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Storms „Schimmelreiter“ und Schillers „Räuber“ – Zwei bemerkenswerte Inszenierungen der 54. Theatertreffenauswahl, die leider nicht in Berlin zu sehen sind

Sonntag, Mai 14th, 2017

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Und ewig heult der Wind – Johan Simons inszeniert die Bühnenadaption von Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter wie ein magisches Requiem ohne Musik

Jens Harzer als Der Schimmelreiter am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

Zwei Literaturadaptionen großer norddeutscher Erzähler hat das Thalia Theater Hamburg in dieser Spielzeit auf dem Programm. Die Novelle Der Schimmelreiter des aus Husum in Nordfriesland stammenden Schriftstellers Theodor Storm und den Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frisst des gebürtigen Greifswalders Hans Fallada, den es außer nach Berlin und Leipzig für eine gewisse Zeit auch mal nach Hamburg zog. Regie führen mit dem Niederländer Johan Simons und dem flämischen Belgier Luk Perceval zwei ebenso bekannte wie erfolgreiche Theatermänner.

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Den Anfang machte im November letzten Jahres der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele und scheidende Leiter der Ruhrtriennale [Johan Simons], der, bevor er seine neue Intendanz in Bochum antritt, zum wiederholten Male am Hamburger Thalia Theater inszeniert. Für seine Bühnenadaption der Storm’schen Schimmelreiter-Novelle hat er sich von Bettina Pommer einen steilen Deich mit zwei Treppen links und rechts bauen lassen. Über der Krone hängt eine gusseisernen Kirchglocke, deren Klang man allerdings erst kurz vor der Pause des knapp dreistündigen Abends zum ersten Mal vernehmen kann. Daneben liegt die ganze Zeit über die Nachbildung eines weißen Pferdekadavers als Pferdeskelett von der Hallig Jeverssand.

Der Schimmelreiter, ein Meisterwerk des magischen Realismus, ist beliebter Schulstoff. Das Buch dürfte fast jeder irgendwann einmal in der Hand gehalten haben. Die Novelle spielt in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Nordfriesland. Die Hauptfigur Hauke Haien arbeitet sich vom wissbegierigen Jungen über eine Anstellung als Knecht beim alten Deichgrafen Volkerts bis zu dessen Nachfolger hoch. Um die Voraussetzungen für die Übernahme des Amtes zu schaffen, gibt Volkerts Tochter Elke ihre Verlobung mit Hauke bekannt. Dieser gewinnt mit einer neuen Deichanlage Land, vernachlässigt allerdings darüber wider besseren Wissens die Reparatur des alten Deichs, der in einer großen Springflutnacht bricht. Dabei sterben Haukes Frau Elke und sein behindertes Kind. Daraufhin stürzt sich der Deichgraf mit seinem Schimmel vom Deich in die Fluten und wird zum Mythos.

 

Der Schimmelreiter am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

 

Der Clou von Simons Inszenierung ist, die einleitende Erzählung als Rahmen für die eigentliche Handlung sieben Mal von Neuem beginnen zu lassen. Und so steht das sechsköpfige Ensemble immer wieder auf der Deichkrone und lässt die Geschichte vom Schimmelreiter – dem großen Unglück, das die sterbende Trien Jans, deren Hund Hauke einst als wütender Junge erwürgte, prophezeit, bis zu jener Nacht in der der Deich bricht – lediglich ergänzt durch weitere Szenen aus der Novelle jedes mal neu erstehen. Die Handlung springt dabei in der Zeit vor und wieder zurück. Doch das Unvermeidliche bricht sich schließlich Bahn. „Was man getan hat, wird man wieder tun. Es gibt nichts Neues unter dieser Sonne.“ sind die fast resignierenden Worte Elkes zu ihrem Mann.

Johan Simons baut seine Inszenierung um die Schuld, die Hauke Haien nach der Meinung der abergläubischen Dorfbewohner auf sich geladen hat, wie ein archaisches Requiem für die Toten auf. Es wird dabei eher wenig gespielt. Die DarstellerInnen stehen mit Blick ins Publikum am Damm und rutschen hin und wieder recht pathetisch, viel Text bewältigend, die glatte Fläche hinunter. Ewig rauscht der Wind, tickt eine Uhr, oder es schlägt die Glocke. Das zieht sich zuweilen auch etwas hin. Den Kampf Haukes mit sich sich selbst und seinen Zweifeln kann Thalia-Ausnahmeschauspieler Jens Harzer sehr gut mit zitternd-fiebriger Stimme wiedergeben. Der Kampf mit seinem neidischen Gegenspielers Ole Peters (Sebastian Rudolph) erschöpft sich in einigen wenigen Wortgefechten.

Mehr Raum nimmt dafür die Familiengeschichte ein. Birte Schnöigk ist eine trotzig-aufrechte Elke. Immer wieder unterstützt sie ihren Hauke gegen die Dörfler, die hier nur von Sebastian Rudolph als Ole und Rafael Stachowiak als Carsten dargestellt werden. Die vorherrschende Kleiderfarbe ist pietistisches Schwarz. Schön schaurig auch Barbara Nüsse als Trin Jans, ebenfalls skurril die Idee, Tochter Wienke traumtänzerische vom belgsichen Schauspieler Kristof Van Boven spielen zu lassen. Johan Simons hat als Kind in Holland selbst eine große Sturmflut erlebt. Diese Erfahrung zieht sich durch mehrere seiner Inszenierungen. Der Mensch, verloren zwischen Gottglauben, zerstörerischer Naturgewalt und aufgeklärerischer Vernunft. Für Simons ist es dabei so, wie Hauke Haien es zu den Wassern sagt: „Ihr könnt nichts Rechtes, so wie die Menschen auch nichts können!” Der Mensch Hauke Haien ist zum Schluss nackt, wie Gott ihn schuf, ein zur Legende gewordenes Voodoo Child.

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Das ist durchaus magisch und in Teilen auch ansehenswert. Was die THEATERTREFFEN-Jury an dieser spröden, etwas zu sehr ins düster Spirituelle abdriftenden Inszenierung fasziniert hat, wird allerdings (wie so oft) ihr Geheimnis bleiben. Die Kritiker waren zur Premiere nicht nur begeistert. Dass nach der Absage des Münchner Residenztheaters wegen der Unaufführbarkeit ihrer technisch für Berlin zu kompliziert ausgestatteten Räuber u.a. Stimmen für eine Nachnominierung der Romanadaption Unterwerfung vom benachbarten Deutschen Schauspielhaus laut wurden, lässt noch mal darüber nachdenken, ob der Schimmelreiter tatsächlich die bemerkenswertere Hamburger Inszenierung des letzten Jahres war. Ein schöner Kontrast zur eher zeitgemäß poppigen und performancelastigen Auswahl ist sie allemal. Für Diskussionsstoff im Berliner Mai ist somit in jedem Fall gesorgt. (Wurde leider abgesagt wegen der Erkrankung des Hauptdarstellers Jens Harzer. Ersatzweise fand eine szenische Lesung des Stücks statt.)

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Der Schimmelreiter (Thalia Theater Hamburg, 23.03.2017)
von Theodor Storm
Bühnenfassung Susanne Meister
Regie: Johan Simons
Musik: Warre Simons
Bühne: Bettina Pommer
Kostüme: Teresa Vergho
Dramaturgie: Susanne Meister
Darsteller:
Kristof Van Boven (Kind)
Jens Harzer (Hauke Haien)
Barbara Nüsse (Trin Jans)
Sebastian Rudolph (Ole Peters)
Birte Schnöink (Elke)
Rafael Stachowiak (Carsten)
Premiere war am 25.11.2016 im Thalia Theater
Termine: 25.05. / 19.06. / 11.07.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 24.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Masse, Mensch, Maschine – Ulrich Rasche schickt am Residenztheater München Schillers Räuber übers Laufband

Das 54. Theatertreffen wirft seine Schatten voraus. Am Wochenende begann der Vorverkauf, und einige der 10 bemerkenswerten Inszenierungen, die nach Berlin eingeladen wurden, sind bereits restlos ausverkauft. Und dabei kann eine der wohl interessantesten Produktionen nicht mal gezeigt werden. Die Räuber, inszeniert von Ulrich Rasche am Residenztheater München, ist technisch so aufwendig, dass sich keine Bühne in Berlin finden ließ, auf der man die beiden großen Laufbänder, auf denen sich Friedrich Schillers Sturm-und-Drang-Klassiker abspielt, ohne Probleme aufbauen ließe. Was fehlt, ist eine sogenannte Zylinderdrehbühne mit Versenkeinrichtungen, die vergleichbar nur die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz besitzt. Aber auch dort gab aus technischen und dispositorischen Gründen keine Möglichkeit, die Inszenierung für zwei Vorstellungen zu realisieren.

