Archive for the ‘Robert Borgmann’ Category

„Krieg“ von Rainald Goetz und „Girls & Boys“ von Dennis Kelly – große und kleine Stücke der Stunde, inszeniert von Robert Borgmann und Lily Sykes am Berliner Ensemble

Sonntag, April 1st, 2018

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Krieg – Robert Borgmann inszeniert am großen Haus die textlich schwierigen Stücktrilogie und Mash-up der alten Bundesrepublik von Rainald Goetz an einem Abend

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Es war ein wenig ruhig geworden um den Theaterautor Rainald Goetz. Die Uraufführung seines letzten Stücks Jeff Koons liegt auch schon wieder 10 Jahre zurück. Die Abrechnung mit dem Hype im Kunstbetrieb bleibt wohl auch Goetz‘ bekanntester Theatertext. In Berlin ist er zuletzt 2004 am Deutschen Theater inszeniert worden. Ansonsten haben es Goetz-Texte hier nur noch in zwei Inszenierungen von Patrick Wengenroth geschafft. In Katarakt / Brief an Deutschland verknüpfte der Theaterironiker 2012 am HAU 2 Goetz‘ Monolog eines alten Mannes mit den Bild-Kolumnen des Boulevard-Journalisten Franz Josef Wagner und bereits 2010 integrierte Wengenroth in seiner HAU-Inszenierung von Karl Kraus‘ Mammut-Drama Die letzten Tage der Menschheit den Klagenfurter Bachmann-Preis-Text Subito, bei dessen Lesung sich der angehende Popliterat 1983 die Stirn mit einer Rasierklinge aufschlitzte. Drei Jahre später schrieb Rainald Goetz seine 1987 von Hans Hollmann am Schauspiel Bonn uraufgeführte Bühnentrilogie Krieg. Drei Stücke – Heiliger Krieg, Schlachten und Kolik – über die Bonner Republik, die sich damals in einer politischen Wende von Helmut Schmidts SPD zu Helmut Kohls CDU befand, an drei Abenden. Beim Berliner Theatertreffen wurde die Trilogie in einer Neun-Stunden-Marathonaufführung gezeigt. Den Mülheimer Dramatikerpreis gab es obendrein. 31 Jahre später und auch schon wieder über 25 Jahre nach der gesamtdeutschen Wende hin zu Kohl feiert nun das Berliner Ensemble die Premiere aller drei Stücke an einem Abend.

Aber was hat uns Goetz‘ popkulturelles Mash-up der alten Bundesrepublik in den Zeiten der neuen Berliner Republik noch zu sagen? In den drei Stücken treten Gestalten aus der deutschen Vergangenheit auf, alte und neue Nazis, Soldaten, die Terroristen des deutschen Herbstes, desillusionierte Revolutionäre, ein Chor junger hübscher Mädchen, Künstler und sogenannte mündige Bürger. Namen und Zitate verweisen auf Heidegger, Stockhausen, Stammheim, Harald Juhnke, Bubi Scholz oder Joseph Beuys. Im Großen und Ganzen ist Krieg aber auch eine einzige Textzernichtung. Gleichzeitig geht es um den unmöglichen Kampf, Sprache in körperliche Handlung umzusetzen. Der fast mathematisch genau rhythmisierte Text im Stakkato-Ton bietet im ersten Teil kaum Regieanweisungen nur Zwischenüberschriften wie Gliedern, Zerstückeln, Ordnen, The Texas Chainsaw Massacre oder Welcome To The Pleasure Dome. Der Mensch im Sprachgefängnis.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Der 38jährige Regisseur Robert Borgmann formt aus dem ersten Teil Heiliger Krieg ein szenisches Panorama, das trotz stark eingekürztem Text einen ganz guten Einblick in das Stück bietet. Allerdings nimmt Borgmann auch weitestgehend den Beat aus Goetz‘ Text, vor allem in einigen der längeren Monologe. Einen ersten Kontrapunkt setzt der Regisseur aber bereits zu Beginn, an dem ein Junge die Projektion des Gemäldes Wanderer über dem Nebelmeer des Romantikers Caspar David Friedrich übermalt. Die große Wand aus Gipskartonplatten wird dann vom 7köpfigen Ensemble weiter mit roter Farbe bepinselt und schließlich mit Hammer, Händen und Füßen traktiert, bis sie in Einzelteilen zerschrotet am Boden liegt. Minutenlange Aktionskunst zu düsteren New-Wave-Klängen. Man isst Weintrauben, zermatscht sie, und ein goldbemalter Amor mit Pfeil und Bogen schreitet über die Bühne. Hier soll römischer Dekadenz und deutscher Romantik der Gar ausgemacht werden.

Was folgt ist ein Defilee des deutschen Kleinbürgertums mit Stahlhelmen, Netzhemden, Stiefeln und Bomberjacken. Ingo Hülsmann und Stefanie Reinsperger als Stockhausen und Stammheimer brüllen Parolen, predigen Bier und prosten sich zu. „Ach Harald“, „Mensch Bubi“, „Sprechen wir über die guten alten Zeiten.“ Aljoscha Stadelmann schimpft als telefonierender Heidegger über die „berufsnotorische Künstlerflausenidiotie“. Querschläger aufs userfeindliche Theater gibt es auch von Stefanie Reinsperger. Desillusionierte Erinnerungsmonologe von Veit Schubert als alt-68er Lehrer oder einen Abgesang auf Politik und Vernunft von Ingo Hülsmann als enttäuschter Künstler, Historiker, Revolutionär. Wieder Reinsperger ergeht sich nackt in wirrem Gebrabbel über die befreite Frau. Hass und wissenschaftlich verbrämte Ideologie, das ist auch heute noch durchaus aktuell.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Kabarettistisch ist der Auftritt von Gerrit Jansen und Annika Meier in einer Joseph-Beuys-Parodie mit Trage und Filzdecke, der noch eine bildszenische Anspielung auf dessen Performance I like America and America likes Me folgt. Der Höhepunkt der ersten zwei Stunden vor der Pause ist mit Sicherheit beim stampfenden Monolog The Texas Chainsaw Massacre von Constanze Becker im Sado-Maso-Kostüm erreicht. Hier greift auch wieder der musikalische Beat von Rainald Goetz, zu dem ein sich drehendes, mit Neonröhren und großem Zeiger bestücktes Weltenrad von der Decke nach unten bewegt. Der Maschinen-Sound von Techno-Clubs mischt sich mit Beschreibungen eines presslufthämmernden Industrial-Konzerts und kulminiert in einem Theaterbrand bei dem Trockeneisnebel den Saal flutet. Borgmann erweist sich hier auch wieder als großer Bildkünstler.

