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DIE MASSNAHME / DIE PERSER – Intendant Enrico Lübbe ist am Schauspiel Leipzig mit Brecht und Aischylos auf der Spur der Wirkung politischer Ideen im Bewusstsein individuellen Leids

Donnerstag, April 6th, 2017

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Foto Schaukasten Schauspiel Leipzig: St. B.

Der Intendant des Schauspiels Leipzig Enrico Lübbe liebt es groß zu inszenieren – und vorzugsweise mit großen Bürgerchören. In der letzten Spielzeit brachte er mit Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen gleich zwei Werke zum Thema Flucht und Migration an einem Abend heraus. Das erste, nach der griechischen Tragödie des Aischylos ganz klassisch in Szene gesetzt, kontrastierte der Regisseur mit dem aktuellen Text von Elfriede Jelinek, die sich dazu ihrerseits von Aischylos inspirieren ließ. Diesen „dramaturgischen Weg der Doppelbefragung“, wie es auf der Website des Schauspiels Leipzig heißt, setzt der Regisseur nun mit zwei weiteren Texten aus recht unterschiedlichen Epochen der Weltgeschichte fort.

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Seine neue Stück-Kombination Die Maßnahme / Die Perser führt nun wiederum zwei Dichter zusammen, deren Werke vielleicht nicht auf den ersten Blick thematisch verwandt sind. Zum einen ist es wieder der Grieche Aischylos (da bleibt sich Lübbe treu), zum anderen wählt er mit Bertolt Brecht einen Autor, der sich wie kaum ein anderer mit den politischen Fragen seiner Zeit beschäftigt hat und damit natürlich auch Elfriede Jelinek sehr nahe stehen dürfte. Zumindest war die österreichische Dramatikerin auch einige Zeit Mitglied in der Kommunistischen Partei Österreichs, was sie Bertolt Brecht dann sogar voraushat. Brecht begnügte sich mit agitatorischen Lehrstücken wie eben der Maßnahme, für die Hanns Eisler die Musik komponierte. Das Stück hatte 1930 zur Zeit ideologischer Graben- und ganz realer Straßenkämpfe in der Weimarer Republik im alten Gebäude der Berliner Philharmonie seine Uraufführung, die schon damals recht kontrovers besprochen wurde.

Was haben beide Stücke nun, dass sie unbedingt zusammen aufgeführt werden müssen? Abgesehen von den Chören und der Musik Eislers aus der Maßnahme, die dafür sorgt, dass Lübbe neben dem Einsatz eines Bürgerchors auch seine Kooperation mit dem Gewandhaus Leipzig fortführen kann. Rein vom künstlerischen und bühnentechnischen Aufwand her gesehen leuchtet das natürlich nicht ein. Auch hier kann nur ein Blick ins dramaturgische Konzept helfen. Man ist in Leipzig „der Frage nach der Wirkung von politischen Ideen und dem Bewusstsein individuellen Leids“auf der Spur. Und das „im Spannungsfeld zwischen Humanismus und Ideologie, zwischen der Bedeutung einer Idee und dem Wert des Individuums.“Ein nach wie vor aktuelles Thema nicht nur auf den Theaterbühnen.

Ein Lehrstück über Ideologie ist Die Maßnahme mit Sicherheit. Es beschreibt die Auslöschung eines Individuums, das aus persönlichen Gründen von den Lehrsätzen der kommunistischen Klassiker und Propagandisten abgewichen ist und damit aus Sicht der anderen den revolutionären Kampf gefährdet hat. Vier Agitatoren, die zu propagandistischer Arbeit von Russland nach China geschickt wurden, verantworten der Tötung eines jungen Genossen vor einem Parteitribunal, das von vornherein schon mit dieser „Maßnahme“ einverstanden ist. Die stalinistischen Schauprozesse lassen grüßen.

 

Die Maßnahme / Die Perser am Schauspiel Leipzig
Foto © Bettina Stöß

 

Frank Castorf hatte Die Maßnahme 2008 an der Berliner Volksbühne folgerichtig mit Heiner Müllers zeitkritischer Analyse des Brechttextes Mauser kombiniert. Aber auch Die Perser sind eine durchaus legitime Gegenüberstellung von politischen Interessen und individuellem Leid. Dabei sollte man allerdings nicht dem Missverständnis erliegen, wie es Durs Grünbein auch in einem Text zu seiner Übersetzung schreibt, Die Perser seien ein „Anti-Kriegsstück“. Zwar geht es hier um die fast völlige Auslöschung des zahlenmäßig weit überlegenen Kriegsheeres der Perser durch die Griechen bei der Schlacht vor Salamis, allerdings wird deren Klagegesang vom Griechen Aischylos auch dafür genutzt, neben dem Schmerz der unterlegenen Perser auch die Hybris ihres Königs Xerxes zu zeigen und damit den Griechen die Überlegenheit ihrer demokratischen Staatsform klar zu machen.

Einerseits Einfühlung in den Feind und andererseits die Begründung eines patriotischen Mythos. Wenn man so will auch eine geschickte Art von Propaganda, für die Aischylos bei den dionysischen Theaterspielen sogar einen Preis erhielt. Es geht also immer auch um die Manipulierbarkeit des Einzelnen in der großen Masse für eine bestimmte politische Idee. Das besitzt mit Sicherheit auch heute noch seine Gültigkeit. Und so kann man sich auch schwer der Wirkung beider Stücke entziehen. Enrico Lübbe weiß das natürlich, lässt allerdings bei seiner Inszenierung aktuelle Bezüge komplett außen vor.

Die zunächst gezeigte Maßnahme wirkt dabei fast schon wie eine bombastische Rekonstruktion mit modernen Theatermitteln. Brecht’scher Verfremdungseffekt, wohin man schaut. Die vier einheitlich in rote Jacken und blaue Hosen gekleideten Agitatoren (Thomas Braungardt, Anna Keil, Tilo Krügel und Dirk Lange) sitzen zu Beginn schon wie Puppen im Publikum. Masken vor den Gesichtern betonen wie bei Brecht die totale Auslöschung des Individuums. Sie agieren vor einer Wand aus Würfeln, die sich für Türöffnungen, kleine Emporen und einen großen Balkon verschieben lassen. Das kolossale Bühnenbild von Etienne Pluss wird vom Duo fettFilm zusätzlich mit eine Videodopplung der Wand überblendet, in der sich die Würfel wellenartig verschieben, oder auf die Schattenspiele projiziert werden.

Die Maßnahme / Die Perser am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

Zur recht kraftvoll vom Orchester Leipzig Brass unter der Leitung von Marcus Crome intonierten Musik Eislers singt der Kontroll-Chor vom Rang und klatscht hin und wieder wie bei einem SED-Parteitag. Recht maschinell choreografiert bewegen sich auch die Agitatoren beim Vorspiel ihrer Szenen, in denen sie die Fehltritte des jungen Genossen vorführen. Einzelauftritte wechseln mit Massenszenen, in denen weitere Agitatoren-Avatare aufmarschieren und wie bei einer Kundgebung vom Balkon winken. Das ist natürlich eine recht eindrucksvoll arrangierte, fast schon etwas zu perfekte Theatermaschinerie. Liedtexte wie der Song von Angebot und Nachfrage mit der Textzeile: „Was ist eigentlich ein Mensch?“oder Brechtzitate wie: „Ändere die Welt, sie braucht es.“lassen einen dennoch nicht unberührt, stehen aber weiterhin neben der orthodox-sakralen Verteidigung einer unmenschlichen Parteilinientreue, wegen der auch der gefühlsmäßig abweichende Genosse am Ende mit seiner Erschießung einverstanden ist.

Ihrem befehlsgebenden König Xerxes sind auch die Perser bedingungslos in den Eroberungsfeldzug gegen die Griechen gefolgt. Das Wie und die Folgen werden im Stück sehr ausgiebig verhandelt. Das Warum kommt dabei eher zu kurz. Recht kurz macht es auch Enrico Lübbe im zweiten Teil dieses 130minütigen Abends. Lange Namenslitaneien Gefallener muss man nicht über sich ergehen lassen. Auf der nun umgestürzten Wand agieren Hannelore Schubert als klagende Chorführerin der Alten, Wenzel Banneyer mit großer Maske als Xerxes düster orakelnde Mutter Atossa, Michael Pempelforth als Geist ihres Mannes Dareios und Felix Axel Preißler als schlotternder Bote des Übels und schließlich als König Xerxes selbst, der das Ende seines Reiches und die Abwendung der Götter bitterlich beklagt.

Wie in den Schutzflehenden gibt es auch hier wieder einen wohl einstudierter Chor, der der Wucht des Einverständnisses in der Maßnahme die vielstimmige Klage des Verlusts an Menschen gegenüberstellt. Das bleibt vor allem haften – neben dem Schlussbild mit einem Haufen aus Kostümen und Requisiten beider Stücke. Die Reste der Geschichte, über die der gescheiterte König Xerxes ins Dunkel abtritt.

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DIE MASSNAHME / DIE PERSER (Schauspiel Leipzig, 01.04.2017)
Von Bertolt Brecht / Hanns Eisler
& Aischylos (Deutsch von Durs Grünbein)
Regie: Enrico Lübbe
Musikalische Leitung: Marcus Crome
Orchester: Leipzig Brass (Musiker des Gewandhausorchesters)
Bühne: Etienne Pluss
Kostüme: Bianca Deigner
Choreographie: Stefan Haufe
Video: fettFilm (Momme Hinrichs und Torge Møller)
Dramaturgie: Torsten Buß, Clara Probst
Korrepetitor: Francesco Greco
Licht: Ralf Riechert
Ton: Alexander Nemitz
Mit: Wenzel Banneyer, Thomas Braungardt, Anna Keil, Tilo Krügel, Dirk Lange, Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Hannelore Schubert u.a.
Premiere war am 30. März 2017.
Weitere Termine: 28.04. / 06.05. / 14.06.2017
Eine Koproduktion des Schauspiels Leipzig mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen in Kooperation mit dem Gewandhaus zu Leipzig

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 03.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Wenn alt und jung sich radikalisieren – Katja Brunners „geister sind auch nur menschen“ am Schauspiel Leipzig und Sasha Marianna Salzmanns „Zucken“ am Maxim Gorki Theater Berlin

Dienstag, März 28th, 2017

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SPRECHEN OHNE ZUKUNFT – In Katja Brunners außergewöhnlichem Stück geister sind auch nur menschen verschaffen sich die verstummten Alten Gehör. Claudia Bauer hat die Deutsche Erstaufführung in der Diskothek des Schauspiels Leipzig inszeniert

geister sind auch nur menschen am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

„Die Alten sind unter den Lebenden wie die Geister überall.“ heißt es zu Beginn des 2015 in Luzern uraufgeführten Stücks der jungen Schweizer Dramatikerin Katja Brunner, das nun am Schauspiel Leipzig in der Regie von Claudia Bauer seine deutsche Erstaufführung erlebte. In geister sind auch nur menschen geht es um die professionell betriebene Ausgrenzung der Alten in einer Gesellschaft, die sich über Leistung definiert, und das sogar noch im Pflegedienst der Heime, in denen die einst selbst in dieser Gesellschaft Tätigen nun auf das Hinübergleiten in den Tod warten. Den Stummen, nicht mehr Gehörten will die Autorin ihre Stimmen zurückgeben. Kein versöhnliches Sprechen, eher eine Art verwundertes, verwundetes Wutgeheul, das die 2013 für von den beinen zu kurz mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnete Brunner trotzdem in einen fast poetischen Sprachfluss bringt.

„Sie sind angealtert, sie sind angekrankt von der Zeit, sie können sich kaum wehren, sie sind in die Gebrechlichkeit und ins Alter hineingefallen wie eine Wespe in einen Honigtopf.“ Sprachgewaltig ist der Text, voll von Metaphern, die das Unsagbare, das unausweichliche Gefühl des Alterns in eine literarische Form zu bringen versuchen. Claudia Bauer, die mit ihrer letzten Inszenierung 89/90 nach dem Roman von Peter Richter zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, findet für diese Sprache die richtige Verpackung. Das sechsköpfige Ensemble betritt die Spielfläche in der Leipziger Diskothek mit Pilzkopffrisuren, in farbigen Jungmädchenkleidern und spricht die ersten Textpassagen über das Altwerden, das Verschwinden aus dem Alltag mit großem staunenden Fragezeichen, bis der erste Fremdkörper in fleischfarbenem Fett-Faltensuite auf dem Boden des sich beständig wie ein Karussell drehenden Bühnenrondells liegt und von den anderen argwöhnisch beäugt wird.

