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IMMERSION – Die neue Programmreihe der Berliner Festpiele zeigt interdisziplinäre Ausstellungen und Performances (Teil1)

Dienstag, Juli 11th, 2017

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Die Ausstellung Limits of Knowing kämpft im Martin-Gropius-Bau mit der Nichterkennbarkeit der Welt

(c) Berliner Festspiele

Vergangenen Sonntag haben die Berliner Festspiele ihr neues interdisziplinäres Kunst- und Theaterformat IMMERSION gestartet. Mit der Ausstellung Limits of Knowing im Martin-Gropius-Bau wollen die Veranstalter sogenannte sensorische Ansätze in Kunst und Wissenschaft untersuchen und diese beiden Felder miteinander verbinden, wie es heißt. Weiter steht dazu im Begleitkatalog: „Immersive Kunstwerke – ob sie nun mit technischen Apparaturen Sensoren (VR-Brillen, Overalls mit Sensoren, Smartphones, Stroboskopen) oder mit analogen Mitteln arbeiten – können wissenschaftliche Erkenntnisse und Problemstellungen in Erfahrungen übersetzen, die einer ungewöhnlichen Logik folgen. Sie locken uns Zuschauer*innen aus der Rolle der Betrachter*innen und laden uns in eine sensorische Erfahrungswelt ein, in der sie das Außen kurzzeitig vergessen.“ Vorausgesetzt natürlich, man ließe sich auch von diesen etwas kryptischen Beschreibungsversuchen locken.

Die „Immersion“, also das buchstäbliche Eintauchen in ein auf beschriebene Weise erzeugtes Kunstwerk, erfordert ein stückweit die Bereitschaft der potentiellen KonsumentInnen, sich jenseits der „klassischen Erkenntnistheorie“ auch direkten physischen Erfahrung auszusetzten und dabei durch rein sinnliche Empfindungen leiten zu lassen. Es spielt dabei zunächst auch keine Rolle, ob man direkt interagiert oder sich nur passiv treiben lässt. Wichtig scheint den KünstlerInnen lediglich die „Theorie der Unerkennbarkeit“, was bedeutet, dass sich diese neuen Phänomene nicht mit alten, verbrauchten Begriffen erfassen und beschreiben lassen. Dabei soll es vor allem auch um das Befremden, Verblüffen und die Hinterfragung unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit gehen.

 

RHIZOMAT VR(c) Mona el Gammal

 

Das sieht dann in den Ausstellungsräumen im 1.Stock des Martin-Gropius-Bau zunächst mal wie eine ganz normal kuratierte Schau zeitgenössischer bildender Kunst mit interdisziplinärer Ausrichtung aus. Der erste Raum befasst sich mit dem sogenannten „Narrative Space“ RHIZOMAT der deutschen Künstlerin Mona el Gammal, den sie bereits 2016 im Rahmen der Vorbereitungen auf das neue Format IMMERSION in Berlin vorstellte. Dabei konnte das Publikum einzeln in den von der studierten Szenografin gestalteten Räumen eines alten Gebäudes, dessen Lage nur Eingeweihten bekannt war, wandeln und einer dystopischen Geschichte um Gedankenkontrolle und eine Untergrundgruppe, die gegen ein monopolisierendes, unterdrückendes und überwachendes global ausgerichtetes Unternehmen kämpft, folgen. Dieses begehbare Szenario wurde nun für die Ausstellung in den 360°-Film RHIZOMAT VR verlängert. In einem kleinen abgeplanten Pavillion kann man auf einem Drehstuhl sitzend diesen 12minütigen Film durch eine Virtual-Reality-Brille ansehen. Die Story klingt ein wenig wie Matrix, ist in diesem inhaltlich recht begrenzten Schnuppervideo aber lediglich ein technisch durchaus perfektes Schmankerl, wenn nicht die Handys in den VR-Brillen heiß laufen.

 

Chris Salte: Haptic Field – Shanghai, Chronos Art Centre (CAC) – Foto (c) Aina Wang / CAC

 

Wirklich selbst in Räume eintauchen kann man mit den Overalls der chinesischen Kostümdesigner JNBY, die mit Sensoren ausgestattet sind. Durch semitransparente Brillen sieht man die Umgebung der Haptic Field (v2.0) genannten multisensorischen Rauminstallation von Chris Salter + TeZ nur sehr verschwommen und kann anderen TeilnehmerInnen nur durch die am Körper leuchtenden Sensoren, die zudem hin und wieder auch brummen und vibrieren, wahrnehmen und ihnen somit ausweichen. In den Räumen gibt es verschiedene, wechselnde elektronische Licht- und Soundquellen, die diesen Parcours zu einem durchaus interessanten Sinn-Erlebnis aus Tasten, Sehen und Hören machen. Ein heißer Tipp für jeden Technotempel.

„Arrival of Time“ nennt sich ein Ausstellungsteil, der sich künstlerisch mit der Messbarkeit von Zeitfluktuation auseinandersetzt. Es geht hierbei um Einsteins Theorie der Änderung der Raumzeit in Gravitationswellen. Das klingt zunächst recht wissenschaftlich. Das Künstlerduo Evelina Domnitch & Dimitry Gelfand nutzt zur Veranschaulichung in ihrer Lichtinstallation ER=EPR zwei gegeneinander rotierende Wasserwirbel, die zwei miteinander verbundene schwarze Löcher simulieren. Ebenfalls in einem Wasserbecken stellt die prismatische Lichtwellen produzierende Installation Orbihedron die quantentheoretische Interpretation von Schwerkraft dar.

 

Arrival of Time – Computersimulation von Gravitationswellen, die bei der Verschmelzung zweier schwarzer Löcher entstehen.  – Foto (c) Henze / NASA

 

Das ist sicher sehr schön anzusehen, das Prinzip der Immersion erschließt sich dem Betrachter allerdings nur durch zusätzliche Erklärungen und wirkt auch bei den von Professor Rana X. Adhikari durch programmierte Algorithmen computeranimierten Videobilder von Gravitationswellen oder der flackerndes Stroboskoplicht und hochfrequente Klänge ausendenden Videoscreen-Installation not even nothing can be free of ghosts von Rainer Kohlberger nicht viel anders als eine Ausstellung multimedialer bildender Kunst in anderen Zusammenhängen.

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Limits of Knowing
Ausstellung, Performance, Diskurs
01. bis 31. Juli 2017
Martin-Gropius-Bau

Infos: https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/immersion/start.php

Zuerst erschienen am 04.07.2017 auf Kultura-Extra.

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Nachlass – Rimini-Protokoll versuchen in einer videoakustischen Rauminstallation dem persönlichen Vermächtnis verschiedener Menschen nach ihrem Tode näher zu kommen

Das Schweizer Theaterkollektiv Rimini Protokoll kann man durchaus zu den Vorläufern der immersiven Theaterkunst zählen. Neben ihren Themenabenden mit den sogenannten Experten des Alltags gab es immer auch Produktionen, in die das Publikum interaktiv oder medial gesteuert eintauchen konnte. So zum Beispiel auch in dem 2014 zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Video-Parcours Situation Rooms. Mit Tablets und Kopfhörern bewaffnet bewegte man sich in der im HAU 2 aufgebauten Rauminstallation zum Thema internationaler Waffenhandel. Die Richtung und das Aufeinandertreffen mit den anderen MitspielerInnen wurden allerdings von außen gesteuert.

