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Wahnsinn! Der Sprung in der Schüssel – neue Choreografien zur Deutschen Einheit und zu anderen Neurosen in Berlin

Freitag, April 15th, 2011

„Wahnsinn!“, dieser Ausruf der überwältigten Menge, ob der plötzlichen Öffnung der Mauer am 9.November 1989, ist wohl auch der am meisten zitierte, zeigt er doch am eindrücklichsten die Fassungslosigkeit der Menschen in der DDR, die nach 40 Jahren Sprachlosigkeit urplötzlich die eigene Sprache wiederfinden mussten. Nach fast 20 Jahren Deutscher Einheit und immer noch meilenweit von ihr entfernt, war das dem Bundestag 2007 einen Beschluss zur Errichtung eines Einheitsdenkmals auf dem Schlossplatz in Berlin wert, der nach unrühmlichem ersten Durchgang 2009 nach weiteren 2 Jahren nun nach erneutem Wettbewerb mit einer Entscheidung für die interaktive Skulptur der szenischen Designer Milla & Partner aus Stuttgart und der in der Theaterszene allseits bekannten Choreografin Sasha Waltz „Bürger in Bewegung“ nun endlich zu einem Ergebnis geführt hat. Was weiterhin kontrovers diskutiert wird und auch berechtigter Weise diskutiert werden sollte.
Ich meine damit aber nicht, dass dieser Entwurf etwa völlig indiskutabel wäre, wie der etwas zynisch anmutende Vorschlag einfach eine vergoldete Banane auf den Kaiser-Wilhelm-Sockel auf dem Schlossplatz zu stellen, sondern kritisiere eher die naive Vorstellung, überhaupt mit einem Denkmal auf dieses Ereignis hinweisen zu müssen. Als wenn es der monumentalen Erinnerungsstütze wirklich bedürfte, dass da etwas im Leben der Menschen in Ost und West passiert ist, das für die meisten die wohl umfangreichsten und denkwürdigsten Veränderungen in ihrem Leben bedeutet hat. Jeder wird diesem Tag anders gedenken, soviel ist sicher, ein vereinheitlichter Gedenkstein wird daran nichts ändern können, genau wie die Einheitspartei im Osten nicht den Traum des Volkes nach individueller Freiheit auf Dauer unterdrücken konnte.
Nun ist es also ein Schüssel geworden, die von der Seite, böswillig betrachtet, immer noch einer Banane ähnelt, aber doch eher eine Wippe oder Schaukel darstellt. Wer oder was damit verschaukelt werden soll, das ist hier die große Frage, die den gesamtdeutschen Steuerzahler aber auch nicht weiter bewegen wird, oder den gemeinen Touristen, der eh mit dem deutschen Slogan „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“ nicht viel anfangen kann, oder mit den ebenfalls geplanten Zitaten aus dem Widerstand von 1988/89, die sich gleich Stolpersteinen, wie sie für den flanierenden Hans-Guck-in-die-Luft überall auf den Wegen der Stadt verstreut sind, auf der Oberfläche der Schüssel befinden werden. Dabei ist noch nicht mal geklärt, was diese Sprüche im Einzelnen für Inhalte haben werden. Der Szenograf Johannes Milla will dazu mit den Initiatoren der Bürgerbewegung ins Gespräch kommen. Er setzt weiterhin auf eine schnelle Inbesitznahme der Skulptur durch die Bevölkerung, die sich „durch persönliches Erleben“ davon überzeugen und somit wie schon bei anderen strittigen Denkmälern (Holocaustmahnmal) die Kontroverse beenden wird. Das Stuttgarter Büro mit einem Kundenkreis von Mercedes über Siemens bis zu E.ON hat bereits Erfahrungen mit ähnlichen interaktiven Aktionen. Im Rahmen der EXPO 2010 in Shanghai entwickelten sie eine Kugel mit 3 Meter Durchmesser und 1,2 Tonnen Gewicht für den Deutschen Pavillon (ballancity), die durch lautes Rufen des Publikums bewegt werden konnte, bei der erforderlichen Intensität zu kreisen begann und letztendlich zum Strahlen gebracht wurde.