„Ein Körper, der meiner nicht mehr ist. (…) Zu wem gehörst du?“ Die geistige Abspaltung vom nicht mehr funktionierenden Körper, in den man oben hineinschiebt und unten alles wieder herausfällt. Ein letzter Kampf um Autonomie und Eigenverantwortung in einer Umgebung, die mit vollautomatisierter Navigationsstimme die Regeln des Heims diktiert. Nach und nach sondern sich die SpielerInnen aus dem Jungmädchenkreis ab und übernehmen die Rollen der Alten in der monströsen Kostümierung, die mit ihrer Gebrechlichkeit und den überdeutlichen Genitalteilen die Reduzierung der Alten auf ihren Körper verdeutlicht und dabei auch als Verfremdungseffekt dient, um rührseligen Einfühlungskitsch zu vermeiden. Trotz allem wirken die DarstellerInnen, die hier mit langem Haar und teilweise gendermäßig gegen den Strich besetzt sind, auch wie verlorene Engel, ihrer Flügel beraubt.

 

geister sind auch nur menschen am Schauspiel Leipzig
Foto (c) Rolf Arnold

 

Sie bezeichnen sich selbst als „dem Sozialstaat auf den Möglichkeitstaschen herumfläzende, gerade noch durchblutete Skelette“. Hier wird der Text oft sehr explizit. Los geht ein „SPRECHEN OHNE ZUKUNFT“ – wie es im Stück heißt – „Zukunft, diese kompromittierende Sau – daher freier als manch anderes Sprechen.“ Und sie sprechen von ihren Wünschen, noch einmal „ohne den Geschmack von Funktionalität“ berührt zu werden, dem Traum von Sexualität, von ihrem früheren Leben und ihren jetzigen Gebrechen. Nichts wird ausgelassen, weder Demenz, Krebs noch das unkontrollierte Koten.

Es gibt keine klaren Rollenzuschreibungen, nur Namen wie Frau Heisinger, Herr Metzler oder Frau Simplon. Man beschwert sich über das Heimpersonal, das man um Bier anbetteln muss, oder über den Raucher-Glaskasten im Foyer. Eine verqualmte Vorhölle mit geregelten Öffnungszeiten. Die Alten erfahren die tagtägliche Erniedrigung, die von der Heimleitung als Kooperation bezeichnet wird. Claudia Bauer lässt das an einer Geburtstagstafel mit Tee, Saft und Kuchen spielen. Mal kommt ein Fernsehgerät, mal eine Zinkwanne oder ein Servierwagen dazu. Der Pfleger ist ein Zwitterwesen, das man Pferdeschwanzfachkraft nennt, und dem der Herr mit dem langen Genital gern an den Hintern fasst. Dafür stellt der den Insassen für eine extra gebückte Haltung die Rollatoren tiefer. Die lieben Alten sind in seinen Augen ziemlich aufmüpfig, klingeln ohne Grund und schimpfen auf die gähnende Jugend und ihre Mütter, die lieber Karriere machen, als sich um ihre Kinder zu kümmern.

Zu diesem unvermittelten Kindergeburtstags-Tohuwabohu, das die Alten schließlich anrichten, gesellt sich natürlich auch irgendwann der Tod, der „dazugehört wie das Atmen zum Leben“. Und ob man nun nicht loslassen kann oder den Tod sehnsüchtig als Erlöser erwartet, hier tritt er am Ende als Conférencier im Glitzeranzug auf, der versucht so etwas wie eine Ahnung vom Danach zu vermitteln. Ein Wegziehen wie ein warmer Lufthauch aus einer unerlösten Umarmung. Beruhigen kann das nicht.

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geister sind auch nur menschen (DE) – (Diskothek, 17.03.2017)
von Katja Brunner
Deutsche Erstaufführung
Regie: Claudia Bauer
Bühne & Kostüme: Andreas Auerbach
Musik: Smoking Joe
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Andreas Dyszewski, Timo Fakhravar, Sophie Hottinger, Julia Preuß, Katharina Schmidt, Florian Steffens
Premiere war am 17. März 2017 in der Diskothek des Schauspiels Leipzig
Termine: 13., 19., 28.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 18.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Zucken – Sebastian Nübling übersetzt am Maxim Gorki Theater Sasha Marianna Salzmanns Stück über die Radikalisierung Jugendlicher in ein körperbetontes Spiel

Zucken am Maxim Gorki Theater
Foto © Esra Rotthoff

Die wachsende Radikalisierung unter Jugendlichen ist das große Thema dieser Theatersaison. Meist ideologisch beeinflusst unter dem Deckmantel des Glaubens an einen Gott oder an ein bestimmtes politisches Ideal ziehen viele europäische Jugendliche in die verschiedensten Kriegsgebiete oder laufen bereits in ihrer Heimat Amok. Worauf bereits Stücke wie Inside IS von Yüksel Yolcu am Grips Theater oder Kuffar. Die Gottesleugner von Nuran David Calis am DT versuchten, eine Antwort zu finden; das hat nun auch Sasha Marianna Salzmann zu ihrem neuen Theaterstück Zucken angeregt.

Eigentlich heißt Salzmanns Stück vollständig Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten! (Zucken). Für die Koproduktion des Maxim Gorki Theater mit dem jungen theater basel unter der Leitung von Sebastian Nübling wurde aber eine verkürzte Spielfassung erarbeitet, die nun mit sieben jugendlichen LaiendarstellerInnen [Namen s.u.] zuerst in Berlin zur Uraufführung kam. Die Erwartung, die Jugendliche von der Welt haben, ist für die Autorin wie ein Nerv, der zuckt. So heißt es jedenfalls in einem der chorisch vorgetragenen Textpassagen. Dieses impulsive Zucken übersetzt Regisseur Nübling, wie schon des Öfteren, in choreografierte Bewegung und Tanz. Bestandteil der Inszenierung ist auch von Beginn an Musik, die die Jugendlichen zumeist direkt von ihren Smartphones einspielen oder diese gar selbst als Sound- und Geräuschmaschinen benutzen.

In mehreren Kapiteln mit Zwischenüberschriften wie „Wann, Was, Wohin“ oder „Wüste, Wir, Wind“ werden drei Beispiele für den Radikalisierungsweg von Jugendlichen vorgespielt. Dazwischen gibt es Rap- und Tanzeinlagen, gepaart mit schon besagten Passagen, die die Stimmen der Radikalisierten zu einem Wut-Chor, der die vom gesellschaftlichen Mainstream der pazifistischen Wegducker, die Lösungen nur durch Reden erreichen wollen, Enttäuschten sammelt. Der Ausbruch aus der Normalität wird zum neuen Wir-Gefühl einer für die westlichen Werte verlorenen Generation.

Die Reibung mit der Welt, in der sich die Jugendlichen nicht verstanden fühlen, beginnt bekanntlich im unmittelbaren Freundeskreis, der Schule oder dem Elternhaus. So auch bei einem Mädchen, das im breitesten Schwyzerdütsch mit einem unbekannten Dschihadisten chattet, der (statt wie in sozialen Netzwerken üblich) nicht in Emojis kommunizieren will, sondern Worte für Gefühle einsetzt und mit „Ja“ oder „Nein“ und nie mit „Ich weiß nicht“ antwortet. Diese klare Ansprache gefällt dem Mädchen, und es will zu dem Jungen, der plötzlich abtaucht, nach Syrien. Dennoch bleibt es relativ rätselhaft, warum sich die Enttäuschte danach mit Messern im Rucksack zum Bahnhof aufmacht.

Die zweite Geschichte beschreibt das Schwanken eines ukrainischen Jungen zwischen seinen unklaren Gefühlen für einen Schulfreund und dem vom Vater geschürten Nationalismus gegen alles Russische. Gruppendruck und die Angst nicht dazuzugehören, lassen ihn schließlich in den Krieg in die Ostukraine ziehen.  Schon gefestigter scheint dagegen das mit den Handykameras gefilmte Statement einer Tochter in einem Abschiedsvideo an ihren Vater. Sie übermittelt ihm ihre Gründe, warum sie gemeinsam mit jungen Menschen aus ganz Europa in Kurdistan eine neue Welt aufbauen will, für die sie auch bereit ist zu sterben. Das Warum versuchen Text und Spiel mehr dynamisch zu umkreisen.

Doch nach der ersten Geschichte scheinen die Macher des Abends ihren aufgeworfen Thesen selbst nicht so recht getraut zu haben. Zu unterkomplex, heißt es da. Sie gehen auf Anfang und lassen doch die Maschinerie aus Text, Sound und Bewegung umso stärker wieder einsetzen. Dem straffen Durchboxen, auch wenn man sich immer wieder auf vier große, schwarze Ledersofas zurückwirft, fehlt dann doch so etwas wie eine kleine Ruhephase der Reflexion. Am Ende stöpseln sich die Jugendlichen einfach aus. „Wir brauchen euch nicht.“ rufen sie trotzig. Und das ist die eigentliche Gefahr. Das Stück spricht da nicht nur junge Menschen an. Ob‘s ankommt, wird die Zukunft zeigen.

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Zucken (UA) – (Maxim Gorki Theater, 19.03.2017)
Von Sasha Marianna Salzmann
Regie: Sebastian Nübling
Ausstattung: Ursula Leuenberger
Sound: Lukas Stäuble
Dramaturgie: Ludwig Haugk, Uwe Heinrich
Mit: Martha Benedict, Yusuf Çelik, Doğan Çoban, Elif Karci, Timo Muttenzer, Helena Simon, Cara Stauffenegger
Eine Produktion des jungen theater basel und des Maxim Gorki Theater Berlin
Premiere war am 17. März 2017 im Maxim Gorki Theater
Dauer: ca. 70 Minuten
Termine: 03. und 04.06. / 03. und 04.07.2017

Infos: http://gorki.de/  bzw.  http://www.jungestheaterbasel.ch

Zuerst erschienen am 22.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten – Stephan Beer und Georg Burger adaptieren am Schauspiel Leipzig den DDR-Kinderbuchklassiker von Alexander Wolkow

Montag, Dezember 12th, 2016

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Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rollf Arnold

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rollf Arnold

Nicht nur die Mosaik-Comics von Hannes Hegen, auch eine Kinderbuchreihe des russischen Schriftstellers Alexander Wolkow hatte es in der DDR zu Kultstatus geschafft. Und wie die Abrafaxe, die Knollennasennachfolger der Digedags, 2001 von den vereinten deutschen Kinoleinwänden flimmerten, so erobern nun auch die Helden der Smaragdenstadt (Elli, Scheuch, Eiserner Holzfäller und tapferer Löwe) die Bühne des Schauspiels Leipzig. Wolkow hatte erstmals 1939 eine Nachdichtung des amerikanischen Kinderbuchklassikers The Wonderful Wizard of Oz von Lyman Frank Baum unter dem Titel Der Zauberer der Smaragdenstadt publiziert. Regisseur Stephan Beer und Bühnenbildner Georg Burger brachten bereits in der Vorweihnachtszeit des letzten Jahres ihre Bühnenversion dieses DDR-Kultbuchs erfolgreich am Schauspiel Leipzig heraus. Die Sache schrie förmlich nach einer Fortsetzung. Und so startete dann auch Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten nach dem 1963 erschienenen zweiten Band der Smaragdenstadt-Reihe.

Wolkows Geschichte führt uns wieder ins Zauberland, in dem nun der vom Zauberer Goodwin mit dem gewünschten Verstand ausgestattete Scheuch die Smaragdenstadt regiert. Doch im Blauen Land der Käuer, das die kleine Elli im ersten Teil von der Herrschaft der bösen Hexe Gingema befreite, lebt der menschenscheue Tischler Urfin Juice, der nach der Entdeckung eines Zauberpulvers, das er aus einem in seinem Garten wuchernden Kraut gewinnt, eine Holzsoldatenarmee aufstellt, mit deren Hilfe er die Smaragdenstadt erobert und die Macht im Zauberland an sich reißt.

 

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rollf Arnold

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rollf Arnold

 

In Leipzig haben Stephan Beer und Georg Burger die Story verständlicher Weise etwas gerafft. Nach einem am Bühnenvorhang visualisierten Albtraum Ellis, in dem sie die Machtergreifung Urfins voraussieht, beginnt es gleich mit dem griesgrämigen Kerl, der, seit die Käuer ihn meiden, in seinem mit psychedelischen Rorschachmustern behängten Garten mit langen grünen Lianen kämpft, bis ihm die Eule Guamokolatokint zeigt, wie er daraus das Zauberpulver zur Erweckung seiner getischlerten Holzsoldaten herstellen kann. Für die Rolle des Urfin hat der Regisseur den Schauspieler Tilo Krügel gewinnen können, der bereits im ersten Teil als Scheuch mit von der Partie war. Ihm zur Seite steht Sophie Hottinger als schwarze Eule, die auf einem Self-Balance-E-Board über die Bühne schwebt.

