Archive for the ‘Schauspiel Frankfurt’ Category

„Container Paris“ von David Gieselmann. Ein Gastspiel des Schauspiels Frankfurt bei den Autorentheatertagen 2015 im Deutschen Theater Berlin

Mittwoch, Juni 24th, 2015

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ATT 2015_Plakat_grün

(c) Deutsches Theater Berlin

David Gieselmann wurde mit seiner schwarzhumorigen Komödie Herr Kolpert zu Anfang des neuen Jahrtausends weltweit bekannt. Seit Marius von Mayenburg 2009 Die Tauben an der Schaubühne am Lehniner Platz inszeniert hatte, ist es aber zumindest in Berlin etwas ruhiger um den Autor geworden. Mit seinem neuen, für das Schauspiel Frankfurt geschriebenen Stück Container Paris recycelt Gieselmann die Idee seines größten Theatererfolgs. Nur dass die möglicherweise in einer Truhe versteckte Leiche des Herrn Kolpert hier ein angeblich verloren gegangener Container unbekannten Inhalts ist, den der biedere Angestellte der Firma Sanddorn Worldwide Logistik, Peter Grothe (Torben Kessler), als Sonderbeauftragter seines Chefs (Sascha Nathan) suchen soll. Wo dieser ominöse Container ist, weiß allerdings niemand so recht, erst recht nicht Grothe, und so wird dann auch sein Satz: „Ich weiß nicht.“ zur geflügelten Phrase des Stücks.

 Container Paris - Foto © Birgit Hupfeld

Torben Kessler in Container Paris  Foto © Birgit Hupfeld

Es ist auch hier die plötzliche Idee, das Unerwartete, ein Spiel mit der Möglichkeit, das auf die Spitze getrieben, das allerschönste Chaos anrichten kann. Nur bewegen wir uns diesmal nicht in die Tiefen kleinbürgerlicher Wohnzimmerabgründe, sondern erklimmen gemeinsam mit Gieselmanns Container-Farce die Höhen undurchsichtiger Finanzgeschäfte. Dem Grunde nach aber ist auch hier Biedermann der Brandstifter, nur dass dieser „Pik 7 auf Bahnsteig 8“ die Lunte erst noch in die Hand gedrückt werden muss. Dafür gibt aus dem Publikum heraus der Wirtschaftswissenschaftler von Rottkamp (Nico Holonics), der etwas bewirbt, von dem man vorher gar nicht wusste, dass man es benötigt, die Risikobewertung ab, die da heißt: je riskanter, desto lukrativer. Der Rest folgt dann ganz den simplen Regeln des Marktes. Die Witzigkeit kennt dabei keine Grenzen, Dummheit und Kapital ja bekanntlich auch nicht. Und so beginnt der heiße Tanz ums goldene Container-Kalb, der die Protagonisten von Berlin über Rotterdam nach Paris, Oslo, Zürich und wieder zurück führt.

Jede Menge Raum also für Spekulationen, womit wir direkt beim Thema sind. Denn Grothe begegnen nun auf seiner Suche nach dem verschollenen Container der Reihe nach lauter Personen, die ebenfalls auf den Inhalt eben jenes spekulieren. Zuallererst, die Konkurrenz schläft nicht, ist da Petra Tegert (Picco von Groote), die Grothes Informationen, die dieser nur vorgibt zu haben, abschöpfen will. Später interessiert sich sogar die Kirche dafür. Lüge oder Wahrheit als Glaubensfrage. Ein Schweizer Staatssekretär (Thomas Huber in mehreren Rollen) mit jodelndem Geldkoffer und einem nach Ricola verlangendem Dialekt unterbreitet Grothe schließlich ein Angebot, das dieser einfach nicht ausschlagen kann. Mit dem Schweizer Kapital macht sich Grothe schließlich selbständig und seinen von allen vermuteten Wissensvorsprung zur Geschäftsidee. Denn wo ein Bedürfnis, ist ein Markt, und das Grothe-Consulting geht mit von Rottkamp als Berater an die Börse.

Container Paris - Foto © Birgit Hupfeld

Container Paris – Foto © Birgit Hupfeld

Regisseur Christian Brey, der sich als Harald-Schmidt-Geschulter mit abseitigem Humor, well-made play und Boulevard bestens auskennt, inszeniert das Ganze als irre, völlig überdrehte Farce mit jeder Menge Situationskomik und dem besten Zettelauffalt-und-Zusammenknüll-Slapstick der Theatergeschichte. Gespielt wird das ganz passend auf einer mit Umzugskartons und Büropapier zugemüllten Schräge (Bühne: Anette Hachmann). Im Hintergrund gibt ein Fensterband die Aussicht auf Hochhäuser und die Schweizer Alpen frei oder dient auch mal als Projektionswand für Videos, in denen der Poptheoretiker Dietmar Poppeling (Ensemble) als Verschnitt aus Diedrich Diederichsen und Popblogger Gieselmann selbst im Video auftritt. Denn der Containerhype ist längst nicht mehr nur schnödes Finanz-Business, sondern zum medialen Großereignis geworden.

Zu Grothes bunter Entourage gehören schließlich nicht nur dessen eifersüchtige Frau (Verena Bukal) und ein trotteliger Bundes-Zivi (Sascha Nathan) im Strickpullover, sondern auch das durchgeknallte, pillensüchtige Mode-It-Girl Lynn Preston (Katharina Bach), das nur mit KO-Tropfen zeitweilig ruhiggestellt werden kann, und sein etwas zu nah am Wasser gebauter Assistent Gustav von Stresemann (Thomas Huber). Um die Nachfrage nach der Containeraktie noch zu befördern, verschwindet Grothe schließlich selbst im Nebel Papa-Neuguineas oder auf den Fidschi-Inseln und überlässt seiner Frau die Firmenleitung. Wie jede schöne Blase platzt aber auch dieses große Nichts irgendwann. Dazu singt Lynn ganz nach dem Motto: „It’s just Me, Myself And I” (De La Soul) einen schönen „Babbel in the Air“-Song.

