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Letzte Endspiele von Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE – Einige Abschiede an Berliner Theatern (Teil 2)

Dienstag, Dezember 6th, 2016

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„Heute gibt’s nur Achtel.“ – Herbert Fritsch inszeniert für seinen Abschied von der Volksbühne noch mal ein Stückchen sinnbefreiten aber perfekten PFUSCH.

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann; Foto: © LSD/Lenore Blievernicht

Gestaltung: © LSD/Leonard Neumann; Foto: © LSD/Lenore Blievernicht

Mit der Ansage des designierten Berliner Kultursenators Klaus Lederer, die Berufung von Chris Dercon noch einmal zu überprüfen, ist in der letzten Woche der Streit um die Neubesetzung der Intendanz an der Volksbühne in eine neue Runde gegangen. Ungeachtet dessen feiert man im Großen Haus ein Abschiedsfest nach dem anderen. Herbert Fritsch, der nun mit seinem Abgesang Pfusch dran war, empfand sich laut einem Interview, das er der Berliner Morgenpost gegeben hat, an der Volksbühne als Einzelgänger, der hier keine Freundschaften geschlossen habe. Und wie man ihn zur Personalie Dercon verstehen kann, scheint er auch seinen Frieden mit dem Wechsel gemacht zu haben. „Der Senat muss zu seiner Entscheidung stehen, […] So ist es halt. Einige mögen ihn, andere nicht. Mal sehen. Vielleicht funktioniert es.“ Auch dass er kein politisches Theater mache, hat Herbert Fritsch noch mal explizit betont. „… was die auf der politischen Bühne an Komik produzieren, das bekäme niemand im Theater hin.“ Ein klares Statement für einen, der sich selbst auch nur als „Fratzenschneider“ bezeichnet. Und mit seiner neuen Inszenierung dreht er allen nochmal eine Nase.

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Das erwartungsfrohe Publikum, das sich in der Volksbühne versammelt hat, schaut am Anfang minutenlang in die Röhre, besser auf eine lange Röhre, aus der langsam nacheinander das 13köpfige Fritsch-Ensemble steigt. Zunächst noch recht schüchtern in den Saal grinsend, wirft man sich aber bald in Pose. Gekleidet sind alle, ob Mann oder Frau, in bunte Chiffonkleidchen mit Schleifchen und Rüschen. Aufdüpierte Perücken, Mädchenzöpfe und grell geschminkte Gesichter lassen die wilden 13 wie eine Truppe schlechter Schauspieler auf Halloweentour aussehen. Was dann folgt ist aber nicht etwa der angekündigte Pfusch, sondern eine etwa 45minütige Dreiklang-Kakophonie. Ein Konzert an 10 aus dem Orchestergraben hochfahrenden Klavieren, begleitet von irrem Lachen, Schreien und Grimassieren. „Heut gibt’s nur Achtel.“ sagt da einer aus dem Ensemble – „und ordentlich was auf die Ohren“, möchte man hinzufügen. Einfach phänomenal.

Das ist nochmal von jeglicher Sinnhaft und sonstiger Verwertbarkeit befreite Kunst. Ein Dada-Best-Of der letzten Fritsch-Jahre. Unterbrochen wird dieses wilde Spiel nur hin und wieder durch etwas Akrobatisches an der über die Bühne walzenden Röhre oder einem irrwitzigen Nonsens-Plausch, erzeugt mit Mixerstäben in quietschenden Plastikbechern. Doch Spielleiter und Dirigent Ingo Günther in dominantem Rot und hochgestecktem Divenhaar befiehlt die Meute immer wieder zurück an die Instrumente und zum nächsten Satz, dem rhythmisches Stampfen und der kollektive Ausruf „Schön!“ folgen. Das Anti-Credo des Abends, das auch in großen Kreidelettern an die Röhre steht.

 

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Fritsch PFUSCHt nochmal an der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Das erinnert an den Ausspruch eines bekannten spanischen Musikclowns, der schon allein das Besteigen eines Stuhls zur Messe machte. Was nun die in hautfarbene Badeanzüge und Badekappen gewandeten Fritsch-Clowns anstellen, um ein mit Mühe an einen Swimmingpool in der Mitte der Bühne angebrachtes Sprungbrett zu erklettern, verfehlt an Slapsticklaune nicht seine Wirkung. Den offensichtlichen Pfusch am Bau bekommt vor allem der große Mime Wolfram Koch („Ich war schon Don Carlos, du Arschloch.“) zu spüren. Man nimmt sich hier gern selbst auf die Schippe, springt kopfüber in den mit blauen Styroporwürfeln gefüllten Pool und gefriert mit den Beinen nach oben zur Lachsäule. Minimalistische Ha-Ha-Arien, Rhönradfahren in der Röhre und Trampolinspringen im Pool, Fritsch lässt keinen Spaß aus, den er nicht schon mal gemacht hätte. Der Meister des perfekt inszenierten Pfuschs bleibt sich erwartbar treu und doch selbst noch in dieser Redundanz einzigartig.

