Archive for the ‘Sarah Kane’ Category

Auf düsteres Live-Hörspiel folgt unterkühltes Lustspiel – „4.48 Psychose“ von Sarah Kane und „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist am Deutschen Schauspielhaus Hamburg

Donnerstag, März 30th, 2017

___

4.48 Psychose – Aus Sarah Kanes letztem Theaterstück macht Katie Mitchell im Malersaal am Deutschen Schauspielhaus Hamburg eine Art düsteres Live-Hörspiel mit Julia Wieninger als Text repetierende Dauerläuferin

4.48 Psychose im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Foto (c) Stephen Cummiskey

4.48 Psychose ist das letzte Stück der britischen Dramatikerin Sarah Kane, die sich 1999 nach einer Zeit schwerster Depressionen mit 28 Jahren das Leben nahm. Nach der Uraufführung im Jahr 2000 am Londoner Royal Court Theatre erlebte das Stück in Deutschland einen regelrechten Aufführungsboom. An der Berliner Schaubühne wurde es im Rahmen der Aufführung von Kanes Gesamtwerk 2001 recht erfolgreich von Falk Richter inszeniert. Nochmals zu Ehren kam 4.48 Psychose 2012 in der zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Münchner Inszenierung von Johan Simons. Nun bringt also Regisseurin Katie Mitchell den dramatisierten Psychoseverlaufsbericht ihrer Landsmännin Sarah Kane auf die kleine Bühne des Malersaals am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

In 4.48 Psychose beschreibt die Autorin ziemlich eindrucksvoll den Verlauf einer akuten Depression. Jeden Morgen um 4 Uhr 48 wacht eine nicht näher bestimmte Person auf und reflektiert nahezu unbeeinflusst der Wirkung von Psychopharmaka relativ nüchtern ihren depressiven Geisteszustand. Der Text besteht ohne direkte Rollenzuschreibungen aus Selbstgesprächen, imaginären Dialogen und dem Abspulen von undefinierten Zahlenreihen. Wutausbrüche, Selbstbezichtigungen, Gewalt- und Selbstmordphantasien wechseln mit poetischen Innenansichten, Liebessehnsüchten und Verwünschungen. Es sind nicht erhörte Hilferufe an eine Gesellschaft der Anpassung, in der man sozial funktionieren muss. Daraus einen zusammenhängenden Theaterabend zu gestalten ist immer wieder künstlerische Herausforderung und Drama zugleich.

Die meisten Regisseure haben die Stimmen des Stücks auf verschiedene DarstellerInnen verteilt. Nicht so Katie Mitchell. Sie geht die Sache in gewohnt stark ästhetisierten Form an. So baut Mitchell der Schauspielerin Julia Wieninger einen einstündigen Soloabend, sperrt sie dabei allerdings in ein relativ starres Regiekorsett. Zunächst sieht man auf das schwarze Innere eines leuchtend umrandeten Bühnenkastens. Es sind nur Geräusche wie klackende Schritte auf Treppen, die ins Freie führen, Straßenlärm und vorbeifahrende Autos zu hören. Ein rein akustisches Live-Hörspiel, wenn sich nicht irgendwann die Silhouette von Julia Wieninger aus dem Dunkel schälen würde. In einen Mantel gekleidet, tritt sie wie auf einem Laufband auf der Stelle und spricht dabei den Text von Sarah Kane.

 

4.48 Psychose im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Foto (c) Stephen Cummiskey

 

Hin und wieder hält die nervöse Frau inne, telefoniert mit ihrem Psychiater oder spricht ihm enttäuscht auf den AB. Viel mehr Spiel ist nicht. Atmosphärisch wird das Dauerdunkel durch angedeutete Lichter vorbeifahrender Autos, Tanzmusik aus Lokalen an der Straße oder einen dräuenden Horrorfilmsound unterstützt. Irgendwann fängt es auch noch an zu regnen. Wieninger zieht die Kapuze des Mantels hoch und gibt weiter die rastlos Getriebene auf ihrem angekündigten Weg in den Selbstmord. Mögliche Varianten werden nicht nur im Text genannt, sondern auch akustisch durch quietschende Autobremsen, Bahnhofsgeräusche und den Gang ans Ufer eines imaginären Flusses angedeutet.

