Archive for the ‘Robert Wilson’ Category

Letzte Endspiele von Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE – Einige Abschiede an Berliner Theatern (Teil 2)

Dienstag, Dezember 6th, 2016

___

„Heute gibt’s nur Achtel.“ – Herbert Fritsch inszeniert für seinen Abschied von der Volksbühne noch mal ein Stückchen sinnbefreiten aber perfekten PFUSCH.

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann; Foto: © LSD/Lenore Blievernicht

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann; Foto: © LSD/Lenore Blievernicht

Mit der Ansage des designierten Berliner Kultursenators Klaus Lederer, die Berufung von Chris Dercon noch einmal zu überprüfen, ist in der letzten Woche der Streit um die Neubesetzung der Intendanz an der Volksbühne in eine neue Runde gegangen. Ungeachtet dessen feiert man im Großen Haus ein Abschiedsfest nach dem anderen. Herbert Fritsch, der nun mit seinem Abgesang Pfusch dran war, empfand sich laut einem Interview, das er der Berliner Morgenpost gegeben hat, an der Volksbühne als Einzelgänger, der hier keine Freundschaften geschlossen habe. Und wie man ihn zur Personalie Dercon verstehen kann, scheint er auch seinen Frieden mit dem Wechsel gemacht zu haben. „Der Senat muss zu seiner Entscheidung stehen, […] So ist es halt. Einige mögen ihn, andere nicht. Mal sehen. Vielleicht funktioniert es.“ Auch dass er kein politisches Theater mache, hat Herbert Fritsch noch mal explizit betont. „… was die auf der politischen Bühne an Komik produzieren, das bekäme niemand im Theater hin.“ Ein klares Statement für einen, der sich selbst auch nur als „Fratzenschneider“ bezeichnet. Und mit seiner neuen Inszenierung dreht er allen nochmal eine Nase.

*

Das erwartungsfrohe Publikum, das sich in der Volksbühne versammelt hat, schaut am Anfang minutenlang in die Röhre, besser auf eine lange Röhre, aus der langsam nacheinander das 13köpfige Fritsch-Ensemble steigt. Zunächst noch recht schüchtern in den Saal grinsend, wirft man sich aber bald in Pose. Gekleidet sind alle, ob Mann oder Frau, in bunte Chiffonkleidchen mit Schleifchen und Rüschen. Aufdüpierte Perücken, Mädchenzöpfe und grell geschminkte Gesichter lassen die wilden 13 wie eine Truppe schlechter Schauspieler auf Halloweentour aussehen. Was dann folgt ist aber nicht etwa der angekündigte Pfusch, sondern eine etwa 45minütige Dreiklang-Kakophonie. Ein Konzert an 10 aus dem Orchestergraben hochfahrenden Klavieren, begleitet von irrem Lachen, Schreien und Grimassieren. „Heut gibt’s nur Achtel.“ sagt da einer aus dem Ensemble – „und ordentlich was auf die Ohren“, möchte man hinzufügen. Einfach phänomenal.

Das ist nochmal von jeglicher Sinnhaft und sonstiger Verwertbarkeit befreite Kunst. Ein Dada-Best-Of der letzten Fritsch-Jahre. Unterbrochen wird dieses wilde Spiel nur hin und wieder durch etwas Akrobatisches an der über die Bühne walzenden Röhre oder einem irrwitzigen Nonsens-Plausch, erzeugt mit Mixerstäben in quietschenden Plastikbechern. Doch Spielleiter und Dirigent Ingo Günther in dominantem Rot und hochgestecktem Divenhaar befiehlt die Meute immer wieder zurück an die Instrumente und zum nächsten Satz, dem rhythmisches Stampfen und der kollektive Ausruf „Schön!“ folgen. Das Anti-Credo des Abends, das auch in großen Kreidelettern an die Röhre steht.

 

pfusch_volksbuehne

Fritsch PFUSCHt nochmal an der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Das erinnert an den Ausspruch eines bekannten spanischen Musikclowns, der schon allein das Besteigen eines Stuhls zur Messe machte. Was nun die in hautfarbene Badeanzüge und Badekappen gewandeten Fritsch-Clowns anstellen, um ein mit Mühe an einen Swimmingpool in der Mitte der Bühne angebrachtes Sprungbrett zu erklettern, verfehlt an Slapsticklaune nicht seine Wirkung. Den offensichtlichen Pfusch am Bau bekommt vor allem der große Mime Wolfram Koch („Ich war schon Don Carlos, du Arschloch.“) zu spüren. Man nimmt sich hier gern selbst auf die Schippe, springt kopfüber in den mit blauen Styroporwürfeln gefüllten Pool und gefriert mit den Beinen nach oben zur Lachsäule. Minimalistische Ha-Ha-Arien, Rhönradfahren in der Röhre und Trampolinspringen im Pool, Fritsch lässt keinen Spaß aus, den er nicht schon mal gemacht hätte. Der Meister des perfekt inszenierten Pfuschs bleibt sich erwartbar treu und doch selbst noch in dieser Redundanz einzigartig.

* *

Herbert Fritsch wechselt in der nächsten Spielzeit vom Haus am Rosa-Luxemburg-Platz mit dem markanten Logo „Ost“ auf dem Dach zur Schaubühne am Lehniner Platz. Zeit für ihn und seine Leute nun leise am Bühnenrand „Tschüss“ zu sagen. Auf ein Neues im alten Westen am Kurfürstendamm. Der Eiserne Vorhang schließt sich hier für sie endgültig unter lautem Getöse. Nach uns die Sintflut, oder (wie Frank Castorf sagen würde) eine Badeanstalt.

Die Inszenierung ist zum 54. Theatertreffen in Berlin eingeladen.

***

PFUSCH (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 26.11.2016)
Regie und Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Torsten König
Musik: Ingo Günther
Ton: Jörg Wilkendorf
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Mit: Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Ingo Günther, Wolfram Koch, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Varia Sjöström, Stefan Staudinger, Komi Mizrajim Togbonou, Axel Wandtke und Hubert Wild
Uraufführung war am 24. November 2016
Weitere Termine: 30. 11. / 9., 26., 31. 12. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 27.11.2016 auf Kultura-Extra.