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Nach der Pause verpufft das Bühnenfeuerwerk allerdings zu Gunsten eines recht konventionellen Familiendramas. Schlachten handelt von einem Schlachtenmaler, der mangels Kriegen seit dreißig Jahren kein Bild mehr gemalt hat und seine Frau und Töchter terrorisiert. Gerrit Jansen spielt ihn als fiebernden Patriarchen im Biedermeierfrack, der monologisierend über die Bühne wütet, Eheknast, weiberbedingten Genieverlust beklagt und die Nacht beschwört. Das übrige Ensemble spielt hier puppenhaft die Frauen in roter gesichtsloser Schwesterntracht. Nach einer Wut-Attacke gegen die Frauen mit einer zerbrochenen Flasche am Essenstisch liegt der Maler später im irren Delirium im Krankenbett und wird mit Medikamenten ruhig gestellt. Das zieht sich dann schon auch etwas hin.

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Die langsame Auslöschung eines Individuums beschreibt der Monolog Kolik im letzten Teil des Abends. Nachdem Heiliger Krieg in der Anlage und Sprache stark an österreichische Autoren wie Karl Kraus oder Werner Schwab und Schlachten an die sprachwütenden Künstlerdramen von Thomas Bernhard erinnert, ist Kolik wiederum sehr nah an Samuel Becketts Endzeitstücken. Aljoscha Stadelmann sitzt hier in clownesk zu großem Hemd und Hose auf einem Sessel in einer schmalen Kiste und monologisiert sich (bei Goetz immer wieder trinkend) langsam zu Tode. Der Redefluss wird hier immer wieder durch kurze Blacks unterbrochen. Auch das ist ein an der Sinnlosigkeit des Lebens, der Wissenschaft, Bildung, Kunst und vergehenden Zeit verzweifelnder rhythmisch aufgebauter Nonsenstext. „Delirium ad infinitum“ bis zur endgültig erlösenden Stille und Finsternis. Regisseur Borgmann gelingt im ersten Teil ein durchaus interessanter Versuch Goetz‘ sicher nicht für konventionelles Theater geeignete Sprache ästhetisch umzusetzen. Der zweite Teil zeigt deutlich die Grenzen dieses 4,5stündigen Unterfangens. Trotzdem ist der Besuch des Abends unbedingt lohnend.

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KRIEG (Berliner Ensemble, 26.03.2018)
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Bettina Werner
Licht und Video: Carsten Rüger
Musik: Rashad Becker
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Mit: Constanze Becker, Ingo Hülsmann, Gerrit Jansen, Annika Meier, Stefanie Reinsperger, Veit Schubert und Aljoscha Stadelmann
Premiere war am 17. März 2018.
Weitere Termine: 07., 13.04. / 17., 25.05.2018

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de

Zuerst erschienen am 29. März 2018 auf Kultura-Extra.

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Girls & Boys von Dennis Kelly – Als Stück der Stunde und Kommentar zur Me-Too-Debatte annonciert, entpuppt sich die Inszenierung von Lily Sykes doch als etwas dünne Dramedy mit Stephanie Eidt in der Hauptrolle

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

Grandios, furios, umwerfend brillant – die Kritiker der Uraufführungsinszenierung von Girls & Boys, dem neuen Stück von Dennis Kelly, das im Februar am Royal Court Theatre in London mit Kino-Star Carey Mulligan in der Hauptrolle Premiere hatte, sind zumeist voll des Lobes. Der britische Dramatiker ist mit seinen nicht gerade einfachen Stücken wie Schutt, Liebe und Geld, Waisen oder DNA auch in Deutschland recht erfolgreich. Er behandelte darin bisher auf teilweise recht schockierende Weise zwischenmenschliche Störungen und familiäre Verwerfungen in der kapitalistischen Gesellschaft. Nun hat Oliver Reese, der ein besonderes Faible für neue Dramatik aus dem englischsprachigen Raum besitzt, die deutsche Erstaufführung des Stücks ans Berliner Ensemble geholt. Nach Die Frau, die gegen Türen rannte von Roddy Doyle wieder ein großer Bühnenmonolog, in dem eine vom Leben gebeutelte Frau ihre Biografie vor dem Publikum ausrollt.

„Ein Stück der Stunde“, ist im Programmheft zu lesen, sei Girls & Boys. Kleiner ist es wohl nicht mehr zu haben, wenn man damit seitens des Theaters einen Kommentar zur Me-Too-Debatte annoncieren will. Kelly hat das Stück allerdings bereits vor den Vorwürfen gegen Filmproduzent Harvey Weinstein geschrieben. Ein feministisches Stück von einem Mann, das den Wandel der Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert thematisiert. Das trifft es wohl eher. Und dennoch ist dieser von Kelly mit sicherlich großem Idealismus und Herzblut verfasste Text wohl doch der erste Fehlgriff des in Sachen Well-Made-Play bisher so sicheren neuen Intendanten des Berliner Ensembles.

Mit Stephanie Eidt steht natürlich eine großartige, in Berlin nicht unbekannte Schauspielerin auf der Bühne des Kleines Hauses, die Jelena Nagorni mit einem Stahlgerüst ausgestattet hat, das mit Treppen, Fenster- und Türöffnungen das traute aber trügerische Heim der Protagonistin darstellen soll. Stephanie Eidt klettert während des ganzen Abends darin herum. Regisseurin Lily Sykes hat ihr mit dem Pianisten David Schwarz einen Mann am Klavier beigestellt, der für die musikalische Untermalung des Textes sorgt, dafür harmonische bis dissonante Töne beisteuert und zumeist eine Barversion des Nirvana-Songs All Appologies spielt. „Married / Buried“ heißt es darin. Das sagt schon alles über die von Stephanie Eidt geschilderte Beziehung zu einem Partner, der zuerst ein Traummann zu sein scheint und dann doch zum „Auslöscher“ einer ganzen Familie mutiert. Wie es dazu kommt, erzählt das Stück in etwa 100 Minuten, wobei der Text strikt bei der Sicht der Frau auf ihr Leben und die Beziehung bleibt. Ob es dabei etwas zu entschuldigen gibt, wird das Stück nicht klären können.