 

Die Räuber am Residenztheater – Foto © Andreas Pohlmann

 

Eine 3sat-Aufzeichung für das Haus der Berliner Festspiele soll nun ersatzweise einen Eindruck von der Münchner Inszenierung vermitteln. Aber es dürfte schwer fallen, das unmittelbare Live-Erlebnis in einer vagen Kinoatmosphäre zu vermitteln. Selbst in München ist die Vorstellung nur an zwei Tagen im Monat zu sehen. Die Karten sind entsprechend begehrt. Am letzten Wochenende war es wieder soweit, und das Haus am Münchner Max-Joseph-Platz restlos ausverkauft. Wir waren live vor Ort.

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Über Schillers 1782 in Mannheim uraufgeführte Drama Die Räuber muss man nicht mehr viel sagen. Neben der Befreiung von der tyrannischen Elterngeneration und den gesellschaftlichen Schranken des „Kastratenzeitalters“ ging es dem jungen Autor auch um eine Revolutionierung der Regeln für die dramatische Kunst. Inhaltlich wird das als Kampf zweier ungleicher Brüder abgehandelt. Karl, der ältere, fällt durch die Intrigen von Franz, dem jüngeren, beim Vater in Ungnade und gründet eine Räuberbande in den böhmischen Wäldern. Derweil reißt Franz daheim die Macht an sich, sperrt den siechen Vater in eine Gruft und versucht Amalia, die Geliebte des Bruders, für sich zu gewinnen.

Der Kampf zweier sich selbst ermächtigender Geistes- und Tatmenschen um die wirksameren Mittel, die alte Ordnung zu beseitigen. Letztendlich auch ein endloser Kreislauf der Gewalt in einer unaufhörlich fortschreitenden Gesellschaft. Und diese ständige Vorwärtsbewegung stellt Rasche durch zwei dreh- bzw. auf- und absenkbare Laufbänder dar. Der Regisseur hat damit seine Methode perfektioniert, Text zusammen mit Musik in mechanische Bewegung zu übersetzen, was in Berlin bereits 2014 an den Sophiensaelen bei einer Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns Stück Die kosmische Oktave in klein zu sehen war.

 

Die Räuber am Residenztheater – Foto © Andreas Pohlmann

 

Geradezu kongenial wirkt die Übertragung der mechanischen Wirkungsweise der Laufbänder als Metapher für den unaufhaltsamen Verlauf der Geschichte und die Vergeblichkeit sich dieser zu entziehen. Die Räuber skandieren „Freiheit oder Tod.“ und sind doch Sklaven ihres Handelns. Wie Ilja Repins Wolgatreidler sind die Darsteller auf den mal gerade, mal schief gestellten Laufflächen mit Haltegurten angeseilt. Ein Stürzen und Herunterfallen ist nicht möglich. Der Marsch der Räuber geht unwillkürlich voran, ihrem Hauptman Karl folgend. Rau und monoton deklamiert Franz Pätzold seinen Text, in den die Bande immer wieder chorisch einfällt. Musikalisch begleitet werden sie dabei von vier Live-Musikern und drei Sängern, die den treibenden Takt und Rhythmus mit dumpfen Paukenschlägen, Basslinien Violin-Klängen und Lautgesängen vorgeben.

Wucht und Pathos gepaart mit der archaischen Kraft des Chors. Aber selbst in den ruhigeren Mono- und Dialogszenen stehen die Laufbänder nicht still. Gegenspieler Franz wird (nach der Erkrankung von Valery Tscheplanowa) nun von Katja Bürkle von den benachbarten Kammerspielen verkörpert. Ihr Spiel ist, wie das von Karl, getrieben von den ehrgeizigen Plänen. Die Besetzung der Rolle mit einer Schauspielerin lädt die Bedeutung des sich zu Unrecht missachtet Fühlenden zusätzlich auf. Die Szenen mit der ihn verachtenden Amalia von Nora Buzalka sind intensiv und kalt zugleich.

Dagegen setzt Rasche die Gewalt der auf den Bändern im Takt der Musik und des Gesangs marschierenden Masse der Räuber. Der Regisseur versetzt Schillers Text zusätzlich mit Auszügen aus Der kommende Aufstand, einem vielzitierten linkspolitischen Essay, der erstmals 2007 in Frankreich erschien und ab 2010 in überarbeiteter Fassung im Internat verbreitet wurde. Als Verfasser gilt ein sogenanntes Unsichtbares Komitee. Die Räuber skandieren: „Es geht nicht mehr darum zu warten – auf einen Lichtblick, die Revolution, die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht, was kommt, sondern das, was da ist. Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation. Dort ist der Punkt, an dem man Partei ergreifen muss.“ Die Ambivalenz eines starken Wir-Gefühls.

Wie sich das in der Geschichte der politischen Massenbewegungen manifestierte, davon geben die Laufbandszenen mit der detaillierten Schilderung von Raub, Mord und Brandschatzungen Auskunft. Der Freiheitsbegriff scheint damit heute mehr denn je korrumpiert, oder wird wie eh und je von starken Einzelindividuen wie Franz Moor für sich umdefiniert. In den Zeiten unkritischen Fortschrittsglaubens und der endlosen Selbstoptimierung spannt sich die Menschheit selbst ins Joch. Die chorisch beschworene Apokalypse scheint unaufhaltsam. Schillers Skepsis verbindet sich mit der zerstörerischen Kraft der Maschine Mensch. Eine nach wie vor explosive Mischung.

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Die Räuber
von Friedrich Schiller
Regie + Bühne: Ulrich Rasche
Komposition: Ari Benjamin Meyers
Kostüme: Heidi Hackl
Chorleitung: Alexander Weise
Choreinstudierung: Toni Jessen
Mitarbeit Bühne: Sabine Mäder
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Sebastian Huber
Besetzung:
Götz Schulte: Maximilian, Graf von Moor
Katja Bürkle: Franz Moor
Franz Pätzold: Karl Moor
Nora Buzalka: Amalia von Edelreich
Thomas Lettow: Spiegelberg
Max Koch: Schweizer
Leonard Hohm: Razmann
Marcel Heuperman/Alexander Weise: Schufterle
László Branko Breiding: Roller
René Dumont: Daniel
Räuberbande: Moritz Borrmann, Yasin Boynuince, Kjell Brutscheidt, William Cooper, Emery Escher,
Toni Jessen, Max Krause, Bekim Latifi, Cyril Manusch
Sandro Schmalzl: Tenor
Martin Burgmair: Bassbariton
Gustavo Castillo: Bassbariton
Mariana Beleaeva: Violine
Jenny Scherling: Viola
Heiko Jung: E-Bass
Fabian Löbhard: Percussion
Premiere war 23. Sep. 2016 im Residenztheater München
Vorstellungsdauer ca. 3 Std. 30, eine Pause
Termine: 10. und 11.06.2017

Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/die-raeuber

Zuerst erschienen am 25.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Zwischen Tragik und Komik, Quatsch und Langeweile – Zweimal Tschechows IWANOW in Wien und München

Dienstag, Juni 14th, 2016

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Iwanow_Volkstheater Wien

(c) Volkstheater Wien

Anton Tschechows Stück Iwanow stellt die typische Frage des Theaters nach Komödie oder Tragödie des Lebens. Der Autor konnte sich damals irgendwie selbst nicht recht entscheiden und hat seinen ersten Komödienentwurf, dessen Uraufführung 1887 eher floppte, zwei Jahre später zur Tragödie umgeschrieben. Wie die Episode um den tief melancholischen, depressiv die eigene Nutzlosigkeit beklagenden Mitdreißigers Nikolai Alexejewitsch lwanow, der alles um sich her mit einem Mehltau aus Misslaunigkeit und Langeweile überzieht, zu deuten ist, daran scheiden sich auch heute noch die Geister, sprich Regisseure. An der Volksbühne hatte 2005 Dimiter Gotscheff die Ödnis der müßigen Tschechow-Figuren im ländlichen Russland auf leerem Bühnenrund in viel Nebel aufgehen lassen.

Zum anschaulichen Vergleich bieten sich nun zwei relativ neue Interpretationen an. Zum einen die Inszenierung des vielgelobten ungarischen Regisseurs Victor Bodo am Volkstheater Wien und zum anderen die des Intendanten des Münchner Residenztheaters Martin Kušej:

Die Grundstimmung und szenische Atmosphäre ist in beiden Fällen zumindest sehr ähnlich. Dazu kommt, dass man sich im Bühnenbild für das etwas heruntergekommene Heim des Gutsbesitzers Iwanow und das wesentlich luxuriösere der Lebedews, wo Iwanow, die Leere seines Alltags fliehend, die Abende verbringt, in beiden Inszenierungen mit leicht abgewandelten Kopien ein und desselben Raums bedient. Während im Wiener Volkstheater immer wieder leicht umdekoriert wird, bewegt sich im Münchner Residenztheater einfach die Drehbühne weiter.

