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„Sommer 14 – Ein Totentanz“ von Rolf Hochhuth zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs – inszeniert von Torsten Münchow im Theater am Schiffbauerdamm

Montag, August 4th, 2014

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Nachdem es noch im Juni 2013 die üblichen Drohgebärden von Seiten Rolf Hochhuths in Richtung Claus Peymann, dem der Senat das Gebäude des Berliner Ensembles untervermietet, und sogar eine Kündigungsklage gegen den Senat gegeben hatte, war es in der letzten Zeit etwas ruhiger um die beiden Streithähne geworden. Wenn nicht bei unsachgemäßen Bauarbeiten am Dach des BE die Sprinkleranlage ausgelöst worden wäre, die die Bühne dann mit mehreren Tausend Litern Löschwasser überflutete, man hätte vermutlich gar nicht erfahren, dass es Rolf Hochhuth in diesem Jahr tatsächlich gelungen ist, eines seiner Stücke im Theater am Schiffbauerdamm, wie die Immobilie im Besitz der Hochhuth’schen Ilse-Holzapfel-Stiftung für die Sommerbespielung dann wieder heißt, zur Aufführung zu bringen.

Sommer 14 - Ein Totentanz am BE  Foto: St. B.

Sommer 14 – Ein Totentanz am BE – Foto: St. B.

Nicht nur passend zur Jahreszeit, auch anlässlich der 100. Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs hat Hochhuth sein 1990 am Wiener Akademietheater uraufgeführte Stück Sommer 2014 – Ein Totentanz wieder ausgegraben und die Premiere pünktlich zum 1. August angesetzt. Aber wie immer geht auch das bei Hochhuth nicht ganz ohne Querelen ab, und so bauscht dann der Autor kurz vorher in der Presse die Inszenierung seines Stücks zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu einer mittleren Bühnenkatastrophe auf und rät dem potentiellen Publikum vom Besuch der Aufführung ab. Noch vor ein paar Tagen zeigten sich Hochhuth und der in letzter Minute engagierte Regisseur Torsten Münchow bei einem Pressetermin im Theater am Schiffbauerdamm zuversichtlich Seite an Seite. Nun plötzlich der Bruch. Hochhuth lässt verlauten, Münchow habe sein Stück verhunzt und verjuxt. Der Schauspieler, Gelegenheitsregisseur und die Synchronstimme von Kinostars wie Antonio Banderas, Gérard Depardieu oder Adam Sandler würde seine Schauspieler persönlich und ihre historischen Rollen total entwürdigen.

Die Frage nur, die sich angesichts solcher Vorwürfe stellt: War es bei Hochhuths Sommertheater je anders? Erst 2010 floppte sein Stück Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato als peinliche Musical-Nummer unter der Regie von Florian Fries am Berliner Ensemble. Nun hat also Torsten Münchow eine Schauspieltruppe zusammengecastet, die (wie damals) aus Ex-Stars-und Sternchen der deutschen Unterhaltungskunst sowie hoffnungsvollen Jungtalenten besteht. Darunter (wie schon 2010) Fernsehschauspielerin und Moderatorin Caroline Beil, Schauspieler und Ex-Liedermacher Reiner Schöne, der nicht erst durch einen Auftritt im Dschungelcamp bekannte Film- und Fernsehmime Mathieu Carrière und last but not least Serienstar Ottfried Fischer als Kaiser Franz Josef. Ebenfalls einen kurzen Gastauftritt hat der „Coiffeur der Leidenschaft“, Promifriseur Udo Walz.

Prominente der Zeitgeschichte lässt auch Rolf Hochhuth in seinem eher moralisch inspirierten Enthüllungsstück über die Ursachen des Ersten Weltkriegs auftreten. Er legt die 13 Spielszenen, in denen Waffenlobbyisten, führende Politiker und die gekrönten Häupter Europas jener Zeit ihre wahren Motivationen am Krieg offenbaren, dann auch nicht wirklich ironisch an. Das hat nun Torsten Münchow in seiner Inszenierung, für die kaum vier Wochen Probenzeit waren und nur knapp 8 der ursprünglich 13 Szenen übrig blieben, zur Erschütterung des Autors etwas anders gesehen.

