Archive for the ‘Roland Schimmelpfennig’ Category

„Glaube Liebe Hoffnung“ im Maxim Gorki Theater, „Kabale und Liebe“ im Ballhaus Ost und „Der Tag, als ich nicht ich mehr war“ im Deutschen Theater – Melancholischer Blues, Stummfilmklamotte und biedermeierlicher Klamauk zum Beginn des Berliner Theaterjahrs

Mittwoch, Januar 17th, 2018

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Glaube Liebe Hoffnung – Hakan Savaş Mican zeichnet am Maxim Gorki Theater Ödön von Horváths „kleinen Totentanz“ als recht düster-melancholisches Wintermärchen

Glaube Liebe Hoffnung am Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Der österreichisch-ungarische Dramatiker Ödön von Horváth beschreibt in seinem 1932 erschienen Drama Glaube Liebe Hoffnung, das er in einer Randbemerkung auch einen „kleinen Totentanz“ nennt, die Passion einer jungen Frau im Deutschland der 1930er Jahre, die „im gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft“, wie es Horváth weiter beschreibt, auf der Strecke bleibt. Um einen Wandergewerbeschein zu bekommen, borgt sich die arbeitslose Elisabeth von einem Präparator des Anatomischen Instituts, wo sie zunächst für Geld ihren Körper verkaufen wollte, 150 Mark, die sie aber dazu benutzt eine Geldstrafe zu bezahlen, die sie wegen des Handels mit Miederwaren ohne jenen Schein erhalten hatte. Vom Präparator wegen Betrugs angezeigt, wird Elisabeth wegen ihrer Vorstrafe ohne Bewährung zu vierzehn Tagen Haft verurteilt. Und letztendlich scheitert deswegen auch ihre Liebesbeziehung zum Polizisten Alfons. Ein Teufelskreis der Unmenschlichkeit, bei dem die Bestrafungen von Bagatelldelikten die freie Existenz der jungen Frau zu Grunde richten, so dass die zu Beginn noch recht hoffnungsvolle Elisabeth schließlich nur noch einen Ausweg im Freitod sieht.

„Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind“, ist eines der bekanntesten Zitate der Elisabeth. Letztendlich hat Horváth diese Sichtweise menschlicher Unzulänglichkeit verschiedentlich in seinen Stücken variiert und kam so auch sicher zu der Feststellung: Glaube Liebe Hoffnung könnte jedes meiner Stücke heißen.“ Und so lässt sich natürlich das ganze Geschehen um die sich in der eiskalten Gesellschaft zu behaupten versuchende Elisabeth auch gut mit Zitaten aus anderen Horvath-Texten auffüllen. Schon Dušan David Pařízek hat in seiner Inszenierung von Niemand am Deutschen Thater den frühen mit dem späteren Horváth zusammengebracht. Am Thalia Theater Hamburg verschnitt Jette Steckel die Stücke Glaube Liebe Hoffnung und Kasimir und Karoline zu einem Requiem um Liebe und Ökonomie. Das aufBruch-Gefängnistheater verschränkte dagegen in der St. Johanniskirche Berlin-Moabit Horváths kleinen Totentanz u.a. mit Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, die Geschichte eines anderen Gestrauchelten im Deutschland zwischen den Kriegen. Was auch nur zeigt, dass die Stücke und Romane dieser Zeit heute wieder ungemein aktuell sind. Horváth ist genau wie Döblin oder Fallada ein ausgezeichneter Chronist der unruhigen Weimarer Republik auf dem Weg in den Faschismus.

Regisseur Hakan Savaş Mican belässt nun bei seiner düster-melancholischen Inszenierung im Maxim Gorki Theater die Szenerie mit einer expressionistischen Filmkulisse von Sylvia Rieger, in deren schwarzen Häusern nur hin und wieder in den Fenstern Lichter funkeln, und den zeitgemäßen Kostümen von Sophie du Vinage auch in den 1930er Jahren. Volkes Stimmung auf den Straßen und vor dem Wohlfahrtsamt würde dagegen auf jede heutige Pegida-Veranstaltung passen. Da geht es gegen Juden, Jesuiten und Freimaurer, wird dem Vaterland und der weißen Rasse gehuldigt und Krieg als ein Naturgesetz herbeigeredet. Es sind dies aber Sätze, die sich der Regisseur aus anderen Horváth-Werken geborgt hat und die sich hier wahlweise mit den Rufen nach Revolution oder Ruhe und Ordnung mischen. Dazwischen wirkt Sesede Terziyan als Elisabeth im einfachen roten Kleid und mit Handtäschchen wie die Unschuld vom Lande, die sich ihr Glück in der großen Stadt erhofft.

Zu Beginn steht die gerade Abgebaute auch noch recht hoffnungsfroh und zuversichtlich am Rand der Bühne und lauscht dem Musiker Daniel Kahn am Klavier, der ihr dann seinen Hut hinhält. Aber Geld hat auch Elisabeth nicht und so versucht sie zunächst wie oben erwähnt ihren Körper schon zu Lebzeiten ans Anatomische Institut zu verkaufen. Der Totentanz nimmt seinen, wie unabwendbar erscheinenden Lauf. Dabei begleitet wird Sesede Terziyan von Mehmet Ateşçi, Lea Draeger und Orit Nahmias, die in wechselnden Rollen das übrige Personal des Dramas verkörpern. Ateşçi spielt den aasigen Präparator mit weißer Plastikschürze und bis zum Ellbogen blutigen Armen. Als Amtsgerichtsrat rollt er Zigarre qualmend mit dem Rollstuhl über die Bühne. Ganz in Schwarz und ebenso eiskalt wirkt der Oberinspektor von Lea Draeger, als Frau Amtsgerichtsrat gibt sie der verzweifelten Elisabeth von oben herab zweifelhafte Rechtsberatung. Schillernd mit Federboa echauffierende sich Orit Nahmias als Frau Prantl. Als Maria ist sie Elisabeth eine Schwester im Geiste. Ein wenig zur sehr auf böse Karikatur gebürstet, erfüllt das doch den Zweck, die junge Frau zwischen all den Egoisten wie eine Heilige im rieselnden Schnee aussehen zu lassen.

Melancholisch spielt dazu Daniel Kahn Blues, Balladen und Klezmersongs, aber auch ein schönes Duett zwischen Sesede Terziyan und Mehmet Ateşçi. Etwas rührig wird es wenn Sesede Terziyan zu einem traurig klingenden türkischen Lied ansetzt. Der Abend legt Stimmungen und Gefühl in den recht guten Soundtrack Kahns, der auch schon mit der Interpretation von Brecht-Songs aufgefallen ist und hier die Internationale zum Unterschichtensong parodiert. Kleine szenische Lichtblicke bringt noch die kurze Beziehung Elisabeths zum Schupo Alfons, den Taner Şahintürk als geradlinigen, prinzipientreuen Menschen mit leichtem Hang zur Romantik spielt, wenn er Elisabeth mit Sträußen von weißen Winterastern überhäuft. Aber es kommt wie es kommen muss, und zum feuchten Abgang Elisabeths stehen alle noch mal palavernd Spalier. Kein großer, dafür aber sehr eindrücklicher Abend.

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Glaube Liebe Hoffnung (MGT, 13.01.2018)
Von Ödön von Horváth und Lukas Kristl
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Sylvia Rieger
Kostüme: Sophie du Vinage
Bühnenmusik und Songs: Daniel Kahn
Musik und Sounddesign: Lars Wittershagen
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit Mehmet Ateşçi, Lea Draeger, Daniel Kahn, Orit Nahmias, Taner Şahintürk, Sesede Terziyan
Die Premiere war am 13. Januar 2018 im Maxim Gorki Theater
Termine: 14., 17.01. / 09., 13.02.2018

Infos: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 14.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Kabale und Liebe – Im Ballhaus Ost inszeniert Christian Weise Schillers bürgerliches Trauerspiel mit Pantomime und Klamauk als ironischen Stummfilm

Schillers Kabale und Liebe zählt zu den Klassikern des Sturm und Drang. Zuletzt wurde das bürgerliche Trauerspiel 2013 von Claus Peymann am Berliner Ensemble als polternde Zirkusnummer in Szene gesetzt. „Vielleicht bin ich ein Anachronist, aber ich habe diesen Traum, dass dem Theater erziehende, weltverbessernde Züge anhaften – frei nach Lessing und Schiller.“ ließ der mittlerweile abgetretene Theaterpatriarch damals verlauten. Erzieherisch hat das bürgerliche Theater bereits seit langem versagt. Also was sollte man dem 5 Jahre später noch hinzufügen?

Der noch als jugendlich geltende Theaterregisseur Christan Weise versucht es nun am Ballhaus Ost mit den Vätern der Klamotte. „Christian Weise inszeniert die mit Leidenschaft und Intrigen übervolle Tragödie gemeinsam mit Student*innen der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« und zeigt sie als grellbunten Stummfilm, schwankend zwischen Anachronismus und Sehnsuchtsort.“ heißt es dazu auf der Website der kleinen Off-Bühne in der Pappelallee. Weise ließ dort schon den Flaubert-Klassiker Madam Bovary als im Milieu der Prenzlauer-Berg-Schickeria angesiedelt Komödie aufführen. Allerdings ist dieser grandiose Publikumserfolg auch schon wieder ein paar Jahre her.

Zurzeit läuft am Maxim Gorki Theater unter Weises Regie die Spolianskys-Revue Alles Schwindel. Denn der Regisseur liebt es gern grell-bunt und schrill überzeichnet. Die Deutsche Bühne bescheinigte ihm „die Macht und Kraft der Phantasie und des subversiv Widerständigen“. Widerständig gebärdet sich auch der jugendliche Schiller-Held und adlige Präsidentensohn Ferdinand. Er begehrt gegen die Klassenschranken zwischen Adel und Bürgertum auf, indem er seine bürgerliche Geliebte Luise, Tochter des armen Stadtmusikus Miller, gegen den Willen seines mächtigen Vaters ehelichen will. Elterliche Standesdünkel oder Aufstände gegen die Vätergeneration mag es sicher auch noch heute geben, ansonsten dürfte der Intrigenplot Schillers zunehmend als Old School oder Fashioned gelten und sich nur noch zum ironischen Genreschmäh eignen. Horror, Kitsch und Klamotte schlagen übermächtiges Liebespathos und jugendlichen Furor.