Und gleich geht es auch richtig zur Sache, wenn Urfin seinen Holzköpfen das Marschieren und Kämpfen beibringen will. Das ist zunächst recht witzig und gut choreografiert, wenn die Holzarmee dann aber mit Trommeln und Stöcken aufmarschiert, bekommt das ganze schon einen beängstigenden Drive. Die tolle Livemusik dazu kommt von den direkt auf der Bühne agierenden Jan S. Beyer & Jörg Wockenfuß. So geht es dann auch sofort gegen die Smaragdenstadt, in der die Zwei-Mann-Armee des weisen Scheuchs (Thomas Braungardt) – bestehend aus Din Gior (Roman Kanonik) und dem herbeigeeilten Eisernen Holzfäller (Andreas Dyszewski) – auf einem Hubsteiger bald vom listigen Verräter Ruf Bilan (Hartmut Neuber) überwältigt ist.

 

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rollf Arnold

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rollf Arnold

 

Denkwürdig auch die vor dem riesigen Banner mit seinem Konterfei gehaltene Antrittsrede des Usurpators Urfin, bei der er von der einstigen Größe des Zauberlands, dem Verfall der Gemeinschaft, Moral und Kultur spricht. Er will das Reich wieder vereinen und zu alter Größe zurückführen. Legida, AfD und Trump lassen hier grüßen. König Urfin gibt sich ganz als medienwirksamer Herrscher. Wer sich nicht an die neuen Regeln hält, wird vom Minister für Sicherheitsfragen Ruf Bilan denunziert und kommt ins Arbeitslager oder in den Kerker, wo schon Holzfäller und Strohscheuch vor sich hin rotten.

Das ruft natürlich nach Widerstand und das Mädchen Elli (Alina-Katharin Heipe) auf den Plan. Die durchweg spannend erzählte Story verfolgt parallel den Weg Ellis ins Zauberland, begleitet von der flatterhaften Krähe Kaggi-Karr (Anna Keil) durch das unterirdische Reich vorbei an riesigen Sechsfüßern, die aussehen wie wurmartige Nacktmulle, der auf einer Schaukel vorbeischwebenden rosa Fee (Nina Siewert) mit ihrem wandelnden Zauberbuch (David Hörning) bis hinein in den Kerker der Smaragdenstadt. Dass es zum Schluss natürlich einen an Showeffekten nicht gerade armen Showdown inklusive Happy End mit einem Loblied auf die wahre Freundschafft gibt, versteht sich fast von selbst. Eine an Einfällen, tollen Gesangsnummern, fantastischen Kulissen und bunten Kostümen nicht geizende Inszenierung, die für Groß und Klein gleichermaßen vergnüglich ist.

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Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten (UA) – (Schauspiel Leipzig, 04.12.2016)
Von Alexander Wolkow
Für die Bühne bearbeitet von Stephan Beer und Georg Burger
Regie: Stephan Beer
Bühnenbild: Georg Burger
Kostüme: Kristina Böcher
Choreographie: Sibylle Uttikal
Musik: Jan S. Beyer & Jörg Wockenfuß
Dramaturgie: Matthias Huber
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit:
Thomas Braungardt, als Der Scheuch
Andreas Dyszewski, als Holzfäller
Max Fischer, als Holzoldat / Sechsfüßer
Alina-Katharin Heipe, als Elli
Sophie Hottinger, als Guamokolatokint, Eule
David Hörning, als Bofalo, Bewohner des Unterirdischen Reiches / Willinas Zauberbuch / Holzsoldat
Roman Kanonik, als Din Gior, Soldat
Anna Keil, als Kaggi-Karr, Krähe / Anna, Ellis Mutter
Jonas Koch, als Holzsoldat / Der Tapfere Löwe
Tilo Krügel, als Urfin Juice
Ferdinand Lehmann, als Käuerin / Smaragdenstädterin / Holzsoldat / Sechsfüßer
Hartmut Neuber, als Ruf Bilan / John, Ellis Vater
Elias Popp, als Käuer / Smaragdenstädter / Holzsoldat / Sechsfüßer
Nina Siewert, als Willina, Fee des Gelben Reiches / Stella, Fee des Rosa Reiches / Holzsoldat
Premiere war am 26. November 2016 im Schauspiel Leipzig
Spieldauer ca. 1:45, eine Pause
Termine: 11.-21., 25.12.2016 // 05., 06.02. / 17.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 06. 12.2016 auf Kultura-Extra.

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KRUSO und 89/90 – Das Schauspiel Leipzig startet mit zwei Romanadaptionen über die Wende in die neue Spielzeit

Samstag, Oktober 8th, 2016

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Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Eine Auseinandersetzung mit dem „Schlüsselmoment der deutschen Geschichte“ nennt das Schauspiel Leipzig sein Unterfangen, mit gleich zwei Romanadaptionen zum Thema Wende und deutsche Wiedervereinigung in die neue Spielzeit zu starten. Pünktlich zum langen Einheitswochenende bringt man hier mit der Adaption von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso die zweite Wende-Inszenierung auf die Bühne. Bereits am 16. September hatte die Leipziger Bühnenfassung des Dresdner Wende-Romans 89/90 von Peter Richter Premiere.

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Kruso – Armin Petras adaptiert den Hiddensee-Roman von Lutz Seiler am Schauspiel Leipzig als magisches Bildertheater mit Anja Schneider in der Hauptrolle

Für die Adaption von Kruso konnte man einen alten Bekannten des Schauspiels, der schon unter Wolfgang Engel und Sebastian Hartmann in Leipzig inszenierte, wiedergewinnen. Armin Petras, zurzeit Intendant am Schauspiel Stuttgart, hat hier u.a. 2008 in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin den im letzten Jahr verfilmten Roman Als wir träumten von Clemens Meyer erfolgreich auf die Bühne gebracht. Nun also ein weiteres Mal Lutz Seilers Buchpreisgewinner von 2014, der auch schon auf den Spielplänen in Magdeburg, Gera und dem Hans-Otto-Theater in Potsdam steht.

Auffallend ist zunächst die Bühne von Olaf Altmann, die nicht (wie bei ihm gewöhnlich) einen Sperrholzkasten zeigt, sondern einen dichten Wald aus vom Schnürboden gespannten Perlonfäden. Eine Bild-Metapher für Einengung und Verlorenheit wie auch für das unüberwindbare Meer zwischen Hiddensee und der dänischen Insel Møn, auf die es die sogenannten „Schiffbrüchigen“ zieht, die vor der Flucht eine kurze Bleibe auf Hiddensee suchen. Der Chor dieser Schiffbrüchigen wird hier von 6 Schauspielstudierenden dargestellt, die mal in den Fäden hängen oder zwischen ihnen in einer Art choreografierten Bewegung agieren. Einmal stellen sie sich sogar an der Rampe mit kleinen Modellen ihrer „Notunterkünfte“ auf der Insel vor.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Es beginnt aber zunächst vor dem Eisernen Vorhang mit der Vorgeschichte des Literaturstudent Ed (Florian Steffens), der hier aus seinen Erinnerungen an die verunglückte Freundin G. erzählt und den es dann später nach Hiddensee verschlägt, wo er eine Unterkunft in der Gemeinschaft des Urlauberrestaurants „Zum Klausner“ findet. Hier führt der Abwäscher Kruso sein Regime aus Ritualen und der Verheißung von Freiheit, die die vom Festland angespülten Schiffbrüchigen an der Flucht und vor dem sicheren Tod in der Ostsee retten sollen. Armin Petras besetzt diese Rolle mit der Schauspielerin Anja Schneider, was zunächst verwundert, aber letztendlich wunderbar aufgeht.

Man muss dem aber weiter keine große Bedeutung beimessen. Sehr subtil gehen nach und nach die Handlungsfäden von Eds poetischen Naturschilderungen und Begegnungen mit einem Fuchs (Markus Lerch im grünen Pelz und Dreispitz) zu Kruso über, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Petras spult die Geschehnisse auf Hiddensee überschaubar ab, ohne stur nacherzählend zu bebildern. Er greift den mal epischen, mal lyrischen Sound der Textvorlage auf und gibt ihn mittels szenischen Dialogen, Einzelvorträgen oder bewegten Gruppenchoreografien wieder. Als Requisiten dienen lediglich Handtücher und ein paar Töpfe für die Speisung mit der „ewigen Suppe“, deren Zutaten in einem traumwandlerischen Defilee über die Bühne getragen werden. Der „Lurch“ aus dem Abfluss der Geschirrspültische hängt an im Bühnenboden eingelassenen Gitterrosten, mit denen Ed kämpft.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Als tragischer Alter und Bewahrer der schützenden Arche tritt der Klausner-Chef Krombach (Berndt Stübner) auf, der mit seinem Schlips Seemannsknoten bindet, was aber wie eine Schlinge aussieht. Er erklärt die Philosophie des Klausners als Poesie und Gastronomie, spricht von Abrechen und Abdriften der Küste, einem Landverlust im doppelten Sinne und rezitiert auch mal Brechts Lob des Kommunismus. Die anderen Figuren der Belegschaft bleiben hier eher im Hintergrund. Zwei Grenzsoldaten mit DDR-Stahlhelmen haben ihren komischen Kurzauftritt mit Pistole.

Viel Raum nehmen dafür Krusos Rituale mit den Schiffbrüchigen und ein wildes aus den Fugen geratenes Sommerfest mit Live-Schlagzeug-Begleitung und archaischen, magischen Tänzen ein. Die immer wiederkehrenden Bemühungen Krusos, Ed von seinen Visionen zu überzeugen, gestaltet Anja Schneider oft anrührend komisch bis improvisiert und slapstickhaft. Die „Karte der Wahrheit“ steckt sie mit Wimpeln ab und erklärt die Phasen des Ertrinkens, wobei der Chor der Schiffbrüchigen magisch in den Schnüren hängt. Kruso führt Ed seine erste Vergabe, die Schiffbrüchige C., zu, schließt Blutsbrüderschaft und predigt vom Kochtopf herunter von den „Wurzeln der Freiheit”.

Nach der Pause beerdigt Armin Petras dann die DDR. Es wird viel gewinkt, ein Grab für den toten Fuchs ausgehoben, und die Stimme von Angelika Unterlauf darf noch mal zum 40. Jahrestag gratulieren. Der verletzte Ed erfährt noch von Rommstedt (Dirk Lange) die Geschichte des Generalssohn Kruso, was im Hintergrund mit einem akrobatischen Soldatendenkmal illustriert wird. Die neue Zeit hält mit Haribo und Flitter Einzug. Ed und Kruso schmeißen ihren „McKlausner“ jetzt allein im Ketchup- und Senftubenkostüm. Bis auch Kruso langsam verstummt und verschwindet, nicht ohne vorher Eds Verrat und die neue Spezies des Einbauküchenmenschen zu beklagen. Das Ende markiert die in der Drehung mit den Perlonfäden verhakte Bühne. Es geht nicht vor und nicht zurück. Ein durchaus eindrucksvolles Bild für das Ende einer Utopie.

Eingeladen zu den Autorentheatertagen 2017 im Deutschen Theater Berlin.

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KRUSO (02.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Ludwig Haugk
Regie: Armin Petras
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Patricia Talacko
Live-Musik: Johannes Cotta
Choreographie: Denis Kuhnert
Dramaturgie: Christin Ihle, Clara Probst
Licht: Jörn Langkabel
Besetzung:
Alina-Katharin Heipe (Chor der Schiffbrüchigen), Ellen Hellwig (Monika / Inselärztin), David Hörning (Chor der Schiffbrüchigen), Andreas Keller (Koch-Mike / Rebhuhn), Jonas Koch (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Dirk Lange (Rimbaud / Rommstedt), Ferdinand Lehmann (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Markus Lerch (René / Fuchs), Elias Popp (Chor der Schiffbrüchigen), Anja Schneider (Kruso), Nina Siewert (Chor der Schiffbrüchigen), Florian Steffens (Ed) und Berndt Stübner (Krombach)
Premiere war am 01.10.2016 im Schauspiel Leipzig
Termine: 29., 30.10. / 19., 20.11. / 01., 02.12.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 04.10.2016 auf Kultura-Extra.