In einer Saunalandschaft als Wellnesshölle (oder -himmel, je nach Sichtweise) mit flauschigem Flokati-Teppich tummeln sich die verblichenen Oberhäupter der fünf sich feindlich gegenüberliegenden europäischen Reiche in Bademänteln und Schlappen. Vormontiert ist ein Prolog über die Unzulänglichkeit des schaffenden Menschen (Homo faber), die Errungenschaften der Wissenschaft friedlich zu nutzen. Hierbei treffen in griechischem Tragödienton aufeinander: der Kentaur Nessos (nackt und mit Erde beschmiert: Kathrin Höhne), Daidalos (im Overal mit Vogelkopf: Vitesha Benda) als Bringer des Fortschritts wie moderner Flugzeuge und der Tod (Kathrin Höhne), der erst als Putzfrau den Müll der Geschichte aufkehrt und dann im schwarzen Gewand bedeutsam über das Schicksal raunt. Die Drei wohnen weiter stumm und nur gelegentlich kommentierend dem Geschehen bei.

Sommer 14 - EinTotentanz im Theater am Schiffbauerdamm Foto (c) Barbara Ellen Volker

Sommer 14 – EinTotentanz im Theater am Schiffbauerdamm
Foto (c) Barbara Ellen Volker

Das lässt sich zunächst recht gut an, wird aber im Folgenden zu einem Defilee der Peinlichkeiten und einer Offenbarung inszenatorischer wie darstellerischer Defizite. Das geht von Ottfried Fischer, der seinen Text als greiser Kaiser Franz Joseph eher beiläufig ironisch zur Seite weg nuschelt, über eine Dart spielende zynische Churchill-Karikatur (Jens Schleicher) bis zum täppischen Knallchargenstadel preußischer Offiziere wie Großadmiral von Tirpitz (Rüdiger Joswig) und Generalstabschef von Moltke (Christian Mey). Man nimmt ihnen im flauschigen Bademantel die Einfädelung ihrer kriegerischen Machenschaften nicht wirklich ab. Dagegen kommt Großfürst Nikolai, Cousin Zar Nikolaus II. und Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte (Hans Leonard Wales als russischer Bär mit blanker behaarter Brust) mit einem Cocktail deutsch verwässerten russischen Blutes noch vergleichsweise gut weg.

Auch der Kurzauftritt von Udo Walz mit Kaiser-Wilhelm-Bart fällt, da nicht weiter sinnführend, halbwegs harmlos aus. Man hätte ihm so ausstaffiert eigentlich auch noch gut die Rolle des deutschen Kaisers übertragen können. Gänzlich ohne Bart gibt nun Mathieu Carrière den mehrfach gehandicapten Hohenzollernspross und großen Flottenfanatiker Wilhelm II. im Bademantel mit festgebundenem Krüppelarm und Sonnenbrille. Dieser windet sich noch angesichts des Attentats in Sarajewo ob seiner Kriegsunschlüssigkeit und ist doch längst von seiner intriganten, Boccia spielenden Regierungsriege unter Reichskanzler Bethmann Hollweg (Reiner Schöne) ausgebootet. Da bleibt ihm nur in einer neuen Schlafanzughose den Krieg zu erklären.

Dass es auch Stimmen des Zweifels und zur Kriegsvermeidung vor allem in Frankreich gegeben hat, klingt in Hochhuths Stück ebenfalls an. Hier lässt Münchow gnadenlos Boulevard spielen. So knallt die Frau (Caroline Beil) des französischen Premierministers und Kriegsgegners Caillaux den rechten Journalisten Calmette (Hans Piesberger) über den Haufen. Der französische Sozialist Jean Jaurès (wieder Hans Piesberger), der am Vorabend des Weltkriegs einem nationalistisch aufgehetztem Attentäter zum Opfer fiel, muss sein Plädoyer gegen den Krieg in einer Art Fernsehshow halten. Und der Disput zwischen Giftgaserfinder Dr. Haber (Thomas Giebel) und seiner Frau (Vera Tavares) über die Verantwortung des Wissenschaftlers gerät schließlich zum Rührstück.