 

Kabale und Liebe im Ballhaus Ost – Foto (c) Ruthe Zuntz

 

Bei Weise sieht das aus wie eine Kreuzung zwischen Herbert Fritsch und Vegard Vinge. Bei denen bedient sich ja momentan eine ganze Schar junger Theatermacher. Allen voran Ersan Mondtag. Und mit Paula Wellmann hat Weise auch gleich die richtige Frau für Bühne und Kostüme. Da sind rechts die im Schachbrettmuster gehaltene Küche der Millers aus Pappwänden und -möbeln, links ein paar hohe Tische mit riesigem Pappstempel und rotem Atomknopf als Büro des Präsidenten (Jonathan Kempf), und im Hintergrund ein pinkfarbener Raum in dem die vom Vater als standesgemäße Gattin für Ferdinand auserkorene Lady Milford (Anna-Sophie Hüttl) mit Stoffhummern samt ihrer Dienerin (Gloria Iberl-Thieme) wie in einem Aquarium haust. Die Gesichter sind alle weiß geschminkt. Bei Millers kippt als Running Gag beim Eintreten immer das Regal. Ansonsten kratzt der Musikus (Felix Mayr) auf einem Papp-Cello herum, seine Frau (Clara Fritsche) raucht Kette und das Töchterchen hat einen religiösen Spleen mit Bibel und einem Kreuz, das sie über die Tür hängt.

Tatsächlich macht der Regisseur wahr, was in der Ankündigung steht. Das Spiel läuft als Livestummfilm, der Text über ein digitales Anzeigenband. Einzig der männliche Held Ferdinand (Noah Saavedra) bekommt ein paar piepsige Sätze, die er meist mit Erstaunen, dass er überhaupt eine Stimme hat, von sich gibt. Alle anderen bleiben stimmlos und der Blick geht unweigerlich immer wieder nach oben. Das ist insbesondere für die arme Luise (Noelle Haeseling) recht schade. Sie darf nur still schmachten und muss sich stumm den Avancen des schmierigen Sekretärs Wurm (Luisa Grüning), der sie mit lizzardartiger Zungenbewegung bedrängt, erwehren. Farblich unterscheiden sich die Spielebenen in Schwarz-Weiß bei Millers, Schwarz-Grün beim im Fatsuit steckenden Präsidenten und Bonbon-Pinkfarben im Palais der Lady Milford. Musik, akustische Akzente und Geräusche kommen vom Live-Musiker Jens Dohle, der links am Keyboard sitzt.

Das ist für die erste halbe Stunde sogar recht originell und witzig. Es gibt viel Slapstick, Pantomime und Grimasse. Die Masche erschöpft sich allerdings zusehends, besonders die Szenen bei der Milford ziehen sich akustisch unterstützt schon etwas in die Länge. Schöne Momente gibt es mit dem sich vor Eifersucht und Rachedrang in einen stummen Schrei und einer Jagd nach dem vermeintlichen Widersacher von Kalb (Theo Trebs) hineinsteigernden Ferdinand. Man wartet aber nach dem Austausch von Intrigen und erpressten Briefen (groß, mit Herzchen verziert) doch schon etwas auf die verhängnisvolle Limonade, die dann auch noch mit theatralischer Sterbeszene folgt.

Zuvor müssen die DarstellerInnen allerdings noch kurz aus ihren Rollen heraustreten und in echtem Namen irgendwas Witziges über ihre erste Liebe verkünden. Leider etwas banal, dieser eingeschobene persönliche Striptees, der die Story mit Aktualität aufladen und aus der Theatermottenkiste befreien soll. Nur wozu das Ganze? Für ein paar nette Regieeinfälle rein zur Belustigung des Publikums und der Erprobung studentischer Schauspielfähigkeiten lohnt die Mühe kaum. Das letzte Wort hat der Mops der Lady, der aber auch nicht so recht weiß, was das eigentlich soll. Oder frei nach dem alten Miller: Mit so viel Geld lässt sich, weiß Gott, ein trefflich Bubenstück anspannen.

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Kabale und Liebe (Ballhaus Ost, 11.01.2018)
Von Friedrich Schiller
Regie: Christian Weise
Bühne, Kostüme: Paula Wellmann
Musik: Jens Dohle
Sounds: Butch Warns
Dramaturgie: Sascha Hargesheimer
Regieassistenz: Laura Brucklachner
Lichtdesign: Fabian Eichner
Bühnenbau, Werkstatt: Ingo Mewes
Schneiderei: Anna-Sophie Koch
Assistenzen Bühne und Kostüme: Luise Bornkessel, Ran Chai Barzvi
Produktionsleitung: Peter Brix
mit Clara Fritsche, Luisa Grüning, Noelle Haeseling, Anna-Sophie Hüttl, Gloria Iberl-Thieme, Jonathan Kempf, Felix Mayr, Noah Saavedra, Theo Trebs
Eine Produktion der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« mit Studierenden der Studiengänge Schauspiel und Zeitgenössische Puppenspielkunst in Kooperation mit dem Ballhaus Ost.
Die Premiere war 11.01.2018 im Ballhaus Ost
Termine: 12., 13., 14.01.2018

Infos: https://www.ballhausost.de/

Zuerst erschienen am 13.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Der Tag, als ich nicht ich mehr war – Autor Ronald Schimmelpfennig und seine Uraufführungsregisseurin Anne Lenk vollziehen in den Kammerspielen des Deutschen Theaters die banale Ichabspaltung des deutschen Biedermanns

Foto (c) Arno Declair

Manchmal wünscht man sich als Theaterkritiker einen Doppelgänger. Das würde einem so manch enttäuschenden Theaterabend ersparen. Man hätte wieder mehr Zeit für anderes, und am Morgen könnte man beim Frühstück im Internet den eigenen Text, von einem anderen in harter Nachtarbeit geschrieben, am Frühstückstisch lesen. Träum‘ weiter, sagt man sich, und geht schön brav selbst in die Uraufführung des neuen Stücks von Roland Schimmelpfennig, das der vielgespielte Erfolgsautors als Auftragsarbeit für das Deutsche Theater Berlin geschrieben hat. Es heißt Der Tag, als ich nicht ich mehr war und handelt, wie sich schon am Titel erkennen lässt, von einem Identitätsproblem oder besser gesagt: von einer Abspaltung des eigenen Ichs.

Nämliches passiert in Schimmelpfennigs Stück einem biederen deutschen Familienvater, der von der Arbeit kommend am Abendbrottisch schon einen anderen Mann vorfindet, der ihm bis auf den Hut gleicht. Ein durchaus alptraumartiges Setting, das noch Steigerung durch die sich ebenfalls vollziehende Verdoppelung der Ehefrau erfährt.

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 Regisseurin Anne Lenk hat das nur 70-minütige Stück in den Kammerspielen inszeniert. Die Bühne von Sibylle Wallum zeigt eine Treppe vor einem mit Vorhang verschlossenen Guckkasten mit einer zweiten Bühne, auf der sich die surreal anmutenden Traumsequenzen des Mannes (Camill Jammal) und seiner Frau (Franziska Machens) abspielen. Schimmelpfennig springt – wie schon in An und aus (ATT 2016) – in der Zeit vor und zurück. Sonne und Mond als Gegensatzpaar bewegen sich ebenso vor- und rückwärts und sind als Pappsymbole anwesend wie auch zottelige Fabelwesen, die über die Bühne huschen, die Träumer erschrecken und ihre Scham bedecken. Der Mann wird im Büro zum Knopf an der Bluse der Empfangsdame (Maike Knirsch tanzt als Knopfnummerngirl) und träumt sich daheim in erotische Fantasien, die sein Doppelgänger, ein Draufgängertyp, praktisch in im Bett mit seiner Frau ausführt. Das wird mehrfach in wechselnder Konstellation durchgespielt und von den Kindern des Paars (Tabitha Frehner als Tochter und Jeremy Mockridge als Sohn) kommentiert.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Nur besonderes Interesse kann dieser, sich im Gegenpaar (Elias Arens und Maike Knirsch) manifestierende Biedermann/frau-Alptraum nicht erwecken. Zu banal und stereotyp sind diese Fantasien, die sich da u.a. in einem nächtlichen Ausflug in die Schwertfischbar verwirklichen, wo alle vier aufeinandertreffen, dem Laster Alkohol und Kartenspiel frönen und Frau 2 als Rote Rita einen Tanzauftritt hat. Während Mann 1 und Frau 1 in ihren unbefriedigenden Alltagstrott vom kleinen Haus mit Garten und hässlicher Fichte (Achtung! Philosophische Metapher) stecken bleiben, tollt das Doppelgängerpaar nackt über die Bühne und legt einfach die Axt an den Baum, der am Ende befreit über die geleerte Bühne gezogen wird. Traum und Realität fügen sich beim finalen Frühstück.

Was macht man mit einem derart biedermeierlichen Plot, der weder zum Philosophieren noch zur romantischen Boulevardkomödie reicht und nicht mal annähernd in Kleist`sche Amphitryon-Sphären aufzusteigen vermag? Anne Lenk versucht sich in die Situationskomik zu retten. Die DarstellerInnen wirken dabei allerdings in ihren Posen ziemlich unsicher bis ungelenk. Ein albernes Zappeln zu altbackenen Sätzen. Ein Probiertextchen für die Box, nur ist Schimmelpfennig dem Experimentieralter längst entwachsen. Der große Autor in der Krise. Seit einiger Zeit hat Roland Schimmelpfennig schon nicht mehr viel zu sagen, das aber mit kontinuierlicher Penetranz. Damit nimmt er anderen AutorInnen die Luft und den Platz ihr Talent zu beweisen. Aber vielleicht war das ja auch nur sein Doppelgänger.

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Der Tag, als ich nicht ich mehr war (DT-Kammerspiele: 12.01.2018)
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Sibylle Wallum
Musik: Camill Jammal
Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Camill Jammal, Elias Arens, Franziska Machens, Maike Knirsch, Tabitha Frehner, Jeremy Mockridge
Die Premiere war am 12. Januar 2018 in den Kammerspielen des DT
Dauer: 70 Minuten, keine Pause
Termine: 19., 28., 31.01. / 11., 25.02.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 14.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Fantasie und Wirklichkleit – Roland Schimmelpfennig und Jakob Nolte bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin

Sonntag, Juli 3rd, 2016

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An und Aus von Roland Schimmelpfennig – Ein Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim

ATT 2016An und aus heißt die von Roland Schimmelpfennig vor drei Jahren für das National Theatre Tokyo geschriebene poetisch-melancholische Seitensprungkomödie, die aber indirekt von der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima handelt. Die deutsche Erstaufführung fand im Januar in der Regie des Schauspielintendanten Burkhard C. Kosminski im Nationaltheater Mannheim statt und gastierte nun bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin.

