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Knallbunt und mit viel Musik – Das Schauspiel Leipzig zeigt „König Ubu / Ubus Prozess“ als grelle Bühnenfarce und gemeinsam mit dem Theaterjugendclub „Sorry, eh!“ die Stückentwicklung „Über Grenzen“

Samstag, Februar 10th, 2018

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König Ubu / Ubus Prozess – Am Schauspiel Leipzig inszeniert Claudia Bauer Alfred Jarrys absurde Groteske als grellbunte Bühnenfarce mit einer nachdenklichen Rahmenhandlung von Simon Stephens

Foto (c) Rolf Arnold

Wegen eines verballhornten Kraftausdrucks wie „Schreiße“ (Merdre im französischen Original) wird heute sicher keine Theateraufführung mehr unterbrochen werden müssen, wie noch 1896 zur Pariser Uraufführung des Stücks König Ubu von Alfred Jarry. Durch so etwas lässt sich das Publikum kaum noch wirklich verstören. Jarry hatte in den Mittelpunkt seiner Groteske einen monströsen kindischen Widerling und seine Frau gestellt, die den polnischen König meucheln und die Macht an sich reißen. Der neue König Ubu, erst als Hoffnung für das Volk gefeiert, regiert bald völlig willkürlich, bringt seine Widersacher durch eine sogenannte „Enthirnungsmaschine“ um, setzt alle Steuern hoch und verfolgt auch sonst nur rein egoistische Ziele. Mit dieser Parodie von Shakespeare-Figuren wie König Lear und Lady Macbeth schrieb sich Jarry als Vorläufer des absurden Theaters in die Bühnengeschichte. Eine große Grand Guignol und Travestie auf gesellschaftliche Verhältnisse, die auch heute wieder in Zeiten großer Populisten Theaterleute zu aktuellen Interpretationen reizt.

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Am Schauspiel Leipzig hat nun Regisseurin Claudia Bauer (mit ihrer Inszenierung von 89/90 zum letzten THEATERTREFFEN eingeladen) Jarrys Stück König Ubu mit einer Fortsetzung des Stoffs vom britischen Dramatiker Simon Stephens kombiniert. In dessen Stück Ubus Prozess steht der vom russischen Zaren gestürzte Usurpator nun in einem Schauprozess vor einem Internationalen Strafgerichtshof. Und so beginnt in Leipzig auch die Inszenierung von König Ubu / Ubus Prozess, bei der Ubu, gespielt von Roman Kanonik, in einem aufgeständerten Glaskasten sitzt und aus dem Off seine Anklage wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verlesen bekommt.

Stephens ernstes Sequel dient hier als Klammer für eine grellbunte Bühnenfarce, bei der die DarstellerInnen zunächst in pinken Abendroben den Hofstaat des polnischen Königs Wenzel (Wenzel Banneyer) darstellen, der sich zum Supé beim Hauptmann der königlichen Leibgarde Vater Ubu und seiner Frau, Mutter Ubu, einfindet, wo ein teuflischer Plan zur Beseitigung des Königs ausgeheckt wird. Treibende Kraft dabei ist zunächst Mutter Ubu (Julia Preuß), die ihren Mann zum Königsmord aufstachelt. Die Verschworenen, zu denen auch Hauptmann Bordure (Denis Petković) gehört, werden durch das Vokalensemble VOXID dargestellt. Claudia Bauer setzt – wie bereits in 89/90 – wieder auf eine starke musikalische Begleitung, die sich operettenhaft durch die gesamte Inszenierung zieht. In mehren Videoeinspielungen wird zudem der Schwarz-Weiß-Ästhetik des Stummfilms gefrönt.

