen wortreich wieder ab. So werden etwa Theorien über die soziale Praxis der Konfliktbewältigung durch Beleidigung im multiethnischen Burkina Faso oder die befreiende Wirkung des Lachens über das Beschimpfen des Gegners vor bewaffneten Kämpfen in Zentralafrika ausgetauscht. Zum besseren Abbau von Spannungen und der Herstellung des sozialen Friedens wird sogar über ein Gesetz, das zur gegenseitigen Beleidigung verpflichtet, nachgedacht. Man könnte das durchaus als einen augenzwinkernden Kommentar zur aktuellen Böhmermann-Debatte verstehen oder als lustige Diskurs-Fortsetzung von Frank Castorfs Thesen gegen die herrschende Konsenskultur. Zumindest kämpft man hier ein wenig gegen deren entdramatisierende Wirkung an, wenn da so herrliche Sätze fallen wie: „Beleidigung kann auch was Kathartisches haben, wenn man sie nicht übel nimmt.“

Den philosophischen Überbau bilden diesmal theoretische Schriften wie Soziale Raumzeit von Gunter Weidenhaus, Peripherie und Ungleichzeitigkeit von Klaus Ronneberger, Was ist ein Ereignis von Slavoj Žižek sowie Der Implex von Dietmar Dath und Barbara Kirchner, deren selbstgeschöpftes Amalgam René Pollesch wie immer in leicht ironischen Dosen beimengt und damit sein Diskurstheater mit kapitalismuskritischen Thesen zu Raum, Zeit, Realität und Fortschritt befeuert.

Zusammen mit der US-Komödie Half Baked (1998) über vier durchgeknallte Marihuana-Dealer und ihre Freundin Mary Johanna, was hier zu einigen schönen Kalauern ausgebaut wird, huldigt man viel der Kunst der virtuosen Beleidigung und dem Genre der Stoner-Movies, die in den 1990er Jahren wie bunte psychodelische Pilze aus dem Boden schossen. Allerdings macht Shit in der Birne auch ein wenig bewegungsfaul, und ein Fahrrad ist nun mal kein Pit-Bike. Ein Ausflug der Vier mit qualmender Bong auf den Balkon ist da schon das aufregendste Ereignis dieses sanft entdramatisierten und trotzdem recht witzigen Abends. Da träumt der Dude von.

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I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung (UA)
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: entwickelt von Lenore Blievernicht / Nina Peller mit den Wagen der Rollenden-Road-Schau (RRS) von Bert Neumann, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 2000-2006
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Frank Novak
Kamera: Mathias Klütz, Ute Schall
Videoschnitt: Cemile Sahin
Ton: Hans-Georg Teubert, Georg Wedel
Tonangel: William Minke
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider
Premiere war am 04.05.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Termine: 03., 16. und 27.06.2016

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 05.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Don’t look back – In der Volksbühne denkt René Pollesch über den Sinn von Kunst und Service / No service am Theater nach

Sonntag, Januar 3rd, 2016

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(C) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

„Don‘t look back!“ heißt es im neuen Stück von René Pollesch. Eigentlich eine unsentimentale Aufforderung, Altes hinter sich zu lassen und sich Neuem zu öffnen. Und dennoch erscheint Service / No service eher wie eine Reminiszenz auf vergangene Volksbühnentage im letzten vom kürzlich verstorbenen Bühnenbildner und Pollesch-Freund Bert Neumann gestalteten Einheitsbühnenbild mit schwarzem Flittervorhang und asphaltiertem Fußboden, auf dem schon Frank Castorfs Brüder Karamasow irrlichterten, und der nun ohne die bequemen Sitzsäcke vollkommen blank daliegt. Straße, Großraumdisco oder Bretter, die die Welt bedeuten, auf denen man nicht einfach so rumlungert, wie uns Kathrin Angerer mitteilt. Stühle oder keine Stühle, Eventbude oder Theater, Service oder No service, das sind hier die Fragen, denen sich der Abend neben einer veritablen Sinnkrise widmet.

Und nachdem Maximilian Brauer, der – wie Franz Beil, Daniel Zillmann und Kathrin Angerer – im Superhelden-Weltenretter-Kostüm steckt, symbolische antike Thespiskarren durch den Raum geschoben und im Video viele bunte Smarties gegen eine suizidale Kopfschmerztablette ausgespielt hat, gibt die langjährige Volksbühnen-Diva im gewohnten Nölton eine theatrale Schöpfungsgeschichte zum Besten und klagt über die Abkopplung des eigenen Lebens vom Weltgeschehen. Mitten im Elektra-Monolog hat sie aufgehört zu sprechen und die Bühne verlassen. Es schien ihr so, als sei alles gesagt. Was soll‘s, man kann nicht immer in Geberlaune sein.

Und so teilt sie die Welt in lauter Gegensatzpaare wie Licht und Finsternis. Auf der einen Seite die Capulets und auf der anderen die Montagues. Da die Liebe und dort keine Liebe. Es gibt Leute, die auf das Ende der Welt warten, oder die, die es herbeiführen. Uns fehlt die Neugier, wie es nach dem Tod weitergehen könnte, der Drang nach der Unsterblichkeit. Die Verbindung zur Welt ist gekappt. Ohne Hoffnung geht es immer weiter. Und selbst die dritte Kraft, die das Theater sein könnte, kann daran nichts ändern. Die Diva wird vom diktatorisch fordernden Regisseurs-Chor aus sechzehn jungen Männern zur Servicekraft und Saftschupse degradiert. Wie sollte man darüber nicht verrückt werden?

 

Service-No Service_Volksbühne_St. Bock

Foto: St. B.

 

René Pollesch verbreitet ein wenig melancholischen Weltschmerz und philosophischen Kulturpessimismus, allerdings im gewohnt bunten Popgewand. Ein kleiner Ausflug in die Evolution des Theaters von der antiken Tragödie über das Nō-Theater, den leeren Raum von Peter Brook bis zu den Theaterkollektiven von Ariane Mnouchkine. In den Künstlern war doch mal der Weltgeist, hören wir. Aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Die marxistische Line ist abgebrochen. Heute gibt es dafür Theatergruppen, die nur für kurze Projekte zusammenfinden, oder sogenannte Kunst-Cluster. Identitätslose Gebilde, wie sie eben auch der Jung-Männer-Chor darstellt. Die Diktatur der nicht mehr unterscheidbaren Massenproduktion. Selbst kreativer Individualismus scheint da wie ein inszenierter YouTube-Flashmob á la Praise You von Fat Boy Slim, zu dem dann alle auf der Bühne mittanzen.

