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die tage in l. im bat Studiotheater – Florian Hein adaptiert die im Jahr vor der Wiedervereinigung herausgekommenen Leipziger Reflexionen von Ronald M. Schernikau darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können

Sonntag, Januar 15th, 2017

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die-tage-in-l-_buchcoverMit seiner ersten Veröffentlichung kleinstadtnovelle (über ein schwules Coming out in der bundesrepublikanischen Provinz) wird der junge Ronald M. Schernikau praktisch über Nacht bekannt. „…bin weiblich, bin männlich, doppelt. ich will nicht doppelt sein. wer bin ich? will ich sein, männlich, weiblich.“ heißt es da. Das Zweideutige, die Widersprüche bestimmen sein Leben. Er sucht die Klarheit. 1960 in Magdeburg geboren und als Sechsjähriger mit der Mutter zum Erzeuger in die BRD geflohen, geht der bekennende Kommunist Schernikau 1986 zum Literaturstudium nach Leipzig und lässt sich 1989 kurz vor der Wende in die DDR einbürgern. Geht entgegen den Fluchtbewegungen vieler Ostdeutscher jener Tage aus dem Land der Träume in das Land aus Plaste und Elaste.

Für Ronald M. Schernikau liegt der Kommunismus „so auf der hand. aber vielleicht haben die anderen keine hand?“ In konsequenter Kleinschreibung huldigt er in seinem 1989 als Abschlussarbeit am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher vorgelegtem essayistischen Band die tage in l. – darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können. geschweige mittels ihrer literatur dem deutschen Arbeiter-und- Bauernstaat. „man kann nicht schreiben, wo man nur verachtet.“ zitiert er Tucholsky. die tage in l. ist ein Buch, das nicht nur durch die Länge seines Titels beeindruckt. Im Cut-up-Stil der US-amerikanischen Beatliteraten montiert er in 8 Kapiteln Texte über seine Zeit in Leipzig, über den Sozialismus, die Literatur aus Ost und West und beschreibt in Aphorismen, Zitaten, Tagebuchaufzeichnungen und Interview-Schnipseln die DDR aus der Sicht der BRD und umgekehrt.

Dieses Sammelsurium an ganz verschieden Prosa-Texten bietet sich nicht gerade für eine dramatische Bearbeitung für die Bühne an. Und dennoch hat sich der junge Regisseur Florian Hein in seiner Diplominszenierung für die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch dieses Werks angenommen. Es geht ihm um Schernikaus reflexive Betrachtung der beiden Gesellschaftssysteme im Vergleich. Und dass er dem kritikwürdigen sozialistischen Projekt dabei keine Abfuhr erteilt, sondern versucht mit Kritik etwas zu verbessern. „alles, was es auf der welt gibt, wird gemacht. die menschen leben nicht in etwas, das sie nicht selber tun.“ Daher ist die Welt für Schernikau auch veränderbar.

Zu Beginn sehen wir einen Mann zwischen den Systemen, vor und hinter der Bühnenrückwand an einer geöffneten Tür. Er erzählt die Vorgeschichte Schernikaus, von der Flucht mit der Mutter im Kofferraum, die Schernikau später selbst in dem Gesprächsband Irene Binz – Befragung verarbeitet hat, über die Schwierigkeiten im Westen bis zur Rückkehr in die DDR, die da schon am verpuffen ist. Die Tür schließt sich. Der Westen ist die Vergangenheit, der Osten ist die Zukunft. Und Florian Hein nimmt es sportlich. Der Bühnenraum im bat Studiotheater ist Turnhalle für Kreisläufer und sozialistische Werkskantine für `ne kurze „Fuffzehn“ mit Essen fassen bei der Köchin Lydia.