Es ist ein einsamer Weg durch den frühen Morgen. „Um 4 Uhr 48, wenn die Klarheit vorbeischaut für eine Stunde und zwölf Minuten bin ich ganz bei Vernunft. Kaum ist das vorbei, werd ich wieder verloren sein, eine zerstückelte Puppe, ein absurder Trottel.“ Dieser Text geht einem wie immer an die Nieren. Kane gibt hier ihr persönlichstes Inneres preis. Sie ringt nicht nur mit der wachsenden Psychose, sondern mit der Auflösung ihrer gesamten Persönlichkeit, dem Verlust der Seele. Auch Julia Wieninger vermag recht eindrucksvoll den Wechsel von Wut und Panikattacken, verzweifelten Selbstgesprächen und hilfesuchenden Ansprachen an den Arzt, der ihr nur beruhigende Floskeln entgegensetzt, zu vermitteln. Die Stimme (Paul Herwig) im Kopf der Protagonistin wird aus dem Off eingespielt. Allerdings kann das Setting nicht über eine gewisse Künstlichkeit hinwegtäuschen.

Katie Mitchel setzt hier konsequent das Prinzip ihrer Ophelia-Inszenierung an der Berliner Schaubühne fort. Das Trauma liegt in der Wiederholung. „Wem ich nie begegnete, das bin ich, sie mit dem Gesicht eingenäht in den Saum meines Bewusstseins.“ heißt es sehr poetisch in Sarah Kanes Stück. Diese verstörende Poesie geht in Mitchells starrem Aufführungskonzept fast verloren. So verloren, wie sich die Autorin wohl selbst gefühlt haben mag. Was bleibt, ist trotz aller Virtuosität der Darstellerin lediglich ein Bild des Schmerzes mit betont dramatisch-akustischer Begleitmelodie. Sarah Kanes „Rhythmus des Wahnsinns“ wirkt hier wie ein kunstvoll präparierter Anamnesebericht.

***

4.48 Psychose (MalerSaal, 24.03.2017)
von Sarah Kane
Deutsch von Durs Grünbein
Regie: Katie Mitchell, Bühne: Alex Eales, Kostüme: Clarissa Freiberg, Sound: Donato Wharton, Licht: Jack Knowles, Dramaturgie: Christian Tschirner
Es spielt: Julia Wieninger
Premiere war am 24.03.2017 im MalerSaal des Deutschen Schauspielhauses Hamburg
Termine: 27., 28., 30., 31.03.2017

Infos: http://www.schauspielhaus.de/de

Zuerst erschienen am 25.03.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Der zerbrochene Krug – Michael Thalheimer inszeniert Kleists Lustspiel am Deutschen Schauspielhaus Hamburg eher gediegen und etwas unterkühlt

Der zerbrochene Krug am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Foto (c) Matthias Horn

Heinrich von Kleist behandelt in seinem wohl etwas zu Unrecht vor allem als Lustspiel bezeichneten Theaterstück Der zerbrochene Krug gleichsam menschliche wie gesellschaftliche Fehler und Schwächen. Ein doppelter Sündenfall wird hier beim Gerichtstag im kleinen niederländischen Dorf Huisum verhandelt. Der lüsterne und betrügerische Dorfrichter Adam sitzt über eine Tat zu Gericht, die er selbst begangen hat. Sein Opfer ist nicht nur der zerbrochene Krug der Frau Marthe Rull, sondern auch deren Tochter Eve, die aus Angst um ihren Verlobten Ruprecht zur Wahrheit schweigt. Richter Adam hat sich ihr in der Nacht mit unsittlicher Absicht genähert. Als Vorwand dient ihm ein Attest, das Ruprecht vor dem Einzug zur Armee und der Verschiffung nach Ostindien bewahren soll.

Wollust, Lüge, Erpressung, Misstrauen und Missgunst sind die Sünden, die nicht nur Adam, sondern fast alle anderen Figuren des Stücks auf sich geladen haben. Eigentlich ist nur die schweigsame Eve unschuldig. Nicht sie, sondern Richter Adam ist der Verführer und wird dafür letzten Endes aus seinem kleinen Paradies und Amt und Würden vertrieben. Ausschlag gibt das Eintreffen des Gerichtsrats Walter aus Utrecht, der die Gerichtsbarkeit auf dem platten Lande revisionieren soll und dabei in ein Wespennest aus Korruption und Lüge sticht. Die Kunst des Stücks ist, dass sich Adam noch lange mit der Verdrehung der Wahrheit und Beugung des Rechts zum Vergnügen des Publikums behaupten kann. Die außergewöhnliche Sprache Kleists tat ihr Übriges zum großen Erfolg des Stücks.