Relativ frei bewegen kann man sich in der neuen Rauminstallation Nachlass, die nach dem Schweizer Entstehungsort im Théâtre de Vidy in Lausanne über das Staatsschauspiel Dresden nun zur IMMERSION in den Berliner Martin-Gropius-Bau umgezogen ist. Wie der Titel der Produktion bereits erahnen lässt, geht es um die letzten Dinge, das, was von einem nach dem Tod als sogenannter Nachlass bleibt und Zeugnis über das vergangene Leben gibt. In einem Nebenraum im 1. Stock des großen Ausstellungshauses der Berliner Festspiele betritt man diesmal ganz ohne technische Hilfsmittel einen ovalen Flur, dessen Decke eine Weltkarte ziert, auf der kleine, aufleuchtende Lämpchen im Sekundentakt eine Art globalen Bodycount andeuten.

Wenn man schon eher ungern an den eigenen Tod denken mag, hilft es vielleicht, sich mit dem anderer Menschen auseinanderzusetzen oder zumindest mit deren Gedanken zu einem Thema, dem über kurz oder lang niemand entrinnen kann. Wir tauchen also für jeweils fünf bis acht Minuten in die Privatsphäre völlig fremder Menschen ein, denn nichts ist privater als der eigene Tod. Acht Türen führen vom Flur in kleine Räume, die der Szenograf Dominic Hube nach den Vorstellungen von acht Menschen gestaltet hat, die den Machern von Rimini Protokoll ihre Gedanken zu ihrem bereits relativ nahen oder noch unbestimmtem Ende mitgeteilt haben. Entstanden sind Audio- und Videoaufnahmen, denen man beim Blättern in Fotoalben, Kramen in Umzugskisten oder einfach nur so folgen kann.

 

Nachlass von Rimini Protokoll – Foto (c) Samuel Rubio

 

Digitalanzeigen über den Türen zählen die zur Verfügung stehende Zeit, dann öffnen und schließen sich die Türen wieder. Man wählt dabei selbst die Reihenfolge der neben den Türen namentlich erwähnten Personen. Ich lande zunächst im Keller eines Base-Springers. Das sind Extremsportler, die sich mit Fallschirmen von hohen festen Objekten stürzen. Das kann bei Unachtsamkeit und Fehlern bei der Ausrüstung schnell mal schief gehen, wie der 44jährige weiß. Er war schon auf einigen Beerdigungen. Entsprechend hat er mit einer Risiko-Lebensversicherung für seine Familie Vorsorge getroffen. Ansonsten hilft ihm ein Faible für schwarzen Humor (der Absprung heißt in diesem Sport Exit) und Westcoast-Punk, ums sich von den Gedanken an den Tod abzulenken.

Dagegen haben andere schon die Gewissheit des nahen Todes, meist bedingt durch Krankheit. Wir sind in der Schweiz, entsprechend geht es in drei der Fälle auch um Sterbehilfe – und dabei ganz konkret um ein selbstbestimmtes Ende. Die Inszenierung des eigenen Todes spielt dabei weniger eine Rolle als der Gedanke an die Hinterbliebenen, denen man entweder Briefe oder kleine Videobotschaften hinterlassen möchte. Einen besonders geordneten gemeinsamen Abgang wünscht sich ein altes Ehepaar aus Stuttgart. Er Bankangestellter, sie seine Sekretärin. Wir sitzen vor einem großen Eichenholzschreibtisch und lauschen ihren Lebensweisheiten von der Nazizeit über den Aufbau nach dem Krieg bis ins Heute. Für die Enkel der mittlerweile nach Brasilien ausgewanderten Kinder hat man einen Ausbildungsfond angelegt, allerdings steht dieser nur bei einem Studium in Deutschland zur Verfügung. Da schwingt schon einiges an Loriot-Humor mit.

 

Nachlass von Rimini Protokoll – Foto (c) Samuel Rubio

 

Gut geordnet in großen Umzugskisten befindet sich der Nachlass einer ehemaligen Mitarbeiterin einer EU-Kommission für Afrika. Wir werden aufgefordert darin zu stöbern, während sie mit Anrufen bei Beteiligten ihre Stiftung für junge afrikanische Künstler erklärt. Rührend sind die Erzählungen einer ehemaligen Arbeiterin einer Uhrenfabrik, auf deren Küchentisch ein ganzes Leben in Fotos liegt, und einer Büroangestellten, die in ihrer Kindheit gern Sängerin geworden wäre. Wir sitzen dabei wie in einem kleinen Theater vor einem geschlossenen Vorhang. Beider Leben verlief anders als geplant. Aber man ist mit sich und der Vergangenheit weitestgehend versöhnt. Hier hilft wohl auch eine gewisse Religiosität über die Angst vor dem Tod. Diese ist auch in kaum einem der Fälle wirklich spürbar. Weder bei einem 44jährigen Mann mit Hippel-Lindau-Syndrom, der die Ruhe in der Natur beim Fliegenfischens sucht und so seiner Tochter in Erinnerung bleiben möchte, noch bei einem 77jährigen gläubigen Muslim, der uns in einem als Gebetsraum ausgestalteten Raum per Video die Reise seines Sarges von Zürich bis nach Istanbul beschreibt.

Ganz anders ein Professor im Ruhestand, der sein ganzes Leben der Demenzforschung gewidmet hat. Fast schon philosophisch beschreibt uns der Wissenschaftler das im Alter zunehmende Schrumpfen des menschlichen Gehirns als Vorstufe des Todes. Sechs Personen sitzen dabei um einen zylindrischen Guckkasten und schauen in das Gesicht des jeweiligen Gegenübers. Im Dunklen werden die Gesichter dabei immer wieder überblendet. Der Forscher altert in Sekunden mittels seiner Fotos. Der Prozess des Sterbens als Videosimulation. Sind die anderen Zimmer teils nur recht eindimensionale, visuelle Nachlassverwaltung oder vermitteln lediglich akustische Lebensbeichten von Menschen, die wir nicht kennen, wird hier der eigene Verfall tatsächlich für Minuten fast greifbar. Aber ob wir nun eher spirituelle oder kognitive Wesen sind, das, was nach dem Tod kommt, wissen wir nicht. Um den eigen „Nachlass“ aber muss sich irgendwann jeder seine Gedanken machen.

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Nachlass – Pièces sans personnes (Martin-Gropius-Bau, 01.07.2017)
von Rimini Protokoll (Stefan Kaegi, Dominic Huber)
Konzept: Stefan Kaegi und Dominic Huber
Text: Stefan Kaegi
Szenografie: Dominic Hube
Video: Bruno Deville
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Premiere war am 14.09.2016 im Théâtre de Vidy, Lausanne
Die Deutsche Erstaufführung war am 16.06.2017 am Staatsschauspiel Dresden
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion von Théâtre de Vidy, Lausanne mit dem Staatsschauspiel Dresden

Termine in Berlin: 01.-31.07. im Martin-Gropius-Bau

Infos: http://www.vidy.ch

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/immersion/

Zuerst erschienen am 05.07.2017 auf Kultura-Extra.