Ein heiter besinnlicher Abend, wie gemacht für die Weihnachtszeit. Man begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Schönheit, diskutiert den ästhetischen Unterschied von weißen Plastikstühlen und solchen von Manufactum und erklärt die Kunst zum sequentiell traumatisierten Pflegfall. Aber eigentlich scheint es dann irgendwie auch egal, ob der Patient noch therapierbar ist oder nicht, so lange er noch so perfekt glitzert, wie das polyedrische Raumschiff, das vom Bühnenhimmel schwebt. Die Vorstellung einer anderen, schöneren Welt (sprich Utopie) ist hier wie das Deko-Bäumchen, an dem Maximilian Brauer wild herumschneidet, das irgendwie verhunzt aussieht, nie passend scheint und dennoch immer wieder neu grünt. Auch unter dem glatten Asphalt einer kommenden Eventkultur, wo beim Umbau der Volksbühne, wie wir hören, gerade ein echter antiker Adonis gefunden wurde.

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Service-No Service_Volksbühne_Bühne_Dez. 2015

Foto: St. B.

Service / No service (23.12.2015)
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Bert Neumann
Licht: Lothar Baumgarte
Ton: Tobias Gringel, William Minke, Christopher von Nathusius
Video: Mathias Klütz
Chorleitung: Christine Groß
Soufflage: Katharina Popov
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Kathrin Angerer, Franz Beil, Maximilian Brauer und Daniel Zillmann
Chor: Walid Al-Atiyat, Jakob D’Aprile, Niklas Dräger, Jonathan Hamann, Lucien Strauch, Max Heesen, Sten Jackolis, Fynn Jedrysek, Jan Koslowski, Luis Krawen, Max Martens, Paul Rohlfs, David Thibaut, Christopher Wasmuth, Friedrich Weißbach, Daniel Wittkopp
Die Premiere war am 03.12.2015 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Spieldauer: 1 Stunde 30 Minuten

Termine: 08.01., 03.02. und 29.02.2016

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 27.12.2015 auf Kultura-Extra.

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„Keiner findet sich schön“ an der Berliner Volksbühne – Fabian Hinrichs kämpft sich mit dem Text von René Pollesch durch eine Rest Zeit Story

Freitag, Juni 26th, 2015

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(C) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

(C) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Die Hälfte des Abends an der Volksbühne ist bereits verstrichen, da rückt der Solo-Mime Fabian Hinrichs in René Polleschs neuem Stück Keiner findet sich schön endlich mit der großen Erkenntnis heraus, dass wir gar kein Leben haben. Dazu bläst sich die auf der rot-weiß gestreiften Bühne von Bert Neumann liegende Hülle zu einem riesigen No-Fear-Bear auf, und Hinrichs knuddelt und zerrt an dem weißen Emo-Teddy, als gelte es den sehnlichst erwarteten Mitspieler zum Leben zu erwecken.

Zuvor hatte der Schauspieler bereits 35 Minuten lang allein auf weiter Flur mit dem etwas redundanten Text und der Entscheidung gekämpft, wahlweise zu einem Iggy-Pop-Konzert zu gehen, dabei die Liebe seines Lebens kennen zu lernen, oder zu Hause zu bleiben und sich auf Tinder zu verabreden. Oder noch ganz anders, darauf zu warten, dass es klingelt und die alte Liebe wieder vor der Tür steht. So oder so, es kommt weder zum Live-Erlebnis mit Stagediving, da beim Filmen mit dem Handy eh keiner den fliegenden Iggy auffangen würde, und auch nicht zur Verabredung im Café, da man dort doch immer nur auf Betrüger trifft. Ob in New York, Sidney oder Schweinfurt: „Bleibt zu Hause. Ihr findet nicht, was ihr sucht.“

„Es ist so schwierig zu leben.“ René Pollesch hat dazu einen zunächst doch recht pessimistischen Text geschrieben, der laut Programmzettel von Schriften der Wirtschaftswissenschaftlerin Ève Chiappelo, des Soziologen Luc Boltanski, dem Philosophen Allain Badiou und dem Musical-Film West Side Side Story von Robert Wise und Jerome Robbins aus dem Jahr 1961 inspiriert ist. Und Fabian Hinrichs, gekleidet in T-Shirt und Boxershorts, versucht diesen mit gewohnter Verve in der Stimme, aber auch mit einigen sympathischen Hängern eindrucksvoll zu beglaubigen.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Es geht zwar nebenbei auch um das „Leben als Projekt“ und den „neuen Geist des Kapitalismus“. Aber die frohe Botschaft ist, dass man das alles nicht gelesen haben muss, um die andere große Botschaft zu verstehen. Fabian Hinrichs klagt nicht nur über die Auswüchse des neoliberalen Selbstertüchtigungswahns, der nun auch die Partnersuche in den verschiedensten Online-Datingplattformen erreicht hat (so ähnlich, nur für die älteren Semester, hatte das schon Christoph Marthaler in seinem schlagernden Testsiegerportal Tessa Blomstedt festgestellt), sondern singt das hohe „Lob der Liebe“, die unsere Eintrittskarte ins Leben ist, und nicht nur das Geld.

Jeder wartet darauf, dass die oder der eine kommt, auf das Leben im Gleichklang für die Ewigkeit. So einfach kommen Schönheit und Zeit aber nicht zusammen. Man verheddert sich beim Versuch diesem einen Versprechen auf die große Liebe nachzujagen, in den vielen verschiedenen Möglichkeiten und Nebensträngen, die täglich neue „Kackentscheidungen“ verlangen. „Please, please, please, let me get what I want.” Hedonistischer Jugendwahn und Fitness-Jo-Jo, alles kommt zurück, sogar die Smiths. Nur der Sixpack-Bauch nicht. Und da wir alle jemanden brauchen – ein Gesicht neben uns, etwas Schönes in dieser hässlichen Welt – spricht Hinrichs auch vom Aufwachen in etwas, in dem er weiterträumen will. „I want to wake up in that city that sleeps.” Hier schmeißt Pollesch den Drehbühnen-Turbo an und lässt Hinrichs Frank-Sinatra-Klassiker umdichten. Kein Ich, kein Wir: „I did at your way.“