Leider sind mit der ganzen Lustigkeit irgendwann auch alle Grenzen ausgekostet und die Inszenierung beginnt zunehmend die Oberflächlichkeit zu reproduzieren, die das Stück urkomischer Weise eigentlich persiflieren wollte, was zum Abzug in der Vitamin-B-Note führt. Könnte, hätte, wäre, wenn doch nur immer alles so lächerlich einfach wäre. Isses aber nicht, obwohl die Lösung manchmal direkt unter einem Haufen Akt(i)en-Papieren liegt. Dazu muss allerdings erst die Windmaschine ordentlich selbigen machen. Klappe auf. Und? Ach…

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Container Paris
Von David Gieselmann
Uraufführung war am 19.12.2014 im Schauspiel Frankfurt
Ein Gastspiel bei den ATT 2015 in den DT-Kammerspielen (21.06.2015)
Regie: Christian Brey, Ausstattung: Anette Hachmann und Elisa Limberg, Musik: Matthias Klein, Dramaturgie: Claudia Lowin Besetzung:
Torben Kessler (Hans-Peter Grothe), Verena Bukal (Linda Grothe), Katharina Bach (Lynn Preston), Sascha Nathan (Wolf Schaub / Heinz Rohde), Thomas Huber (Jan-Hendrik Holmen / Gustav von Stresemann / Hans Zermatt), Picco von Groote (Petra Tegert / Apothekerin), Nico Holonics, Timo Fakhravar (Hans-Werner von Rottkamp), Ensemble (Dietmar Poppeling) Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.schauspielfrankfurt.de

Zuerst erschienen am 23.06.2015 auf Kultur-Extra.

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Leid und Schrecken der Medea – Als Männer vernichtendes Mysterium thront Constanze Becker über der Frankfurter Inszenierung von Michael Thalheimer, mit der am Freitag die 50. Ausgabe des Theatertreffens im Haus der Berliner Festspiele feierlich eröffnet wurde.

Montag, Mai 6th, 2013
In freudiger Erwartung. Das Theatertreffen ist Fünfzig.

In freudiger Erwartung.
Das Theatertreffen ist Fünfzig. Foto: St. B.

Mann, Frau, Liebe, Kind. In schneller Abfolge prasseln große Video-Piktogramme auf den sich vor seelischer Qual und unter großen Schmerzen windenden Leib der Medea. Dieser sagenhaften, fremden Prinzessin aus Kolchis, die seit der Antike immer wieder die Gemüter der Menschen bewegt und viele Künstler der bildenden und darstellenden Zunft inspiriert hat. Die Schauspielerin Constanze Becker verkörpert sie, gekleidet in ein seidenes Unterhemd und Stiefel, gezeichnet mit Tränenspuren aus dickem Kajal unter den Augen. Der Regisseur Michael Thalheimer ist nach längerer Pause ins Haus der Berliner Festspiele zurückgekehrt, wo am Freitag mit seiner Frankfurter Inszenierung des Euripides-Dramas das 50. Theatertreffen feierlich eröffnet wurde. Zuletzt war er 2007 / 2008 mit der „Orestie“ und den gefeierten „Ratten“, beides Inszenierungen am Deutschen Theater Berlin, in der Auswahl vertreten. Hier direkt im Festspielhaus konnte man ihn allerdings letztmalig 2005 mit Wedekinds „Lulu“ vom Hamburger Thalia Theater sehen. In der Hauptrolle die junge Fritzi Haberlandt, damals noch in fast jeder Thalheimerinszenierung besetzt.

Constanze Becker (Medea) beim Applaus im Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Constanze Becker (Medea) beim Applaus im Haus der Berliner Festspiele
Foto: St. B.

Am Haus der Berliner Festspiele hatte 2001 auch Michael Thalheimers Theatertreffen-Karriere begonnen. Mit einem ebensolchen Piktogramm-Gewitter wie eben beschrieben, untermalt mit den gleichen harten Gitarrenriffs von Bert Wrede und auf einer fast kahlen Bühne von Olaf Altmann, führte sich der junge Nachwuchsregisseur erstmalig ein. Der Zusammenarbeit dieses kongenialen Inszenierungstrios ist seitdem eine beachtliche Anzahl an erfolgreichen Produktionen entsprungen, was für Michael Thalheimer schließlich auch in sieben Einladungen zum Theatertreffen mündete. Das sei doch ein anständiges Stück ließ sich bei der Premiere von Molnars „Liliom“ der Hamburger Ex-Bürgermeister Franz von Dohnanyi aus dem Premierenpublikum vernehmen. Thalheimer hatte mit seinem inhaltlich stark reduzierten, dafür aber körperlich stark akzentuierten Spiel einen kleinen Theaterskandal provoziert. Die Inszenierung spaltete anschließend auch das Berliner Publikum. Schon das minutenlange, regungslose Starren von Hauptdarsteller Peter Kurth zu Beginn der Aufführung sorgte für einige Unmutsbekundungen.

Preis für den Regisseur. Der Theatertreffenstempel. Foto: St. B.

Preis für den Regisseur. Der Theatertreffenstempel.
Foto: St. B.