Ganz so Popevent-mäßig wird es auf dem Schlossplatz nicht zugehen. Es müssen mindesten 50 Personen die Seite wechseln, um nur eine leichtes Schaukeln der Schüssel zu erreichen. Ob das unbedingt leiser vonstatten gehen wird als in Shanghai, wird man ja dann sehen und auch hören. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt, den damaligen „Wahnsinn“-Rufen sind. Demokratie erfahrbar gemacht, das komplizierte Aushandeln von Kompromissen, um die „Waagschale“ der Einheit nicht zum Kippen in die eine oder andere Richtung zu bringen. Das politische Spiel, das sich tagtäglich mitunter lautstark im Bundestag erleben lässt, als Ausdruck von Machtspielen, die eigentlich hinter verschlossenen Türen ihre finalen Fortsetzungen finden. Die öffentliche Abstimmung verkommt damit nur noch zur Pose einer Vorgaukelung von demokratischer Willensbildung. So wird mit der geplanten Skulptur etwas spielerisch suggeriert, was in seiner Konsequenz das Volk mehr als einmal mit unverständlichen Entscheidungen konfrontiert hat, die radikal einschneidende Auswirkungen auf ihr Leben bedeuten können, wie z.B. Hartz IV oder die Rücknahme des Atomausstiegs.
Sasha Waltz, die mit ihren erfolgreichen Choreografien bisher immer hart am Menschen und seinem „Körper“ arbeitete, hat in der letzten Zeit eher Räume erkundet und damit auch immer mehr „Dialoge“ mit eigentlich toter Substanz geführt. Für Waltz steht ein Mensch im Zentrum ihrer Kunst, der sich in seiner Beziehung zu den ihn umgebenden überstarken, anonymen Räumen und einer feindlichen Umgebung behaupten muss. Das führte gerade in ihrem letzten Werk „Continu” zu einigen Verstörungen beim Publikum, ob der trost- und ausweglosen Situationen ihrer Protagonisten. Das Stück erschien etwas zu fatalistisch, war aber durchaus künstlerisch stark akzentuiert. Mit dieser Einheitsskulptur verlässt Waltz nun entgültig den Boden ernstzunehmender Kunst, zu Gunsten eines fragwürdigen Mitmachspaßes.
Die Choreografin verteidigt nun ihre Idee als „soziale Plastik“. Das Volk ist gezwungen, zum eigentlichen Gelingen des Konzepts beizutragen und soll somit Bestandteil der Skulptur werden. Jeder könne durch kreative Hingabe zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und sie mitgestalten, sagt Waltz. Ein hehres Ziel, gegen das im Prinzip nichts einzuwenden wäre, ob dafür eine 10 Millionen Euro teure vergoldete Einheitsschaukel Anregungen liefern kann, darf aber zu Recht bezweifelt werden. Der leere Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals als Zeichen der von oben erzwungen Einheit von 1871, kann Bühne genug für Menschen sein, die sich in eigener Kreativität das Terrain erobern, um sich letztendlich selbst auf den Sockel zu heben und zum bewegten Bürgermahl zu werden. Diesen starken Raum sinnvoll zu bespielen, hätte für Sasha Waltz ein Denkanstoß sein können, nicht ein weiteres wenn auch wackeliges Monument, wie diese Schüssel voller Einheitsbrei.