Dazu tanzen Nina Baukus, Rebekka Esther Böhme, Uri Burger, Jessica Kammerer und Tobias Roloff im Sternen-Freizeitdress Szenen aus der West Side Story, dem amerikanischen Romeo und Julia, bevor es Leonardo di Caprio und Claire Danes im Kino gab. Boy meets Girl. Kommen sie zusammen oder nicht? Das ist das große Thema des Abends. Im Film geht es wegen oder trotz Tony schlecht aus. In der Volksbühne folgt nach dem Mambo wieder Hinrichs‘ Klage über die eigene „Rest Zeit Story“, sprich Midlifecrisis, die schon Udo Jürgens und Udo Lindenberg besungen haben. Aber besser als zur lebenden Legende oder dem Scherenschnitt seiner selbst zu werden, ist sich ständig neu zu erfinden. Zum titelgebenden Keiner findet sich schön passt Morrisseys „Good times for a change“, das hier bedeutet, sich ständig zu prüfen und sein Outfit zu ändern. Was Hinrichs auch anschaulich vorführt.

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Foto: St. B.

Trotz dass der Text zu Anfang noch etwas vor sich hin holpert und nicht die Höhen der legendären Pollesch-Hinrichs-Zusammenarbeit Kill your Darlings! Streets of Berladelphia erreicht, wird die Inszenierung im Lauf des Abends zunehmend besser und vermag so – je nach eigenem Erlebnishorizont – sicher auch in die Herzen des Publikums vorzudringen. Ansonsten gilt wie immer etwas mehr Gelassenheit. „Die Sonne scheint auch ohne dass sie was von uns zurückbekommt.“ Auch so eine schöne, ganz simple Wahrheit.

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Keiner findet sich schön
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Frank Novak
Ton: Tobias Gringel, William Minke
Souffleuse: Katharina Popov
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Fabian Hinrichs und Nina Baukus (Tanz und Choreographie), Rebekka Esther Böhme (Tanz und Choreographie), Uri Burger (Tanz und Choreographie), Jessica Kammerer (Tanz und Choreographie) und Tobias Roloff (Tanz und Choreographie)

Termine: 26.06., 01. und 08.07.2015

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/keiner_findet_sich_schoen/?id_datum=9212&news=46

Zuerst erschienen am 25.06.2015 auf Kultura-Extra.

The Smiths – Please, Please, Please, Let Me Get What I Want

Good times for a change
See, the luck I’ve had
Can make a good man
Turn bad

So please please please
Let me, let me, let me
Let me get what I want
This time

Haven’t had a dream in a long time
See, the life I’ve had
Can make a good man bad

So for once in my life
Let me get what I want
Lord knows, it would be the first time
Lord knows, it would be the first time

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Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte – Eine Diskurs-Pop-Oper von René Pollesch und Dirk von Lowtzow an der Berliner Volksbühne

Montag, März 16th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Die Volksbühne goes Oper. Das ist eigentlich keine bahnbrechende Neuigkeit. Musik an sich gehörte schon immer zu den stilbilden Merkmalen der Volksbühne unter Frank Castorf. Und nicht erst seit der Hausherr – wie vor ihm schon Christoph Schlingensief – mit Wagneropern in Bayreuth reüssierte. Christoph Marthaler, Johan Kresnik, Sebastian Baumgarten, David Marton oder (seit einiger Zeit) auch Spaßkanone Herbert Fritsch, der gar eine Oper Ohne Titel Nr.1 kreierte, machen seit jeher viel in und mit Musik. Der Orchestergraben in der Volksbühne war aber lange nicht mehr so hochkarätig besetzt wie bei der ersten Zusammenarbeit von Diskurstexter René Pollesch und Diskursrocker Dirk von Lowtzow, besser bekannt als Sänger und Gitarrist der Hamburger Band Tocotronic.

Lang zurück liegt schon der Wunsch der beiden Künstler mal etwas miteinander zu machen. Das war in der glorreichen Zeit, als René Pollesch noch den kultigen Prater in der Kastanienallee bespielte, in seinem Stück Stadt als Beute einen Song von Tocotronic benutzte und Dirk von Lowtzow zum Fan bekam. Und länger als ihre Bekanntschaft ist nur noch der Titel ihrer nun als Oper angekündigten gemeinsamen Produktion Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte und natürlich die Besetzungsliste mit dem Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Oliver Pohl, dem Rundfunk-Kinderchor Berlin, den Pollesch-erprobten Schauspielern Franz Beil, Lilith Stangenberg, Martin Wuttke samt Souffleuse Tina Pfurr und dem Bariton Martin Gerke.

Bisher benutzte René Pollesch Pop-, Rock- oder sogar Countrymusik vom Band, um sein textlastiges Diskursmaterial aufzulockern. In etwa so was hat er sich nun auch bei Dirk von Lowtzow bestellt, der dann auch ein paar nette Popsongs geschrieben hat, die Thomas Meadowcroft fürs große Orchester arrangierte. Vom Sprechstück zur Oper kommt man laut von Lowtzow und Pollesch einfach durch das Verschieben und Vertauschen der Parameter. Letztendlich sind die typischen Koordinaten, von denen die Beiden ursprünglich kommen, aber weitestgehend gleich geblieben. Man hat sich, wie Lowtzow im Vorfeld der Süddeutschen Zeitung verriet, beim Schreiben in Ruhe gelassen. Worum es im Stück geht, konnte der Musiker dann auch bis zur Premiere nicht sagen. Vielleicht hat man sich dabei auch ein wenig aneinander vorbeibewegt. Der Genrehybrid wirkt zur Oper doch etwas merkwürdig disparat.