 

Foto (c) Rolf Arnold

 

Wie auch dem Jarry’sche Fäkalhumor, der hier mal gesungen, mal rein verbal als „Fickscheiße“ oder kackbraunem Klobürstengag daherkommt. Roman Kanonik und Julia Preuß ziehen alle komischen Register bis zum Entblößen des Hinterteils, das uns Kanoniks Ubu entgegenhält. Sie bewegen sich dabei mehr tänzelnd wie puppenhafte Monstren, die zur Inthronisierung des geldgeilen Potentaten wenigstens ein paar Stücken Torte fürs Volk spendieren. Der Adel wird mit Trommelschlägen in die Versenkung befördert. Die gleichgeschalteten Hofschranzen im Frack ohne Hosen klatschen dem Justiz und „Phynanz“ aufmischenden und Gesetze mit der Klobürste unterzeichnenden Wahnsinnigen im Tutu Beifall. Hier gleicht der Leipziger Ubu dem trotzig kindlichen Trump-Verschnitt von Benny Claessens in Falk Richters zum THEATERTREFFEN eingeladenen Hamburger Jelinek-Inzenierung Am Königsweg. Und natürlich zielt auch der Diplomatie und Politik verachtende Ubu genau dahin.

Claudia Bauer setzt in Sachen Putin mit einem oberkörperfreien Zaren, der einen großen Fisch hält und in Polen auf einem Mammut einreitet, noch einen drauf. Dass diese Art Assoziationen wohlfeil sind, dürfte auch der Regisseurin klar sein. Nach dem etwas zerfasernden Krieg mit Russland folgt Ubus Tribunal, das zunächst wie in einer TV-Liveübertragung auf die Rückwand der Bühne projiziert wird. Ubus Gräueltaten werden geschildert und die ehemaligen Getreuen des Tyrannen als Zeugen wie in einem Interview verhört. Aber alle fallen nach und nach von ihm ab, haben nur auf Befehl gemordet oder wurden dazu gezwungen. Und auch Ubu selbst hält seinen Anklägern eine lange Rede, in der er alle Schuld und Konsequenzen von sich weist. „Ich liebe doch alle.“ Irgendwie kennt man das. Ein Abgesang auf Logik und menschliche Vernunft in einer Welt in permanenter Auflösung.

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König Ubu / Ubus Prozess (Schauspiel Leipzig, 03.02.2018)
von Alfred Jarry / Simon Stephens
Deutsch von Marlis und Paul Pförtner / Barbara Christ
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Vanessa Rust
Musikalische Leitung: Daniel Barke
Sounddesign: Rafael Klitzing
Video: Katharina Merten, Kai Schadeberg
Dramaturgie: Matthias Huber
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Wenzel Banneyer, Max Hubacher, Roman Kanonik, Denis Petković, Julia Preuß, Florian Steffens, Daniel Barke, Diana Labrenz, Maike Lindemann, Friedrich Rau (VOXID) als Gesang
Premiere war am 27.01.2018 am Schauspiel Leipzig
Termine: 24.02. / 01., 25.03. / 06., 21.04. / 13.05.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 04.02.2018 auf Kultura-Extra.

 

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Über Grenzen – Regisseur Yves Hinrichs lotet mit Mitgliedern des Leipziger Schauspielensembles und des Theaterjugendclubs „Sorry, eh!“ in einer gemeinsamen Stückentwicklung persönliche Grenzerfahrungen aus.

Foto (c) Rolf Arnold

Um sogenannte Grenzerfahrung geht es in dem neuen Abend, den Regisseur Yves Hinrichs und Autor David Lindemann gemeinsam mit Mitgliedern des Leipziger Schauspielensembles und des Theaterjugendclubs „Sorry, eh!“ nach Texten eingerichtet haben. Damit sind nicht nur Grenzen im herkömmlichen Sinn von räumlichen und territorialen Trennlinien gemeint. Es geht auch um Zugehörigkeitsgefühle, identitätsstiftende Abgrenzungen zu anderen und Grenzüberschreitungen. In der Stückentwicklung Über Grenzen berichten also DarstellerInnen dreier Generationen spielerisch von eigenen Erfahrungen, bei denen sie an ihre Grenzen gelangt bzw. diese überschritten haben.