Außer dem Datum (der 11.03.2011), das zu Beginn an eine vom Schnürboden herabhängende, weiße Papierbahn geschrieben wird, erinnert allerdings nichts auf der leeren Bühne oder im Stück selbst an das Unglück, das durch einen Tsunami ausgelöst wurde. Lediglich die Beschreibung eines Bildes des japanischen Holzschnittkünstlers Hokusai im Text, lässt die große Welle als Imagination entstehen. Das Bild hängt in einem kleinen Hafenhotel mit drei Zimmern und einem Rezeptionisten – der Junge mit der Brille (Sven Prietz) genannt – der die Schlüssel der Zimmer immer montags an drei Paare aushändigt, die sich hier zu einem wöchentlichen Routineseitensprung treffen.

Ohne dass sie voneinander wissen, gehen Frau Z. und Herr A. (Katharina Hauter, Stefan Reck) immer in Zimmer 1,  Frau A. und Herr Y. (Ragna Pitoll, Fabian Raabe) in Zimmer 2 und Frau Y und Herr Z. (Hannah Müller, Reinhard Mahlberg) in Zimmer 3. Die perfekte „Montagsaffäre“, wie sie auch der Junge mit der Brille gerne hätte, nur dass er mangels Zeit mit seiner Angebeteten, dem Mädchen auf dem Fahrrad (Anne-Marie Lux), das in einer Wetterstation auf dem Berg arbeitet, nur per SMS verkehrt. Beide erzählen sich das poetische Märchen vom fliegenden Wal und der versunkenen Biene, die nicht zueinander passen wollen. Fisch sucht Fahrrad, während in den drei Hotelzimmern zunächst alles wie immer läuft.

 

An und aus - Foto (c) Christian Kleiner.

An und ausFoto (c) Christian Kleiner

 

Scheinbar nur, denn nachdem das Licht an-, aus- und wieder angegangen ist, ist nichts mehr so wie es war. Frau Z. hat zwei Köpfe und Herr A. keinen Mund mehr. Frau A. fühlt sich schwer wie ein Stein und dem Läufer Herrn Y. brennt das Herz. Frau Y. ist eine Motte im schwarzen Regen und Herr Z. ein  toter Fisch. Genau wie in seinem Stück SPAM über den Coltan-Abbau in Afrika verhält sich Schimmelpfennig nicht direkt zur eigentlichen Katastrophe, sondern verschachtelt das Ganze mit virtuos-poetischer Wortakrobatik in bildhafte Metaphern von Fischen und anderen Tieren.

Regisseur Kosminski macht noch das Beste aus diesem manchmal in seinen Textwiederholungen schon recht redundanten Schimmel(Spar)pfennig. Fast papieren wirkt das Stück, wie das Bühnenbild selbst, auf das die SchauspielerInnen ihre Requisiten malen, in das sie mit dem Cuttermesser Öffnungen schneiden und mit dem sie Geräusche von Wellen und Wind machen können. Schließlich bricht alles über den Paaren zusammen, die sich nach dem Wühlen durch die Papierberge in ihr altes Leben zurückwünschen und doch vor den Trümmern ihrer Konsumgüter und Lebenslügen stehen. Bildhaft ist das stimmig, allerdings verfängt sich das Stück zunehmend in endlosen Textschleifen.

Auch Wal und Biene finden nicht zueinander. Dramatisches Cellospiel und schwarzer Flitterregen auf drehendem Bühnenrund künden vom Weltenende. „Die Welt ist verschwunden, aber die Sterne sind so klar wie nie vorher.“, heißt im Text. Oder „Hast du mal versucht, den Schatten eines Vogels zu fotografieren?“ Deformationen, Sprachlosigkeit, bleierne Schwere und unerfüllt brennende Herzen gehören sicher zu den menschlichen Katastrophen unserer in grenzenlosem Wachstum und Arbeitsroutine versinkenden Gesellschaft. Eine besondere Dringlichkeit merkt man hier aber nie.

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An und Aus (Deutsches Theater Berlin, 18.06.2016)
von Roland Schimmelpfennig
Deutschsprachige Erstaufführung am 09.01.2016 im Nationaltheater Mannheim
Regie: Burkhard C. Kosminski
Bühne: Florian Etti
Kostüme: Lydia Kirchleitner
Musik: Hans Platzgumer
choreographische Mitarbeit: Jean Sasportes
Licht: Nicole Berry
Dramaturgie: Ingoh Brux
Mit: Sven Prietz, Anne-Marie Lux, Katharina Hauter, Stefan Reck, Ragna Pitoll, Fabian Raabe, Hannah Müller, Reinhard Mahlberg
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.nationaltheater-mannheim.de

Zuerst erschienen auf Kultura-Extra am 18.06.2016.

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Gespräch wegen der Kürbisse – Jakob Nolte amüsiert mit seinem neuen Stück in der Uraufführungsinszenierung von Tom Kühnel in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin

Kleine Höhepunkte der AUTORENTHEATERTAGE sind mit Sicherheit die Uraufführungen der drei Gewinner der Stückausschreibung, die aus einer Auswahl von 175 eingesandten Stücken durch die diesjährige Alleinjurorin Barbara Behrendt gekürt wurden. Neben Inszenierungen aus Wien und Zürich ging für das Deutsche Theater Berlin Jungdramatiker Jakob Nolte ins Rennen. Er ist u.a. bekannt als Teil des Autorenduos Nolte/Decar, das bereits mit der Groteske Der neue Himmel bei den ATT15 vertreten war und einen veritablen Erfolg mit ihrem Stück Das Tierreich am Schauspiel Leipziger landete. Noltes einstündige Konversationskomödie Gespräch wegen der Kürbisse wurde von Regisseur Tom Kühnel auf der Hinterbühne der Kammerspiele mit den beiden großartigen DT-Schauspielrinnen Maren Eggert und Natali Seelig uraufgeführt.

 

Gespräch wegen der Kürbisse von Jakob Nolte Regie: Tom Kühnel Bühne: Jo Schramm Kostüme: Linda Tiebel Dramaturgie: Ulrich Beck Auf dem Bild: Maren Eggert, Natali Seelig Copyright Arno Declair arno@iworld.de Birkenstr.13b 10559 Berlin tel +49 (0) 30 695 287 62 mobil +49 (0)172 400 85 84 Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC: DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID Nr. DE118970763 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Foto (c) Arno Declair

 

Zwei beste Freundinnen mit den sprechenden Namen Anna Krachgarten (Eggert) und Elisabeth Mishima (Seelig) treffen sich in einem Café, und während sie auf ihre Bestellung warten, hauen sie sich, wie man so schön sagt, gegenseitig die Taschen voll. Ein Kaffeekränzchen der besonders grotesken Art. Eine Satire auf bürgerliche Befindlichkeiten, das zunehmend ins Surreale kippt, wie in einem Einakter von Georges Courteline, ohne sich jedoch in dessen absurde Höhen zu schrauben.

Autor Nolte lauscht seinen Damen, einer Wissenschaftlerin und einer Lektorin im Ausstand, ein sogenanntes Frauengespräch über Urlaub, Arbeit, natürlich die Männer und Väter sowie den israelischen Mossad ab. Das klingt nicht nur banal bis absurd, das ist es auch, und auch wieder nicht. Die Spannung liegt hier in der Möglichkeit und Unmöglichkeit gleichermaßen, in den Behauptungen, kleinen Sticheleien, Lügen und Übertreibungen. Man schlägt sich und verträgt sich verbal. Innere Verletzungen sind einkalkuliert. Mit der Wirklichkeit nimmt es hier keine so genau.

Und doch versucht Raketenforscherin Elisabeth die Kontrolle über das Gesagte zu erringen, während Urlauberin Anna ihrer Fantasie allzu freien Lauf lässt. Nolte füttert das Gespräch zunächst mit reichlich Banalitäten und Small Talk, bis es dann weiter mit einer Agentenstory um den angeblich vom Mossad ermordeten Vater Elisabeths und den Suizid von Annas Erzeuger in China geht. Nebenbei erfährt man von einem Bücher schreibenden Sebi und dass Elisabeth mit Frau und Kind unglücklich ist. Das Meer rauscht, und in der blühenden Fantasie von Anna klingen ausgehölte Kürbisse wie Glocken, während für Elisabeth ein Raketenauftrag der Regierung das Selbstverständlichste von der Welt ist.

Die beiden Freundinnen traktieren sich mit gegenseitigen Vorwürfen und Unterstellungen, schweifen oder lenken vom Thema ab und landen irgendwann bei Leichen aus dem Meer, die im Strandkorb angeschwemmt oder samt Atommüll mit Kanonen ins All geschossen werden. Jakob Nolte surft vom Privaten mit Depressionen und Einsamkeit über Verschwörungstheorien zum Aktuell-Politischen und wieder zurück. Dazu dreht sich das Damenkränzchen auf der Hinterbühne der Kammerspiele, und ein von der Volkssternwarte Laupheim e.V. (stimmt wirklich) ausgeliehener Zeiss-Sternenprojektor erzeugt ein wenig Diskokugel-Feeling zu dramatischer Musikuntermalung.

Regisseur Kühnel macht das Beste draus und lässt seinen beiden Protagonistinnen viel Spielraum, den die beiden sogar zu ein paar Gesangseinlagen mit Mikro nutzen. Irgendwann kommt auch noch der Kaffee hereingerollt, ansonsten geht es einem wie dem sprichwörtlichen Sack Reis in China. Who cares? Noltes Weltenmeerfantasie ist relativ flach, aber Dank der Damen doch halbwegs amüsant.

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Gespräch wegen der Kürbisse (30.06.2016, Kammerspiele des DT)
von Jakob Nolte
Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters am 25.06.2016
Regie: Tom Kühnel
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Linda Tiebel
Dramaturgie: Ulrich Beck
Mit: Maren Eggert, Natali Seelig
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
Termine: 05. und 14.07., dann wieder am 26.09.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen auf Kultura-Extra am 02.07.2016.

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Wintersonnenwende – Jan Bosse inszeniert Roland Schimmelpfennigs neues Stück am Deutschen Theater Berlin

Montag, November 9th, 2015

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Stücke, bei denen sich Paare verbal zerfleischen, vorzugsweise unter Alkoholeinfluss, scheinen sich nach wie vor großer Beliebtheit am Theater zu erfreuen. Noch dazu ist Weihnachten ein besonders passender Anlass für Familienstreitigkeiten jeglicher Art. Das Maxim Gorki Theater versuchte im letzten Jahr mit internationaler Besetzung zum christlichen Fest alte Zöpfe abzuschneiden. Leider nur mit mäßigem Erfolg.