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Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 – Rimini Protokoll setzen sich im HAU 1 mit Hitlers autobiografischer und antisemitischer Hetzschrift auseinander

Freitag, Januar 15th, 2016

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Mein Kampf ist mit einer Auflage von über 12,5 Millionen Exemplaren neben der Bibel oder dem Koran das vielleicht am häufigsten verkaufte Buch der Welt. Dem Autor Adolf Hitler hat seine 1925 im Landshuter Gefängnis geschriebene, autobiografisch gefärbte und antisemitische Hetzschrift bis 1944 Tantiemen in Höhe von insgesamt 15 Millionen Reichsmark eingebracht, die der selbsternannte Führer des Deutschen Volkes zum größten Teil nicht einmal versteuern musste. Ab dem 1. Januar 2016, 70 Jahre nach Hitlers Tod, ist dieses vom bisher die Urheberrechte haltenden Bayerischen Finanzministerium als hoch gefährlich eingestufte und penibel geschützte Buch nun gemeinfrei. Mein Kampf könnte demnach von jedem x-beliebigen Verlag gedruckt und neu herausgebracht werden. Der ungehinderten Verbreitung des Buches stehen allerdings wegen seines Inhalts ein paar strafrechtliche Belange wie der Tatbestand der Volksverhetzung und die Störung des öffentlichen Friedens im Wege.

 

Mein Kampf_Erstausgabe von 1925 im DHM (c) Huttenlocher auf Wikipedia

Mein Kampf – Erstausgabe von 1925 im DHM Berlin – Foto (c) Huttenlocher auf Wikipedia

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Dies und noch viel mehr erfahren wir in dem neuen Stück der bekannten Dokutheater-Macher Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll. Nach der Uraufführung im September 2015 beim Kunstfest Weimar feierte Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 nun just am Vorabend des Verkaufsstarts der kommentierten Neuausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte seine Berlin-Premiere auf der Bühne des Hebbel-Theaters (HAU 1). Sechs ausgewählte Experten des Alltags, wie es immer so schön heißt, verhandeln aber nicht nur rein rechtliche Dinge. Ihre Recherche unter der Leitung von Rimini Protokoll diente auch der Annäherung an den historisch brisanten Text zum Zwecke seiner Entmystifizierung. Was aus deutscher Sicht auch immer ein wenig Geschichtsaufarbeitung bedeutet.

Neben den nackten Zahlen und Fakten über z.B. die Vielzahl der Ausgaben im In- und Ausland geben die Experten daher auch einen Einblick in ihre Herkunft und Familiengeschichte. Irgendwie gab es dieses Buch in der Nazizeit dann ja in fast jedem deutschen Haushalt. Und bis heute hat es sich hartnäckig in so manchem Bücherschrank in der zweiten Reihe oder in anderen Verstecken erhalten. Gelesen will es allerdings kaum jemand haben. So hat die Frauenrechtlerin Sibylla Függe 1955 als 14jährige ein Exzerpt von Mein Kampf (MK) auf 20 Schreibmaschinenseiten erstellt und ihren schweigenden Eltern unter den Weihnachtsbaum gelegt. Flügges ältere Schwester ist dann später zur R.A.F. in den linken Untergrund gegangen. Auch ein Stück deutscher Geschichte.

Auf Alon Kraus, der eigentlich den israelischen Ankläger im Eichmann-Prozess zu seinen Vorbildern zählt, übt MK ebenfalls eine gewisse Faszination aus. Für den israelischen Anwalt mit deutscher Großmutter scheint die Lektüre eine Art lebenslanger Flirt mit dem Bösen zu sein. Allerdings pflegt  einen eher lockeren und auch mal provokanten Umgang mit dem Buch. Das erste Mal hat Kraus es als Student in der Unibibliothek gelesen und erzählt, wie es ihn aus seiner Schreibblockade befreite. Nun nutzt er MK hin und wieder als Mittel, um deutsche Frauen am Strand in Tel Aviv anzubaggern.

 

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Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 von Rimini Protokoll im HAU 1 – Foto: St. Bock

 

Dass es vor allem in Israel auch immer wieder Probleme mit der Veröffentlichung von MK gab, zeigt eine nachgespielte Debatte in der Knesset, die sich vor bereits vor zwanzig Jahren mit der für israelische Historiker geplanten Übersetzung ins Hebräische befasste. Während heute der Zentralverband der Juden in Deutschland die Herausgabe der neukommentierten Ausgabe von MK als Mittel zur Entlarvung des Rechtspopulismus begrüßt hat, fürchten jüdische Opferverbände dagegen die erneute Verbreitung von Hitlers rassistischen Thesen. Und auch der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, hält nichts davon, die Neuauflage von MK im Schulunterricht einzusetzen.

Eine ähnlich provokante Ader wie Alon Kraus hat der türkische Rapper Volkan T Error, bekannt aus Produktionen des Maxim Gorki Theaters. Er stellt eine türkische Manga-Ausgabe von MK vor und ist ansonsten zuständig für den Sound des Abends, bei dem es in expliziten Rap-Songs auch um den Umgang mit der deutschen Sprache und Kartoffel als Schimpfwort geht.

Die junge Rechtsanwältin Anna Gilsbach hat sich MK als PDF aufs Handy geladen und klärt über die rechtlichen Konsequenzen der Verbreitung auf. Ihr Großvater hat seinen Widerstand in der NS-Zeit mit der Lektüre von Hitlers Buch begründet und wurde wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt. Der gelernte Buchbinder Mathias Hageböck ist Restaurator an der Anna Amalia Bibliothek in Weimar und hat ein rein bibliophiles Interesse an MK, da er es inhaltlich eher für überschätzt hält. Während der Vorstellung druckt er sein eigenes Exemplar, bindet es und gibt es einem Zuschauer zum Lesen.

Wie schon in der Rimini-Protokoll-Produktion Karl Marx: Das Kapital, Erster Band ist auch hier der blinde Radiomoderator und Brailleschrift-Redakteur Christian Spremberg mit von der Partie, der einige Passagen aus einem Punktschrift-Exemplar von MK zum Besten gibt. Selbst das Bühnenbild des Kapital-Stücks ist recycelt worden. Eine große Bücherwand, auf deren Rückseite (oder Arschseite, wie sie von den Beteiligten genannt wird) sich der recht kurzweilige Abend abspielt. Der Touch des scheinbar Unfassbaren lässt sie das Buch zur Musik von Volkan T wie bei der Reise nach Jerusalem von einem zur anderen werfen oder zu Stichworten eines Buchstabenspiels darüber assoziieren.

Aber was hat uns nun der Inhalt des Buches Mein Kampf, von dem der britische NS-Experte und Hitler-Biograf Ian Kershaw sagt, es sei völlig nutzlos, eigentlich heute noch zu sagen? Und so horchen die Experten angestrengt auf den Klang des Textes, den Volkan T nach ihren Vorstellungen in elektronische Samples übersetzt oder den Christian Spremberg immer wieder, auch mal mit verzerrter Stimme den Duktus Adolf Hitlers imitierend, vorliest. Natürlich kitzeln die Beteiligten auch noch ein paar kabarettistische Stilblüten aus Hitlers Pamphlet, und im Hintergrund ist kurz Helmut Qualtinger vom Band zu hören, dessen höchst amüsante Lesung von Mein Kampf nun auch auf DVD zu haben ist. Hitler ist sicher kein Thomas Mann oder Goethe, Mein Kampf aber durchaus ein gutes Beispiel völkischer Literatur, wie es sie in den 1920er Jahren zu Hauf gab, meint der österreichische Historiker und MK-Experte Othmar Plöckinger im Video. Aus heutiger Sicht ist das Buch somit zweifellos eine wichtige historische Quelle. Ob man sie unbedingt in der Schule lesen muss, sei dahingestellt, als Zeugnis wirksamer, perfider Propaganda hat das Buch sicher auch in unserer Zeit noch Bedeutung.