Leer ist die Bühne also keineswegs. In Wien ist sie ein Raum mit sich auflösendem Fischgrätparkett, einer Reihe Sesseln und Nebenräumen mit Veranda, Bad und Küchenzeile, die in den Lebedew-Akten mit einem Regal voll Gläsern der legendären Konfitüre der geizigen Hausherrin ergänzt wird. In München sitzt man auf lose gestellten Stühlen, die bei Iwanow dick mit Staub überzogen sind. Hier kauert er bei schwerer Lektüre und will nicht gestört werden. Martin Kušej hat ihm als Prolog ein paar existentielle Gedanken des düsteren Philosophen Søren Kierkegaard in den Mund gelegt. „Wer bin ich? Wie bin ich in die Welt hineingekommen…“ Er kann sich für seine Klagen allerdings an keinen „Verhandlungsleiter“ wenden und muss sich mit dem vorhandenen Personal zufrieden geben.

 

Iwanow im Residenztheater München - Foto (c) Matthias Horn

Iwanow im Residenztheater München – Foto (c) Matthias Horn

 

Thomas Loibl gibt den Münchner Iwanow als personifiziertes Fragezeichen mit hängenden Schultern, immer schon kurz vorm Äußersten, zu dem es aber erst am bitteren Ende kommt, dass Kušej auch bis zum nämlichen mit Duellfarce und anschließendem Selbstmord Iwanows ausspielt. „Iwanow ist erschöpft, er begreift sich selbst nicht, aber das Leben geht das nichts an.“ schrieb Tschechow in einem Brief an seinen Verleger. Man hält ihn für einen Schuft und Betrüger, der seine an Typhus erkrankte Frau Anna sterben lässt, die für ihn den Glauben und Namen gewechselt hat und dafür von den jüdischen Eltern enterbt wurde. Iwanow plagen Schulden und Schuldgefühle, aber er kann sich weder zu Anna bekennen, noch glaubt er an die „tätige Liebe“ Saschas. Nadine Quittner und Genija Rykova überbieten sich in der Rolle der Tochter der Lebedews an jugendlicher Naivität.

Iwanow fühlt sich unverstanden, von den Leuten verleumdet und den Alltagssorgen aufgefressen. Das ist das ganze Dilemma des „nutzlosen Menschen“, dass sich nun in beiden Inszenierungen über drei Stunden hinwälzt ohne tatsächlichen Erkenntnisgewinn. Gibt sich Victor Bodo in Wien noch ein wenig Mühe, das Publikum mit Livemusik, ein paar Gags und feucht fröhlichen Slapsticks bei Laune und der Stange zu halten, so sackt das Tempo des Münchner Iwanows schon zu Beginn erschreckend gegen Null. Krönung ist die wie eingefroren auf ihre Spielkarten schauende Gesellschaft bei den Lebedews. Heute würde man sie wohl Smartphone-Zombies nennen. Sie brabbeln nur hin und wieder leise von Langeweile und ernten dafür vom Publikum entsprechende Unmutsbekundungen.

 

Iwanow - Foto © www.lupispuma.com / Volkstheater

IwanowFoto © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Einzig Oliver Nägele als stämmiger Lebedjew kann in München noch ein paar wortgewaltige Akzente setzen. Und Spaßkanone Mischa Borkin (gleichermaßen ranschmeißerisch Thomas Frank in Wien wie Marcel Heuperman in München) sorgt für etwas Auflockerung. Ein kurzes Tänzchen in Wien steht gegen ein Totalbesäufnis in München. Nach der Entdeckung der Liebelei Iwanows mit Sascha durch seine ihm zu den Lebedews nachgefahrene Frau folgt die Pause, nach der sich in beiden Theatern die Sitzreihen etwas lichten.

Verpassen würde man in München nicht mehr viel – und in Wien immerhin ein versoffenes Dreigestirn (Günter Franzmeier als Lebedew, Stefan Suske als Graf Schabelskij und Thomas Frank als Borkin), das sich an Wodka-Mix und Kochrezepten berauscht. Der moralisch überkorrekte Arzt Lwow (Gábor Biedermann in Wien und Till Firit in München) stellt Iwanow wegen dessen Frau zur Rede, und der sichtlich Genervte eröffnet wiederrum Anna, dass sie bald sterben wird. In der Rolle der Kranken überzeugt vor allem die von der Wiener Burg ans Volkstheater gewechselte Stefanie Reinsperger, die noch als gespenstische Heimsuchung auf Iwanows verpatzter Hochzeit mit Sascha auftaucht, während in München sich Sophie von Kessel mit tief dunklem Kajal durchs Stück hüstelt.

Höhepunkt ist in Wien wie in München der berühmte Monolog des depressionsgeschüttelten Iwanow, in dem er über sich selbst Gericht hält. Dabei steigt ein zitternder Jan Thümer in Wien aus der Eiswanne, reißt das Parkett aus dem Boden und kotzt sein Leben buchstäblich aus, während Thomas Loibl in München nur in Selbstmittleid auf dem Stuhl zerfließt. Der Rest ist hier wie dort konventionelles, zuweilen etwas rührseliges Konversationstheater. Lediglich Victor Bodo kann stellenweise mit ein paar interessanten Bildern überzeugen und stellt die Komik gleichberechtigt neben die Tragik des Iwanows. Martin Kušej scheint dagegen jegliche Idee, was die Haltung zum Stück und seinem Titelhelden betrifft, abhandengekommen zu sein.

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IWANOW (Volkstheater Wien, 30.05.2016)
Regie: Victor Bodo
Bühne: Lőrinc Boros
Kostüme: Fruzsina Nagy
Musik: Klaus von Heydenaber
Sound- und Tondesign: Gábor Keresztes
Licht: Tamás Bányai
Dramaturgie Angela Heide, Anna Veress
Mit: Gábor Biedermann (Jewgenij Konstantinowitsch Lwow), Thomas Frank (Michail Michajlowitsch Borkin), Günter Franzmeier (Pawel Kirillytsch Lebedew), Steffi Krautz (Sinaida Sawischna), Nadine Quittner (Sascha), Stefanie Reinsperger (Anna Petrowna), Claudia Sabitzer (Marfa Jegorowna Babakina), Martina Spitzer (Awdotja Nasarowna), Stefan Suske (Matwej Semjonitsch Schabelskij), Jan Thümer (Nikolaj Alexejewitsch Iwanow), Luka Vlatkovic (Jegoruschka), Günther Wiederschwinger (Dmitrij Nikitsch Kossych), Klaus von Heydenaber (Musiker) und Loukia Loulaki/Maria Probst (Musikerinnen)
Premiere im Volkstheater Wien war am 18. März 2016
Weitere Termine: 15., 23. 6. 2016

Infos: http://www.volkstheater.at

IWANOW (Residenztheater München, 08.06.2016)
Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede
Licht: Tobias Löffler
Dramaturgie: Götz Leineweber
Mit: Thomas Loibl (Nikolai Alexejewitsch lwanow), Sophie von Kessel (Anna Petrowna), René Dumont Matwej (Semjonowitsch Schabjelski), Oliver Nägele (Pawel Kiriljitsch Lebedjew), Juliane Köhler (Sinaida Sawischna), Genija Rykova (Sascha), Till Firit (Jewgeni Konstantinowitsch Lwow), Hanna Scheibe (Marfa Jegorowna Babakina), Paul Wolff-Plottegg (Dmitri Nikititsch Kosich), Marcel Heuperman (Michail Michailowitsch Borkin), Ulrike Willenbacher (Awdotja Nasarowna), Arnulf Schumache (Jegoruschka), Alfred Kleinheinz (Gawrila/Piotr), Max Koch (Erster Gast), Jeff Wilbusch (Dritter Gast) und Pauline Fusban (Erstes Fräulein)
Premiere war am 4. Juni 2016
Weitere Termine: 21., 30. 6. / 5., 16., 20. 7. 2016

Infos: http://www.residenztheater.de

Zuerst erschienen am 13.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Phosphoros von Nis-Momme Stockmann – Ein Gastspiel des Münchner Residenztheaters in der Regie von Anne Lenk bei den ATT 2015 im Deutschen Theater Berlin

Montag, Juni 22nd, 2015

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(c) Deutsches Theater Berlin

(c) Deutsches Theater Berlin

In seinem, 2014 als Auftragsarbeit für das Residenztheater München in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen entstandenem Theaterstück Phosphoros schließt Autor Nis-Momme Stockmann unmittelbar an sein letztes Stück Die Kosmische Oktave an. Das Prinzip der kosmischen Harmonie auf das menschliche Leben übertragend entwarf der Autor ein in zeitlichen Dekaden immer wiederkehrendes Generationenbild als eintönigen Gleichklang. Daneben setzte er in Anlehnung an Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften das Wirken von Naturgesetzen auf zwischenmenschliche Beziehungen. In Phosphoros nimmt Stockmann nun Bezug auf den kosmischen Morgenstern (in der Antike Phosphoros genannt), der auch Abendstern, also gleichzeitig Licht- und Schattenbringer ist. Und auch Wissenschaft und Musik spielen hier wieder eine Rolle.

