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The Dark Ages von Milo Rau beim FIND #16 in der Berliner Schaubühne

Mittwoch, April 20th, 2016

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The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages am Residenztheater München – Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages heißt der zweite Teil der Europa-Trilogie des Schweizer Recherchetheatermachers Milo Rau. Der Abend hatte vor einem Jahr am Residenztheater in München Premiere und war nun beim 16. FIND-Festival in der Berliner Schaubühne zu sehen. Wie schon im ersten Teil The Civil Wars (der 2015 ebenfalls zu FIND gastierte) geht es um den Mechanismus des Erinnerns aus der ganz persönlichen Sicht von Schauspielern und Betroffenen zu einem bestimmten Thema europäischer Geschichte. Ein Theaterabend, der wieder tief in persönliche Geschichten eintaucht und sehr nachdenklich stimmt.

Bühnenbild und szenischer Aufbau sind ganz ähnlich dem beim Züricher Theater Spektakel 2014 uraufgeführten Stück, in dem es um die Entstehung von Extremismus in der bürgerlichen Gesellschaft ging. Wir schauen zunächst auf ein historisches Bild einer antiken Bühnenempore, die sich dreht und das Bild auf den Nachbau des NGO-Büros des bosnischen Menschenrechtsaktivisten Sudbin Musić freigibt. In der als Fünfakter angelegten Inszenierung The Dark Ages erzählen die fünf beteiligten DarstellerInnen, während sie sich mit einer Videokamera gegenseitig filmen, über ihre Erlebnisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. den Balkan-Kriegen in den 1990er Jahren. Nach dem eher aktiv spielerischen Rechercheprojekt Common Ground von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater eine ganz andere Art der Vergangenheitsbewältigung.

Viele Familienmitglieder, Freunde und Bekannte aus dem Dorf von Sudbin Musić wurden während des Bosnienkrieges von serbischen Freischärlern umgebracht. Musić selbst überlebte ein serbisches KZ, öffnet heute Massengräber und spricht mit den Hinterbliebenen. „Im Identifizieren sind wir Bosnier weltführend“, sagt er. Für ihn ist der Krieg nicht vorbei, bevor es Gerechtigkeit für die Opfer gibt. Daran zu erinnern, in einer Welt, die schnell vergisst, ist sein Lebensinhalt. Musić zeigt ein Video einer Hochzeitsgesellschaft, spricht vom Tag, als der frühere Serbenführer Radovan Karadzic nicht vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal erschien, weil er es nicht anerkennt und zählt die noch Verbliebenen aus seinem Dorf auf. Er fühlt sich dabei tatsächlich wie der letzte der Mohikaner.

Vedrana Seksan blieb während der serbischen Belagerung Sarajevos mit der Mutter und dem jüngeren Bruder in der Stadt. In der Kälte des Winters, ohne Kohle, oder Brot; und in der Gefahr vor Scharfschützen und Granatenbeschuss ging es immer ums tägliche Überleben. Vedrana leistete schon früh ihren Beitrag als 16jährige TV-Moderatorin und beschämte sogar den damaligen Uno-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali auf einer Silvesterparty mit unbequemen Fragen.

 

The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages am Residenztheater München
Foto (c) Thomas Dashuber

 

Auch die serbische Schauspielerin Sanja Mitrović war Teenager während des Ausbruchs des Krieges. Sie erinnert sich daran, wie plötzlich Bücher von kroatischen Schriftstellern aus dem Unterricht verschwanden und die Eltern ihr das Spielen mit Kindern anderer Nationalitäten verboten. Trotzdem empfindet sie selbst die Zeit des späteren Nato-Bombardements 1999 als die beste Zeit ihres Lebens. Vor allem an die Aufbruchsstimmung nach dem Fall der Milošević-Regierung erinnert sie sich gern. Heute sind die meisten Bekannten im Ausland. Sie selbst spielt nun Theater in Belgien.

Mehr oder weniger gerahmt wird das Ganze durch die an Theaterdramen erinnernde Aktüberschriften „Die Schutzflehenden“, „Die dunkle Zeit“, „Versuch über das Böse“, „Die Lebenden und die Toten“ und „Schöne neue Welt“ sowie die extra für die Produktion komponierte Musik der bekannten slowenischen Rockband Laibach. Sanja und Vedrana berichten gleichermaßen enthusiastisch über Konzertbesuche in Belgrad und Sarajewo nach dem Krieg. Die Musik der Band, die immer wieder Themen und Symbole des Totalitarismus ironisch benutzt und überhöht, hat gerade für die Menschen in den Ländern Ex-Jugoslawiens eine ganz besondere Bedeutung.

Ergänzt werden die Berichte der drei direkt Betroffenen von Erzählungen zweier Ensemblemitglieder des Münchner Residenztheaters. Manfred Zapatka berichtet von den letzten Kriegswochen, in denen er und seine Mutter in Bremen zweimal ausgebombt wurden. Er spricht von seiner schweren Nachkriegskindheit und der sehr engen Beziehung zu seinen Eltern bis zu deren Tod, der noch zusätzlich durch eine Erbstreitigkeit mit dem Bruder überschattet wurde.

Das sich wie ein roter Faden durch den Abend ziehende Thema ist auch eines der persönlichen Verluste. Das wird vor allem in den Berichten der Schauspielerin Valery Tscheplanowa deutlich, die nach der Trennung der Eltern mit ihrer Mutter aus dem russischen Kasan nach Deutschland kam, es anfänglich recht schwer hatte und wenig sprach. Eine Eigenschaft, die sie auch in ihren Schauspielberuf einbrachte, was sich auch in der Arbeit mit Regisseur Dimiter Gotscheff niedergeschlagen hat. Sie erzählt von der gemeinsamen Inszenierung von Heiner Müllers Hamletmaschine, die sie lange am Deutschen Theater Berlin spielten. Und selbst noch kurz nach dem Tod des Regisseurs war sie damit in Kuba, wo Gotscheff als Videoprojektion eingespielt wurde.

Teure Tote im Video sieht man öfter an dieser Aufführung, und trotzdem ist das in erster Linie kein sentimentaler, eher ein nachdenklich stimmender Abend über die Kraft der Erinnerung, wofür auch das Theater einen Beitrag leisten kann. So sprechen dann auch Valery Tscheplanowa und Sudbin Musić, der ähnlich wie Hamlet den Schädel seines exhumierten Vaters in Händen halten musste, Texte aus der Hamletmaschine Heiner Müllers, dem Meister der geschichtlichen Totenbeschwörung. „Each Man kills the Thing he loves“ singt die Band Laibach. Ein Jeanne-Moreau-Cover nach The Ballad of Reading Gaol von Oscar Wilde. Ob das die letzte Erklärung für das Böse in der Welt ist, bleibt fraglich.

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(c) Schaubühne

(c) Schaubühne

THE DARK AGES 
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Musik: Laibach
Licht: Uwe Grünewald
Video: Marc Stephan
Dramaturgie: Sebastian Huber und Stefan Bläske
Mit: Valery Tscheplanowa, Manfred Zapatka, Sanja Mitrović, Vedrana Seksan und Sudbin Musić
Uraufführung im Residenztheater München war am 11. April 2015
Gastspiel beim FIND #16 an der Schaubühne am Lehniner Platz, 16.04.2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.residenztheater.de/

Zuerst erschienen am 18.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Armin Petras adaptiert Frank Witzels BRD-Roman für die Berliner Schaubühne

Samstag, April 16th, 2016

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Schon der Titel ist Ungetüm und Zumutung, das über 800 Seiten starke Buch Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 von Frank Witzel erst recht. Für seinen Roman über einen dreizehneinhalbjähiger Teenager und seine Sicht auf die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse des Sommers 1969 in der alten Bundesrepublik bekam Witzel 2015 den Deutschen Buchpreis. Zwar ist die RAF immer wieder Thema von Büchern und Filmen, jedoch hat es etwas gedauert, bis die Aufarbeitung der bundesdeutschen Nachkriegszeit so richtig in Gang gekommen ist. Regisseur Armin Petras und Dramaturgin Maja Zade sicherten sich mangels eines entsprechenden Theaterstücks schon rechtzeitig die Bühnenrechte an Witzels Roman. Die Uraufführung ihrer Romanbearbeitung feierte nun an der Berliner Schaubühne im Rahmen des FIND #16 ihre Premiere.

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Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 - Foto (C) Thomas Aurin

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Foto (c) Thomas Aurin

Über die Geschichte der untergangenen DDR wurden schon einige Romane geschrieben und für die Bühne bearbeitetet. Auch Armin Petras hat hier Beiträge geleistet, wie etwa eine Adaption des Buchpreis-Romans Der Turm von Uwe Tellkamp für das Staatsschauspiel Dresden, oder von Christa Wolfs Roman Der geteilte Himmel für die Schaubühne Berlin. An den Theatern Gera, Magdeburg und Potsdam gab es kürzlich Bearbeitungen von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso. Ob und warum es tatsächlich kaum Dramen zur Geschichtsaufarbeitung von BRD und DDR gibt, lässt sich sicher nicht abschließend klären. Jedoch wäre Armin Petras‘ Autoren-Alter-Ego Fritz Kater dazu sicher auch in der Lage. So kann man sein Stück zeit zu lieben zeit zu sterben durchaus als ein ostdeutsches Pendant zu Witzels Roman lesen. Zumindest dürfte dem Regisseur Armin Petras der wilde, ausufernde Erzählstil von Frank Witzel sehr liegen.

Zunächst fällt aber vor allem das Bühnenbild von Katrin Brack auf, das aus vielen kleinen Kinder- und großen Erwachsenen-Schaufensterpuppen besteht, die im Stil der 1960er und 70er Jahre gekleidet sind. Neben der angedeuteten Kleinstadt-Familienkonstellation sicher auch ein Verweis auf den Frankfurter Kaufhausbrand aus den frühen Jahren der RAF. Im Programmheft ist die Rechtfertigung Warenhausbrandstiftung der damals noch nicht aktiv beteiligten Journalistin Ulrike Meinhof abgedruckt, und in der Inszenierung spricht Jule Böwe Passagen daraus. Meinhofs Text Aktenzeichen XY – aufgelöst – ebenfalls im Programmheft abgedruckt – ist auch so ein Verweis auf die politischen und gesellschaftlichen Zustände der alten Bundesrepublik.

Frank Witzel beruft sich in seinem Roman auf Symbole und „Narrative der Bundesrepublik“ wie Marken und Produkte oder das kultische Sehen von Fernsehsendungen. Schon die Eingangssequenz einer Verfolgungsfahrt in einem Auto Marke NSU Prinz (gebaut 1958-1973) ist voll davon. Wir bekommen sie in der Schaubühne von dem fünfköpfigen Schauspielensemble, Jule Böwe und Tilman Strauß (von der Schaubühne) sowie Julischka Eichel, Paul Grill und Peter René Lüdicke (vom Schauspiel Stuttgart) in grünen Pullis und Jeans frontal in verteilten Rollen erzählt. Tilman Strauß spielt sich immer mehr in die Figur des namenlosen Teenagers hinein. Die anderen geben Freunde, Eltern, Pfarrer, Psychologen oder die mysteriöse Frau von der Caritas, die die kranke Mutter ersetzt.

 

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 - Foto (C) Thomas Aurin

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Foto (c) Thomas Aurin

 

Im Kleinstadtmief der 1960er Jahre in der bundesdeutschen Provinz fantasiert sich der Teenager aus Witzels Buch die ihn umgebende Welt als cooles Ritter-, Cowboy- und Indianerspiel, in dem er selbst bald die Übersicht verliert und psychisch abstürzt. Bei ihm ist Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung und Gudrun Ensslin nur eine detaillose Indianersquaw aus einer Wundertüte. Das Ensemble trägt in Schlafanzügen die Stationen der Kindheit des Protagonisten vor und spielt einige Szenen aus dem recht unübersichtlichen Plot aus 98 Kapiteln mit vielen Zeitsprüngen und Wechseln des Erzählstils, bestehend aus verhörartigen Gesprächen, Therapiesitzungen, eingangs erwähnten Action-Szenen, inneren Monolog und philosophischen Abhandlungen.