Kleists Leiden an der Welt, sein Schmerz an der Gesellschaft ist es, was den Regisseur Michael Thalheimer an dessen Lustspiel interessiert hat. Nach einer langjährigen Verbindung mit dem Thalia Theater ist Der Zerbrochene Krug nun seine erste Arbeit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Mit einer Auflösung des Falls hin zum Guten hat Thalheimer dabei aber weniger im Sinn. Da steckt natürlich auch die ganz große Tragödie drin, die der Regisseur versucht, aus dem süffigen Stoff zu destillieren. Schon der Auftritt des nackten, am ganzen Körper zerschundenen Carlo Ljubek als Dorfrichter Adam zu dräuenden Streicherakkorden von Bert Wrede ist ein Anblick für die Götter. Ein Schmerzensmann besteigt seinen Richterthron, einen Ledersessel in einem von zwei gewohnt klaustrophobischen Kastenräumen, die Olaf Altmann auf die Bühne des Schauspielhauses gebaut hat.

 

Der zerbrochene Krug am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto (c) Matthias Horn

 

Es gibt ein Oben und ein Unten in diesem Bühnenbild. Unten sitzen die schuldigen Menschlein im niedrigen Kasten, der sie gebückt zu ihren Stühlen gehen lässt. Oben sitzt der unangreifbare Adam mit seinem Schreiber Licht (Christoph Luser), der selbst gerne auf des Richters Sessel säße und die Verbindung zwischen oben und unten hält. Bei dessen Straucheln, für das Richter Adam selbst doch nichts als Füße braucht, hilft er am Ende etwas nach. Dazwischen wird auch bei Michael Thalheimer etwas Komödie gespielt, aber doch ziemlich unterkühlt. Selbst der äußerst komische Auftritt von Frau Marthe (Anja Laïs) mit der Beschreibung des Corpus Delicti und der Chronologie seiner vorherigen Besitzer ist hier nicht viel mehr als eine sich in die Länge ziehende skurrile Geschichtsstunde.

Thalheimer hält sich nicht lang auf mit Komik und Amüsement. Er zeigt Unwissenheit, dumpfe Aggression und Gewalttätigkeit auf der einen, moralische Unverschämtheit und Standesdünkel auf der anderen Seite. Ein hierarchisches System der Unterdrückung und Ungerechtigkeit, dessen Funktionsweise von oben nach unten weitergereicht wird. Der Gerichtsrat (von oben herab: Markus John) maßregelt den sich windenden Richter, der verwirrt und manipuliert die Klägerin, den Beklagten und die Zeugen. Diese misstrauen und beschuldigen einander. Marthe Rull geifert, Vater Tümpel (Aljoscha Stadelmann) schlägt seinen unbotmäßigen Sohn Ruprecht (Paul Behren), der bezichtigt seine Verlobte Eve, das schwächste Glied in der Kette, der Hurerei. Zeugin Frau Brigitte (Ute Hannig) komplettiert das Bild der unaufgeklärten Dummheit auf den unteren Plätzen.

Josefine Israel als Eve steht nach der ungerechten Verurteilung Ruprechts schließlich ziemlich allein an der Rampe und bringt die ganze Wahrheit ans Licht. Der Kastenbau, in dem der von Gerichtsrat Walter bereits abgesetzte Adam immer noch weiß eingepudert in seinem Sessel verharrt, fährt langsam nach hinten. Walter biegt das Mädchen und die unangenehme Wendung des Falls mit einem Säckchen Geld wieder hin. Das ist kurz und schlüssig die Botschaft, die Thalheimer aus Kleists Stück extrahiert. Ein wissendes oder gar befreiendes Lachen gönnt er dem Publikum dabei nicht. So auf die reine Erkenntnis des moralischen Übels, der Beugung der Wahrheit und des Rechts reduziert, verliert das Stück aber auch etwas seinen klassischen hintersinnigen Humor. „Ein jeder trägt den Stein des Anstoßes in sich selbst.“ Die frühe Pointe des maladen Richters ist nach bravem, 90minütigem Text-Exerzitiums am Ende längst vergessen. Thalheimer hat Ähnliches schon mit dem französischen Komödiendichter Molière an der Schaubühne praktiziert. Was da noch grotesk ins Lächerliche gezogen wirkte, gefriert hier zu sauber inszeniertem, fast schon gediegenem Kunsthandwerk.