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89/90 – Regisseurin Claudia Bauer und Komponist Peer Baierlein sampeln am Schauspiel Leipzig eine Text- und Soundcollage aus dem Dresdner Wende-Roman von Peter Richter

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Das Land verlassen ohne eine Grenze zu übertreten. Was sich in Lutz Seilers Kruso eher beiläufig und abseits der großen Politik auf einer kleinen Insel vollzieht, erlebt der 16jährige Ich-Erzähler aus dem Roman 89/90 von Peter Richter live und leibhaftig in Dresden, auch wenn es da am Ende über den 3. Oktober 1990 ganz ähnlich heißt: „…und wir waren, ohne uns vom Fleck bewegt zu haben, in einem anderen Land.“ Was im letzten Sommer des Sozialismus geschah, beschreibt Richter in vielen kleinen Momentaufnahmen, Anekdoten und Geschichten als vielstimmigen Soundtrack eines kleinen untergehenden Lands. Ende August am kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden in nacherzählenden Spielszenen mit Live-Band-Begleitung uraufgeführt, versucht man nun am Schauspiel Leipzig sich auf eine ganz andere Art dem Buch von Peter Richter zu nähern.

Doch auch Regisseurin Claudia Bauer und ihr Dramaturg Matthias Huber gehen den Stoff sehr musikalisch an. Aber zunächst sieht man auf einer Videoleinwand über der Bühne, die wie ein altes DDR-Kultur- oder Funkhaus mit braunem Holz vertäfelt ist, Wenzel Banneyer, der Text des Ich-Erzählers aus dem Buch spricht und dabei in alten Fotos wühlt. Zu ihm gesellt sich der Berliner Neuzugang Roman Kanonik, der die Rolle des Freundes S. übernimmt. Wie Peter Richter in seinem Buch blicken die beiden auf damals zurück, als sich die ganze Clique noch gemeinsam im nächtlichen Schwimmbad traf. Dazu tritt das restliche Ensemble in Ganzkörperschaumstoffanzügen mit riesigen Kahlköpfen im Trockeneisnebel auf. Ein traumwandlerischer Erinnerungsreigen.

Und wie sich die beiden oben erinnern, entsteht unten in kleinen, anekdotisch gefärbten Szenen ein Bild von damals, dass zuweilen an einen alten Hollywoodfilm erinnert, etwas kitschig und mit angedeuteten Liebesszenen des Erzählers und seiner linientreuen Freundin L. (Bettina Schmidt) mit Blondhaarperücke und im langen Kleid aus einer DDR-Fahne. Immer wieder tritt nun ein 24-köpfiger Chor in Alltagskleidung auf. Sie singen auf Stühlen sitzend den DDR-Punk-Klassiker von Feeling B „Wir wollen immer artig sein“ als vielstimmigen Kanon, „Kinder der Maschinenrepublik“ von der Band Die Firma oder Textsplitter aus dem Buch zu minimalistischen Arrangements von Peer Baierlein.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Das Chorische vermischt sich unter dem körperbetonten Dirigat von Chorleiter Daniel Barke wunderbar mit kurzen Szenen aus der Schule, Geplapper in der Raucherecke, allerlei Zwischenrufen oder auch Episoden aus dem Wehrlager. Denis Petković brüllt im Stakkato-Ton die Befehle des Wehrlagerleiters, oder das „Zuführen!“ der Polizei bei den Demos vor dem Dresdner Hauptbahnhof.  Gemeinsam tanzt das Ensemble die rhythmischen Statements der Staatsbürgerkundelehrerin (Anna Keil) über den Unterschied von Arbeitnehmer und Arbeitgeber oder zu Reisen nach Prag oder Paris. Das ist einerseits ein herrlicher musikalischer Verfremdungseffekt, anderseits wirken diese minutiös einstudierten Chorpassagen wie kleine vertonte Absurditäten aus der späten DaDaR.

Bis zur Pause bekommt die Inszenierung dadurch einen wunderbaren Drive. Dann dreht sich das Bühnenbild nach hinten weg, und auf der Rückseite laufen nun bunte Werbefilmpersiflagen, die signalisieren sollen, was nach der Wende viel und heftigst auf die DDR-Bürger zukommen wird. Der Ton bleibt weitestgehend ironisch, auch wenn bei der L. die große Wende-Depression losgeht. Wenzel Banneyer und Bettina Schmidt wirken auf der ersten Fahrt des Erzählers mit seiner Freundin nach West-Berlin wie ein Hollywoodfilmpaar kurz vor der schmerzhaften Trennung.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Ein aufgeblasener Helmut Kohl mit Birnenkopf (Andreas Dyszewski) tänzelt vorbei und empfängt den von den Massen vor der Frauenkirche verströmten Willen zur deutschen Einheit. Leider wird es für die Nichtkenner des Romantextes nun auch etwas unübersichtlich. Auf den Erzähler und das Publikum prasseln dichte Textsamplings aus scheinbar wahllos aus dem Roman entnommenen Sätzen. Das mag gut zur chorischen Man-müsste-dies-und-jenes-könnte-aber-auch-Choreografie passen, die die allgemeine Konfusion nach der Wende zeigen soll, könnte aber auch leicht übersättigend wirken.

Dazu wird weiter munteres Typenkabarett gespielt: Bettina Schmidt gibt einen Zuhälter mit riesiger aufblasbarer Sexpuppe. Tilo Krügel spielt den Transvestiten T. als dauer-hibbeligen Fanatiker, der die Stasizentrale stürmt und später in den Untergrund abtaucht. Anna Keil schlägt im Glitzerkleid und Springerstiefeln den Takt der Schlägereien zwischen Punks und Skinheads mit dem Baseballschläger, und Roman Kanonik singt „Nazi Punks Fuck off“ von den Dead Kennedys oder Kim Wildes „Kids in America“ als Punk-Version. Ein großer Spaß. Auch wenn dabei die in Richters Textvorlage leicht mitschwingende politische Botschaft etwas unterzugehen droht. Die unglaublich künstlerische Raffinesse der kolossalen Chorarbeit rettet aber die Inszenierung von Claudia Bauer ins Ziel.

Wie in Dresden kulminiert der Abend auch hier in den 90ern mit dem alles gleichmachenden Technosound. Das Ensemble verschwindet wieder unter den großen Pappköpfen. Politik ist out. Dass das Versäumte und Vergessene heute als Pegida wieder hochkocht, konnte man gerade an diesem aktuellen Tag der Einheit vor allem wieder in Dresden erleben. Peter Richter sprach davon im Februar in seiner Dresdner Rede, die nun zum Essay Dresden revisited erweitert in Buchform erschienen ist. In diesem Sinne braucht es vor allem auch solch ein Theater gegen das Vergessen.

 

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Die Inszenierung ist zum 54. Theatertreffen in Berlin eingeladen.

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89/90 (03.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem Roman von Peter Richter
Für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Huber
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Andreas Auerbach, Doreen Winkler
Komposition und musikalische Leitung: Peer Baierlein
Chorleitung: Daniel Barke
Dramaturgie: Matthias Huber
Mit: Anna Keil, Annett Sawallisch, Bettina Schmidt, Wenzel Banneyer, Andreas Dyszewski, Roman Kanonik, Tilo Krügel, Denis Petkovic und Chor
Premiere am Schauspiel Leipzig war am 16.09.2016
Spieldauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
Termine: 23.10. / 03., 17.11. / 16.12.2016  / 14.01. / 17.02. / 19.03. / 27.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 06.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Drei sind wir – Das neue Stück von Wolfram Höll wird in der Diskothek des Schauspiels Leipzigs nach allen Regeln der Regiekunst von Thirzas Bruncken verhackstückt

Montag, März 21st, 2016

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Der junge Dramatiker Wolfram Höll hat erst drei Theaterstücke geschrieben und ist bereits zum zweiten Mal für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Eine Erfolgsgeschichte, die unmittelbar mit dem Schauspiel Leipzig verbunden ist. Hier haben seit dem Beginn der Intendanz Lübbe einige hoffnungsvolle Talente wie (neben Höll) etwa der Österreicher Ferdinand Schmalz ihre Karriere begonnen. Das Format, junge Dramatik in der Nebenspielstätte Diskothek zu fördern, trägt also erste Früchte. Mit dem neuen Stück von Wolfram Höll wollte man anscheinend auf Nummer sicher gehen und hat die Uraufführung von Drei sind wir nicht einem jungen Regietalent übertragen, sondern in die Hände der mit ungewöhnlichen und sperrigen Texten erfahrenen Regisseurin Thirza Bruncken gelegt. Allerdings hätte man wissen können, dass die als ziemlich kompromisslos bekannte Regisseurin auch nicht gerade zimperlich mit Stücktexten umzugehen pflegt. Nun, der Erfolg scheint dem Schauspiel Leipzig nachträglich Recht zu geben. Dennoch gibt es durchaus einiges an der von Thirza Bruncken vorgelegten Regiearbeit zu kritisieren.

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rolf Arnold

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig       Foto (c) Rolf Arnold

Jungautor Höll baut seine lyrischen Textgebilde gern um eine Leerstelle. Waren es in seinen ersten Dramen das Verschwinden der Mutter (Und dann) oder des Vaters (Vom Verschwinden vom Vater), ist es nun ein Kind, das mit dem menschlichen Makel eines sehr selten Trisomie-Chromosomendefekts geboren wird. Den Eltern bleibt wenig Zeit und Hoffnung für ein Leben mit ihrem Kind. Trotzdem wandern sie zu dritt nach Kanada aus. Innerhalb eines Jahres wächst und entwickelt sich das Kind, bis es langsam wieder verschwindet und stirbt. Dazwischen kommen die beiden Großelternpaare, der Onkel des Kindes und die Urgroßmutter zu Besuch, um das Kind zu sehen. Aber Bedrückung, Hilflosigkeit und Unfähigkeit mit der Krankheit umzugehen, sind allgegenwärtig. An echte Normalität ist nicht zu denken. Dazu klingen ganz wie nebenbei unverarbeitete Familienprobleme an.

Entlang der vier Jahreszeiten hangelt sich der Text an metaphorischen Naturbeschreibungen entlang wie etwa dem Angeln oder dem Herstellen von Akaziensirup im Vergleich zum Zustand des Kindes. Ohne direkte Rollenzuschreibungen ist das wie immer bei Höll ein nicht gerade für die konventionelle Bühnenpräsentation prädestinierter Text. Ähnlich wie schon Claudia Bauer Hölls Erstling Und dann als Sprech-Musik-Stück inszenierte, in dem die Figuren wie in einem verschwommenen Kindertraum unter riesigen Pappmache-Köpfen kaum auszumachen waren, versucht es Thirza Bruncken mit einer Art Bewegungschoreografie, die aus den vier DarstellerInnen (Julius Bornmann, Anna Keil, Bettina Schmidt und Sebastian Tessenow), die sich den Text teilen, steife, aufziehbare Gelenkpuppen macht. Dazu stehen sie in einem klaustrophobischen Guckkastenraum mit nur einer Tür und einem Spiegel und werden durch andauernde Störgeräusche, Musikeinspielungen und Lichtwechsel gesteuert.

 

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rolf Arnold

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Das Dargestellte entspringt aber eher einer vollkommen assoziativen Regieführung, die fast komplett am Stücktext vorbeiinszeniert. Sicher lässt sich der Takt des Textes gut in Musikalität und Bewegung übersetzen, kein Problem. Mit teilweise recht willkürlichen Zusammenzucken, Stammeln und Stampfen wird der Text dann aber doch ziemlich zerstückt und zertreten. Die SchauspielerInnen tragen dazu gutbürgerliche Kleidung der 1960er und 70er Jahre und singen wie bei einer steifen Karaoke-Veranstaltung Hits der 1970er und 80er wie Blondies „Heart of Glass oder Queens“ I „Want to Break Free“. Befreien wird sich aus dieser ausweglosen Situation niemand. Die Tür klemmt oder geht nur einen Spalt auf. In einer Art tänzelnden Chorus-Line stellen sich die vier auch mal zu einem Balkanbeat an die Rampe. Wie in einem Schneesturm werden alle an die Wände gedrückt oder brechen immer wieder zusammen. In französischem Gestammel werden die Nachbarn karikiert.

Dass die Regisseurin eine Affinität zum Film (Darstellerin in frühen Filmen von Christoph Schlingensief) hat, beweist eine melodramatische Szene zwischen den beiden Frauen zu filmreifer klassischer Orchestermusik. Das Licht flackert wirr, und zerplatzende Glühlampen oder kaputte Leuchtstoffröhren zerreißen akustisch die Szenen. Was das Ganze mit dem Stück zu tun hat, erschließt sich allerdings nie so richtig. Man gibt bei der Macht der Bilder auch irgendwann unweigerlich auf, dem Text zu folgen, der auch teilweise relativ unverständlich rübergebracht wird.