 

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

 

Stephanie Eidt stellt zunächst eine recht taffe junge Frau dar, die gegen eingefahrene Lebensbahnen rebelliert. Einer Phase mit Sex and Drugs folgt ein Selbsterfahrungstrip durch Europa, bei dem sie jenen Mann in der Warteschlange eines Easy-Jet-Schalters kennenlernt. Erst unsympathisch kann er schließlich doch durch eine gewissen Witz und Schlagfertigkeit Eindruck machen. Was folgt, ist eine Phase sehr intensiver, sogar irrsinnig genannter Liebe, die schließlich in eine Ehe mit Haus und zwei Kindern mündet. Beide finden zunächst Erfüllung in ihrer Arbeit. Sie setzt sich geschickt über ein Praktikum als Assistentin in ihrem Traumberuf als Dokumentarfilmproduzentin durch. Er baut ein Möbelgeschäft auf, scheitert aber, weil er die Zeichen der Zeit nicht erkennt und Pleite geht.

Das Stück ist durchzogen mit Anspielungen an Rollenbilder, die sich vage in der unterschiedlichen Auffassung vom Kinderkriegen oder in politischen Diskussionen zeigen. Im Job erlebt die Frau auch einmal einen sexistischen Annährungsversuch eines älteren Regisseurs. Letztendlich manifestiert sich das Männerbild aber in der kalten Abwendung des Ehemannes von seiner Frau und der Drohung, nachdem sie sich scheiden lassen will, dass er ihr die Kinder nicht überlassen wird. Aus einer zunächst perfekten Beziehung entwickelt sich über die Jahre fast unmerklich ein Albtraum. Kelly beschreibt das allerdings sehr langsam über das gesamte Stück. Ob aus reinen Suspense-Gründen oder um die dramatische und emotionale Fallhöhe über ein anfängliches Himmelhoch jauchzend bis zum finalen zu Tode betrübt sein zu definieren, bleibt das Geheimnis des Autors. Wir erleben es als furiosen Start einer Stand-up Comedian, die nicht vor knalligen und expliziten Worten zurückschreckt.

Später baut Kelly Zwischenepisoden ein, in der die Frau mit ihren imaginierten Kindern spricht und spielt. Es geht auch da ganz thesenhaft um Rollenbilder. Die Tochter ist der kreative Part, wogegen der Junge zu destruktivem Spielverhalten neigt. Der Mann ist hier nicht anwesend. Irgendeine Brechung oder Erklärung gibt es dazu nicht. Alles rollt auf das tragische Ende zu, das wohl von Euripides inspiriert ist, aber tatsächlich eine nicht seltene Art der männlichen Gewaltausübung darstellt, die hier bis ins Detail geschildert wird. Dafür muss schließlich sogar noch die Statistik herhalten. Es geht letztendlich um männlichen Kontrollverlust, Erfolgsneid und um die Angst dem angestammten Rollenbild nicht mehr entsprechen zu können. Das ist soziologisch untersucht und auch nicht von der Hand zu weisen. Diese Art von Mann einfach so aus dem Kopf einer Frau auslöschen zu können, wie es im Text heißt, wird ohne entsprechende Debatte kaum möglich sein. Das Stück ist allerdings zu dünn, um einen echten Beitrag dazu leisten zu können.

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Girls & Boys (BE, Kleines Haus, 12.03.2018)
Von Dennis Kelly
Deutsch von John Birke
Regie: Lily Sykes
Bühne/Kostüme: Jelena Nagorni
Komposition/Live-Musik: David Schwarz
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Stephanie Eidt
Premiere war am 10.03.2018 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: ca. 1:40 h, keine Pause
Termine: 20., 21., 22.04. / 05., 06.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 14.03.2018 auf Kultura-Extra.

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„die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer und „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz. Zwei bemerkenswerte Wiener Inszenierungen mit starkem Damenensemble beim Theatertreffen 2015 (Teil 5)

Samstag, Mai 16th, 2015

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tt15_promo_media_gallery_resZu den beim THEATERTREFFEN 2015 jeweils doppelt vertretenen deutschen Bühnenmetropolen Berlin, München und Hamburg gesellt sich diesmal auch wieder die österreichische Hauptstadt Wien mit zwei durchaus bemerkenswerten Inszenierungen, die auch ganz gut zu den vom Veranstalter Berliner Festspiele selbst gelabelten politischen Themen Krieg, Flucht und Traumata passen.

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Den Anfang machte Ewald Palmetshofers für das Wiener Akademietheater verfasste Auftragsstück die unverheiratete. Hier der Link zur ausführlichen blog-Kritik aus dem Januar…

die unverheiratete - Plakat des Burgtheaters Wien

die unverheiratete – Plakat des Burgtheaters Wien

Die Rhythmik von Palmetshofers sehr atifiziellem Jambentext überführen die durch weg großartigen Darstellerinnen in eine entsprechende Sprachmelodie. Borgmann bricht die Schwere nur hin und wieder mit ironischen Einspielungen und viel Musik. Das hat natürlich so seine Längen und schreit geradezu nach Kürzungen im Text, die ihm Borgmann – sonst auch ein wahrer Spezialist im expressiven Auspinseln von Regieeinfällen – allerdings nicht gönnt; daher dauert die Aufführung satte 2 h 20 min. Die hervorragend aufspielenden Damen des Burgtheaterensembles machen die Uraufführung dieses etwas sperrig geratenen Sprachgebildes dennoch recht sehenswert.

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Sprachlich mindestens so ungewöhnlich wie Ewald Palmetshofers die unverheiratete ist auch der von Wolfram Lotz eigentlich als Hörspiel verfasste Text Die lächerliche Finsternis. Das Stück hatte im letzten Jahr auf mehreren Bühnen, so auch am Deutschen Theater Berlin und dem Thalia Theater in Hamburg einen regelrechten Erfolgslauf. Zum Theatertreffen eingeladen wurde aber die Uraufführung von Dušan David Pařízek, die im September 2014 die erste Burgtheaterspielzeit nach Matthias Hartmanns Rauswurf als Intendant eröffnete.

„Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz Regie Dušan David Pařízek Burgtheater im Akademietheater, Wien Uraufführung 6. September 2014 www.burgtheater.at Regie und Bühne: Dusan David Parizek Kostüme: Kamila Polívková Licht: Felix Dreyer Dramaturgie: Klaus Missbach mit: Catrin Striebeck, Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Frida-Lovisa Hamann Motiv v.l.n.r.: Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Lotz greift für seine bissige Satire über die Verteidigung westlicher Werte am Hindukusch auf zwei bereits aufeinander beruhende fiktionale Werke zurück, indem er sie wiederum miteinander verschränkt in unsere Gegenwart holt. Das Hörspiel Die lächerliche Finsternis nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse, wie das Stück im Untertitel heißt, fußt auf dem Afrika-Roman Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und dem Vietnamfilm-Klassiker Apokalypse Now von Francis Ford Coppola. Schon im kuriosen Prolog des somalischen Piraten Ultimo Michael Pussi, den hier Stefanie Reinsperger im breitesten Wienerisch gibt, macht der Autor klar, dass es ihm nicht nur um die reine Wirklichkeit geht, sondern um eine aus der Fiktion des Theaters heraus erschaffene neue Realität. Die Inszenierung zitiert auch aus Lotz’s Rede zum unmöglichen Theater.

In der Annahme, dass der Hindukusch ein Fluss sei, begeben sich Hauptfeldwebel Oliver Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch mit einem Boot auf die Suche nach dem abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger in den Dschungel Afghanistans. Soweit die etwas schräge Analogie zu den beiden Vorlagen. Was nun folgt, ist eine surreale Reise aus der sicher geglaubten westlichen Zivilisation in die Irre der Finsternis aus wirtschaftlichen Verflechtungen und Kriegen. Was hier auch zu einer Fahrt in die eigenen und europäischen Innereien wird, die sich – wie so oft im postmodernen deutschen Drama – um die ganz persönlichen Darmwindungen dreht. Hier aber eben auf eine sehr lustvoll poetische und auch ironisch selbstkritische Art.

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien - Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Als zusätzliche theatrale Verfremdung lässt Regisseur Pařízek alle Rollen von Frauen spielen. Sicher auch eine Reaktion auf die im Text enthaltende Frage der Mutter an Sohn und Autor Lotz: „Und es kommen keine Frauen vor?“ Die fremde Umgebung, die die beiden Soldaten (Catrin Striebeck als Pellner und Frida-Lovisa Hamann als Dorsch) langsam in den Wahnsinn treibt, wird noch durch die Wesensfremdheit des zynischen Pellner zu seinem ostdeutschen, leicht sächselnden Untergebenen Dorsch verstärkt. Den Beiden begegnen italienische Blauhelmsoldaten, die Coltan abbauende Einheimische beaufsichtigen und wohlmeinende rassistische Vorurteile pflegen. Ein vorbeischippernder Händler vom ehemaligen Kriegsschauplatz Balkan bietet den typischen Ramsch der Zivilisation an und geht dafür mit dem Unglück seiner Familie hausieren. Ein lüsterner Missionar kultiviert islamische Wilde und ein sprechender Papagei berichtet von Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung. Dorothee Hartinger und Stefanie Reinsperger spielen alle weiteren Rollen mit österreichischem oder italienischem Spracheinschlag nebst einer bajuwarisch-exotischen Musikeinlage Wo samma, oder sorgen nebenbei für elektronische Dschungelgeräusche aus dem Hintergrund.

Des mit öliger Schmiere angedeuteten Blackfacing hätte es sicher nicht bedurft. Man kann es aber auch als einen Verweis auf Coppolas Film, in dem sich die Soldaten auch mit Kampftarnfarben im Gesicht bemalen, oder als Öl, das Blut der Wirtschaft, deuten. Sehr schön auch die Idee, die Reflexionen von Lotz über sein Gefühl, über Dinge zu schreiben, die einem „fremd“ sind, in der improvisierten Pause mit sprechen zu lassen. Dabei wird von den Schauspielrinnen die zuvor eingestürzte Bretterrückwand Stück für Stück durch einen Gartenhexler gejagt, während sie den vielgecoverten Song The Lion Sleeps Tonigth in Endlosschleife singen. Das karikiert wunderbar den kolonialen Ökoraubbau wie auch die popkulturelle Vereinnahmung ethnischer Folklore. Besser kann man westliche Selbstgewissheit nicht auf die Spitze treiben.

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die unverheiratete (UA)
von Ewald Palmetshofer
UA am Akademietheater Wien: 14.12.2015
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: webermichelson
Licht: Peter Brandl
Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit: Stefanie Reinsperger, Christiane von Poelnitz, Elisabeth Orth, Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Alexandra Henkel
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

Termine beim Theatertreffen: 06.05. und 07.05.2015

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Die lächerliche Finsternis
von Wolfram Lotz
UA am Akademietheater Wien: 06.09.2015
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, „eine Pause, wenn Sie möchten“

Termine beim Theatertreffen: 13.05. und 14.05.2015

Weiter Infos: http://www.theatertreffen.de

und http://www.burgtheater.at

Zuerst erschienen am 15.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Morgen ist das Gestern schon im Heute – Geschichtsbewältigung auf Österreichisch mit „die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer im Akademietheater und „Johnny Breitwieser“, einer Wiener Verbrecherballade von Thomas Arzt und Jherek Bischoff am Schauspielhaus.

Freitag, Januar 9th, 2015

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Im vergangenen Jahr standen aus deutsch/österreichischer Sicht zwei geschichtlich einschneidende Ereignisse zum Gedenken an. Der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, der oft noch nicht nur für Österreicher ursächlich mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Gattin im bosnischen Sarajevo zusammenhängt, und der Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren, ebenfalls ein geschichtlich noch immer wunder Punkt für Österreich. Die Vergangenheitsbewältigung auf den österreichischen Bühnen blieb da nicht allein bei den Schüssen in Sarajevo und den Letzten Tagen der Menschheit stehen, auch die Verdrängung der individuellen Schuld am Geschehen in der Nazizeit wurde beleuchtet.

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Die Zukunft suchte ich in vielen Spiegeln;
Doch blieb sie mir ein Buch mit sieben Siegeln.
Nun reck ich mich im Spiegel dieser Zeit
Und such darin nach der Vergangenheit…

Mascha Kaléko, Vor dem Spiegel, aus: Heute ist morgen schon gestern – Gedichte aus dem Nachlass

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„die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer im Akademietheater Wien

Schaukasten Akademietheater

Schaukasten Akademietheater

In seinem Auftragswerk für das Wiener Burgtheater die unverheiratete zeichnet der 36jährige österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer anhand von Gerichtsakten die wahre Geschichte einer Frau nach, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs einen Soldaten anzeigte, nachdem sie zufällig ein Telefongespräch belauscht hatte, in dem er von „abhau’n“ spricht. Der junge Mann wird zum Tode und die damals ebenfalls noch junge Frau deswegen nach dem Krieg zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Stück geht es nun u.a. um das Verdrängen von Schuld und die Schwierigkeit des Erinnerns einer alten Frau, die von Ihrer Tochter und Enkelin nach einem Zusammenbruch im Krankenhaus nach der Vergangenheit befragt wird.