Die Hauptfiguren im Stück, der Physikprofessor Lew Katz (Johannes Zirner) und der Kontrabassist Basil (Lukas Turtur), stecken in einer Lebenskrise, die man zumindest beim Lew getrost auch eine faustische nennen könnte. Ihn plagen Kopfschmerzen, gedankenlose Studenten und Neuerungen an seiner Fakultät, die seine Liebe zur Physik auf eine harte Probe stellen. Im Privaten läuft es ähnlich schlecht. Lews Egozentrik und seine hypochondrischen Anfälle belasten die Beziehung zu seine Frau Anne (Katrin Röver), die es lieber etwas einfacher hat und auch die banalen Dinge des Alltags wie die Reparatur des Daches für wichtig hält. Lew sieht die Sache dagegen etwas komplexer, weiß aber auch nicht wie er seine Probleme lösen soll, wo überhaupt das Problem ist, und flüchtet sich so in die fixe Idee krank zu sein. Er wartet auf einen Krebstest und geht regelmäßig zur Psychologin Schäfer-Werle (Juliane Köhler), um sich seinen Traum deuten zu lassen, in dem er als Clown vor lauter bekannten Leuten im Publikum eine Jonglage-Nummer aufführen soll und Angst vor dem Versagen hat.

Ähnlich geht es dem Musiker Basil, der einst großes Talent nun auf Dauertournee in einem Provinzhotel gestrandet ist und auf seine Assistentin Eva (wieder Juliane Köhler) wartet, die ihm seit Jahren den Bass hinterherträgt. Im Hotelrezeptionisten Schröder (Thomas Gräßle) trifft er auf einen zynischen Lebensphilosophen, der ihm derweil ein paar ungeschönte Wahrheiten verkündet. Der Katalysator für den Wandel in Lews Leben ist die prekär beschäftigte DB-Service-Kraft Marlene (Genija Rykova), die ohne Abi in Physikseminare geht und Lew durch ihr kluges, unorthodoxes Denken aufgefallen ist. Marlene steckt aber ebenfalls in einer Krise, die einerseits eine rein monetäre ist, sie aber ähnlich wie Lew auch an der Welt und der denkfaulen Masse Mensch verzweifeln lässt. Damit es schön kompliziert bleibt, schmückt Autor Stockmann sein Stück mit jeder Menge wissenschaftlich-philosophischer Vorträge und Diskurse um physikalische Begrifflichkeiten sowie weiteren Randfiguren aus, und lässt alles immer wieder aufs schönste miteinander kollidieren.

Phosphoros - (c) Andreas Pohlmann

Phosphoros vom Residenztheater – Foto (c) Andreas Pohlmann

Der wissenschaftlichen Theorie von Zeit und Raum, dem scheinbar vorbestimmten Gang des Menschen von der Geburt bis zum Tod und der alles entscheidenden Lebensfrage: Warum das alles? setzt Stockmann noch das hier immer wieder chorisch angekündigte metrologische Natur-Ereignis eines aufkommenden Sturms entgegen, dessen Urgewalt die Figuren nun im doppelten Sinne auf sich zurück wirft. Bei 200 Seiten Text birgt das natürlich auch die Gefahr der Überforderung des Publikums. Es ist der Regisseurin Anna Lenk zu danken, dass sie Stockmanns Textkonvolut klug gerafft und mit einem Ensemble von 9 Schauspielern in immerhin 20 Rollen frisch und über 3 Stunden immer spannend zu inszenieren vermag.

Auf der kahlen Bühne von Judith Oswald dient nur ein riesiger Scheinwerfer als Requisit, unter dessen Licht sich die Figuren immer wieder drängen, in die Dunkelheit der Bühne oder in die erste Reihe des Parketts flüchten. So lassen sich auch wunderbar die Physikvorlesungen Lews oder die Vorträge des Literaturgurus Lindenblatt (Franz Pätzold), der seine Schreibgruppe examiniert, darstellen. Die im Stück angedeutete Gleichzeitigkeit von Raum und Zeit nutzt die Regisseurin geschickt, in dem sie die einzelnen Szenen immer schneller in einander verschränkt und schließlich fast parallel ablaufen lässt, wobei sich die Figuren immer wieder selbst von der Bühne verdrängen müssen. Das schafft eine durchgehende Dynamik und viel Raum für Figurenspiel und Slapstick.

Phosphoros vom Residenztheater - (c) Andreas Pohlmann

Phosphoros vom Residenztheater – Foto (c) Andreas Pohlmann

Die Ambivalenz der einzelnen Figuren oder gar Austauschbarkeit ihrer Charaktere und Egotrips verdeutlichen die farblich akzentuierten Kostüme von Silja Landsberg, die auch beim Rollenwechsel von den Schauspielern nicht getauscht werden. Letztendlich kranken hier alle auch an ähnlichen Symptomen des modernen Menschen. Nur unterschieden durch die Art und Weise diese je nach Mentalität zu beklagen, sich mit ihnen einzurichten oder gar an einer Änderung zu arbeiten. Die Suche nach Regel für das Leben wird hier immanent sichtbar. Bei Lew ist es der Glauben an die Physik „als Werkzeug das uns gegen die Unwegsamkeit der Urkräfte des Kosmos schützt und uns hilft uns selbst in ihm zu begreifen und zu verstehen.“. Anna sucht ihren Halt in den alltäglichen Dingen und in Lebenshilfeseminaren. Basil dagegen flüchtet sich in vergangene Karriereträume, Affären und Alkohol. Nur Marlene rebelliert vehement wütend gegen ihre Umwelt, während Lebenszyniker Schröder und Zugbegleiter Jörg (Arthur Klemt) sich damit abgefunden haben, nichts ändern zu können.

Mensch oder Dachpappe, Chaos oder Ordnung – Es läuft was mit dem Denken schief. Das ist die recht stimmige Quintessenz von Stockmanns Stück. Das Leben selbst in der Hand zu haben, es zu gestalten und die Liebe freizusetzen, kostet die Figuren zu viel an Lebenszeit und Lebenssaft. Anna wird ihr plötzlich neu gewonnenes Zutrauen zu Jörg schließlich sogar zum Verhängnis. Aber gemeinsam mit Eva werfen die beiden Frauen ihre Lebenspäckchen aus dem ICE. Das ist zumindest ein Anfang. Liebe, Glücklich sein, oder seine Ruhe haben, das ist eine Entscheidung, die sich für Lew, Basil und Anna so eindeutig nicht finden lässt, auch wenn der Physiker in einem nachgeschobenen Epilog endlich das Ende seines Traumes bei einer Rede zur Verleihung der Heisenbergmedaille erzählen kann. Ob es ein glückliches ist, vermag man nicht wirklich zu sagen. Aber wir stehen am Anfang großer Ereignisse, wie es in Stockmanns Text so schön heißt. Na dann…

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Phosphoros (20.06.2015)
von Nis-Momme Stockmann
Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 31. Mai 2014
Gastspiel des Residenztheaters München am Deutschen Theater Berlin zu den ATT 2015
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Silja Landsberg
Musik: Jan Faszbender
Licht: Uwe Grünewald
Dramaturgie: Andrea Koschwitz
Mit:
Johannes Zirner… Lew Katz
Juliane Köhler… Schäfer-Werle, Eva
Katrin Röver… Anne Katz
Genija Rykova… Marlene
Franz Pätzold… Boris, Frank Seibl, Lindenblatt, Alte Frau
Lukas Turtur… Basil, Jonas
Thomas Gräßle… Schröder, Martin
Katharina Pichler… Berle, Frau Kadow, Sprechstundenhilfe
Arthur Klemt… Jörg, Dekan
Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden, eine Pause

Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/phosphoros

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Apokalypse BAAL Redux und ein Fazit zum 52. Theatertreffen in Berlin (Teil 6)

Donnerstag, Mai 21st, 2015

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Plakat des Residenztheaters München

Plakat Residenztheater München

Was für eine bemerkenswerte Umkehrung der Vorzeichen. Am Freitag wieder – nach der kürzlich erfolgten Aufhebung des Helene-Weigel-Verbots aus den 1970er Jahren – im Rahmen von „Focus Fassbinder“ im wiederentdeckten Schlöndorff-Film zu sehen, dann am Sonntag direkt auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele zum letzten Mal: Baal von Bertolt Brecht. Frank Castorfs Inszenierung wird nach langer Verhandlung zwischen dem Suhrkamp Verlag und dem produzierenden Münchner Residenztheater nach dem THEATERTREFFEN nicht mehr zu sehen sein. Die Rechtewahrer der Brecht-Erben monierten zu viel nicht genehmigten Fremdtext und sahen die Werkeinheit in Gefahr. Dementsprechend groß auch das Interesse an dieser allerletzten Aufführung. Vor dem Haus wurde die letzte Karte von den Machern des TT-blog für angeblich weit über 100 € versteigert. Das Geld soll wegen des schmerzhaften Verlusts weiterer Aufführungstantiemen dem Suhrkamp Verlag zugute kommen. Vielleicht reicht das ja für ein paar Flaschen Schampus Marke Brecht-Erben Spätlese. Wohl bekommt’ s.