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Herbert Fritsch wechselt in der nächsten Spielzeit vom Haus am Rosa-Luxemburg-Platz mit dem markanten Logo „Ost“ auf dem Dach zur Schaubühne am Lehniner Platz. Zeit für ihn und seine Leute nun leise am Bühnenrand „Tschüss“ zu sagen. Auf ein Neues im alten Westen am Kurfürstendamm. Der Eiserne Vorhang schließt sich hier für sie endgültig unter lautem Getöse. Nach uns die Sintflut, oder (wie Frank Castorf sagen würde) eine Badeanstalt.

Die Inszenierung ist zum 54. Theatertreffen in Berlin eingeladen.

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PFUSCH (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 26.11.2016)
Regie und Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Torsten König
Musik: Ingo Günther
Ton: Jörg Wilkendorf
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Mit: Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Ingo Günther, Wolfram Koch, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Varia Sjöström, Stefan Staudinger, Komi Mizrajim Togbonou, Axel Wandtke und Hubert Wild
Uraufführung war am 24. November 2016
Weitere Termine: 30. 11. / 9., 26., 31. 12. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 27.11.2016 auf Kultura-Extra.

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„It must be finished!“ – Robert Wilson zelebriert sein perfektes Endspiel am Berliner Ensemble

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Ebenso wie Herbert Fritsch an der Volksbühne packt Robert Wilson nach 17 Jahren (vorher hatte er auch schon bei Zadek und Müller inszeniert) zum Ende der Intendanz Claus Peymann am Berliner Ensemble seinen Koffer. Er wird Berlin in Richtung Düsseldorf verlassen, wo er im Mai 2017 E.T.A. Hoffmanns düstere Erzählung Der Sandmann für den neuen Schauspielhaus-Intendanten Wilfried Schulz inszeniert. Gut kalkulierter Pfusch wie eben noch bei Fritsch ist aber Wilson Sache nicht. Der Meister der perfekten Inszenierung von Licht, Raum und Bewegung gibt zum Ende am BE schnell noch Becketts Endspiel, einen Klassiker des existentialistischen Theaters.

Aber auch das ist wohlkalkuliert. Samuel Beckett überlässt in seinen Dramen ja auch nichts dem Zufall. Geradewegs und unaufhaltsam streben seine Protagonisten ihrem scheinbar unabänderlichen Schicksal zu. Will heißen: Endzeitstimmung am BE. Und Wilson lässt für noch einmal 90 Minuten Wilson-Theater die Zeit still stehen, obwohl ein großer Wecker den Countdown zählt. Das Ende ist nah. Oder: „Es geht vielleicht zu Ende“, wie es bei Beckett heißt. Ein Fünkchen Hoffnung bleibt immer, auch wenn es die Zeit des Leidens nur verlängert. Daher: „It must be nearly finished!” So schallt es jedenfalls minutenlang von der Bühne in ständigem Wechsel von Schwarzblende und Licht, in dem Becketts Endspielpaar (Hamm im schwarz verhüllten Rollstuhl und Clov ebenso schwarz daneben) wie eingefroren wirkt. Ein Gruselkabinett auf dem Jahrmarkt des Lebens.

Das ist ein starker Beginn, der, wenn auch bereits auf alle bekannten Theatermittel Wilsons verweisend, doch für BE-Verhältnisse fast schon sensationell modern wirkt. Danach folgt allerdings auch das Übliche, was Wilson-Inszenierungen ausmacht: grell weiß geschminkte Gesichter, perfekt choreografierte Bewegungen, wohltemperierte Sounduntermalung und -getimte Lichtwechsel. Und doch passt alles bestens zueinander, als müsste das Ende der Welt genau so und nicht anders aussehen.