Angesichts des Phänomens, dass neben Hitler auch der Neonazi Michael Kühnen und der erst linke, dann extrem rechte Anwalt Horst Mahler Bücher im Knast geschrieben haben, fragt man sich am Ende auf der Bühne, woran denn gerade Beate Zschäpe schreibt. Ich würde auf ein Buch mit unschuldigen deutschen Kochrezepten tippen.

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Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 (HAU 1, 07.01.2016)
von Rimini Protokoll
Konzept, Regie & Text: Helgard Haug, Daniel Wetzel
Dramaturgie & Recherche: Sebastian Brünger
Bühne & Video: Marc Jungreithmeier
Interaction Design: Grit Schuster
Musik: Volkan T
Regie-Assistenz: Meret Kinderlen
Technische Koordination & Licht: Andreas Mihan
Sound Design / Ton-Technik: Peter Breitenbach
Hospitanz: Linn Günther
Company Management: Heidrun Schlegel
Mit: Sibylla Flügge, Anna Gilsbach, Matthias Hageböck, Alon Kraus, Christian Spremberg, Volkan Türeli

Uraufführung beim Kunstfest Weimar am 03.09.2015
Berlinpremiere im HAU 1 am 07.01.2016
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Weitere Termine:
29.01. und 31.01.2016 an den Münchner Kammerspiele
17.02. – 18.02.2016 am Schauspiel Leipzig
23.03. – 24.03.2016 am Staatsschauspiel Dresden

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de

Zuerst erschienen am 09.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Theater und Politik – Ein aktueller Jahresrückblick (Teil 1) – Rimini Protokoll holen die Realität in den fiktionalen Raum Theater. Wolfram Lotz löst Realität mit Mitteln der Fiktion auf. Die Bilder müssen in beiden Fällen im Kopf neu zusammengesetzt werden.

Montag, Dezember 29th, 2014

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Realität oder Fiktion, das ist die Frage, die politisch denkende Theatermacher derzeit umtreibt. Während Rimini Protokoll die reale Welt in den fiktionalen Raum des Theater holen, greifen Theaterautoren wie Wolfram Lotz mit Mitteln der ins Absurde getriebenen Fiktion die Realität an. „Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist also der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision.“ Für Lotz sind Theaterstücke Anleitungen für die Wirklichkeit. In seiner „Rede für das unmögliche Theater“ plädiert er für das Theater als Ort, „an dem Fiktion in Wirklichkeit umgesetzt wird.“

Dass irgendwie alles mit allem verbunden ist, weiß man spätestens seit der Chaosforschung oder dem rhizomatischen Denk- und Weltbeschreibungsmodell der Postmoderne von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Festgefügte Begriffe wie Logos, Ursprung, Wahrheit und Vernunft lösen sich auf und beginnen zu gleiten. Nichts hat Anfang und Ende. Früher sprach man mit Heraklit: „Alles fließt.“, oder besser: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Nur, dass die Einheit aller Dinge, wie Heraklit sie noch sah, heute einen ontologischen Knacks bekommen hat.

Das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit ist daher wieder besonders interessant für das Theater. Wird der Zuschauer im HAU 2 beim Video-Stück Situation Rooms von Rimini Protokoll als in einer Installation fiktiv handelnde Person in reale Zusammenhänge verstrickt, denen er sich nicht, ohne das Spiel bewusst zu verlassen, entziehen kann, bringt Wolfram Lotz in seinem Hörspiel Die lächerliche Finterniss die als real empfundene Welt des Zuschauers mit seinem fiktiven Text in Unordnung, um Realität neu verhandeln zu können. Wobei Regisseurin Daniela Löffner am Deutschen Theater dieser Verunsicherung die entsprechenden Bilder entgegenzusetzen versucht. Ein Unterfangen, das in beiden Fällen fast zwangsläufig zu Wahrnehmungsproblemen führen sollte.

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Situation Rooms – Rimini Protokoll zeigen ihr zum Theatertreffen 2014 eingeladenes interaktives Video-Stück im Rahmen des Themenschwerpunkts „Waffenlounge“ am Berliner HAU 2.

Situation Rooms_HAU 2_Plakat Waffenlounge

Schwerpunkt Waffenlounge im HAU 2 Foto: St. B.

Wir stehen an einem langen Tisch im HAU 2. Eine kleine Gemeinschaft von zwanzig ganz normalen Personen, die durch einen Spielleiter auf das nun Folgende eingeschworen werden. In den nächsten rund 80 Minuten sollen wir, den Anweisungen auf einem Tablet-PC folgend, nacheinander in zehn von zwanzig Charaktere des Videostücks Situation Rooms der bekannten Doku-Theatermacher Rimini Protokoll schlüpfen. Der Titel ist dem Schnappschuss aus dem Weißen Haus entlehnt, der die US-Administration bei der Live-Video-Übertragung der Liquidierung Osama Bin Ladens durch eine Spezialeinheit von US-Marines zeigt.

Nun schauen wir also auf kleine flimmernde Bildschirme, vor uns ein räumlicher Parcours mit zwanzig nummerierten Eingangstüren, durch die wir einzeln in die uns nur von Berichten aus Film, Fernsehen oder den unterschiedlichen Print- und Internetmedien bekannte Welt der Rüstungsindustrie, des globalen Waffenhandels sowie der militärischen Krisen mit allen ihren Folgen eintreten werden. Für kurze Zeit tauschen wir unsere persönliche Identität gegen die der von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel ausgewählten Experten des Alltags, denen wir sonst so bequem im Theatersesel beim Erzählen ihrer Geschichten lauschen durften.

Der Alltag ist hier zumeist ein blutiger. Ich stehe zunächst in einem einfachen Raum, der eine Schule in Kisangani (Demokratische Republik Kongo) darstellt. Der neunjährige Yaoundé Mulamba Nkita erzählt von einem Angriff der Kabila-Milizen, nach dem er mit den anderen Schülern entführt und zum Kindersoldaten ausgebildet wurde. Ich ziehe die Fahne Zaires hoch und muss sie nach dem Machtwechsel wieder einholen. Später, fast am Ende des Parkours, werde ich wieder vorbeikommen und die Hand von Richard Khamis, einem Journalisten aus dem Süd-Sudan schütteln, der hier sein Rundfunkstudio aufgebaut hat und ehemalige Kindersoldaten zu Journalisten ausbildet. Khamis zeichnet an einer Tafel noch einmal den Weg der Waffen im sudanesischen Bürgerkrieg nach. Die Regierungstruppen hatten deutsche G3-Gewehre, die Rebellen kauften Kalaschnikows in Osteuropa.

Situation Rooms_HAU 2_Dez. 2014

Situation Rooms im HAU 2
Foto: St. B.