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Was lässt sich nun zum eigentlichen Streitfall sagen? Auf den ersten Blick hat das auf der Bühne Gegebene mit dem originären Baal vom aufstrebenden Jungdichter Bertolt Brecht tatsächlich eher weniger zu tun. Frank „Bertolt Brecht“ Castorf spult hier seinen ganz eigenen Film vom Krieg in Indochina ab. Es ist 1953 kurz vor der Niederlage der Franzosen in Điện Biên Phủ. Das Kunst-Ego-Monster Baal (Aurel Manthai), Kumpel Ekart (Franz Pätzold) und Sophie Dechant (Andrea Wenzl) turnen durch die von Aleksandar Denic gebaute, monströse Bühnenlandschaft bestehend aus einem Army-Camp mit Kampfhubschrauber, einer echten Do-Lung-Hängebrücke und doppelstöckiger roter Pagode. Dazu wird satter Blues und Southern Rock vom Band eingespielt. Es stonert mächtig, bis sich Baal und seine hinzuerfundene Höllenbraut (Bibiana Beglau – man könnte sie auch eine irrlichternde Mephistopheline nennen) schließlich die Surfbretter schnappen und zu Quentin Tarantinos Pulp Fiction-Soundtrack auf den Wellen einer projizierten China-Beach reiten. Die Rede ist vom Napalm-Geruch am Morgen, und die Luft schmeckt nun auch deutlich nach Apokalypse Now. Bevor es allerdings zu easy listening wird, biegen die beiden gerade noch rechtzeitig in Richtung einer französischen Gummiplantage ab. Die folgende fast halbstündige Sequenz ist nur in der 2001 geschnitten Redux-Fassung von Francis Ford Coppolas legendärem Vietnamkriegsfilm aus dem Jahr 1979 enthalten, hat es aber dennoch in sich.

BAAL im Residenztheater München - Foto (C) Thomas Aurin

BAAL im Residenztheater München – Foto (C) Thomas Aurin

Der Abzweig führt also in die westeuropäische Kolonialgeschichte, was Castorf als große Apokalypse Baal Redux aufführt. Die Rückführung von Brechts Stück zu den Wurzeln von Rimbaud und Verlaine. Castorf mixt dazu die französischen Denker Jean-Paul Sartre, Frantz Fanon und spielt Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“ in französischer Coverversion ein. Eine ziemlich schräge Wiederbelebung durchaus im Sinne Brechts. Für nicht ganz so Cinephile könnte es hier allerdings etwas langweilig werden, denn die Sache zieht sich, wie bei Castorf nun mal üblich. Immer um Einiges voraus sind die Schauspieler beim Sprechen der Szenen dem Original, das hinter ihnen flimmert, dafür aber umso schöner in der darauf folgenden Pause nachhallt. Das hat irisierende Momente. Es verwischen Realität mit beginnendem Wahnsinn und Müdigkeit mit Drogenrausch. In Endlosschleife hört man: „Zwei Seelen wohnen in dir, eine die tötet und eine die liebt.“ Für Castorf der Missing Link zurück zum alles verschlingenden Menschenverbraucher Baal. Tier und Gott zugleich, der die Geier vom Himmel frisst, Frauen liebt, missbraucht und mordet. Baudelaires Albatros wird im Film rezitiert, Ekart trägt Schweinhälften, und im Liebesclinch der beiden Straßendichter säbeln sich die anderen Stücke aus Baals Hinterbacken.

Castorf findet seinen Baal also nicht in den dunklen Wäldern Deutschlands – wo es ihn ja durchaus gäbe – sondern im Dschungelwahnsinn des Vietnamkriegs. Und so geht es dann auch weiter. Die Schnapskneipen und Kabaretts sind GI-Clubs, es wird Cognac getrunken und eine der beiden Schwestern heißt Hong (Hong Mei). Sie beherrscht die bezaubernden Puccini-Arien aus der Madam Butterfly genauso gut wie die schrille Peking Operette. Und das ist natürlich auch insgesamt wieder ganz große Castorf-Oper. Zu „Riders on the Storm“ von den Doors lümmelt man im und auf dem Helikopter. Die Rede kommt nun auf Algerien und die französische Untergrundarmee OAS. Nebenbei eskaliert der Streit um Sophie Dechant, und Ekart wird im Dauerloop gewürgt. Bevor man aber wegzudämmern droht, ertönt der Weckruf mit Rimbaud: „Komm, komm ohne Säumen, die Zeit, von der wir träumen!“ Da fliegen Baal und seine Höllengemahlin schon über Paris. Der Wahnsinn des Terrors hat bekanntlich längst wieder den Ausgangspunkt der Kolonisierung der Welt erreicht.

Die beiden warn's. Bühnenbildner Alexander Denic und Regisseur Frank Castorf bei der TT-Preisverleihung - Foto: St. B.

Die beiden warn’s. Bühnenbildner Alexander Denic und Regisseur Frank Castorf bei der TT-Preisverleihung – Foto: St. B.

Aber ein Castorf ist nicht zu Ende, bevor er zu Ende ist. Und am Ende ist der Volksbühnenchef auch noch lange nicht angekommen. Da wären nur noch 500 Seiten Fremdtext einzuarbeiten sowie ein Loblied auf Freund Claus zu singen und über alte Säcke, die in Rente geschickt werden sollen. Wie ungerecht die Welt doch ist. Ein paar Spitzen in Richtung Berlin-Mitte und spaßige Reminiszenzen an Brechts Episches Rauchtheater kann sich die Castorf-Crew auf der Bühne in Wilmersdorf nicht verkneifen. Die Frage, ob wir im Münchner Baal die Ahnung von einer Welt des gescheiterten bürgerlichen Humanismus bekommen haben, muss jeder für sich selbst beantworten. Hier wird kein Angebot zum Diskurs gemacht und sich nicht ironisch weggeduckt. Bei Frank Castorf gibt es inhaltlich und ästhetisch immer voll eins auf die Zwölf. Und wie in seinen nicht enden wollenden Celine-, Malaparte- oder Hanns-Henny-Jahn-Abenden wird er die Gesellschaft weiterhin schmerzvoll auf die Streckbank der Selbsterkenntnis zwingen. Ganz nach dem Motto Baals: „Geschichten, die man versteht, sind nur falsch erzählt.“ Zumindest da steckt ein Körnchen Weisheit drin.

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Was gäbe es also sonst noch von der THEATERTREFFEN-Front zu berichten, wenn im Nachklang des gerade genossenen Überwältigungsfurors so mancher in den letzten zwei Wochen gewonnener Eindruck schon wieder etwas verblasst? Wir sollten in diesem Jahr nach Aussage der Leiterin des Theatertreffens verstärkt die großen gesellschaftspolitischen Probleme wie Krieg, Flucht und Traumata vorgesetzt bekommen. Diese explizit politischen Themen fanden sich aber nur in einigen der eingeladenen Inszenierung wirklich auf der Bühne wieder. Zu sehen waren da neben dem großen Castorf-Baal vor allem die Verhandlung traumatischer Erlebnisse aus dem Balkankrieg in Common Ground vom Maxim Gorki Theater, Vergangenheitsbewältigung in der Wiener unverheirateten oder, ebenfalls aus Wien, die westliche Welt in der Lächerlichen Finsternis kolonialer Verstrickung. Echte Flüchtlinge stellte Nicolas Stemann in seiner Jelinek-Inszenierung Die Schutzbefohlenen auf die Bühne und entfachte dadurch eine kontroverse Diskussion über Rassismus und die Hoheit der Darstellung im deutschsprachigen Theater.

tt15_promo_media_gallery_resWas sonst noch vermisst wurde? Man suchte die deutschsprachige Theaterprovinz oder gar die Freie Szene vergeblich in Berlin. Ein Umstand, der der sogenannten Leistungsschau im Vorfeld bereits die Kritik einbrachte, eine elitäre Veranstaltung zu sein. Was Juror Til Briegleb damit konterte, es lohne sich nicht in die Provinz zu fahren, da den dortigen Theatern eh das nötige Potential fehlen würde. Ziemlich elitär also auch seine Sicht der Dinge, der man eigentlich nur widersprechen kann. Resultat dessen dann je zwei Einladungen für Berlin, Hamburg, München und Wien. Jeweils einmal waren Stuttgart und Hannover vertreten. Ziemlich schwer zu glauben, dass abseits der etablierten Kulturballungsräume nicht ebenso Bemerkenswertes zu entdecken wäre.