Das alles kann eine Theaterinszenierung natürlich kaum innerhalb von knapp zweieinhalb Stunden bewältigen. Petras konzentriert sich dann auch nur auf die Geschichte des Heranwachsenden und lässt die zurückblickende Perspektive des Erwachsenden etwas aus dem Blick. Als Unterstützung hat sich der Regisseur die Stuttgarter Postrockband Die Nerven geholt, die gut abgehangene Rockmusik im Stile der 68er-Zeit spielt, aber auch den Schritt vom Hippietum der 60er zum Hardrock der 70er vollzieht. Für Witzel auch der Übergang der RAF von den Anfängen zum Weg in den Untergrund.

 

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 - Foto (C) Thomas Aurin

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Foto (c) Thomas Aurin

 

Dagegen verschneidet Petras Szenen aus dem spießigen Familienleben mit Schlagern von Willy Schneider, die Paul Grill hinrappt, und der von Tilman Strauß vorgetragenen Philosophie der Durchreiche in der Wohnkultur der 1950er Jahre. Eine Slapstickparade aus witzigen Szenen mit Polizeimützen, Uniformen, Indianerkopfschmuck und einer Polonaise durch den Schaufensterpuppen-Parcours. Es fehlt nur noch eine Wasserpistole und echte Silly-Putty-Knete.

Wie ein Kaleidoskoprohr nach dem Schütteln immer wieder ein anders Bild ergibt, verändert sich auch mehrfach die Perspektive des Teenagers zu seiner Geschichte, was Petras eben in ein etwas zielloses Aneinanderreihen von Best-of-Szenen übersetzt. Erwähnenswert sind da die Interpretation des Beatles-Album Rubber Soul als christliche Passionsgeschichte oder ein Beichtszene durch ein Sieb. So ist neben der Popmusik auch die katholische Erziehung ein weiterer Einfluss in der Kindheit des Protagonisten.

Etwas unter gehen die philosophischen Aspekte, die Petras als kleine Monologe einstreut wie ein Vortrag über die Nachkriegs-Fleckentfernerpolitik der BRD zur Reinwaschung von jeglicher Schuld und eine Abhandlung über Wörter mit hohem Nazifaktor. Die echte Geschichte der BRD flimmert derweil auf der Videoleinwand, und das Ensemble stellt berühmte Protesttableaus wie die Kommune 1, Jimi Hendrix oder auch Jubelperser und den Kniefall Willy Brandts nach. Merklin oder Fleischmann, Beatles oder Stones, Gut oder Böse – die Zerrissenheit des Jungen lässt sich hier auf der Bühne nicht wirklich einfangen, und Armin Petras landet schließlich mit seiner durchaus witzigen Inszenierung etwa auf dem Niveau von Rainald Grebes Westberlin-Revue am gleichen Ort.

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DIE ERFINDUNG DER ROTEN ARMEE FRAKTION DURCH EINEN MANISCH-DEPRESSIVEN TEENAGER IM SOMMER 1969 (Schaubühne am Lehniner Platz, 09.04.2016)
Theaterfassung von Armin Petras und Maja Zade
Regie: Armin Petras
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Annette Riedel
Video: Rebecca Riedel
Dramaturgie: Katrin Spira, Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Mit: Jule Böwe, Julischka Eichel, Paul Grill, Peter René Lüdicke und Tilman Strauß
Live-Musik: Die Nerven
Uraufführung war am 9. April 2016
Weitere Termine: 11., 12. 4. / 8., 29. 5. 2016
Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 09.04. 2016 auf Kultura-Extra:

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Das FIND #16 in der Berliner Schaubühne startete mit zwei Kurzdramen von arabischen Autoren

Samstag, April 16th, 2016

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FIND #16, das Festival Internationale Neue Dramatik an der Berliner Schaubühne, setzte zu Beginn einen kleinen Schwerpunkt mit Kurzdramen arabischer Autoren. Eröffnet wurde das Festival am vergangenen Donnerstag mit dem ägyptischen Stück The Last Supper von Ahmed El Attar, der auch selbst die Regie führte. El Attar ist Theaterregisseur, Autor und Übersetzer und sehr gut vernetzt in der Kairoer Theaterszene. So ist er u.a. auch künstlerischer Leiter der Temple Independent Theatre Company und des Falaki Theaters. Außerdem leitet er das von ihm mitbegründete Theaterzentrum Emad Eddin, das Proben- und Trainingsräume sowie Residenzen an Performer in Kairo zur Verfügung stellt.

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

In seinem Stück The Last Supper stellt der Autor eine reiche Kairoer Großfamilie in den Mittelpunkt der Handlung. Im Hause des Familienpatriarchen, einem einflussreichen Industriellen, treffen sich die Kinder mit den Ehepartnern und Enkeln zu einem geselligen Abendessen. El Attar beleuchtet einige Jahre nach dem Arabischen Frühling und der Revolution auf dem Tahrir-Platz die Sicht der oberen Zehntausend auf den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Wandel in Ägypten.

Es ist eine recht bittere Bestandsaufnahme. In Form einer galligen Farce mit komischen und entlarvenden Elementen stellt El Attar die überkommenen Denk- und Verhaltensweisen der etablierten wirtschaftlichen Eliten in den Kontext von Tradition und Moderne. So teilt sich die Familie in einen traditionell religiösen Teil, der mit dem Vater und Schwiegersohn Mido zwar die Riten des Islam befolgt, aber auch für den eigenen Reichtum betet und alles aus der Sicht, ob es Profit verspricht, beurteilt. Dagegen pflegt Sohn Hassan ein freies Künstlerleben mit westlicher Musik und dem Traum vom Harley-Fahren. Allerdings gibt er nur vordergründig den „Blowin‘ in The Wind“ spielenden Bob Dylan, während er ansonsten gelangweilt das Personal drangsaliert und demütigt.

 

The last Supper_Foto (c) Mostafa Abdel Aty

The last SupperFoto (c) Mostafa Abdel Aty

 

Auch Tochter Mayoush und Schwiegertochter Fifi haben zwei Seiten. Trägt Mayoush auch westliche Mode und schwärmt vom Paris, so hat sie doch bei ihrem Ehemann Mido nicht viel zu melden, während Ehefrau und Mutter Fifi zwar Kopftuch trägt, aber sich bestens mit Smartphone, Apps und Instagram auskennt. Was den Familienmitgliedern allen gemeinsam ist: sie schauen auf die in ihren Augen Minderbemittelten – wie das Kindermädchen von Fifi oder die Bediensteten des Vaters – herab. Auch Äthiopier oder Thailänder, die im Land arbeiten, werden rassistisch beurteilt.

Zur Familienfeier gesellt sich noch der General, ein Freund des Vaters, der die alte politische Herrschaft repräsentiert. Er verschafft sich Respekt durch seinen über Jahre erreichten Einfluss und weiß kleine Gefälligkeiten durch Beziehungen zu erweisen. Befragt nach dem Wandel im Land, ist für ihn alles nur eine Frage der Zeit, bis wieder Ruhe und Ordnung einziehen.

Die Gespräche sind zum großen Teil sehr oberflächlich und drehen sich um die besten Geschäfts- und Einkaufsmöglichkeiten im Ausland, Unterhaltungselektronik oder Fitness. Die Männer dominieren in ihrer angestammten Position und sehen die sexistischen, gewalttätigen Ausfälle von Hassan eher als Kavaliersdelikt oder setzen verbal noch eine drauf. Hier fehlt es ein wenig an einem entsprechenden Gegenpart. Die Oberschicht gärt in ihrem eigenen Fett.

Immer wieder lässt El Attar das Szenenbild an der Tafel, die auch dem titelgebenden Gemälde von Leonardo da Vinci nachempfunden ist, minutenlang zu einem orientalisch klingenden Elektrosound einfrieren sowie einen Rinderkopf und Geflügel auftragen. Alle Figuren sind eher bigott und konsumorientiert. An einem demokratischen Wandel scheint das ägyptische Großbürgertum nicht wirklich – und wenn, dann nur aus Eigennutz – interessiert. Ein gut skizziertes, aber auch bedrückendes Gesellschaftsportrait, das wenig Hoffnung für einen echten Wandel in der arabischen Welt lässt.

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Gerade erst waren Videobilder der syrischen Stadt Homs in Frank Castorfs Inszenierung von Friedrich Hebbels Judith an der Berliner Volksbühne zu sehen. Homs, die Stadt des antiken Sonnenkults, oder wie sie der syrische Autor und Theaterregisseur Anis Hamdoun nennt, die Stadt der Sonne. In seinem im letzten Jahr beim Theaterfestival „Spieltriebe“ in Osnabrück uraufgeführten Kurzdrama The Trip träumt der Protagonist Rami, der vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen ist, von der Sonne und dem blauen Himmel seiner Heimatstadt, die sich in Farben und Geschmack nur noch in seinem täglichen Frühstück mit traditionell weißem anstatt gelbem Käse aus Deutschland oder im arabischen Kaffee mit Kardamon manifestiert. Rami ist Flüchtling in Deutschland und steht vor einem Neuanfang, der ihm auch Ängste bereitet, da seine Ausbildung hier nichts gilt.

 

The Trip - Foto (c) Maik Reishaus

The TripFoto (c) Maik Reishaus

 

So ein Neubeginn ist Anis Hamdoun, dem ausgebildeten Schauspieler und Regisseur, der 2013 nach Deutschland kam, erstaunlich schnell gelungen. Als Praktikant am Theater Osnabrück bekam er sofort die Chance mit Schauspielern zu arbeiten. Ergebnis ist das vorliegende Stück, das nun beim FIND #16 in der Schaubühne gastiert und auch in den regulären Osnabrücker Spielplan aufgenommen wurde. Das Interesse an den Ereignissen in Syrien und der arabischen Welt ist nach wie vor hoch, und The Trip schafft es ohne viel Betroffenheitsgetue, die Situation von Flüchtlingen in Deutschland ganz anschaulich zu beschreiben. Nachdem gerade das Internet und soziale Netzwerke einen gewissen Anteil am Durchbruch des Arabischen Frühlings hatten, konnte das Stück dann auch im Januar das virtuelle Theatertreffen auf nachtkritik.de für sich entscheiden.

Nur ganze 40 Minuten dauert Anis Hamdouns The Trip. Aber das Stück hat es in sich. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gedanklicher und spielerischer Trip zurück nach Homs, das auch die Heimatstadt des Autors ist. Es spiegelt seine Erinnerung an das Leben vor und während des Arabischen Frühlings in Syrien, den Hamdoun mit seinen Freunden erlebt und dessen Ereignisse nur er überlebt hat. In dem autobiografisch geprägten Stück erstehen die Toten wieder auf und suchen das Alter Ego des Autors, den wie er aus Syrien geflüchteten Rami (Patrick Berg) in Deutschland heim. Sie bewohnen faktisch mit ihm ein kleines Zimmer, das Mona Müller nur ganz spartanisch angedeutet hat, etwa mit einem von der Decke herunterhängenden Vorhangquader, in dem am Beginn Marius Lamprecht als Videofilmer Saleem steht, oder einem am Boden festgehefteten Stoffschlauch aus dem sich Anja S. Gläser als dessen Schwester Sarah schält.

 

The Trip - Foto (c) Maik Reishaus

The TripFoto (c) Maik Reishaus

 

Die Enge des Zimmers fliehend rennt Rami immer wieder im Kreis durch die Nacht, obwohl er sie nicht mag, um mit den Toten zu reden, um sie in Deutschland mit seinen Verordnungen und Paragrafen nicht zu vergessen. Er fühlt sich schuldig, überlebt zu haben. Die Stimmen seiner Freunde manifestieren sich in seinem Kopf und nehmen hier auf der Bühne ganz konkret und in einem Videofilm aus der Heimat (Nawar Bulbul als Mohammed) Gestalt an. Sie erzählen vom gemeinsamen Traum von Freiheit und ihren Berufswünschen, die sich für Sahra als Sanitäterin und Saleem als Videofilmer der Demonstrationen auf den Straßen Homs verwirklichen. Hier finden sie ihre Bestimmung, auch wenn sie später während der Folter durch Geheimdienstleute des Assad-Regimes oder – wie Mohammed, ein Student aus Homs, durch eine Granate – ihr Leben verlieren.