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Am Deutschen Theater bleibt man lieber unter sich, sprich rein deutsch, bevorzugt Berlin-Mitte. Das passende Stück dazu hat der deutsche Erfolgsdramatiker Roland Schimmelpfennig geschrieben. Er nennt es Wintersonnenwende, ein eher heidnisches Fest kurz vor Jesu Geburt. Die Uraufführung fand im Januar diesen Jahres am Stockholmer Theater Dramaten in der Regie von Valdemar Staffan Holm statt. In Berlin inszenierte nun Jan Bosse die deutsche Erstaufführung. Er konnte in der letzten Spielzeit mit Herbstsonate nach dem Film des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman einen veritablen Erfolg feiern. Ebenfalls ein gutes Stück bürgerlicher Selbstzerstörung unter Verwandten.

 

Wintersonnenwende am DT Berlin - Foto (C) Arno Declair

Wintersonnenwende am DT Berlin – Foto (C) Arno Declair

 

Eine weitere Referenz bildet in dieser Hinsicht sicher auch der schwedische Dramatiker August Strindberg. Die seelische und auch körperliche Degenerierung der Schimmelpfennig‘schen Bühnenfiguren befindet sich jedenfalls zum Teil in ähnlich vorgeschrittenem Stadium. Das macht sich besonders am Hausherrn Albert (Felix Goeser) fest, der dem über ihn hereinbrechenden Festtagsstress nur unter dem Einfluss von diversen Medikamenten in Kombination mit Alkohol standzuhalten vermag. Der Verleger, Historiker und Autor mehrerer Schriften über den deutschen Nationalsozialismus wie Vernichtung oder Weihnachten in Ausschwitz ist hoch neurotisch und, wie ihm seine Frau Bettina (Judith Hofmann) vorwirft, konfliktunfähig und ein Meister in der Technik der Vermeidung.

Bettina plagen dagegen vorwiegend Probleme mit ihrer Mutter Cordula (Jutta Wachowiak), die sich mal wieder ungebeten über Weihnachten angesagt hat, und die Tatsache, dass sie als unabhängige Filmemacherin mit Kunstanspruch kaum kommerzielle Erfolg vorweisen kann. In der Beziehung von Albert und Bettina ist die Stimmung dauerhaft angespannt. Sie betrügt ihn mit dem erfolglosen Maler und Freund des Hauses Konrad (Edgar Eckert), er sie mit einer jungen Verlagsmitarbeiterin. Was die zwei trotz Affären immer noch zusammenhält, ist vermutlich die Routine und ein Kind namens Marie, das am Anfang mal kurz ballspielend über die Bühne läuft, und ansonsten von allen in kurzen Auftritten mitgesprochen wird.

Das alles klingt natürlich auch ein wenig nach Arthur Schnitzler oder Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, was Schimmelpfennig auch noch damit befeuert, dass Albert von seiner heimlichen Geliebten am Telefon Albie genannt wird. Ansonsten ist das Stück aber eher eine etwas sperrige Sparvariante eines well-made Play geworden. Es fehlt ihm zum Albee die echte Boshaftigkeit und Lust an der Verletzung sowie die erforderlichen Gegenparts zur Reibung. Die Fallhöhe entwickelt sich hier entlang eines weiteren unerwarteten Gasts, den Mutter Cordula im schneeverwehten Zug kennengelernt und spontan zum Essen eingeladen hat.

Der Arzt Rudolph (Bernd Stempel) ist ein gebildeter älterer Herr, der Cordula endlich wieder das Gefühl gibt, wahrgenommen zu werden. Er ist ritterlich, charmant und Meister am Klavier. Allerdings spielt der Deutsche aus Paraguay vorzugweise Bach und Mozart, findet es erstaunlich, dass Chopin Pole ist und kennt keine jüdischen Komponisten. Das macht ihn in den Augen Alberts natürlich sofort verdächtig, und als Rudolph noch einen Vortrag über die Ordnung der Musik, Gartenunkraut, Blattläuse und das Vermischen von Kulturen hält, ist er sich ziemlich sicher, den Mann zu kennen. Da ist die Fremd- und Selbstwahrnehmung von Albert durch den Alkohol-Medikamenten-Cocktail aber schon so getrübt, dass er Realität und Wahnvorstellungen kaum noch auseinanderhalten kann.

Als die Feier schließlich in einer Art traditionellem Wintersonnenwende-Ritus kulminiert, brechen selbst beim an sich zweifelnden Künstler-Individualisten Konrad ungeahnte Gemeinschaftsgefühle aus. Rudolph piekt in den wunden Punkt der Relevanz von Kunst und der Idee des Schönen. Autor Schimmelpfennig zeigt hier einerseits die Abgestumpftheit des Bildungsbürgertums und anderseits die leichte Verführbarkeit durch nationalheroische Phrasen. In Zeiten von Pegida und dem Ruck nach rechts auch in aufgeklärt erscheinenden intellektuellen Kreisen sicher ein nicht unwichtiger Beitrag.

Inszenatorisch ist das ganz ordentlich gebaut. Die schauspielerische Leistung des Ensembles entsprechend gut. Etwas nervig wirken die von Schimmelpfennig eingebauten Prosatexte, die das Geschehen ständig kommentieren und von den DarstellerInnen wechselnd mitgesprochen werden müssen. Hier beschreibt der Autor Äußerlichkeiten der Figuren, deren Charaktereigenschaften und poetisch fabulierend auch jede Menge Nebensächlichkeiten, die die Story lediglich überladen. Regisseur Jan Bosse lässt das auf einer durch schwarze Vorhangfäden gesäumten Bühne (Stéphane Laimé) mit einer großen, drehbaren Tafel erfolgen, auf und neben der sich das Geschehen mit viel Sinn für Situationskomik und auch einem echten Slapstick mit falschem Tannenbaum abspielt. Am Ende verliert sich der Autor aber wieder mal etwas zu sehr im märchenhaft Mystischen mit Christkind.

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WINTERSONNENWENDE (Deutsches Theater Berlin, 23.10.2015)
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Dramaturgie: David Heiligers
Besetzung:
Felix Goeser (Albert), Judith Hofmann (Bettina), Jutta Wachowiak (Corinna), Bernd Stempel (Rudolph) und Edgar Eckert (Konrad)
DSE war am 23. Oktober 2015
Weitere Termine: 12., 27. 11. / 26. 12. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 24.10.2015 auf Kultura-Extra.

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SPAM – Fünfzig Tage. Roland Schimmelpfennig inszeniert sein eigenes Stück über den Coltanabbau in Afrika am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Mittwoch, Mai 28th, 2014

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Roland Schimmelpfennig (Nestroy-Theaterpreis 2009) - Foto: Manfred Werner unter GNU-Lizenz (Wikipedia)

Roland Schimmelpfennig (Nestroy-Theaterpreis 2009) – Foto: Manfred Werner unter GNU-Lizenz (Wikipedia)

Roland Schimmelpfennig ist immer noch einer der meistgespielten deutschen Dramatiker, auch international. Nach seinem Stück Die vier Himmelsrichtungen (2011 bei den Salzburger Festspielen in Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin uraufgeführt) ist es allerdings etwas ruhiger um den Autor des phantastischen Realismus geworden. Seit Mitte der 1990er Jahre bemüht Schimmelpfennig in seinen Stücken regelmäßig die Fantasie der Mythen und Märchen. Viele seiner Dramen wirken dabei wie lyrisch-magische Verlaufsformen einer infiniten Wohlstands-Gesellschaft am Rande des Kollapses. Neben dem 2009 verstorbenen Jürgen Gosch hat Schimmelpfennig seine Stücke auch immer wieder selbst uraufgeführt. Er bediente sich dabei aber nie der üblichen, vorhersehbaren Regietheatermätzchen. Mit dem parabelhaften Globalisierungsstück Der goldene Drache um den Zahn eines illegal in das deutsche Imbisswesen eingewanderten Chinesen kam er 2010 in Mülheim sogar zu besonderen Dramatikerwürden. Spätestens mit seinem in Berlin und Hamburg doppelt uraufgeführten Entwicklungshilfemelodramas Peggy Picket sieht das Gesicht Gottes befindet sich Roland Schimmelpfennig nun vollends auf dem dramatischen Schmusekurs mit der Dritten Welt. Die Faszination für den „dunklen Kontinent“ Afrika lässt ihn scheinbar nicht mehr los.

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Zivilisatorische und soziale Themen der westlichen Welt mit dem kolonialen Mythos Afrikas zu verknüpfen, ist nicht ganz neu. Und so wirkt dann auch Schimmelpfennigs Auftragsarbeit für das DeutscheSchauspielHausHamburg wie eine U-Bahn-Fahrt ins Herz der Finsternis (Joseph Conrad) und stehen mit dem Riesen, Chef einer Metallmine, seiner Nummer zwei, dem schönen Johnny, und der blinden, um ihren verschütteten Mann klagenden Frau fast schon Koltés’sche Figuren im Zentrum von SPAM, einem, wie es im Programmbuch ganz ähnlich gedeutet wird, Beziehungsdrama in postkolonialen Zeiten. Es geht aber in erster Linie um die Ausbeutung der Bodenschätze Afrikas für die Produktion dessen, was uns in unserer Welt zur unerlässlichen Selbstverständlichkeit geworden ist. Die ständige Erreichbarkeit durch mobile Kommunikationsgeräte, die uns immer ausgeklügeltere Technologien verheißen. Wir haben die grenzenlos fliesenden Datenströme der Welt stetig am Ohr und produzieren den sogenannten Spam selbst am laufenden Band. Ein pausenloser Fluss von Stimmen und Zahlen wie der unablässige Regen, der die löchrige afrikanische Erde aufweicht, ausgehöhlt durch die Hände eines Riesen im Namen des Fortschritts.