**

*

„It must be finished!“ – Robert Wilson zelebriert sein perfektes Endspiel am Berliner Ensemble

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Ebenso wie Herbert Fritsch an der Volksbühne packt Robert Wilson nach 17 Jahren (vorher hatte er auch schon bei Zadek und Müller inszeniert) zum Ende der Intendanz Claus Peymann am Berliner Ensemble seinen Koffer. Er wird Berlin in Richtung Düsseldorf verlassen, wo er im Mai 2017 E.T.A. Hoffmanns düstere Erzählung Der Sandmann für den neuen Schauspielhaus-Intendanten Wilfried Schulz inszeniert. Gut kalkulierter Pfusch wie eben noch bei Fritsch ist aber Wilson Sache nicht. Der Meister der perfekten Inszenierung von Licht, Raum und Bewegung gibt zum Ende am BE schnell noch Becketts Endspiel, einen Klassiker des existentialistischen Theaters.

Aber auch das ist wohlkalkuliert. Samuel Beckett überlässt in seinen Dramen ja auch nichts dem Zufall. Geradewegs und unaufhaltsam streben seine Protagonisten ihrem scheinbar unabänderlichen Schicksal zu. Will heißen: Endzeitstimmung am BE. Und Wilson lässt für noch einmal 90 Minuten Wilson-Theater die Zeit still stehen, obwohl ein großer Wecker den Countdown zählt. Das Ende ist nah. Oder: „Es geht vielleicht zu Ende“, wie es bei Beckett heißt. Ein Fünkchen Hoffnung bleibt immer, auch wenn es die Zeit des Leidens nur verlängert. Daher: „It must be nearly finished!” So schallt es jedenfalls minutenlang von der Bühne in ständigem Wechsel von Schwarzblende und Licht, in dem Becketts Endspielpaar (Hamm im schwarz verhüllten Rollstuhl und Clov ebenso schwarz daneben) wie eingefroren wirkt. Ein Gruselkabinett auf dem Jahrmarkt des Lebens.

Das ist ein starker Beginn, der, wenn auch bereits auf alle bekannten Theatermittel Wilsons verweisend, doch für BE-Verhältnisse fast schon sensationell modern wirkt. Danach folgt allerdings auch das Übliche, was Wilson-Inszenierungen ausmacht: grell weiß geschminkte Gesichter, perfekt choreografierte Bewegungen, wohltemperierte Sounduntermalung und -getimte Lichtwechsel. Und doch passt alles bestens zueinander, als müsste das Ende der Welt genau so und nicht anders aussehen.

 

Georgios Tsivanoglou und Martin Schneider in Becketts Endspiel am Berliner Ensemble - Foto (c) Lovis Ostenrik

Georgios Tsivanoglou und Martin Schneider in Becketts Endspiel am Berliner Ensemble – Foto (c) Lovis Ostenrik

 

Martin Schneider als Hamm putzt quietschend die dunklen Brillengläser, pfeift nach seinem Diener Clov und verlangt nach seinem Beruhigungsmittel. Georgios Tsivanoglou als Clov watschelt in Clownsschuhen wie Chaplin, schiebt seinen verhassten Herrn ins Licht, gegen die Wand und wieder zurück auf Los – will gehen, oder Hamm morden, und schafft es doch nicht, weil er den Schlüssel zur Speisekammer nicht hat. Ein Paar, das bis zum Ende auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert ist.

Ein bisschen Abwechslung ins Einerlei der Verrichtungen bringt das unterleibslose Erzeugerpaar Hamms. Bei Beckett in Mülltonnen steckend, schauen hier die weiß geschminkten Köpfe von Nell und Nagg aus runden Löchern im Bühnenboden, aus denen sie auf Geheiß auftauchen, oder in die sie unter Druck wieder verschwinden. Traute Hoess und Jürgen Holtz machen aus diesen kurzen Auftauchern großes Theater zum Lachen und Weinen. Nell singt ein Lied von einer vergangenen, gemeinsamen Bootsfahrt auf dem Comer See, Nagg verrenkt sich nach einem Kuss von ihr, spricht von früher und scheitert grandios beim Erzählen eines Witzes vom missglückten Schneidern einer Hose. Hier werden selbst das Lutschen eines Zwiebacks und das Erbetteln einer Praline zum großen Endspiel der Worte.

Dagegen wirkt das Spiel der beiden eigentlichen Sparringspartner doch recht erwartbar und fast putzig. Das Clowneske im hermetischen Drinnen parodiert die Angst vor dem möglichen/unmöglichen Draußen. Ein Scherenschnitt eines Hundes, eine vorbeihuschende Ratte, Ein Fernglas und ein Slapstick mit einer Miniaturleiter an der Rampe sind in ihrer Bildhaftigkeit nur nette existentialistische Taschenspielertricks für Wilsons perfekte Bühnenwelt. Einmal noch startet der Meister ganz großes Kino. Dann senkt sich ein Lamellenvorhang wie ein Gitter vor die Szene und eine Neonleiste fährt lange bedrohlich von oben nach unten. Dahinter rattert Hamm im Sprechgesang seine Phrasen vom nahen Ende. Auf einer Videoprojektion auf Gaze brechen Eisberge zusammen.

 

Endspielapplaus am BE - Foto: St. B.

Endspielapplaus am BE – Foto: St. B.

 

Danach wackelt man weiter bedächtig dem Ende zu. Die Welt ist schlecht eingerichtet, und deshalb schlägt Glove sich den Kopf am Türsturz zur Küche. „Nichts ist komischer als das Unglück.“ Es fehlt nur noch der große, rote Pfeil von oben. In diesem Running Gag sind sich Sinnverweigerer Fritsch und Wilson, der Bebilderer von Becketts Bedeutungsverneinung noch am nächsten. Und trotz allem: “It’s finished”. Glov starrt mit gepacktem Koffer ins Publikum. May be, or not to be. This is Wilson’s End(game).