DIE ALTE
ich kann nur sagen
kann mich nicht erinnern mehr
beim besten Willen nicht
ist durchaus möglich dass
ich weiß es nicht
kann immer wieder sagen nur…

Palmetshofer, dessen frühe Stücke schon recht erfolgreich im kleinen Schauspielhaus Wien uraufgeführt wurden, hat sich bereits in seinem ersten 2012 für das Burgtheater geschriebenen Stück räuber.schuldengenital, von Stephan Kimming ebenfalls am Wiener Akademietheater uraufgeführt, mit dem Generationenkonflikt beschäftigt. Auch die unverheiratete zeigt anhand dreier Generationen nicht aufgearbeitete Probleme zwischen einer Großmutter, ihrer Tochter und Enkelin (hier die Junge, die Mittlere und die Alte genannt). Dem hat Palmetshofer obendrein noch eine Art Elektra-Paraphrase eingeschrieben. Wie der Erinnyen-Chor einer griechischen Tragödie rezitieren Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer und Petra Morzé als die „Hundsmäuligen“ wechselnd in Biedermeierkostümen, Schwesternuniformen oder im Gouvernanten-Look aus den Gerichtsakten.

Sie wirken wie das personifizierte schlechte Gewissen der Alten (Elisabeth Orth), wobei hier die eigentliche Elektra durch die Mittlere (Christiane von Poelnitz) dargestellt wird, die schon zu Beginn einen Holztisch mit der Axt traktiert. Später wird sie, von der Jungen (Stefanie Reinsperger) mit Blut übergossen, einen „ich bin Elektra“-Text sprechen. Palmetshofers Jamben erinnert da nicht von ungefähr auch an Heiner Müller. Hier werden symbolisch die Toten wieder ausgegraben. Der deutsche Regisseur Robert Borgmann hat dazu mit Erde einige Grabhügel aufschütten lassen, die nicht nur verbal ordentlich umgewühlt werden. Frau gräbt aber nicht allein in den verschütteten Erinnerungen, sondern auch im psychologisch Unterbewussten.

die unverheiratete_Georg Soulek - Burgtheater2

die unverheirateteFoto (C) Georg Soulek /Burgtheater

 

DIE MITTLERE
kein Bruder keine Schwester von dem Baum gepflückt
Orest nicht tot nein nie geboren keine Axt zu schwingen
harten Stahl zu führen gegen Rinde morschen Stamm
wart ich auf keinen mehr
ich bin sie selbst
ich bin die Axt
es fällt der Stamm
der Mutterbaum
er brenne
lichterloh

Alle drei haben da ihre Lücken. Die Alte in der Vergangenheit, wie die Mittlere, die mit diesem Erbe hadert und die Junge mit ihren flüchtigen Sexbeziehungen zu Männern, die sie im Schlaf fotografiert. Bezeichnend ist dabei wohl die vollständige Abwesenheit der Männer im Stück, wie im Leben der Alten und ihrer Tochter. Die „Weiberwirtschaft“, wie es die Alte nennt, scheint aber gerade daran zu kranken. Der Mittleren fehlten der Vater und ein Bruder. Die Wut darüber überträgt sich auf die Junge, die der Alten beharrlich ihre Geheimnisse abzuringen versucht. Schnell wird klar, dass die zwei nicht nur den gebrechlichen Körper der Alten, sondern an der gesamten Schuld und, ja, auch an sich selbst mit zu tragen haben.

Aus einem Heft, in das die Alte später ihre Wahrheit geschrieben hat, lässt sich „Die Wahrheit“ nicht ausreichend rekonstruieren. Die wiederkehrenden, quälenden Bilder der Vergangenheit schließt sie stolz und trotzig in sich ein. Die Anwürfe der Tochter und Enkelin perlen an der Alten ab, die zielsicher ihre Vergangenheit als langen roten Faden aus der Strickjacke trennt, um sich später daran zu hängen. Das Stück besitzt da einen bemerkenswert langen Atem. Kurzatmig wird hier nichts verhandelt und die Alte nicht müde, ohne Einsicht in die Konsequenzen ihrer damaligen Tat, fast störrisch immer wieder ihre Unschuld zu betonen: „ich hab für Politik mich niemals / niemals intressiert / das kann ich immer wieder / immer wieder sagen nur“. Der Hang zur Verdrängung ist groß, in einem Land, das schon kurz nach dem Krieg und ersten Strafprozessen wegen Denunziationen recht bald wieder zur Tagesordnung übergeht. Was bleibt, ist die unbeantwortete Schuldfrage.

die unverheiratete - Stefanie Reinsperger (die Junge), Elisabeth Orth (die Alte), Christiane von Poelnitz (die Mittlere) - Foto (C) Georg Soulek /Burgtheater

die unverheiratete – Stefanie Reinsperger (die Junge), Elisabeth Orth (die Alte), Christiane von Poelnitz (die Mittlere)
Foto (C) Georg Soulek /Burgtheater

DIE JUNGE
Wer ‚A‘ sagt muss auch ‚B‘
der muss auch B muss der
so war das immer schon …

Elisabeth Orth spielt ihren Part einfühlsam überzeugend. Es menschelt dabei immer wieder auch etwas. Wirklich explizit politisch wird es in Palmetshofers psychologisierenden Versen jedoch nie. Robert Borgmann übersetzt alles in möglichst eindrückliche Bilder. Bedeutsam geht ein roter Samtvorhang immer wieder rauf und runter. Die Rhythmik von Palmetshofers Jambentext überführen die Darstellerinnen in eine entsprechende Sprachmelodie. Borgmann bricht die Schwere des Textes nur hin und wieder mit ironischen Einspielungen. Dabei ist Musik hier allgegenwärtig. Die großartige Stefanie Reinsperger spielt zu ihrem Text Akkordeon, oder greift zur Flasche und tanzt den HC Stracher und Thomas Bernhard, eine regional angepasste Cover-Version des D.A.F.-Klassikers Tanz den Mussolini. Das von Blandine Ebinger gesungene Friedrich-Hollaender-Lied Wenn ick mal tot bin sorgt für etwas morbiden Charme.