Es beginnt damit, dass Schauspielerin Julia Berke das Horrorszenerio, ohne gültige Papiere an einer Landesgrenze abgewiesen zu werden, aus Sicht einer Schengen-verwöhnten EU-Bürgerin beschreibt. Ist der Kinderpass abgelaufen, kann es einer Familie durchaus mal passieren, am Check-In-Schalter eines Flughafens abgewiesen zu werden. Was innerhalb der EU-Grenzen für uns kaum noch von Bedeutung ist, wird in Zeiten von Grenzabschottungen gegen zunehmende Flüchtlingsströme schon bald wieder zur bitteren Realität. Das allein ist aber nicht die einzige Intension dieses Abends.

Auch wenn das Ensemble performativ und tänzerisch zu Beginn auch mal ein schwarzes Loch darstellt, in dem eine Freiwillige aus dem Publikum verschwinden muss, während Schauspieler Hartmut Neuber über die Relativitätstheorie und den sogenannte Schwarzfeldgrenzradius, bei dem sich unter Druck ein Objekt im Weltraum in ein alles verschluckendes schwarzes Loch verwandelt, referiert, geht es im Folgenden vor allem um das Ausloten und Überschreiten ganz persönlicher eigener Grenzen. Das wäre z.B. für Philip Schroeder ein Grenzerfahrungstrip nach dem Vorbild eines Christopher McCandless (bekannt aus Buch und Film Into the Wild) in die Wildnis als totaler Ausstieg aus der Gesellschaft ohne Hintertür. Charlotte Kremberg berichtet von einer Demo gegen Nazis und ihrer Begegnung mit der Staatsmacht in Person der Polizei. Plötzlich hat sie einen brennenden Molotow-Cocktail in der Hand. Wie weit will man gehen für seine Ideale? Brennende Fragen, die im Zusammenspiel mit dem Ensemble und der starken Sound- und Gesangsuntermalung von Musikerin Undine Unger am Keyboard szenisch sehr anschaulich verhandelt werden.

 

Foto (c) Rolf Arnold

 

Unter harten Technoklängen wird ein großer Flokatiteppich ausgerollt, auf dem liegend der Älteste des Abends, Schauspieler Andreas Herrmann über die Überschreitung der letzten Grenze spricht. Dazu beschreibt Paul Spiering die biologischen Vorgänge beim Sterben und der Verwesung des Körpers. Aber nicht nur über die Haut als empfindendes Grenzorgan, auch über zwischenmenschliche Grenzen geht es, wenn sich ein Paar (Julia Berke, Hartmut Neuber) über Freiheit, Vertrauen und Kontrolle in ihrer Beziehung streitet. Es werden lauthals Identitätsfragen, gesellschaftliche Normen und Genderwahn diskutiert, bis die Frauen des Ensembles in einem witzigen Westernplot die Herrschaft der Männer mit Spielzeugpistolen beenden. Dazu färben sich Videowand und Flokati unter den Videoprojektionen von Max Vincent Schulze blutrot.

So gibt der Abend Raum für viele weitere grenz- und genenerationsüberschreitende Betrachtungen unseres Lebens. Dabei legt sich das Ensemble mit viel Spielwitz- und -freude ins Zeug, bis am Ende des Stücks der Schauspieler Andreas Herrmann noch einmal über eine für ihn und seinen Beruf sehr wichtige Grenze spricht, die durch den Fall der „vierten Wand“ bedroht scheint. Er bricht hier nochmal eine Lanze für den Schutzraum Bühne, in dem er verabredet lügen, morden und doch auch eine eigene Wirklichkeit zur realen Welt erschaffen kann. Eine allabendliche Existenzbehauptung, mit der man sich diese Welt spielerisch erobern kann. Und auch das zeigt dieser Abend wunderbar.