***

Endspiel (BE, 03.12.2016)
von Samuel Beckett
Deutsche Übersetzung von Elmar Tophoven
Regie, Bühne, Lichtkonzept: Robert Wilson
Kostüme: Jacques Reynaud
Musik: Hans Peter Kuhn
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Dramaturgie: Anika Bárdos
Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
Mitarbeit Musik: Hans-Jörn Brandenburg
Licht: Ulrich Eh
Videoprojektionen: Tomek Jeziorski
Mit: Martin Schneider (Hamm), Georgios Tsivanoglou (Clov), Traute Hoess (Nell), Jürgen Holtz (Nagg)
Premiere war am 03.12.2016 im Berliner Ensemble
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Termine: 23., 25.12.2016 / 05., 06.01.2017

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

Theaterabschiede Teil 1: Christoph Marthaler an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

__________

Kein Sumpf zieht am Gebirge hin – Robert Wilson und Herbert Grönemeyer trimmen am Berliner Ensemble Goethes Faust I und II auf ein handliches Musical-Format

Sonntag, April 26th, 2015

___

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Wie das Spielen auf eine 1959er Fender-Gitarre empfindet Herbert Grönemeyer das Arbeiten am Berliner Ensemble. Das hat der 59jährige Musiker im Vorfeld der FAUST-Premiere einem Fernsehsender gestanden. Damals hätte der kleine Herbert das gute Stück noch nicht mal halten können. Heute komponiert und arrangiert der Bochumer ganze Orchesterparts und nach Georg Büchners Leonce und Lena schon zum zweiten Mal auch die Musik für eine Theaterinszenierung des texanischen Regisseurs Robert Wilson. Für den dürfte seine Inszenierung des zweiteiligen Goethe-Klassikers allerdings so etwas wie ein Alterswerk sein. Und damit steht er am Berliner Ensemble bei weiten nicht allein. Hier haben nach Bertolt Brecht so bedeutende Regisseure wie Fritz Marquard, Heiner Müller und Peter Zadek gearbeitet. Nach der Übernahme der Intendanz durch Claus Peymann 1999 kamen Regisseure wie Thomas Langhoff, Luc Bondy und Peter Stein dazu. Peymann bewies ein Händchen für Leute, die man anderswo nicht mehr wollte.

Frank Castorf könnte der nächste sein, wenn dem BE-Intendanten nicht zur gleichen Zeit wie dem Volksbühnenchef der Stuhl vor die Tür gesetzt worden wäre. Castorf müsste 2017 bei dem aus Frankfurt nach Berlin wechselnden Oliver Reese anfragen, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Dass allerdings Claus Peymann noch mal an der Volksbühne reüssiert, ist eher unwahrscheinlich. Da dürfte Tim Renner vor sein. Der neue Kulturstaatssekretär räumt auf und sortiert die Berliner Theaterlandschaft um. Castorf und Peymann gehören nun endgültig zum musealen Alteisen. Der neue Macher an der Volksbühne Chris Dercon kommt zwar vom Museum, allerdings Tate Modern und nicht Old School. Trotzdem bleibt für beide Regisseure noch genügend Zeit für weitere Alterswerke, ob nun auf Solo-Fender oder mit komplettem Orchester.

*

Nun ist also erstmal der 73jährige Texaner Robert Wilson dran. Der in Europa für seine streng durchkomponierten Theaterbilder bestens bekannte Regisseur, Bühnenbildner, Maler, Videokünstler und Architekt hat seit 1998 regelmäßig am Berliner Ensemble inszeniert. Dabei war Musik immer eines der prägenden Gestaltungsmittel. Und wenn Claus Peymann noch so sehr gegen das an der Volksbühne bevorstehende Event-Theater wettert, so hat er es doch mit Wilson längst am BE etabliert. Also alles nur eine Frage der Wahrnehmung und Ästhetik? Dazu Goethe: „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis; / Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan; / Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.“ Mit dem Chorus Mysticus, bei dem die unsterbliche Seele Fausts in den Himmel entführt wird, beendet Wilson seinen Faust-Bilderreigen als Bekenntnis zur Schönheit wie auch gleichsam zur Unzulänglichkeit menschlichen Strebens. Und so natürlich auch der eines Künstlers. Das ist schönste Selbstironie, der der Meister zuvor gute vier Stunden lang auch ausgiebig frönt.

FAUST I und II am BE - Foto © Lucie Jansch

FAUST I und II am BE – Foto © Lucie Jansch

Und es beginnt schon beim Einlass mit einem frohen Gewusel des BE-Ensembles, das Kostümbildner Jacques Reynaud wieder sehr fantasievoll eingekleidet hat. Man singt zur Musik Herbert Grönemeyers das „Vorspiel auf dem Theater“. Prospekte und Maschinen werden im Weiteren dann auch nicht geschont, um die die ganze Theaterschöpfung Goethes „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ abzuschreiten. Es werden Betten aufgefahren, ein netter Märchenonkel mit Bart spricht bedächtig die „Zueignung“ und der Heilige Vater steht beim Prolog in der Gestalt von Anna von Haebler auf einem Podest gerahmt von barocken Engeln. Keck tritt hier schon die wahre Hauptperson des Abends im roten Frack auf. Christopher Nell als Mephistopheles, der schon in Wilsons Peter Pan von 2013 die elektrisierende Fee Tinker Bell spielte und auch Leander Haußmanns grandioser Hamlet ist. Er gibt hier ein freches Störteufelchen, weniger Verführer als viel mehr provokanter Hans Dampf, der jedem an die Wäsche geht. Wau!

Mephistos ständige Präsenz ist Vor- und Nachteil der Inszenierung zugleich. Er hält die Stimmung am Kochen, lässt aber auch die eigentliche Hauptfigur Faust in den Hintergrund treten. Robert Wilson vervierfältigt (Niclaas van Diepen, Marvin Schulze, Joshua Seelenbinder, Alexander Wanat und Fabian Stromberger) sie wahrscheinlich deshalb im ersten Teil. Eine Persönlichkeitsaufspaltung, die nicht unbedingt des Pudels Kern trifft, wie auch das dreifache Gretchen (Antonia Bill, Christina Drechsler und Dorothée Neff ) eine nette Idee bleibt, die man schon aus dem Peter Pan kennt. Später kommt noch ein doppelter Valentin (Matthias Mosbach und Felix Tittel) dazu. Dafür tritt Faust-Schüler Wagner (Lukas Gabriel) erst im zweiten Teil als schusselig bärtiger Wissenschaftler auf. Der ist Faust Eins auch im Vierfach-Format nun gar nicht, selbst wenn man den Darstellern lange Bärte angeklebt hat, die Ihnen dann bei der Verjüngungskur in der Hexenküche abgenommen werden. Es bleibt im Dunkel der Bühne, nur durch wechselnde Spots beleuchtet, warum Wilson hier eine jodelnde Boygroup gegen eine puppenhafte Girlsband antreten lässt. Die wie immer weiß geschminkten Gesichter unterstreichen diese gewollte Künstlichkeit. Auf jeden Fall gibt das einige gute Chorpassagen und nette Effekte.