Das sind Schimmelpfennigs dramatische Assoziationen. Eine von Anfang bis Ende nachvollziehbare Story zu erzählen, ist dabei sein Ding aber nicht, nie gewesen. Und so ist SPAM nicht nur unerwünschter, elektronischer Datenmüll, es ist ein Lang-Poem für mehrere Stimmen, eine 50tägige prophetische Albtraumreise durch Herz und Hirn. Schimmelpfennig stellt seinem Stück ein rätselhaft paradoxes Bild voran, das von den sechs Darstellern mit selbst zusammengeklebten Masken aus Pappe und Plastiktüten abwechselnd chorisch an der Rampe vorgetragen wird. Der Riese, dargestellt von Aljoscha Stadelmann, erzählt von einem Mann, durch dessen Kopf ein Zug fährt, in dem er sich wiederum selbst befindet. Zwei Ebenen des Stücks, die einer uns fremden afrikanischen Realität und die des Traums einer U-Bahnfahrt, die wieder in die unsrige Welt verweist. Die Bahn wird zum Schiff, das Diamanten, Gold und Coltan für besagte Smartphones aus Afrika holt und den Zivilisationsmüll zurückbringt. Der Kapitän ist eine Frau, Kati (Katja Danowski), die Geliebte des Riesen.

Der globale, kapitalistische Riese, der immer weiter wächst, je tiefer er sich in die Erde Afrikas gräbt, ist einerseits Sinnbild der postkolonialen Ausbeutung, aber andererseits auch für die große Sentimentalität und Liebessehnsucht, die ihn beim Hören der Klagegesänge der Frau (Lina Beckmann), blindgeworden über dem Verlust ihres Mannes (ein mit Matsch beschmierter Franz Hartwig), dem Licht ihrer Augen. Und drüber weg summt der allgemeine Kommunikationsstrom und schlägt der Beat der Herzen im Elektrosound und mit Liveschlagzeugbegleitung von Suzana Bradaric und Alex Jezdinsky. Zahlenreihen laufen per Videoprojektion wie der afrikanische Regen – hier auch mal mit Gießkanne erzeugt – über transparente Plexiglaswände.

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SPAM – Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

Bühnenbildner Wilfried Minks, der vor drei Jahren noch am Thalia Theater selbst Schimmelpfennigs Peggy Picket inszenierte, hat dem Autor/Regisseur nun einen umgedrehten Turm von Babel an die Bühnenrückwand gehängt. Hier schraubt sich die Hybris des modernen Menschen nicht mehr in die Höhe. Der Riese gräbt sich auf der Suche nach dem Verschütteten in die Tiefe der Erde. Aljoscha Stadelmann verschwindet dabei schon mal bis zum Kopf in einem Bühnenloch. Was er zu Tage fördert, ist ein Pappschädel und weitere 400 Leichen für das Wachstum der westlichen Welt. Alles ist hier irgendwie mit allem verbandelt. Der Riese ist liebeskrank, der Produktionskreislauf steht für 50 Tage wundersam still, und die westliche Welt scheinbar auf dem Kopf. „Spam. Mach mich nicht ready.“ schreit der Chor ins Handy.

Schimmelpfennig benutzt Zahlen und biblische Motive ähnlich der Apokalypse des Johannes. Die Köchin Elena (Elizabeth Blonzen) prophezeit dem Riesen seinen Tod nach 50 Tagen. Es wird ihm das Herz verbrennen und zerreißen. Von Herz ist allgemein viel die Rede. In einer minutenlangen Kunstblutarie wird dem Riesen ein Ziegelstein einoperiert, und auch hier könnten z.B. Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz oder Heiner Müllers Herzstück Pate gestanden haben. Nach getaner Arbeit möchte man den Schauspielern direkt zurufen: „Aber es schlägt nur für Sie.“ Der Tod des Riesen tritt dann tatsächlich nach 50 Tagen ein. Der Geist des Verschütteten hat eine Bombe gebastelt, die in der U-Bahn explodiert. Ein apokalyptisches Bild der Zukunft, die eigentlich in Europa schon unter anderen Vorzeichen bittere Gegenwart war. Der Zweite (Jan-Peter Kampwirth), nun selbst Chef, wischt seine Tränen und die düstere Vision mit den Worten weg: „Machen wir weiter.“

Ja was denn auch sonst. Schimmelpfennigs Text ist zwar hübsch poetisch, ergeht sich aber immer wieder auch in recht schlichten Metaphern. Die ständigen Wiederholungen erzeugen ähnlich unsäglichem Handy-Gequassel ein konstant redundantes Geblubbere. Dazu stellt die Regie die Protagonisten leidend an die Rampe und lässt dem einfach freien Lauf. Der märchenhafte Umgang mit der Realität offenbart hier selbst aufs Schönste die naive Ahnungslosigkeit des Autors, die er nur mit ordentlich verkitschter Poesie zu verbrämen weiß. Irgendwie auch eine Kapitulationserklärung der Kunst und ein satter Schlag ins Gesicht von Theatermachern, die schon länger ernsthaft versuchen, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen. Schimmelpfennigs SPAM liefert den Ausdruck einer Gegenwartskunst, die Dramatik nicht mehr als Spiegel oder gar Möglichkeit, sondern nur noch als lyrisches „Attachment” der industriellen Wegwerfgesellschaft begreift. Man nennt das auch Feigenblatt.

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DSH_Mai 2014

Foto: St. B.

SPAM – Fünfzig Tage (UA)
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Roland Schimmelpfennig
Bühne: Wilfried Minks
Kostüme: Lane Schäfer
Musik: Hannes Gwisdek
Dramaturgie: Michael Propfe
Licht: Susanne Ressin
Mit: Lina Beckmann, Elizabeth Blonzen, Katja Danowski, Paul Herwig, Jan-Peter Kampwirth, Aljoscha Stadelmann.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Infos: www.schauspielhaus.de

Zuerst erschienen am 27.05.2014 auf Kultur-Extra.

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Die Festspielsaison erreicht die heimatlichen Stadttheater – Castorf, Stemann, Schimmelpfennig, Erpulat und Co. in Berlin und Hamburg

Mittwoch, November 2nd, 2011
  • Teil 2

Erst abgezockt, dann abgerockt – Frank Castorf schickt Dostojewskis „Spieler ins abgeranzte Zockerparadies an der Berliner Volksbühne

Nun ist es also amtlich, Frank Castorf wird 2013 den Jubiläums-Ring bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth verantworten. Oder sollte man besser sagen, die Verantwortung weit von sich weisend, ins ewige Walhall schicken. Geübt dafür hat er zumindest schon, mit den „Meistersingern“ 2006 an der Berliner Volksbühne. Jetzt darf wohl nur noch spekuliert werden, wer ihm das passende Bühnenbild dazu bauen soll, Pressspanplattenmonteur Bert Neumann oder der Kunstbetriebsberserker vom Dienst Jonathan Meese. Man assoziiert sofort Wotan mit Pickelhaube auf einem Containerschrottplatz oder wallende Walkürengewänder auf einem grünen Hügelgrab aus Pappmaché. Dass das nicht zu Castorfs echtem Grab werde, da seien Richard Wagner und Christoph Schlingensief selig vor. Also Wagner pur wird es mit Sicherheit nicht werden, nur ob die Wagner-Sisters auch Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ oder Ernst Tollers „Masse Mensch“ tolerieren, ist wohl eher fraglich. Aber auch einen Schlingensief´schen Fluxus-Ring kann man von Castorf nicht erwarten. Auf jeden Fall dürfte dann schließlich doch die eine oder andere Wehrmachtsuniform oder Stalinbüste im Inszenierungs-Gepäck per Kübelwagen nach Bayreuth unterwegs sein.

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Wagnerbüste in den Giardini und Eingang zum deutschen Biennalepavillion und Schlingensieftempel 2011 in Vendig. Fotos: St.B.

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Die Festspielsaison erreicht die heimatlichen Stadttheater – Castorf, Stemann, Schimmelpfennig, Erpulat und Co. in Berlin und Hamburg

Sonntag, Oktober 30th, 2011
  • TEIL 1:

Ein starkes Kafka-Doppel mit „Das Schloss“ in der Regie von Nurkan Erpulat und „Amerika“, einem Gastspiel aus Hamburg, am Deutschen Theater Berlin

Genau wie die zahlreichen Theater-Festspiele in den deutschsprachigen Landen bemüht sind, ihr Publikum immer wieder aufs Neue anzuziehen, so dürsten auch die Stadttheater nach Geldquellen, um große Projekte stemmen zu können. Das Kooperationsmodell ist also ein Mittel, dem sich beide Partner schon seid Längerem verschrieben haben, mit mehr oder weniger Erfolg, aber immer mit einem deutlichen Hang zum großen Event, die man nur mit dem entsprechendem Staraufgebot auch zu realisieren glaubt. Wenn man nach Salzburg und Wien schaut, wird man also dementsprechend immer wieder auf die gleichen Namen stoßen, so dass es schon einer mittelgroßer Sensation glich, dass man tief im Westen unserer Republik, bei der Ruhrtriennale, auf ein junges Talent aus dem tiefen Kreuzberg setzte. 2010 inszenierte dort Nurkan Erpulat sein später preisgekröntes und zu mehreren Theatertreffen eingeladene Erfolgsstück „Verrücktes Blut“, das noch immer im Ballhaus Naunynstraße zu sehen ist. Der bisher für postmigrantische Themen bekannte Regisseur hat sich nun am wesentlich besser situierten Deutschen Theater mit Franz Kafkas „Schloss“ zwar die Geschichte eines Fremden in einer ihm feindlich gesinnten Umgebung ausgesucht, ein Stück über die Integration von Ausländern ist aber dennoch nicht daraus geworden. Die Premiere bei der Ruhrtriennale war am 23. September. Seit Oktober steht die Inszenierung nun auf dem Spielplan des DT.

Ist der lachende Kafka auch ein Revolutionär? kafka.jpg

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Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik – Die Autorentheatertage 2011 am DT in Berlin haben begonnen

Sonntag, Juni 19th, 2011

If I had a hammer, oder wie Roland S. Superman die Welt rettet – „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum“ vom Schauspiel Frankfurt in der Regie von Christoph Mehler

augustiner_hell.jpg Bild: www.augustiner-braeu.de
„Glaube, damit du erkennst.“ Heiliger Augustinus erHelle den Geist.