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Über Grenzen (UA) (Diskothek, 02.02.2018)
Mit Mitgliedern des Schauspielensembles und des Jugendclubs „Sorry, eh!“
Texte von David Lindemann
Regie: Yves Hinrichs
Bühne: Yves Hinrichs & Leonie Kramp
Kostüme: Marleen Hinniger
Choreographie: Jana Rath
Video: Max Vincent Schulze
Dramaturgie: Clara Probst
Mit: Julia Berke, Andreas Herrmann, Hartmut Neuber (Mitglieder des Schauspielensembles)
Charlotte Kremberg, Philip Schroeder, Paul Spiering, Undine Unger, Marie Schulte-Werning (Mitglieder des Theaterjugendclubs „Sorry, eh!“)
Die Premiere war am 02.02.2018 in der Diskothek des Schauspiel Leipzig
Termine: 18.02. / 18.03.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 03.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Zweimal Hamlet einmal anders – Im Schauspiel Leipzig als als Prinzessin und im Berliner Ballhaus Ost kopfüber gebondaged

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

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Hamlet gebondaged – Dasniya Sommer und Florian Loycke führen im Ballhaus Ost frei nach Shakespeare das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister auf, was allerdings nach einer Stunde technisch und dramaturgisch etwas in den Seilen hängt

(c) Das Helmi, Ballhaus Ost

Dasniya Sommer und Florian Loycke kennen sich über die Arbeit im Puppentheater Das Helmi, in dem Loycke eine Art Mastermind darstellt und Sommer für Choreografien zuständig ist. Gemeinsam haben sie sich mit der Geschichte der Shakespeare-Figuren Hamlet und Ophelia beschäftigt und daraus das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister mit Bondage-Performance, Tanz und Puppen entwickelt. Premiere hatte die Arbeit im Sommer im Kamagol Theater Gijang, einem Stadtteil der südkoreanischen Stadt Busang. Anschließend war sie noch auf weiteren Festivals in Korea zu sehen und hatte nun im Ballhaus Ost ihre Berlin-Premiere. Kinbaku oder auch Shibari ist die japanische Kunst des Fesselns, im Westen eben auch als Bondage, einer Spielart des BDSM, bekannt. Dasniya Sommer gibt Kurse in Kinbaku. In ihren Performances verbindet sie auch Tanz mit Bondage-Kunst.

Die Beziehung des Dänenprinzen Hamlet zu seiner Geliebten Ophelia als sadomasochistischen Geschlechterkampf darzustellen, ist nicht so abwegig und sogar auf Stadttheaterbühnen nicht ganz unüblich. Die Frage ist nur, wer hier wen beherrscht. Im Shakespeare‘schen Normalfall ist Ophelia bedauernswerter Spielball der Männer und endet im Wahn als Wasserleiche, während Hamlet seinen eigenen Wahn todbringend ausleben darf und weiter Intrigen spinnt, bis er selbst einer Intrige zum Opfer fällt. Die Geschichte ist bekannt und viel gespielt: „Hamlet ist der Held, der sich in der eigenen Geschichte immer mehr verstrickt und schließlich, wenn er stürzt, die halbe Welt mitreißt – am Ende sind alle tot und es kommt Fortinbras.“ So verkürzt sieht diese Performance den Kampf Hamlets gegen die Mörder seines Vaters, der ihm als Geist erschienen aufträgt, seinen Tod zu rächen.

 

Hamlet und seine Geister im Ballhaus Ost
Foto (c) Sophie Östrovski

 

Im Wege sind ihm dabei nicht nur irgendwelche Geister, sondern vor allem sein eigener Geist, den zu befreien er nicht im Stande ist. Symptomatisch dafür steht sein berühmter Monolog „Sein oder Nichtsein“, in dem der Zweifler zwischen „Des wütenden Geschicks erdulden oder / Sich waffnend gegen eine See von Plagen“ schwankt. Wenn aber nun die Pein selbst zur Lust wird, dann können irdische Verstrickungen, oder besser die des Körpers Hülle, auch zur willkommenen Fessel werden. Dasniya Sommer und Florian Loycke spielen dieses Arrangement ganz anschaulich in ihrer Performance durch, wobei auch die Geschlechter- und Abhängigkeitsrollen gewechselt werden. Es entspinnt sich so ein Spiel aus Tanz, Gesang und gegenseitiger Fesselung, wobei sich zu Beginn Florian Loycke in einer relativ ausgetüftelten Hängebondagepartie befindet, bei der er nackt wie ein Jesus zu Karfreitag in den Seilen hängt. Man könnte es auch passend zur Jahreszeit für eine besonders raffinierte Art des Schnürens eines passenden Weihnachtspakets halten.