 

Georgios Tsivanoglou und Martin Schneider in Becketts Endspiel am Berliner Ensemble - Foto (c) Lovis Ostenrik

Georgios Tsivanoglou und Martin Schneider in Becketts Endspiel am Berliner Ensemble – Foto (c) Lovis Ostenrik

 

Martin Schneider als Hamm putzt quietschend die dunklen Brillengläser, pfeift nach seinem Diener Clov und verlangt nach seinem Beruhigungsmittel. Georgios Tsivanoglou als Clov watschelt in Clownsschuhen wie Chaplin, schiebt seinen verhassten Herrn ins Licht, gegen die Wand und wieder zurück auf Los – will gehen, oder Hamm morden, und schafft es doch nicht, weil er den Schlüssel zur Speisekammer nicht hat. Ein Paar, das bis zum Ende auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert ist.

Ein bisschen Abwechslung ins Einerlei der Verrichtungen bringt das unterleibslose Erzeugerpaar Hamms. Bei Beckett in Mülltonnen steckend, schauen hier die weiß geschminkten Köpfe von Nell und Nagg aus runden Löchern im Bühnenboden, aus denen sie auf Geheiß auftauchen, oder in die sie unter Druck wieder verschwinden. Traute Hoess und Jürgen Holtz machen aus diesen kurzen Auftauchern großes Theater zum Lachen und Weinen. Nell singt ein Lied von einer vergangenen, gemeinsamen Bootsfahrt auf dem Comer See, Nagg verrenkt sich nach einem Kuss von ihr, spricht von früher und scheitert grandios beim Erzählen eines Witzes vom missglückten Schneidern einer Hose. Hier werden selbst das Lutschen eines Zwiebacks und das Erbetteln einer Praline zum großen Endspiel der Worte.

Dagegen wirkt das Spiel der beiden eigentlichen Sparringspartner doch recht erwartbar und fast putzig. Das Clowneske im hermetischen Drinnen parodiert die Angst vor dem möglichen/unmöglichen Draußen. Ein Scherenschnitt eines Hundes, eine vorbeihuschende Ratte, Ein Fernglas und ein Slapstick mit einer Miniaturleiter an der Rampe sind in ihrer Bildhaftigkeit nur nette existentialistische Taschenspielertricks für Wilsons perfekte Bühnenwelt. Einmal noch startet der Meister ganz großes Kino. Dann senkt sich ein Lamellenvorhang wie ein Gitter vor die Szene und eine Neonleiste fährt lange bedrohlich von oben nach unten. Dahinter rattert Hamm im Sprechgesang seine Phrasen vom nahen Ende. Auf einer Videoprojektion auf Gaze brechen Eisberge zusammen.

 

Endspielapplaus am BE - Foto: St. B.

Endspielapplaus am BE – Foto: St. B.

 

Danach wackelt man weiter bedächtig dem Ende zu. Die Welt ist schlecht eingerichtet, und deshalb schlägt Glove sich den Kopf am Türsturz zur Küche. „Nichts ist komischer als das Unglück.“ Es fehlt nur noch der große, rote Pfeil von oben. In diesem Running Gag sind sich Sinnverweigerer Fritsch und Wilson, der Bebilderer von Becketts Bedeutungsverneinung noch am nächsten. Und trotz allem: “It’s finished”. Glov starrt mit gepacktem Koffer ins Publikum. May be, or not to be. This is Wilson’s End(game).

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Endspiel (BE, 03.12.2016)
von Samuel Beckett
Deutsche Übersetzung von Elmar Tophoven
Regie, Bühne, Lichtkonzept: Robert Wilson
Kostüme: Jacques Reynaud
Musik: Hans Peter Kuhn
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Dramaturgie: Anika Bárdos
Mitarbeit Bühne: Serge von Arx
Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
Mitarbeit Musik: Hans-Jörn Brandenburg
Licht: Ulrich Eh
Videoprojektionen: Tomek Jeziorski
Mit: Martin Schneider (Hamm), Georgios Tsivanoglou (Clov), Traute Hoess (Nell), Jürgen Holtz (Nagg)
Premiere war am 03.12.2016 im Berliner Ensemble
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Termine: 23., 25.12.2016 / 05., 06.01.2017

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

Theaterabschiede Teil 1: Christoph Marthaler an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

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Warten auf Godot – Im Deutschen Theater zelebrieren Samuel Finzi und Wolfram Koch Samuel Becketts absurdes Lebensdrama um ein großes alles verschluckendes Zeitloch.