FAUST I und II am BE - Fabian Stromberg und Christopher Nell beim Premierenapplaus - Foto: St. B.

FAUST I und II am BE, Fabian Stromberg und Christopher Nell beim Premierenapplaus – Foto: St. B.

Überhaupt, Goethes Text, den Dramaturgin Jutta Ferbers stark eingekürzt hat, eignet sich vortrefflich für Grönemeyers Vertonungen die mal klassisch swingen, mal volkstümlich liedhaft daher kommen. Chanson steht neben Gospel oder Pop. Es ertönen Glocken, orientalische Klänge und sakrale Orgeln. Allerdings nervt ein wenig das ständige Wiederholen einiger Textpasssagen. Und so ziehen Faust und Mephisto singend von Station zu Station. Auerbachs Keller fällt aus, dafür ist die Walpurgisnacht eine schwarze, umnebelte Satansmesse mit Leuchtkreuz am Boden und einem darüber schwebenden Teufel. Die Fauste und Gretchen spielen Versteck in Marthes (Raphael Dwinger) Garten. Am Brunnen wird der Klatsch um das unkeusche Gretchen durch ein dreifaches Lieschen (Friederike Nölting, Theresa Riess und Laura Tratnik) gerappt und im Kerker tanzen schließlich drei Paare Walzer. Nachdem drei Türen lautstark zu gefallen sind, bleibt nur ein einziger Faust (Fabian Stromberger) übrig, der nach einer Pause in Teil zwei weiter machen darf.

Auch Faust II ist eine Bilderreigen von Best-of-Szenen. In der Kaiserpfalz regnet es zwar kein Papiergeld vom Himmel, aber es hängen Goldbarren vom Schnürboden, der karnevaleske Hofstaat ist lüstern gierig auf die Kunststücke Mephistos, der auch wie gewünscht mit Knall und Rauch ein antikes Pärchen herzaubert. Wilson konzentriert sich auf die Suche Fausts nach seiner Helena (Anna von Haebler), eine unglückliche unerfüllte Liebe, deren aufstrebender Spross Euphorion (Marvin Schulze) kurz am Seile hängt. Der Homunkulus fährt als künstliche Menschmaschinen-Apparatur über die Bühne, und es treten viele bunte Fabelwesen, Hexen, antike Philosophen und finstere Gestalten auf. Von Fausts Visionen ist aber weit und breit nicht viel zu sehen. Kein Sumpf zieht am Gebirge hin, kein Damm, kein unermüdliches Werken von Lemuren. Dafür gibt es eindrucksvolle Videobilder eines jagenden Gepards und einer flüchtenden Herde Gnus als Gleichnis entfesselter Naturgewalten. Der alternde und schließlich erblindende Faust liegt im Bett und ihm begegnen so Mangel, Schuld, Not und Sorge als alte graue Weiber. Wie das greise Ehepaar Philemon und Baucis (Joshua Seelenbinder und Dorothée Neff) sitzen auch Faust und Mephisto am Ende auf der Gartenbank und verschmelzen in ihrem Text miteinander. Streber und Verhinderer in trauter Einigkeit, ein sich ewig weiterdrehender Lebenskreislauf von Schöpfung und Vergehen.

*

FAUST I und II_BE_Robert Wilson und Herbert Grönemeyer_Applaus

Robert Wilson und Herbert Grönemeyer beim Premierenapplaus – Foto: St. B.

Das sieht toll aus – auch die darstellerischen Leistungen überzeugen durchweg – grenzt aber in seiner Albernheit zu weilen auch an recht banales Kunstgewerbe. Die sperrig-hektische Widerspenstigkeit seines Woyzeck, die große Verspieltheit von Leonce und Lena, die mystische Düsternis der Lulu oder die magische Kraft von Peter Pan kann Robert Wilson mit diesem Faust-light nicht erreichen, auch wenn Herbert Grönemeyer nach dem furiosen Premierenapplaus noch eine enthusiastische Zugabe als Sänger gibt. Eine Überforderung im positiven Sinne wie etwa der FAUST-Marathon von Nicolas Stemann am Thalia Theater Hamburg wird das hier nie. Dass die beiden BE-Faust-Macher durch die rumplige Unbedachtheit von Hausherr Claus Peymann nun in einen Theaterstreit mit hineingezogen werden, der nicht der ihre ist, könnte zur Tragik des Abends werden, über den sich sonst wohl weiter keiner erregen würde. Aber mit dieser originären Event-Nummer dürfte es schwerfallen gegen die sogenannte „neoliberale“ Streitmacht eines Tim Renner und Chris Dercon anzustinken.