***

Der zerbrochne Krug (SchauSpielHaus, 25.03.2017)
von Heinrich von Kleist
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Michaela Barth, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Jörg Bochow, Licht: Annette ter Meulen, Holger Stellwag
Mit: Paul Behren, Ute Hannig, Josefine Israel, Markus John, Anja Laïs, Carlo Ljubek, Christoph Luser, Aljoscha Stadelmann
Premiere war am 25.03.2017 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Dauer: 1 Stunden 40 Minuten, keine Pause
Termine: 29.03. / 08., 11., 18.04.2017

Infos: http://www.schauspielhaus.de/de

Zuerst erschienen am 27. März 2017 auf Kultura-Extra.

__________

Theatertreffen 2012 – Der Reigen der 10 bemerkenswertesten deutschsprachigen Inszenierungen wurde durch einen bemerkenswert zwiespältigen Abend mit Sarah Kanes Stücken „Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose“ eröffnet. Das fabelhafte Ensemble der Münchner Kammerspiele unter Intendant Johan Simons zu Gast in Berlin

Sonntag, Mai 6th, 2012

Die Zweitklassigkeit ist fürs erste abgewehrt. Bei dieser Feststellung geht es aber nicht etwa um die Berliner Theater, sondern um den Berliner Traditions-Bundesligisten Hertha BSC. Die hochbezahlten Fußballstars haben sich am Samstag in die Relegationsspiele gerettet. Vor dem Aus gerettet ist wohl nun auch das Gripstheater, das eher unterfinanzierte Traditionshaus unter den Berliner Jugendtheatern. Es soll ab der neuen Saison 100.000,- € mehr Zuschüsse bekommen. Dafür stehen die angehenden Schauspielstars der Schauspielschule Ernst Busch bald im Abseits. Das neue Haus in Mitte scheint so unerreichbar wie die Champions League für die Hertha. Lautstark machten deshalb die Schauspielstudenten vor den Türen der Berliner Festspiele auf ihre Situation aufmerksam. In einem virtuos einstudierten Chor skandierten sie dabei ununterbrochen: „Bitte, bitte, bitte! … Baut unser Haus in Mitte!“ 

Foto: St. B. theatertreffen-2012-1.jpg
Liegt der Nachwuchs im Kampf ums eigene neue Haus schon am Boden? Derweil stehen im Haus der Berliner Festspiele die Stars auf der frisch renovierten Bühne.

Link zur Online-Petition für den Neubau der HfS in Mitte

Was sollen nur die ganzen Fußballvergleiche in einem Bericht über die Eröffnung des Theatertreffens 2012? Dass fragen Sie besser den Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der am Freitag in seiner Eröffnungsrede die Besucherzahlen der deutschen Theaterhäuser mit denen in den Fußballstadien der Bundesliga verglich. Nun ist dieser Vergleich ja nicht ganz abwegig. Jede noch so kleine Stadt, die etwas auf sich hält, besitzt mindestens einen Fußballklub und nebenbei oft auch noch ein mehr oder weniger gut besuchtes Stadttheater. Fußball gehört eben auch zur deutschen Kultur, wie Goethe, Schiller oder Shakespeare. Und wo die Stadien nur einmal die Woche zu Brot und Spielen laden, muss im kleineren Stadttheater nebenan der Lappen doch meist jeden Abend hochgehen. Fast an ein kleines Wunder grenzt dabei Neumanns Feststellung, dass mehr Menschen in die Theater strömen als in die Stadien der Bundesliga. Kostendeckend arbeiten die Häuser trotzdem in den seltensten Fällen. Von Schließung bedroht sind, trotz fehlender Bundesligakonkurrenz, viele der kleineren Häuser besonders in der Provinz. Thomas Oberender, der neue Intendant der Berliner Festspiele, betonte dies auch in seiner kleinen Grußansprache und gewährte vor dem Staatsminister Neumann sogar einem Vertreter der protestierenden Schauspielstudenten das Wort. Ob es von den zuständigen Stadtvätern erhört wird, bleibt fragwürdig und auch die Beteuerung Neumanns, dass alle Theater gebraucht würden, gleicht eher einem Lippenbekenntnis, da der Staatsminister kaum in die Belange der Länder und Kommunen eingreifen dürfte. Seine Erkenntnis, dass die vielgestaltige deutsche Theaterlandschaft „eigentlich ein Fall für das immaterielle UNESCO-Welterbe“ sei, delegiert das Problem auch nur in noch weiter entfernte, imaginäre Entscheidungskompetenzen.