Mittwoch, Oktober 1st, 2014

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„Nichts zu machen.“ Der Sinn will sich partout nicht erschließen. Seit über sechzig Jahren warten sie nun schon. Wladimir und Estragon, zwei abgerissene Clochards, des Lebens überdrüssig, mit nichts als einem kahlen Baum, an den sich zu hängen, die eine Option wäre, und die andere eine zwanghafte Hoffnung, dass da doch noch was käme, was sie Godot nennen und eine Erlösung aus dieser Situation verspräche, sie aber auch in höchste Angst versetzt. Der irische Dramatiker Samuel Beckett hat diese beiden Clowns zumindest mit etwas Wortwitz ausgestattet, auf dass sie sich beim Warten nicht allzu sehr langweilen. Die Zeit, die auch immer das in Anspruch nähme, zu vertreiben, ist nun die Aufgabe eines jeden Regisseurs, will er sich nicht in philosophischen Untiefen verlieren und das Publikum damit einschläfern. Klamauk ist da zumeist die Rettung. Humor ist wenn man trotzdem lacht, auch wenn das Dasein einem mitunter sinnlos erscheint.

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Das Deutsche Theater Berlin - Foto: St. Bock

Das Deutsche Theater Berlin – Foto: St. Bock

Langes Warten steigert bekanntlich das Verlangen. Und so ist es natürlich auch am Deutschen Theater, das uns lange auf die Folter gespannt hat. Die lange angekündigte Berlin-Premiere der Inszenierung von Warten auf Godot, bereits im Januar bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen herausgekommen, musste wegen einer Verletzung von Wolfram Koch beim Surfen im Urlaub ganze vier Wochen verschoben werden. Nun steht er doch am Sonntagabend als Estragon auf der Bühne des DT und zelebriert gemeinsam mit Schauspielpartner Samuel Finzi (Wladimir) in Andenken an Dimiter Gotscheff, der die Idee zu dieser Inszenierung nicht mehr selber umsetzen konnte, das Warten vor allem am Theater auch eine Kunst sein kann. Um die Vergänglichkeit von Zeit zu demonstrieren und ihr ein deutliches Bild zu geben, hat Bühnenbildner Mark Lammert die Bühnenschräge mit einem trichterförmigen Loch ausgestattet, das dem zeitlich wie örtlich unzureichend definierten Geschehen einen Raum gibt.

Es ist nach der nicht anwesenden Person des Godot, die zweite, nun sichtbare Unwägbarkeit, in die sich trefflich hineininterpretieren lässt. Ein Untiefe mit einem Sog, mindestens so groß, wie die Frage nach dem Wer oder Was, Warum oder Wohin und vor allem Wann. Ein großes Nichts, dass die Figuren ausspuckt und in das sie irgendwann wieder verschwinden werden. Das unendliche Universum, Gebärmutter und Grab, ein schwarzes Loch, das alle Zeit und Materie verschluckt. Zunächst zeigt uns Regisseur Ivan Panteleev anschaulich das Vergehen von Zeit, indem das Tuch, mit dem die Bühne bedeckt ist, langsam in dem Schlund des Trichters verschwindet. Ein Zeitstrudel, die Öffnung eines Stundenglases, durch das der Sand des Lebens rinnt. Ein besseres Vanitas-Symbol könnte es auf einer Bühne nicht geben.

Wolfram Koch, Christian Grashof, Andreas Döhler und Samuel Finzi in Warten auf Godot bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen - Foto (C) Arno Declair | Bildquelle: ruhrfestspiele.de

Wolfram Koch, Christian Grashof, Andreas Döhler und Samuel Finzi in Warten auf Godot bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen –
Foto (C) Arno Declair | Bildquelle: ruhrfestspiele.de

Keine Landstraße, kein Baum, keine ablenkenden Requisiten. Panteleev verzichtet auf alles, was Beckett noch heilig war. Nur ein Scheinwerfer an einem Mast, der die Bühne fahl ausleuchtet, wie eine Laterne, Baumersatz und Mond, in dessen Licht die beiden schicksalhaft verbundenen Tramps sehnsüchtigen schauen können. Alles andere ist ihnen genommen, die Rüben, wie die zu engen Schuhe Estragons und der Gürtel, der zum Aufhängen nicht taugt. Die Hoffnung bleibt und das Geschick der beiden Schauspieler, diesen ganz auf sich geworfenen Figuren Leben einzuhauchen. Und diese Chance ergreifen Koch und Finzi ein ums andere Mal.