***

FAUST I und II
GOETHE / WILSON / GRÖNEMEYER
Textfassung: Jutta Ferbers
Regie, Bühne und Lichtkonzept: Robert Wilson
Musik und Lieder: Herbert Grönemeyer
Kostüme: Jacques Reynaud
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Mitarbeit Musik/Sound Design: Alex Silva
Dramaturgie: Jutta Ferbers, Anika Bárdos
Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
Musikalische Leitung: Hans-Jörn Brandenburg, Stefan Rager
Musikalische Arrangements: Herbert Grönemeyer, Alex Silva
Zusätzliche Orchester-Arrangements: Hans-Jörn Brandenburg, Alfred Kritzer, Lennart Schmidthals
Licht: Ulrich Eh
Videoprojektionen: Tomek Jeziorski
Mit: Antonia Bill (Faust I: Margarete, Faust II: Geist, Nymphe, Trojanerin), Christina Drechsler (Faust I: Margarete, Faust II: Geist, Nymphe, Trojanerin), Dorothee Neff (Faust I: Margarete, Faust II: Geist, Nymphe, Trojanerin, Baucis), Friederike Maria Nölting (Faust I: Erzengel, Lieschen, Hexe/Geist, Faust II: Sphinx, Trojanerin, Sorge), Theresa Riess (Faust I: Erzengel, Meerkätzchen, Lieschen, Faust II: Sphinx, Chor gefangener Trojanerinnen, Not), Anna von Haebler (Faust I: Der Herr, Hexe/Geist, Faust II: Helena, Schuld), Laura Tratnik (Faust I: Meerkätzchen, Lieschen, Faust II: Hofdame, Manto, Trojanerin, Mangel), Raphael Dwinger (Faust I: Marthe, Hexe/Geist, Faust II: Kaiser), Lukas Gabriel (Faust I: Pudel, Hexe/Geist, Faust II: Wagner, Raufebold), Matthias Mosbach (Faust I: Erzengel, Valentin, Faust II: General, Anaxagoras), Christopher Nell (Faust I und II: Mephistopheles), Luca Schaub (Faust I: Die Hexe, Geist, Faust II: Erzbischof), Marvin Schulze (Faust I: Faust, Faust II: Greif, Euphorion), Joshua Seelenbinder (Faust I: Faust, Lamie, Faust II: Philemon), Samuel Simon (Faust I: Hexe/Geist, Faust II: Phorkyade, Habebald), Fabian Stromberger (Faust I: Faust, Hexe/Geist, Faust II: Faust), Felix Tittel (Faust I: Valentin, Faust II: Finanzminister, Thales, Lynkeus), Nicolaas van Diepen (Faust I: Faust, Faust II: Lamie), Alexander Wanat (Faust I: Faust, Faust II: Paris, Haltefest), Stefan Kurt (Stimme Erdgeist) und Angela Winkler (Stimme Homunkulus)
Orchester: Stefan Rager (Percussion, Computer), Hans-Jörn Brandenburg (Elektronisches Klavier, Computer), Joe Bauer (Klänge, Geräusche), Michael Haves (Synthesizer, Bass, Gitarre), Ilzoo Park (Violine), Sophiemarie Yeungchie Won (Violine), Min Gwan Kim (Viola), Hoon Sun Chae (Violoncello)

Premiere am Berliner Ensemble war am 22.04.2015

Dauer ca. 4h 15 Min (eine Pause)

FAUST I und II_BE_VorhangTermine:
17.05.2015 um 19:00 Uhr
18.05.2015 um 18:30 Uhr
19.05.2015 um 18:30 Uhr
20.05.2015 um 18:30 Uhr
22.05.2015 um 18:00 Uhr
14.06.2015 um 19:00 Uhr
15.06.2015 um 18:30 Uhr
16.06.2015 um 18:30 Uhr
09.07.2015 um 19:00 Uhr
10.07.2015 um 18:30 Uhr
11.07.2015 um 18:30 Uhr
12.07.2015 um 15:00 Uhr

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/112/faust-smalli-und-iismall

__________

Robert Wilson knallt in seiner neuen Regiearbeit den „Peter Pan“ als grell-buntes Musicalvergnügen in der Musik von „CocoRosie“ auf die Bretter des BE.

Montag, Mai 13th, 2013

___

Theaterzauberer Robert Wilson verwendet nicht erst seit heute Musik zur Untermalung seiner Inszenierungen. Bisher standen ihm Größen der Rock- und Pop-Szene wie Tom Waits, Herbert Grönemeyer oder Lou Reed zur Seite. Für seine neue Produktion am Berliner Ensemble hat Wilson nun mit den Schwestern Bianca und Sierra Casady, auch bekannt als CocoRosie, zusammengearbeitet, die eigentlich musikalisch bestens zu seinem bizarren bunt-bizarren Bildertheater passen müssten. Vor zwei Jahren stellt der 71jährige Texaner die bekannte Schauspielerin Angela Winkler als schaurig-schönen Vamp und verführerische Kind-Frau Lulu auf die Bühne des BE. Diesmal hat er sich die Geschichte von Peter Pan, dem Jungen der nicht erwachsen werden will, von James Matthew Barrie ausgesucht. Gespielt wird die Bühnenfassung in deutscher Übersetzung von Erich Kästner. Der Text ist dankenswerter Weise im wie immer am BE in anspruchsvoller Weise gestalteten Programmbuch abgedruckt.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Wilson interessiert am Peter Pan nicht nur die jugendliche Pose, sondern auch der Zwiespalt eines Menschen, der, für die ewige Jugend und Freiheit auf Liebe und ein Glück in Gemeinschaft verzichtend, bewusst seine Rolle als Außenseiter zelebriert. Dass auch er einst eine zweite Seite, einen sogenannten Schatten besessen hat, zeigt die Inszenierung gleich im ersten Bild. Groß ist er hinter einer kleinen Jungenspuppe mit Laterne an der Bühnenrückwand angebracht. Sabin Tambrea, der Jungstar des Berliner Ensembles, gibt aber sogleich von schallendem Gelächter begleitet zu verstehen, dass er Peter Pan sei und lustig sein will. Das Spiel beginnt dann auch sogleich mit einer Parade der Darsteller in bunten Kostümen und wie immer grellgeschminkten Gesichtern. Ein Schatten, der darauf fallen könnte, stört da nur und wird daher auch gleich entfernt.

Aber um diese andere Seite, den fehlenden Schatten, soll es gehen, auf dessen Suche Peter Pan auf Wendy Darling (Anna Graenzer) trifft und sie mit ihren Brüdern durchs geöffnete Fenster ins Neverland entführt. Den Künsten dieses mit grüner Lederjacke bekleideten Verführers erliegen die Darling-Kinder nur zu gern, um aus der täglichen Gängelei der Eltern und Neufundländer-Nana, die hier gleich dreifach in der Form von knurrenden und bellenden Bullterriern auftritt, zu entrinnen. Auf weißen Wattewolken, die auf großen Stellagen geschoben werden, geht der Flug ins Land Nirgendwo einem Reich mit Piraten, Indianern und Nixen, in dem Peter Pan der Käptn der Lost Boys ist.