Letztendlich hatte diese Einladung aber eine Wende in der Auswahlpolitik des Theatertreffens zur Folge. Jüngere Regisseure wie Andreas Kriegenburg, Stephan Kimmig, Armin PetrasNicolas Stemann oder Thomas Ostermeier traten aus dem Schatten Frank Castorfs und trafen immer öfter den Geschmack der Jurymitglieder. Die Arbeiten von bis dato über Jahre etablierter Regisseure wie etwa Peter Zadek, Claus Peymann, Luc Bondy oder Andrea Breth verloren immer mehr an Bedeutung. Mittlerweile gehört Michael Thalheimer selbst zum Stadttheater-Establishment, und der letzte erwähnenswerte Skandal auf dem Theatertreffen liegt mit der Ekeldebatte um Jürgen Goschs Nackte-Männer-Macbeth auch schon einige Jahre zurück. Michael Thalheimer ist ein gutes Stück Theatertreffentradition. Und mit der Entscheidung, das Jubiläum mit der von allen Kritikern durchweg gerühmten „Medea“ zu beginnen, ist das Theatertreffen, das seit 2012 von Yvonne Büdenhölzer geleitet wird, dann auch kein allzu großes Risiko eingegangen.

Diese Medea, Enkelin des Sonnengottes Helios, unsterblich und über magische Kräfte verfügend, hilft laut den Sagen der griechischen Mythologie dem griechischen Helden Jason das Goldene Vlies für Pelias, den König von Iolkos, zu rauben. Im Laufe der antiken Geschichte wandelte sich diese zunächst durchaus positiv besetzte Figur der helfenden Jungfrau schließlich in die uns durch das Stück des Dichters Euripides bekannte der rachsüchtigen Kinds-Mörderin. Nachdem Medea bereits für Jason ihren Bruder Absyrtos getötet hatte, macht sie sich auch noch schuldig am Tode des Königs Pelias. Verlassen von ihrem Mann Jason zu Gunsten der Tochter des Königs Kreon von Korinth, wohin sich beide vor der Rache der Nachkommen des Pelias geflüchtet hatten, tötet Medea erst durch Zauberkraft und Gift die Nebenbuhlerin Kreusa und ihren Vater und dann, um den Verrat Jasons endgültig zu bestrafen, auch ihre eigenen Kinder. Auf einem Drachenwagen entflieht Medea zu König Aigeos, dem sie vorher einen Eid, sie zu beschützen, abgenommen hatte, nach Athen.

Das Schicksal der Medea hat auch in der Moderne viele weitere Bearbeitungen und Umdeutungen erfahren, z.B. von Hans Henny Jahnn mit einer schwarzen Medea, mit Jean Anouilhs Drama über die Unmöglichkeit die Vergangenheit abzustreifen, an dessen Ende sich Medea selbst tötet, oder in Heiner Müllers düsterer Endzeit-Variante „Verkommenes Ufer/Medeamaterial/Landschaft mit Argonauten“. Christa Wolf wiederum gab in ihrem aus feministischer Sicht erzähltem Roman „Medea. Stimmen“ der vermeintlichen Verbrecherin ihre unschuldige Gestalt zurück und stellte sie als Opfer von Intrigen und Fremdenhass dar. Selbst an der Grenze zum 21. Jahrhundert versuchten sich noch immer Autoren an einer Modernisierung des Medea-Stoffes, wie etwa Tom Lanoye mit seiner blutigen Neufassung der Argonautensaga „Mamma Medea“. Neil LaBute lässt in „Medea Redux“ eine junge Frau aus dem Gefängnis heraus die Geschichte einer heutigen Kindsmörderin als Teil seiner Mord-Trilogie „Bash – Stücke der letzten Tage“ erzählen und Dea Loher verlegt ihre „Manhatten Medea“ in die Anonymität einer ihr fremden Mega-City. Von all dem ist auch in den zahlreichen heutigen Inszenierungen der „Medea“ immer etwas dabei. Durchgesetzt hat sich auf den Bühnen letztendlich aber die Tragödie des Euripides, die auch Regisseur Michael Thalheimer in einer Neuübersetzung von Peter Krumme für seine Inszenierung wählte.

Constanze Becker und Marc Oliver Schulze © Birgit Hupfeld

Constanze Becker und Marc Oliver Schulze – © Birgit Hupfeld

Ist die Tat der Medea nun irrationaler Wutausbruch oder bewusst gesteuerte Handlung? Ist sie überhaupt mit dem reinen Verstand begreifbar? Das sind die entscheidenden Fragen, mit denen sich ein Regisseur bei jeder Neuinszenierung konfrontiert sieht. Michael Thalheimer lässt daran keine Zweifel. Bei ihm ist diese aus männlichem Eigennutz erst missbrauchte und dann verlassene, in ihren Gefühlen tief verletzte Frau nicht Opfer ihrer Leidenschaft, sondern aus dieser Erfahrung heraus ihrerseits entschlossen Leiden zu schaffen. Die zunächst noch als weit entfernte, tief ausgeleuchtet Gestalt auf einer Mauer aus schwarzen Sperrholzplatten kauernde, furchtbare Klagelaute ausstoßende Medea, geht vom tief empfunden Gefühl des Unglücks über den durch Jason erfahrenen Verrat („Unsäglich ist die Qual“), ziemlich schnell und gefasst zum fürchterlichen Racheplan über. Gerhard Stadelmaier, der Großkritiker der FAZ, schrieb 2006 über die Medea-Inszenierung von Barbara Frey am DT: „Man hätte Nina Hoss mitten auf eine leere Bühne stellen können: Sie hätte sie gefüllt.“ Constanze Becker bewältigt das, sparsam körperlich akzentuiert, zunächst allein mit ihrer Stimme. Das Erhabene der Hoss`schen Gestalt weicht hier wieder ganz dem Archaischen. Und so klar, konzentriert auf das Ursprüngliche der Figur, ohne jegliches überflüssiges Gehabe, hat man die Medea wohl schon lang nicht mehr gesehen.