Der Eiserne Vorhang klingelt und fährt geräuschvoll zu Beginn und Ende jedes der beiden Akte rauf und runter. Dazwischen heißt es spielen um die nackte Existenz. Im ersten Akt wird noch der Anschein gewahrt, es lohne sich das Warten, indem man mit etwas Philosophie die Zeit totschlägt und ein paar religiöse Themen abhandelt, wie etwa die Frage, warum nur einer der beiden Schächer erlöst wurde und nur einer der vier Evangelisten überhaupt davon berichtet. Die Sehnsucht Wladimirs nach der eigenen Erlösung wird durch das Desinteresse Estragons, den seine Schuhe mehr plagen als die Frage nach Gott und lieber nach gelben Rüben sucht, irgendwann ad absurdum geführt. Die beiden streiten wie ein altes Ehepaar, in dem Finzi den Part des Mitteilungsbedürftigen gibt und Koch nicht zuhören will und damit nur die Angst der eigenen Person überspielt.

Zu ihnen stoßen dann erwartungsgemäß als große Ablenkung vom eigenen Schicksal Pozzo und Lucky, gespielt von DT-Altstar Christian Grashof und Andreas Döhler, der als Lucky mal keine Koffer schleppen muss, sondern sich mit einem riesigen orangenen Tuch beschäftigt, das er immer wieder zusammenrafft, geduldig faltet, dabei hinstürzt und wieder von vorn beginnt. Grashof ist der vornehme Herr in Vollendung. Das Schurigeln der armen Kreatur Lucky ist ihm sichtliches Bedürfnis wie auch Last gleichermaßen. Ein ebenso schicksalhaft aneinander gekettetes Paar, auch ohne Strick. Ihnen fehlen gleichfalls sämtliche Requisiten wie Peitsche, Stuhl oder Hut. Lucky macht auf Befehl Yogaübungen und denkt laut. Seinen abstrusen Man-weiß-nicht-warum-Monolog blafft Döhler von der Rampe direkt ins Publikum. Er muss auch noch wortkarg den Jungen geben, der nach jedem Akt die Nachricht vom Nichtkommen Godots bringt, auf Fragen von einem Mann mit weißen Bart berichtet und dann auf den nächsten Tag vertröstet.

Warten auf Godot. Premierenbeifall für Wolfram Koch und Samuel Finzi am DT - Foto: St. B.

Warten auf Godot. Premierenbeifall für Wolfram Koch und Samuel Finzi am DT – Foto: St. B.

Als er weg ist, geht die Warteschleife von vorne los. Während Wladimir im zweiten Akt langsam verzweifelnd den Kanon vom Hund, der in Küche kam krächzt, um gegen die Einsamkeit anzusingen, nagt Estragon an seinem Knochen, den es nicht gibt, geht, schläft und vergisst Zeit, Tag und Grund ihres Tuns. Es ist eine Art Endlos-Pantomime, ein Pingpong der Worte und imaginären Gegenstände, wie der nichtvorhandene Hut Luckys, den sich die Finzi und Koch als Zeitvertreib immer wieder zuwerfen, mal wie Tennisspieler schlagen und dazu mit den Fingern schnippen. So imitieren sie auch ein Schachspiel ohne Brett und Figuren. Ein Slapstick jagt den nächsten, ein Kalauer den anderen. Dem Loch werden Didi und Gogo dennoch nicht entkommen, auch wenn sie sich gegenseitig umarmen, festhalten und mit den Jacken zusammenknöpfen. Immer mehr ähneln sie dem sich quälenden anderen Paar, das sie bereits imitieren. Der Abgrund ist nahe, aber sie haben zumindest sich und eine vage Ahnung von etwas anderem, was da noch sein könnte. Und auch das ist Theater. „Also? Wir gehen?“ / „Gehen wir!“ – usw., usf. … Großer Beifall und Bravorufe für die Akteure des kunstvollen Nichts.

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Warten auf Godot
von Samuel Beckett
Deutsch von Elmar Tophoven
Eine Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen mit dem Deutschen Theater Berlin
(Premiere vom 28. September 2014)
Regie: Ivan Panteleev, Bühne und Kostüme: Mark Lammert, Mitarbeit Bühne: Ulrich Belaschk, Mitarbeit Kostüme: Karin Rosemann, Licht: Robert Grauel, Sound-Design: Martin Person, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Andreas Döhler, Samuel Finzi, Christian Grashof, Wolfram Koch.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Infos:
www.ruhrfestspiele.de
www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 30.09.2014 auf Kultura-Extra.

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