Und darum geht es auch. Wir sollen, den Weg der Waffen zurückverfolgend, unsere Verstrickung in die Konflikte dieser Welt nachvollziehen können. Ich wechsele dazu in die Identität eines Computer-Hackers, der Sicherheitssysteme von Banken checkt oder auch zu knacken weiß. Die von ihm entwickelten Programme werden also auch für ihr Gegenteil missbraucht. So stehe ich wenig später mit einem Hipster-Hut neben dem sorglosen Schweizer Arbeiter eines Rüstungsbetriebs und schaue ihm beim Werkeln über die Schulter. Einen Computer-Stick, den er benutzt, stecke ich wenig später in die Jacke seines Spindes zurück, bevor ich sie selbst anziehen muss, um mich nun als Konstrukteur von High-Tech-Waffenteilen zu betätigen. Beim abendlichen Teller Borschtsch flimmert der Krieg bei den Nachrichten in die Wohnstube, und der Mann erklärt seiner Frau am anschaulichen Beispiel aus dem Golfkrieg, was er am Tage zusammengebaut hat.

So hängt alles mit Allem zusammen, will uns das Spiel von Rimini Protokoll erklären. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, aber auch sehr variabel – durch das Auge des jeweiligen Betrachters gesehen. Nichts ist dabei von Anfang an so, wie es einem zunächst scheint. Man muss die Bilder auf dem Tablet im Kopf neu montieren. Dazu bleibt aber relativ wenig Zeit. Das Spiel ist auf den Punkt getimt, man muss Anschluss halten. Und so erfahre ich, dass die Möglichkeiten an einem Krieg zu verdienen, genauso vielgestaltig sind, wie in einen verwickelt zu werden. Die einen tun dies aus freien Stücken, andere eher unwissentlich oder auch gezwungener Maßen. Im Hinterhof der Installation reflektiert ein israelischer Soldat seine Situation auf dem täglichen Patrouillengang. Man kann bequem am Joystick des Dohnenkrieges sitzen oder deren Opfer vor Gericht verteidigen.

Ein deutscher Sportschütze lässt sich vom Waffenhersteller Heckler & Koch sponsern. Er testet die neuesten Modelle auf der Schießanlage. Und ich, einst selbst Wehrdienstleistender bei der NVA, gehe gehorsam in den liegenden und stehenden Anschlag. Auf einer Waffenmesse führe ich einen elektronischen Handschuh für Sicherheitschecks vor und helfe einer Mitspielerin in eine schusssichere Jacke. Wo die deutsche Hochburg der Rüstungsindustrie steht, erfahre ich in der Rolle eines Friedenaktivisten, der die Geschichte der Waffenstadt Olberndorf mit dem Mauserwerk bis zurück ins Dritte Reich rekapituliert.

Situation Rooms_HAU 2_Waffenlounge1

Installation Waffenlounge im HAU 2 – Foto: St. B.

Schnell wird das Spiel dann wieder als Kriegsfotograf vor Ort. Hier treffe ich auch noch einmal den Kindersoldaten. Ein Foto kostet Geld oder auch das Leben. „Heute war mein Leben ganze 4 Dollar wert“, gibt der dpa-Mann zu Protokoll. Nicht gerade viel im Gegensatz zum Profit der Waffenlobbyisten, die sich in klinisch sauberen Konferenzräumen treffen. Am Ende stehen dort alle rund um einen großen Tisch, die Tablets flimmern. Wir kehren zurück in unsere Realität. Die Bilder werden noch eine Weile bleiben.

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Rimini Protokoll
Situation Rooms (19.12.2014)
Von: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel
Szenografie: Dominic Huber / blendwerk
Video: Chris Kondek
Ton: Frank Böhle
Technische Leitung und Licht: Sven Nichterlein
Mit: Abu Abdu Al Homssi (Syrien), Alberto (Mexiko), Shahzad Akbar (Pakistan), Jan van Aken (Deutschland), Narendra Divekar (Indien), Nathan Fain (USA), Reto Hürlimann (Schweiz), Maurizio Gambarini (Deutschland), Andreas Geikowski (Deutschland), Marcel Gloor (Schweiz), Barbara Happe (Deutschland), Volker Herzog (Deutschland), Richard Khamis (Süd-Sudan), 
Wolfgang Ohlert (Deutschland), Irina Panibratowa (Russland), Ulrich Pfaff (Deutschland), 
Emmanuel Thaunay (Frankreich), Amir Yagel (Israel), Yaoundé Mulamba Nkita (Kongo), Familie R (Lybien). Sowie: Christoper Dell, Alexander Lurz, Karen Admiraal
Recherche: Malte Hildebrand, Cornelius Puschke
Regieassistenz: Ann-Kathrin Büdenbender, Malte Hildebrand
Mitarbeit Szenografie / Assistenz: Claudia Bartel, Ute Freitag, Sophie Reinhard, Leonie Süess
Produktions-leitung: Heidrun Schlegel
Video-Assistenz: Philipp Hochleichter
Werkstatt Leitung: Steffen Fuchs
Licht: Hans Leser, Stefan Neumann
Elektronik Effekte: Georg Werner
Assistenz der Produktions-leitung: Caroline Lippert, Christin Prätor
Übersetzung: Amina Orth, Günter Orth, Djengizkhan Hasso, Riad Ben Ammar, Othman Saeed, Nahal Saeed, KITA Berlin
Produktion: Rimini Apparat und Ruhrtriennale
Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer, Schauspielhaus Zürich, SPIELART festival & Münchner Kammerspiele, Perth International Arts Festival, Grande Halle et Parc de la Villette Paris, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, Onassis Cultural Center – Athens.
Dauer: ca. 80 Minuten, keine Pause
Premiere bei der Ruhrtriennale: 23.08.2013
Berlin Premiere im HAU 2 am: 14.12.2014
Weiter Termine: 15.-22.12., 27.-30.12.2014, 2.-11.1.2015 / HAU2 /
Begrenzte Kapazität, Anmeldung erforderlich

Infos: http://www.2013.ruhrtriennale.de/de/programm/produktionen/rimini-protokoll-situation-rooms/

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/programm/alphabetisch/rimini-protokoll-situation-rooms/

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/waffenlounge/

Zuerst erschienen am 23.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz inszeniert Daniela Löffner an den Kammerspielen des DT als Reigen kurioser Situationen

Das Rhizomatische an Wolfram Lotz‘ Geschichte ist, dass sie wie Rimini Protokolls Situation Rooms Zusammenhänge sichtbar machen will. Nur das Lotz dazu in die Trickkiste greift und zwei bereits aufeinander beruhende Fiktionen miteinander verschränkt, indem er sie gleichzeitig in unsere Gegenwart holt. Im Untertitel nennt der Autor seine Bezüge. Das Hörspiel Die lächerliche Finsternis nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse fußt auf dem Afrika-Roman Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und dem Vietnamfilm-Klassiker Apokalypse Now von Francis Ford Coppola.

Lichter in der Finsternis - Weihnachten am Deutschen Teater Berlin - Foto: St. B.

Lichter in der Finsternis – Weihnachten am Deutschen Teater Berlin – Foto: St. B.

Die Neuadaption von Lotz versetzt das Geschehen nach Afghanistan an den Hindukusch, in der Annahme, so die Annäherung an die Vorlagen, dass dieser ein Fluss sei. Zwei Bundeswehrsoldaten, der Hauptfeldwebel Oliver Pellner und der Unteroffizier Stefan Dorsch, fahren mit einem Boot in den Dschungel Afghanistans, auf der Suche nach dem abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger, der mehrere Soldaten im Wahn getötet hat. Das Wasser ist dabei das alles verbindende Element, wie auch der Transportweg aus der sicher geglaubten westlichen Zivilisation in die Irre der Finsternis aus wirtschaftlichen Verflechtungen und Kriegen. Kein Tablet weist hier den Weg zurück in die Realität. Aus dieser Verunsicherung wird eine ganz neue Realität erschaffen.