Um derlei immateriellen Wundern beizuwohnen, strömen nun wieder zwei Wochen lang die Theaterverrückten nicht nur aus Berlin herbei und strafen so BE-Intendant Claus Peymann Lügen, der in einem Interview mit der BZ gefordert hatte: „Schafft doch endlich das Theatertreffen ab!“ Trotzdem er sogar eine Todesstoßdrohung ausgesprochen hat, wird er wie immer selbst im Publikum sitzen und die fehlende Großväter-Generation gegen den in seinen Augen pubertierenden Regieneuling Herbert Fritsch verteidigen. Über fehlende Vielfalt dürfte er sich aber kaum beklagen können. Das Motto dieses Jahrgangs ist, dass es kein Motto gibt. Es ist zwar mit Shakespeares, Goethe, Ibsen und Tschechow eine Tendenz zum Altbewährten zu erkennen, die Regiehandschriften sind aber mit Karin Henkel, Johan Simons, Nicolas Stemann, René Pollesch, Alvis Hermanis und Herbert Fritsch so unterschiedlich wie kaum zuvor. Ein Neuzugang zur bekannten Riege ist auch zu verzeichnen und ist mit Lukas Langhoff nicht etwa nur ein weiterer Castorf-Apologet. Auf seine Bonner Ibsen-Inszenierung „Der Volksfeind“ kann man durchaus gespannt sein. Neben Berlin, Wien, München und Hamburg mit den traditionellen Genres der Tragödie und Komödie gibt es Zeitgenössisches, politisch Dokumentarisches sowie Experimentelles aus der sogenannten freie Szene. Die vermeintlich kleinen Theater und Off-Szene sind immerhin im Verhältnis 4 zu 6 vertreten. Dem Treffen da Zeitgeistanbiederung vorzuwerfen, zeugt von wenig Weitblick und Souveränität, da sind sich FAZ und Claus Peymann leider sehr nah. Langeweile wird sich wohl allen Unkenrufen zum Trotz kaum breit machen und die Wahl der zu vergebenden Preise dürfte der Jury diesmal besonders schwer fallen. Der Berliner Theaterpreis ging gestern schon an die „stets spröde und bezaubernde“ Volksbühnendiva Sophie Rois, die auch in Herbert Fritschs „(s)panischer Fliege“ zu sehen ist. Herzlichen Glückwunsch.

***

„Es gab eine Nacht, in der alles sich mir offenbarte.
Wie kann ich je wieder reden?“
Sarah Kane aus „4.48 Psychose“

mk.jpg  Die Münchner Kammerspiele sind gleich zweimal beim Theatertreffen 2012 vertreten. – Foto: St. B.

Kommen wir nun zur Eröffnungsinszenierung. Neben der Volksbühne Berlin sind auch die Münchner Kammerspiele dieses Jahr zweimal vertreten. Das grandiose Ensemble, dass seit zwei Jahren unter der Leitung von Intendant und Regisseur Johan Simons spielt, hat mittlerweile ein zehnjähriges Abo auf die Teilnahme beim Theatertreffen. Auch Johan Simons ist in Berlin kein Unbekannter mehr. Dreimal war er in den letzten 9 Jahren zum Theatertreffen eingeladen und 2011 mit dem Stück „Winterreise“ von Elfriede Jelinek, das auch den Mülheimer Dramatikerpreis erhielt, bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater zu sehen. Mit den drei Stücken „Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose“ der britischen Dramatikerin Sarah Kane, die mit 28 Jahren infolge von Depressionen Selbstmord beging, hat sich Simons eine harten Brocken ausgewählt. In Berlin sind noch die Inszenierungen von Thomas Ostermeier (Gier, 2000), Falk Richter (4.48 Psychose, 2001) und Benedict Andrews (Gesäubert, 2004) an der Schaubühne in bester Erinnerung. Die Schaubühne hatte eine zeitlang alle fünf Stücke Kanes im Programm. Die Gewalt, emotionale Distanz und Verzweifelung der Texte wurde an der Schaubühne durchweg sehr kalt, künstlich und im wahrsten Sinne des Wortes clean inszeniert. Ostermeier stellte in „Gier“ die Unfähigkeit der Protagonisten miteinander zu kommunizieren so dar, dass jeder für sich auf einem Plexiglassockel sitzend die Texte monologisierte. Eine sehr starke Umsetzung hinter der die anderen Inszenierungen leider qualitativ zurückblieben.