Torsten Münchow macht Geschenke, die keiner haben will. Foto: St. B.

Regisseur Torsten Münchow macht Geschenke, die keiner haben will. – Foto: St. B.

Die Stimmen aus dem gemeinen Volk und der Waffenindustrie sind bis auf zwei Ausnahmen weitestgehend ausgeblendet. Die lose und qualitativ recht unterschiedlichen Spielszenen werden durch Lehar-Walzer und alte Revuenummern von Walter Kollo wie Der Soldate, der Soldate und Ich glaube, da oben fliegt ’ne Taube (gesungen von Wiltrud Weber) zusammengehalten. Und so tanzt alles lustig eine Polonaise in den Abgrund. Ganz zum Schluss kommt noch mal der Hochhuth’sche Zeigefinger raus, als Timothy Stachelhaus als junger gefallener Soldat von der Rampe ein zorniges „Gehorcht nicht!“ ruft. Das Ganze klingt wie eine deutsche Parodie auf Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus. Aber das ist hier eben nicht Wien oder Salzburg, sondern nur das Theater am Schiffbauerdamm. Doch scheitern kann man überall. Torsten Münchow hat sich bemüht und macht den Abend lautstark dem vergrätzten Autor Hochhuth zum unerwünschten Geschenk. Draußen bei der Premierenfeier ruft er dann sein Ensemble im Kasernenhofton zum Shooting für die Pressefotografen. Wenigstens einer, der mit seiner Stimme für mächtig Stimmung sorgte.

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Sommer 14 – Ein Totentanz

von Rolf Hochhuth

Regie: Torsten Münchow
Bühne & Kostüme: Andreas R. Bartsch
Musik: Tom Leonhardt & Wiltrud Weber
Darsteller: Mathieu Carrière, Diana Körner, Reiner Schöne, Caroline Beil, Rüdiger Joswig, Hans Piesbergen, Christian Mey, Kathrin Höhne, Vitesha Benda, Jens Schleicher, Barbara Frey, Thomas Giebel, Vera Tavares, Maike Knirsch, Timothy Stachelhaus, Ottfried Fischer als Kaiser Franz Joseph I. und Udo Walz

Premiere: 01.August 2014 im Theater am Schiffbauerdamm (BE)
Weitere Vorstellungen: 03.08, 07.08., 08.08., 09.08. jeweils 19:30 Uhr

Eine Produktion der Ilse Holzapfel Stiftung

Kartentelefon: 0170-7334629 & üblicher Vorverkauf
Infos: sommer-1914@gmx.de

Zuerst erschienen am 03.08.2014 auf Kultur-Extra.

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Drei Schwengel für Carli – Rolf Hochhuths Inselkomödie im Theater am Schiffbauerdamm (BE)

Samstag, Juli 31st, 2010

Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato als Musical-Version von Florian Fries