Ihnen und ihrer Geschichten hat Anis Hamdoun mit diesem Stück ein Denkmal gesetzt. Und sich selbst versucht zu beantworten, wer er ist und was er in Deutschland für seine Heimat Syrien machen kann. Das ist präzise und eindrucksvoll gespieltes Theater und gut und wichtig, dass es hier beim Berliner FIND zu sehen ist. Weitere Gastspiele in Frankfurt, Karlsruhe und München werden folgen.

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THE TRIP (Studio der Schaubühne, 08.04.2016)
Text und Inszenierung: Anis Hamdoun Bühne: Mona Müller Kostüme: Anna Grabow, Miriam Schliehe Dramaturgie: Elisabeth Zimmermann
Mit: Patrick Berg (Ramie), Anja S. Gläser (Sarah), Marius Lamprecht (Saleem), Nawar Bulbul (Mohammed, im Video) und Zainab Alsawah (Gesang)
Dauer: ca. 40 Minuten
Uraufführung am Theater Osnabrück war im September 2015
Berlin-Premiere: 8. 4. 2016 Weiterer

Termine in Osnabrück: 3. 5. 2016

THE LAST SUPPER (Schaubühne am Lehniner Platz, 07.04.2016)
Konzept und Regie: Ahmed El Attar (Ägypten) Bühne und Kostüme: Hussein Baydoun Licht: Charlie Aström Musik: Hassan Khan Sound: Hussein Sami
Mit: Boutros Boutros-Ghali, Mahmoud El Haddad, Ahmed Farag, Mona Farag, Mohamed Hatem, Ramsi Lehner, Nanda Mohammad, Sayed Ragab, Abdel Rahman Nasser, Mona Soliman und Marwa Tharwat
Berliner Premiere war am 7. April 2016
Weiterer Termin: 9. 4. 2016
Eine Produktion der The Temple Independent Theatre Company in Kooperation mit Tamasi Collective Gastspiel im Rahmen von FIND #16

FIND #16
Vom 07.04. – 17.04.2016
Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 09.04. 2016 auf Kultura-Extra:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/FIND16_thelastsupper.php

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/FIND16_thetrip.php

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Borgen – Nicolas Stemann versucht an der Schaubühne die Repräsentation von Macht und Demokratie in der bekannten dänischen Polit-Serie zu dekonstruieren

Freitag, Februar 19th, 2016

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Politik ist seit jeher ein Spiel um Macht. Nur wer tatsächlich politische Macht besitzt, kann seine Ziele durchsetzen. „Daher siegen alle bewaffneten Propheten, und die nicht bewaffneten gehen zugrunde“, schrieb der florentinische Staatsphilosoph Niccolò Machiavelli in seiner politischen Abhandlung Der Fürst. Mit dem unbewaffneten Propheten meinte Machiavelli den italienischen Dominikanermönch Girolamo Savonarola, der von 1494 bis kurz vor seiner Hinrichtung 1498 als politischer Berater de facto Herrscher über die damalige Republik Florenz war. Savonarola hatte eine große Vision von einem besseren, christlicheren Florenz, predigte für eine Volksregierung und versuchte Reformen gegen den korrupten etablierten Kirchenklärus durchzusetzen. Ein vergeblicher Kampf für mehr Sittlichkeit und Moral bei den politisch Mächtigen seiner Zeit.

 

BORGEN_SCHAUBÜHNE-Febr. 2016

Idealistische Ziele – Nicolas Stemanns Bühnenadaption der Polit-TV-Serie Borgen an der Schaubühne – Foto: St. B.

 

Machiavellis Zitat ist auch Wahlspruch der erfolgreichen Polit-Serie Borgen (Die Burg) über das Machtzentrum Dänemarks, der Christiansborg. Ganz so drastisch scheitert die idealistische Politikerin und Serien-Heldin Birgitte Nyborg nicht, muss allerdings durch die Stahlbäder der politischen Willensbildung gehen und lernen, dass man als Politiker zum Machterhalt und zur Staatsraison im Sinne Machiavellis oft vor Entscheidungen steht, die die Gesetze der traditionellen Moral außer Kraft setzen. Um unbequeme Entscheidungen dem Volk als alternativlos zu verkaufen, halten sich die meisten Machtpolitiker sogenannte Spin-Doktoren, die ihnen die passenden Reden schreiben.

Mit Kasper Juul hat die angehende dänische Ministerpräsidentin Birgitte Nyborg auch so einen politischen Ghostwriter. An die Macht gekommen ist die aufstrebende Politikerin der Moderaten aber durch die Verletzung der Regel, nur die vorgefertigten Texte in die Kamera zu sprechen, sondern durch eine improvisierte Rede, die sie als Mensch mit Visionen aber auch Schwächen zeigt. „Kann ich politisch erfolgreich sein und ich selbst bleiben?“ fragt sich die Politikerin, die nebenbei auch noch Ehefrau und Mutter ist, was bei ihren Gegnern sofort Zweifel an ihrer Kompetenz und der Vereinbarung von Karriere und Familie aufwirft.

 

Borgen in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (c) Arno Declair

Borgen in der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

 

Gefährliche Seilschaften hieß die im deutschen Fernsehen auf arte ausgestrahlte Serie im Untertitel. Und genau das, wie Politik wirklich entsteht, scheint Nicolas Stemann an der Serie interessiert zu haben. Seine Bühnenfassung von Borgen feierte nun an der Berliner Schaubühne Premiere. Aber schon vorab hatte der Regisseur erklärt, dass für ihn die vom Borgen-Macher Adam Price mit „einem Kern von Idealismus, der wahr ist“ angelegte Politikerin Birgitte Nyborg viel zu gut wegkomme und dass er die Serie daher für ein schönes Märchen halte. Das legt den Fokus wieder klar auf die Inszenierung von Politik und den Spin-Doktor als eigentlichen Regisseur auf der Bühne der Macht.

So zeigt sich die Inszenierung zu Beginn auch eher wie eine szenische Leseprobe am großen Konferenztisch, bei der zunächst die verschiedenen Charaktere vorgestellt werden mit ihren Parteizugehörigkeiten und Verbindungen untereinander. Die SchauspielerInnen Stephanie Eidt, Sebastian Rudolph, Tilman Strauß und Regine Zimmermann schlüpfen dabei immer wieder durch das Aufsetzen von Perücken, Bärten und Brillen in die einzelnen Figuren. Ganz wie in einem Fernsehstudio kommen Teleprompter zum Einsatz, von denen der Text abgelesen wird. Live gefilmt Großaufnahmen und Standbilder werden auf Videoscreens übertragen. Spielerisch ist das alles ganz auf Parodie angelegt. Wir erleben nun nach dem überraschenden Wahlsieg von Birgitte Nyborg die schwierige, intrigenreiche Regierungsbildung mit Bloßstellungsversuchen der Gegner, Erpressungsversuchen von Hinterbänklern und Stimmenfang mit kleinen Zugeständnissen.

Zur Privatfehde um Liebesleben, Karriere und Familie, die Nyborg (Stephanie Eidt) mit ihrem Mann Philipp (Sebastian Rudolph) auszufechten hat, wird auf ein großes orangenes Sofa umgeswitcht, an dessen Enden die Kinder (Tilman Strauß und Regine Zimmermann) sitzen und bissige sozialkritische Kommentare über Realpolitik und Klassenkampf abgeben. So wird allein fast 90 Minuten darauf verwendet, das Prinzip der Serie für das Publikum begreifbar zu machen und den Idealismus, den die Macher gegen den herrschenden Politzynismus ins Feld führen wollten, ad absurdum zu führen.

 

Borgen in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (c) Arno Declairn

Borgen in der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

 

Nach der Pause ändert sich daran nicht allzu viel, nur dass jetzt einzelne Episodenthemen näher verhandelt werden. Etwa der geplante Besuch des US-Präsidenten, der kurz als riesige Freiheitstatue nach vorn geschoben wird, dann aber wegen unbequemen Fragen über Guantánamo-Häftlinge auf Grönland wieder absagt. Dafür entern Komparsen in orangenen Overalls mit schwarzen Säcken über dem Kopf die Bühne. Eine Transparenzoffensive Nyborgs wegen Korruptionsverdachts kostet ihren Mann die neue CEO-Stelle bei einem Rüstungszulieferer und beendet auch die Ehe. Profilieren kann sie sich dagegen durch einen Deal mit der Wirtschaft, der ihr einen außenpolitischen Erfolg bei Friedenvermittlung in einem afrikanischen Bürgerkrieg sichert. Weiterhin kommen bissige Kommentare aus der Sofaecke und ein paar Fremdtexteinsprenksler über den Lobbyisten als stärksten Feind der Demokratie ohne Bannmeile sowie den Zusammenhang von Militärinterventionen, Terrorismus und Flüchtlingskrise. Und wir lernen: offene Grenzen sind wichtig für den Freihandel.

„Zum Regieren brauche ich Bild, Bams und Glotze“, hatte Medien-Kanzler Schröder einst gesagt. Also positive News. Bei Stemann kommen zur schlechten Presse noch Pegida-Galgen und Nyborg-muss-weg-Chöre zum Einsatz. Denn natürlich spielt auch in Borgen die Macht der Medien eine nicht unwesentliche Rolle. Der einstige politische Gegner hat eine Boulevardzeitung gegründet, und das Fernsehen verfolgt die Ministerpräsidentin bis in die Privatsphäre. Mit der Handykamera hält Videofilmerin Claudia Lehmann die Gesichter fest. Aber auch im meinungsmachenden TV-Kanal 1 gibt es ein idealistisches Pendant zu Brigitte Nyborg. Die junge Moderatorin Katrine Fønsmark, von Regine Zimmermann mit Blondhaarperücke und Poster der Unbestechlichen gespielt. Sie möchte ihr eigenes kleines Watergate in Kopenhagen, wird aber immer wieder von ihrem Chef zurückgepfiffen. Das Thema Frauen und Quote performt man dann zur zweiten Pausenmusik im Abendkleid.

Es gibt einen großen Bedarf beim Zuschauer an Serienformaten, die Politik oder Genre wie Krimi mit spannender Unterhaltung verbinden. Die amerikanischen Erfolgsserien wie House of Cards, auf die Stemann in seiner Inszenierung auch anspielt, oder Braeking Bad dienen in Europa immer wieder als Vorbilder, die man dem regionalen Mainstreamgeschmack anpasst, oder mit denen man auch schon mal auf den internationalen Markt schielt. Dabei entstehen dann Politreißer wie etwa die norwegische Serie Occupied – Die Besatzung oder bieder produzierte und mäßig interessante deutsche Polit- und Genrekopien wie Die Stadt und die Macht oder Morgen hör ich auf. Das zu kritisieren ist aber sicher nicht der Hauptintension von Nicolas Stemann. Wenn nicht immer mal wieder die beiden Musiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, die sonst für agit-propere Songs á la BrechtWeill zuständig sind, fragend ein paar reflektierende Episoden-Fazits frontal ins Publikum sprechen würden, wüsste man allerdings nicht, wozu man dieser mäßig spannenden Dekonstruktion von Borgen zur Politclownerie fast vier Stunden lang beiwohnen sollte.