 

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die tage in l. am bat-Studiotheater
Foto (c) Emmerich, Antonenko

 

Regisseur Hein verteilt den Text auf verschiedene Figuren mit den Attributen ihrer Tätigkeit. Ein Versuch einer kollektiven Annährung. Jede Figur ein anderer Charakter und doch auch der junge Dichter aus dem Westen, manchmal wie mit sich selbst im Streitgespräch und dann wieder gemeinsam im Chor: „wer die bananen will, der produziert die ausbeutung an anderen orten mit.“ Oder: „das projekt kommunismus ist kein spaziergang.“ „Der Wessi“ ist der Exot unter lauter grauen Mäusen. Ein Tier vom anderen Stern. Er kommt nicht mit der Bürokratie klar und wundert sich über Steine auf dem Klodeckel gegen die Ratten. Geschichten aus der sozialistischen Produktion in Schleenhain wechseln mit Songs zu Klaviermusik wie Solo Sunny, Dirk Michaelis‘ Als ich fortging oder russischen Liedern.

Die Gruppe springt in den Texten vom ökonomischen Grundgesetz des Sozialismus zur Planwirtschaft, von der marxistischen Ökonomie zum Leistungsprinzip. Man dreht sich im Kreis mit Leninbüste, Transparenten, Gorbatschow, Coca-Cola und KDW. Letztendlich schlägt der Konsum West den Konsum Ost. Der Unterschied liegt nicht allein in der Betonung. Konformismus hier, spießige Norm da. Alles nur ein Witz? „die schönsten witze habe ich denen erzählt, die sie nicht verstehen.“ DDR und BRD bleiben sich fremd, politisch wie kulturell. Die Distanz ist zu groß.

Nein sagen die meisten der BRD-Bürger auf die Frage: „möchtest du gern in der ddr leben?“ Man will seine Privilegien nicht aufgeben. Nur Schernikau glaubt weiter an das Projekt und verteidigt sogar die Zensur in der DDR-Literatur. Er gibt aber auch zu: „die ddr nervt.“ Irgendwann leider auch dieser Abend, der in seiner Patchworkartigkeit zu keinem Ganzen finden will. Etwas ratlos und depressiv, wie Schernikau selbst, der am Desinteresse der Leute scheitert. Was bleibt, ist die Liebe und die Hoffnung. Dem Begräbnis folgt die Beschreibung der Idylle auf dem Land. Es endet sehr offen mitten im Satz. Aber eigentlich endet es gar nicht. Man geht einfach und gibt Platz zum Weiterdenken.

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die tage in l. (bat Studiotheater, 07.12.2016)
Bühnenfassung und Regie: Florian Hein
Kostüm- und Bühnenbild: Anastasia Antonenko, Magdalena Emmerich
Kamera: Dennis Metaxas
Regieassistenz: Yannick Geske
Dramaturgie: Jan Willem Dreier
Mit: Maximilian Hildebrandt, Vladimir Korneev, Luise Lein, Claus Lozek, Maximilian Meyer-Bretschneider, Viktor Nilsson, Kara Schröder, Josephine Witt
Premiere war am 07.12.2016 im bat-Studiotheater

Termine: 13. / 14.01.2017 jeweils 19:00 Uhr

Infos: https://www.bat-berlin.de/termin/die-tage-in-l-1/

Zuerst erschienen am 10.12.2016 auf Kultura-Extra.

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Die Schönheit von Ost-Berlin – Eine Ronald-M.-Schernikau-Collage von Bastian Kraft an den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

Mittwoch, November 26th, 2014

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„1. irgendwer hat den leuten eingeredet, wir alle müssen sterben. das ist natürlich völliger humbug.

2. keiner stirbt, wenn er nicht will, und jeder lebt, solange er weitermacht. das problem ist: die leute machen nicht.“

Ronald M. Schernikau, aus: legende


25 Jahre ist es nun her, dass im November 1989 die Berliner Mauer fiel. Für den jungen Schriftsteller Roland M. Schernikau ein Akt der Konterrevolution. In einer vielbeachteten Rede 1990 auf dem Kongress des Schriftstellerverbands der DDR gab er seiner Verblüffung Ausdruck über „die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlaß gewährt wird, das einverständige, ganz selbstverständliche Zurückweichen, die Selbstvernichtung der Kommunisten.“ Für Verblüffung sorgte auch ein Jahr zuvor Schernikaus Einreise aus dem Westen in sein Sehnsuchtsland DDR. „Eine seltsame Vorstellung,“ vermerkt die mit ihm korrespondierende Elfriede Jelinek „wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten.”