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Modell des gemeinsamen Entwurfs der Choreographin Sasha Waltz und der Stuttgarter Szenografen Milla & Partner für das in Berlin geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal.

Gegen die ganze Schwere dieses Mahnmals gesamtdeutscher Befindlichkeit nimmt sich das neue Stück „Berlin Elsewhere“ der argentinischen Choreografin Constanza Macras und ihrer Truppe Dorky Park in der Berliner Schaubühne regelrecht leichtgewichtig aus, was aber nicht mit Belanglosigkeit gleichzusetzen ist. Es ist eher die wunderbare Losgelöstheit ihrer Tänzer von früheren Kraftanstrengungen, wie sie noch in „Megalopolis“ die Bühne beherrschten. Das macht diesen Abend so wunderbar locker und leicht, dass es einige Zuschauer bei der Premiere am Mittwoch nach dem Ende selbst nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.
Es geht wieder um Menschen in großen Metropolen, wobei hier am Anfang auf der Videowand erst mal erklärt wird „Dies ist kein Stück über Berlin.“ Der globale Moloch Großstadt, als Bild für Einsamkeit, Verlorenheit und Gewalt, das war noch in „Megalopolis“ das große Thema, nun geht es um den Wahnsinn, der dadurch im Menschen ausgelöst wird, in all seinen Arten und Darstellungsformen. Und wie das die Tänzer darstellen, ist unbedingt sehenswert. Zu Beginn bewegen sich die Tänzer vor der Kulisse von Schaumstoffhochhäusern noch gemeinsam zu verstörenden Choreografien, bis immer wieder einzelne hervortreten und ihr Geschichte erzählen. Wort und Tanz bilden bei Macras immer eine Einheit. Der Sound wird diesmal von zwei Frauen gemacht, Kristina Lösche-Löwensen und Almut Lustig bedienen kraftvoll das Schlagzeug, virtuos die Violine und andere erstaunliche Saiteninstrumente. Es geht dabei rockig und auch mal klassisch zur Sache.
Die Geschichten der Tänzer handeln von Ausgrenzung, Anderssein, Verständigungsschwierigkeiten in einer globalen, multilingualen Welt, aber auch von ganz banalen Zivilisationsneurosen, wie Ökoglauben, Gesundheits- und Konsumwahn. Tipps zur gesunden Ernährung stehen neben Tipps zum richtigen Kotzen für Frauen. Der brasilianische Tänzer Ronni Maciel erzählt von seiner Jugend in einer Favela bei Rio de Janeiro. Immer zu weiß für die anderen im Ghetto und zu schwarz für die weiße Gesellschaft. Um nicht schwul zu werden, musste er immer im Badewasser seines Vaters, einem Bauarbeiter baden, geholfen hat es nicht, sagt er und hebt dann im weißen Catsuite zu klassischer Ballettmusik ab. Eine besonders gelungene Szene stellt mit viel Ironie eine herrlich labelverrückten Städterin dar, die ihre von einigen Tänzern dargestellten Designsofas, die Markenstehlampe, Couchtisch und sogar ein Klo umarmt, die Möbel laufen ihr schließlich davon, um in einer gemeinsames Session „Smells like Teen Spirit“ von Nirvana zu spielen.
Die Tänzer verfallen in wahre Besessenheitsattacken und werfen sich als lauter Egoshooter in eine Orgie auf einer aufblasbaren Riesenhüpfburg, sie karikieren den Unsinn von Einwanderungstests, der Gespaltenheit zwischen ethnischer Herkunft und Staatszugehörigkeit oder dem Integrationszwang. Eine japanische Tänzerin wird als Gartenzwerg dekoriert. Das zerfasert in seiner Vielfalt etwas zum Ende hin, weniger wäre hier oft mehr. Macras versucht das Gezeigte auch immer wieder mit philosophischen Statements zu unterfüttern, der Foucaultzitate z.B. hätte es aber sicher nicht zwingend bedurft. Keine Ahnung, ob Constanza Macras irgendwas vergessen hat, ich mit Sicherheit, aber es blühen halt auch viele Neurosen im Dunkeln. Letztendlich macht sie uns aber klar, dass man alle Probleme gemeinsam überwinden kann. Ob schwul sein, fremd sein oder neurotisch sein, der alltägliche Wahn ist nicht das eigentliche Problem, sondern die fehlende Akzeptanz des anderen. Das alles wirkt in seiner ganzen Vielfalt sicher etwas überladen, Langeweile kommt aber trotzdem nie auf. Mit 1 ¾ Stunden ist der Abend  recht kurz und auch immer kurzweilig. Ihn dennoch in all seinen Facetten zu beschreiben, würde zu weit führen und ihm nicht im geringsten gerecht werden. Also selbst hingehen, gucken, staunen und abheben!