Das alles hat natürlich auch so seine Längen. Es schreit geradezu nach Kürzungen in Palmetshofers hoch artifiziellem Text, die ihm Borgmann, auch sonst ein wahrer Spezialist im expressiven Regie-Auspinseln, bis zum Ende nicht vergönnt. In einer möglichen und durchaus denkbaren Zweitaufführung will das berücksichtigt sein. Dagegen wohltuend lässt Borgmann dann doch von allzu vielen kuriosen Regieeinfällen ab. Das und die hervorragend aufspielenden Damen des Burgtheaterensembles machen die Inszenierung dieses etwas sperrig geratenen Sprachgebildes von Ewald Palmetshofer über die vollen 2 Stunden, 20 Minuten dann doch noch sehenswert.

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die unverheiratete
von Ewald Palmetshofer
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: webermichelson
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit:
die Junge: Stefanie Reinsperger
die Mittlere: Christiane von Poelnitz
die Alte: Elisabeth Orth
4 Schwestern (die Hundsmäuligen): Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer und Petra Morzé
Spieldauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause
Uraufführung am 14. Dezember 2014 im Akademietheater
Gesehene Vorstellung am 30.12.2014
Termine: 11., 13.01. / 02.02., 04.02., 15.02. / 02.03.2015

Infos: http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=963459306

Stückzitate aus die unverheiratete von Ewald Palmetshofer

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Johnny Breitwieser – Thomas Arzt und Jherek Bischoff zeigen am Schauspielhaus Wien eine Brecht’sche Verbrecherballade.

„Gesellschaftliche Veränderung fängt immer mit Außenseitern an, die spüren, was notwendig ist.“  Robert Jungk, Zukunftsforscher

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Der 1983 in Oberösterreich geborene Dramatiker Thomas Arzt ist bereits durch seine recht erfolgreichen Stücke Grillenparz, uraufgeführt 2011 am Schauspielhaus Wien, und Alpenvorland, 2013 am Landestheater Linz uraufgeführt und mit dem Autorenpreis des 29. Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet, aufgefallen. Hatte der junge Autor da noch regional in den Bergen seiner österreichischen Heimat angesiedelte moderne Anti-Volksstücke geschrieben, geht er nun mit seiner Verbrecherballade Johnny Breitwieser in der Geschichte zum Ende der k.u.k-Zeit zurück. In den Vorstädten Wiens gelangt der 1891 geborene, Johann Breitwieser zu kurzzeitiger Berühmtheit. Ein Kleinkrimineller mit Ausstrahlung, eine Art Robin-Hood-Gestalt, der das Geld der Banken an die Armen Wiens verteilt. Ihm gelingen einige bemerkenswerte Coups. Erst nach einem längeren Katz- und Mausspiel aus dem Untergrund heraus wird Breitwieser 1919 von der Polizei gestellt, erschossen und vom Volk zum Märtyrer erklärt.

Das Schauspielhaus Wien - Foto: St. B

Das Schauspielhaus Wien – Foto: St. B

Nach dem Aufstieg von Ewald Palmetshofer und dem jüngst mit am beispiel der butter nach Mülheim eingeladenen Ferdinand Schmalz erweist sich das  Schauspielhaus Wien mal wieder als Geburtshelfer für eine weitere bemerkenswerte österreichische Dramatiker-Karriere. Am kleinen Theater in der Porzellangasse, an dem Thomas Arzt ebenso wie vorher schon Ewald Palmetshofer in der Spielzeit 2010/2011 seine ersten Sporen als Hausautor verdient hat, feierte nun Ende November 2014 sein neuestes Stück Premiere. Johnny BreitwieserEine Verbrecher-Ballade aus Wien ist ein in groben Zügen an Bertolt Brechts Dreigroschenoper angelehntes Kriminal-, Sozial- und Liebesdrama mit Musik von dem US-amerikanischen Komponisten Jherek Bischoff. Arzt hat aus der historischen Vorlage eine Handvoll interessanter Randgestalten um den sogenannten „Meidlinger Einbrecherkönig“ herausgelöst, um mit ihnen eine Ballade über die Sehnsucht nach Freiheit, Anarchie, Rebellion und den Aufstieg aus elenden Verhältnissen in die gut bürgerlichen Schichten Wiens vor dem Ersten Weltkrieg zu erzählen.

Das Stück von Thomas Arzt zeigt in ganz klassischer Abfolge den Aufstieg und Fall eines zum Volkshelden stilisierten Mann aus der Unterschicht mit dem nötigen Charisma und Mundwerk. „A Rattn mit einer Sprach.“ wie Kiberer Schödl (Florian von Manteuffel) seinen ewigen Gegenspieler, den schönen Johnny (Martin Vischer), abfällig nennt. Hier reimt sich Brot noch auf Not und die Kanalratten sind weit in der Überzahl. Doch anstatt wie die „stadschauerte“ Luise (Nicola Kirsch) nach einem Geld zu betteln, holen sich Johnny und sein Bruder Carl (Thiemo Strutzenberger) einfach, was sie haben wollen. Während Johnny, der Mann für die coolen Sprüche, nebenbei auch Herzen stiehlt, zeichnet Bruder Carl, der Nachdenkliche, verantwortlich für das Rationale und die Logistik. Nebenbei beseitigt er noch als hilfreicher Engelmacher Johnnys Kollateralschäden. Die Beiden sägen und schweißen an dem käfigartigen Drahtgestänge, das Ivan Bazak auf die Bühne des Schauspielhauses gestellt hat. Doch der Tresor in der Bank ist leer und das Kapital weitergezogen.

Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien  Foto (c) Robert Polster

Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien
Foto (c) Robert Polster

„Ist eine bedingte Welt. Da kann‘s passieren, dass das Verbrechen im Grunde das Richtige ist.“ Johnny, ein Verbrecher

Für den Outlaw oder auch Anarchisten Johnny ist das Gute immer an scheiß Bedingungen angekettet. Und auch das Verbrechen läuft nicht bedingungslos ab. Carl ist dagegen Sozialist und träumt davon, nach Russland zu gehen. Er bleibt im Ersten Weltkrieg stecken und gibt ein Bein dran, während Johnny im Knast überwintert. Die großen Ideen erweisen sich als nicht so leicht zu haben. Man muss sich entscheiden: „Verstummen oder Gewalt“. Der Krieg ist hässlich, aber notwendig für die Veränderung. „Was die Revolution betrifft, so kann sie unmöglich aus dem Sitzen passieren, oder aus dem Liegen. Das ist das unbequeme am Revolutionären.” – so sieht es Carl. Regisseur Alexander Charim lässt die Revolutionäre im Wartestand aber zunächst noch bei einer mondänen Party dem besoffenen Kapital die Scheine aus der Tasche ziehen. Johnny verfällt seiner Sehnsucht, der reichen Greta (Katja Jung), Carl wird Kanonenfutter und singt finster von „Soldaten ohne Köpf“.