Am Ende, wenn das Paar nach einer kurzen Flucht in die Natur mit dem Kind an Schläuchen im Krankenhaus landet und das Leben langsam aus dem kleinen Körper entweicht und er verschwindet, schwenkt die Regie ganz auf Bebilderung um. Ein Negativvideo einer Inuitfrau mit Kind und Hundeschlitten wird auf die Wände projiziert, während die SchauspielerInnen in Pelzen wühlen. Sicher versucht sich Thirza Bruncken rein assoziativ den schwierigen Sprachbilder von Wolfram Höll, anzunähern, die sich immer wieder selbst zerlegen und neu zusammensetzen, den Wortsinn variieren, bis er sich verkehrt. Für eine Uraufführungsinszenierung wird von der Regie allerdings schon arg übers Ziel hinausgeschossen. Da kann man für Mülheim nur viel Glück in wünschen.

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Drei sind wir (12.03.2016)
Von Wolfram Höll
Regie: Thirza Bruncken
Bühne & Kostüme: Christoph Ernst
Choreographische Einstudierung: Sebastian Tessenow, Martin Opitz
Musikalische Einstudierung: Francesco Greco
Dramaturgie: Torsten Buß, Christin Ihle
Mit: Julius Bornmann, Anna Keil, Bettina Schmidt und Sebastian Tessenow
Premiere war am 20. Februar 2016 in der Diskothek des Schauspiels Leipzig
Spieldauer ca. 1:20, keine Pause

Termine: 03. und 28.04.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 14.03.2016 auf Kultura-Extra.

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Herzhaftes deftig serviert – Regisseur Gordon Kämmerer überwürzt die Uraufführung von Ferdinand Schmalz‘ neuem Stück „der herzerlfresser“ am Schauspiel Leipzig

Donnerstag, November 26th, 2015

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der herzerlfresser_schauspiel leipzigNach am beispiel der butter und dosenfleisch hat nun der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz mit der Uraufführung des Auftragswerks der herzerlfresser am Schauspiel Leipzig seine Stück-Trilogie über Lebensmittelmetaphern vollendet. Es ist wieder eine an poetischer Metaphorik und wild kalauerndem Humor reiche Story um eine kleine Gemeinschaft von Menschen, in die ein geheimnisvoller Fremdling eindringt. Das Herz steht hierbei im Mittelpunkt als organische Pumpe wie auch Gefühlszentrum unseres Körpers und Lebens. Und auch als schaurig schönes Volksstück taugt die einem alten Kriminalfall entliehene Geschichte des Kannibalen von Kindberg in der Steiermark. Dort hatte im 18. Jahrhundert der Knecht Paul Reininger, einem alten Aberglauben folgend, sechs junge Frauen ermordet, um durch das Verspeisen ihrer Herzen unsichtbar zu werden und mehr Glück im Kartenspiel zu haben.

Das heutige Kindberg von Ferdinand Schmalz ist ein verschlafenes Nest am Rande einer Moorlandschaft, die der Bürgermeister Acker Rudi (Michael Pempelforth) trockengelegt und zum Bauland erklärt hat. Seine Herzensangelegenheit ist die Anlockung globaler Investoren und überregionaler Käufer durch den Bau eines Shoppingcenters. Diese moderne Begegnungsstätte zur Kundenbefriedigung soll wieder neues Leben in die Stadt pumpen. Ein Aufschwung erkauft mit den Handschlag-Quali- und Quantitäten ihres Bürgermeisters.

Vorläufig laufen aber nur die Sumpfwasserpumpen, da sich im Neubau des Herzcenters erste Risse gezeigt haben, was nicht nur stinkende Brühe zutage fördert, sondern auch weibliche Moorleichen ohne Herz. Die erste fällt dem beherzten Bürgermeister Rudi und dem Center-Wachmann Gangsterer Andi (Florian Steffens) direkt vom Schnürboden der Diskothek herunter vor die Füße. Damit die Investoren nicht ausbleiben und sich die globale Erfolgsgeschichte zur regionalen Katastrophe wendet, lässt Rudi mit Hilfe des Wachmanns die Leiche wieder verschwinden, und der Hobbykriminologe Andi mit Rundumleuchte auf dem Kopf bekommt den Auftrag den neuen Herzerlfresser zu finden.

 

 der herzerlfresser am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

der herzerlfresser in der Diskothek am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Weitere Herz-Schmerz-Angelegenheiten zu laufen haben die Centermitarbeiterinnen Fauna Florentina (Runa Pernoda Schaefer), an die der Andi gern sein Herz verschenken würde, und Fußpflege Irene (Max Thommes), die früher mal René hieß und versucht, sich per handfester Fußzonenreflexmassage einen Weg ins Herz von Rudi zu orakeln. Herzen schlagen höher, schütten sich aus, verlieren sich, und gefrorene Herzen zerbrechen. Lauter einsame Herzen in organischer Trauer. Nur der fremde Pfeil Herbert (Felix Axel Preißler), ein philosophierender Fleischhauer, trägt sein Herz auf der Zunge und bietet das Heilsversprechen einer Liebe, die durch den Magen geht. Das Paradies, was wir verloren haben. Eine Operation am offenen Herzen der zwischenmenschlichen Sprachlosigkeit. Erst im Rausch brechen die Gefühle es aus ihnen heraus. Nach alkoholseliger Einweihungsfeier im Center kommt es zum durchgeknallten Showdown mit Motorsäge, Laserschwert und Pistole.

Hierbei gehen dem Regisseur Gordon Kämmerer nicht nur einmal die Pferde, oder auch mal ein Ziege durch, die als Pappmachéungetüm auf die Bühne gezogen wird. So jagt ein lustiger Regieeinfall den nächsten, begleitet von dröhnenden elektronischen Herzbeats und mächtig Bodennebel. Neben etlichen Slapstickeinlagen wird ein wenig mit Alfred Jodocus Kwak gealbert und fröhlich im Splattergenre gewildert. Dazu kommt, dass die SchauspielerInnen die ganze Zeit in haarigen Tier-Kostümen stecken. Merkwürdige Fellwesen zwischen Affe und Yeti, die sich Schmalz‘ Herz-, Leib- und Magenmetaphern teilen. Kämmerers Hang zur Comedy stößt auf Dauer etwas sauer auf. Was noch bei der Uraufführung des Nolte-Decar-Stücks Das Tierreich bestens funktioniert hat, erschlägt hier fast die poetische Sprachgewalt des Textes. Am 28. November hat die Zweitaufführung von Ronny Jakubaschk am Deutschen Theater Berlin Premiere. Mal sehen, wie deftig das Schmalz’sche Herzragout dort angerichtet wird.

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der herzerlfresser
von Ferdinand Schmalz
Uraufführung
Premiere in der Diskothek im Schauspiel Leipzig: 20.11.2015
Regie: Gordon Kämmerer, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Max Thommes, Dramaturgie: Esther Holland-Merten
mit: Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Runa Pernoda Schaefer, Florian Steffens, Max Thommes und Maximilian Grafe
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine: 25., 28.11. und 16., 30.12.2015

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 22.11.2015 auf Kultura-Extra.

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Adoleszenz und Apokalypse – Zweimal neue junge Dramatik in der Diskothek des Schauspiels Leipzig

Samstag, Oktober 24th, 2015

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Mit Stücken von Wolfram Höll (Und dann), Ferdinand Schmalz (am beispiel der butter), Nolte Dekar (Das Tierreich) oder Lukas Linder (Die zweieinhalb Leben des Henrich Walter Nichts) ist die kleine Spielstätte Diskothek unter dem Dach des Schauspiels Leipzig seit der Übernahme der Intendanz durch Enrico Lübbe auf Erfolgskurs. Ob Retzhofer Dramapreis, Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts oder Kleist-Förderpreis, die Bilanz der hier seit 2013 uraufgeführten jungen, deutschsprachigen Dramatik lässt sich durchaus sehen. Wolfram Höll wurde für sein Stück Und dann 2014 sogar mit dem begehrten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Auch in der Spielzeit 2015/16 stehen insgesamt fünf Uraufführungen auf dem Leipziger Spielplan, die zum Teil bereits wieder Preise eingeheimst haben.

 

Das Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Das Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

 

So auch Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder. Die Uraufführung des mit dem Kleist Förderpreis ausgezeichneten Stücks fand bereits im Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen statt. Nach der Preisverleihung Anfang Oktober in Frankfurt/Oder ist die Adoleszenz-Komödie nun auch in der Diskothek Leipzig zu sehen. Der 31jährige Schweizer Dramatiker beschreibt die Probleme des 13jährigen Fred, ohne eine männliche Identifikationsfigur erwachsen werden zu müssen. Er idealisiert seinen vor kurzem abgehauenen Vater Jack, verklärt die Erinnerung an ihn und träumt sich im Trenchcoat in die amerikanischen Kriminalromane von Raymond Chandler. Hauptdarsteller Felix Axel Preißler gibt gleich zu Beginn eine Kostprobe der blühenden Fantasie des Jungen, indem er eine aufregende Doppelszene mit seiner Traumheldenfigur, dem Privatdetektiv Ray, und seiner Auftraggeberin in verteilten Rollen vorspielt.

Ansonsten gehört Fred in der Schule eher zur Gruppe der Niedlichen, für die es nie in Frage kommt, mit den Hübschen oder Coolen zu gehen. Seine Angebetete Cordula ist für ihn so unerreichbar. Ebenso wenig wie es für ihn möglich scheint, seine etwas überambitionierte Lehrerin (Annett Sawallisch) mit einem Vortrag zum Thema „Vater, Du Idol“ zufrieden zu stellen. Mit dem Thema scheitert auch die ebenso unscheinbare Mitschülerin Astrid (Runa Pernoda Schaefer), deren Vater, ein ehemaliger Ringer (Hartmut Neuber), beim Zerreißen ihres französischen Grammatikbuches versagt. Der absolute Tiefpunkt in Sachen heroischer Vaterfigur. Er tritt hier als liebenswerter, melancholisch philosophierender Trottel im roten Ringerdress auf.

 

Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Die Männer kommen insgesamt etwas schlechter weg, wogegen die Damenwelt völlig überdreht wirkt, und im Fall von Freds Mutter (Anne Cathrin Buhtz) wie ein 40er-Jahre-Hollywoodverschnitt von Lauren Bacall aussieht. Sie hat sich zur Ablenkung den erotomanischen Fitnesscoach Ehrlicher (Jonas Fürstenau) geangelt (auch nicht gerade ein Humphrey-Bogart-Typ), der Fred mit seiner Sammlung erotischer Grafik in die Welt der Männer einführen will. Bei diesem leicht übergriffigen Aufklärungsgespräch steckt der Ersatzpapa Fred einen Schnuller in den Mund, während vom Band der Rühmann-Klassiker La le lu erklingt.

Die sämtlich überzeichneten Figuren hat Autor Linder auch sonst stark am Klischee gebaut. Regisseur Marc Lunghuß setzt mit seiner Inszenierung noch einen drauf. Da versinkt doch manches zu sehr im Klamauk. Die Bühne von Tobias Schunck ist eine aufklappbare Waschbetonfassade, aus deren Öffnungen heraus die Figuren wie in einem Puppenhaus agieren. Die Villa des wohlstandsverwahrlosten Chris (Florian Steffens), hinter deren Fenstern Fred seinen Vater vermutet, ist ein Kitsch-Traumgebilde mit Triton-Brunnen, Pelikan und grünen Elefanten. Hier versucht Fred, gefolgt von Astrid, in einer Gewitternacht einzusteigen. Allerdings, der titelgebende Mann aus Oklahoma (ein alte Ringer-Anekdote von Astrids Vater) bleibt natürlich reine Jungs-Fantasie und das Ende relativ offen. Auch wenn Fred nach seinem Sturz von der Leiter leicht weggetreten in einen Krankenhauskittel gesteckt nochmal das Victory-Zeichen macht, ist ihm schon klar, dass es für seinen Traum von einer echten Vater-Sohn-Beziehung wohl irgendwann zu spät sein wird.