Die Männer sind dagegen wachsweiche, biegsame Typen, ganz auf die Sicherung ihrer Macht bedacht. Sie treibt die Angst vor den Flüchen und den großen Gefühlsausbrüchen dieser Frau. Der Auftritt Kreons (Martin Rentzsch) ist kurz und fahrig, sichtlich um Haltung und Wahrung seiner Autorität bemüht. Jason (Marc Oliver Schulze), ganz in blauem Samt, ist eine einzige beredt schwitzende Rechtfertigung. Und der wie zufällig vorbeischreitende Aigeus (Michael Benthin), als Verkörperung eines gottesfürchtigen Mannes, nur von der Aussicht besessen, Medea würde ihm den sehnsüchtigen Wunsch nach Kindern erfüllen können. Er schwört ohne Zögern auf Helios und alle Götter, sie zu beschützen, sobald sie sich nur selbst aus dem Lande retten könne. Lange Schatten werfen diese Männer dabei im tiefen Seitenlicht auf die hohe Wand. Wie eine Megäre hockt dort Medea auf ihrem Hochsitz, lauernd wie die Spinne im Netz. Die Wand fährt schließlich langsam nach vorn, nimmt das gesamte Bühnenportal ein und drängt die unter ihr Stehenden an den Rand der Bühne, dem drohenden Abgrund entgegen.

Yvonne Büdenhölzer, Michael Thalheimer und Constanze Becker bei der tt-Stempelübergabe Foto: St. B.

Yvonne Büdenhölzer, Michael Thalheimer und Constanze Becker bei der tt-Stempelübergabe
Foto: St. B.

Die tiefe Leidenschaft, das gewaltige Herz der Medea, die sich bewusst an Jason bindet, ihre Liebe zu ihm über die eigenen Verwandten stellt, kann die Schmach nach Jasons Verrat nicht verwinden. Die seelische Verletzung ist zu tief, als dass sie das ihr zugefügte Unrecht ungesühnt lassen könnte. In der Verkennung dieser Kraft und der eigenen Selbstüberschätzung werden alle Männer leicht zum Spielball ihrer furchtbaren Rache. Die einzigen Vertrauten Medeas, die alte Amme (Josefin Platt), unsicheren Fußes auf klobigen Koturnen das Schicksal, eine auf Unrecht begründeten Liebe beklagend, und der Chor der Korinthischen Frauen, hier mit Bettina Hoppe stark in einer Person vereint, können sie nicht von ihrem Entschluss, auch noch die Kinder zu töten, abbringen. Große Genugtuung erfüllt Medea beim Bericht des Boten (Viktor Trempel) über den schrecklichen Tod Kreons und der Kreusa im von den Kindern Medeas überbrachten Kleid und Geschmeide. Letzte Zweifel auch ihre allerletzte Tat zu überdenken, sind schnell hinweggewischt. Jason, ein nasses Bündel Elend, liegt nach der Entdeckung der unfassbaren Tat nun zu ihren Füßen, vernichtet vom grausamen Willen der Verschmähten. Was unmöglich scheint, ist Götterwille, raunt der Chor. Das kann man hier getrost bezweifeln.

In der nächsten Spielzeit wird die sichtlich schwangere Constanze Becker wohl pausieren, obwohl man sich kaum eine bessere Besetzung für die von Michael Thalheimer am Schauspiel Frankfurt geplante Penthesilea-Inszenierung vorstellen kann. Nachdem Nina Hoss sich gerade frisch vom DT verabschiedet hat und an die Berliner Schaubühne wechselt, ist wohl auch nicht mit ihr zu rechnen, obwohl Thalheimer auch weiter dort am Lehniner-Platz inszenieren will. Aber vielleicht ist Constanze Becker ja bis zum Mai nächsten Jahres wieder zurück, um Kleists Stoff über die ganz von Herzen liebende Amazonenkönigin, die im Gefühlschaos Bisse für Küsse greift, gemeinsam mit Michael Thalheimer ganz neu zu befragen. Einer der entscheidenden Gründe, laut Yvonne Büdenhölzer, weshalb die „Medea“ hier beim Theatreffen zu sehen ist.

Haltestelle Theatertreffen Fünfzig Foto: St. B.

Haltestelle Theatertreffen Fünfzig – Foto: St. B.

Der Rest der Eröffnung ist schnell erzählt. „The same procedure as evrey year.“ Der Theaterjetset bevölkert wieder den Bornemannbau an der Schaperstraße, der ebenfalls seinen Fünfzigsten begeht. Vor der Premiere werden Politikerreden gehalten. Es geht in den Festreden wie immer ums Geld, das man haben möchte (Festspielchef Thomas Oberender) oder um das, was man großzügig verteilen will (Kulturstaatsminister Bernd Neumann). Immer mit kleinen Seitenhieben an die Politkonkurrenz der Stadt versteht sich. Es ist schließlich Wahlkampf. Und man kann sich kaum exponierter im Rampenlicht sonnen, als auf einer echten Bühne. Ein Festival, wie ein Mann in den besten Jahren, tönt es vom Rednerpult, oder eine Frau, wie es im Publikum raunt. Die Fettnäpfchen für Politikerworte sind auch im Theater dicht gesät. Eine Sperrholzterrasse vor dem Haus läd beim anschließenden Sekt zum Verweilen ein, und an der kleinen Bushaltestelle „Theatertreffen“ können nun wieder bis zum 19. Mai die Besucher austeigen, um die 10 bemerksenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum zu bewundern. Der starke Ansturm auf die Karten ist nach wie vor ungebrochen.

Gewohnter Anblick vor dem Festspielhaus.  Suche Karte - Foto: St. B.

Gewohnter Anblick vor dem Festspielhaus.
Suche Karte! – Foto: St. B.

Michael Thalheimer hat den Anfang gemacht. Ihm folgen nun weitere allseits bekannte Namen des deutschen Theaterbetriebs wie Luk Perceval, Johan Simons, Karin Henkel, Katie Mitchell oder Sebastian Nübling. Und auch Herbert Fritsch ist schon zum dritten mal hintereinander dabei. Mit Hamburg, München, Köln, Zürich und Berlin besitzen die meisten der ausgewählten großen Häuser bereits ein Abo fürs Theatertreffen. Das Fehlen der freien Szene ist trotz der ehrenwerten Entscheidung der Jury, die Produktion Disabled Theater des bekannten Choreografen Jérome Bell unter Mitwirkung behinderter Darsteller des Theaters Hora einzuladen, deutlich spürbar. Da trösten so unkonventionelle Produktionen wie die großartige Krieg-und-Frieden-Inszenierung von TT-Neuling Sebastian Hartmann oder die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ von Sebastian Baumgarten nur ungenügend über die sonst recht vorhersehbare Wahl im Jubeljahr des Theatertreffens. Also dann doch wieder nur business as usual? Man wird sehen.