Neben Klassikern wie Ibsen, Brecht und Beckett konnte beim Theatertreffen 2015 wieder verstärkt der moderne oder postmoderne Autor gesichtet werden. Was auch für junge Regietalente und neue Zugriffe auf theaterfremde Texte zutraf. Trotz dreier Wiederholungstäter aus dem letzten Jahr und einiger erwartbarer Dauergäste überraschten auch einige Newcomer. So etwa Thom Luz, der Judith Schalanskys Nichtreiseführer Atlas der abgelegenen Inseln für das Schauspiel Hannover in ein Treppenhaus verfrachtete oder Christopher Rüping, der mit dem Dogma-Klassiker Das Fest in bemerkenswert leichter Regiehandschrift das schwere Thema Kindesmissbrauch auf die Bühne brachte. Das alles wurde natürlich nur möglich gemacht durch wiederrum großartig aufspielende DarstellerInnen, die in durchweg allen Inszenierungen begeistern konnten. Die großen Probleme wurden angepackt, aber nicht immer gelöst. Theater will aber wieder Anstoßpunkt und Vermittler des gesellschaftlichen Diskurses sein. Da kann man mit dem guten alten Brecht nur konstatieren: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Bis er im nächsten Jahr wieder aufgeht. The same procedure as every year.

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Baal
von Bertolt Brecht
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Gerrit Jurda, Live-Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Angela Obst
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Hong Mei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Jürgen Stössinger, Andrea Wenzl

Premiere im Residenztheater München: 15.01.2015

Letze Aufführung am 17.05.2015 beim 52. Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele

Dauer: 4 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Weitere Infos: www.residenztheater.de

Zuerst erschienen am 20.05.2015 auf Kultura-Extra.

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In fünf Stunden um die Welt – Frank Castorf inszeniert Louis-Ferdinand Célines irrlichternden Wahnsinns-Roman Reise ans Ende der Nacht.

Freitag, Mai 9th, 2014

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© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

Neben Dimiter Gotscheffs pathosschwangerem Revolutions-Requiem Zement von Heiner Müller ist das Bayerische Staatsschauspiel im dritten Kušej-Jahr mit noch einer weiteren Inszenierung eines Berliner Regisseurs beim 51. Theatertreffen vertreten. Volksbühnenchef Frank Castorf hat für das Münchner Residenztheater den 1932 erschienen Skandalroman Reise ans Ende der Nacht von Louis-Ferdinand Céline dramatisiert. Ein wirrer autobiografisch gefärbter Reisebericht, dessen ebenso egozentrische wie wahnhafte Hauptfigur Ferdinand Bardamu von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs über die afrikanischen Kolonien nach Amerika und wieder zurück ins alte Europa irrlichtert. Eine ganze Generation Intellektueller von links bis nach rechts außen hat dieses alle Konventionen der klassischen Literatur über Bord werfende und sich nicht um politische Korrektheit scherende Machwerk verschlungen, dessen Autor Céline nach wie vor nicht nur wegen seiner antisemitischen Ausbrüche stark umstritten ist. Es ist nach Nord, 2007 in Koproduktion mit den Wiener Festwochen an der Berliner Volksbühne realisiert, Castorfs zweite Auseinandersetzung mit einem Céline-Roman.

Auch in München ist das nun ein richtiger langer Castorf-Abend mit Livekamera und Videoscreening aus dem Inneren einer unübersichtlichen Sperrholzburg, halb Schiff, halb Stall, Elendsquartier oder Bordell, je nach Handlungsort und Ausrichtung der Drehbühne, geworden. Über dem gigantischen Bühnenbild von Aleksandar Deníc, der Castorf schon an der Volksbühne [Das Duell] und in Bayreuth [Der Ring des Nibelungen] zur Seite stand, prangt in der Manier des bekannten Arbeit-macht-frei-Schriftzug von Auschwitz die Losung der Französischen Revolution. Die Assoziation, so böse wie klar, verweist nicht nur allein auf den Autor, sondern auch auf den tatsächlichen Verlauf der Geschichte von der Aufklärung über die Ideale der Revolution direkt bis zu Rassenhass und Vernichtung. Es ist auch ein großer Abend über Krieg, das Erbe der Kolonisation, die allgemeine Globalisierung und schwarzes Selbstverständnis. Ein Plakat des Rumble in the Jungle zwischen Muhammad Ali und George Foreman in Kinshasa ist zu sehen.

Castorf entwickelt die Handlung nicht linear. Es beginnt bei der Überfahrt Bardamus (Bibiana Beglau) nach Afrika. Der sich in ständiger Angst vor Ansteckung Befindliche sieht Land und schwarze Bevölkerung mit Faszination wie Abscheu gleichermaßen. Immer wieder aufgescheucht rennt man umher, fiebrig deliriert Bardamu in den Sätzen Célines über Geld, die Hitze, und die „Neger“. In Fort-Gono angekommen, erfährt Bardamu das Elend und die Abschätzigkeit der Kolonialbeamten und Offiziere – „Die reinste Kloake.“ – , und es wird über Fort und Ford gekalauert. Es herrschen Malaria und Syphilis. Dagegen gibt es Alkohol und Morphium, was man sich hier in Form von weißem Pulver reinzieht.

REISE ANS ENDE DER NACHT/Residenztheater - Foto: Matthias Horn

REISE ANS ENDE DER NACHT/Residenztheater – Foto: Matthias Horn

Das Amerika Fords ist dagegen für Bardamu zunächst die Offenbarung. Die Verheißung der neuen Welt offenbart sich ihm aber ohne Geld bald als große Lüge. Die Flucht vom Fließband führt ihn über das Bett der Prostituierten Molly (Katharina Pichler) wieder zurück nach Frankreich, wo er dann später als Arzt in den Armenvierteln von Paris arbeitet. Zum ständigen Begleiter wird ihm der mysteriöse Léon Robinson (wechselnd dargestellt von Aurel Manthei und Franz Pätzold), ein ehemaliger Kriegskamerad und Deserteur. In Rückblenden wird von ihrem ersten Zusammentreffen berichtet. Ein Gespann wie Faust und Mephisto oder Jekyill und Hyde, das sich nicht voneinander lösen kann.

Vor der Gewalt des Krieges wie dem Elend der Gosse flieht Bardamu immer wieder in die Arme schöner Frauen. Die Krankenschwester Lola (Britta Hammelstein), die Polin Sophie (Fatima Dramé) und natürlich Robinson Braut Madelon (wieder Britta Hammelstein). Die meisten der Darsteller treten hier in mehreren und ständig wechselnden Rollen auf. Viel Raum nimmt auch die Geschichte der Familie Henrouille (Götz Argus und Britta Hammelstein) ein, die ihre alte Mutter ins Hospiz abschieben wollen und dann Robinson beauftragen, die resolute grand-mére Henrouille (Michaele Steiger) die Treppe hinunterzustoßen. Was hier Anlass zu einem Slapstick mit Bezug zur gegenwärtigen Pflegeversicherung gibt. All das wird in vielen Szenen immer wieder angerissen und mit autobiografischen Texten und Pamphleten Célines vermixt. Nicht jeder wird dem bedingungslos folgen wollen.

REISE ANS ENDE DER NACHT/Residenztheater - Foto: Matthias Horn

REISE ANS ENDE DER NACHT/Residenztheater – Foto: Matthias Horn

Die schwarze Schauspielerin Fatima Dramé gibt dann noch als Heiner Müllers Engel der Verzweiflung im Duett mit Aurel Manthei als Emissär Debuisson einiges aus dem Auftrag zum Besten. Eine fiebrige Voodoogesangsaustreibung des revolutionären Geistes, einer großen Idee mit Hühnern und Hasen. Und wem es da noch nicht heiß genug geworden ist, der kriecht einfach mit Bibiana Beglau in den rauchenden Backofen. Wieder so ein Fall einer fünf Stunden langen Castorf’schen Komplett-Überforderung aller Sinne. Die Fantasie gehet ihm nimmer aus. Am Ende legt Bibiana Beglau zu Bob Dylans „Things have changed“ noch ein sehnsuchtsvolles Tänzchen aufs versiffte Bühnenparkett. „Gonna get low down, gonna fly high / All the truth in the world adds up to one big lie.“

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Reise ans Ende der Nacht
von Louis-Ferdinand Céline
in einer Bearbeitung von Frank Castorf
Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Deníc
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Gerrit Jurda
Video und Live-Schnitt: Stefan Muhle
Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula
Dramaturgie: Angela Obst
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Fatima Dramé, Britta Hammelstein, Aurel Manthei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Michaela Steiger, Jürgen Stössinger.
Dauer: 4 Stunden 40 Minuten, eine Pause

Premiere im Residenztheater: 31. Oktober 2013

Weitere Infos: www.residenztheater.de

Zuerst erschienen am 08.05. 2014 auf Kultura-Extra.