Aber auch eine andere Frau hat es Johnny angetan. Seine große Liebe ist Anna (Franziska Hackl), die er auf der Straße aufliest und der er ein besseres Leben bieten will. Dafür braucht es Geld. Doch auch dieses Geld ist nicht genug, denn Anna will eine Zukunft anstatt das Leben im Moment. „Da muss doch auch mal ein Leben danach kommen“, singt sie. Und so steckt Johnny schnell in der bürgerlichen Falle, die letztendlich auch eine goldene ist. Als Bild der kleinbürgerlichen Gemütlichkeit landet der „Maidlinger Einbrecherkönig“ schließlich als „Bourgeois von St. Andrä“ auf einem Fauteuil seiner Villa und putzt still die Waffe. Bereit sein ist alles.

Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien - Foto (c) Robert Polster

Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien
Foto (c) Robert Polster

„Was morgen ist, muss heute noch nicht sein.“ der Chor

Nach dem Krieg bricht schließlich die alte Ordnung zusammen. Der Kaiser ist tot, doch die gottgewollte Hackordnung besteht weiter. „Der Staat ist der Staat auch wenn er dumm ist, ist`s immer noch der Staat.“ Bluthund Schödl bleibt Johnny auf den Fersen und findet zielsicher den nötigen Verräter. Der etwas einfach gestrickte Gangster-Kumpan Wenzl (Gideon Maoz) gibt Breitwieser für eine weiße, fleckenlose Identität preis. Im Stücktext und den Songs spricht Thomas Arzt von Elend, Kapital, Banken, Fleischbörsen, Marxismus und Aufbruch. Da ist er ganz beim vermeintlichen Vorbild Brecht. Die Musik von Jherek Bischoff bleibt in der Ballade und Moritat, ist mal Wiener Lied mit Streichern, mal Pop mit Schlagzeug. Neben ein paar deftigen Chören behält die softe Melancholie die Oberhand. Johnny singt: „Ich möchte ein Leichenzug sein.“ und ganz Wien gibt ihm die Ehre.

Der Zukunftsforscher Robert Jungk schrieb 1952: „Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. Aber noch kann sie, wenn rechtzeitig erkannt, verändert werden.“ Sang in den 1970er Jahren der DDR die mit Auftrittsverbot belegte Gruppe Renft in Zwischen Liebe und Zorn: „Revolution ist das Morgen schon im Heute, ist kein Bett und kein Thron für den Arsch zufried’ner Leute“, heißt es hier nun im Schlusschor der Protagonisten: „Was morgen ist, muss heute noch nicht sein.“ Auf dem Sofa sitzt ein Land im Stillstand und skandiert: „Morgen stirbt der Widerstand am Hunger, heute fressen wir in uns hinein.“ – Fazit Arzt: „Die Armut ist da, wo der Widerstand aufhört.“

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Johnny Breitwieser – Eine Verbrecher-Ballade aus Wien (UA)
von Thomas Arzt und Jherek Bischoff (Komposition)
Regie: Alexander Charim
Bühne und Kostüme: Ivan Bazak
Dramaturgie: Laura Berman
musikalische Leitung: Belush Korenyi
Bühnenmusiker: Ensemble LUX (Streichquartett) und Mathias Koch (Schlagzeug)
Mit:
Johnny, ein Verbrecher: Martin Vischer
Carl, sein Bruder: Thiemo Strutzenberger
Anne, seine Liebe: Franziska Hackl
Greta, seine Sehnsucht: Katja Jung
Luise, sein Volk: Nicola Kirsch
Wenzl, sein Verräter: Gideon Maoz
Schödl, sein Mörder: Florian von Manteuffel
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
Premiere: 28. November 2014
Gesehene Vorstellung am 31.01.2014
Termine:
20., 21. und 31.01. 2015
03., 18. und 19.02.2015
07. und 10.03.2015

Info: http://www.schauspielhaus.at/johnny_breitwieser

Stückzitate aus Johnny Breitwieser von Thomas Arzt

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Mit seinem Stuttgarter „Onkel Wanja“ will uns Regie-Jungstar Robert Borgmann den Tschechow gänzlich austreiben.

Mittwoch, Mai 7th, 2014

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© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

Bei jedem Theatertreffen gibt es mindestens eine Inszenierung, die etwas aus dem Rahmen der üblichen Einladungspraxis fällt und mit der sich die Jury vermutlich beweisen will, dass sie nicht nur einfach ein Best-of des deutschsprachigen Theaters nach Berlin bittet. Nach welchen Gesichtspunkten man da aber genau vorgeht, weiß allerdings nur das hohe Gremium selbst. Zumindest stellt man die Begründung der Jury online, und lässt sie dann später auch noch durch eines ihrer Mitglieder beim Publikumsgespräch persönlich vertreten. Im Fall der Stuttgarter Inszenierung von Tschechows Onkel Wanja in der Regie von Robert Borgmann ist das der Münchner Kulturjournalist und Theaterkritiker Christoph Leibold. Um diesen Job ist er gerade nicht zu beneiden.

Die Ablehnung der Zuschauer war schon bei der Premiere im Oktober im Rahmen des Stuttgarter Eröffnungsreigens des neuen Intendanten Armin Petras nicht zu überhören. Die Kritik schwankte zwischen totaler Ablehnung und eher zaghaften Wohlwollensbekundungen. Auch unter den geläufigen Berliner Kritikern findet der Stil des jungen, unter Sebastian Hartmann in Leipzig erstmals aufgefallenen Regisseurs Borgmann spätestens nach seinem Macbeth-Debakel zum Ende der Intendanz Petras am Maxim Gorki Theater eher wenig Zustimmung. Der Klassiker Tschechow ist wie Shakespeare oder Ibsen Dauergast auf dem Theatertreffen, man kommt nicht umhin Borgmanns Inszenierung mit denen anderer Jahre zu vergleichen.