Er wolle mit Entsetzen Scherz treiben, weil sonst keiner hingeht, erklärt Rolf Hochhut in der Berliner Presse, die ihn nun wieder wie jeden Sommer als willfährigen Nachrichtenlieferant ausgemacht hat. Das ist erst mal nicht verkehrt, mit der derb erotischen Komödie „Lysistrata“ des Aristophanes als Vorbild für seine „Inselkomödie“ ließe sich da durchaus etwas machen. Auch Brecht hat mit seiner Dreigroschenoper und diesem Format zum transportieren von politischen Aussagen Erfolge gefeiert, hier am Theater am Schiffbauerdamm, lange bevor dann nach dem Krieg daraus das Berliner Ensemble wurde.
Leider hat sich Hochhuth für seine Musical-Version die falschen Leute für das falsche Haus ausgesucht. Der junge Komponist Florian Fries orientiert sich zwar auch etwas an Kurt Weill, mit seiner operettenhaft seichten Musik liefert er aber nur ein billiges Paul Lincke Plagiat ab. Das funktioniert sicher gut am Kudamm, dort befindet sich auch das richtige Publikum, nur ist das sicher nicht der Adressat, den sich Rolf Hochhuth vorgestellt hat, wenn er auch Solidaritätsadressen an die Kudammbühnen im Programmheft abgibt. Der erst 4 Wochen vor der Premiere eingewechselte Regisseur Heiko Stang bürstet das Stück kräftig auf Klamauk, es wird ordentlich kopuliert und die Damen schwingen die Hüften und Hinterteile vor den Nasen der dämlich geilen Herren mit Dauererektion. Ein Pope kann sich nur mit einem Kreuz der eigenen Geilheit und der ausgestellten Weiblichkeit erwehren. Darauf werden die Frauen leider auch reduziert, von List und Klugheit, außer bei der Abgeordneten Lysistrate aus Athen, kaum eine Spur.
Die Kostüme unterstützen das Konzept, aufreizen bis der Letzte kapiert hat, worum es geht. Wo hat man eigentlich auf einer griechischen Insel schon mal Frauen den halben Tag im Seidenmorgenmantel rumlaufen gesehen oder mit hochhackigen Stiefeln. Die politische Aussage, das die NATO den Russen auf den Pelz rückt und das Elend von Kriegen nur immer wieder auf das Volk zurückfällt, geht dabei völlig unter. Es wird gepost wie bei Drei Engel für Charlie und in großen Weinbottichen im Kreis gestampft. Kanonen dräuen am Bühnenhorizont. Ein korrupter Politiker darf sich mit seinem ergaunerten Geld freikaufen und hat einen schlüpfrig erotischen Bunny-Hasentraum. Die Songtexte sind ziemlich platt und nur mäßig komisch. In einem poppigen Tänzchen entlarven sich die Soldaten als nichts könnende Idioten und 4 Beine in Betten sind besser als Schlaftabletten. Zum Finale dieser Sommeroperette gibt es dann noch ordentlich Flitter und tam tam, alles findet sich zum guten Ende. So einfach ist die Welt des Rolf Hochhuth.
Im Programmheft kommen alte Männer wie Helmut Schmidt, Peter Scholl-Latour und Michael Gorbatschow zu Wort, die uns warnen wollen. Der Umgang mit alten Männern ist Hochhuth immer sehr gut bekommen, sagt er und hat auch noch einen besonderen Coup auf Lager, indem er den 106-jährigen Entertainer Johannes Heesters auf die Bühne setzt. Der darf dann einige Zeilen rezitieren, erst über die Liebe und die Frauen und dann nach der Pause ein Anti-Kriegsgedicht aus dem 19. Jh. vom flämischen Poeten Gentil Theodoor Antheunis, das er schon 2008 in seiner Geburtsstadt Amersfoort vorgetragen hat. Amersfoort war im 2. Weltkrieg bekannt als Internierungslager der SS, „Traurige Zeiten“, welch späte Einsicht des alten Heesters.
Was von dem Sommertheater um das Stück und Rolf Hochhuth übrig bleiben wird, sind leider nur wieder leere Drohungen in Richtung Senat um die Kündigung des BE, und Gerüchte zu Claus Peymanns Eintritt in die Ilse-Holzapfel-Stiftung. Was für ein Gespann. Peymann wäre dann BE-Chef für immer und müsste das ganze Jahr über Hochhuth-Stücke inszenieren. Aber Rolf Hochhuth wird wohl so weiter machen wie ehedem und sich Jahr für Jahr und Stück für Stück etwas mehr demontieren.