In Gesäubert steht jeder Regisseur vor der Frage, wie er die unglaubliche Brutalität in den Regieanweisungen umsetzen soll. Andrews entschied sich damals für schwarze Tinte in einem großen Wasserbecken. Der geschundene Körper stieg daraus geradezu gereinigt empor. Ganz ohne Farbe und abgeschnittene Gliedmaßen kommt Johan Simons in seiner Inszenierung aus. Er lässt seine Darsteller eine Art schwarzhumoriges Kinderspiel absolvieren. Der Schrecken der Worte wird so leider banalisiert. Sylvana Krappatsch, 2004 noch in Falk Richters Inszenierung von „4.48 Psychose“ zu sehen, als Grace und Thomas Schmauser als Analphabet Robin machen hier noch die beste Figur. Ihnen allein nimmt man den Umschwung von kindlicher Naivität in emotionalen Ernst ab. Alle anderen bleiben unter den Erwartungen. Anette Paulmann als Sadist Tinker ist hier eher wie ein gekränkter Bub, dem man sein Spielzeug weggenommen hat und der nun im Überschwang das Spielzeug, oder eben in Wahrheit die Liebe der anderen zerstört. Seine Arztspiele mit dem schwulen Paar Carl und Rod (Stefan Merki und Stefan Hunstein) wirken dabei eher unfreiwillig komisch. Sandra Hüller gibt die Frau in der Peepshow als leicht debiles Mädchen, dass sich für Steine vor Tinker produziert. Schwer nachzuvollziehen wie sich hier eine emotionale Abhängigkeit entwickelt, die selbst Tinkers krankhaft sadistische Beziehungsunfähigkeit aufzuweichen vermag. Die Protagonisten wirken die meiste Zeit apathisch und wie abwesend, der Tod kommt hier nicht etwa shokheaded sondern ganz beiläufig.

simons.jpg Foto: St. B.
Theatertreffenchefin Yvonne Büdenhölzer überreicht Johan Simons nach der Aufführung die Teilnahmeurkunde. Daneben die Schauspieler Sandra Hüller, Stefan Hunstein und Sylvana Krappatsch.

Auch im zweiten Teil bleibt Simons uneindeutig. „Gier“ führt er nicht als Verzweiflungsmonolog von emotionalen Krüppeln und Egoshootern auf, sondern als muntere Paartherapiesitzung. C, M, B und A heißen die von Sarah Kane nicht näher beschriebenen Figuren, die von Machtfantasien, unerfüllter Liebe und emotionalen Sehnsüchten bis hin zum Todeswunsch getrieben sind. Sandra Hüller, Sylvana Krappatsch, Marc Benjamin und Stefan Hunstein sitzen dabei locker auf Stühlen und werfen sich die Dialoge wie bei einem Gesellschaftsspiel auf einer langweiligen Party zu. Das ist durchaus virtuos und schauspielerisch gekonnt, aber der Text rauscht dabei ziemlich uninspiriert an einem vorbei. Nach der Pause folgt dann das Finale mit Sarah Kanes vielleicht persönlichstem Stück. In „4.48 Psychose“ beschreibt sie ziemlich eindrucksvoll den Verlauf einer akuten Depression. Jeden Morgen um 4.48 Uhr wacht die Protagonistin auf und reflektiert relativ unbeeinflusst von Medikamenten ziemlich nüchtern ihren Zustand. Johan Simons ist hier die Idee eines Kammerkonzerts gekommen und so stellt ein kleines Orchester mit Klavier und Streichern auf die Bühne. Den Takt gibt das virtuose Spiel von Thomas Schmauser vor. Er sitzt vor einem Notenständer und performt den Text zur anfänglich sehr pathetischen Kammermusik wie ein verletzter Künstler. Zunächst sehr larmoyant bekommt seine Stimme immer mehr Ausdruckskraft, wobei die Musik langsam in den Hintergrund tritt. Zunächst als imaginärer Gegenpart fungiert Sandra Hüller, die aber schließlich mit Schmausers Rolle verschmilzt. Die Kombination ist erstaunlich und lässt zum ersten Mal an diesem Abend den schweren Text von Sarah Kane leuchten. Hier macht auch endlich das Bühnenbild mit den Rampenlichtern und den großen zylindrischen Leuchten, die bis in den Zuschauerraum reichen, Sinn. Und so wird aus Sandra Hüllers traurigem „… bitte öffnet den Vorhang“ am Ende von „4.48 Psychose“ doch noch eine wundervolle Verheißung.

„Wem ich nie begegnete, das bin ich, sie mit dem Gesicht eingenäht in den Saum meines Bewusstseins.“ Sarah Kane aus „4.48 Psychose“

wird fortgesetzt

__________