Man konnte von Pollesch wohl auch kein klassisches Libretto erwarten, obwohl er für Jens Joneleits Metanoia-Oper schon mal Nietzschetexte „beballert“ hat. Nach einer großen Ouvertüre mit Hörnern, Trommeln und melodiösen Streichern beginnen dann auch Franz Beil, Lilith Stangenberg und Martin Wuttke auf offener Bühne, die durch den bereits bewährten Glitzervorhang von Bert Neumann umkränzt ist, mit den typischen, philosophisch durchwobenen Diskursschleifen und Kalauern á la Pollesch. Und es geht dabei eben nicht ums Berliner Dauerthema Gentrifizierung, wie im Titel zu vermuten war, weswegen dann wohl auch kein Miethai, sondern ein großer hölzerner Killerwal vom Schnürboden hängt. Es geht (wie schon in den letzten Pollesch-Stücken) um Realität, Illusion, Objekt, Subjekt und das große Begehren. Psychoanalytiker Jacques Lacan und der große Philosoph der Postmoderne Slavoj Žižek standen dabei wieder mal Pate.

von einem der auszog... - Foto: Volksbühnenschaukasten          Von einem der auszog… – Foto: Volksbühnenschaukasten

Die Dreiergruppe im Glamouroutfit schlüpft in die Rollen aus Alfred Hitchcocks schwarzer Krimikomödie Immer Ärger mit Harry und diskutiert sich um eine große Pfütze stehenden von abgelegten Liebschaften über Selbstwahrnehmungsstörungen bis in die Psychose. Martin Wuttke kommt es so vor, „als würde Musik tote Gegenstände sprechen lassen“, während Lilith Stangenberg an einem riesigen Realitätsverlust leidet. Ich ist mal wieder ein Anderer. Liebe und Gefühle sind nur Projektionen und Konstruktionen unserer Wahrnehmung. Dazu plantscht man im Wasser oder steigt zur Innen- Außendarstellung in den Bauch des Orcas. Dort schwebt dann alles im auf dem Kopf stehenden Video wie in einem Raumschiff. Und zwischen den Gesprächsrunden singen Stangenberg und Wuttke von Lowtzows Popperlen wie etwa: „Ich hafte an dir, wie eine Zecke an einem Tier“ und „Wir haben nie gelebt, doch sind wir miteinander verklebt.“

René Pollesch verschränkt seinen leicht redundanten Subjekt-Objekt-Diskurs um Lacans und Žižeks Realitäts- und Phantasmatheorien zusätzlich noch mit Thesen aus den Gender- und Technologie-Essays der Naturwissenschaftshistorikerin und Biologin Donna Jeanne Haraway. Der Mensch verwischt im Zeitalter der Gen- und Computertechnologien immer mehr die Grenzen zwischen sich, Tier und Maschine. So spielt man auch hier ein wenig Genesis, spricht von Amöben, der gemeinen Geburtshelferkröte, die sich ihren Laich wie ein Gefühl um die Hüften legt, und träumt sich in einen unschuldigen, vorevolutionären Zustand. Eine unbefleckte Wiedergeburt des instinktiven Urbewusstseins. Der wuselige Rundfunk-Kinderchor will die Welt mit „Tulpen und Benzin“ und tanzt ein zellulares Netzwerk mit aufreißender Außenmembran. Im Amphibienkostüm wühlt sich Martin Wuttke schließlich durch glitschigen Urschleim, bevor der Bariton zum finalen „Ihr habt keine Macht über mich.“ ansetzt.

„Ich würde gerne meine Erregungsmengen zu einer befriedigenden Abfuhr bringen“, sagt Wuttke irgendwann. Das ist wie immer bei René Pollesch so einfach nicht zu haben. Dafür ist dann ganz Oberflächeneffekt das Poparrangement des von Lowtzow’schen Songwritings zuständig. Was hier ganz kompetent vom dafür zuständigen Filmorchester Babelsberg besorgt wird, das schon ganz andere Sounds bombastisch weichgespült bekommen hat. Wäre da nicht die zauberhafte „Alraune“ Lilith Stangenberg, die sich souverän nölig durch Stück- und Liedtexte ackert und nebenbei den armefuchtelnden Franz Beil wie auch den Großmimen Martin Wuttke an die Wand spielt. „Moder, Moder, Moder. Deine Liebe zieht mich aus dem Moder…“ Auch wenn der andere für uns gestorben ist, das zumindest ist unsterblich schön.

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Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte
Oper von René Pollesch und Dirk von Lowtzow
Premiere an der Berliner Volksbühne war am 12.03.2015
Text und Regie: René Pollesch, Songtexte und Komposition: Dirk von Lowtzow, Arrangements und Orchestrierung: Thomas Meadowcroft, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Licht: Lothar Baumgarte, Ton: Christopher von Nathusius, William Minke, Video: Jens Crull, Soufflage: Tina Pfurr, Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Franz Beil, Lilith Stangenberg, Martin Wuttke, Martin Gerke (Bariton), Tina Pfurr (Soufflage), Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Oliver Pohl und dem Rundfunk-Kinderchor Berlin am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium

Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Termine:  22.03., 31.03., 09.04., 14.04. und 23.04.2015

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 14.03.2015 auf Kultura-Extra.

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Zweimal Diskurstheater zum Spielzeitbeginn an der Berliner Schaubühne und Volksbühne mit NEVER FOREVER von Falk Richter und HOUSE FOR SALE von Rene Pollesch

Freitag, September 12th, 2014

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Das Leben als Hashtag – NEVER FOREVER, das neue Text- und Tanzprojekt von Falk Richter und TOTAL BRUTAL an der Berliner Schaubühne behandelt die Probleme der zwischenmenschlichen Beziehungen im Zeitalter der digitalen Kommunikation.

Sie sitzen eingesperrt in flexible, aus Metallstangen bestehende Raumgebilde, mal monologisierend, mal miteinander redend, wenn überhaupt nur per Telefon. Es geht wiedermal um die sogenannten disconnected people in der Schaubühne am Lehniner Platz. Die Vereinzelung des modernen Großstadtmenschen durch die Möglichkeit der Nutzung digitaler Nachrichtendienste und sozialer Netzwerke ist nicht mehr nur ironische Beschreibung des Zeitgeists, sie ist mittlerweile bittere Realität. Die hauptsächliche Kommunikation erfolgt heute meist über Twitter, Facebook, Instagram oder WhatsApp. Ein oder mehrere Schlagworte für 140 Zeichen Information. Was sind die Highlights? Fasse dich kurz! Für mehr reicht oft nicht die Zeit. Das Leben funktioniert als Hashtag.

Never Forever an der Schaubühne - Foto: St. B.

Never Forever an der Schaubühne – Foto: St. B.

Der Hashtag (#) dient der praktischen Verschlagwortung und vor allem natürlich der bestmöglichen Selbstdarstellung. Das Ganze folgt dabei einem einfachen, logischen Prinzip. Je mehr Schlagworte, desto größer die Chance auf mehr Follower. Das Internet generiert in kürzester Zeit eine wachsende virtuelle Gemeinschaft mittels des Schneeballprinzips. Nur was ist, wenn es plötzlich zum menschlichen Systemausfall kommt? Wenn die Angst vor und die Sehnsucht nach körperlicher Nähe sich unterbewusst und schmerzhaft überlagern? Davon erzählt das neue Theaterprojekt von Autor und Regisseur Falk Richter.