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Die Schönheit von Ostberlin am DT - Foto Schaukasten

Die Schönheit von Ostberlin am DT –
Foto Schaukasten

„schreiben schwulsein kommunist sein – glaube liebe hoffnung – kindlich tuntig selbstbewusßt.” Das waren für Roland M. Schernikau keine Gegensätze. Er machte es ohne Umschweife vor, Sexualität und Überzeugung zu leben, ohne Rücksicht auf sich selbst und jedwede Konsequenz. Reicht das schon zum Vorbild oder zur Provokation? Zumindest reicht es zur Legende, wie sich auch sein letzter Roman nennt, der auch zu seinem Vermächtnis wurde. 1991 starb Schernikau 31jährig in Ost-Berlin an AIDS. Wie schon in Schernikau.Sehnsuchtsland, einer dreiseitigen Annäherung an den schwulen Autor von PortFolio Inc. 2010 im Theater unterm Dach, versucht nun auch Regisseur Bastian Kraft mit seiner Ronald-M.-Schernikau-Collage Die Schönheit von Ost-Berlin an den Kammerspielen des DT hinter das Geheimnis dieser schillernden Persönlichkeit im grauen Vorwende-Ost-Berlin zu kommen.

Stand die Rede von der Konterrevolution im Theater unterm Dach noch am Ende der theatralen Befragung, stellt sie Bastian Kraft im Deutschen Theater ganz an den Anfang. In szenischen Rückblenden nähert er sich dann dem Leben des Ronald M. Schernikau. Dazu hat Peter Baur eine kleine Insel (Inselstadt West-Berlin!) auf die Bühne gestellt, bestehend aus Klavier, Klappcouch, Laterne, Globus und dem Benz, in dessen Kofferraum der 6jährige mit seiner Mutter 1966 in den Westen flüchtete. Im Inneren drehen sich Literatur-, Polit- und Pop-Ikonen aus der Geschichte um eine Kamera, deren Bilder auf die Bühnenrückwand projiziert werden. Karl Marx, Che Guevara, Peter Hacks, Heiner Müller, Andy Warhol, Kati Witt und Bruce Lee – ein Mont Klamott der Kinderzimmeridole gemischt mit politischer Symbolik und Zeitungsmaterial.

Dazu singt vom Band Regine Dobberschütz von Solo-Sunny‘s Traum „of the Golden Girls and the Men so strong“. Der Titelsong des gleichnamigen DEFA-Kultfilms. Ein Anflug von Ostalgie, dem sogleich der Mief der westdeutschen Provinz entgegenweht. Erste schwule Teenagererlebnisse aus dem Erstling Kleinstadtnovelle des 19jährigen Autors. Ein Coming-of-Age-Roman als Coming out unter Spießern. Das spielen hier Elias Arens, Thorsten Hierse, Wiebke Mollenhauer und Bernd Moss, die sich als Schernikau-Doubles mit Brille und Langhaarperücke alle Rollen dieser Schernikau-Biopic-Revue teilen. Und ohne Musik geht hier nichts. Der junge Schernikau wäre gern selbst ein Schlagerstar. Es ist ihm schwules Bedürfnis auf die Bühne zu stehen. Marylin Monroe, die Kneef, Nina Hagen, es sind die Diven der Punk-, Schlager- und Schwulenszene, die es Schernikau angetan haben. Er schreibt für Marianne Rosenberg den Song Amerika und beschreibt in ein lied für rostock die fiktive Teilnahme der DDR am Grand Prix mit einem Song von Aurora Lacasa. Alles ist wunderbar in der DDR gewinnt haushoch. Ost- wie westdeutsch gleichermaßen sozialisiert, fühlt sich der junge Autor schon bald selbst wie die Milva der deutschen Literatur.