Fortsetzung folgt.

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Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik – Die Autorentheatertage 2011 am DT in Berlin haben begonnen

Sonntag, Juni 19th, 2011

If I had a hammer, oder wie Roland S. Superman die Welt rettet – „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum“ vom Schauspiel Frankfurt in der Regie von Christoph Mehler

augustiner_hell.jpg Bild: www.augustiner-braeu.de
„Glaube, damit du erkennst.“ Heiliger Augustinus erHelle den Geist.

Kein Theaterfest ohne einen Schimmelpfennig. Da es dieses Jahr für Mülheim oder das Theatertreffen nicht gereicht hat, richtete ihm das DT einen Schwerpunkt bei den Autorentheatertagen 2011 ein. Zusammen mit der Jungautorin Rebekka Kricheldorf (dazu später) steht er für das diesjährige Motto: Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik. Auf allen vier Gebieten war Roland Schimmelpfennig bisher ein Meister seines Fachs und Garant für gut gemachte Storys. Im letzten Jahr entdeckte er allerdings seine soziale Seite und legte Stücke wie „Der goldene Drachen“ und „Peggy Picket sieht das Gesicht Gottes“ vor. Mit ersterem gewann er auch noch den Mülheimer Theaterpreis 2010, daraufhin haben drei große Theater (Berlin, Hamburg und Wien) das zweite im letzen Herbst kurz hintereinander uraufgeführt. Während er im „Goldenen Drachen“ noch mit schwarzem Humor und übergroßen Metaphern soziale Schieflagen illegal Beschäftigter beschreibt, stehen bei „Peggy Picket“ ganz real Probleme der zivilisierten Gesellschaft mit dem Elend in der dritten Welt im Mittelpunkt. Metaphysisch wird es nur noch in der Gestalt einer afrikanischen Holzpuppe, die für das Exotische, Unbegreifbare Afrikas steht. Schimmelpfennig mutierte nun binnen eines Jahres vom phantastischen Erzähler zum politischen Ankläger, mit allerdings überwiegend sehr banalen Aussagen und Bildern schwingt er den verbalen Hammer gegen das Elend in der Welt. „If I had a hammer / I’d hammer in the morning / I’d hammer in the evening / All over this land“ (The Hammer Song, von Lee Hays und Pete Seeger)
Und nun ist dieses Bild sogar manifeste Bühnerealität, Roland Schimmelpfennig hat tatsächlich einen Hammer und was für einen. Er schlägt damit mühelos Löcher in Wände und reißt demnächst wohl ganze Mauern ein. Wenn er nicht gerade schreibend über den Übeln der Welt verzweifelt, schwebt er über Berliner Straßen, verbrüdert sich mit Bauarbeitern, die nur kurz die angebissene Bockwurst weglegen, von der Lektüre ihrer Bild-Zeitung aufschauen und dann gleich wieder schnell zur letzten Seite weiterblättern. Dort rekelt sich Mandy das geile Luder und Schimmelpfennig schwebt schon beseelt von größeren Gedanken weiter, umarmt junge Mütter, hilft alten Damen über die Straße und wirft dem glücklich lächelnden Bettler an der Ecke eine Handvoll Goldstaub in den Hut.
Gelandet ist er jetzt, wie und warum nur, in den Kammerspielen des DT. Aufgesprungen auf den allgemeinen Empörungszug fährt er dann allerdings mit seiner bierselig larmoyanten Bauarbeiterparabel voll gegen die Wand. Drei bedauernswerte Maurerexistenzen versuchen verzweifelt durchzubrechen, durch die Wand, die den Blick fürs Wesentliche verstellt. Die Kolonne der freien Seelen philosophiert sich durch den Elendsschlamm der westlichen Welt voll Gier, Umweltzerstörung und Cottbuser Pfuschmuffen, Rudi kotzt sich mal richtig aus. Der Klassenkampf besteht nur noch im Ficken mit der Frau des Bauherrn, Ricki macht Strichliste und das nächste Bier auf. „Die Patrizier haben nicht das letzte Wort.“ frohlockt Uli. Das Ganze zieht sich zäh von einem Augustiner zum nächsten. Der Wutanfall gipfelt schließlich in einem unvermittelten Befreiungsschlag, „Ich glaube an die Zukunft, wir werden es schaffen, irgendwie.“ Nur wie, ist Uli noch nicht ganz klar. Ein dunkles Loch dräut in der Wand und wir schauen mit ihm fasziniert in selbiges auf eine schimmelige, faulende Welt. Noch geschüttelt von dermaßen elektrisierenden Gedankenblitzen reibt man sich die Augen, „Verdammte Fickscheiße!“ so einfach kann die Welt sein.
War da noch etwas? Ach ja, es klopfet wieder an den Brettern der Kammerspiele. „Herein, wenn es kein Schimmelpfennig ist“. Aber es ist nur der verlorene vierte Mann der Kolonne. Marek phantasiert mörtelverschmiert und pimmelschwingend in bester Schimmelpfennigscher Art über das Zwischenreich unter den Dielen voller Feen und Insekten. Wie aus Zettels Traum entsprungen (im Programmheft wird Shakespeare zitiert) umtanzt er die bierbeduselten Kollegen und gemeinsam machen sie sich auf, um hinter die Mauer in eine glückselige Zukunft zu taumeln. Wir bleiben zurück und stimmen ein in den erlösenden Gesang: „Schubidu, Schubidu und raus bist du.“ Auch eine Art phantastischer Utopie. In der neuen Spielzeit allerdings wird Schimmelpfennig jedenfalls wieder ein Stück am DT uraufführen, es geht um „Die vier Himmelsrichtungen“. Goin‘ Where The Wind Blows.