NEVER FOREVER ist eine konsequente Fortsetzung und Weiterentwicklung seiner letzten Inszenierungen an der Berliner Schaubühne von Trust über Protect Me bis hin zu For the Disconnected Child. Richter folgt dabei über die Jahre einem ganz bestimmten Themenkatalog, etwas redundant zwar, aber immer weitestgehend stringent durcherzählt, in locker gebundenen Szenenfolgen mit Musik- und Tanzbegleitung. Im Mittelpunkt der geplagte, durch die Segnungen der Moderne deformierte, globale Großstadtmensch, beziehungsgestört, heimatlos, und vom eigentlichen Leben abgetrennt.

Auch in NEVER FOREVER sind die Figuren lose über Eck miteinander verbunden. Da ist die Psychologin (Regine Zimmermann), die einerseits die Nähe zu ihrer Mutter (Ilse Ritter) sucht, einer alternden Schauspielerin, die nie die Mutterrolle übernehmen wollte. Anderseits aber klagt sie über den Distanzverlust zu einer Patientin, die selbstgefilmte Videos von sich auf ihren YouToub-Channel mit weit über 1.000 Followern stellt. Ein Ex der Psychologin (Tilman Strauß) folgt dieser Frau zwanghaft im Internet, will alles über sie erfahren und sich mit ihr treffen.

Die Leute sind vom Internet besessen und pflegen das Ich-Projekt bis zum Exzess. Sie haben Angst vor körperlicher Nähe, aber das Bedürfnis nach Beziehungen, die allerdings nur kurz und nie zweckfrei sein dürfen. Die Angst nicht gewollt zu werden, die Anforderungen des anderen nicht zu erfüllen, führt zur maximalen Selbstoptimierung im Netzt. Das Internet ist zur Plattform ihres Lebens geworden, die Festplatte zum Speichermedium aller Kontakte. Bei deren Absturz droht der Rückfall in die analoge Daseinsform, in der aber schon alle Erinnerungen vernichtet sind. Die scheinbare Freiheit im Netz wird zur Krise der Freiheit in Beziehungsfragen. Man will keinerlei Verbindlichkeiten eingehen, sich alle Optionen offenhalten.

Never Forever an der Schaubühne Foto (c) Arno Declair

Never Forever an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Die Schauspielerin vergleicht ihr Leben mit dem ihrer Rollen, in denen sie Fehler machen und sich ausprobieren konnte. Sie hat die Texte für ihre Abschiede immer auf Kassette gespielt. Auf die Frage eines von seiner Frau vor die Tür gesetzten Mannes (Florian Bilbao), wie man eine Sprache finden könnte, um seine Gefühle auszudrücken, weiß sie aber keine Antwort. Verzweifelt ringt ein anderer Mann (Kay Bartholomäus Schulze) nach Worten, probt vor leerem Stuhl ein Gespräch mit seiner Freundin, lässt es aber wieder bleiben. Diese disparaten Menschen befinden sich auf der anderen Seite der Wirklichkeit. Wer keine Spuren mehr wie Selfies auf Facebook oder in den Kommentarspalten der Online-Magazine hinterlässt, wird zum Rätsel, ist irgendwann nicht mehr existent.

Wie untote Dämonen, digitale Zombies bewegen sie sich in Nebelschwaden zu treibenden Elektro-Sounds von Malte Beckenbach über den Boden. Zwanghaftigkeit und Aggression spiegeln sich in den dynamischen Tanzchoreografien Nir de Volffs, die neben seiner Kompagnie TOTAL BRUTAL auch die Schauspieler des Schaubühnenensembles mit einbeziehen. Die Figuren hasten über die Bühne, drehen, winden sich oder hängen verloren in den Gestängen des Bühnenbilds. Solistisch und paarweise werden Anziehung und Abstoßung zelebriert. Dass sich Falk Richter für diese Produktion wieder einen professionellen Choreografen geholt hat, wirkt sich sehr positiv auf die Gesamtästhetik des Abends aus.

Auch die Textparts sind nicht nur auf die Schauspieler beschränkt. Falk Richter hat seine Notizen auf alle verteilt, und im Probenprozess erst zum fertigen Text umgearbeitet. Das wird auch von Regine Zimmermann für eine schöne ironische Einlage genutzt, in der sie aus der Rolle heraus die Probensituation für eine romantische Liebeszene mit vorgestelltem Partner beschreibt. Sie will aber das echte Gefühl und dass der Mann sich für sie interessiert. Für diesen Fall ist der gewünschte Partner im Stück aber wieder zu müde, zu busy oder beides. Das rutscht zwar knapp am Klischee vorbei, mündet aber in einen wunderbar verlorenen Monolog von Ilse Ritter als Fausts Gretchen am Spinnrad.

Das Gebet der verzweifelt Liebenden: „Meine Ruh ist hin / Mein Herz ist schwer / Ich finde sie nimmer und nimmermehr“ leitet eine fast schon spirituelle Wende und Rückbesinnung zu den eigentlichen Werten zwischenmenschlicher Beziehungen hin. Die alternde Schauspielerin bildet mit ihren Worten einen imaginären Raum – wie ihn das Theater auch darstellt – , in dem alles Vergangene, Gefühle wie Menschen, Platz haben und weiterleben. Bis auch sie sich schließlich als Demenzkranke verliert: „Mein armer Kopf / Ist mir verrückt / Meiner armer Sinn / Ist mir zerstückt“. Eine große emotionale Szene.

Never Forever - Premierenbeifall an der  Schaubühne Foto: St. B.

Never Forever – Premierenbeifall an der Schaubühne – Foto: St. B.

Falk Richters Text ist philosophisch grundiert mit dem passenden Überbau im Programmheft. Selbstoptimierung, Neoliberalismus, Psychoanalyse, soziologische Fragen, Einsamkeit, Angst vor Krankheit, Alter und Tod, alle Gedanken dazu finden sich irgendwo im Stück wieder. Was bei aller Kunst aber auch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Falk Richter mal wieder an den bekannten Symptomen herumdoktert und dem Internet vielleicht mehr Bedeutung zumisst, als ihm als Versucher der eigentlichen Probleme zukäme. Es wirkt mit Sicherheit potenzierend. Als aktuelle Gesellschaftskritik des Kapitalismus und seiner Auswirkungen ist NEVER FOREVER aber nur bedingt tauglich.