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BORGEN
nach der TV-Serie von Adam Price, entwickelt mit Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm
Deutsch von Astrid Kollex, Fassung von Nicolas Stemann
Regie: Nicolas Stemann
Bühne: Katrin Nottrodt
Kostüme: Katrin Wolfermann
Musik: Thomas Kürstner und Sebastian Vogel
Video: Claudia Lehmann
Dramaturgie: Bernd Stegemann und Bettina Ehrlich
Licht: Erich Schneider
Mit: Stephanie Eidt, Sebastian Rudolph, Tilman Strauß, Regine Zimmermann sowie den Statisten Daniel Ahl, Frank Jendrzytza, Hauke Petersen, Steven Raabe, Fabrice Riese, Benjamin Scharweit, Philip Schwingenstein und Malik Smith
Premiere war am 14.01.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, zwei Pausen
Termine: 06., 07., 08.03. 2016

Infos: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 16.02.2016 auf Kultura-Extra.

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Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs – Milo Rau inszeniert an der Schaubühne am Lehniner Platz einen ziemlich ungemütlichen Theaterabend

Donnerstag, Februar 4th, 2016

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Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Daniel Seiffert

Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto (C) Daniel Seiffert

In seinem Fünf-Punkte-Aufruf gegen den „zynischen Humanismus oder wie man anfängt, die Welt zu retten“ in der Züricher Sonntagszeitung hatte Milo Rau schon vorab den Rahmen seiner neuen Inszenierung an der Berliner Schaubühne abgesteckt. Der Vorwurf des bekannten Schweizer Recherche-Theatermachers (u.a. Hate Radio, Breiviks Erklärung, The Civil Wars oder Das Kongo-Tribunal) richtet sich vor allem gegen die Ignoranz der westlichen Welt, die es sich beim Unterschreiben von Online-Petitionen in einer Art „Wohlfühl-Ethik“ bequem macht. Und so lautet dann auch das für uns wohl eher etwas unerfreuliche Motto des Theaterstücks Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs: „Alle sind Arschlöcher“.

Hinzufügen sollte man noch, dass es Rau auch um den aufklärerischen Aspekt von Theater geht. Im Programmheft äußert sich der Regisseur zur westlichen Selbstgerechtigkeit wie folgt: „2015 war ein heilsames Jahr: Es war das Jahr, in dem sich auf Grund der sogenannten Flüchtlingskrise die Nebelwand auflöste, die uns bis dahin vor dem Anblick der Folgen unserer Wirtschaftspolitik im Nahen Osten und in Zentralafrika geschützt hatte.“ Eine Auffassung, die auch in den Aktionen des Zentrums für politischen Schönheit um Philipp Ruch vertreten wird, damit niemand mehr behaupten könne, er hätte von den Folgen der Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik des Westens nichts gewusst.

Allerdings richtet sich Raus Stück nun vor allem gegen den aufkommenden „Charity-Diskurs“, der die vorgenannte Nebelwand wieder aufgezogen habe. „Wer sieht uns, wenn wir leiden?“ ist dann auch die zentrale Fragestellung des Abends, der in drei Teile gegliedert ist. Zentral steht der von Ursina Lardi an einem Rednerpult auf zugemüllter Bühne vorgetragene Bericht einer ehemaligen Entwicklungshelferin, die noch einmal zu Recherchezwecken für ein Theaterstück in den Kongo gereist ist und mit etwas Nostalgie in der Stimme auf ihre Zeit als Mitglied einer NGO-Organisation namens „Teachers in Trouble“ zurückblickt. Das ist natürlich ein aus Berichten mehrerer NGO-Mitarbeiter zusammengeschnittener Vortrag, der auch ganz bewusst etwas Künstliches, Belehrendes an sich hat. „Rette die Welt. Du dies, tu jenes nicht.“ So kokettiert Lardi mit ihrer eigenen Erfahrungen als Schauspielerin und den erlernten Mitteln der Darstellung. Übungen, abgestuft von leicht bis schwer, mit denen man die Botschaft zum Publikum rüberbringt. Mitleid zu erregen fällt nicht schwer, vor allem unterstützt durch das richtige Bildmaterial wie etwa das Foto des vor der Küste der Türkei ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan, das Lardi in die Kamera hält.

 

Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Daniel Seiffert

Mitleid in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (C) Daniel Seiffert

 

Der leicht ironischen Kritik am vorherrschenden Theater, dass das Elend der Welt noch einmal für die eigenen Zwecke instrumentalisiert, folgt die Beschreibung des Werdegangs einer angehenden Entwicklungshelferin, dem Drang folgend, im Leben etwas Sinnvolles zu tun, das sich dann auch noch gut im Lebenslauf und auf Partys macht. Lardis Erzählungen aus dem Leben in einem Flüchtlingslager im kongolesischen Goma an der Grenze zu Ruanda sind teilweise an Zynismus nicht zu überbieten. Um die Schreie der von den Hutus umgebrachten Tutsi nicht hören zu müssen, dreht sie Beethovens 7. Sinfonie immer lauter. Als sie später die aus Ruanda geflohenen Täter in einem Workshop betreuen muss, entlädt sich ihr ganzer Ekel über deren Verhalten. Aber auch nach dem Einmarsch der Tutsi-Befreiungsarmee in Goma nimmt das Töten kein Ende, das nun auch die einheimischen Mitarbeiter betrifft. In einer Art metaphorischem Albtraum beschreibt Lardi die Demütigung einer Frau und pinkelt dabei auf die Bühne. Theatralisch umschreibt sie das zwiespältige Wesen der NGOs mit Ödipus, der schon vorher weiß, dass er an der Pest in Theben Schuld ist und dennoch weiter sucht.

Umrahmt wird dieser recht zynische Bericht mit der Lebensgeschichte der in Burundi geborenen Schauspielerin Consolate Sipérius. Sehr frisch und im Gegensatz zu Lardis gespieltem Duktus zwischen Belehrung und zeitweiliger Empörung vermag diese Erzählung wirklich zu berühren. Mit viel Ironie und einiger Verwunderung über ihr neues Leben im Westen Europas, in das Sie nach der Adoption durch eine belgische Pflegefamilie kam, legt sie den Finger noch einmal in die richtige Wunde. Consolate Sipérius hat als Kind den Genozid 1993 in Burundi überlebt. Sie ist eine Zeugin, wie sie selbst betont. Jedoch inszeniert sie sich bewusst nicht, und wird auch von Rau nicht als Opfer inszeniert, sondern als selbst denkendes, empfindendes und handelndes Wesen.

Das verdeutlicht sich auch im Vergleich zweier Kinofilme, die sich um Gewalt und Rache drehen. Ursina Lardi erzählt die Geschichte von Grace aus Lars von Triers Parabel Dogville, bei der die quälenden Dorfbewohner am Ende mit Maschinengewehren erschossen werden. Consolate Sipérius schildert die Szene aus Quentin Tarantinos Inglouries Bastards, in der von französischen Widerstandskämpfern in ein Kino eingesperrte Nazis durch die Jüdin Shosanna, deren Familie sie umgebracht hatten, von der Leinwand herunter von ihrem nahen Tod erfahren. Am Ende kommt es darauf an, wer die Maschinengewehre hat, ist das Fazit von Lardi mit der Kalaschnikow in der Hand, während Sipérius sich für eine Soundcollage mit lachenden Kindern aus Burundi entscheidet. Ein Schuss Hoffnung am Ende eines nicht nur wegen des Mülls auf der Bühne recht ungemütlichen Theaterabends, der, mal ganz abgesehen von einer Katharsis, sicher noch länger nachwirken wird.

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Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs (Schaubühne, 29.01.2016)
von Milo Rau
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Video und Sound: Marc Stephan
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Mitarbeit Recherche/Dramaturgie: Mirjam Knapp, Stefan Bläske
Licht: Erich Schneider
Mit: Ursina Lardi und Consolate Sipérius
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere war am 16.01.2016 an der Schaubühne am Lehniner Platz

Termine: 10., 11., und 14.02. / 31.03.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 31.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit Inszenierungen von Katie Mitchell und Simon McBurney gibt sich die Berliner Schaubühne very britisch

Montag, Dezember 28th, 2015

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Kurz vor dem Jahreswechsel gibt sich die Schaubühne am Lehniner Platz mal wieder very britisch. Neben Katie Mitchell, die mit Ophelias Zimmer die Shakespeare’sche Randfigur ins Rampenlicht holt, inszeniert auch Simon McBurney zum ersten Mal mit deutschem Ensemble eine Adaption des im englischen Exil entstandenen Romans Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig.

 

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto: St. B.

Premiere von Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto: St. B.

 

Ophelias Zimmer – Katie Mitchell zeigt in der Schaubühne was bei Shakespeares Hamlet im Verborgenen bleibt

Bereits mit einer neuen Version von August Strindbergs Fräulein Julie hat die britische Regisseurin Katie Mitchell ein unbemerkt gebliebenes Frauenschicksal der klassischen Dramatik ins Rampenlicht ihrer Livekameras geholt. Und auch Ophelia, die für das königliche Ränkespiel im faulen Staate Dänemark missbraucht bisher nur als schöne Frauenleiche durch die Kunstgeschichte geistern durfte, bekommt nun einen angemessenen Bühnenauftritt. An den Kammerspielen hatte sich 2012der Belgier Kristof Van Boven an einer Ophelia-Version mit Marie Jung im Werkraum der Münchner Kammerspiele versucht. Eine recht dünne Nacherzählung des Hamlet-Plots aus Sicht der armen Verschmähten. Katie Mitchel hat sich für ihre Fassung an der Schaubühne die britische Theaterautorin Alice Birch geholt und die Ophelia mit Jenny König besetzt, die bereits in Mitchels The Forbidden Zone als Hauptdarstellerin brillieren konnte.

Die Kameras hat Katie Mitchell diesmal weggelassen und sich von Chloe Lamford eine sehr karges Bühnenbild in Form eines Zimmers mit Bett, Nachtisch und Stuhl in den Globe-Saal der Schaubühne bauen lassen. Zwei Türen führen in das Zimmer hinein, wobei die eine nur als Fenster nach außen dient, um den Blick auf kommende und gehende Personen des Hauses wie Vater Polonius oder Bruder Laertes freizugeben. Als metaphorische Aktüberschriften wählt Mitchell die fünf Phasen des Ertrinkens: Abwehr, Atemstillstand, Bewusstlosigkeit, Krampfstadium und klinischer Tod. Entlang dessen spult sich in akribischer Genauigkeit der immer gleiche Tagesablauf ab, der Ophelia beim Schlafen, Ankleiden, Nähen und kurzen Spaziergängen zeigt. Obligatorisch auch der tägliche Blumenstrauß und die Briefe von Hamlet, die eine Bediensteten (Iris Becher) bringt. Die Blumen stopft Ophelia in den Papierkorb, die Briefe sind Kassetten, die sie im Nachtschrank versteckt.

 

Jenny König ist Katie Mitchels Ophelia - Foto (c) Gianmarco Bresadola

Jenny König in Katie Mitchells Ophelias Zimmer
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Die einzelnen Szenen werden durch elektronische Signale und den Wechsel der Beleuchtung getrennt. Hin und wieder fährt ein schwarzer Kubus herunter, auf dem die nächste Phase projiziert wird. Ophelia plagen Albträume, immer wieder erwacht sie nachts und hört sich die wirren und teilweise obszönen Hamlet-Texte auf den Kassetten an. Irgendwann will sie die Briefe nicht mehr annehmen. Zusätzlich hat Alice Birch Texte für die Stimme der toten Mutter (Jule Böwe) geschrieben, die immer wieder aus dem Off zu Ophelia spricht. Sie bedauert das Ophelia keine Junge geworden ist, sondern ein Mädchen, dem sie nichts bieten kann. „Mach dich klein, schlüpf in die Wände. Es herrscht ein bedrückende Stimmung. Die lähmende Enge der Situation wird noch dadurch bildlich verstärkt, dass Ophelia sich nach jedem Tag ein weiteres Kleid überstreift.