PETER PAN am BE - Fotos (c) Lucie Jansch

PETER PAN am BE – Fotos (c) Lucie Jansch

Wilson verzaubert in der ersten Hälfte sein Publikum mit immer neuen Arrangements aus fantastischen Figuren, Kostümen und Musikeinlagen. Die Lost Boys sind lustige Kerls mit roten Haaren, die Piraten finstere Ledermäntelträger mit Sturmfrisur, Tigerlilly (Georgios Tsivanoglou) sieht aus wie ein dick eingemummelter Eskimo und singt mit ihren Indianern ein lustiges „Hände in die Luft“. Die Fee Tinkerbell, Peters eifersüchtiges Anhängsel, schwirrt als ein alles elektrisierendes, blondgelocktes Zwitterwesen im Tutu umher. Christopher Nell treibt Schabernack wie ein Puck, piekt alle mit seinem Zauberstab, zittert, lacht und singt in hellstem Sopran. Ein Idealwesen der Wilson`schen Figurenchoreografie. Und so kiekst, funkt, klingt und plingt es bis zur Pause weiter, dass es nur so eine Freude ist. Das Publikum dankt es den Schauspielern mit einigen Lachern und reichlich Szenenapplaus.

Vielleicht kommt das alles aber doch etwas zu bunt, lustig und infantil daher. Das Hintergründige, die schwarze Seite des Nimmerlands will sich nicht wirklich zeigen. Der Schrecken erzeugt sich aus präzise getimtem Licht und jedes neue Bild wird schnell zur beliebigen Karikatur. Da sirren die Sirenen auf spitzen Pappmageklippen und der böse Käpten Hook droht mit seiner Hakenhand und schwingt die Peitsche. Er verflucht seinen Erzfeind Peter Pan und besingt ihn doch in einer melancholischen Stunde auch als seinen Erzfreund. Stefan Kurt, langjähriger Wilson-Darsteller, changiert hier als Zerrissener zwischen Einsamkeit und Wahn. Er will Peter zum Manne machen und scheitert doch an seiner eigenen Angst vor dem Tod. Ein Krokodil mit funkelnden Augen trägt bereits seine Uhr und Hand im Magen. Als sie zu ticken aufhört, ist es auch um ihn komplett geschehen.

PETER PAN am BE, Premierenbeifall - Foto: St. B.

PETER PAN am BE, Premierenbeifall – Foto: St. B.

Peter Pan darf lachender Rächer und geflügelter Retter seiner Wendy und der Lost Boys sein. Er bleibt immer die Jugend und die Freude. Das es auch durchaus anders sein könnte, kommt nur in einer Szene mit den Lost Boys im Haus unter der Erde zum Ausdruck. Hier sitzen sie aufgereiht an einer langen Tafel, an deren Enden Wendy und Peter sich wie ein altes Ehepaar streiten. Wendy gerät hier zur bösen Karikatur ihrer Mutter. Anna Graenzer ist dieser Zwiespalt von Anbeginn grell ins Gesicht geschminkt und die Angst, dass irgendwann das Fenster zu Heim und Eltern für immer geschlossen sein könnte. Doch das Musical verlangt nach seinem Happy End. Familie Darling bekommt Zuwachs durch die Lost Boys und Peter singt sein Good Bye. „To Die Be An Awfully Great Adventure“. Und nicht nur das bleibt bei Robert Wilsons neuestem musikalischem Bilderspaß allerschönste Behauptung.

***

PETER PAN
Robert Wilson / CocoRosie
von J. M. Barrie / Deutsch von Erich Kästner
Regie, Bühne, Lichtkonzept:
Robert Wilson
Musik und Songs: CocoRosie
Kostüme: Jacques Reynaud
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Dramaturgie: Jutta Ferbers,
Dietmar Böck
Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
Mitarbeit Kostüme: Yashi Tabassomi
Musikalische Leitung: Stefan Rager, Hans-Jörn Brandenburg
Arrangements/musikalische Einrichtung: Doug Wieselman
Übersetzung der Songs: Arezu Weitholz
Licht: Ulrich Eh
Mit: Antonia Bill (Nixe I, Whibbles, Die Tapfere), Luca Schaub (Bisschen), Claudia Burckhardt (Nixe II, Cecco), Anke Engelsmann (Nana, Tootles), Johanna Griebel (Zwilling I), Raphael Dwinger (Nana, Spitzchen), Anna Graenzer (Wendy), Traute Hoess (Frau Darling, Nixe III, Großer kleiner Panther), Boris Jacoby (Bill Jux, Indianer III), Marvin Schulze (Michael), Stefan Kurt (Kapitän Hook), Christopher Nell (Tinkerbell), Stephan Schäfer (John), Marko Schmidt (Zwilling II), Martin Schneider (Herr Darling, Das Krokodil, Smy), Sabin Tambrea (Peter Pan), Jörg Thieme (Löckchen, Indianer II), Felix Tittel (Noodler, Indianer I), Georgios Tsivanoglou (Nana, Cookson, Tigerlilly), Axel Werner (Starkey), Nadine Kiesewalter (Doppelbesetzung Wendy), Joachim Nimtz (Doppelbesetzung Kapitän Hook) und Lisa Genze / Lana Marti / Mia Walz (Das Kind)
The Dark Angels: Joe Bauer (Ton und Geräusche), Florian Bergmann (Holzblasinstrumente), Hans-Jörn Brandenburg (Tasteninstrumente), Cristian Carvacho (Perkussion, Charango), Dieter Fischer (Posaune, Banjo), Jihye Han (Bratsche), Andreas Henze (Bass), Stefan Rager (Perkussion), Ernesto Villalobos (Flöten)

Dauer: 2h 30 Minuten (mit Pause)

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/89/peter-pan

__________

LULU SEIN ODER NICHTSEIN – Zweimal große Theater-Schmiere am Berliner Ensemble und Maxim Gorki Theater