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„Das Genie ist ein Gestörter, den ein Anderer erstlich auslegen muߓ – Oliver Bukowskis Kleistsatire über Glück, Genie und Wahnsinn vom Hamburger Schauspielhaus in der Regie von Markus Heinzelmann

Im zweiten Schwerpunktthema beschäftigen sich die Autorentheatertage mit der Komödie. „Humor funktioniert, oder er funktioniert eben nicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ ist die Meinung der Alleinjurorin der „Langen Nacht der Autoren“ Elke Schmitter. Außerdem hat sie eine deutsche Vorliebe für das humorfreie Theater entdeckt und daher muss „Natürlich Komödie!“ sein, da sie sich gerne amüsiert und bisher im Theater viel zu selten die Gelegenheit dazu hatte. Man muss ihr Recht geben, wenn man sich die Spielpläne mit viel theorieschweren Ballast so ansieht. „Um es kurz zu machen: Humor ist nur bedingt theoriefähig.“ und somit bestens geeignet dem empörungsmüden Theatergänger wieder mit der Banalität und Komik des Einzelschicksals zu konfrontiert. Die große allgemeine Tragödie gegen die Spontaneität des Witzes, was sie sich im Einzelnen darunter vorstellt wird man am 25.06. im DT zu sehen bekommen.
Mit Oliver Bukowskis Stück nach Motiven Heinrich von Kleists erhält man zumindest einen kleinen Vorgeschmack davon, was eine gut geschriebene Komödie ausmacht. „Wie vergegenwärtigt man Kleist? Buchstäblich. Es sind kaum Rückschlüsse vom Werk auf das Leben des Autors möglich…“ konstatiert Bukowski. Also mixt er einfach bekannte Fakten aus dem Leben Kleists mit der fiktiven heutigen Figur des Bernd Getskard (Stefan Haschke). „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“, ein Zitat aus dem Erstling Kleists „Die Familie Schroffenstein“, zeigt seine ungestüme Vorgehensweise, der auch Bernd anhängt. Ausgehend von Kants „Kritik der Urteilskraft“ nach der „…die Natur durch das Genie nicht der Wissenschaft, sondern der Kunst die Regel vorschreibe“ (Stefan Haschke spricht am Beginn Kants Text) läuft nun am Beispiel des „verkannten Genies“ Kleist in der Figur des Allroundtalents Bernd, der sich nun nacheinander enthusiastisch als Performer, Theaterautor, Büroangestellter, Zeitungsherausgeber und schließlich als Naturbursche versucht (Kleist wollte einen Bauernhof in der Schweiz unterhalten), eine regelrechte Slapstickkanonade ab.
Es geht natürlich nicht in erster Linie um Kleists beginnende Existenzkrise und Depression nach der Lektüre von Kants Werk, sondern eher um den Anspruch des Künstlers wie jede normal Existenz sein Glück zu finden. Und das stellt sich für Bernd nicht so einfach dar. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt bewegt sich die Gefühlsspanne des aufkeimenden Talents, dem seine Förderer schon mal vor verschlossener Tür gut zusprechen müssen oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn das Genie mal eben 5000 € bei einer Performance verbrannt hat. Kleist rann das Geld auch nur so durch die Finger, seine notorische Klammheit hat ihn immer wieder in ungeliebte Broterwerbe getrieben. Meistens hatte er aber betuchte Mäzene zur Verfügung, wie jenen Wiepert (Marco Albrecht), der wie der Dichter und Herausgeber Christoph Martin Wieland, dem Kleist einst aus seinem „Robert Guiskard“ vorlas, immer wieder seine schützende Hand über ihn hält. Letztendlich wird es aber auch diesem zuviel mit den sprunghaften Ideen seines Schützlings und er erklärt ihm sein Verhalten als unzeitgemäß für die heutige Kreativgesellschaft. Dass das Getskard wie auch Kleist nicht von seinem Lebensweg abbringt, da er nicht in diesen Kategorien denkt, ist aber auch Wiepert irgendwann klar. Bernd nimmt gelassen von ihm Abschied, den nächsten Plan schon klar vor Augen.
Die Einzige die fast bedingungslos wie ein Groupie zu ihm hält und gegen seine Pathologisierung ankämpft, ist seine Dauergeliebte Claudi (Lydia Stäubli). Sie changiert von treu ergeben und verständnisvoll bis zur sanften Kritik, die aber Bernd sofort aus der Bahn wirft. Bei der Premiere seines ersten Theaterstücks hält ihn buchstäblich nichts auf seinem Stuhl. Als Claudi meint, dass das alles doch nur Theater sei, ist Bernd sofort auf der Palme, nachdem das Stück beim Publikum gescheitert ist, ist er nicht mehr zu bremsen, wie eine Furie will er dem Regisseur, als vermeintlichen Verursacher den Pleite, an die Wäsche. Diese Art der Selbstzweifel spiegeln Kleist Gemütslage bestens wider. Haschke gibt als Bernd das Springteufelchen par excellence und zeigt eine unendliche Bandbreite an Mimik und Gestik. Mitten in der Nacht exerziert er seine pedantischen Erziehungsmethoden und Claudi repetiert wie aus der Pistole geschossen, eine Persiflage auf Kleists Briefe an Wilhelmine von Zenge, seine Verlobte, die er mit solcher Art Erziehungsmaßnahmen traktierte. Aber selbst wenn man Kleist Biografie nicht kennt, ist das Stück well made und als Komödie über den verhinderten Künstler auch heute verständlich. Die finalen Schüsse am kleinen Wannsee bleiben auch bei Bukowski nicht aus, es hätte ihren aber nicht unbedingt bedurft. Kleist ist mit seinem Glücksanspruch in seiner Zeit gescheitert, wie es mit dem heutigen Künstler aussieht, kann man sich denken, ein Mangel an Beispielen besteht mit Sicherheit nicht.

dsc03727.JPG Kleists Grab am Kleine Wannsee.
Birgt ein tragisches Leben genug Potential für eine Komödie?
(Foto: St. B.)

