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Ich bin dann mal… gleich wieder da – In seiner Inszenierung von Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln“ spielt Regisseur Thom Luz ironisch mit der Illusion von Fernweh. Theatertreffen 2015 (Teil 2)

Samstag, Mai 9th, 2015

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Neben Klassikern wie Ibsen, Brecht und Beckett gibt es beim Theatertreffen 2015 auch vereinzelt den modernen oder postmodernen Autor zu erleben. Ebenso was Regisseure anbelangt; trotz dreier Wiederholungstäter aus dem letzten Jahr und einiger erwartbarer Dauergäste sind paar überraschende Newcomer registrierbar – so Regietalent Thom Luz, der Judith Schalanskys Nichtreiseführer Atlas der abgelegenen Inseln für das Schauspiel Hannover umgesetzt hat…

Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

Atlas der abgelegenen Inseln vom Schauspiel Hannover
Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

Mit dem Finger auf der Landkarte hat man alles ganz allein im Griff, heißt es in einem Kinderlied. Was man dafür braucht, ist nur ein klein bisschen Fantasie. Judith Schalansky hat 2009 so ein Lesebuch für die Daheimgebliebenen mit dem vielversprechenden Titel: Atlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde geschrieben. Darin porträtiert die junge, in Greifswald geborene Autorin und Kommunikationsdesignerin fünfzig entfernte Eilande mittels einer künstlerisch gestalteten Landkarte und fünfzig kurzen Episoden, die das große Fernweh, die Sehnsüchte nach fremden, unerreichbaren Ländern beschreiben.

Die Insel gilt uns dabei seit jeher als faszinierender Ort möglicher Utopien wie auch deren Scheiterns. Und der bildgewordene wie sprechende Ausdruck der Geschichte von Weltentdeckung, Schatz- und Glückssuche sind nun mal vorwiegend Karten aller Arten und Couleur. Für die Autorin Schalansky ist die Insel gleichsam „ein theatraler Raum“: „Alles, was hier geschieht, verdichtet sich beinahe zwangsläufig zu Geschichten, zu Kammerspielen im Nirgendwo, zum literarischen Stoff. Diesen Erzählungen ist eigen, dass Wahrheit und Dichtung nicht mehr auseinanderzuhalten sind, Realität fiktionalisiert und Fiktion realisiert wird.“

Treppenhaus des Carl-von-Ossietzky-Gymnasium - Foto: St. B.

Treppenhaus des Carl-von-Ossietzky-Gymnasium
Foto: St. B.

Diese poetisch verdichtete Vermischung macht nun Thom Luz zum Ausgangspunkt für ein mehrstimmiges Hörstück auf drei Stockwerken für vier Schauspieler und ebenso viele Musiker. Als Spielort für sein assoziatives Bild-, Bewegungs- und Musiktheater wählte Luz das gusseiserne Treppenhaus der zwischen 1883 und 1886 errichteten Galerie Cumberland in der Nähe des Schauspiels Hannover. Für die Aufführung beim Berliner Theatertreffen wählte der Regisseur Luz das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow, ein ebenso imposanter Bau mit einem weiten, steinernen Treppenaufgang und schönem Kreuzgewölbe.

Hier begegnen nun den Zuschauern, die auf drei Zwischenebenen des Treppenhauses Platz genommen haben, die historischen Figuren aus Schalanskys Inselimpressionen, die gleich aus dem Nebel der Geschichte auftauchenden Schatten die Treppenläufe auf und ab huschen und fragmentarisch aus ihren Erlebnissen berichten. Zur Dauerentschuldigung ihres flüchtigen Wandelns sprechen sie immer wieder den Satz: „Ich bin (hoffentlich) gleich wieder da.“

Die so umhergeisternden Untoten werden von Stimmen- und Musikfetzen begleitet, die mal ganz nah und dann wieder von weit her an das Ohr des Publikums dringen. Man spielt Haydn mit Posaune, Trommelschlägen und Violin-Begleitung, singt den Anfang von „Somewhere over the Rainbow“ oder den Sehnsuchts-Song von René Carol „Deinen Namen, den hab‘ ich vergessen“. Eine Frau sucht die Piano Keys wie die Schlüssel zu einer anderen Welt, während ein Mann mit lateinamerikanischem Spracheinschlag die unbekannten Namen und geografischen Lagen von einsamen Inseln verliest. Sein „unbewohnt“ klingt wie der Ausdruck der absoluten Ferne und Unwirklichkeit.

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Atlas der abgelegenen Inseln vom Schauspiel Hannover
Foto (c) Karl-Bernd Karwasz

Geradezu unwirtlich ist in den Erzählungen von Judith Schalansky, so manche Insel mit merkwürdigem Namen wie Einsamkeitsinsel, Antipodeninsel oder Himmelfahrtsinsel. Diese poetische Klanginstallation versucht sich im Sicht- und Hörbarmachen längst vergangener Geschichten und Personen, die einst ihre Spuren hinterlassen haben, gespeichert im Fels irgendeiner einsamen Klippe oder steinernen Treppe eines längst verlassenen Gebäudes. Die Namen und Schicksale von den Menschen, die sich dahin verirrten, ihr Ziel verfehlten oder manchmal sogar starben, sind uns heute Schall und Rauch. Sie wehen in ihren Erinnerungen an uns vorüber.

Neben der Rekordsucht von Atlantikfliegern und Eismeerforschern ist ihre Landnahme aber immer auch die Geschichte von Kolonisation. Davon weiß diese kleine, feine Inszenierung allerdings recht wenig. Sie schwelgt in fremden Sprachen, Sinnen und Farben. Das Azur des Ozeans, das Gelb der Papayas und das Grün des Urwalds wechselt in unserer Vorstellung mit dem kalten, blauen Licht von knirschendem Eis im Nordmeer. Aber nichts ist befriedigender als selbst gewählte Einsamkeit, wie es so schön im Insel-Text heißt. Und darauf einen Gin-Tonic mit Eis.

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Atlas der abgelegenen Inseln (06.05.2015)
von Judith Schalansky
Regie: Thom Luz, Bühne: Demian Wohler; Kostüme: Tina Bleuler, Dramaturgie: Judith Gerstenberg, Musikalische Leitung: Matthias Weibel
Mit: Beatrice Frey, Oscar Olivo, Sophie Krauß, Günther Harder
Musiker: Maria Pache, Karoline Steidl, Iris Maron, Mikael Rudolfsson

Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Uraufführung am Schauspiel Hannover war am 21. September 2014.

tt15_promo_media_gallery_resTermine beim Theatertreffen:
04.05.2015, 20:30 – 21:50
05.05.2015, 20:00 – 21:20
05.05.2015, 23:00 – 00:20
06.05.2015, 20:30 – 21:50
07.05.2015, 20:00 – 21:20
07.05.2015, 23:00 – 00:20

Ort: Carl-von-Ossietzky-Gymnasium, Görschstraße 42/44, Berlin-Pankow

Infos:

http://www.berlinerfestspiele.de/…

http://www.schauspielhannover.de

Zuerst erschienen am 07.05.2015 auf Kultur-Extra.

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