Donnerstag, April 21st, 2011

Dramen mit Damen sind in dieser Spielzeit nicht nur an den Berliner Theatern wieder in Mode. Da gibt es das Käthchen und die Penthesilea, da Kleist-Jahr ist, es gibt sogar ein Kameliendame und die Medea von einer filmpreisgekrönten Sophie Rois, eine Antigone, die gar keine echte Dame ist, es gibt ein Madame Bovary und nicht zu vergessen, es gibt eine Lulu als ganzen Volker-Lösch-Chor von Professionellen, der zum Teil von Nichtprofis oder umgekehrt durchsetzt ist. Es gibt nun auch eine Lulu am BE, die es aber, wie man heute hört, an der Wiener Burg nicht mehr geben wird, oder zumindest erst nach der „Karenzzeit“ von Birgit Minichmayer, die sie im schönen München bei Martin Kusej verbringen will. Vielleicht kann ja nun Sunnyi Melles die Rolle in Jan Bosses geplatzter Wiener Lulu-Inszenierung übernehmen, die im Gegenzug dafür nach Wien rotiert ist.
Womit wir thematisch wieder bei der Berliner Lulu von Theaterkünstler Robert Wilson sind, der mit der Besetzung der schon etwas älteren Theaterdame Angela Winkler als Lulu eine kleinen Coup landet. Auch der Rest der Besetzungsliste ist nicht ohne, mit Jürgen Holtz als alten ironischen Schigolch, Alexander Lang als nicht minder lakonischen Dr. Schöning, Anke Engelsmann als düstere Gräfin Geschwitz, Georgios Tsivanoglou als Goll und nach dem der hin ist als quirliger Artist Rodrigo Quast, Markus Gertken als launischer Alwa Schöning, Sabin Tambrea als gegelter Schönling Jack the Ripper und Ruth Glöss als, na als was eigentlich, Wilson nennt sie einfach mal Ruth und so wuselt sie als närrische Alte etwas verloren über die Szenerie und singt sich eins. Komplettiert wird die geile Männerriege von Marko Schmidt, Alexander Ebeert, Boris Jacoby, Jörg Thieme und Ulrich Brandhoff.
Die Musik, ohne die Wilson Theatermechanismus ungeölt vor sich hin quietschen und plingen würde, stammt diesmal von dem seit seinen Anfängen mit Velvet Underground trotz Glam-Rock- und Metalunterbrechungen immer sehr düster nachdenklichen Rock-Gitaristen Lou Reed. Im Orchestergraben sitzt eine Band um Stefan Rager und spielt zu „Lulus Death“ A bis E die schaurig schönen bis schrägen Songs und Balladen wie „Rooftop Garden“, „I Remember You“, „Mistress Dread“, „A Gift“, oder den tatsächlich pumpenden Beat des „Pumping Blood“, das melancholische „Sunday Morning“ der Velvet Underground, bei dem Anke Engelsmann als düstere Gouvernantenartige Geschwitz fast wie Nico klingt, ein rockiges „Brandenburg Gate“ und zum Schluss ein eiskaltes „Iced Honey“. Man könnte nur über diese Musik schreiben, wenn da nicht auch noch ein Theaterstück auf der Bühne liefe, für das diese Songs zwar nicht alle neu geschrieben wurden, aber die gut zur Thematik der kollektiven Männerfantasie Lulu und ihrer Einsamkeit und Behauptung in dieser feindlichen Welt passen.
Aber das interessiert Robert Wilson nicht an Lulu. Er lässt sie schon zu Beginn und immer wieder in kleinen Zwischenszenen sterben, und erzählt so eine Geschichte der Ausweglosigkeit vom Ende her, die zwangsläufig zum Ripper führen muss. Schöner Sterben mit Lulu A bis E könnte man das auch nennen. Es sind die üblichen Kostüme, Bühnenbilder und Wilson-Choreografien, die die Szenerie bestimmen. Tack, Tack, Tock, Tock und Pling, fertig ist die Wilson-Welt und das wie immer auf höchstem künstlerischen Niveau. Nur bei einigen Schauspielern der bestens geübten Wilson-Crew rührt sich diesmal so etwas wie eine kleine Aufruhr gegen das starre Korsett. Allen voran Jürgen Holtz, der als Lulus Vater Schigolch mit einer eiskalten Gleichgültigkeit und in stark ironischer Weise, das übliche Konzept Wilson unterläuft. Wie er so schnarrend das Bühnenbild durchstreift ist schon sehenswert, er stielt so der in ihrem aufgemotzen Staat feststeckenden, girrenden und in höchsten Tönen trällernden Angela Winkler fast die Show. Auch Alexander Lang gelingen einige solcher zweifelnden, ironischen Momente, es wirkt aber als wäre dies Wilson eher unbeabsichtigt passiert, nur ein Lapsus des Meisters, der mit den Jahren seinem perfektionierten Prinzip nicht mehr traut. Vielleicht ist da etwas Selbstironie am Werk, allerdings der Rest zappelt in gewohnter Manier wie an Fäden gezogen über die Bühne.
Der Zuschauer ist es zufrieden und gibt Szenenapplaus für eine surreale Zypressenallee, eine Lulu allein auf weiter Flur, wie in einem Bild von Rene Magritte gefangen. Das Bild ist tatsächlich sehenswert, aber das ist das Problem dieser Inszenierung, die wieder nur optische Reize aussendet und nicht wirklich in die Abgründe dieser zerrissenen Figur geht, die hier sogar im Zwiegespräch mit sich die Texte der Geschwitz gleich mit herunterhechelt. Ansätze des alten Regiegenies Wilson sind da, bleiben aber Skizze, gemalt in Öl. Einmal noch ist Alarm auf der Beleuchterbrücke, wenn Lulu mit ihrem restlichen Anhang im schmutzigen London angekommen ist. Die Szenerie ist dunkel und nur die Gesichter sind mit Spots ausgeleuchtet. Lulus Freier treten nach und nach aus dem Hintergrund und zählen der gebrochenen Kindfrau die Pennys in die Hand. Sabin Tambreas Jack als schräger Schönling mordet sie hinter der Bühne, ein letzter spitzer Schrei, der Rest ist zwar eiskalter aber schön gestylter Abgesang an der Rampe. Die Büchse der Pandora bleibt für diesmal geschlossen. Keine Monstretragödie ist zu sehen, nur die monströse weiße Schmiere in den Gesichtern der Schauspieler.