Kein Theaterfest ohne einen Schimmelpfennig. Da es dieses Jahr für Mülheim oder das Theatertreffen nicht gereicht hat, richtete ihm das DT einen Schwerpunkt bei den Autorentheatertagen 2011 ein. Zusammen mit der Jungautorin Rebekka Kricheldorf (dazu später) steht er für das diesjährige Motto: Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik. Auf allen vier Gebieten war Roland Schimmelpfennig bisher ein Meister seines Fachs und Garant für gut gemachte Storys. Im letzten Jahr entdeckte er allerdings seine soziale Seite und legte Stücke wie „Der goldene Drachen“ und „Peggy Picket sieht das Gesicht Gottes“ vor. Mit ersterem gewann er auch noch den Mülheimer Theaterpreis 2010, daraufhin haben drei große Theater (Berlin, Hamburg und Wien) das zweite im letzen Herbst kurz hintereinander uraufgeführt. Während er im „Goldenen Drachen“ noch mit schwarzem Humor und übergroßen Metaphern soziale Schieflagen illegal Beschäftigter beschreibt, stehen bei „Peggy Picket“ ganz real Probleme der zivilisierten Gesellschaft mit dem Elend in der dritten Welt im Mittelpunkt. Metaphysisch wird es nur noch in der Gestalt einer afrikanischen Holzpuppe, die für das Exotische, Unbegreifbare Afrikas steht. Schimmelpfennig mutierte nun binnen eines Jahres vom phantastischen Erzähler zum politischen Ankläger, mit allerdings überwiegend sehr banalen Aussagen und Bildern schwingt er den verbalen Hammer gegen das Elend in der Welt. „If I had a hammer / I’d hammer in the morning / I’d hammer in the evening / All over this land“ (The Hammer Song, von Lee Hays und Pete Seeger)
Und nun ist dieses Bild sogar manifeste Bühnerealität, Roland Schimmelpfennig hat tatsächlich einen Hammer und was für einen. Er schlägt damit mühelos Löcher in Wände und reißt demnächst wohl ganze Mauern ein. Wenn er nicht gerade schreibend über den Übeln der Welt verzweifelt, schwebt er über Berliner Straßen, verbrüdert sich mit Bauarbeitern, die nur kurz die angebissene Bockwurst weglegen, von der Lektüre ihrer Bild-Zeitung aufschauen und dann gleich wieder schnell zur letzten Seite weiterblättern. Dort rekelt sich Mandy das geile Luder und Schimmelpfennig schwebt schon beseelt von größeren Gedanken weiter, umarmt junge Mütter, hilft alten Damen über die Straße und wirft dem glücklich lächelnden Bettler an der Ecke eine Handvoll Goldstaub in den Hut.
Gelandet ist er jetzt, wie und warum nur, in den Kammerspielen des DT. Aufgesprungen auf den allgemeinen Empörungszug fährt er dann allerdings mit seiner bierselig larmoyanten Bauarbeiterparabel voll gegen die Wand. Drei bedauernswerte Maurerexistenzen versuchen verzweifelt durchzubrechen, durch die Wand, die den Blick fürs Wesentliche verstellt. Die Kolonne der freien Seelen philosophiert sich durch den Elendsschlamm der westlichen Welt voll Gier, Umweltzerstörung und Cottbuser Pfuschmuffen, Rudi kotzt sich mal richtig aus. Der Klassenkampf besteht nur noch im Ficken mit der Frau des Bauherrn, Ricki macht Strichliste und das nächste Bier auf. „Die Patrizier haben nicht das letzte Wort.“ frohlockt Uli. Das Ganze zieht sich zäh von einem Augustiner zum nächsten. Der Wutanfall gipfelt schließlich in einem unvermittelten Befreiungsschlag, „Ich glaube an die Zukunft, wir werden es schaffen, irgendwie.“ Nur wie, ist Uli noch nicht ganz klar. Ein dunkles Loch dräut in der Wand und wir schauen mit ihm fasziniert in selbiges auf eine schimmelige, faulende Welt. Noch geschüttelt von dermaßen elektrisierenden Gedankenblitzen reibt man sich die Augen, „Verdammte Fickscheiße!“ so einfach kann die Welt sein.
War da noch etwas? Ach ja, es klopfet wieder an den Brettern der Kammerspiele. „Herein, wenn es kein Schimmelpfennig ist“. Aber es ist nur der verlorene vierte Mann der Kolonne. Marek phantasiert mörtelverschmiert und pimmelschwingend in bester Schimmelpfennigscher Art über das Zwischenreich unter den Dielen voller Feen und Insekten. Wie aus Zettels Traum entsprungen (im Programmheft wird Shakespeare zitiert) umtanzt er die bierbeduselten Kollegen und gemeinsam machen sie sich auf, um hinter die Mauer in eine glückselige Zukunft zu taumeln. Wir bleiben zurück und stimmen ein in den erlösenden Gesang: „Schubidu, Schubidu und raus bist du.“ Auch eine Art phantastischer Utopie. In der neuen Spielzeit allerdings wird Schimmelpfennig jedenfalls wieder ein Stück am DT uraufführen, es geht um „Die vier Himmelsrichtungen“. Goin‘ Where The Wind Blows.

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„Das Genie ist ein Gestörter, den ein Anderer erstlich auslegen muߓ – Oliver Bukowskis Kleistsatire über Glück, Genie und Wahnsinn vom Hamburger Schauspielhaus in der Regie von Markus Heinzelmann

Im zweiten Schwerpunktthema beschäftigen sich die Autorentheatertage mit der Komödie. „Humor funktioniert, oder er funktioniert eben nicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ ist die Meinung der Alleinjurorin der „Langen Nacht der Autoren“ Elke Schmitter. Außerdem hat sie eine deutsche Vorliebe für das humorfreie Theater entdeckt und daher muss „Natürlich Komödie!“ sein, da sie sich gerne amüsiert und bisher im Theater viel zu selten die Gelegenheit dazu hatte. Man muss ihr Recht geben, wenn man sich die Spielpläne mit viel theorieschweren Ballast so ansieht. „Um es kurz zu machen: Humor ist nur bedingt theoriefähig.“ und somit bestens geeignet dem empörungsmüden Theatergänger wieder mit der Banalität und Komik des Einzelschicksals zu konfrontiert. Die große allgemeine Tragödie gegen die Spontaneität des Witzes, was sie sich im Einzelnen darunter vorstellt wird man am 25.06. im DT zu sehen bekommen.
Mit Oliver Bukowskis Stück nach Motiven Heinrich von Kleists erhält man zumindest einen kleinen Vorgeschmack davon, was eine gut geschriebene Komödie ausmacht. „Wie vergegenwärtigt man Kleist? Buchstäblich. Es sind kaum Rückschlüsse vom Werk auf das Leben des Autors möglich…“ konstatiert Bukowski. Also mixt er einfach bekannte Fakten aus dem Leben Kleists mit der fiktiven heutigen Figur des Bernd Getskard (Stefan Haschke). „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“, ein Zitat aus dem Erstling Kleists „Die Familie Schroffenstein“, zeigt seine ungestüme Vorgehensweise, der auch Bernd anhängt. Ausgehend von Kants „Kritik der Urteilskraft“ nach der „…die Natur durch das Genie nicht der Wissenschaft, sondern der Kunst die Regel vorschreibe“ (Stefan Haschke spricht am Beginn Kants Text) läuft nun am Beispiel des „verkannten Genies“ Kleist in der Figur des Allroundtalents Bernd, der sich nun nacheinander enthusiastisch als Performer, Theaterautor, Büroangestellter, Zeitungsherausgeber und schließlich als Naturbursche versucht (Kleist wollte einen Bauernhof in der Schweiz unterhalten), eine regelrechte Slapstickkanonade ab.
Es geht natürlich nicht in erster Linie um Kleists beginnende Existenzkrise und Depression nach der Lektüre von Kants Werk, sondern eher um den Anspruch des Künstlers wie jede normal Existenz sein Glück zu finden. Und das stellt sich für Bernd nicht so einfach dar. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt bewegt sich die Gefühlsspanne des aufkeimenden Talents, dem seine Förderer schon mal vor verschlossener Tür gut zusprechen müssen oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn das Genie mal eben 5000 € bei einer Performance verbrannt hat. Kleist rann das Geld auch nur so durch die Finger, seine notorische Klammheit hat ihn immer wieder in ungeliebte Broterwerbe getrieben. Meistens hatte er aber betuchte Mäzene zur Verfügung, wie jenen Wiepert (Marco Albrecht), der wie der Dichter und Herausgeber Christoph Martin Wieland, dem Kleist einst aus seinem „Robert Guiskard“ vorlas, immer wieder seine schützende Hand über ihn hält. Letztendlich wird es aber auch diesem zuviel mit den sprunghaften Ideen seines Schützlings und er erklärt ihm sein Verhalten als unzeitgemäß für die heutige Kreativgesellschaft. Dass das Getskard wie auch Kleist nicht von seinem Lebensweg abbringt, da er nicht in diesen Kategorien denkt, ist aber auch Wiepert irgendwann klar. Bernd nimmt gelassen von ihm Abschied, den nächsten Plan schon klar vor Augen.
Die Einzige die fast bedingungslos wie ein Groupie zu ihm hält und gegen seine Pathologisierung ankämpft, ist seine Dauergeliebte Claudi (Lydia Stäubli). Sie changiert von treu ergeben und verständnisvoll bis zur sanften Kritik, die aber Bernd sofort aus der Bahn wirft. Bei der Premiere seines ersten Theaterstücks hält ihn buchstäblich nichts auf seinem Stuhl. Als Claudi meint, dass das alles doch nur Theater sei, ist Bernd sofort auf der Palme, nachdem das Stück beim Publikum gescheitert ist, ist er nicht mehr zu bremsen, wie eine Furie will er dem Regisseur, als vermeintlichen Verursacher den Pleite, an die Wäsche. Diese Art der Selbstzweifel spiegeln Kleist Gemütslage bestens wider. Haschke gibt als Bernd das Springteufelchen par excellence und zeigt eine unendliche Bandbreite an Mimik und Gestik. Mitten in der Nacht exerziert er seine pedantischen Erziehungsmethoden und Claudi repetiert wie aus der Pistole geschossen, eine Persiflage auf Kleists Briefe an Wilhelmine von Zenge, seine Verlobte, die er mit solcher Art Erziehungsmaßnahmen traktierte. Aber selbst wenn man Kleist Biografie nicht kennt, ist das Stück well made und als Komödie über den verhinderten Künstler auch heute verständlich. Die finalen Schüsse am kleinen Wannsee bleiben auch bei Bukowski nicht aus, es hätte ihren aber nicht unbedingt bedurft. Kleist ist mit seinem Glücksanspruch in seiner Zeit gescheitert, wie es mit dem heutigen Künstler aussieht, kann man sich denken, ein Mangel an Beispielen besteht mit Sicherheit nicht.

dsc03727.JPG Kleists Grab am Kleine Wannsee.
Birgt ein tragisches Leben genug Potential für eine Komödie?
(Foto: St. B.)