Das Bukowski ein Händchen für psychologische Stoffe besitz, hat er am DT bereits mit seinem Soloabend „Der Heiler“ für den Schauspieler Jörg Gudzuhn bewiesen. In diesem Stück über die Rechtfertigung eines Psychologen bezüglich des Todes einer Patientin, betont er die menschliche Seite des Berufs gegenüber einer rein medizinischen Betrachtungsweise. Der Umschwung von erst selbstsicherer Überlegenheit zu einem schwankenden, an sich und dem System zweifelnden Menschen, macht Gudzuhn in Sprache und Geste spürbar und nachvollziehbar. Es ist in diesem Stück in der Regie von Piet Drescher viel Wissen um zwischenmenschliche und gesellschaftliche Schieflagen versteckt, dies wird besonders durch das Spiel des mit dieser Rolle endgültig aus dem Ensemble des DT scheidenden Schauspielers Jörg Gudzuhn sichtbar und es sind eben gerade die leiseren Töne am Ende, die ein Einfordern eines verständnisvolleren und menschlicheren Umgangs miteinander verdeutlichen. Tragik und Komik liegen im Leben immer dicht beieinander, Oliver Bukowski war schon immer ein Meister dieses Zusammenspiels. Es bleibt zu hoffen, dass bald wieder ein Stück von ihm in Berlin zur Aufführung kommt.

Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum? Ein neuer Schimmelpfennig in Frankfurt/M – Eine kleine philosophische Betrachtung

Montag, April 11th, 2011

In den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt hatte kürzlich in der Regie von Christoph Mehler das Neue Stück vom Mülheimpreisträger 2010 Roland Schimmelpfennig Premiere. Es heißt „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum?“ Wie man so liest, treten dort eine Handvoll Bauarbeiter auf, schlagen ein Loch in die Wand, in dem einer von ihnen angeblich verschwindet und irgendwann pimmelschwingend aus dem Reich unter den verfaulenden Dielen wieder auftaucht und reden über Gott und die Welt, wie Bauarbeiter das eben so den ganzen Tag und die halbe Nacht machen. Ein richtig schönes Schimmelpfennig-Märchen also. Die Kritik ist außer sich und voll des Lobes. Die Billiglöhner aus dem Osten haben wieder Pfusch gebaut und die Cottbuser Muffe ist geplatzt. Nun sitzen die Handwerker um ihren Chef Rudi und philosophieren mit einem Kasten Augustiner-Bier um die Wette. Dabei fallen dann die magischen Worte aus der Regieanweisung Schimmelpfennigs: „Pause. Bier. Rauchen. Vielleicht Arbeit“, einer der wohl schönsten Theatersätze, die ich je gelesen habe, gehört leider noch nicht. Aber vielleicht geht Schimmelpfennig ja mit dem Stück auf Brandenburgtournee, obwohl er dabei wohl einen großen Bogen um Cottbus machen sollte und unbedingt anderes Bier einpacken muss. Diesen schönen hochphilosophischen Satz kann man eigentlich erst so richtig verstehen, wenn man wie ich schon einmal selbst im realsozialistischen Mörtel gerührt und sinnlose Löcher in Wände gehauen hat.
Es ist ja nicht das erste Stück in dem Bauarbeiter bei Schimmelpfennig auftreten. Jürgen Gosch hat ja mal in einer Inszenierung von Schimmelpfennigs „Auf der Greifswalder Straße“ eine ganze Schubkarre Steine aus der Rangloge auf die frisch renovierte Bühne des Deutschen Theaters in Berlin schütten lassen, was sicher einigen Verantwortlichen kurz das Herz stocken ließ, mir aber irrsinnige Freude bereitete, da darin schon die Sinnlosigkeit allen aufklärerischen Strebens zum Ausdruck kommt. Da kippt ein Prolet dem Bildungsbürger in seinem frisch geputzten Tempel eine Karre Schutt auf die Bretter, die die Welt bedeuten und unter denen sich wohl jetzt auch noch ein ganzes „kannibalistisch-kolonialistischen Insekten-Reich“ (G.St./FAZ) befindet. Da lob ich mir doch die philosophischen Runden in unserem Bauwagen damals in der Baulücke Cottbuser Straße bei einem oder mehreren Cottbuser Hell, je nachdem ob die Steinen und/oder der Zement noch vor oder erst nach dem Mittag kamen. Meist kamen sie ja gar nicht, also viel Zeit zum Philosophieren. Und wir waren alle große Bierphilosophen, vom Brigadier (so hieß der Polier) bis zum Handlanger, der leider noch vor der Wende einer Leberzirrhose zum Opfer gefallen ist. Manche Philosophie erledigt sich sozusagen von selbst. Adorno hatte Recht, Aufklärung ist totalitär und Philosophie kills.
Dabei ging es bei unseren hochprozentigen Weltbetrachtungen gar nicht so sehr um ein „Wenn, dann…“ oder ein Wie und Warum, sondern eher um ein Wann und Wo wird ein neuer Kasten Bier geholt bzw. Wer holt den und kommt heute noch Arbeit oder nicht. Da kann man schon mal in eine echte existentielle Schaffenskrise und Schieflage geraten. Aber immerhin haben wir die große Anarchie versucht, zumindest in der kleinen Welt unseres Bauwagens und trotzdem noch hin und wieder eine gerade Ecke gemauert. Und außerdem, Philosophieren auf der Baustelle ist doch heute im durchorganisierten Kapitalismus gar nicht mehr möglich, weder in Frankfurt am Main noch in Cottbus an der Spree, Arbeit hin oder her. Und darum braucht es solche Autoren wie Schimmelpfennig, die noch eine echte Utopie haben. Ob nun der Sozialismus an zu wenig Zement (was ich bezweifele, Betonköpfe gab es ja genug) oder daran gescheitert ist, dass wir zu viel Bier getrunken haben, habe ich leider vergessen, keine Ahnung. Ich weiß nur: Kapitalismus und ich „Wir passen nicht zusammen“. Delirium for ever! Jetzt gehe ich mir erst mal ein Augustiner aufmachen und denke etwas über die geplatzte „Cottbuser Muffe“ nach und vielleicht überschreibe ich danach noch einen Shakesbier.