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NEVER FOREVER
Schaubühne am Lehniner Platz
Uraufführung am 09.09.2014
Text und Regie: Falk Richter
Choreographie: Nir de Volff / TOTAL BRUTAL
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Malte Beckenbach
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Carsten Sander
Mit: Florian Bilbao, Katharina Maschenka Horn, Johanna Lemke, Ilse Ritter, Chris Scherer, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß, Regine Zimmermann

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Termine:
10.09.2014, 20.00 Uhr
11.09.2014, 20.00 Uhr
12.09.2014, 20.00 Uhr
22.10.2014, 20.00 Uhr
23.10.2014, 20.00 Uhr
24.10.2014, 20.30 Uhr

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/never-forever.html/ID_Vorstellung=806

Zuerst erschienen am 10.09.2014 auf Kulura-Extra.

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House for sale – René Pollesch sucht in seinem neuen Stück an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz den subversiven Kern der christlichen Erfahrung.

Das zum Ende der letzten Volksbühnensaison abgesagte Stück Cruel to be Kind von René Pollesch eröffnete gestern Abend – nun unter dem Titel House for Sale – die neue Spielzeit am Rosa-Luxemburg-Platz. Von der ursprünglichen Inszenierung zum Shaekespeare-Zitat „I must be cruel only to be kind” (lt. Schlegel zu deutsch: „Zur Grausamkeit zwingt bloße Liebe mich.“), was aus dem Hamlet stammt, ist nur der Song „Cruel to Be Kind“ des englischen Singer-Songwriters Nick Lowe aus dem Jahr 1979 übriggeblieben.

House for sale an der Berliner Volksbühne - Foto: St. B.

House for sale an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

René Pollesch hat seine Inszenierung in neuer, rein weiblicher Besetzung geprobt und mit den Drei Schwestern von Anton Tschechow verschnitten. Es ist ein Abend mit dem üblichen philosophischen Pollesch-Mix aus Liebe und Leben in Zeiten des Kapitalismus geworden. Hinzugekommen ist der Glaube und mit ihm der Verrat und die Gewalt. (Zitat: „Mir scheint, der Mensch muss gläubig sein oder muss nach einem Glauben suchen, sonst ist sein Leben leer, leer…“)

Ziemlich leergeräumt ist auch die Bühne – bis auf einen roten Vorhang im Hintergrund. Herbstliches Laub bedeckt passend zur anbrechenden Jahreszeit den Boden. In die Mitte hat Bühnenbildner Bert Neumann ein kleines Holzhaus gestellt, wie es einige Besucher bereits von René Polleschs Münchner Inszenierung Gasoline Bill (Autorentheatertage im DT) her kennen. Zu Beginn überfallen die beiden bewährten Pollesch-Darstellerinnen Sophie Rois und Christine Groß zusammen mit der Schauspielerin Mira Partecke, die auch schon über Pollesch-Erfahrungen verfügt, als Cowgirls in Weiß die Bühne. Volksbühnenurgestein Bärbel Bolle nimmt dagegen erstmal auf einem weißen Gartenstuhl Platz und harrt der Dinge, die da kommen…

House for sale - Bert Neumanns Bühne - St. B.

House for sale. Die Bühne von Bert Neumann Foto: St. B.

Was folgt, ist eine herrlich schräge Persiflage auf eine Szene aus der US-Serie Starsky & Hutch, in der Hutch (in diesem Fall: Sophie Rois) dem finsteren Knastbruder Big Earl (herrlich knarzig: Bärbel Bolle) für Informationen erst den Bauchnabel zeigen und dann auch noch den Drachen machen muss. Ansonsten verfallen die Schauspielerinnen immer wieder in die Rollen von Tschechows Drei Schwestern, von denen wir hier aber zunächst nur zwei zu sehen bekommen. Sophie Rois mimt die überforderte, ständig müde Olga und Christine Groß die Mascha (klänge irgendwie schwul, wie Big Earl aus seinem Stuhl vermeldet). Als fiese Schwägerin Natalja tritt Mira Partecke in Erscheinung, und Bärbel Bolle sitzt als scheinbar nutzlose alte Kinderfrau Anfissa weiterhin im Lehnstuhl.

Gemeinsam beschwören sie als in der Vergangenheit lebende Tschechow-Figuren das Reich ihrer Kindheit, machen Jokes über slawisches Klima, Déjà-vus um das Geld, das man nicht hat. Das Haus ist schlecht eingerichtet und die Bildung auch nicht mehr das, was sie mal war. Trotz Marx‘ Das Kapital blieb die Revolution aus. Folglich ist Bücherschreiben wohl auch keine Lösung mehr. Sie hängen in der Zeitschleife fest und wiederholen sich. Motto: Wiederholung erfordert die größte kreative Kraftanstrengung. Die Schwestern beschließen irgendwas Subversives zu tun, entweder zu heiraten oder sich zu radikalisieren. Man träumt von der Grenzüberschreitung als marodierende Schauspieler.

House for sale an der Berliner Volksbühne Foto: St. B.

House for sale an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

Pollesch kommt hier wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen und zu Naziaufmärschen in New Jersey, gegen die nur Baseballschläger helfen. Gewalt kommt besser als Satire. Es gibt schließlich auch genug schlechte Konzerte gegen Rechts. Das Haus dreht sich, und es ertönt „I Live on a Battlefield“, ein weiterer Song von Nick Lowe. Pollesch vermengt nun geschickt Gewalt, Liebe und die subversive Kraft des Glaubens miteinander. Und zwar nicht die intolerante Gewalt der Liebe der Kirche, sondern die eines ihrer Gründerväter, wenn man soll will, des Apostels Paulus. Hieraus drehen die gut aufgelegten Diskutantinnen schließlich die Schleife hin zu Alain Badiou und dem postkommunistischen Philosophen Slavoj Žižek mit seinen Ausführungen zum Christentum zwischen Perversion und Subversion. Paulus als ersten Leninist sozusagen.