Lotz macht trotz bissiger Satire und jeder Menge surreal komischer Momente schon im Prolog des somalischen Piraten klar, dass es ihm durchaus auch ernst ist. Meist mit angeklebtem Schnurrbart darf Kathleen Morgeneyer hier alle übrigen männlichen Rollen verkörpern, u.a. eben auch die des Somaliers Ultimo Michael Pussis, der sich wegen des durch westliche Fischereiflotten leergefischten Meers vor Somalias Küste mit seinem Freund Tofdau als diplomierter Pirat verdingen muss. Morgeneyer setzt dabei vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang ganz in schwarz ohne das übliche Blackface zu einer recht poetischen, in ruhigem Ton vorgetragenen Verteidigungsrede vor einem Hamburger Strafgericht an.

Die lächerliche Finsternis - Foto DT-Schaukasten

Die lächerliche FinsternisFoto DT-Schaukasten

Dagegen werden dann Hauptfeldwebel Pellner (Alexander Khuon) als desinteressierter Zyniker und Unteroffizier Dorsch (Moritz Grove) als anscheinend zu kurz gekommenen Ossi, der seine einzige Aufstiegschance bei der Bundeswehr sieht, vorgestellt. Pellner behandelt den verzweifelt um Anerkennung Ringenden stets von oben herab. Die Spielszenen mit den Beiden sind geprägt durch Slapstick mit einem Radio, das als einziges Requisit noch an den Ursprung des Stücks als Hörspiel erinnert. Die Feldverpflegung besteht ausschließlich aus Bananen, aus Plastikflaschen klatscht man sich Wasser unter die Achseln und an die Brust. Besonders schweißtreibend ist das Unterfangen der beiden die meiste Zeit auf einer Art in Kunststofffolie eingepacktem Floß schwebenden Soldaten aber eher nicht. Die lyrische Metapher des Flusses in die Finsternis geht im Klamauk unter.

Immer wieder kreuzen skurrile Typen die Fahrt der Soldaten. Es begegnen ihnen italienische Blauhelmsoldaten, die Coltan abbauende Einheimische (zu dem Thema hatte Roland Schimmelpfennig schon am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein poetisches Rührstück in den afrikanischen Bühnensand gesetzt) beaufsichtigen. Man isst Pizza und wirft den unzivilisierten „Eingeborenen“ (hier uns Zuschauern) ein paar Brocken zu. Ein in einer Aluminiumkiste vorbeischwimmender Händler vom Kriegsschauplatz Balkan bietet mitten im Dschungel den üblichen Ramsch der Zivilisation an und geht dafür mit dem Unglück seiner Familie hausieren. Ein lüsterner Missionar lässt sich über den Islam aus und kultiviert Wilde. Ein sprechender Papagei sagt die bittere Wahrheit als antrainiertes Kunststück und im Gleichnis vom Lippenbär und dem Mädchen Paya spiegelt sich der westliche Sextourismus. Die Statisterie des DT bietet dafür noch ein paar stramme UNO-Blauhelme auf und engelsgleich umherhuschende Wilde mit goldigem Lametta-Haar.

Im Großen und Ganzen karikiert Lotz hier die Klischees des in der westlichen Welt sozialisierten wie zivilisierten Kleinbürgers über das ihm Unbekannte, das zu erklären er aber nie müde wird. Während Dorsch noch um etwas Anteilnahme bemüht ist, versucht Pellner sichere Distanz zu wahren. Die Figuren verstrickten sich hier eher beiläufig in lächerliche Situationen. In allzu große Zweifel werden sie dabei aber kaum gestürzt. Dass am Ende der Abtrünnige Deutinger doch noch in der Gestalt von Kathleen Morgeneyer im kleinen Schwarzen auftaucht und Pellner sich die Bühne mit dem auf dem Meeresgrund dahergelaufenen Tofdau teilen muss, spielt da eigentlich nur eine kurios numerische Nebenrolle. Der Irsinn des Krieges als arithmetische Gleichung mit mehreren Unbekannten.

Die lächerliche Finsternis - Foto DT-Schaukasten

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Es ist schon so schwierig mit dem Stück, aber fast unmöglich mit der Inszenierung von Daniela Löffler klar zu kommen. Am besten ist da noch das Bühnenbild von Claudia Kalinski. Es geht mit diesem kleinen Wolken/Wellen-Schiffchen solange rauf und runter, bis alles zerfließt, was uns als sicher erscheint und nichts mehr da ist, was es zu verhandeln gäbe. Da kommt Regisseurin Daniela Löffner, die schon so verschiedene Gegenwartsstücke wie Das Ding von Philipp Löhle oder Rebekka Kricheldorfs Alltag & Ekstase auf die Bühne gebracht hat, der Intension des Autors schon sehr nahe. Eine absurde Überhöhung der Realität, die uns eh nur aus den öffentlichen Medien bekannt ist.

Leider ist in der Inszenierung auch nichts wirklich lächerlich Finsteres zu sehen, außer der Lächerlichkeit unserer Welt selbst. Und die ist ja wohl auch ohne dem meist ziemlich finster. Vielleicht ist das ja die Absicht des Autors. Nur wird das in der Inszenierung nicht wirklich deutlich. Lotz will absurd sein und mischt Fiktion mit der Wirklichkeit, wobei beides trotzdem immer klar erkennbar bleibt. Daraus macht Löffner hilflose Maskerade und Farce. Die beabsichtige Verunsicherung bleibt aus und es wirkt alles eher uninteressant. Das ist dann eben genau das „Pimmelschwäne-Theater“, von dem Lotz in seiner Rede zum unmöglichen Theater spricht.

Aber vielleicht ist ja auch ganz o.k., mal den Pimmel raushängen zu lassen, um ordentlich abzustrullen. So ist es! Und so ist es auch wieder nicht. Aber da kann man auch Beckett oder Heiner Müllers Bildbeschreibung lesen. „Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau, zwei riesige Wolken schwimmen darin, wie von Drahtskeletten zusammengehalten, jedenfalls von unbekannter Bauart, die linke größere könnte ein Gummitier aus einem Vergnügungspark sein, das sich von seiner Leine losgerissen hat, oder ein Stück Antarktis auf dem Heimflug, …“ – Mag sein.

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Die lächerliche Finsternis (21.12.2014)
von Wolfram Lotz
Regie: Daniela Löffner, Ausstattung: Claudia Kalinski, Musik/ Sounddesign: Sebastian Purfürst, Licht: Marco Schwerle, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Alexander Khuon, Moritz Grove, Kathleen Morgeneyer, Andy Kubiak, Patrick Sommer, Marof Yaghoubi.

Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters war am 14.12.2014

Termine: 03., 10. und 23.01. / 15. und 28.02.2015

Infos: www.deutschestheater.de

Fortsetzung folgt…

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I´m a happy, happy, happy Millionaire – Rimini Protokoll lassen im HAU 1 die „Lagos Business Angels“ fliegen

Freitag, März 30th, 2012

Die Macher der Dokumentartheatergruppe Rimini Protokoll haben sich den Titel ihres neuen Projekts aus der Business-Sprache entlehnt. Business Angel sind im ursprünglichen Sinne Wirtschaftsberater für Existenzgründer oder suchen Finanziers für bestimmte Firmenprojekte. Sie helfen mit ihrem Know-how und Erfahrungen Netzwerke zwischen Produzenten und finanzkräftigen Investoren zu knüpfen oder steigen auch gleich selbst in die Finanzierung mit ein. Rimini Protokoll haben nun solche Business People aus der Boomtown Lagos in Nigeria gecastet, um mit diesen Alltags-Experten in Wirtschaftsdingen eine Art Geschäftsmesse im HAU 1 zu veranstaltet. Sie gehen dabei mit uns, den Messe-Besuchern, auf die Suche nach der besten Idee, dem Traum vom „Own small Business“, den diese Männer und Frauen aus Lagos so kongenial zu verkörpern scheinen. „Lagos Business Angels“ führt durch eine Art Stationen-Parcours, in dem diese kreativen Gründer und Projektentwickler ihre Geschäftsideen präsentieren und dabei nebenbei noch Einblicke in ihr Leben in Nigeria geben.

hau-1.jpg Foto: St. B.
Das Hebbel am Ufer (HAU 1)

Nigeria ist laut Helgard Haug von Rimini Protokoll wegen seiner Extreme besonders interessant. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist auch besonders reich an Ölreserven. Dagegen stehen, dass mehr als 100 Millionen Menschen weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben haben. Entlang dieser Spannung erzeugenden Kluft, entwickelt die Tatsache auch einen enormen Sog auf Geschäftemacher aller Art, deren Kreativität auf Grund des Fehlens jeglicher staatlicher Unterstützung oder Einmischung keinerlei Grenzen gesetzt sind. Nigeria wird 2050 Deutschland wirtschaftlich gesehen eingeholt haben. Da kann einem schon sein festgefügtes Afrikabild ins Wanken geraten. Beim genaueren Hinsehen und -hören bei den einzelnen Stationen der Performance, stößt man aber unweigerlich auch wieder auf die üblichen Klischees wie Korruption, Betrug oder Zahlenschönfärberei und Bilanzfälschung. Davon jedoch ist die europäische Wirtschaft auch nicht gerade frei. Die hiesige Krise, ihre Ursachen und Folgen scheinen sich in Afrikas Boomstädten regelrecht wiederzuspiegeln. Aber erst einmal lockt das schier unendliche Potential für Ideen und deren Entwicklung. Was fehlt ist oft lediglich nur das nötige Kleingeld zur Realisierung und da hofft man natürlich auf den finanzstarken Westen. Wir Westler werden hier nun also von den BA´s aus Lagos beraten und einerseits zum Nachdenken über sinnvolle Strategien der Entwicklungshilfe oder gar eigene Realisierungspläne angeregt.

lagos_island.jpg Skyline von Lagos, Nigeria – Foto von Benji Robertson unter CC-Lizenz (Wikimedia Commons)

Jude Fejokwu z.B. ist eine Art kritischer Investmentbanker und Analyst. Er empfiehlt anhand seiner Portfolios den Einstieg an der Börse in Lagos. Uwe Hassenkamp aus Deutschland ist schon dick im Geschäft und bietet sein Netzwerk zur Vermittlung von Kontakten zu nigerianischen Firmen an. Frieda Springer-Beck, Unternehmerin aus Nürnberg, haben ihre schlechten Erfahrungen, nachdem sie 300.000 Dollar durch krumme Geschäfte verloren hatte und erst nach dem mühseligen Weg durch alle Instanzen zum Teil wiedererlangen konnte, zu einem besonderen Engagement in Nigeria geführt. Sie berät in Sachen Wirtschaftbetrug und klärt Neueinsteiger auf. Immobilienmakler Oludolapo Babs Ajayi wirbt für den Einstieg in den Wohnungsmarkt von Nigeria. Ob sich allerdings alle Nigerianer seine nachhaltig erbauten Häuser leisten können, und wie die notwendigen Kredite dafür finanziert werden sollen, ist in der Kürze der Zeit nicht zu erfahren. Frank Okoh, Autoresteverwerter, und Kester Peters, Zierfischhändler und Berater im Ölgeschäft, sind da ganz die Machertypen. Aus kleinen Verhältnissen haben sie sich hochgearbeitet und wagen nun den Schritt über die Grenzen. Frank Okoh steht an seinem Überseecontainer im Hof des HAU und verkündet freudestrahlend: „Let me show you, how we do the business.“ Zeit ist Geld, don´t waste it! Das ist die Botschaft und im 10 Minutentakt wechselt zum Gospelsong I’m A Millionaire von Bill Gaither der Standort und Standpunkt. Bei Lapdipo Oluwafemi schreitet man über einen Laufsteg, während er das Schuhwerk der potentiellen Kundschaft begutachtet. Er träumt von der Vergrößerung seines Familienbetriebs für ganz spezielles Schuhwerk. Markenbewusstsein ist nicht nur im Kauf eines Mercedes aus Deutschland erkennbar, auch im österreichischen Lustenau schätzt man die afrikanische Kundschaft. Seit Jahren schon verkauft Silke Hagen-Jurikowitsch mit hochwertigen Stickereien verzierte Stoffe an betuchte Nigerianerinnen.

lagos-market.jpg Market in Lagos, Nigeria – Foto von Zouzou Wizman unter CC-Lizenz (flickr.com)

Alle zusammen bestärkt der ungetrübte Glaube an das freie Unternehmertum. Zum Ende des Abends wird dann sogar eine himmlische Messe zelebriert, in die alle Anwesenden mit einbezogen werden. Pastor und Filmproduzent Victor Eriabie hat auch schon die passende Idee für notleidende deutsche Theater, er sucht Stätten für seine charismatischen Gottesdienst-Events. Dieser Abend von Rimini Protokoll ist tatsächlich eher zwiespältig und zudem noch recht einfach gestrickt. Ich vermute da aber auch die gute Absicht im Hintergrund und nicht vorrangig einen Lapsus bei der Regie. Wenn man mal all das Negative, was man über Geschäftsleute aus Nigeria oder Afrika allgemein gehört hat, außen vor lässt, entwickelt sich doch ein ganz ähnliches Bild, wie meinetwegen noch vor zwanzig Jahren im Osten Deutschlands. Auch wenn man das natürlich nicht unmittelbar vergleichen kann. Es gibt eine Art Aufbruchsstimmung in Nigeria und viele versuchen sich mit ihren Ideen durchzusetzen. Und was man hier zu sehen bekommt, ist sicher nur ein Bruchteil dessen, was an Potential in diesem Land steckt. Die Leute müssen dort ihre Nische finden, wo nicht die global agierenden Großkonzerne bereits das Territorium abgesteckt haben. Und dass Sie dabei den Heilsversprechungen des Kapitals im Westen folgen, ist nun mal der Lauf der Dinge. Wir haben es vor gemacht. Das ist dann auch der doppelte Boden, den dieses Rimini-Projekt fast unbemerkt einzieht. Auch der Westen hat die Gewinnspannen entdeckt, die im Export gefragter Produkte nach Nigeria stecken. Der direkte Preisvergleich zum Schluss zeigt das sehr deutlich. Man kann das als seichte Kapitalismusshow abtun, hier kann man aber auch sehr gut das Prinzip Angebot und Nachfrage studieren oder das Funktionieren von Kapitalmärkten erkennen. Leichter wird man es nicht mehr erklärt bekommen.