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Weitestgehend Klischee sind die Figuren aus Bernhard Studlars Stück Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind. Der Hausherr einer Dachgeschosswohnung im 8. Stock überrascht bei den Vorbereitungen zu einer Party auf seiner Terrasse einen ungebetenen Gast, eine junge, lebensmüde Frau. Diese findet schnell gefallen an der Situation und zwingt den Gastgeber mit dessen Pistole, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wer sich am Ende der ausufernden Party von der Terrasse stürzen wird, bleibt dabei offen. Der österreichische Autor lässt im Folgenden eine illustre Gesellschaft von typischen Großstädtern aus der bürgerlichen Mittelschicht aufeinandertreffen. Lauter Nichtraucher, Biofanatiker, Ökokleingärtner, Linksliberale oder Anlagestrategen und vor allem gestresste Eltern am Rand des Wahnsinns, die mit zunehmendem Alkoholkonsum ihre Kontenance fahren und es danach umso mehr krachen lassen.

 

Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind von Bernhard Studlar am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind von Bernhard Studlar am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Werden die Szenen zwischen dem Gastgeber (Dirk Lange) und der jungen Frau (Sophie Hottinger) immer wieder per Video eingespielt, hat Hausregisseurin Claudia Bauer für die Gespräche auf der eigentlichen Party dann eine fast schon geniale Idee. Während ein Teil der in neonfarbenen Satinkleidern steckenden SchauspielerInnen am Rand die Texte per Mikro einspricht, bewegen sich die anderen dazu pantomimisch in immer wieder neuen, teils bizarr durchchoreografierten Szenen. Dabei tragen sie Masken und spielen ihre namenlosen Figuren unabhängig vom Geschlecht, wobei auch die Stimmen teils cross gesprochen oder verzerrt und immer wieder in Loops, fast schon wie ein melodiöser Sing Sang vorgetragen werden.

Ein großartiger Verfremdungseffekt, der tatsächlich auch über den gesamten Abend seine Spannung halten kann. Die sechs SchauspielerInnen Sophie Hottinger, Dirk Lange, Wenzel Banneyer, Tilo Krügel, Annett Sawallisch und Katharina Schmidt lösen sich immer wieder beim Sprechen und Performen ab. Es gibt keine Charaktere, nur ein Typenballett austauschbarer Figuren. Sie wirken wie fremdgesteuert und reagieren in einer körperlich stark überzogenen Dauererregung direkt auf die jeweiligen Gegenüber. Gehetzte ihrer selbst, übermüdet und im ständigen Stress nicht wahrgenommen zu werden. Abhängig voneinander oder dem Handy, das wie ein monströser Hinkelstein an ihnen hängt. Identifizieren kann man sie, wenn überhaupt, nur mittels ihrer ständig wiederholten in Worthülsen gekleideten Satzfetzen.

Dem gegenüber stellt die Regisseurin am Beginn des Abends noch während des Einlasses, kaum bemerkt vom Publikum, Versfragmente aus der Offenbarung des Johannes über die apokalyptischen Reiter in Dauerschleife. Zu einer Art Apokalypse entwickelt sich schließlich auch die ganze Party. Und so sind die folgenden Gespräche lose mit den Schlagworten Hunger, Krieg, Krankheit und Tod überschrieben. Von verhasstem Smalltalk über kleine Komplimente und Sticheleien bei Biobier und asiatisch veganem Essen gerät man schnell in Ekstase über Themen wie Kindererziehung, Biogärtnern, Sex oder Politik und teilt seine Ängste, Psychosen und Coachingversuche. Wobei man sich schnell wieder aus zu anstrengenden, fordernden Beziehungsgesprächen verabschiedet und lieber über sich selbst spricht. Die Partygäste mutieren dabei langsam von Maskenmenschen zu Pelzkopfträgern mit Pestschnabelmasken, und schließlich bleibt auf der zugemüllten Bühne nur noch ein schmatzendes Wurmwesen übrig, während im Video ein großer Komet auf die Stadt zurast. Eine bemerkenswerte Inszenierung und Schauspielleistung, die Appetit auf mehr machen.

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DER MANN AUS OKLAHOMA (18.10.2015)
Regie: Marc Lunghuß
Bühne & Kostüme: Tobias Schunck
Musik: Simon Bodensiek
Licht: Carsten Rüger
Dramaturgie: Christin Ihle
Mit: Simon Bodensiek, Anne Cathrin Buhtz, Jonas Fürstenau, Hartmut Neuber, Felix Axel Preißler, Annett Sawallisch, Runa Pernoda Schaefer und Florian Steffens
Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2015 und dem Kleist Forum Frankfurt/Oder
Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 9. Juni 2015
Leipziger Premiere in der Diskothek: 11. 10. 2015
Weitere Termine: 29. 10. / 22. 11. 2015

DIE ERMÜDETEN ODER DAS ETWAS, DAS WIR SIND (17.10.2015)
Regie: Claudia Bauer
Bühne & Kostüme: Andreas Auerbach
Musik: Jonas Martin Schmid
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Video: Gabriel Arnold
Dramaturgie: Matthias Huber
Mit: Wenzel Banneyer, Sophie Hottinger, Tilo Krügel, Dirk Lange, Annett Sawallisch und Katharina Schmidt
Uraufführung in der Diskothek war am 25. September 2015
Weitere Termine: 1., 29. 11. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 21.10.2015 auf Kultura-Extra unter:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_bernhardstudlar_diermuedeten.php

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_lukaslinder_dermannausoklahoma.php

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Flüchtlingstragödie einst und heute – Am Schauspiel Leipzig verbindet Intendant Enrico Lübbe die Schutzflehenden von Aischylos mit den Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek.

Dienstag, Oktober 20th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Die Wochenzeitung der Freitag ernennt in einer seiner Augustausgaben die Tragödie Die Schutzflehenden des griechischen Dichters Aischylos zum „Stück dieser Tage“. Es „könnte der Flüchtlingsdebatte eine historische Tiefe geben, die ihr guttäte“, so Michael Jäger. Der Autor referiert in dem Artikel über eine noch bevorstehende Inszenierung am Maxim Gorki Theater, in der die griechische Tragödie um die Flucht der Danaiden aus Ägypten in das griechische Argos, wo sie um Zuflucht bitten, mit dem Theatertext Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek aus dem Jahr 2013, in dem sich die österreichische Autorin auf Die Schutzflehenden des Aischylos bezieht, verschränkt werden soll. Dieser Zusammenführungsidee des Regisseurs Sebastian Nübling ist nun der Intendant des Schauspiels Leipzig Enrico Lübbe mit seiner Inszenierung Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen zuvor gekommen.

Was also ist das Bemerkenswerte an Aischylos‘ Textfragment, Teil eines ursprünglich mehrteiligen Werkes, von dem nur diese Tragödie überliefert ist? Es ist vor allem die bedingungslose Hikesie, also das Heiligtumsasyl, das den Schutzflehenden (Hiketiden) vom Volk der Argäer gewährt wird, nachdem ihr Herrscher Pelasgos, sich der Sache zunächst unsicher, an sie wendet. Er wägt die möglichen Nachteile ab, wie etwa einen bevorstehenden Krieg gegen die Verfolger, oder aber den Zorn des Zeus im Fall der Nichtgewährung des heiligen Rechts auf Asyl von Verfolgten ungesehen ihrer eventuellen Schuld. Das Volk nimmt ihrem Herrscher diese Entscheidung ab. Die Danaiden dürfen bleiben und bekommen, allerdings zum Preis der ebenfalls bedingungslosen Anpassung, sogar bevorzugt Wohnraum. Wohl auch das einer der Gründe, warum sich Elfriede Jelinek dieser Tragödie erinnerte und nun im Zuge der mehrfachen Aufführung ihrer Überschreibung für eine Renaissance des fast vergessenen Stoffs auf den deutschsprachigen Bühnen sorgt.

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Enrico Lübbe inszeniert den Aischylos-Text als klassische, griechische Tragödie mit einem maskierten Chor der Danaiden und einem Chorführer, ihrem Vater Danaos. Auf griechischer Seite agiert König Pelasgos, ebenfalls in Maske und auf hohen Koturnen schreitend. Regisseur Lübbe arbeitet hier mit einer recht starken Verfremdungstechnik, indem er die Danaiden-Frauen als Männerchor aus Laien in Brautkleidern auftreten lässt. Die Männerrollen werden wiederum von Darstellerinnen aus dem Ensemble gespielt. Diese gezielte Entindividualisierung, die keine gewohnt eindeutigen Rollenzuschreibungen zulässt, wirkt zunächst etwas fremd und teils auch unfreiwillig komisch, lenkt letztendlich aber die Konzentration ganz auf den Text, der durchaus auch seine Ambivalenzen hat.

 

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen - Foto © Bettina Stöß

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

 

Eine etwas ungeschickte Choreografie lässt den Chor allerdings recht hilflos immer wieder Arme reckend, nach vorn oder nach hinten trippeln oder auch mal auf einen die gesamte linke Bühnenseite ausfüllenden Schiffsrumpf klettern. Das tut aber letztendlich der Eindringlichkeit des durch Marcus Crome bestens einstudierten Bitt- und Klage-Chors kaum Abbruch. Das Bühnenbild erinnert klug an eine Welle („Woge, wohin, ach, treibst du?“) oder das Innere eines Schiffs. Sonst setzt Lübbe nur ganz sparsame Regiemittel zur Bebilderung ein. Schon zu Beginn schlägt der Chorführer mehrmals mit einem großen Ölbaumzweig gegen den noch geschlossenen Eisernen Vorhang und die herannahenden Verfolger des Königs Aigyptos, der die Frauen für seine 50 Söhne fordert, rutschen ganz in schwarz wie ein SEK-Kommando an Seilen herab. Man könnte in ihnen natürlich auch IS-Kämpfer sehen. Mehr an Modernisierung erlaubt sich die Regie nicht.

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Der Übergang zu den Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek erfolgt dann fast übergangslos. Auf die übereinander gehängten Brautkleider wird das Videobild einer Schauspielerin mit Elfriede-Jelinek-Frisur projiziert, die von düsterer Vorahnung spricht. Nun tritt ein ganzer Frauen-Chor im Jelinek-Look auf, was man gut unter entbehrlichem Regieeinfall abtun könnte. Der erhobene Zeigerfinger ins Publikum, der mit dem gewohnt kalauernden Textflächenstil der Autorin einhergeht, wird hier leicht ironisch auch als solcher kenntlich gemacht. Inhaltlich geht es in dem Text um die Ereignisse um eine Gruppe von Flüchtlingen, die 2013 in der Wiener Votivkirche um Asyl suchten. Die gefahrvolle Fahrt übers „Mare Nostrum“ überlebt und dem Terror in ihrer Heimat entronnen, sehen sie sich nun einer Bürokratie und Ablehnung der Bevölkerung gegenüber, der sie sich unerhört ausgeliefert fühlen. Wie „bestellt und nicht abgeholt“. Ein Anklagetext, der auch nicht vor drastischen Bildern zurückschreckt.

 

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen - Foto © Bettina Stöß

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

 

Die Bilder, die Enrico Lübbe dafür findet, scheinen allerdings wie aus einem Bastelhandbuch für Regie. Es fliegen Textseiten durch die Luft, Müllsäcke fallen vom Bühnenhimmel, und die ressentimentgeladenen Kommentare besorgter, österreichischer Bürger, die man in Leipzig auch Legida nennt, werden in Würstchenkostümen auf Liegestühlen zur Schlagermusik Deine Spuren im Sand von Howard Carpendale vorgetragen. Nur in den Chorpassagen und ein paar ruhigeren Monologen an der Rampe entfaltet der Text wirklich seine ganze Wucht. Der Rest geht unter in einer lautstarken Russendisco. Minutenlang wird das Thema der schnellen Einbürgerung von Jelzin-Tochter Tatjana Jumaschewa und der Opernsängerin Anna Netrebko ausgewalzt, die in einer Arien-Travestie aus La Traviata in der Badewanne über die Bühne schwebt. Der ca. 45minütige Antiken-Prolog ist da schon fast vergessen.

Der krampfhafte Versuch einer Vermeidung des Stellvertreterdilemmas am Theater bewirkt letztendlich nur, dass einem durch die ganze Entfremdung die Figuren auch nicht wirklich näher kommen können. Was bleibt, ist der wunderbare Chor aus Leipziger Bürgern, der sich am Ende noch einmal zum Lacrimosa aus Mozarts Requiem aufstellt, sowie die Erkenntnis, dass sich in der Beschäftigung mit dem antiken Theaterstoff deutlich zeigt: Flucht, Verfolgung und Asyldebatte gehören zur Menschheitsgeschichte, seit es Staaten und Gesellschaften gibt. Man könnte einmal mehr daraus lernen. Der nächste Versuch startet im November am Maxim Gorki Theater Berlin.