Was wirklich große Theaterschmiere im besten Sinne bedeutet, zeigt zwei Tage später Ex-Volksbühnenschauspieler und Theaterregisseur Milan Peschel mit der Komödie „Sein oder Nichtsein“ am Maxim Gorki Theater. Er zelebriert hier die große Kunst der Klamotte, mit Lust und Mut zur Lächerlichkeit. Das Stück von Nick Whitby mit dem Titel des großen Hamlet-Monologs nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1942, spielt 1939 in Warschau, wo an einem Theater polnische Schauspieler eine Nazi-Farce mit dem Namen „Gestapo“ proben. Das nutzen Star- wie Chargendarsteller gleichermaßen zur Profilierung, hier blühen gleich zu Beginn Theaterallüren vom Feinsten, der Boulevard lässt grüßen, „…und einen Lacher soll man nie verachten“ . Tür auf, Tür zu, das Hitlerbild hüpft dazu auf und ab, bis es am Boden liegt und der Hitler-Kleindarsteller Bronski (Horst Westphal) seine Chance zum ganz großen Auftritt wittert, endlich weg vom ewigen Spiesträger. Es reicht aber nur für ein falsches Autogramm. Solche Träume hat der Großschauspieler und Hamletdarsteller Josef Tura (Ronald Kukulies) nicht mehr nötig, er bekommt Käsebrot und Bier auf die Bühne und ist auch sonst voll von seiner Kunst überzeugt. Wenn da nicht diese Zweifel an jedem Abend wären, wenn sich immer wieder ein junger Mann aus der zweiten Reihe erhebt und vor Turas großem Hamletmonolog den Saal verlässt. Das ist zuviel für das Ego des eingebildeten Künstlers, der noch nicht weiß, dass der junge Fliegeroffizier Sobinsky (Hans Löw) in diesen Minuten zu der von ihm verehrten Schauspielerin und Frau des Josef Tura, in die Garderobe eilt, um ihr zu huldigen. Sabine Waibel gibt die Maria Tura als blonden Engel im langen Kleid, hin- und hergerissen zwischen ehelicher Pflicht und Sobinskys Schwärmereien. Diese und ähnliche Probleme bestimmen das Leben der Schauspieler kurz vor dem Einmarsch der deutschen Armee im September 1939. Doch die ersten Anzeichen des bevorstehenden Krieges zeichnen sich bereits ab und das Stück „Gestapo“ wird aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen abgesetzt.
Lubitsch hatte hieraus eine aberwitzige Satire gemacht, die selbst vor Schenkelklopfern im Angesicht des Grauens nicht halt machte. Eine kleine Truppe Schauspieler, die in großer Gefahr, da durch einen Spion der Gestapo verraten, über sich hinauswachsen und ihre Rollen aus reinem Lebenserhaltungstrieb nun in der Wirklichkeit weiterspielen müssen. Peschel, der dieses Stück in einer Koproduktion mit dem Stary Teatr bereits mit polnischen Schauspielern in Krakau herausgebracht hat, adaptiert diese Inszenierung nun mit deutschen Darstellern fürs Gorki. Er arbeitet hier erstmals mit seiner Frau, der Bühnenbildnerin Magdalena Musial zusammen, die ebenfalls aus Polen stammt. Ihr Bühnebild in seiner provisorischen Sperrolzfragilität lässt sich prima und schnell in alle möglichen Räume umbauen und gibt dabei viel Platz für schnelle Auf- und Abtritte mit jeder Menge Türknallerei und Slapstick. Und das nutzen die begnadeten Schauspieler allen voran Ronald Kukulies auch weidlich aus. Sein Tura ist aber keine bloße Witzfigur, sondern er lässt in ihm die gesamte Bandbreite seines komödiantischen Talents aufblitzen, er grimassiert und windet sich, gibt die Verkleidungsposse ganz im Stile eines kleinen Schmieren-Schauspielers, der aus schierer Verzweifelung und Liebe zu seiner Frau zum Grand-Guignol aufläuft. Erst grandios als falscher Konzentrationslager-Erhardt und dann wieder grotesk als Silewski, nachdem Sobinsky den Spion Silewski (Wilhelm Eilers) erschießt, weil dieser die Posse Turas durchschaut hat. Das kulminiert in einem absurden Tanz, in dem Kukulies den toten Silewski rasiert und ihm seinen zweiten falschen Bart anklebt. Aus der Tragik seiner Figur zieht Kukulies diese grandiose Komik.
Die zweite Überraschung ist Holger Stockhaus als Gruppenführer Erhardt, der sich mit dem dauerheiser krächzenden Sturmführer Schulz (Martin Otting) herrliche Dialoge über Theater- und Filmkunst sowie Vorlieben für Philosophen wie Bälle zuspielt. Stockhaus knallt auch einige verrückte Tanzeinlagen auf die Bühne, ganz im Stile Charlie Chaplins, nur ohne Weltkugel und er kommt dabei auch deutlich spürbarer außer Atem. Es wird aus weiteren Filmen zitiert, ein Pianist erschossen und das alles so trocken und ungeniert, dass es einem schon mal das Lachen stocken lässt. Hans Löw hält dann als Silewski noch eine flammende Rede über hundert Naziskalps vor den verdatterten Schauspielern. Diese klare Ansage des Aldo Raine aus Tarantinos „Inglourious Basterds“ vermag aber die Schauspieler nicht zu weiteren Heldentaten zu motivieren. Die Frage des Sein oder Nichtsein wird hier nicht entgültig beantwortet, die Geschichte endet offen. Das Spiel im Spiel in Peschels genialer Inszenierung zeigt den Schauspieler als das was er ist, den Träger einer Rolle, nicht als den Helden selbst oder den Bösewicht, den er darstellen muss. Das geschieht aber in vollendeter Perfektion, ein großes Fest für alle Schauspieler des Gorki-Ensembles, das man spätestens jetzt nicht mehr leichtfertig unterschätzen kann. Peschel gelingt eine Liebeserklärung an den Schauspieler an sich und nebenbei noch eine wirklich gute Nazischmiere mit Biss.

Hier gehts zur Kritik von Prospero auf Stage and Screen