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Mit Zement von Heiner Müller in einer Inszenierung von Dimiter Gotscheff ist am Freitag das 51. Theatertreffen eröffnet worden.

Sonntag, Mai 4th, 2014

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Die Berliner Festspiele richten dem im letzten Jahr verstorbenen Regisseur während ihrer Leistungsschau der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen des deutschsprachigen Theaters einen Fokus aus.

Ein Fokus auf Dimiter Gotscheff Foto: St. B.

Ein Fokus auf
Dimiter Gotscheff
Foto: St. B.

Am Freitagabend hat sich wiedermal im Haus der Berliner Festspiele der Vorhang für die 10 bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Theaterraum gehoben. Und das Theatertreffen wird nicht wie im vergangenen Jubiläumsjahr selber feiern, sondern noch einmal einem bemerkenswerten, vielgeliebten und verehrten Theatermenschen huldigen, der sich Ende Oktober letzten Jahres für immer von der Bühne verabschiedet hat. Dimiter Gotscheff verstarb unerwartet und mit 70 Jahren, ähnlich wie sein großes Vorbild Heiner Müller, viel zu früh. Die Berliner Festspiele richten noch einmal den Fokus auf dem großen Theatergrübler Gotscheff. Der Regisseur ist fünfmal mit seinen Inszenierungen zum Theaterreffen eingeladen worden. Bunt ist die Palette der Autoren. Darunter Strindberg am Schauspiel Köln, Koltès und Tschechow an der Berliner Volksbühne, und Molière am Thalia Theater Hamburg. Zumeist standen dabei die Schauspieler der mit ihm kreativ verbandelten, sogenannten Gotscheff-Familie auf der Bühne.

Und sie waren allesamt gekommen, um ihr Oberhaupt noch einmal hochleben zu lassen. Den „Nagel“ des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, den er als TT-Trophäe gestiftet hatte (ein in Bronze gegossener Armierungsstahl aus den eingestürzten Gebäuden des großen Erdebebens in der Provinz Sichuan), bekam dann auch nicht der Intendant des Residenztheaters Martin Kušej, sondern Gotscheffs Witwe Almut Zilcher. Sie gab den sofort liebevoll „Totschläger“ genannten Preis als Wanderpokal ans Ensemble weiter, das den Wurm ja dann auch durchaus weiter zersägen könne.

Alexander Kluge - Foto: St. B.

Alexander KlugeFoto: St. B.

Vor der Aufführung der Eröffnungsinzenierung von Heiner Müllers Stück Zement ergriff der Autor und Filmemacher Alexander Kluge das Wort. Müllers Texte bezeichnet der langjährige Chronist seiner mit dem Berliner Dramtiker geführten Gespräche als den Einbruch der Wirklichkeit in das Theater, als Ort für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Müller und sein Regisseur Gotscheff lassen die Toten der Geschichte darin sprechen. Und daher fehlen sie auch dem Theater heute, das der Indendant der Berliner Festpiele Thomas Oberender zuvor noch als ein Medium der Morgenröte bezeichnet hatte. Die beiden schmerzlichst Vermissten müssten weiter neue Stücke schreiben und inszenieren. Ein fast schon verzweifelter Anruf der Toten.

Mit dem von ihm verehrten und meistinszenierten Autor Heiner Müller ist Dimiter Gotscheff bisher noch nie zum Theatertreffen eingeladen worden. Der Zufall will es nun, dass seine allerletzte Arbeit ausgerechnet auch seine jüngste Auseinandersetzung mit seinem Leib- und Magenautor war. Für das Residenztheaters München inszenierte Gotscheff im Mai 2013 Heiner Müllers nachrevolutionäres, russisches Revolutionsdrama Zement. Zur entfernten Verwandtschaft in München zählen nicht erst seit gestern auch Valery Tscheplanowa, Bibiana Beglau und Sebastian Blomberg. Sie bilden hier die Gotscheff-Kernfamilie, die in diesem Fall auch die in Heiner Müllers Bühnenadaption des 1925 erschienenen Romans von Fjodor Gladkow aus der Zeit der jungen Sowjetmacht ist.

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Der heimgekehrte rote Bürgerkriegsheld und Schlosser Gleb Tschumalow (Sebastian Blomberg) hat schwer an seiner Vergangenheit und an neuen Steinen, die ihm verschiedentlich durch die Vertreter der alten und neuen Macht in den Weg gelegt werden, zu tragen. Er soll die kaputte Zementfabrik wieder einer fruchtbaren Produktion zuführen. Über die hat sich der Rost der unproduktiven Jahre gelegt, und die Hallen sind von den Bauern für ihre Ziegen und Schafe geleert worden. Es regiert der Bauch. Seine einst liebende Frau Dascha (Bibiana Beglau) hat sich in einen Eisblock verwandelt. Das Kind ist im Heim, das Haus kalt und leer. Brotrationen gibt es nur für Registrierte. Daschas neues Zuhause ist das Exekutivkomitee und die Organisation der Frauen im Dorf. Sie lebt nur noch für die Idee, die auch körperlich ganz in sie gedrungen ist. Auf Glebs staubigem Soldatenmantel werden hart die neuen Regeln des Zusammenlebens verhandelt. Wer fragt das Pferd, wann es geritten werden will? tönt der Mann. Wenn du frierst heiz dich mit Arbeit, erwidert die Wissende. Die Privilegien, Krieger sind abgeschafft. Der Tod ist für alle. Gleb wird Daschas bitteres Geheimnis noch erfahren.

ZEMENT/Residenztheater München Foto © Armin Smailovic

ZEMENT/Residenztheater München
Foto © Armin Smailovic

Die Bühne ist ein schräges, graues Quadrat, das sich in die Senkrechte heben lässt. Die Toten war­ten auf der Gegenschräge / Manchmal hal­ten sie eine Hand ins Licht / Als leb­ten sie. Bis sie sich ganz zurück­zie­hen / In ihr gewohn­tes Dunkel das uns blen­det. Diese Zeilen von Heiner Müller, werden hier ganz Bild. Wie Schatten aus vergangenen Tagen zeichnen sich die Reste eines antiken Mosaiks auf dem Bühnenboden ab, die auch die Schatten von Fundamenthülsen für einen Neuaufbau sein könnten. Ein mythologisches Fundament auf den Knochen der Toten. Man muss die Toten ausgraben wieder und wieder. Zu Beginn klingt die Stimme Dimiter Gotscheff mit Worten aus Heiner Müllers Langgedicht Mommsens Block vom Band aus dem Off.

Die weiß gekalkten Müller’schen Toten werden hier von zwölf Studierenden der Otto-Falckenberg-Schule und der Theaterakademie August Everding in aschgrauen Kleidern und Masken dargestellt. Sie umringen lauernd die Bühnenschräge, turnen darüber oder stampfen darauf im Takt der Kommandos von Gleb Tschumalow beim Bau des Zementwerks. Kalk und Asche erzählen von Unterdrückung und Revolution, Sieg, Niederlage und Tod. Njurka, das später im Heim verhungerte Kind der Tschumalows dient Gotscheff als Vermittler zwischen den Lebenden und Toten. Er stellt die Figur, die bei Müller nur in den Dialogen der Eltern vorkommt, ins Zentrum seiner Inszenierung. Valery Tscheplanowa spricht die mythologischen Kommentartexte von Herakles, der Hydra und der Befreiung des Prometheus. Sie bricht Müllers pathetische Sprache aber auch immer wieder mit russischen Liedern auf. Was für den sonst ziemlich werktreu arbeitenden Regisseur Gotscheff sicher einen Bruch mit Müllers Anweisung, die Kommentare nicht von den handelnden Personen zu trennen, bedeuten musste, ist aber letztendlich ein Glück für seine Inszenierung.