Das bunte Treiben auf der Bühne immer wieder unterbrechend, berichtet die auf einem Stuhl am Rande der Bühne sitzende Margit Bendokat im ruhigen Vortragston aus dem Leben der Mutter. Schernikau selbst hatte sie 1980 interviewt. Das Ergebnis wird zum Theaterstück in Blankversen: Irene Binz, die Frau im Kofferraum. Posthum ist ein Band dieser Gespräche unter dem Titel Irene Binz. Befragung erschienen. „All unsere Schöpferkraft für den Sozialismus“ steht unter den Brücken des einen Deutschlands. Ein Leben was wir haben wollen, sagt die Mutter ihrem Sohn. Die Frau folgt dennoch ihrer Liebe in das andere Deutschland, dass sie nicht lieben kann und das sie nicht versteht. Ellen Schernikau tauscht ihre Überzeugung nicht für ein Kreuz auf einem Formular. Die finanzielle Unterstützung für politische Flüchtlinge lehnt sie ab. „Ich bin privat hier.“ gibt sie trotzig zu Protokoll. Auch ohne den geliebten Mann wird sie bleiben, für den Sohn. Der geht Jahre später den Weg wieder zurück.

Das Deutsches Theater im grauen November. - Foto: St. B.

Das Deutsches Theater im grauen November. – Foto: St. B.

In den 80er Jahren zunächst nach Westberlin. Schernikau wird SEW-Mitglied und taucht ein die schillernde Subkultur der Mauerstadt. Einige Szenen aus seinem Stück die schönheit, geschrieben für die Tuntentheatergruppe „ladies neid“, gibt die lustige Schernikau-Viererbande zum Besten. Eine schräge Maskerade und Spionagekrimi-Farce per Video aus dem Inneren der Bühnen-Insel übertragen. Transvestiten-Theater als beste Umsetzung des V-Effekts. Politisch liegt für Schernikau der Kommunismus klar auf der Hand. Die Dummheit der Kommunisten im Osten gilt ihm auch später nicht als Argument gegen den Kommunismus. BRD und DDR – das Falsch und Richtig als biografischer Zufall. In den West-Berliner WG-Diskursen stößt er damit eher auf Unverständnis.

Weiter geht’s für Schernikau ab 1986 am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Genie ist möglich, attestiert ihm der Hof haltende DDR-Dichterfürst Peter Hacks. Aber erst mal gilt es sich einzureihen in die Schlange der vielen. Die DDR kennt kein Leistungsprinzip. „ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.” beurteilt Schernikau in die tage in l. die Möglichkeit einer Verständigung. Er passt sich auch im Osten nicht an, verweigert den für westliche Ausländer obligatorischen AIDS-Test und fährt immer wieder zu seinem Freund nach West-Berlin. „Fickt weiter!” ist Schernikaus Radikal-Aufruf als Reaktion auf die Angst vor AIDS: „wer jetzt aufhört zu ficken, sollte aufhörn zu rauchen trinken essen arbeiten autofahrn spraydosen benutzen lackfarbe plastik radios kinos menschen.” Zumindest das Letztere keine Option für ihn.

Das von Schernikau noch kurz vor seinem Tod fertiggestellte 700-Seiten-Werk legende wird sein selbst verfasster Nachlass. Der kommt für Elfriede Jelinek aus der „Ecke des linken Schelmen-Romans“. Für Bastian Krafts bunte Schernikau-Collage erweist sich dieses Vermächtnis nun als mächtiger Text-Steinbruch der Lebens- und Gedankenwelten Ronald M. Schernikaus. Daraus meißelt der Regisseur dem Schriftsteller irgendwie auch so etwas wie einen leicht verspäteten Nachruf in Bildern. Da wird es dann auch noch mal richtig gefühlig, wenn zum Ende hin die beiden Parallelebenen Mutter und Sohn am Bett des Sterbenden wieder zusammengeführt werden. Es ist viel von Schmerz die Rede, aber auch von trotziger Zuversicht. „alles lässt sich leben, auch der eigene tod.“ schreibt der Dichter Schernikau, und leicht ironisch: „die nachwelt wirds schon richten.“