Dass es hier aber auch um das Ausprobieren einer neuen Identität, um das Spiel mit Manipulation und verabredeten Ritualen geht, zeigt diese mit Masken, Schminke und Kostümen dem japanischen Kabuki oder Nō Theater nahe Performance zunächst recht eindrucksvoll. Das Einfangen des anderen ist immer auch die Fesselung des eigenen Geistes, dem sich der Gefesselte mit seinem Körper stellvertretend hingibt. Leider verheddert sich dieser mit der Lust am Schmerz arbeitende Abend zusehends in Details. Loyke projiziert mit einem Overheadprojektor Zeichnungen mit Hängebondage-Fantasien, ähnlich denen des Dada-Künstlers und Surrealisten Hans Bellmer, bekannt für seine rätselhaften Fotos von Bondage-Puppen, an die Wand. Das jeweils gefesselte Bunny wird in allerlei Posen fotografiert, oder auch mal der in Südkorea erfundene Gangnam Style des Rappers Psy getanzt.

An die Tragödie Shakespeares erinnern hier nur ein paar Zeilen aus besagtem Hamlet-Monolog, der stimmlich verfremdet aus dem Off ertönt. Recht psychologisch klingen die ebenfalls vom Band eingespielten Reflektionen über den Schmerz und das Verlassen der Komfortzone. An die Ordnung der Welt rüttelt da nicht sehr viel. Dasniya Sommer schnürt dazu die restlichen Puppendarsteller des Dramas zu einem Knäuel und entsorgt sie in der Kulisse. Dass es mit der Lust am Schmerz auch eine Last sein kann, zeigt sich bei der Bondage-Session mit der Meisterin, bei der Schüler Hamlet sichtlich den Faden verliert. Trotz Degeneinsatz zur finalen Fechtszene wird die Performance nicht nur technisch, sondern zunehmend auch dramaturgisch zur Hängeparty. „He laughed to free himself from his mind’s bondage.” heißt es im Shakespeare-Disput in James Joys’ Roman Ulysses. Ob nun Tragödie oder Komödie, schlussendlich haben wir uns für ein befreiendes Lachen entschieden.

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Hamlet und seine Geister (Ballhaus Ost, 19.12.2017)
Ein dramatisch getanztes Theaterstück mit Puppen und Menschen von und mit Dasniya Sommer und Florian Loycke
Künstlerische Mitarbeit: Chae Lee, Cora Frost
Eine Produktion von Das Helmi und Haus Sommer.
Mit freundlicher Unterstützung von Ballhaus Ost, Tom Stromberg und Tina Pfurr.
Termine: 24. und 25. März 2018

Infos: https://www.ballhausost.de

Zuerst erschienen am 20.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Ich bin nicht Hamlet.“ – Für die Diskothek am Schauspiel Leipzig inszeniert Lucia Bihler die Deutsche Erstaufführung des Stücks Prinzessin Hamlet, eine feministische Shakespeare-Überschreibung der finnischen Dramatikerin E. L. Karhu

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

Shakespeares Tragödie um den melancholischen Dänenprinzen Hamlet einen feministischen Anstrich geben zu wollen, ist nicht neu. An der Berliner Schaubühne inszenierte die britische Regisseurin Katie Mitchell das düster-tragische Stück Ophelias Zimmer mit Texten der Autorin Alice Birch aus der Sicht der von Männern manipulierten Hamlet-Geliebten. Nun hat in der Discothek am Schauspiel Leipzig die junge deutsche Regisseurin Lucia Bihler in deutscher Erstaufführung das von der finnischen Dramatikerin und Dramaturgin E. L. Karhu geschriebene Theaterstück Prinzessin Hamlet inszeniert. Das Stück ist allerdings nicht einfach nur Shakespeares Drama mit vertauschten Rollen. Karhu nutzt die Shakespeare’sche Vorlage lediglich als gedankliches Gerüst für eine Hinterfragung von Geschlechterrollen. Prinzessin Hamlet soll die Krone des Königreichs übernehmen, kann und will aber, wie es scheint, den an sie gestellten Ansprüchen nicht genügen. Sie zieht sich oft auf einen Felsen am Meer zurück, um dort allein ihren Selbstmordgedanken nachzuhängen.