Sasha Waltz mit „Continu“ und Isabelle Huppert mit „Un Tramway“ bei der „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele

Mittwoch, November 24th, 2010

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Sasha Waltz eröffnete am 11.11.10 mit „Continu die „Spielzeit Europa““

Nachdem „Continu“ schon im Juni zu den Züricher Festspielen zu sehen war, kam Sasha Waltz nun zur Eröffnung der „Spielzeit Europa“ mit ihrem neuen Tanzstück zur Berlin-Premiere. Eine Fortführung ihrer Museumsbespielungen sollte es sein. Waltz spricht vom Kreislauf von Leben und Sterben in der Natur, Begierde und Verlangen in zwischenmenschlichen Beziehungen, vom zu weit gehen und starken Frauenfiguren. Sie hat dazu einen zweigeteilten Abend eingerichtet.
In Berlin nun hat Sasha Waltz die Abfolge der beiden Teile des Abends geändert. Sie beginnt mit dem meiner Meinung nach schwächeren weißen Teil, bis auf den sehr körperlichen Solopart am Anfang, der einen Tänzer ihrer Gruppe in fast artistischen Verrenkungen zeigt und das Ausloten des Existentiellen ihrer Aussage gut verkörpert. Danach gibt es Gruppenformationen auf einer weißen Papierfläche. Aus der Gruppe heraus bilden sich immer wieder Paare, die diese Spielfläche und den Raum erkunden und sogar die Wände hochgehen. Irgendwann wird das Papier in Spiralen beschrieben, dann lehrt sich Bühne immer mehr und die Papierbahn wird über die verbliebenden Tänzer geschlagen. Danach ist Pause.

Wahrscheinlich wirkte das aber irgendwie angeklebt in der ersten Version, denn der zweite schwarze Teil ist wesentlich kräftiger und auch sehr düster und bedrohlich. Die Choreografie hat etwas Archaisches, fast Diktatorisches, wenn zur gewaltigen Musik von Edgar Varèses „Arcana“ die Einzelnen aus der Gruppe Ausbrechenden immer wieder eingesogen werden und die Gruppe sich duckt und in Wellen durch den Raum gleitet. Als wenn es da etwas Überirdisches gäbe, an das die Tänzer gekoppelt sind, wie die drei Figuren die wie Marionetten an langen Fäden von der Decke hängen. Alles in allem ist das sehr klassisch von der Choreografie bis zu den Kostümen und der Musik. Es war eine durchaus beeindruckender Abend, aber irgendetwas fehlte, eine Linie, ein klares Konzept. Die minutenlange symbolische Exekution der Tänzer zum Schluss entlässt einen doch etwas ratlos. Ein Überlebender und der Schütze fliehen aus dem Saal, die Türen zu schlagend, ohne Möglichkeit einer Erlösung. Dadurch verliert nicht nur der erste Teil seine Kraft.

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Der Klempner von der Champs-Élysées – „Un Tramway“ mit Isabelle Huppert in einer Inszenierung von Krzysztof Warlikowski nach „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams in einer Bearbeitung von Wajdi Mouawad

In Krzysztof Warlikowski Version von Tennessee Williams „A Streetcar Named Desire” hält die Straßenbahn Sehnsucht an der Champs-Élysées in Paris. Er hat für die Inszenierung am Théâtre de l’Odéon den Kinostar Isabelle Huppert gewinnen können. Zu Beginn sitzt sie auf einem langen Laufsteg der die Bühne quert und drückt gequält erste Worte aus ihrem vollen Mund. Eine schon von Anfang an zerstörte Person die in Warlikowskis Bearbeitung des Williams-Stücks ein Opfer von sexuellen Obsessionen der Männer ist. Unbewusst erinnert man sich an die vielen Darstellerinnen die man im Lauf der Zeit auf deutschen Bühnen in der Rolle der Blanche DuBois sehen konnte. Zum Beispiel Susanne Lothar, Emanuela von Frankenberg, Maren Eggert oder erst letztens Jule Böwe an der Berliner Schaubühne und Wiebke Puls an den Münchner Kammerspielen. Nicht zu vergessen natürlich Silvia Rieger in Frank Castorfs „Endstation Amerika“ an der Berliner Volksbühne. Diese Rolle ist immer eine Herausforderung für eine Schauspielerin emotional an ihre Grenzen zu gehen. In Castorfs Stück-Zertrümmerung ist Blanche ein Opfer eines rohen Unterschichtenmachos. Die Vergewaltigung erfolgte in einem riesigen Lotterbett, das sich mit der Bühne heben und senken konnte.