Sinn dieser formal strengen, etwas unergiebigen Übung ist wohl, die totale Abhängig Ophelias von den sie für ihre Zwecke instrumentalisierenden Männern zu zeigen, deren Gutdünken oder die Gewalt, der die junge Frau ausgesetzt ist. Das geht bis zum Einsperren ins Zimmer, das Ophelia nur noch zu bestimmten Anlässen verlassen darf. Und später, nachdem ihr gesagt wurde, dass der Vater tot sei, bekommt sie von einem Höfling (Ulrich Hoppe) noch Drogen verabreicht, um ihre Erinnerungen zu trüben und ihren Willen zu brechen. Zweimal nur wird Hamlet (Renato Schuch) in Ophelias Zimmer stürmen, Zuerst um sie zu schütteln und als pure Pose wild wie der suizidale Sänger Ian Curtis zu Love Will Tear Us Apart von Joy Divison zu tanzen. Das andere Mal mit der entstellten Leiche des Vaters.

Einen Ausweg zeigt Katie Mitchell nicht. Das geflutete Zimmer wird zum nassen Grab mit den nun auf dem Wasser schwimmenden Blumen. Die Inszenierung will das Schicksal Ophelias hinter der Wand – einer Mauer des Verschweigens – sichtbar machen, während sich sonst davor das altbekannte Drama abspielt. „Du bist mein Versprechen.“ heißt es in Hamlets Audiobriefen. „Du bist der Stein auf dem die verschwundene Zeit fußt.“ Eine recht verquaste Kitsch-Rhetorik. Leider leihen die Regisseurin und Autorin ihrer Protagonistin keine angemessene Gegenstimme. So muss Ophelia weiter das blasse, verstörte Opfer bleiben. Eine ästhetisch-schöne Wasserleiche mit viel Theaterblut.

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Ophelias Zimmer (16.12.2015)
Mit Texten von Alice Birch
Deutsch von Gerhild Steinbuch
Regie: Katie Mitchell
Bühne und Kostüme: Chloe Lamford
Sounddesign: Max Pappenheim
Dramaturgie: Nils Haarmann
Lichtdesign: Fabiana Piccioli
Mitarbeit Regie: Lily McLeish
Künstlerische Mitarbeit: Paul Ready, Michelle Terry
Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Jenny König, Renato Schuch
Die Texte von Ophelias Mutter wurden eingesprochen von: Jule Böwe
Statisten: Oliver Herbst / Mario Kutz
Premiere in der Schaubühne war am 07.12.2015
Dauer: ca. 120 Minuten
Termine: 19. – 21.02.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de

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Ungeduld des Herzens – Der britische Regisseur Simon McBurney erweckt den Roman des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig zu neuem Leben

Der britische Schauspieler und Regisseur Simon McBurney ist kein Unbekannter in der internationalen Theaterszene. Mit seinem Ensemble Complicite ist er seit Jahren gern gesehener Gast auf zahlreichen Theaterfestivals. So auch bei den Wiener Festwochen, wo er 2012 mit seiner Adaption von Michail Bulgakows Roman Der Meister und Magarita (The Master and Margarita) sogar das große Burgtheater füllte. In Berlin gastierte McBurney bisher nur solo. Mit seiner beim F.I.N.D.#15 in der Schaubühne am Lehniner Platz als Work in progress vorgestellten Produktion Amazon Beaming wird er unter dem Titel Encounter bei den Wiener Festwochen 2016 auftreten.

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Gianmarco

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne – Foto (C) Gianmarco

Nach Österreich führt nun auch McBurneys erste Arbeit als Regisseur mit einem deutschsprachigen Ensemble. Für die Berliner Schaubühne hat er Ungeduld des Herzens, den einzigen vollendeten Roman des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig adaptiert. Schachnovelle; Sternstunden der Menschheit oder der als Erinnerungen eines Europäers posthum veröffentlichte Rückblick Die Welt von gestern künden von der Meisterschaft Zweigs als großartigem Erzähler, Biografen und Chronisten seiner Zeit. Und auch in seinem 1939 im Exil erschienen Roman Ungeduld des Herzens beschreibt er akribisch die österreichische Gesellschaft kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

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Der junge Kavallerieleutnant Anton Hofmiller nimmt an einer Gesellschaft des ungarisch-jüdischen Barons Kekesfalva teil und begeht im Überschwang einen folgenschweren Fauxpas. Er fordert in Unwissenheit Edith, die gelähmte Tochter des Barons, zum Tanz auf. Nachdem er sich mit einem Blumenstrauß entschuldigt hat, lädt ihn Edith zu einem Besuch ein, dem viele weitere folgen werden. Hofmiller verstrickt sich immer mehr in sein Mitleid mit dem durch Krankheit gehbehinderten Mädchen und beginnt auf Bitten des Vaters und Drängen des Arztes Condor ein Spiel aus falschen Hoffnungen und Lügen, aus dem er keinen Ausweg mehr findet. Hofmiller verlobt sich schließlich mit Edith, kann aber vor den Kameraden nicht zu dieser Entscheidung stehen. Als Edith davon erfährt, stürzt sie sich, noch bevor der reuige Leutnant vom Ort seiner Versetzung zu ihr zurückkehren kann, von der hohen Terrasse des elterlichen Hauses in den Tod.

Stefan Zweig unterscheidet ganz genau zwischen dem sentimentalen Mitleid, „das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück“ und dem schöpferischen Mitleid, „das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus“. Auch im mit seiner Tochter leidenden Vater, dem einst armen Juden Kanitz, der eine Frau heiratete, der er gerade recht geschäftstüchtig das Erbe der Kekesfalvas billig abgekauft hatte und im Arzt Condor, der eine blinde Patientin ehelichte, die ihn nun für sich allein beansprucht, zeigt Zweig diese gegensätzlichen Arten des Mitleids. Den Zusammenhang erkennt Hofreiter jedoch viel zu spät und stürzt sich verzweifelt in die unsinnigen und blutigen Getümmel des Ersten Weltkriegs.

 

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Gianmarco Bresadola

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne
Foto (C) Gianmarco Bresadola

 

McBurney zieht hier nun gedanklich die Parallelen vom an seiner Zeit verzweifelnden Pazifisten Zweig zu den heutigen Flüchtlingsbildern aus den Medien. Allerdings verdeutlicht der Regisseur das erst ziemlich am Ende seiner Inszenierung mit viel Schlachtgetöse, Videoeinsatz und Theaterblut. Davor läuft der Inhalt des Romans gute zwei Stunden mehr als eine sehr ambitionierte szenische Lesung in Versuchsanordnung ab, in die Schauspieler Robert Beyer einführt wie in eine längst vergesse Zeit. Ein Museumsführer in die gute alte k.u.k.-Monarchie mit in einer Vitrine ausgestellten Uniform. Dazu kann Johannes Flaschberger im schönsten Wienerisch vom ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand berichten. Der Rest des Ensembles setzt sich derweil an Mikrofonständer und Tische.

Wechselseitig, noch ohne genaue Rollenzuschreibungen, werden nun Handlung und Dialoge des Romans erzählt. Wobei Christoph Gawenda als sich erinnernder Hofmiller und Haupterzähler fungiert, während sich Laurenz Laufenberg schließlich die Uniform anzieht und den jungen Leutnant gibt. Aber vor allem bei der Figur der Edith (Marie Burchard) entsteht in den nun aus der Erzählung heraus entwickelnden kurzen Spielszenen eine Art von Verfremdung mit teilweise durch die Mikros verzerrter Stimme oder nur synchron bewegten Lippen zum von Eva Meckbach gesprochenen Text. Im Weiteren wirft man sich kurz Kittel über, werden Geräusche erzeugt; als Terrasse dient ein rollbarer Tisch. Moritz Gottwald spricht einen böhmischen Burschen, und alle zusammen mimen Kavalleriepferde oder die tumben tätowierten Kameraden Hofmillers. Auch Robert Beier kann hin und wieder in seinem besonderen Talent für Verstellungskunst brillieren.

McBurney versucht die direkte Identifikation mit den klar ausgestellten Theatermitteln so gut es geht zu verhindern, lässt dann aber – wie schon in Master and Margarita – etwas zu sehr die Video- und Sound-Maschinerie arbeiten. In diesem eher kleinen Kammerspiel ist und bleibt aber, gewollt oder nicht, sein bester Mitspieler Zweigs Text selbst. Und wenn auch der Regisseur immer mehr aufs Tempo drückt, um eine größere Spannung zu erzeugen, entwickelt sich die gewünschte Empathie mehr über das Wort als über das Bild. Die sieche Seele der österreichischen Gesellschaft – verdeutlicht durch militärischen Drill, Ehrenkodex, Gehorsam und Antisemitismus – sowie dem sich in völliger Selbstüberschätzung in seine Lügen verliebenden Hofmiller („an jenem Abend war ich Gott. Ich hatte die Welt erschaffen und siehe, sie war voll Güte und Gerechtigkeit… Ich und nur ich war der Anfang, die Mitte und der Ursprung ihres Glücks…“) versagt am jungen Geist eines kranken Mädchens. Hofmillers Mitleid bleibt nur eine Illusion davon, einmal im Leben das Richtige zu tun.

Etwas erinnert bei McBurneys Herangehensweise auch an die grandiose Schaubühnen-Inszenierung des zurzeit allerdings mehr mit markigen Worten von sich Reden machenden Letten Alvis Hermanis, in der das Ensemble spielerisch und erzählerisch die Zeit von Puschkins Versroman Eugen Onegin erstehen ließ. Wäre McBurney nicht etwas zu sehr von seinen Theatermitteln überzeugt und ähnlich wie seine Kollegin Katie Mitchell in die Video-Kamera verliebt, hätte das ein sehr großer Abend werden können. Zumindest funktioniert er als Theater und leistet einen recht wirkungsvollen Dienst an der Entdeckung von Zweigs geschichtlich relevanten und eminent wichtigen Texten für die Bühne.

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Ungeduld des Herzens (22.12.2015, Schaubühne am Lehniner Platz)
von Stefan Zweig
Regie: Simon McBurney
Mitarbeit Regie: James Yeatman
Bühne: Anna Fleischle
Kostüme: Holly Waddington
Licht: Paul Anderson
Musik: Pete Malkin, Benjamin Grant
Video: Will Duke
Dramaturgie: Maja Zade
Mit: Robert Beyer, Marie Burchard, Johannes Flaschberger, Christoph Gawenda, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg, Eva Meckbach

Termine: 14.-17.01.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 23.12.2015 auf Kultura-Extra.

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FEAR – In der Schaubühne Berlin lässt Falk Richter den deutschen Bildungsbürger gegen Pegida & Co. antreten

Montag, November 9th, 2015

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Da kann einem schon mal Angst und Bange werden, wenn man sich in die immer hasserfüllteren Kommentarspalten zum Thema Flüchtlingsbewegung in Europa im Internet verirrt. Nicht nur die Parolen des rechtsnationalen Rands, auch die Stimmen sogenannter besorgter Bürger lassen einen da ein ums andere Mal erschauern. Der Humus, aus dem das wächst, besteht laut Falk Richter aus einem tief braunen Morast ewig gestriger Diskursgräber, aus denen sich die Geister der Vergangenheit immer wieder neu erheben. Richters Deutschland-Analyse FEAR, die vor Kurzem in der Schaubühne am Lehniner Platz Premiere feierte, fällt dann dementsprechend auch reichlich düster aus.

 

Fear_Schaubühne Nov. 2015

Foto: St. B.

 

Im Großen und Ganzen ging es in den letzten Arbeiten von Autor und Regisseur Falk Richter immer auch um Ängste. Vor allem um jene von im Großstadtdschungel vereinsamten und sich in sozialen Netzwerken verlierender, moderner Menschen in Metropolen wie Berlin. Immer auch eine politische Gesellschaftskritik, die sich nicht nur ins rein Private der Familie zurückzog. Schon in seinem Stück Small Town Boy zur Lebenswelt von Schwulen in Berlin (am Maxim Gorki Theater) hatte Richter seinem Protagonisten Thomas Wodianka einen wütenden Hassmonolog auf Politiker und rechtskonservative, schwulenfeindliche Einpeitscher halten lassen. Nun widmet er sich im Kontext von Pegida-Demos und AfD ganz dem deutschen Alptraum des Fremdenhasses und der nationalen Selektion als Abgrenzungsmechanismus gegen eine sich drastisch ändernde Welt.

