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Mülheimer Dramatikerpreis 2010 für Roland Schimmelpfennig

Samstag, Juni 5th, 2010

„Der Goldene Drachen“ in einer Inszenierung von Roland Schimmelpfennig für das Burgtheater Wien

Chöre gehören also in die Kirche? Das ist die Meinung der Jurorin Katja Lange-Müller. Der Chor ist aber eines der vielleicht ältesten theatralischen Mittel überhaupt, möchte man da rufen. „Großartig“, „hochintelligent“, „meisterhaft“, „hervorragend“, „unglaublich virtuos“, „hoch beunruhigend“ urteilt die Jury zu den meisten der vorliegenden Stücke und „artistische Präzision“ wird dem Preisträger Schimmelpfennig bescheinigt. Also die Juroren entpuppen sich da ja wohl eher als Hohepriester ihrer eigenen Ästhetik. All das, was da gelobt wird, findet man auch bei den Kontrakten des Kaufmanns, nur das Elfriede Jelinek nicht vordergründig diese Klischees bedient. Sie verliert 2-3 zugunsten des gut Gebauten, raffiniert Verwobenen und einer „brisanten, aktuellen Problematik“. Da staunt man doch.

Was ist nun an Schimmelpfennig tatsächlich so preiswürdig? Seine durchaus interessante Gestaltung, eine Short-Cut-Technik, schnelle Rollen- und Ebenenwechsel? Ähnliches macht auch Dea Loher in Diebe. Dazu kommt die Parabel der Grille und Ameise innerhalb der Rahmenstory, die sich einem erst nicht recht erschließen will, bis die Auflösung sie direkt in die Handlung einbezieht. Das ist aber auch der Knackpunkt, ab hier kommt es knüppeldick. Aus der Grille wird die Zwangsprostituierte Asiatin, der Händler wird zum Zuhälter und der von seiner Freundin verlassene Nachbar zum fiesen Sextouristen im eigenen Land. Da interessiert es kaum noch, dass im Asia-Imbiss der junge chinesische Aushilfskoch an einem gezogen Zahn verblutet. Die Stewardessen sehen ein kleines Boot im Meer (Achtung Flüchtlinge!) und eine von ihnen wirft den Zahn, der in ihrer Suppe gelandet ist, nach ein paar vergeblichen Gefühlsregungen ins Wasser. Der illegale Chinese wird in den Wandteppich mit dem goldenen Drachen gewickelt, das Symbol der Freiheit für ihn und in den Fluss entsorgt. Ohne seine Schwester im Nebenhaus gefunden zu haben, tritt er als Leiche eine wundersame Reise zurück nach Hause an. Das Schicksal schlägt halt gnadenlos zu, wer hätte das gedacht? Die Geschichte ist überladen mit Ausrufezeichen und lässt einem kaum noch die Möglichkeit der eigenen Reflexion.

Die Inszenierung im Akademietheater besorgt er gleich noch selbst. Das Ganze erinnert ein wenig an den Guten Menschen von Sezuan von Friederike Heller an der Schaubühne. Schnelle Rollen- und Geschlechterwechsel, hier aber ganz ohne Musik, nur ein immer währender Klang einer Schelle oder Glocke im Hintergrund. Das hat es bei Gosch auch immer schon gegeben. Irgendetwas was sich durch das ganze Stück zieht, wie ein roter Faden, ein sich durchs Bühnenbild bewegender Baum, oder das stetige Verschieben einer Bühnenwand als Darstellung der Vergänglichkeit, das sich die Welt weiter dreht. Nun hat es Schimmelpfennig selbst probiert, einmal wie sein alter Regisseur zu sein und es gelingt ihm ganz gut. Das Stück beginnt etwas lau, aber es entwickelt sich im Laufe der Zeit ein Märchen, über die alltäglichen Dinge des Lebens, mit all ihren Härten und Abgründen, wie bei allen Stücken Schimmelpfennigs.

Schimmelpfennig ist aber ein Meister des Einkleisterns in märchenhafte Bilder, das hat durchaus seinen Reiz. Jürgen Gosch hat diese überbordenden Phantasien immer wieder gut geerdet. Nur, nun ist Gosch weg, Schimmelpfennig entdeckt sein soziales Gewissen und gewinnt. Wo da plötzlich diese Brisanz herkommen soll, erschließt sich nicht so ganz. Ähnlich ist es mit Dea Loher, die uns jahrelang mit düsteren Beschreibungen der zwischenmenschlichen Abgründe erfreut hat und das meine ich durchaus ernst. Sie hat plötzlich einen Hang zur Komödie und die Theaterwelt jubelt. Ist es nicht eher die Inszenierung Andreas Kriegenburgs, die hier so hervor scheint? Denn die Geschichten um die eher banalen Figuren in Diebe, sind genau so übermotiviert und mit Fingerzeigen gepflastert, das man gar nicht weiß, worum es Loher hier eigentlich wirklich geht. Vielleicht sollte man die Stücke in Mülheim in Zukunft auch nur noch szenisch lesen, um Sie von den vorgefertigten Bildern einer Inszenierung zu befreien. Es wird aber mit beiden Stücken, die zur Zeit vorherrschende Ästhetik genau getroffen und so gehen die Preise, eben auch der Publikumspreis, natürlich auch an die Richtigen. Eine Jury ist ja auch nur ein Abbild eines bestimmten Geschmacks.

Mit dieser Juryentscheidung wird aber wieder ein Text abgewertet, der einfach nur Text sein will, ohne das Schielen nach der möglichst kongenialsten Umsetzung. Die Kontrakte des Kaufmanns bräuchten diese ja nicht einmal, man kann das Stück auf einem Sofa sitzend vorlesen, das einem nachher unterm Hintern weggezerrt wird und alles wäre darin enthalten. Elfriede Jelinek hat mit diesem Stück eine Darstellung der sich immer wieder selbst pervertierenden für den normalen Menschen kaum noch zu durchschauenden Maschinerie der imaginären Geldvermehrung und -vernichtung auf den Finanzmärkten dieser Welt geschaffen. Der Text findet dafür immer wieder Begriffe die im normalen Sprachgebrauch bereits wie selbstverständlich erscheinen und zeigt uns deren Doppeldeutigkeit als Spiegel für unsere Reflexionen. Der Rückschluss ins Private kommt schlagartig mit der Axt.

Dieser Text ist ein Angebot an jeden Regisseur, jenseits der vorherrschenden Mentalität Texte auszuplündern, sich immer wieder neue Bilder zu bauen. Um noch mal auf den Chor-Gedanken zurück zu kommen, es geht heute eben nicht mehr nur um Individuen, wir sind alle verstrickt. Und genau das zeigt der Text von Elfriede Jelinek, wie kein anderer, nur will das wohl nicht jeder wahrhaben.

nachtkritik-stuecke2010.de