Das sind so Weiterentwicklungen zu Walter Benjamins Theologieansatz aus seinen Thesen über den Begriff der Geschichte. Es geht um den subversiven Kern der christlichen Erfahrung. Dazu wird das Gleichnis vom ungerechten Verwalter eines reichen Herrn aus dem Evangelium Lukas, Kapitel 16, herangezogen, der in Anbetracht seiner Schuld die Schuldscheine der Gläubiger seines Herrn um den von ihm zu Unrecht erhöhten Betrag mindert. Das Fälschen der Schuldscheine wäre hier sozusagen das Subversive. Daraus ergibt sich aber als Grundlage des Christentums nicht die Gerechtigkeit, sondern der Betrug. Umschluss, Kurzschluss, wie man will: Liebe und Religion sind schließlich auch nur Betrug. „From my cold dead hands“ – der Gottesbeweis mündet in einen kleinen Ringkampf zu Countrymusik.

Das Haus und die Diskursschleifen drehen sich noch ein wenig weiter mit blindem Automatismus, Bindung an singuläre Objekte etc. etc. – Buzzword-Bingo, um sich auch mal umständlich auszudrücken. Überhaupt wird wieder einiges an theoretischen Nebelgranaten gezündet. Man meint manchmal, Pollesch nehme sich hier tatsächlich mal selbst auf die Schippe, wie schon die Nabelschau vom Anfang zeigt. Die Kostüme (Tabea Braun) wechseln vom Westernoutfit passend zur Musik zum Batikgewandt. Zum Schluss gibt es noch einen weiteren 70er-Jahre-Hit zur Gitarre. Elvis Costellos „Peace, Love and Understanding“, ein Song aus der Zeit, als man noch auf der Suche nach Licht in der Dunkelheit des Wahnsinns war. „What’s So Funny ‚bout?” Ja, es wird viel gelacht, und man fühlt sich die 90 Minuten hindurch gut unterhalten. Aber – außer bei Bärbel Bolle natürlich – wirkt in diesem neuen Pollesch alles etwas zu handzahm.

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House for Sale
von René Pollesch
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Uraufführung: 10.09.2014
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Lothar Baumgarte, Musikarrangement: Roman Ott, Lars Gühlcke, Soufflage: Tina Pfurr, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Bärbel Bolle, Christine Groß, Mira Partecke, Sophie Rois, Tina Pfurr.

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine:
12.09., 13.09., 16.09., 16.10., und 31.10.2014

Infos: www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 11.09.2014 auf Kulura-Extra.

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Zum Start der neuen Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 2: Die Volksbühne

Montag, September 1st, 2014

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Frank Castorf ist ja schon in Teil 1 der Vorberichterstattung zur neuen Spielzeit in den Berliner Stadttheatern erwähnt worden. Er wird sich außerhalb von Berlin wieder Hans Henny Jahn (Deutsches Schauspielhaus Hamburg) und Brechts Menschenvernichter Baal (Residenztheater München) widmen. Was er für sein eigenes Haus, die Berliner Volksbühne mit der Inszenierung Kaputt Tour de force européenne nach Malaparte bereithält, ist aber wie immer noch gut gehütetes Geheimnis. Der deutschstämmige italienische Schriftsteller und Journalist Curzio Malaparte (Kurt Erich Suckert) erregte großes Aufsehen mit seinem 1944 erschienen Roman Kaputt, der in seinen reißerischen Schilderungen der Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs durchaus auch faschistische Züge trägt. Nach dem Krieg wandte sich Malaparte dann dem Kommunismus zu. Castorfs neue Roman-Adaption wird demnach wohl eine Fortsetzung in der Auseinandersetzung mit zwiespältigen Künstlerpersönlichkeiten wie Limonow oder Celine sein.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Foto: St. B.

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Foto: St. B.

Für einiges (Miß)Vergnügen sorgte kürzlich ein Artikel des Literaturchefs der Welt-läufigen Tageszeitung gleichen Namens. Tilmann Krause degradierte darin Castorf ganz stiefmütterlich zum kleinkarierten Vorgartenzwerg der Nation Ost. Krause hatte sich da wohl im Resort geirrt, als er fälschlicherweise den Grünen Hügel in Bayreuth beackerte. Sein als Polemik getarntes Essay in der Welt, geriet zum Tief- und Rundumschlag nicht nur gegen das seiner Meinung nach auf eine DDR-Fixierung beschränkte Theater von Regisseuren mit Ostbiografie, sondern auch noch unfairer Weise gegen völlig unbeteiligte Schriftsteller wie Volker Braun und Christoph Hein, deren Theaterstücke leider immer seltener auf deutschen Bühnen zu finden sind. Gerade kleinere Ostbühnen machen sich da immer wieder einen Namen mit Neuinszenierungen ihrer Roman- und Bühnenwerke. Dieser unqualifizierte Ausfall Krauses offenbart aber nur erneut den niederen Horizont und eine selbst in höchstem Maße kleinkarierte Weltsicht der bürgerlichen Springerpresse.

Nach Frank Castorfs Ausflug im Sommer 2013 nach Bayreuth zu Wagners heiligem Grünen Hügel, wo er dann den Ring nicht einfach in den Sand, sondern bis über die Ellenbogen in das den kapitalistischen Weltmotor schmierende Erdöl setzte, hatte man mit einer kleinen Rekonvaleszenz in der letzten Spielzeit gerechnet. Dem war nicht so. Castorf, produktiver denn je, stellte ganze fünf Inszenierungen auf die großen Bühnen der Wiener Burg, des Residenztheaters München und der heimischen Volksbühne. Einladungen zum Theatertreffen im Mai waren die Folge. Regisseur Castorf und auch die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stehen so gut wie seit Jahren nicht mehr. Neben dem Intendanten sind René Pollesch (Glanz und Elend der Kurtisanen) und Herbert Fritsch (Ohne Titel Nr.1) die Garanten dieses Erfolges. Lediglich die vierte Stütze im seit Jahren eingespielten Männerquartett der Berliner Volksbühne, Martin Wuttke, schwächelte mit seiner Balzac-Adaption Trompe l’amour auf Grund einer beruflich bedingten Selbstüberschätzung.

Glamour Glanz und Elend mit Balzac an der Volksbühne - Foto: St. B.

Glamour, Glanz und Elend mit Balzac an der Volksbühne 2013-14 – Foto: St. B.