Das wirkt ähnlich wie Mitchells Versuch von Anfang an etwas konstruiert und ist es textlich leider auch. Karhus Drama fokussiert auf ein spezielles Konstrukt. Prinzessin Hamlet ist das Bild einer Frau, die nicht ihr eigenes Leben leben kann, sondern einem bestimmten Bild von ihr entsprechen muss. Ähnlich dem von Prinzessin Diana, der Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Prinz Charles, oder auch dem der US-amerikanischen Schauspielerin Marilyn Monroe, die als Vorbild für diese Inszenierung fungiert. Die fünf DarstellerInnen, drei Schauspielerinnen (Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt) und zwei Schauspieler (Tilo Krügel, Andreas Dyszewski) aus dem Leipziger Ensemble, stecken in farblich dem Bühnenhintergrund angepassten Abendroben und tragen für Marylin Monroe typische Lockenperücken. Beides kreiert durch den auch für Ersan Mondtag arbeitenden Bühnen- und Kostümbildner Josua Marx. Leider lenkt dieses Outfit nicht nur optisch vom allgemeinen Problem gesellschaftlich konstruierter Frauenbilder ab. Im Programmheft stützt man sich auf Judith Butlers Text Gender is Burning. Drag als „Ort einer bestimmten Ambivalenz“ ist aber letztendlich auch nur Ausdruck einer Imitation von Rollen in bestimmten Machtverhältnissen.

 

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Die Monroe ist vor allem ein Männertraum der 1950er Jahre und längst unauslöschlicher Bestandteil der Popkultur geworden. Ihre damalige Präsenz und ihr früher Tod haben einen immer währenden Mythos kreiert. Den nutzte auch Jürgen Kuttner in seinem am Deutschen Theater Berlin inszenierten Stück Feminista Baby!, dem Valery Solanas SCUM-Manifesto als Textvorlage diente. Auch E. L. Karhu bezieht sich in ihrem Stück auf den Unsterblichkeits-Mythos, wenn Prinzessin Hamlet zu ihrem 29. Geburtstag ein Fanal setzen und sich als brennende Fackel vom Felsen stürzen will. „Man erinnert sich an jene Prinzessinnen, die sich umbringen, die zeitig abtreten, spektakulär, mit großer Flamme. Die anderen, das sind Frauen, die nicht fähig waren zu leben, (…) Mir wird es nicht so ergehen.“

Gespielt wird das recht puppenhaft. Die Figuren werden in Pose gesetzt, sprechen wiederholt mit verstellten Stimmen ins Mikrofon. Es gibt keine bestimmte Rollenaufteilung. Jeder ist mal Prinzessin Hamlet oder ihre Kammerzofe Horatia. Zu Beginn verneinen alle nacheinander Hamlet zu sein und sind es dann doch. Ein dauerndes Spiel der Imitation, das schließlich auch im Stück seine Entsprechung findet, wenn Horatia auf Hamlets Wunsch deren Rolle am Hof einnimmt. Prinzessin Hamlet, durch Horatia verraten, wird von Königin Gertrud nach England an den Buckingham Palast geschickt, was sich als Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt mit Chorsingen entpuppt. Dort begegnet Prinzessin Hamlet auch Ofelio, der ebenso mehr in ein Bild von ihr verliebt ist. Das endet schließlich nicht mit dem Sprung vom Felsen, aber von der London Bridge. Der Chor singt dazu den Kinderreim „London Bridge is Falling Down“. Die Musik liefert Jam Rostron aka Planningtorock.