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Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen
Von Aischylos und Elfriede Jelinek Übertragung Aischylos: Dietrich Ebener
Premiere: 02.10. 2015 am Schauspiel Leipzig
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Einstudierung & Leitung der Chöre: Marcus Crome
Licht: Ralf Riechert
Video: Kai Schadeberg
Dramaturgie: Torsten Buß
Mit: Ellen Hellwig, Julia Preuß, Bettina Schmidt, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth und Statisterie
Chor der Schutzflehenden: Martin Biederstedt, Frank Blumentritt, Jens Brosig, Ulrich Brückner, Len-Henrik Busch, Heiko Fischer, Johannes Fleischer, Florian Fochmann, Günther Heinicke, Marcus Herrmann, Christian Humer, Robert Keller, Tim Kranhold, Frank D. Krüger, Kai Müller, Michael Peter, Miloslav Prusak, Ingbert Puhlmann, Reinhard Schäfer, Klaus Schaffranek, Kay Schwarz, Ron Uhlig, Jörg Wesser, Sören Zweiniger
Chor der Schutzbefohlenen: Birgit Blaßkiewitz, Heidemarie Brosig-Brill, Sabine Brückner, Antonia Maria Cojaniz, Katrin Cunitz, Jennifer Demmel, Lenore Dietsch, Anke Dück, Ulrike Feibig, Gabriele Freitag, Luise Kind, Jenny Kühl, Rosemarie Langberg, Birgit Morkramer, Carmen Orschinski, Brigitte Puhlmann, Katrin Rivera, Uta Sander, Mirjam Schneider, Jana Schroeter, Birgit Steiner, Susanne Zaspel

Termine: 01.11., 05. und 18.12.2015 sowie 12.01., 06. und 21.02., 20.03., 09.04. und 28.05.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 07.10.2015 auf Kultura-Extra.

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Lost in Web-Communication – Eigentlich schön! von Volker Schmidt in der Regie von Bruno Cathomas am Schauspiel Leipzig.

Montag, März 23rd, 2015

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Gilt ein klingelndes Handy im Theater normaler Weise als No-Go und steckt das Twittern im Tempel der Hochkultur noch immer in den Kinderschuhen, ist das Mobiltelefon nun fast in den Rang des Hauptdarstellers oder zumindest zum wichtigsten Requisit der neusten Studioinszenierung des Schauspiels Leipzig aufgestiegen. Auf theatertexte.de als Stück über die „Generation Rollkoffer“ angekündigt, ist Eigentlich schön vom österreichischen Autor, Regisseur und Schauspieler Volker Schmidt eigentlich eher das Stück zur Generation Smartphone, die sich zusehends in sozialen Netzwerken und anderen Arten der Internet-Kommunikation verliert, immer flexibel auf dem Sprung ist und sich nie festgelegt. Schauspieler und Regisseur Bruno Cathomas hat das Stück nun mit sechs Studierenden des Schauspielinstituts „Hans Otto“ der HMT Leipzig in der kleinen Spielstätte Diskothek zur Uraufführung gebracht.

 

Eigentlich Schön - Foto ® Rolf Arnold

Eigentlich schönFoto ® Rolf Arnold

 

„Blablabla” – Das Ensemble läuft sich zunächst zu elektronischer Beschallung warm und repetiert das Hashtag-Vokabular und die üblichen Slogans des World-Wide-Webs. Auf Facebook, Twitter und Skype herrscht die digitale Dauer-Logorrhoe und verklebt sämtliche Kanäle. Und die Gründe dafür sind natürlich vielgestaltig. Die sechs jungen Menschen um die dreißig in Schmidts Stück sind zumeist irgendwie kreativ unterwegs. Heute Berlin, morgen Konstanz und übermorgen vielleicht New York oder Mumbai. Ihre Fernbeziehungen erschienen ihnen dabei wie reine Zweckbündnisse. Sie sind nur noch zusammen aus der Angst vor Trennung und dem Alleinsein. Und daraus generiert sich nun eine ganze digitale Kommunikationsindustrie nebst ihren bekannten Risiken und Nebenwirkungen, die Schmidt natürlich auch als Schmierstoff für den Fortgang seiner schnellen Beziehungsdramatik nutzt.

Das Paar Magda (Stefanie Schwab) und Eike (Erik Born) lebt in einer solchen Fernbeziehung. Wobei beide es nicht so ganz genau mit der Treue nehmen, sich in Emails und Chats mit dem Partner oder anderen Personen aus dem weiteren Freundeskreis immer wieder in Ausreden, Lügen und ihren Phantasien verstricken. Magda fliegt aus Verzweiflung über ihr tristes Leben nach New York zum kompromisslosen Musiker Kurt (Loris Kubeng), den sie in einem Internetchat kennengelernt hat, Eike im Glauben lassend, sie wäre beruflich in Mumbai. Der nutzt die Gelegenheit, um mit dem etwas naiven angehenden Fotomodel Annika (Lara Waldow) anzubändeln. Ergänzt wird das Quartett über Kreuz noch durch den Wahrheitsfanatiker und schwulen Fotografen Jonathan (Brian Völkner) sowie die beruflich erfolgreiche und alleinerziehende Anne (Andreas Dyszewski in einer herrlich genderübergreifenden Travestienummer), die ihre Einsamkeit durch eine aufgesetzte bürgerliche Fassade mit Haus und Garten kompensiert.

 

Eigentlich Schön - Foto ® Rolf Arnold

Eigentlich SchönFoto ® Rolf Arnold

 

Die vertrackte Situation der ProtagonistInnen erzeugt natürlich so manche Gelegenheit für Wortwitz, Verwechselungskomik und Slapstick. Ein gefundenes Fressen für Regisseur Cathomas und seine sechs DarstellerInnen. So wie Autor Schmidt seinen Text auf besondere Weise der schnelllebigen Kommunikation im Netz angepasst hat, treibt das Geschehen auf der von Hugo Gretler mit drei verfahrbaren Videowänden, einem Garderobenständer für das schnelle Umkleiden (Kostüme: Agathe MacQueen) sowie Getränkeautomat und -kühlschrank ausgestalteten Bühne fast pausenlos ins Groteske. Dadurch, dass sich die SchauspielerInnen ständig selbst mit Handykameras filmen, werden die Spielszenen auf den Videoleinwänden noch zusätzlich verdoppelt. Kleine Ruhepunkte setzen kurze Monologe, in denen die Figuren über ihr Leben, Ängste und Träume reflektieren. Niemand fühlt sich hier wirklich wohl in seiner Haut.

Eigentlich schön wird zu Floskel für die Lebens-, Liebes-, und Beziehungslügen aller. In einem großen, finalen Moment der Wahrheit bei der alkoholschwangeren Wohnungseinweihungsfete des wieder zueinandergefunden Paares Magda und Eike platzt der Traum von Glück, Solidität und einem selbstbestimmten Leben wie eine Seifenblase. Da niemand gelernt hat, ehrlich mit dem anderen zu kommunizieren, zerreißt das Netz der digitalen Kommunikation schließlich an der Realität, da es nichts einfangen kann, was wirklich wesentlich ist. Auch wenn sich das vielleicht banal anhört: Likes, Smileys und andere Emotional Icons ersetzen eben auf Dauer keine echten Gefühle. Der Regisseur und die großartigen Leipziger Studierenden setzen das in ein echtes, durchweg dynamisches Spiel um und machen aus dem Stück mehr als nur ein flüchtig gepostetes Selbstdarstellungs-Selfie im Netz.

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EIGENTLICH SCHÖN (Diskothek, 20.03.2015)
Regie: Bruno Cathomas
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Agathe MacQueen
Musik: Jonas Martin Schmid
Dramaturgie: Alexander Elsner
Mit: Erik Born, Andreas Dyszewski, Loris Kubeng, Stefanie Schwab, Brian Völkner und Lara Waldow
Uraufführung war am 20. März 2015
Weitere Termine: 21. / 27 .11. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 22.03.2015 auf Kultura-Extra.

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Geschichte und Geschichten von Revolutionären Straßen und Chausseen – Das Schauspiel Leipzig stellt die Spielzeit 2014/15 unter das Motto „Zeiten des Aufruhrs“.

Donnerstag, Dezember 11th, 2014

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Zeiten des Aufruhrs – Der Roman Revolutionary Road des US-amerikanischen Autors Richard Yates in einer Bühnenfassung von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto St. B.

…auf Leipziger Straßen?
Foto: St. B.

Zeiten des Aufruhrs – das klingt zunächst ziemlich groß. Doch die Revolutionary Road, wie der Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Yates im Original heißt, führt schnell und geradlinig in die Hölle der kleinbürgerlichen Vororte (Suburbias) von New York und macht auch keinen Hehl aus der Tristesse der Scheinidylle von grünen Vorgärten und schmucken Häuschen mit leicht individuellem Touch. Sie ist dem Regisseur und Leipziger Intendanten Enrico Lübbe, der nun stolz die erste Bühnenfassung des Romans am dortigen Schauspiel präsentiert, nicht einmal als Kulisse gut. Die leere Bühne zeigt nur ein riesiges Reklameschild, das ein Glück vom Häuschen im Grünen verheißt, inklusive billiger Zugfahrpreise. Nicht nur ein rein amerikanischer Traum der dortigen Mittelschicht, auch in Deutschland geht der Trend seit langem zum Arbeiten in der Stadt und Leben auf dem Land.

Das musste man aber selbst Mitte der 1950er Jahre schon ernsthaft wollen. Die Wheelers (ein junges Paar mit erstem Kind und Abschlüssen an der Columbia-Universität in der Tasche) wollen hier nur kurz Atem schöpfen vorm ganz großen Durchstarten, vorzugsweise im alten Europa. Das dafür notwendige Geld verdient Frank Wheeler (Felix Axel Preißler) in einer Büromaschinenfirma in New York, in der schon sein Vater kurz vor einer hoffnungsvollen Karriere stand, die dann aber doch nie starteten wollte. Frank trägt sozusagen die Träume seines alten Herrn auf, ohne auch nur entfernt vorzuhaben, in dessen Fußstapfen zu treten. Es ist ein Job, der ihn nicht interessiert. Hier wird nur schnödes Anschauungsmaterial für den Verkauf gefertigt. Das Gehirn, so sagt er, gibt man in den Bürotowern von New York vorzugsweise am Empfang ab.

Franks Frau April (Anja Schneider) hat eher künstlerische Ambitionen. Mit ihrem Mann und einer elenden Vorstadtlaienspieltruppe strandet ihr Talent an der Revolutionary Road. Hier grassiert der Virus des Scheiterns. Für den durchschlagenden Erfolg am Broadway reicht es dann wohl doch nicht aus. Ihr neues Projekt sind die mittlerweile zwei Kinder und Ehemann Frank, dem sie kurz entschlossen vorschlägt, sich Zeit zur Selbstfindung in Paris zu nehmen. Für den Lebensunterhalt will April nun ihrerseits in einem Bürojob sorgen. Der gar nicht so besonders ehrgeizige Frank muss dazu allerdings erst mit ein paar Drinks an seinem Geburtstag überredet werden, eher er ganz Feuer und Flamme auf den Tisch steigt.

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
Foto (C) Rolf Arnold

Getrunken und geraucht wird hier viel. Man kennt das aus Fernsehserien wie Mad Men. Der Stil der Kostüme und Accessoires atmet ebenfalls dieses Flair. Als sparsame Requisiten dienen jedoch lediglich massenweise Flaschen und Gläser und ein paar Tische und Stühle, die Franks Büro bilden, oder die zum heimischen Esstisch zusammengeschoben werden. Was man nicht sieht, wird erzählt, bevorzugt an der Rampe, mal allein und mal mit dem ganzen Vorstadtpersonal. Zwischen den einzelnen Szenen geht bedeutungsvoll der Eiserne Vorhang rauf und runter. Dazu erklingt eine leicht melancholische Fahrstuhlmusik von Bert Wrede. Die hatte früher auch schon mal mehr Energie. Das alles erzeugt wenig Furor und legt sich mit der Zeit bleiern über die Inszenierung, die im dauernden Erzählstrom versandet. Kein Aufruhr nirgends, nicht mal im dahinrieselnden Stundenglas. Es zieht sich spürbar (Dauer: 3:40 h).

Die direkte Kommunikation erschöpft sich in kurzen Gesprächen mit Franks Arbeitskollegen Jack (sonst unter dem Tisch liegend: Hartmut Neuber), der Sekretärin Maureen (Runa Pernoda Schaefer, auch mal auf dem Tisch), mit der Frank ein kurzes Verhältnis hat, und bei Abenden mit dem befreundeten Nachbarspaar Milly (Anne Cathrin Buhtz) und Shep Campbell (Wenzel Banneyer). Sie hat sich mit vier Kindern schon mehr oder weniger ihrem Vorstadtschicksal ergeben; er ist ein Meister im Verdrängen seiner Gedanken. Ansonsten hält man Smalltalk. Worüber Yates als guter Beobachter nüchtern und genauestens berichtet, lässt Lübbe nebenbei aufsagen.