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Schernikau_letzte-Kommunist

(c) Aufbau Verlag

die nachwelt
die nachwelt wirds schon richten
die nachwelt machts schon gut
die nachwelt die macht alles
was sonst keiner gerne tut
die nachwelt wirds schon richten
wir haben ja zum glück
die gute alte nachwelt
unser bestes stück

Ronald M. Schernikau

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Die Schönheit von Ost-Berlin (18.11.2014)
Eine Ronald-M.-Schernikau-Collage
Premiere im DT war am 07.11.2014
Regie: Bastian Kraft
Bühne: Peter Baur
Kostüme: Inga Timm
Musik: Ingo Schröder
Dramaturgie: John von Düffel.
Mit: Margit Bendokat, Elias Arens, Thorsten Hierse, Wiebke Mollenhauer, Bernd Moss.

Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Termine: 27.11., 06.12., 16.12. und 28.12.2014

Infos: www.deutschestheater.de

www.schernikau.net

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Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

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Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

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Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

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Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

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Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

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„Schernikau.Sehnsuchtsland“ – Eine dreiseitige Annäherung von PortFolio Inc. im Theater unterm Dach

Montag, Juli 5th, 2010

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Es mutet schon bizarr an, dass sich an einem Dichter die Geister zu scheiden scheinen, der nichts anderes getan hat, als seine Ansprüche, Sexualität und Überzeugung zu leben, ohne Rücksicht auf sich selbst und jedwede Konsequenz. Reicht das schon zur Provokation, ist das tatsächlich fragwürdig oder gar abwegig und wenn ja, worin liegt denn das Provokante, Fragwürdige und Abwegige begründet?

Provokant und abwegig wirkt der bürgerlichen Gesellschaft immer das, was sie nicht versteht und was sich nicht einordnen lässt. Fragwürdig kann dagegen alles sein. Da wird einer als letzter Kommunist betitelt, als schillernde Figur, weil er etwas tat, was sich so wohl selten einer getraut hatte, aber vielen Westlinken immer als eine Option möglich schien. Er geht in die DDR, zu einer Zeit, als die Bewohner dieses Versuchs eines Gegenentwurfs zur bürgerlichen Gesellschaft sich bereits auf den Weg in die andere Alternative aufgemacht hatten und „Keine Experimente“ mehr am lebenden Individuum forderten. Die Frage des Warum steht noch immer im Raum und was er sich davon erwartet hat bzw. was er zu ändern versuchte, wo doch eigentlich kaum noch etwas zu reformieren war.

Elfriede Jelinek sagte 1989 über Ronald M. Schernikau: „Eine seltsame Vorstellung, wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten.“ Sie kann es sich eben auch nicht schlüssig erklären, wie man zu so gefestigten Überzeugungen gelangen kann. Dieses Zitat stammt nicht aus dem Stück, ist aber in der Biografie von Matthias Frings Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald. M. Schernikau nachzulesen.

Eine Erklärung gibt auch die Theatergruppe PortFolio Inc. in Schernikau.Sehnsuchtsland im Theater unterm Dach nicht, sie belässt es bewusst bei einem Annährungsversuch an den Schriftsteller Schernikau, um seine Überzeugungen und Ideale auf den Prüfstand zu stellen, auf Relevanz in der heutigen Zeit zu testen. Gemäß der Maxime von Ronald M. Schernikau: „Alles was verstanden werden soll, muss dreimal gesagt werden.“ verkörpern in diesem als biografische Doku-Fiction angekündigtem Stück drei Schauspieler die drei Seiten und Ansprüche Schernikaus: „schreiben schwulsein kommunistsein, glaube liebe hoffnung, kindlich tuntig selbstbewusst.“

Wie bei einem Leichenschmaus treffen sich die drei, Stefan Artz, Thomas Georgiades und Michael F. Stoerzer, Trauer und Kuchen steht auf dem Tisch, ein Bild von Schernikau mit Trauerflor daneben. Es entwickelt sich nach und nach ein Disput über die Form der Schernikauschen Texte, autobiografisch oder nicht, Novelle, Blankvers etc. und ob Schwulsein im Kommunismus schon enthalten ist oder immer erst noch mitgedacht werden müsse. Die Genderfrage wird anhand eines Für-und-Wider-Spiels mit Punkten diskutiert. Die Akteure zeigen die drei Seiten eines widersprüchlichen Menschen, stehen im Streit miteinander, testen aus was in der Figur Schernikaus an Gehalt vorhanden ist.