Der Businesstourplan im HAU 1 hau-1_lagos-business-angels.jpg 

Die nächsten Termine:

LAGOS BUSINESS ANGELS 
von RIMINI PROTOKOLL (HAUG/KAEGI/WETZEL)

  • 30. und 31.03.2012 / 19.30 UHR / HAU 1
  • 01., 03. und 04.04.2012 / 19.30 UHR / HAU 1

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Michael Coolhaze sieht rot im DT und Herrmann battled im HAU – Studio Braun und Rimini Protokoll zeigen uns Kleist einmal anders

Samstag, November 19th, 2011

Studio Braun zeigen ihr Actionmusical „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ am Deutschen Theater Berlin

Nicht nur der Truppe um Armin Petras im Maxim Gorki Theater ist aufgefallen, dass wir im Kleistjahr sind, auch andere Theatergruppen nehmen das Jubiläum zum Anlass, um sich mit dem streitbaren Autor auseinander zu setzen. Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger vom Hamburger Trio „Studio Brau“ sind alle drei künstlerisch vielseitig begabt, machen Musik, schreiben Bücher sowie Theatertexte und sind berüchtigt für ihre Telefonstreiche auf verschiedenen Radiosendern. Bisher hatten sie ihre Heimstadt am Hamburger Schauspielhaus, für das sie sich in der Intendanten-Krise auch tatkräftig eingesetzt haben, Ex-Kultursenator Reinhard Stuth, kann ein Lied davon singen.

Im letzten Jahr haben Studio Braun am traditionsreichen Hamburger Theater schon einmal eine Revue aufgeführt und nannten das eine moderne Fantasie. Es ging um die Figur des Kremlfliegers Matthias Rust. In „Rust – Ein deutscher Messias“ war der grandiose Schauspieler Fabian Hinrichs als naiv sensibler Flugschüler mit Sendungsbewusstsein zu sehen, der ,mangels Aufmerksamkeit, erst auf dem Roten Platz in Moskau landet, dann den Weltfrieden verkünden will und schließlich wieder in der medialen Versenkung verschwindet, aus der er sich nur mittels einiger aufsehenerregender Straftaten wieder zu befreien hoffte. Irgendwann gänzlich der Vergessenheit anheim gefallen, diente er nun Studio Braun zur lustigen Mythenbildung und wurde schließlich zum Sektenguru und Gründer des utopischen Friedensreichs „Lagonia“ gekürt. Die drei Meister des abseitigen Humors peppten dieses moderne Märchen mit schrägem Witz, skurrilen Szenen und natürlich jeder Menge Musik auf.

Musik ist nun auch die treibende Kraft in ihrem neuen Streich „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“. Ein ganzes Orchester hat sich im Graben vor der Bühne verschanzt, wie zu Beginn der Veranstaltung Heinz Strunk verkündet. Auch wird genau erklärt worum es sich bei dieser Vorstellung handelt. Wir sehen zunächst ein Filmteam auf einer drehbaren Bühnenkulisse, das sich anscheinend an irgendeiner Hollywoodschmonzette versucht. Anita Vulesica ist die Schauspieldiva Bonnie und Felix Göser ist niemand anderes als der große Actionstar Charles Bronson. Wir befinden uns im Jahr 1982 am Set der Fortsetzung der amerikanischen Kultsaga „Ein Mann sieht rot“, indem ein unbescholtener Architekt, nachdem seine Frau ermordet und seine Tochter vergewaltigt wurde, mit einer Pistole bewaffnet den Moloch New York aufräumt und, zur Freude von Polizei und Justiz, die Zahl der frei herumlaufenden Kleinganovenschar stark dezimiert.

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Vùng biên gió’i (Grenzgebiet) – Rimini Protokoll mit Experten aus Dresden und Prag zu Gast im HAU 2 Berlin

Sonntag, Mai 9th, 2010

Es ist eine Menge passiert an diesem Wochenende in Berliner Theatern. Neben dem Hauptevent Theatertreffen ist aber eine kleine aber interessante Produktion von Rimini Protokoll in einem Gastspiel aus Dresden völlig unbemerkt von der Berliner Kritik am HAU2 gelaufen. Vùng biên gió’i (Grenzgebiet) erzählt mit Experten aus Dresden und Prag die Geschichte der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR und ihrer Kinder, der zweiten Generation sozusagen, die nun in Deutschland und Tschechien ihre neuen Wege und Bestimmungen suchen. Als gelernter ehemaliger DDR-Bürger kennt man die kleinen, quirligen, immer gut gelaunten Leute, vorwiegend aus den Betrieben der Textilindustrie.

Und auch ich hatte meinen ersten Jeans-Anzug nicht von der West-Verwandschaft sondern vom sogenannten „Fidschi“ für ca. 250 Ostmark. Für ihre Geschichte hat man sich nie wirklich interessiert, war der Kontakt doch meist nur auf solche geschäftlichen Beziehungen reduziert. Dank Rimini Protokoll hört man nun mehr, auch wenn man Vieles, falls man wollte, auch nach der Wende schon erfahren konnte. Die so genannte Solidarität der Brudervölker bestand in knallhart kalkuliertem materiellen Interesse, zu gleichen Teilen gingen je 40% der von den Vertragsarbeitern erzeugten Waren, übrigens auch aus Kuba, Angola oder Mosambique, in die SU oder nach Westdeutschland. Wir hören interessiert die Geschichten aus dem Vietnamkrieg von den Protagonisten, die damals meist selbst noch Kinder waren.

Ergänzt werden die Berichte von einem ehemaligen Grenzoffizier, der nach seinem aktiven Dienst, Betreuer für die vietnamesischen Vertragsarbeiter wurde. Sein Duktus des gewohnten Befehlsempfängers und -verteilers klingt ungewohnt und sicher für einige, nicht im Osten groß Gewordene, antiquiert. Aber auch ich erinnere mich solcher Betreuer in den Lehrlingswohnheimen der DDR. Es gehört sicher Mut dazu, sich der Aufgabe des Zeitzeugen aus dieser Sicht zu stellen.

Die Stellung der vietnamesischen Vertragsarbeiter in DDR war sicher eine komplett andere, als die der südvietnamesischen Boat People in der BRD. Diese waren eher willkommen und hatten die Chance sich zu integrieren, was den Vietnamesen in der DDR verwehrt blieb. Ein Unterschied, der durchaus auch in der noch immer nicht völlig überwundenen ideologischen Teilung des Landes nach dem Ende der französischen Fremdherrschaft begründet ist. Aber auf diese Parallele zur gesamtdeutschen Geschichte kann dieses sicher gut gemeinte Projekt nicht auch noch eingehen. Es wäre aber gerade für alle Deutsche in Ost und West eine wichtige Erfahrung.

Fakt ist, das die verbliebenen Vietnamesen aus Deutschland nicht mehr weg zu denken sind und gerade ihre Kinder eine Chance für eine normale Entwicklung wie alle Deutschen oder andere Migrantengruppen haben müssen. Einen starken Integrationswillen hat gerade die Gruppe der Vietnamesen ja immer bewiesen.

Wenn man wie ich einmal Vietnam besucht hat, ist man jedenfalls der Freundlichkeit und der ehrlichen Neugier der Einheimischen allem Neuen gegenüber bedingungslos erlegen. Ich hoffe jedenfalls, das sich dies nach der beginnenden Öffnung des Landes nach Westen hin, nicht all zu negativ für die Vietnamesen auswirken wird.