Das Bukowski ein Händchen für psychologische Stoffe besitz, hat er am DT bereits mit seinem Soloabend „Der Heiler“ für den Schauspieler Jörg Gudzuhn bewiesen. In diesem Stück über die Rechtfertigung eines Psychologen bezüglich des Todes einer Patientin, betont er die menschliche Seite des Berufs gegenüber einer rein medizinischen Betrachtungsweise. Der Umschwung von erst selbstsicherer Überlegenheit zu einem schwankenden, an sich und dem System zweifelnden Menschen, macht Gudzuhn in Sprache und Geste spürbar und nachvollziehbar. Es ist in diesem Stück in der Regie von Piet Drescher viel Wissen um zwischenmenschliche und gesellschaftliche Schieflagen versteckt, dies wird besonders durch das Spiel des mit dieser Rolle endgültig aus dem Ensemble des DT scheidenden Schauspielers Jörg Gudzuhn sichtbar und es sind eben gerade die leiseren Töne am Ende, die ein Einfordern eines verständnisvolleren und menschlicheren Umgangs miteinander verdeutlichen. Tragik und Komik liegen im Leben immer dicht beieinander, Oliver Bukowski war schon immer ein Meister dieses Zusammenspiels. Es bleibt zu hoffen, dass bald wieder ein Stück von ihm in Berlin zur Aufführung kommt.

Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum? Ein neuer Schimmelpfennig in Frankfurt/M – Eine kleine philosophische Betrachtung

Montag, April 11th, 2011

In den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt hatte kürzlich in der Regie von Christoph Mehler das Neue Stück vom Mülheimpreisträger 2010 Roland Schimmelpfennig Premiere. Es heißt „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum?“ Wie man so liest, treten dort eine Handvoll Bauarbeiter auf, schlagen ein Loch in die Wand, in dem einer von ihnen angeblich verschwindet und irgendwann pimmelschwingend aus dem Reich unter den verfaulenden Dielen wieder auftaucht und reden über Gott und die Welt, wie Bauarbeiter das eben so den ganzen Tag und die halbe Nacht machen. Ein richtig schönes Schimmelpfennig-Märchen also. Die Kritik ist außer sich und voll des Lobes. Die Billiglöhner aus dem Osten haben wieder Pfusch gebaut und die Cottbuser Muffe ist geplatzt. Nun sitzen die Handwerker um ihren Chef Rudi und philosophieren mit einem Kasten Augustiner-Bier um die Wette. Dabei fallen dann die magischen Worte aus der Regieanweisung Schimmelpfennigs: „Pause. Bier. Rauchen. Vielleicht Arbeit“, einer der wohl schönsten Theatersätze, die ich je gelesen habe, gehört leider noch nicht. Aber vielleicht geht Schimmelpfennig ja mit dem Stück auf Brandenburgtournee, obwohl er dabei wohl einen großen Bogen um Cottbus machen sollte und unbedingt anderes Bier einpacken muss. Diesen schönen hochphilosophischen Satz kann man eigentlich erst so richtig verstehen, wenn man wie ich schon einmal selbst im realsozialistischen Mörtel gerührt und sinnlose Löcher in Wände gehauen hat.
Es ist ja nicht das erste Stück in dem Bauarbeiter bei Schimmelpfennig auftreten. Jürgen Gosch hat ja mal in einer Inszenierung von Schimmelpfennigs „Auf der Greifswalder Straße“ eine ganze Schubkarre Steine aus der Rangloge auf die frisch renovierte Bühne des Deutschen Theaters in Berlin schütten lassen, was sicher einigen Verantwortlichen kurz das Herz stocken ließ, mir aber irrsinnige Freude bereitete, da darin schon die Sinnlosigkeit allen aufklärerischen Strebens zum Ausdruck kommt. Da kippt ein Prolet dem Bildungsbürger in seinem frisch geputzten Tempel eine Karre Schutt auf die Bretter, die die Welt bedeuten und unter denen sich wohl jetzt auch noch ein ganzes „kannibalistisch-kolonialistischen Insekten-Reich“ (G.St./FAZ) befindet. Da lob ich mir doch die philosophischen Runden in unserem Bauwagen damals in der Baulücke Cottbuser Straße bei einem oder mehreren Cottbuser Hell, je nachdem ob die Steinen und/oder der Zement noch vor oder erst nach dem Mittag kamen. Meist kamen sie ja gar nicht, also viel Zeit zum Philosophieren. Und wir waren alle große Bierphilosophen, vom Brigadier (so hieß der Polier) bis zum Handlanger, der leider noch vor der Wende einer Leberzirrhose zum Opfer gefallen ist. Manche Philosophie erledigt sich sozusagen von selbst. Adorno hatte Recht, Aufklärung ist totalitär und Philosophie kills.
Dabei ging es bei unseren hochprozentigen Weltbetrachtungen gar nicht so sehr um ein „Wenn, dann…“ oder ein Wie und Warum, sondern eher um ein Wann und Wo wird ein neuer Kasten Bier geholt bzw. Wer holt den und kommt heute noch Arbeit oder nicht. Da kann man schon mal in eine echte existentielle Schaffenskrise und Schieflage geraten. Aber immerhin haben wir die große Anarchie versucht, zumindest in der kleinen Welt unseres Bauwagens und trotzdem noch hin und wieder eine gerade Ecke gemauert. Und außerdem, Philosophieren auf der Baustelle ist doch heute im durchorganisierten Kapitalismus gar nicht mehr möglich, weder in Frankfurt am Main noch in Cottbus an der Spree, Arbeit hin oder her. Und darum braucht es solche Autoren wie Schimmelpfennig, die noch eine echte Utopie haben. Ob nun der Sozialismus an zu wenig Zement (was ich bezweifele, Betonköpfe gab es ja genug) oder daran gescheitert ist, dass wir zu viel Bier getrunken haben, habe ich leider vergessen, keine Ahnung. Ich weiß nur: Kapitalismus und ich „Wir passen nicht zusammen“. Delirium for ever! Jetzt gehe ich mir erst mal ein Augustiner aufmachen und denke etwas über die geplatzte „Cottbuser Muffe“ nach und vielleicht überschreibe ich danach noch einen Shakesbier.

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An die Freunde (eines guten Tropfens)

Sehn wir doch das Große aller Zeiten
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
Sinnvoll still an uns vorübergehn.
Alles wiederholt sich nur im Leben,
Ewig jung ist nur die Phantasie;
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie!

Friedrich Schiller

Hier gehts zur Nachtkritik des Stückes

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NACHTRAG:

Nun ist es sogar amtlich. Die Genossen der DDR waren Schnapsweltmeister. Spiegel-online titelte am Sonntag: „Jungs, macht die Kehle frei!“, Morgenpost-online zog gestern nach. Der Ethnologe Thomas Kochan, ehemaliger Cottbuser, hat die Spezies des trinkenden Ossis für seine Doktorarbeit „Blauer Würger – Trinkgewohnheiten der DDR“ untersucht, die nicht etwa von der Spirituosen-Lobby, sondern von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gesponsert wurde. „Hipp Hopp, rin in Kopp“, aber welch eine Enttäuschung, kein Saufen für den Widerstand, nicht einmal für den Weltfrieden, ruhig gestellt wurde der gemeine DDR-Bürger. Alkohol gab es immer und in reichlichen Mengen steht da. Sehr beliebt war die „Wodka-Bockwurst-Diät“, eine todsichere Methode zum Abnehmen. Selbst 13-jährige Mädchen wurden von ihren Freunden mit gefälschter Vollmacht zum Schnapskaufen in den Konsum geschickt. Lieblingsgetränke der Kinder waren Eierlikör und Kiwi (Kirsch-Whisky). Auch bei uns zu Hause stand immer ein Rumtopf, angesetzt mit Grufu (Grubenfusel), einem Depotat-Schnaps für Werktätige in der Braunkohle. Was Kochan aber nicht herausgefunden hat, sogar bei der NVA, wo Alkohol eigentlich verboten war, gab es einen eindeutigen Beschaffungs-Code: Brauche dringend 14 50 für 0 7 zwecks 3 8. Was soviel bedeutete wie Goldbrand (kostete 14,50 Mark) im 07er Glasmantelgeschoss zwecks 3,8 pro Mille im Turm. Eine ganze Friedensstreitmacht auf Schlängelkurs zum Schutze des Sozialismus, wenn das die NATO gewußt hätte.
Die DDR-Opposition habe sich übrigens laut Kochan „neben Meinungs- und Reisefreiheit auch gegen Umweltverschmutzung und Alkoholabhängigkeit engagiert“. Na ja, es sah ja auch wirklich nicht schön aus, wenn die ganzen Alkoholleichen im Urlaub am Balaton immer gleich neben ihren Trabis herumlagen. Anschauungsmaterial haben die Artikler von der Morgenpost freundlicher Weise gleich mit beigefügt. Das Trinkverhalten der Ossis war aber trotzdem nicht alkoholfixiert sondern zentriert, also ganz klar von oben organisiert. Welch große nachträgliche Ernüchterung und spirituelle Erleuchtung zugleich. Der angehende Dr. spirituosus Thomas Kochan hat nun auch seine gesammelten Erfahrungen genutzt und einen Schnapsladen im Prenzlauer Berg eröffnet, „Dr. Kochan Schnapskultur“ in der Nähe der Immanuelkirche, auch einst ein Hort der DDR-Opposition, welch ein Frevel. Aber kein Blauer Würger oder gar Pfeffi für den guten Atem sind dort etwa im Angebot. Nein, im Kapitalismus betrinkt man sich mit Niveau und geistig hochwertigen „europäischen Destilaten“ wie dem Kräuterbalsam der Dominikanerinnen des Klosters Heilig Kreuz. Na dann Gott zum Wohl, meine Oma hätte sich mit so etwas wahrscheinlich die Füße einbalsamiert. Da hole ich mir doch lieber einen Eckes-Edelkirsch vom Aldi um die Ecke. Prost.
Nun ist der Ossi also wieder um ein weiteres Stück Vergangenheit ärmer, betrogen durch den Kontrollwahn der SED-Diktatur, die selbst die sicher geglaubte Flucht des frustrierten DDR-Bürgers in den Suff organisiert hatte. Herr Schimmelpfennig, empören Sie sich mit uns und schreiben Sie ein neues Stück. Geben Sie dem Ossi seine Würde zurück, aber bitte nicht mit Augustiner Hell.

Nichttrinkerlied

Das Schicksal hat es so gefügt,
dass mir am Alkohol nichts liegt.

Mich lockt nicht Bier, nicht Gin, nicht Wein –
Na ja, ein Wein, der darf schon sein.