Was bedeutet heute eigentlich Heimat? „Dass Deutschland Deutschland bleibt.“ Hört man gleich zu Beginn – während im Video blühende Heimatfilm-Landschaften flimmern – aus deutschen O-Tönen, die Richter akribisch für diesen Abend gesammelt hat. Diese diffusen Stimmen aus dem Volk, der sich von der Politik verraten Fühlenden, denen meist noch hörbar die Fähigkeit zur genauen Artikulation fehlt, haben aber in Lutz Bachmann, Frauke Petry, Björn Höcke oder auch kürzlich Akif Pirincci bereits recht effektive Ideologen und Sprachrohre für ihre Ängste gefunden. Deren geistige Brandstiftung feiert dabei schon wieder Erfolge, wie brennende Flüchtlingsunterkünfte zeigen. In FEAR versuchen Richter und sein Schaubühnenteam zu ergründen, wie sich gerade im Osten des Landes diese neue nationalpatriotischen Bewegung, die zwar vorgibt, nichts mit den Nazis zu tun zu haben, aber doch klar deren Vokabular benutzt, kommen konnte.

 

FEAR an der Schaubühne - Foto (c) Arno Declair

FEAR an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

 

Schwer verständlich für so manchen jungen Großstadthipster, wie ihn Bernardo Arias Porras gibt, der eigentlich lieber weit ab aller Probleme am Strand rumchillen möchte. Ein Mensch ohne konkrete Heimatbindung mit einem Airbnb-Hintergrund, der plötzlich nach erfolgter Sesshaftwerdung mit eigener Wohnung und Internetzugang der Faszination der Kommentarspalten im Netz erliegt, einem völlig anderen Leben wie in einem Alptraum aus Hass. Dazu werden auf der Bühne aus Laufstegen und einem Glaskasten als Rückzugsgebiet Pappkameraden mit bekannten Gesichtern der rechten Szene aufgestellt und mit einschlägigen Zeitungsmeldungen beklebt. Die Zombies beginnen im Video zu donnernder Heavy-Musik aus ihren Gräbern zu kriechen. Die drei Tänzer Denis Kuhnert, Frank Willens und Jakob Yaw bewegen sich dazu entsprechend monoton.

Richter vermutet den Ursprung des Spuks zu gleichen Teilen in der unaufgearbeiteten Vergangenheit wie auch in der wirtschaftlichen und sozialen Abhängung ganzer Landstriche, deren Bewohner sich in finsterer Einöde wie einsame Wölfe verlieren. Eine fast ausschließlich männliche Bevölkerung, die dumpf vor sich hin vegetiert, empfänglich für Hasspredigten und Verschwörungstheorien aller Art. Solche Apokalypsen hat auch der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller immer wieder in seinen Stücken beschrieben. Ein ewiger Mahner und Ausgräber der Toten aus der Weltgeschichte von Kriegen und Revolutionen vom französischen Auftrag über den russischen Zement bis zu den Gespenstern Germanias. Richter widmet ihm einen von Kay-Bartholomäus Schulze vorgetragen Ach-Heiner-Monolog, in dem er das Verschwinden kritischer DDR-Intellektueller nach der Wende beklagt. Im Video sieht man dazu die Müller‘schen Neubau-Fickzellen mit Fernheizung einstürzen.

Aber besonders die vorwiegend weiblichen Köpfe der konservativen Bewegung für die Nationalisierung und Re-Christianisierung des Abendlandes wie Brigitte Kelle, Gabriele Kuby, Frauke Petry und Beatrix von Storch bekommen hier ihr Fett weg. Große Momente für die beiden Schauspielerinnen Lise Risom Olsen und Alina Stiegler, aber auch für Tilman Strauß, der ebenfalls eine Travestienummer abbekommt. Lauter schöne Parodien auf „Hässliche hassende Frauen“, wie das Team den Abend auch mal nennen wollte. Doch selbst der normale Bildungsbürger ist meist nicht allzu weit vom Hass gebaut, wie KB Schulze als Basher von reichen Norwegern oder Schwaben, die den Berlinern den billigen, zentrumsnahen Wohnraum wegnehmen, beweist. Die Ohnmacht des wohlmeinenden Intellektuellen zeigt Lise Risom Olsen in einem „I am“-Monolog als Europa mit einem Spektrum von Hochkultur und Traum vom Weltfrieden bis hin zu offenen Gewalt und Fremdenhass.

Leider folgt daraus nicht allzu viel. Die eigene Angst weg zu lachen ist das eine. Man verliert sich aber hier zunehmend in einem Work in Progress, geht in den offenen Probenmodus über. Es genügt sicher nicht, die Dämonen der Angst mit dem Laubläser der Kunst wegzufegen und sich in eine Urban-Gardening-Scheinwelt des Schönen mit Topfpflanzen, Gitarre und den melancholischen Flower-Power-Hymnen des Neo-Folkers Sufjan Stevens zurückzuziehen. Als Ruhephase in einer nach hinten raus immer mehr zerfasernden Inszenierung scheint dieses, sicher auch etwas ironisch gemeinte, Konzept zum Nachdenken darüber, wie wir leben wollen, vielleicht ganz fruchtbar.

Aber, reicht das in einer Welt, wo für das Schöne nur noch die Insel der Kunst bleibt (wobei auch das nicht unbedingt als sicher gilt) oder das Shoppen als Ablenkung von den Problemen? Eine Frage, der sich das Team kurz stellt, bevor es mit der Horrorgeschichte der Beatrix von Storch, Herzogin von Oldenburg, und der Einfahrung des Geistes ihres Nazi-Großvaters zu einer letzten, großen Travestie auf die nationale Rezombiesierung des Abendlandes ansetzt. Wir haben Angst vor dem Schrecken des IS-Terrors, verzweifeln vor dem Elend der Flüchtlinge, den Bildern ertrunkener Kinder im Fernsehen und den Auswirkungen der Gewalt und des Hasses auf unsere Kinder. „We are the others.“ meint am Ende leise der Tänzer Frank Willens. Auch das muss sich erst noch erweisen.

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Beitrag auf Deutschlandradio: Populisten gegen Berliner Schaubühne, AfD wirft Theater Gewaltaufruf vor

Meldung auf Nachtkritik: Schaubühne Berlin wehrt sich gegen rechte Kritik an „Fear“

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FEAR (Schaubühne am Lehniner Platz, 30.10.2015)
Text, Regie und Choreographie: Falk Richter
Die Choreographie entstand in Zusammenarbeit mit Denis Kuhnert, Frank Willens und Jakob Yaw.
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Malte Beckenbach
Video: Bjørn Melhus
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Carsten Sander
Mit: Bernardo Arias Porras, Denis Kuhnert, Lise Risom Olsen, Kay Bartholomäus Schulze, Alina Stiegler, Tilman Strauß, Frank Willens und Jakob Yaw
Uraufführung war am 25. Oktober 2015
Weitere Termine im Januar 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 01.11.2015 auf Kultura-Extra.

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Feminismus und Westalgie – Die Berliner Schaubühne eröffnet mit satirischen Beiträgen von Patrick Wengenroth und Rainald Grebe die neue Spielzeit am Lehniner Platz

Donnerstag, Oktober 22nd, 2015

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Von Penisneid zu Penisleid – Patrick Wengenroths thisisitgirl im Studio der Schaubühne

Dass die Berliner Schaubühne unter Intendant und Commandeur de L’Ordre des Arts et des Lettres Thomas Ostermeier ausgerechnet mit zwei doch eher dem Genre Kabarett zuzuordnenden Theaterproduktionen die neue Spielzeit eröffnet, ist schon etwas verwunderlich. Mit dem Regisseur Patrick Wengenroth hat man am Lehniner Platz jedenfalls schon länger einen Fachmann in Sachen schräger Satire, Pop und Boulevard; und mit Neuzugang Rainald Grebe zumindest einen passablen Garanten für Stimmung, Spaß und gute Laune eingekauft. Und auch der schwarze Humor ist den beiden Enfant terribles der Hochkultur zu eigen. In jedem Fall erhofft man sich mit dem Reiz-Thema Feminismus (thisisitgirl) und einer nostalgischen Rückschau auf das alte West-Berlin (Westberlin) einen regen Publikumszuspruch.

 

thisisitgirl-westberlin_schaubühne_Oktober 2015

Spielzeitbeginn an der Schaubühne – Foto: St. B.

 

Theatermacher und Planet Porno-Erfinder Patrick Wengenroth hat sich also den Feminismus für seinen neuesten Streich thisisitgirl auf der kleinen Studiobühne ausgesucht. „Ein Abend über Frauen und Fragen und Frauenfragen für Frauen und Männer“ soll es sein. Es ist dann aber doch eher ein Abend von Männern über männliche Befindlichkeiten wie Genderstress, Orientierungslosigkeit und Selbstmitleid geworden. Das natürlich nicht ohne eine Portion Selbstironie, sonst wäre es wohl auch kaum über zwei Stunden zu ertragen. Für den Tip hatte Wengenroth sich sogar mit der Spezialistin für Frauenfragen in Literatur und am Theater Sibylle Berg zum Gespräch getroffen. So weit, so gut. Der Regisseur will aufräumen mit dem Maskulinismus und Sexismus vor allem auf der Theaterbühne, und saugt zunächst selbst den Teppich in der kleinen Wohnzimmerlandschaft mit Ledersesseln und biederen Einbauschrankwänden aus Holz.

Sich als „Quotenfrau“ des Abends bezeichnend tritt dann Iris Becher auf und stellt zunächst ihre männlichen Kollegen Ulrich Hoppe, Laurenz Laufenberg und Andreas Schröders mit eindeutig auf Alter und Körper anspielenden Sprüchen vor. Das sitzt als erste Pointe. Danach darf sie die Männer noch der Reihe nach auf die Psycho-Couch legen. Den Dreien macht ihr gestörtes Rollenbild zu schaffen und die Angst sich vor einer Frau zu Fragen der patriarchale Ordnungsgesellschaft, zu Abhängigkeiten und sexuellem Frust zu öffnen. Wir erfahren dann noch etwas von Siggi-Look-alike Ulrich Hoppe über Siegmund Freud und seine Träume, weibliche Öffnungen und den Feminismus als das kleinere Übel in der Gesellschaft. Vom Penisneid der Frauen zum Penisleid der ödipal veranlagten Männer, viel weiter geht’s leider nicht. Wengenroth kommt nicht raus aus der Männerecke.

 

THISISITGIRL von Patrick Wengenroth - Foto (c) Gianmarco Bresadola

THISISITGIRL von Patrick Wengenroth
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Matze Kloppe gibt im flauschig-infantilen Einhornkostüm den Musiker des Abends. Das ist die Richtung, in der sich die Nummernrevue dann auch weiterbewegt. Das Kind im Manne, das Bier trinkt, Fußballhymnen grölt und sich verschämt lachend platte Frauenwitze erzählt. Das greift natürlich zu kurz, wenn die drei sich auch die größte Mühe geben, männliche Klischees der Lächerlichkeit preiszugeben. Klaus Theweleits Buch Männerfantasien spielt da eine Rolle – oder auch eine Latte von feministischer Literatur von Sylvia Plath über Judith Butler bis zu Laurie Penny, wie der Programmzettel ausweist, und durch die man sich für diese Produktion wohl auch durchgeackert hat. Allein es hilft nicht, der Schauspielerin Iris Becher einen schönen Pimmel-Wutmonolog über Tradition und strukturelle Ungerechtigkeit zu schenken und sie ansonsten weiter den Frauenbilder projizierenden und ihre patriarchalen Fiktionen als Fetisch in Kleidern und Unterwäsche selbst reproduzierenden Männern auf der Bühne gegenüber zu stellen. Als Frau bleibt sie leider auch hier eklatant unterrepräsentiert.