Die Jury des TT bescheinigte Robert Borgmanns Onkel Wanja „Mut zur Entschleunigung“. Die Inszenierung laufe dennoch nie Gefahr zu langweilen. Lethargie und lähmende Hitze inszeniere Borgmann mit „zirpenden Grillen und einem suggestiven Soundteppich“. Grillen waren zwar neben dem benebelnden Elektrosound nicht zu vernehmen, dafür aber ausgiebig die Pfeifkünste des Hauptdarstellers Peter Kurth zu bewundern. Damit besitzt der Regisseur aber noch lange kein herausragendes Alleinstellungsmerkmal. Seine Inszenierung bewegt sich höchstens etwas neben der gängigen Aufführungspraxis, die schon länger versucht, Tschechow aus der melancholisch psychologisierenden Ecke herauszuholen. Man denke da nur an die kraftvolle Inszenierung von Lensing/Hein mit Josef Ostendorf als Wanja, Devid Striesow als Astrow und Ursina Lardi als Jelena 2008 in den sophiensaelen. Hier war die Luft von Anfang an gewittrig dick und die Wut der von ihrer Verzweiflung Gezeichneten förmlich greifbar.

Peter Kurth als Onkel Wanja Foto: Julian Röder

Peter Kurth als Onkel Wanja
Foto: Julian Röder

Auch Borgmann zeige laut Jury „wie Trauer in Depression und Trägheit in Aggression umschlagen“. Das führe er gänzlich unsentimental vor. „Ein erstaunlich dynamisches Stillstandszenario.“ Was da wie ein Widerspruch in sich klingt, verbreitet dann auch ganz bewusst und entschieden lähmende Langeweile. Borgmann füllt sie lediglich an mit den Mätzchen kindischer Männer, die aus Mangel an Gelegenheit um eine zickige Großstadt-Trulla (Sandra Gerling als Jelena) kreiseln. Aggressives Verhalten zeigen diese beiden Kraftpakete lediglich beim Slapstick mit dem Auto, beim sich kurz mal Gegen-die-Wand-Werfen oder in einem Wutanfall, der Peter Kurths Wanja ergreift, als der hypochondrische Familientyrann (und des öden Landlebens müde) Professor im Ruhestand (Elmar Roloff) das ihm verhasste Gut verkaufen will – die einzige Aufgabe, die Wanja noch am Leben hält. Die Depression ist alles, was ihm bleibt. Aus dem Dämmerschlaf seines Lehnstuhls erwacht, dämmert ihm nun die Vergeblichkeit seines bisherigen Lebens und die Kläglichkeit seiner Bemühungen, dieses zu ändern.

Auch Thomas Lawinkys Arzt Astrow hat sich eigentlich schon innerlich aufgegeben. Die Gefühle sind abgetötet, der Alkohol tut sein Übriges. Sein Bemühen um die Natur und seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft erscheinen ihm angesichts der Schönheit von Jelena plötzlich vollkommen sinnlos. Der Verstand rutscht in die Hose, und sein Vortrag vor der an diesen Dingen völlig Desinteressierten wird zur Posse mit albernen Froschflossen. Die ihn anhimmelnde Sonja (Katharina Knap) sieht Astrow nicht, auch wenn sie ihm immer wieder auf roten Pumps ungeschickt vor die Füße fällt. Der grobe Klotz, der keine Samoware oder russische Seufzerseligkeit mag, torkelt durch die Gegend, schleppt eine Kaffeekanne mit sich herum und zerschmeißt die Tassen. Hier macht sich jeder so gut er kann zum traurigen Hans Wurst.

Das russische Landgut, auf dem sich das abspielt, ist bei Borgmann eine leere Bühne mit Gartenstühlen und einem im Zeitlupentempo um die Szenerie kreisenden Autowrack ohne Räder. Hier kommt niemand mehr weg. Das ganze Spiel, jede angedeutete Bewegung oder jegliches Aufbegehren der Figuren bleiben ohne Konsequenzen. Als brächte man sie und somit das komplette Geschehen konsequent auf null. Aber auch das kennen wir schon aus den leergeräumten Kastenbühnen der Tschechow- und Gorki-Inszenierungen von Jürgen Gosch, aus denen sich keine der Figuren zu befreien vermochte und kaum sichtbare Bewegungen von Bäumen oder Wänden die unendlich langsam dahinziehende Zeitachse und perspektivlose Enge symbolisierten. Bei Borgmann fährt eine neonhelle Lichtdecke rauf und runter, erscheinen Figuren aus der Vergangenheit oder nestelt der Professor zahllos ineinander verschachtelte Matrjoschkafiguren auseinander.

Peter Kurth und Katharina Knap vor Riesenglücksrad – Foto: Julian Röder

Peter Kurth und Katharina Knap vor Riesenglücksrad – Foto: Julian Röder

Alles in allem verlängert Borgmann nur Tschechows bleierne Melancholie ins Unendliche. Eine einzige Figur aus dem Tschechow-Kosmos scheint hier unermüdlich in ihrem Glauben an Gnade und Mitgefühl. Sonja nimmt das Leid der anderen fast begierig in sich auf. Borgmann lässt sie ganze Sätze der sich ins Autowrack Geflüchteten als Monolog an der Rampe halten. Vor einem riesigen sich drehenden Leuchtrad spricht sie dann noch den Abgesang auf das Hier und Jetzt. Keine Chance auf Glück in dieser Welt. Erst im Himmel werden sie und Wanja Ruhe finden. Man kann Borgmann sicher nicht Desinteresse an seinen Figuren vorwerfen. Als einziges Fazit für fast 3 Stunden 30 Minuten ist das aber bedeutend zu wenig. Eine Tschechow-Inszenierung muss sicher nicht zwingend unterhalten. Muss sie deshalb aber dem Publikum Depression in Echtzeit vorführen? Zudem ist das Gebotene leider auch aus darstellerischer Sicht nicht besonders ergiebig.

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Onkel Wanja
Szenen aus dem Landleben in vier Akten von Anton Tschechow

Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: webermichelson
Licht: Sebastian Isbert
Dramaturgie: Jan Hein.
Mit: Elmar Roloff, Sandra Gerling, Katharina Knap, Susanne Böwe, Peter Kurth, Thomas Lawinky, Michael Stiller, Gina Bartel/Nora Liebhäuser.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Premiere im Schauspielhaus Stuttgart: 27. Oktober 2013

Weitere Infos: http://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/onkel-wanja/

Zuerst erschienen am 06.05.2014 auf Kultura-Extra.

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