Überhaupt ist dies eine großartige Ensembleleistung geworden. Als hätten sich alle noch einmal für ihren Regisseur in Zeug geworfen. Sei es Aurel Manthei als aasiger Vorsitzender Badjin, Glebs Gegenspieler, oder Paul Wolff-Plottegg als Ingenieur Kleist, der ihn einst verriet und dessen Kopf er nun für den Wiederaufbau braucht. Bedrückend die Szene in der Simon Werdelis als junger Makar einverstanden mit seiner Erschießung in den Tod geht und dabei noch einmal das frisch gelernte Alphabet aufsagt. Um dann wenig später wieder als wahnwitziger weißer Offizier Dimitri Iwagin über die Bühne zu irrlichtern. Nicht zu vergessen natürlich Genija Rykova als Polja Mechowa und Lukas Turtur als Sergej Iwagin, das zweite idealistische Revolutionspärchen, für das es nach den großen Parteisäuberungen nicht gut aussieht. „Wenn die Lebenden nicht mehr kämpfen können, werden die Toten kämpfen. Der Aufstand der Toten wird der Krieg der Landschaften sein.“ Gotscheff bringt hier zum Schluss noch einmal Müllers Text aus dem Auftrag ins Spiel. Ein nun doppeltes Vermächtnis.

ZEMENT/Residenztheater München Foto © Armin Smailovic

ZEMENT/Residenztheater München
Foto © Armin Smailovic

Sei es nun Zufall oder nicht, das Residenztheater ist gleich mit noch einer Inszenierung, die neben dem Romanautor Louis-Ferdinand Célineauch wieder ausführlich Heiner Müllers Auftrag zitiert, beim Theatertreffen vertreten. Volksbühnenchef Frank Castorf auf Abwegen in München hat mit Reise ans Ende der Nacht nun ein Heimspiel in Berlin. In seinem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wird es auch am 5. Mai ein Wiedersehen mit Dimiter Gotscheffs Tschechow-Inszenierung Iwanow geben. Das Deutsche Theater, leider wiedermal ohne Einladung zum TT, ist seit Jahren Gotscheffs künstlerische Heimat. Am 4. Mai ist hier seine schelmische Heiner-Müller-Verdichtung Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten / Mommsens Block zu sehen und am 9. Mai dann den damals von der Theatertreffen-Jury verschmähten, mittlerweile legendären Run von Samuel Finzi und Wolfram Koch um eine Wand in Aischylos‘ Persern. Komplettiert wird der Fokus zu Ehren Dimiter Gotscheffs am 4. Mai mit dem Filmportrait Homo ludens im Deutschen Theater, einer Ausstellung im oberen Foyer des Berliner Festspielhauses und einer Party mit Mitkos Liedern im Anschluss an die Zementvorstellung am 3. Mai.

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Zement
von Heiner Müller
Regie: Dimiter Gotscheff
Bühne und Kostüme: Ezio Toffolutti
Musik: Sandy Lopićić
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Andrea Koschwitz

Mit:
Valery Tscheplanowa… Njurka
Sebastian Blomberg… Gleb Tschumalow
Bibiana Beglau… Dascha Tschumalowa
Aurel Manthei… Badjin
Lukas Turtur… Sergej Iwagin
Genija Rykova… Polja Mechowa
Paul Wolff-Plottegg… Kleist
Götz Argus… Tschibis
Simon Werdelis… Makar, Dimitri Iwagin

Chor:
Lena Eikenbusch
Konstanze Fischer
Daniel Gawlowski
Jonas Grundner-Culemann
Thomas Hauser
Simon Heinle
Ines Hollinger
Lukas Hupfeld
Johanna Küsters
Judith Neumann
Klara Pfeiffer
Philipp Reinhardt
Anna Sophie Schindler

Premiere am Residenztheater war am 05. Mai 2013
Vorstellungsdauer: ca. 3 Stunden 15 min., eine Pause

Termine beim Theatertreffen:
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
FR 02.05.2014, 19:30 & SA 03.05.2014, 18:00

weitere Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/zement

Das TT-Logo der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Das TT-Logo der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

Die weiteren eingeladenen Inszenierungen:

Amphitryon und sein Doppelgänger
Schauspielhaus Zürich
Deutsches Theater Berlin
SA 03. & SO 04.05.2014, 19:30

Onkel Wanja
Schauspiel Stuttgart
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
MO 05. & DI 06.05.2014, 19:30

Fegefeuer in Ingolstadt
Münchner Kammerspiele
Hebbel am Ufer / HAU1
MI 07.05.2014, 20:00 & DO 08.05.2014, 16:30 & 20:00

Reise ans Ende der Nacht
Residenztheater, München
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
DO 08.05.2014, 19:00 & FR 09.05.2014, 18:00

tauberbach
Münchner Kammerspiele / les ballets C de la B, Gent / NT Gent
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
SA 10.05.2014, 19:30 & SO 11.05.2014, 18:00

Die letzten Zeugen
Burgtheater, Wien
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
DI 13.05.2014, 19:00 / MI 14. & DO 15.05.2014, 19:30

Ohne Titel Nr. 1 // Eine Oper von Herb…
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
MI 14. & DO 15.05.2014, 19:30

Die Geschichte von Kaspar Hauser
Schauspielhaus Zürich
Haus der Berliner Festspiele, Große Bühne
SA 17. & SO 18.05.2014, 19:30

Situation Rooms
Rimini Apparat / Ruhrtriennale
Kann aus terminlichen Gründen nicht gezeigt werden
Am Berliner HAU wieder im Dezember 2014

Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/theatertreffen/ueber_festival_tt/aktuell_tt/start.php

Zuerst erschienen am 30.04. 2014 auf Kultura-Extra.

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Leichtes Spiel. Neun Personen einer Frau von Botho Strauß im Residenztheater München

Mittwoch, Juni 23rd, 2010

Eine Uraufführung inszeniert von Dieter Dorn

„Eine Überraschungs- und Unvorhersehbarkeitsdramaturgie, die die Leichtigkeit ihrer Fügungen noch einmal extra betont, in dem sie die beiden Titelworte in jeder Szene wie auf einem Suchbild im Text versteckt.“ Wenn es nicht im Programmheft stehen würde, wir müssten dumm sterben. Leicht soll sich alles fügen, aber warum dafür 9 Frauen sich einer Altherrenphantasie beugen müssen, verstehe wer will.

Das Stück beginnt banal im Supermarkt, eine unbedarfte Hausfrau gewinnt und verliert, ehe sie es begriffen hat, einen Verehren an ihre Schwester. „Mit ihr hätten Sie leichtes Spiel gehabt.“ Sie ist halt die Ängstliche. Und so geht der Reigen der Peinlichkeiten weiter, über die schöne Träge, die erst von einem Hamletgeist gesagt bekommen muss, das sie doch lieber den interessanten Gast nehmen soll, bevor sie Opfer eines schlaffen Greislein wird. Die Kreative muss erkennen, als sie der Teamleiter nicht mag, dass sie lieber auf den umständlicher Briefeschreiber hätte setzen sollen. Jens Harzer ist einziger Lichtblick als Hamletgeist und Umständlicher. Was nicht heißen soll, dass sich die Damen nicht gut schlagen, sie werden aber wie schon gesagt, nur als Schablonen für eine merkwürdige männlich gesehene Lebensphilosophie verbraucht. Die nächsten Stationen heißen Frühlingsopfer, eine völlig nebulöse Männerrunde will einer Angetrunkenen mal nicht an die Wäsche, sondern altkluge Ratschläge erteilen. Die Zungenfertige erliegt aus lauter Neugier einem windigen Typen, der sogar vorgibt, sie nur wegen des Geldes zu nehmen. Dies passiert auf glattem Grund, schlüpfrig wie der Text dazu.

Danach ist Pause und man hätte nichts versäumt, wenn man gegangen wäre, denn nun geht es steil bergab, nicht nur über die Bühnentreppe, sondern auch mit Sprachwitz und dem Intellekt der dargestellten Frauen. Nun sind sie in den Fängen der Männer angekommen, es geht nur noch um Geld und den Erhalt des Status Quo. Das ist langweilig und uninteressant, Tiefpunkt ist die Szene der Ungehörigen, die einen Vortrag eines Mörders ständig unterbricht und sich dann mit dem schon aussortierten Alten verbündet. Das haben die Frauen nicht verdient, Botho Strauß entsorgt ca. 40 Jahre Emanzipationsversuche der Frau in den Bühnenabgrund. Zum Schluss darf auch noch Dieter Dorn als braver langjähriger Umsetzer der Straußschen Texte zeigen, was er für ein Frauenbild hat. Er steckt Cornelia Froboess in einen roten Kasten mit rotem Ballett-Tütü. Als spätes Mädchen darf sie 8 Bände Memoiren von verpassten Chancen und einem schönen Lachen vortragen. Danach ist es finster und vorbei. Leichtes Spiel, sauber.

Es bleibt zu hoffen, das Martin Kušej den Staub des Botho Strauß aus diesem Haus fegen wird.