Gleich seinem Stil der literarischen Collage wird aus dem hochgestellten Tisch eine Zettelwand, an der das Leben Schernikaus aus Zitaten und Dokumenten wiederersteht. Die einzelnen Stationen entwickeln sich nacheinander im Spiel, wie die Veröffentlichung seiner Kleinstadtnovelle, einer Coming-Out-Geschichte als Antwort auf pseudoliberale Lehrer, weitere Erscheinungen im Selbstverlag, weil den Lektoren selbst beim Rotbuchverlag seine Texte zu abgehoben erscheinen und schließlich die scheinbare Unvereinbarkeit von Pop mit politischem Anspruch, am Beispiel eines Songs über Ronald Reagen für Marianne Rosenberg, Amerika wird auch von allen als schrille Parodie vorgetragen.

Schließlich die Geschichte der Mutter, die wohl prägendste Bezugsperson für Schernikau, der einige längere Szenen gewidmet sind, wie die Flucht aus Liebe mit ihm als 6-Jährigen im Kofferraum in den Westen. Sie lässt sich in ihrer Überzeugung ebenso wenig verbiegen, wie später Schernikau als er im Land seiner Sehnsucht angekommen ist und in Leipzig Literatur studieren kann. Hier entseht die tage in l. und der Wunsch ganz in die DDR überzusiedeln, gestärkt durch den Zuspruch seines Vorbilds Peter Hacks. In Leipzig wird er argwöhnisch von den anderen Studenten beäugt, er ist ihnen mit seinen ehrlichen Überzeugungen nicht geheuer. Er sagte darüber: „ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.“

Er passt sich auch im Osten nicht an, er verweigert den für westliche Ausländer obligatorischen AIDS-Test und fährt immer wieder zu seinem Freund nach West-Berlin. Dieses Nomadisieren zwischen den Systemen hat der Journalist und Schriftsteller Helmut Höge in einem Beitrag für seinen taz-blog 2009 beschrieben, als ein gelegentliches Gefühl von Sehnsucht von Migranten nach der Heimat, nach Rückkehr in ein Land, in das man nicht zurückkehren darf oder kann. Und genauso haben viele Westlinke nach der Wende empfunden. „Mit der DDR verschwand das Land ihrer Kindheit, mithin ihre Heimat.“ sagt Höge und meint damit nicht nur eine geistige sondern durchaus eine real existierende.

Das Stück im Theater unterm Dach schließt mit Zitaten aus Schernikaus Rede auf dem Schriftsteller-Kongress der DDR 1990, und da steht nicht nur der Spruch von der Konterrevolution im Vordergrund, sondern auch: „Wir werden uns wieder mit den ganz uninteressanten Fragen auseinander zusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?“

Ich weiß nicht, wie der Umgang mit Schernikau in Leipzig stattgefunden hat. Aus den Berichten auf nachtkritik.de, kann man zumindest erfahren, dass es unabhängig von der Qualität, sicher eine ähnliche Herangehensweise war und etwas weniger gewollte Provokation, sondern etwas mehr Unaufgeregtheit weiter bringt, wie in Berlin auch geschehen. Es wurde in leichter, spielerischer Weise ein junger widersprüchlicher Mensch mit echten Utopien vorgestellt, der nicht nur geredet, sondern auch gehandelt hat, und es sind somit Fragen aufgeworfen, die durchaus des Nachdenkens wert sind.

Den Leipzigern bleibt, diesen Unterschied festzustellen, im September im LOFFT und dann wohl wieder ab Oktober in Berlin.

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