Mich lockt nicht Korn, nicht Bier, nicht Gin –
Ist da ein Gin? Dann immer rin!

Mich lockt nicht Wein, nicht Korn, nicht Bier –
Da kommt ein Bier? Das nehmen wir!

Mich lockt nicht Gin, nicht Wein, nicht Korn –
Her mit dem Korn! Und dann von vorn:

Das Schicksal hat es so gefügt,
dass mir am Alkohol nichts liegt etc.

Robert Gernhardt

Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes am Deutschen Theater Berlin

Samstag, November 20th, 2010

Roland Schimmelpfennigs vereinfachte Weltsicht in der Regie von Martin Kušej

Peggy Pickit ist eine barbieähnliche Plastikpuppe, die nicht richtig steht und deren Glieder man verbiegen kann, um sich an ihr abzureagieren. Sie möchte gerne mit einer Holzpuppe aus Afrika sprechen, die aber nichts verstehen will und sie doof findet. Kindermund tut Wahrheit kund, an diese alte Weisheit hat sich der Erfolgsdramatiker und Sieger des diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreises Roland Schimmelpfennig erinnert und nimmt diese Puppen symbolisch für die Unfähigkeit zweier Paare sich die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Maren Eggert eine aus dem Kreis der Protagonisten, wird immer wieder auf Knien vor diesen Puppen liegen, die als Geschenke für die Kinder gedacht sind, um im kindlichen Ton die vergebliche Annährung der Welten zu verdeutlichen. Diese zwei Paare in Schimmelpfennigs neuem Stück, dass schon beim Luminato Festival 2010 in Toronto Kanada uraufgeführt wurde, treffen sich nach sechs Jahren zu einem Wiedersehensabend, der von Anfang an in einer Katastrophe enden soll, was er dann auch folgerichtig tut.
Liz und Frank, dargestellt von Maren Eggert und Ulrich Matthes, haben ein normales Leben mit Kind, Haus und Garage gelebt, das von Sophie von Kessel und Norman Hacker gespielte Paar Carol und Martin ist nach Afrika gegangen und hat das getan, wovon viele immer nur reden, sie haben als Ärzte vor Ort gearbeitet. Der Anfang ist ein Abspulen von Plattitüden und Klischees, man hat sich lange nicht gesehen und lügt sich Floskeln ins Gesicht. Der Clou an Schimmelpfennigs neuem Stück soll sein, das die Figuren immer wieder aus ihren Rollen aussteigen und erzählen, was sie wirklich denken und von einander halten. Das ist aber auf Dauer schrecklich redundant und langweilig. So weiß man von Anfang an wo der Abend hinlaufen wird. Die Daheimgebliebenen haben Vorurteile und Entschuldigungen, die Wiedergekehrten Belehrungen und Schuldzuweisungen. Die einen haben sich eine wohlbehütete Existenz aufgebaut, die anderen stehen wieder in der Heimat vor dem nichts und fühlen sich um ihr Leben betrogen.
Zwei unterschiedliche Lebensentwürfe prallen hier aufeinander, die Gutmenschen, die einen Scheck ausfüllen und Briefe an eine Person, die sie damit zu unterstützen glauben schreiben und die Desillusionierten, die das unabänderliche Elend vor Ort selbst erlebt haben. Verschärfend kommt hinzu, das die vermeintlichen Helfer, selber in Zweifel und Schuld verstrickt sind, nach und nach kommt zu Tage, das sie beide in Afrika fremdgegangen sind und sich so auseinandergelebt haben. Martin wird dann noch in einer Art Parabel die Geschichte der westlichen Hilfe erklären, als ein Missverständnis von einem der sich aus persönlicher Betroffenheit und Liebe zu einer afrikanischen Frau zum Weltenretter emporschwingt und dann zwar erfolgreich aber enttäuscht vor den Scherben seines ursprünglichen Begehrens steht.
Soweit der Plot von Schimmelpfennig, der auf einem schmalen Grat zwischen Drama und Banalität wandelt, letztendlich aber dann doch in Betroffenheitskitsch abkippt. Als Liz erfährt, das Carol und Martin, das Kind, das die beiden in Afrika angenommen haben und das sie mit Geld unterstützt hat, in den Kriegsunruhen dagelassen haben, bricht ihre heile Welt endgültig zusammen und die Probleme, die sie mit der Gleichgültigkeit von ihrem Mann Frank hat, brechen sich Bahn. Dazu fällt dann Müll aus dem Bühnenhimmel. Warum in letzter Zeit immer wieder Zivilisationsmüll als Bild für das Versagen der westlichen Welt herhalten muss, weiß Gott allein und die BSR. Nachdem dann alle Contenance gefallen ist und die Puppen auf dem Müllberg gelandet sind, stapfen die Protagonisten noch einmal suchend durch eben jenen, bis sich alles in einer Entschuldigungsarie von Frank entlädt. Er hat doch nichts getan, beteuert Frank und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Im Hintergrund läuft durch ein monotones Geräusch gestört die Live-Aid-Melodie. Allerdings ist das als große Dramatik zu wenig, und wer sich da ertappt fühlt, hat bestimmt schon den Überweisungsschein für Unicef oder Brot für die Welt ausgefüllt.
Schimmelpfennig nimmt sich nach seiner preisgekrönten Parabel von Grille, Ameise und chinesischem Zahn mit einem eher dürftigen Text eine geistige Auszeit und die hochdotierten Schauspieler sowie der Regisseur Martin Kušej in seiner ersten Inszenierung fürs DT sind sichtlich unterfordert mit diesem platten Stück Weltsicht. Ulrich Matthes spielt seine Rolle aus den Kindern der Sonne einfach weiter, es wäre nicht verwunderlich wenn Katharina Schüttler anstatt Maren Eggert um die Ecke biegen würde, Sophie von Kessel kommt wahrscheinlich geradewegs von einem Filmset über einen UN-Blauhelm-Einsatz und wenn Norman Hacker mal die Hände aus der Tasche bekommt, dann nur um nach einem neuen imaginären Drink zu greifen. Letztendlich kommt lediglich ein weiteres Drama bürgerlichen Elends auf die Bühne des Deutschen Theaters, das Gesicht Gottes als fremde afrikanische Fratze zeigt wieder mal nur die Hilflosigkeit des Westens gegenüber den Problemen dieser Welt.

Mülheim, Stücke 2010 – zur Dramatik der „kleinen Anzeichen“

Montag, Juni 7th, 2010

Ich will hier mal auf einen kleinen Gedankenaustausch von Christian Rakow mit Oliver Bukowski auf der Stücke-2010-Seite hinweisen, den die beiden zur Dramatik der „kleinen Anzeichen“ geführt haben, dem Artikel von Christian Rakow, der hier auch zum Preis der Mülheimer Theatertage angezeigt war und den meisten Autoren dort eher Oberflächlichkeit und Kunstgewerblichkeit vorwirft. Bukowski findet das Thema sehr diskussionswürdig. „Schön, wenn hier mal eine Debatte auf diesem argumentativem Niveau weitergehen könnte.“ Na bitte, dann führen wir sie doch offen und nicht im stillen Kämmerlein.

Bukowski legt genau noch mal den Finger in die richtige Wunde. Was will man haben, sauber recherchierte und „tiefschürfende“ Stücke die „nicht nur Knöchelchen ins Parkett reichen, um dann auf die fleischbildende Erfahrungskompetenz des Zuschauers zu hoffen“ (so Bukowski) oder „virtuose“ (Lange-Müller) Fantastereien a la Schimmelpfennig. Von Bukowski werden das Gespann Oskar Negt und Alexander Kluge angeführt, als die Beobachter und politischen Berichterstatter des realen Alltags schlecht hin, oder Felicia Zeller mit ihrem wunderbaren Stück „Kaspar Häuser Meer“ über die Ohnmacht der Jugendämter. Wie genau realistisch darf es denn nun wirklich sein, oder gibt es gar einen Mittelweg?

Ich glaube nicht, man sollte es doch jedem Autor selbst überlassen zu seinem Stil zu gelangen. Es ist sicher hilfreich auf Unzulänglichkeiten aufmerksam zu machen, aber Jungautoren wie Laucke, Palmetshofer und Stockmann ständig vorhalten zu wollen, das ihre neue Dramatik nur an der Oberfläche kratzt, ist doch zu viel des Guten. Stockmann zeigt sich zum Glück auch sehr resistent, wenn nicht sogar renitent dagegen, wie man ja bei Stücke 2010 lesen konnte.

Da stellt sich mir jetzt eigentlich auch gar nicht die Frage „Wie es sein sollte“, um der von Rakow diagnostizierten „thematische Armut“ begegnen zu könnten, sondern eher Was wird im Vorfeld schon falsch gemacht? Da kann man jetzt den Ball getrost wieder an Bukowski zurückspielen und um wieder an den Anfang zurück zu gelangen an die Theater und Dramaturgen sowieso. Das Maxim Gorki Theater in Berlin macht nämlich genau das Richtige, jährliche Themenschwerpunkte mit der Möglichkeit für junge Autoren sich in bestimmte Themen ein zu arbeiten und darüber in einem eigenen Stück zu reflektieren. Die Ergebnisse sehen zumindest in dieser Spielzeit sehr passabel aus.

Sicher sind die Stücke von Dea Loher und Schimmelpfennig voller Allgemeinplätze und recht banal, das aber auf ziemlich hohem Niveau. Das muss man erst mal so hinkriegen. Und dann auch noch den Jungdramatikern Laucke und Stockmann so was wie Oberflächlichkeit und Krämern im Kleinen vorzuwerfen, das geht etwas weit. Die können schließlich auch nichts dafür, das sie bereits jetzt, mit diesen noch etwas unbedarften Stücken ausgewählt worden sind. Da hat es wohl doch an guten Alternativen gefehlt außer eben der Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek, das ist doch sehr offensichtlich. Das Rene Pollesch in Mühlheim und beim Theatertreffen schmählich vergessen wurde, ist doch eh klar.

Ein gutes Beispiel, wie man diesen „Realismus der kleinen Anzeichen“, wie es Christian Rakow nennt, umgehen kann, hat übrigens Philipp Löhle mit den Überflüssigen gegeben. Hier muss der Zuschauer noch kleine Umwege denken und kann nicht nur eindeutige Bilder entschlüsseln. Hier gut, da böse gibt es nicht. Löhle zeigt mit seinem kleinen Eastern sehr gekonnt, wie dieses Ungewohnte im Realismus aussehen könnte. Vielleicht liegt ja tatsächlich im Genre eine Chance der Beliebigkeit zu entkommen.