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An die Freunde (eines guten Tropfens)

Sehn wir doch das Große aller Zeiten
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
Sinnvoll still an uns vorübergehn.
Alles wiederholt sich nur im Leben,
Ewig jung ist nur die Phantasie;
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie!

Friedrich Schiller

Hier gehts zur Nachtkritik des Stückes

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NACHTRAG:

Nun ist es sogar amtlich. Die Genossen der DDR waren Schnapsweltmeister. Spiegel-online titelte am Sonntag: „Jungs, macht die Kehle frei!“, Morgenpost-online zog gestern nach. Der Ethnologe Thomas Kochan, ehemaliger Cottbuser, hat die Spezies des trinkenden Ossis für seine Doktorarbeit „Blauer Würger – Trinkgewohnheiten der DDR“ untersucht, die nicht etwa von der Spirituosen-Lobby, sondern von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gesponsert wurde. „Hipp Hopp, rin in Kopp“, aber welch eine Enttäuschung, kein Saufen für den Widerstand, nicht einmal für den Weltfrieden, ruhig gestellt wurde der gemeine DDR-Bürger. Alkohol gab es immer und in reichlichen Mengen steht da. Sehr beliebt war die „Wodka-Bockwurst-Diät“, eine todsichere Methode zum Abnehmen. Selbst 13-jährige Mädchen wurden von ihren Freunden mit gefälschter Vollmacht zum Schnapskaufen in den Konsum geschickt. Lieblingsgetränke der Kinder waren Eierlikör und Kiwi (Kirsch-Whisky). Auch bei uns zu Hause stand immer ein Rumtopf, angesetzt mit Grufu (Grubenfusel), einem Depotat-Schnaps für Werktätige in der Braunkohle. Was Kochan aber nicht herausgefunden hat, sogar bei der NVA, wo Alkohol eigentlich verboten war, gab es einen eindeutigen Beschaffungs-Code: Brauche dringend 14 50 für 0 7 zwecks 3 8. Was soviel bedeutete wie Goldbrand (kostete 14,50 Mark) im 07er Glasmantelgeschoss zwecks 3,8 pro Mille im Turm. Eine ganze Friedensstreitmacht auf Schlängelkurs zum Schutze des Sozialismus, wenn das die NATO gewußt hätte.
Die DDR-Opposition habe sich übrigens laut Kochan „neben Meinungs- und Reisefreiheit auch gegen Umweltverschmutzung und Alkoholabhängigkeit engagiert“. Na ja, es sah ja auch wirklich nicht schön aus, wenn die ganzen Alkoholleichen im Urlaub am Balaton immer gleich neben ihren Trabis herumlagen. Anschauungsmaterial haben die Artikler von der Morgenpost freundlicher Weise gleich mit beigefügt. Das Trinkverhalten der Ossis war aber trotzdem nicht alkoholfixiert sondern zentriert, also ganz klar von oben organisiert. Welch große nachträgliche Ernüchterung und spirituelle Erleuchtung zugleich. Der angehende Dr. spirituosus Thomas Kochan hat nun auch seine gesammelten Erfahrungen genutzt und einen Schnapsladen im Prenzlauer Berg eröffnet, „Dr. Kochan Schnapskultur“ in der Nähe der Immanuelkirche, auch einst ein Hort der DDR-Opposition, welch ein Frevel. Aber kein Blauer Würger oder gar Pfeffi für den guten Atem sind dort etwa im Angebot. Nein, im Kapitalismus betrinkt man sich mit Niveau und geistig hochwertigen „europäischen Destilaten“ wie dem Kräuterbalsam der Dominikanerinnen des Klosters Heilig Kreuz. Na dann Gott zum Wohl, meine Oma hätte sich mit so etwas wahrscheinlich die Füße einbalsamiert. Da hole ich mir doch lieber einen Eckes-Edelkirsch vom Aldi um die Ecke. Prost.
Nun ist der Ossi also wieder um ein weiteres Stück Vergangenheit ärmer, betrogen durch den Kontrollwahn der SED-Diktatur, die selbst die sicher geglaubte Flucht des frustrierten DDR-Bürgers in den Suff organisiert hatte. Herr Schimmelpfennig, empören Sie sich mit uns und schreiben Sie ein neues Stück. Geben Sie dem Ossi seine Würde zurück, aber bitte nicht mit Augustiner Hell.

Nichttrinkerlied

Das Schicksal hat es so gefügt,
dass mir am Alkohol nichts liegt.

Mich lockt nicht Bier, nicht Gin, nicht Wein –
Na ja, ein Wein, der darf schon sein.

Mich lockt nicht Korn, nicht Bier, nicht Gin –
Ist da ein Gin? Dann immer rin!

Mich lockt nicht Wein, nicht Korn, nicht Bier –
Da kommt ein Bier? Das nehmen wir!

Mich lockt nicht Gin, nicht Wein, nicht Korn –
Her mit dem Korn! Und dann von vorn:

Das Schicksal hat es so gefügt,
dass mir am Alkohol nichts liegt etc.

Robert Gernhardt