Nicht so bei Warlikowski, seine Bühne ist fast aseptisch rein. Eine langgezogene Sanitärzelle, hinter Glaswänden zeigt den geliebten Rückzugsort von Blanche, darunter verlaufen Bowlingbahnen, die auch mal von Stan und Mitch benutzt werden. Die Wohnungseinrichtung besteht wieder aus einem Bett und einer modernen großen Couchgarnitur mit Tisch, der polnische Klempner hat sich einen gewissen kleinen Wohlstand erarbeitet. Obwohl Warlikowski den Stücknamen auch ändern musste, bleibt die Geschichte doch erkennbar, an Castorf erinnern nur die Videos und die Länge. Unter 2,5 Stunden macht es auch Warlikowski nie. Wer sein über 4-stündiges Opferdrama (A)pollonia gesehen hat, konnte wissen, was ihn erwartet. Auch in „Un Tramway“ fügt Warlikowski mehrere Werkzitate anderer Autoren ein und unterbricht das Spiel immer wieder mit Gesangseinlagen der großartigen Sängerin Renate Jett, die auch die Nachbarin Eunice spielt.

Castorf hatte einen weiteren Star, den Stan des begnadeten Henry Hübchen. Bei Warlikowski ist die Inszenierung ganz auf Isabelle Huppert zugeschnitten, wie eine abgehalfterte Diva im Glitzerfummel stöckelt sie über die Bühne und trinkt Stan, gespielt von Andrzey Chyra, den Kognak weg. Sie zieht alle Register ihres Könnens, erst abwertend tritt sie dem Polaken gegenüber, dann kindlich losgelöst tanzt sie zu einer rockigen Version des Pulp-Hits „Common People“, der tapsige Mitch des Yann Collet ist ihr nicht gewachsen und braucht auch mal Boxhandschuhe zur Gegenwehr. Erst langsam wird ihre letzte Hoffnung von der Intrige Stans zerstört. Andrzey Chyra spielt den Stan als kalten, berechnenden Chauvi, kein ungebildeter Prolet, seine Gewaltausbrüche finden hinter der Bowlingbahn statt, wo er Stella, treuherzig dargestellt von Florence Thomassin, schlägt oder Blanche schließlich vergewaltigt.

Die Frau im Geschlechterkampf zwischen Suche nach Selbstbestimmung und Unterlegenheit, so wie in den Zwischenstücken von Oscar Wilds „Salome“ oder in dem klagenden Chanson von Eric Carmen „All By Myself“, immer wieder dargebracht von Renate Jett. Sehr passend auch die Geschichte der Kugelmenschen aus Platons „Symposion“, dort vorgetragen vom Komödiendichter Aristophanes zu Ehren des Gottes Eros. Die einst vereinten Geschlechter wurden von Zeus geteilt und irren nun umher mit der Sehnsucht, sich mit ihrem verlorenen Teil wieder zu vereinen. Zum Finale gibt es eine Popversion von Monteverdis „Combattimento di Tancredi e Clorinda”, die Kreuzfahrersaga über den ungleichen Kampf zwischen dem christlichen Ritter Tancredi und der muslimischen Prinzessin Clorinda mit dem Text des italienischen Renaissancedichters Torquato Tasso, in dem Tancredi seine Geliebte unwissend aus Versehen tötet. Blanche ist hier dann auch zwangsläufig unterlegen und dem Wahnsinn anheim gegeben, ein Opfer ihrer unstillbaren Sehnsucht und sexueller Begierden nicht wie bei Williams eines der Unterschiede der Klassen und des Niedergangs der Kultur durch Neid und Gier. Warlikowskis überfrachtet seine wie immer bildgewaltig Inszenierung mit zu viel Bedeutung. Das wurde dann auch mit einigen Buhs aus dem Publikum quittiert, viel Beifall gab es aber für Isabelle Huppert und ihre grandiose Darstellung der Blanche.