Und wo die Männer nun die Schubladen (in der Schrankwand) auch aufmachen, überall fällt ihnen ihr männlicher Wortmüll (hier in Form von unzähligen Bierdosen und Minifässern) entgegen und bedeckt schließlich bald den ganzen Bühnenboden. Unsere wackeren Helden kämpfen sich nun scheppernd durch ihr eigenes Blech. Sicher ein schönes Bild, das nur noch durch eine Peter-Pan-Figur des sich zurück in den Mutterschoß wünschenden Ulrich Hoppe getoppt wird. Zum Schluss nimmt Iris Becher die verstörte Herrenpartie unter ihren weiten Reifrock. Mehr als Freud‘sche Symbolik, Pop und ein paar Sprüchen zum Feminismus ist Patrick Wengenroth leider nicht eingefallen. Aber gut, dass wir mal drüber gelacht haben.

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THISISITGIRL (12.10.2015)
Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Matze Kloppe
Dramaturgie: Giulia Baldelli
Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Matze Kloppe, Laurenz Laufenberg, Andreas Schröders und Patrick Wengenroth
Premiere im Studio der Schaubühne war am 16. September 2015

Weitere Termine: 6. + 8. 11. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

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Westberlin am laufenden Band, reenacted von Rainald Grebe und Ensemble an der Schaubühne Berlin

Nach zwei Produktionen am Maxim Gorki Theater (noch unter Armin Petras) hat Rainald Grebe nun eine Westberlin-Revue für Thomas Ostermeiers Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert. Und die ist dort am Ende des Kudamms, tief im Westen der Hauptstadt, wohl auch besser aufgehoben. Der alte Westen der ehemals geteilten Stadt ist nach der Wende etwas heruntergekommen. Das Interesse fokussierte sich ab 1989 mehr auf den spannenderen Osten. Nachdem nun auch dort nach und nach alles in geordneten, durchkapitalisierten Bahnen läuft und die kultigen Clubs sterben bzw. wegziehen, könnte es zumindest in einigen Teilen West-Berlins ein Revival geben. Zunehmend schicker wird es nun schon im Umkreis des Zoopalasts, dem alten Zentrum der Berlinale, die in Grebes Revue natürlich auch einen Platz mit steiler Gangway und Starauflauf bekommt.

 

1, 2, 3, fix - Westberlin von Rainald Grebe - Foto (c) Gianmarco Bresadola

1, 2, 3, fix – Westberlin von Rainald Grebe
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Es beginnt aber auf der als Altberliner Eckkneipe eingerichteten Bühne mit einer Ode an die Currywurst vor dem Moabiter Landgericht. Geschichten eines echten Berliner Jungen der Nachkriegszeit, als die Stadt noch nach Ruinen roch. Michael Eckert, ein Berliner Kiosk-Original der ersten Stunde, berlinert den Mann hinterm Tresen voll, näht ihm sozusagen die Currywurst ans Ohr, und bekommt schließlich einen Platz im Sarg zugewiesen. Ein starkes Stück, wenn man eigentlich vorhat, alte Zeiten wieder aufleben zu lassen. Die Auferstehung aus Ruinen West, mit den alliierten Streitkräften, amerikanischem Kino, Lebensmittelkarten und dem Sound der Luftbrücke.

Da ist von Anfang an natürlich auch ein wenig Spott und jede Menge Ironie im Spiel, wenn auch nicht das selbstironische Pathos des Wissenden. Das überlässt der zugezogene, bekennende Ost-Berliner Grebe seinen 8 Zeitzeugen aus 40 Jahren Berlin-West, 28 davon eingemauert als „Insel der Freiheit“ im sogenannten roten Meer. Echte Frontstadt-Insulaner also als lebender Beweis, dass West-Berlin nicht allein nur aus bereits toten Stars und Sternchen wie Harald Juhnke, Günter Pfitzmann oder Evelyn Künneke besteht.

Und da ist vor allem die immer noch recht vitale 84jährige Evelyn Gundlach, die auch nicht gerade auf den Mund gefallen ist. Sie hatte damals als 16jährige schon eine Raucherkarte und liebte die Rosinenbomber eher wegen Lucky Strikes und Chesterfield. Ein ehemaliger Berliner Sängerknabe erzählt von seinem Leben zwischen Schwulenstrich am Zoo und Chez Romy Haag, einer Ex-SEWlerin von der Kehrseite der Weltrevolution und eine ehemalige Hausbesetzerin von anderen Lebensentwürfen und dem Scheitern alternativer Wohnprojekte. Die wahren Heroen Berlins. In einem Leben zwischen Hells Angels, Buddhismus und Entspannungstherapie ist mehr Musike drin, als in der Frage, warum an Peter Steins Sommergäste-Inszenierung an der Berliner Schaubühne nur der Geruch der 300 frisch geschlagenen Birken erinnert.

 

Dass kein Joint mehr ausgeht - Westberlin von Rainald Grebe - Foto (c) Gianmarco Bresadola

Dass kein Joint mehr ausgeht – Westberlin von Rainald Grebe
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Aber anstatt mehr den Erzählungen seines „Chors von Westberlinern und Westberlinerinnen“ zu trauen, lässt Grebe sie immer wieder nur kurz als Randfiguren aus ihrem Erinnerungsschatz plaudern und füllt die klaffenden Lücken mit historischen Spielszenen, fadem DJ-Gelaber und Berliner Gassenhauern vom Band, die auch mal live von Jens-Karsten Stoll am Klavier eingespielt werden. Ein Geschichtsabriss aus Kultur, Politik und Boulevard im Schnelldurchlauf, performt von den SchauspielerInnen Robert Beyer, Marie Burchard, Tilla Kratochwil, David Ruland und Sebastian Schwarz. Dem wird man auf Dauer schnell überdrüssig und ahnt zumindest, dass die kleinen Geschichten vielleicht mehr zu erzählen hätten, als eine Nachstellung vom berühmten Foto der legendären Flucht eines NVA-Soldaten beim Mauerbau, ein trashiges Reenactment des Mords an Benno Ohnesorg während des Schah-Besuchs mit Salzstangen und Ketchup-Flasche, oder einer imaginierte Busfahrt durch „Berliner Straßen heute“.

Grebes pseudosentimentale Insel-Schau an der Schaubühne-West scheitert ebenso wie Kuttners Kessel-Buntes zum Hundertsten Volksbühne-Ost-Jubiläum im letzten Jahr. Beide Veranstaltungen kommen mit dem Wust an geschichtlichen Fakten und erinnerter Fiktion nicht klar, geschweige denn, dass sich daraus etwas wie eine kritische Distanz bilden würde, aus der man heute auf die Vergangenheit blicken könnte. Dafür sind dann selbst die immerhin knapp 2,5 Stunden auch zu kurz. Wo Jürgen Kuttner mit beredter Ironie kurz antippt und wieder wegwischt, verzettelt sich Rainald Grebe ziemlich hilflos in der Vielzahl von Ereignissen und Personen. Er spult ein endloses Defilee der Stars und Typen wie Nina Hagen, Christiane F., Wolfgang Neuss (der mit dem nie ausgehendem Joint), Iggi Pop oder Helga Götze (Ficken für den Frieden) ab. Und zu guter Letzt darf auch Rolf Eden nicht fehlen. Rainald Grebe hält acht Trümpfe in der Hand und mauert wie einst Walter Ulbricht. Es hat niemand die Absicht die Mauer wieder aufzubauen. Aber scheen war‘s doch.

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WESTBERLIN (13.10.2015)
Regie: Rainald Grebe
Musikalische Leitung: Jens-Karsten Stoll
Bühne: Jürgen Lier
Kostüme: Kristina Böcher
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Mit: Robert Beyer, Marie Burchard, Rainald Grebe, Tilla Kratochwil, David Ruland, Sebastian Schwarz, Jens-Karsten Stoll
Chor von Westberlinern und Westberlinerinnen: Petra-Fleur Daase, Michael Eckert, Michael Gress, Evelyn Gundlach, Sylvia Moss, Monika Reineck, Yvonne Vita
Uraufführung in der Schaubühne am Lehniner Platz war am 2. Oktober 2015

Weitere Termine: 23. – 26., 29., 30. 11. 2015

Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 13.10. und 14.10 2015 auf Kultur-Extra.

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THE GHOSTS – Constanza Macras und Dorky Park beschließen den Tanz im August 2015 in der Berliner Schaubühne mit einem Stück über das Schicksal ausrangierter chinesischer Akrobaten.

Montag, September 7th, 2015

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Zu Beginn von The Ghosts, der neuen Tanzperformance der bereits seit langem in Berlin residierenden argentinischen Choreografin Constanza Macras, zerreißen zwei markerschütternde Schreie den Theatersaal der Schaubühne am Lehniner Platz. Wie in einer Art Séance alter chinesischer Mythen schließt sich eine Prozession weiß verhüllter Gestalten an, begleitet von drei chinesischen Akrobatinnen, die in jeder Hand surrend drei Teller jonglieren. Mit einem alten chinesischen Jonglage-Gerät aus zwei Halbkugeln, dem sogenannten Diabolo (Deutsch: durcheinanderwerfen), das u.a. auch bei Straßenkünstlern sehr beliebt ist, erzeugt dazu einer der beiden großartigen ebenfalls chinesischen Musiker ein anschwellend sonores Geräusch in der Luft. Zum Abschluss vom TANZ IM AUGUST 2015 hat auch Constanza Macras passend zum diesjährigen Asien-Schwerpunkt einen ganz interessanten Beitrag über aussortierte chinesische Akrobaten abgeliefert.

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Foto: St. B.

Bereits in The Past zeigte sich Macras‘ Affinität zu asiatischen Schlangenmenschen, als sich ihr japanischer Tänzer Nile Koetting aus einer Einkaufstasche schälte. Nun vergleicht die Choreografin die schon in jungen Jahren in staatlichen chinesischen Akrobatenschulen gedrillten und dann bereits mit Mitte Zwanzig kurz nach ihrem Leistungshöhepunkt ohne ökonomische Absicherung wieder aussortierten Künstler mit den sogenannten „hungrigen Geistern“ aus der asiatischen Mythologie, die von Geistern verstorbener Ahnen berichtet, die immer wieder nach Hause zurückkehren, um ihren Hunger zu stillen. Um diese Geister zu besänftigen, stellen ihnen die Verwandten bei einem jährlichen Fest in Form von Essen und verbranntem Geld Opfergaben vor die Tür. Eine fast ebenso lange Tradition hat auch die Akrobatik in China.

Der deutsche Zuschauer liebt das Dokutheater, hat die 15jährige Huanhuan Zhang bei den Proben gelernt, und so erzählt die junge Akrobatin anhand eines Vortrags mittels an die Rückwand der Bühne geworfenen Videobildern von ihrem Alltag auf einem chinesischen Vergnügungspark, auf dem sie mit den beiden Schwestern Xiaorui Pan und Huimin Zhang, die ebenfalls im Stück mitwirken, und ihrem Onkel als Akrobatentruppe auftritt. Das so Vorgetragene wird noch durch weitere Biografien ergänzt inklusive der Geschichte der chinesischen Akrobatik. Bereits vor unserer Zeitrechnung verbürgt, wurde sie im 14. Jahrhundert Volkskunst und schließlich auch von den Kommunisten in den 1950er Jahre entdeckt. Mao spannte die Akrobatik als „revolutionäre Kunst“ für seine Ziele ein. Constanza Macras‘ TänzerInnen bilden hier immer wieder kämpferische Gemeinschafts-Tableaus mit den chinesischen Akrobaten. Weiter erfahren wir, dass sich der soziale Status der Truppen in den staatlichen Akrobatenschulen zunächst verbesserte, allerdings die Akrobatik in der Zeit der Kulturrevolution dann auch schnell wieder als bürgerliche Unterhaltungskunst verunglimpft wurde.