Einer eher intuitiv zusammengeschusterten Werbebroschüre hat es Frank dann doch zu verdanken, dass sein Chef (Matthias Hummitzsch) auf ihn aufmerksam wird, und ihm eine Aufstiegsmöglichkeit im nun in rechnergestützte Datenverarbeitung investierenden Unternehmen anbietet. Ein drittes Kind räumt Frank die Möglichkeit ein, die Pläne mit Paris nochmal zu überdenken. Ein Streit über eine von April geplante illegale Abtreibung lässt ihn sogar kurzzeitig als Sieger zurück. Frank trägt aber nicht allein nur die gemeinsamen Träume zu Grabe, er schaufelt auch ungewollt am Familiengrab. April wird bei dem Versuch, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen, verbluten.

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
Foto (C) Rolf Arnold

Höhepunkt der Vorlage wie der Inszenierung sind die Auftritte des als geisteskrank geltenden ehemaligen Hochschullehrers John Givings (Michael Pempelforth). Seine Mutter, die Immobilienmaklerin Mrs Givings (Jutta Richter-Haaser), hat ein Händchen für Häuser und die Angewohnheit viel nichts zusagen. Wo sie ihren Klappstuhl aufstellt, steht ihre Klappe nicht mehr still. Mr. Givings (Andreas Herrmann) zieht es vor, das Hörgerät auszuschalten. John Givings verfügt über die Gabe eines sicheren Seismographen für Lebenslügen, die er vor allem Frank ungefragt um die Ohren haut. Er wirkt wie ein Katalysator für das Einstürzen des Weehler’schen Lügengebäudes. Das über der Bühne hängende Werbeschild fällt daraufhin aus seinen Angeln, und die Schauspieler stellen in einem surrealen Traum mit riesigen Pappköpfen Szenen aus Aprils Kindheit dar. Auch ein Verweis auf die Vorwürfe Franks, sie sei emotional gestört.

Wer die Verfilmung von Sam Mendes aus dem Jahre 2008 mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio kennt, wird hier so einiges wiederentdecken. Nur dass der Film wesentlich interessanter gebaut ist. Felix Axel Preißler verliert sich zunehmend im Nachahmen des berühmten Kinohelden, und Anja Schneider (mit Armin Petras vom Maxim Gorki Theater letztes Jahr nach Stuttgart gegangen) hat man noch nie so alleingelassen auf der Bühne gesehen. Das ist traurig und nicht nur allein dem Plot geschuldet. Hier opfert eine Frau ihr Leben für einen Mann, der das offensichtlich nicht verdient. Es stellt sich heraus, dass man sich nie wirklich gekannt hat. Sein Wunsch nach Normalität mündet im sicheren Vorstadtalltag. Ihre Illusionen enden tödlich. Enrico Lübbe übersetzt das in gediegene Betriebsroutine. So eignet sich die Inszenierung weder für eine feministische Aussage noch für eine tiefgreifende heutige Gesellschaftskritik.

Man ahnt zumindest, dass Enrico Lübbe mit seiner historisierenden Inszenierung auch in diese Richtung denkt. Eine erste Übersetzung des Romans ins Deutsche erschien in den 1970er Jahren unter dem Titel Das Jahr der leeren Träume in der DDR. Eine Zeit, die in der Bundesrepublik durch das Ende der Träume der 68-Revolte geprägt war. Man zog sich ins Private zurück. Zurzeit erlebt die Gesellschaft einen vergleichbaren konservativen Rollback. Die traditionelle Rollenverteilung ist wieder im Kommen. Für diese revolutionäre Erkenntnis muss man aber nicht erst ins Theater gehen.

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ZEITEN DES AUFRUHRS (UA)
Basierend auf dem Roman „Revolutionary Road“ von Richard Yates
Fassung des Schauspiel Leipzig unter Verwendung der deutschen Übersetzung von Hans Wolf
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Bianca Deigner
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Torsten Buß, Alexander Elsner
Licht: Carsten Rüger
Mit: Wenzel Banneyer, Anne Cathrin Buhtz, Andreas Herrmann, Matthias Hummitzsch, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Jutta Richter-Haaser, Runa Pernoda Schaefer und Anja Schneider

Spieldauer ca. 3:40, eine Pause

Uraufführung am Schauspiel Leipzig war am 6. Dezember 2014

Weitere Termine: 10. + 27. 12. 2014 / 18. 1., 13. + 20. 2., 14. 3., 5. 4., 20. 6. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 08.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Witzige Geschichtsaufarbeitung mit Heiner Müller am Schauspiel Leipzig – Phillip Preuss inszeniert auf der Hinterbühne Wolokolamsker Chaussee I-V

Unter das Motto Zeiten des Aufruhrs hat das Schauspiel Leipzig auch seine zweite Spielzeit unter Enrico Lübbe gestellt, in der sich sowohl der Fall der Berliner Mauer im November 1989 als auch die im Oktober vorangegangenen friedlichen Protestdemonstrationen in der Stadt Leipzig zum 25. Mal jähren. Just in diese Zeit fiel auch eine Inszenierung von Heiner Müllers in fünf Lehrstücken angelegtes Drama Wolokolamsker Chaussee I-V. Daran versucht nun eine Neuinszenierung von Philipp Preuss auf der Hinterbühne des Schauspiels zu erinnern. Müller schrieb die Texte 1985-87 in Reaktion auf die durch Michail Gorbatschow eingeleitet Zeit von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion. Einer der Ausgangspunkte für die Ereignisse im Herbst ’89 in der ehemaligen DDR. Auch Heiner Müller sah die Situation reif für Veränderungen, allerdings nicht ohne aus der deutschen Vergangenheit zu lernen. „Das ist der Moment, wo wieder gelernt werden kann, gelernt werden muss.“

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto © Rolf Arnold

In den fünf Teilen greift Müller literarische Stoffe von Alexander Bek (dessen Roman Wolokolamsker Chaussee), Anna Seghers (Das Duell), Franz Kafka (Kentauren – ein Greulmärchen aus dem Sächsischen von Gregor Samsa) und Heinrich von Kleist (Der Findling) auf. Wie ein roter Faden zieht sich dabei von 1941 vor Moskau über 1953 in Ost-Berlin und 1968 in Prag bis in die 1980er Jahre der DDR das Motiv des Panzers, „der seine Kettenspur durch meinen Traum zieht“, wie es der junge Kommandeur einer sowjetischen Division im Kampf gegen die Deutschen vor Moskau auf der titelgebenden Wolokolamsker Chaussee – „zweitausend Kilometer weit Berlin, einhundertzwanzig Kilometer Moskau“ – berichtet. Phillip Preuss lässt sie gleich zu Beginn als Videoprojektion alter Filmdokumente über die Rückwand der Bühne fahren.

Das Hervortreten und wieder Verschmelzen des Einzelnen im Kollektiv ist neben Macht und Verrat ein weiteres Thema in Müllers Fünfteiler. Regisseur Preuss lässt seine sechs Protagonisten (Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow) in Camouflage-Anzügen vor gleichgemusterter Tapete und Fußboden auftreten (Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht). Es ist die sog. Russische Eröffnung nach Beks‘ Roman, in der besagter Kommandeur aus verängstigten Individuen, die lieber in die russischen Wälder flüchten würden, ein Gemeinschaft formen muss. „Ich war ihr Kommandeur und meine Angst war / Die Angst vor ihrer Angst Und näher kam / Die Front und von der Front die Deserteure“. Er statuiert schließlich ein Exempel und lässt einen Deserteur erschießen. Die Angst wird ihn weiter in seinen Träumen verfolgen.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto © Rolf Arnold

Preuss lässt das chorisch oder mit wechselnden Stimmen vortragen. Die Darsteller stehen dabei mit dem Rücken zur Wand, mit der sie nun tatsächlich förmlich verschmelzen, oder sprechen direkt vor den Sitzreihen der Hinterbühne ins Publikum. Sie formen ein MG aus ihren Leibern und marschieren zum Rolling-Stones-Song „Sympathie for the Devil“. Als Schuss knallt ein Sektkorken. Der Zweifel über die Entscheidung klingt im fragenden Ton der Sprecher. Zwischen den einzelnen Teilen spielt Preuss per Video Interviewpassagen aus dem Making Of des Films Der Untergang als eine andere Art der kollektiven Geschichtsbildung ein. Die Darsteller performen das mit großen Mon-Chichhi-Köpfen.

Preuss verlässt nun immer wieder die ernsthafte Bedeutungsebene von Müllers Texten zugunsten des Slapsticks. Zwischen Wolokolamsker Chaussee I und II schiebt er das Gesprächsduell eines Betriebsdirektors mit seinem Stellvertreter ein. Hier reflektiert Müller die Ereignisse um den 17. Juni 1953. Während der jünger Stellvertreter als Delegierter eines Streikkomitees vor dem älteren Direktor sitzt, hofft dieser, einst Nazi-Verfolgter, auf die sowjetischen Panzer als letztes Argument und Wiedergeburtshelfer der jungen Republik. Dabei sitzen sich Daniela Keckeis und Lisa Mies mit angeklebten Bärten gegenüber. Ihren Text sprechen die anderen aus dem Hintergrund und machen mit Mikros Geräusche. „Soll das ein Witz sein Willst du meinen Stuhl“, heißt es da. Ein grotesker Machtkampf, der laut furzend in die Hose geht.

Danach geht es nochmal in die russischen Wälder zu choreografierten und von oben gefilmten Synchronschwimmeinlagen auf dem Camouflageboden. Die Darsteller bilden dabei mit Armen und Beinen lebende Blütengeflechte und auch mal den Sowjetstern, oder sie heben wechselseitig die Faust bzw. den ausgestreckten Arm. Die verlorengegangene Sowjetordnung und das Machtgefüge von Befehl und Gehorsam werden mit dem Degradieren eines pflichtvergessenen Sanitätsoffiziers wieder hergestellt. Für die hungernden Soldaten gibt es Blutsuppe aus Eimern, für die Toten ein Kyrie Eleison aus Mozarts Requiem. Den Ziehvater-Findling-Konflikt zwischen einem alten Kommunisten und Parteifunktionär und seinem abtrünnigen Sohn, der sich rund um den nächsten Panzereinsatz 1968 in Prag dreht, gibt es wieder als Wechsel aus Einzel- und Gruppenaufstellungen.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig Foto: St. B.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto: St. B.

Bevor dann aber tatsächlich noch ein aufblasbarer Gummi-Panzer auf der Bühne erscheint, setzen sich die Spieler rauchend und Whiskey trinkend zusammen und lauschen der Einspielung einer Lesung, bei der Heiner Müller seinen Kentauren zum hörbaren Vergnügen seiner selbst und der dort Anwesenden humorvoll zum Besten gibt. Da wiehert fröhlich der Amtsschimmel – „Gefallen auf der Straße der Dialektik“. Die Farce um einen mit seinem Schreibtisch verwachsenen DDR-Ordnungshüters wird so ironisch noch auf die Spitze getrieben. Das toppt nur noch die abschließende Mon-Chichhi-Parade (Musik: Tocotronic), bei der schenkelklopfend DDR-Witze erzählt sowie leere Verpackungen von Konsumgütern (Marke West) ans Publikum verteilt und anschließend wieder eingesammelt werden. Die Fortsetzung der Müller’schen Geschichtsaufarbeitung als täglicher Krieg der uniformierten Warenwelt. Dabei geht dem Panzer als dialektischem Symbol der kapitalistischen Ökonomie so ziemlich die Luft aus. Wir lesen als Ausblick in die (nahe?) Zukunft an der Videowand: „Es war nicht alles schlecht im Kapitalismus.“

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Wolokolamsker Chaussee I-V
Von Heiner Müller
Regie & Video: Philipp Preuss
Bühne & Kostüme: Ramallah Aubrecht
Dramaturgie: Alexander Elsner, Christin Ihle
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow
Premiere: 10. Oktober 2014
Gesehen auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig am 07.12.2014

Spieldauer ca. 1:45, keine Pause

Premiere auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig war am 10.10.2014

Termine: 29.12.2014, 24.01, 08.02. und 15.03.2014

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/hinterbuehne/inszenierungen/wolokolamsker-chaussee-i-v/

Zuerst erschienen am 10.12.2014 auf Kultura-Extra.

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