Die zum Ende der letzten Volksbühnensaison ausgefallene Pollesch-Premiere von Cruel to be Kind wird nun unter dem Titel House for sale die neue Spielzeit am Rosa-Luxemburg-Platz eröffnen. Die ursprüngliche Inszenierung von René Pollesch zum Zitat „I must be cruel only to be kind” aus Shakespeares Hamlet (In dt. Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel: „Zur Grausamkeit zwingt bloße Liebe mich.“, was den Kern der Aussage natürlich nur bedingt poetisch trifft.) wird nun voraussichtlich mit den Drei Schwestern von Tschechow verschnitten, wenn man die Vorankündigung der Volksbühne richtig deutet. Mit Sicherheit gibt es aber den üblichen philosophischen Pollesch-Mix aus Liebe, Leben und Glauben in Zeiten des Kapitalismus. Zitat: „Mir scheint, der Mensch muss gläubig sein oder muss nach einem Glauben suchen, sonst ist sein Leben leer, leer…“ In Keiner findet sich schön, einer weiteren Uraufführung von René Pollesch im Juni 2015, geht es natürlich auch wieder um sein ewiges Thema Liebe und Körper.

Voll wird die Volksbühne dann sicherlich wieder bei einem neuen Streich von Komödienregisseur Herbert Fritsch. Er bringt im Februar 2015 mit Der die Mann Texte von Konrad Bayer auf die Bühne. Der mit erst 32 Jahren nach heftiger Kritik durch die Gruppe 47 1964 freiwillig aus dem Leben geschiedene österreichische Schriftsteller und Dandy dürfte mit Sicherheit die dadaistische Blödellust von Herbert Fritsch angeregt haben. Nachdem sich Fritsch bereits mit einer sogenannten Oper in der Volksbühne beschäftigt hat und im Februar mit Don Juan sogar einen Ausflug an die Komische Oper Berlin wagt, wird sich auch René Pollesch im März 2015 dem Genre zuwenden. Der Titel, der von Dirk von Lowtzow (Sänger und Gitarrist der Band Tocotronic) komponierten Oper mit Texten von René Pollesch, steht aber noch nicht fest.

Volksbühne - Foto: St. B.

Keine abgetragenen Lumpen. Die Volksbühne setzt weiter auf Bewährtes – Foto: St. B.

Außerdem wird es eine Rückkehr von Christoph Marthaler nach Berlin geben. Neben Letze Tage. Ein Vorabend, einer Übernahme von den Wiener Festwochen 2013 an die Staatsoper im Schillertheater, wird sich der Schweizer Regisseur im Oktober mit Tessa Blomstedt gibt nicht auf Ein Testsiegerportal zur elektronischen Kontaktaufnahme in die Weiten der Daten-Profile auf Partneranbahnungsportalen begeben. Denn nur entdeckt und angeklickt werden, heißt auch, begehrt zu sein. Der mit Villa Verdi bereits in der letzten Spielzeit an die Volksbühne zurückgekehrte Choreograf Johann Kresnik ehrt mit Die 100 Tage von Sodom den vor 200 Jahren gestorbenen Marquis de Sade und passend zur Ausstellung PASOLINI ROMA im Martin Gropius Bau den italienischen Filmregisseur Pier Paolo Passolini. Der nächste Rückkehrer, Videoschnipsler Jürgen Kuttner, beschäftigt sich im Dezember mal wieder mit Geschichte. Ach Volk, du obermieses ist eine Revue am Bülow-Wessel-Luxemburg-Platz.

Den Regie-Männern zwischen 50 und 75 hat Frank Castorf in der neuen Spielzeit nur noch zwei jüngere Regisseure entgegenzusetzen. Das ewige Volksbühnentalent Sebastian Klink, der mit Der Sandmann nach E.T.A. Hoffmann vor zwei Jahren auf der großen Bühne noch scheiterte, bekommt nun mit einer Adaption des 2013 unter dem Titel Blutsbrüder wiederaufgelegtem Romans des relativ unbekannten Autors Ernst Haffner aus dem Jahr 1932 eine neue Chance. In Jugend auf der Landstraße Berlin beschrieb der nach 1938 spurlos verschollene Haffner das harte Leben einer Gruppe obdachloser Jugendlicher. David Marton wird mit Pelleas und Melisande ein Schauspiel mit Gesang nach Maurice Maeterlinck inszenieren. In Das Schottenstück. Konzert für Macbeth, seiner letzten Inszenierung für die Volksbühne, rückte Marton mit der Lady Macbeth, dargestellt von der grandiosen Lilith Stangenberg,  zumindest mal eine starke Frauenfigur in den Mittelpunkt.

Volksbühne

Der Osten leuchtet am Rosa-Luxemburg-Platz. La Cousine Bette in der Regie von Frank Castorf – Foto: St. B.

Nach seinem Ausflug zu den Frauenfiguren der französischen Literatur mit Balzacs La Cousine Bette kehrt Frank Castorf aber lieber wieder zu Dostojewskij zurück. Er erneuert seine Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen (Juni 2015) und tritt mit Die Brüder Karamasow in Konkurrenz zu Luk Percevals Inszenierung am Thalia Theater Hamburg aus dem Jahr 2012. Premiere an der Volksbühne ist dann im November der übernächsten Spielzeit. Castorf sitzt also weiter fest im Sattel. Er wird sich nicht wie sein Alter Ego Baumeister Solness vor jungen Nachwuchstalenten verstecken und die Tür der Volksbühne zu halten müssen. Castorfs selbstironische Ibsen-Inszenierung am Ende der letzten Spielzeit ist eine direkte Antwort an die nicht enden wollenden Nachfolgediskussionen von Journalisten, die schon das Ende seiner Intendanz für das Jahr 2016 sehnsüchtig herbeischreiben.

Die Männerbündler an der Volksbühne bleiben demnach weiter unter sich. Lediglich Silvia Rieger schlägt im 3. Stock mit der Schriftstellerin Gisela Elsner Fliegeralarm. Trotz der Schlagworte Glaube, Liebe und Hoffnung im Spielzeitmotto glaubt an der Volksbühne wohl auch keiner an die baldige Einsetzung einer weiteren Intendantin in Berlin, neben Shermin Langhoff, die mit dem Maxim Gorki Theater nun sogar eine preisgekrönte erste Spielzeit hingelegt hat. Und das ganz ohne Einladung zum Theatertreffen.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos der Volksbühne unter: http://www.volksbuehne-berlin.de/deutsch/repertoire/premieren_2014_15/

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