 

The Ghosts in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Thomas Aurin

The Ghosts in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (C) Thomas Aurin

 

So reihen sich die Vorträge an artistische Nummern wie Jonglagen, Körper-Kontorsionen und Akrobatik an einem von der Decke hängendem Tuch. Es wird viel auf Händen gelaufen und zirzensisch in den Seilen gehangen. Eines der Mädchen jongliert liegend relativ abenteuerlich zunächst einen großen Tisch und dann eine ihrer Schwestern auf den Füßen. Irgendwann sind wir dann auch noch auf dem Tian’anmen-Platz und landen schließlich in der Gegenwart der sich rasant entwickelnden chinesischen Industriegesellschaft, in der die Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden in den damals noch blauen Himmel schießen. China startet zum nächsten großen Sprung. Sogar die Einkind-Politik wird noch mit eingeflochten. Dabei kommt nochmal sehr schön der Mythos der traurigen Geisterfrauen zum Tragen. Eine Tochter ist kein Junge, aber am Ende besser als nichts, und kann zumindest als Akrobatin den Unterhalt für das Studium eines Familienmitglieds erarbeiten.

Nach dem Entzünden einer auf der Bühne stehenden Opferschale gibt es noch einen schönen Auftritt der Frauen in Ballkleidern, die künstlerische Wiederbelebung der „Hungergeister“ will aber so recht nicht gelingen. Der viele Text und die natürlich das Publikum begeisternden, akrobatischen Darbietungen dominieren die ganze Performance und drücken das tänzerische Element zu sehr an den Rand. Die fünf unterstützenden TänzerInnen von DorkyPark treten dabei zu Gunsten der chinesischen ProtagonistInnen und ihrer Emotionen heischenden Geschichten fast völlig in den Hintergrund. Es ist dann auch mehr die mit alten chinesischen Instrumenten erzeugte, wunderbar schräg anmutende Musik, die sich als wirklich künstlerisches Ereignis an diesem sonst so disparaten Abend angenehm ins Unterbewusstsein drängt.

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Tanz im August_logoTHE GHOSTS
Regie und Choreographie: Constanza Macras
Bühne: Janina Audick
Kostüme: Allie Saunders
Musik: Chico Mello in Kollaboration mit Wu Wei, Jiannan Chen, Fernanda Farah und Yi Liu
Sound: Stephan Wöhrmann
Dramaturgie: Carmen Mehnert
Licht: Sergio de Carvalho Pessanha
Von und mit: Emil Bordás, Jiannan Chen, Fernanda Farah, Lu Ge, Yi Liu, Chico Mello, Juliana Neves, Xiaorui Pan, Daisy Phillips, Wu Wei, Huanhuan Zhang, Huimin Zhang

Premiere in der Schaubühne Berlin: 03.09.2015

Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark und Goethe-Institut China in Koproduktion mit Tanz im August, Schaubühne am Lehniner Platz, CSS Teatro stabile di innovazione del FVG, Udine und dem Guangdong Dance Festival.

Weitere Vorstellungen von THE GHOSTS am 7. + 8.9.2015

Infos: http://www.tanzimaugust.de/programm/festivalplan/constanza-macras-dorkypark-the-ghosts/

Weitere Informationen und Tickets: www.schaubuehne.de/de/produktionen/the-ghosts

Zuerst erschienen am 06.09.2015 auf Kultura-Extra.

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Noch ’n Gedicht im Röhrenlicht – Michael Thalheimer stellt an der Berliner Schaubühne das „Nachtasyl“ von Maxim Gorki in die Kanalisation.

Mittwoch, Juni 17th, 2015

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Es wird immer gern vom Bodensatz der Gesellschaft gesprochen, der bevorzugt die Plätze der Konsum-Metropolen bevölkert, auf denen er nach Brosamen, gefallen vom Tisch derer, die sich noch oben halten können, hascht. Er ist gefallen durch das soziale Netz, das schon lange keines mehr ist, wie auch der Sozialstaat selbst sich längst in die Höhen des neoliberalen Heils verflüchtigt hat. Wer daran teil und also eine Arbeit hat, drückt sich täglich an den Elendsgestalten in S- und U-Bahnen vorbei, die ein wenig der Luft von ganz da unten mitbringen, deren Duft nicht einer der „freien“ Welt, sondern der von verbrauchtem Atem ist, dem Pesthauch der Zivilisation. Eine Teilhabe an den Verlockungen des Marktes ist denen am Boden nur aus der Perspektive des Bittenden möglich. Abgestoßen von einer Panzerung aus Gleichgültigkeit, die nur hin und wieder kurz mit dem Griff der einen Hand ins Portemonnaie und der anderen zum Taschentuch durchbrochen wird. Geld stinkt für gewöhnlich nicht, aber den Mittellosen stigmatisiert der Geruch seiner Herkunft umso mehr.

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Foto: St. B

Foto: St. B

All das gilt nicht erst seit Maxim Gorki ein Theaterstück mit dem Namen Nachtasyl – Szenen aus der Tiefe (russisch  На дне / Na dne [wörtlich: Am Boden]) geschrieben hat. Es beschreibt das Menetekel des sich weidenden und ausweidenden Kapitalismus, den Gestank einer sterbenden Welt, die sich selbst als Sieger in die Geschichtsbücher geschrieben hat. Die Verlierer sieht man allenthalben, befreit und gefangen zugleich, vor den Tempeln des Konsums, an dessen Rändern und Orten des Vergnügens, vor und nun auch wieder auf dem Theater, das in diesem Falle am Ende der Flaniermeile Kurfürstendamm steht. Die Berliner Schaubühne zeigt nun Gorkis Drama in der Regie des Stückentkerners und Essenzauspressers Michael Thalheimer, der hier bereits Tolstois Giermenschen aus Macht der Finsternis in enge Rattengänge zwängte.

Besagter Bodensatz rutscht zu Beginn aus einem bühnenbreiten Schlitz in eine betonfarbene Röhre (Bühne: Olaf Altmann), die die Ausmaße eines mannshohen Abwasserkanals hat. Bräunliche Rinnsale an den Wänden lassen keinen Zweifel aufkommen über diesen Ort am Boden: Der höhlenartige Gorki`sche Kellerraum als eine mit Scheiße volllaufende Resterampe der Konsumgesellschaft. Von dort sind auch die Kostüme. Ein zeitloser Elendsschick, von Nehle Balkhausen wie  aus einem veristischen Otto-Dix-Szenario ausgewählt, der im Laufe des Abends sein verwaschenes Aussehen der Farbe  des Röhrenausflusses anpassen wird. Einziger Kontrast dazu ist das Blut, das hier schwindsüchtig gehustet oder aus den schmutzigen Körpern geprügelt wird.

„Dreck, Dreck, Dreck, Schweine!“ keift die  kaltherzige Herbergswirtin Wassilissa Kárpowna (Jule Böwe), voller Verachtung mit dem ausgestreckten Finger um sich zeigend. Und wie aus Hundekehlen bellt der Menschenmüll zurück. Ein ehemaliger Baron (Ingo Hülsmann im  speckigen Satinpyjama) robbt vor dem Kleinganoven Wassja Pepel (Christoph Gawenda) für ein paar Kopeken sogar auf allen Vieren. Und selbst die Wirtin ruft wie das Zicklein aus dem russischen Märchen nach ihrem Geliebten Pepel, dem sie sich rücklings darbietet, in der Hoffnung, er würde ihren verhassten Mann Kostýlew (Andreas Schröders) umbringen. Die Entmenschlichung befindet sich im  fortgeschrittenen Stadium, Mitgefühl und Scham kann sich hier keiner mehr leisten.

Nachtasyl an der Schaubühne - Foto (c) Katrin Ribbe

Nachtasyl an der Schaubühne – Foto (c) Katrin Ribbe

Die letzten Reste von Selbstachtung  sind im Dauerdelirium wärmender Demenz und Gleichgültigkeit verlorengegangen. Als ob ein Nebel auf dem Gehirn läge, wie es der Baron ausdrückt. Dieses Vergessen wird nur durchzuckt von wenigen Erinnerungssplittern aus einem vergangenen Leben. Begeistert erzählt die Hure Nastja (Eva Meckbach) von Romanzen aus Liebesromanen, die sie für ihre eigenen hält. Der Baron faselt von Kaffee am Morgen und ein  namenloser Schauspieler (Felix Römer) von früherer Größe, hat den Text dazu aber längst vergessen. So hocken sie beieinander, brüllen abgehackte Sätze, schwingen sich hin und wieder hoch zum Schlitz an die Luft und rutschten danach die Schräge wieder zurück nach unten.

„Ich sterbe.“ sind die ersten Worte der schwächlichen Anna (Alina Stiegler), wiederholt direkt ins Publikum gerichtet. Wenig später ist es dann auch so weit. Und unter tätiger Mithilfe des zuvor noch Trost spendenden Pilger Luka (Tilman Strauß als Einziger ganz in Weiß) liegt die von ihrem Mann, dem Schlosser Klesc, Misshandelte am Boden. Sie ist selbst im Tod noch allen im Weg. Die anderen werden im Laufe des Abends mehrmals über die tote Anna steigen müssen. Klesc denkt dabei nur an sein Werkzeug, das er für die Beerdigung versetzen muss. Peter Moltzen spielt ihn kurz angebunden, kalt und teilnahmslos stierend. Die allgemeine Stimmung ist abgestumpft, die zugefügten Wunden zieren gleichermaßen Körper wie Seele. Mit ausgebreiteten Armen wie eine leidende Jesusfigur steht die an den Beinen verbrühte Natascha (Lise Risom Olsen) stumm an der Rampe.

Nachtasyl an der Schaubühne - Foto (c) Katrin Ribbe

Nachtasyl an der Schaubühne – Foto (c) Katrin Ribbe

Die dumpfe Wucht der Inszenierung speist sich zusätzlich aus einer konsequenten Deutung der zwiespältigen Figur des Luka hin zu einem seine Heilsversprechen auf eine bessere Welt gleich selbst als bloße Jenseitslügen entlarvenden Zyniker. Den Wahrheitsfanatiker Satin legt Thalheimer sogar mit dem träge schwatzenden Mützenmacher Bubnow zusammen. David Ruland spricht seinen Text vom Menschen einfach dröhnend gegen die Wand. Kein Hoffnungsschimmer, nirgends. Dazu wummert der Gitarrenbeat von Bert Wrede und läuft die Jauche weiter die Röhrenwände herunter. Gorki war sein Stück später nicht mehr scharf und kritisch genug. Thalheimer will ihm wider allen philosophierenden Ballast die Klarheit zurückgeben. „Wir brauchen kein Mitleid.“ Aber auch Solidarität war gestern.

Dem Schauspieler bleibt nur das kurze Rezitieren hehrer Verse aus Goethes Faust (Zweiter Teil, 1.Akt, Anmutige Gegend): „Hinaufgeschaut! – Der Berge Gipfelriesen / Verkünden schon die feierlichste Stunde / Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen / Das später sich zu uns hernieder wendet.“ Das ist dann an Zynismus sicher nicht mehr zu überbieten. Es könnten ebenso die Zeilen des russischen Volkslieds aus Gorkis Stück sein, die da lauten: „Auf und nieder geht die Sonne / Dunkel bleibt mein Kerker doch…“. Das war Regisseur Thalheimer dann aber offensichtlich zu sentimental. Schlussendlich geht der desillusionierte Mime ab, um sich selbst aus Kellerloch und Leben zu befreien. „Damit hat er uns den Abend versaut“, ist die Reaktion der Zurückgebliebenen. Ein nachhaltig treffenderes Statement könnte diese Inszenierung nicht abgeben. Betretenes Schweigen.

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Nachtasyl (09.06.2015)
von Maxim Gorki
Fassung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens nach der Übersetzung von Andrea Clemen
Premiere in der Schaubühne am Lehniner Platz war am 06.06.2015
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider.
Mit: Jule Böwe, Christoph Gawenda, Ulrich Hoppe, Ingo Hülsmann, Eva Meckbach, Peter Moltzen, Lise Risom Olsen, Bernardo Arias Porras, Felix Römer, David Ruland, Andreas Schröders, Alina Stiegler, Tilman Strauß
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause.

Termine: 17.06. und 23.-25.06.2015

Infos: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 16.06.2015 auf Kultura-Extra.

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