Vom ursprünglichen Drama Hamlet liegt nur noch der berühmte Totenschädel auf dem Schrank, in den hin und wieder Prinzessin Hamlet gesteckt wird. Aber das Volk will seine Thronerbin sehen und bekommt eine Kopie als Fake vorgesetzt. Ausdruck bekommt die Verzweiflung Hamlets nur durch die wiederholt vorgetragenen Zeilen: „Das Entsetzen schiebt ihr die Hand in die Kehle und ballt die Hand zur Faust.“ Ansonsten bleiben das poppige Tagesprogramm aus „Wahnsinn, Tod und Katastrophen“ genau wie die erwähnten Anklänge an Sarah Kane oder Heiner Müllers Hamletmaschine eher Behauptung. Das Konstruierte von Text und Inszenierung wird dieser Abend leider nie ganz los.

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Prinzessin Hamlet (Diskothek, 23.12.2017)
von E. L. Karhu
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Lucia Bihler
Bühne & Kostüme: Josa Marx
Musik: Planningtorock
Künstlerische Beratung: Sonja Laaser
Dramaturgie: Christin Ihle
Licht: Jörn Langkabel
Mit: Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel, Andreas Dyszewski
Spieldauer: ca. 1:30, keine Pause
Die Premiere in der Diskothek am Schauspiel Leipzig war am 02.12.2017
nächste Termine: 20.02.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst veröffentlicht am 27.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Am Königsweg“ und „Wolken.Heim“ von Elfriede Jelinek – Neues zu Trump in Hamburg und Älteres zu den Deutschen in Leipzig

Samstag, November 25th, 2017

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Am Königsweg – Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg inszeniert Falk Richter die Uraufführung von Elfriede Jelineks Trump-Stück.

Am Königsweg von Elfriede Jelinek im Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto (c) Arno Declair

Man könnte von einer kurzen Atempause für die Welt sprechen. Ganze 11 Minuten war am letzten Donnerstag der Twitter-Account von US-Präsident Donald Trump nicht erreichbar. Ein scheidender Mitarbeiter des digitalen Kurznachrichtendiensts hatte ihn als letzte Amtshandlung einfach abgeschaltet. Über 41 Millionen Menschen folgen mittlerweile weltweit Donald Trump auf Twitter. Der ehemalige Geschäftsmann und Milliardär hatte dieses Medium schon vor seiner Amtszeit intensiv für seine Ziele und eine teilweise rassistische und sexistisch Stimmungsmache genutzt. Diffamierungen von Gegnern sowie Angriffe auf die unliebsame Presse und unbotmäßige Angehörige der US-Justiz gehören auch nach der Wahl Trumps zu seinen bevorzugten Botschaften in 140 Zeichen.

Die Welt dürfte auch den Atem angehalten haben, als bekannt wurde, dass nicht wie prognostiziert Hillary Clinton sondern jener Mann vom US-amerikanischen Volk zum Präsidenten gewählt wurde, der derzeit zu den meistgehassten und umstrittensten Persönlichkeiten weltweit gehören dürfte. Zumindest sehen das viele links-liberale Intellektuelle und vor allem auch Künstler hier wie jenseits des großen Teiches so. Wie es nun zu dieser Wahl und dem Erstarken populistischen Kräfte in der Politik kommen konnte, ist vielen noch immer ein Rätsel. Die politischen Analysen sind vielgestaltig; und auch die künstlerische Aufarbeitung läuft an den deutschsprachigen Theatern auf Hochtouren.

Ziemlich rasch nach der Wahl hatte die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ein Stück über Donald Trump angekündigt. Bereits im März erfolgte eine Lesung von Am Königsweg, wie Jelineks Drama nun heißt, in New York. Die Uraufführung des Textes in Deutschland besorgte nun der Theaterautor und Regisseur Falk Richter für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg.

Der Name Trumps fällt im Stück allerdings nicht. Er hat hier viele Namen wie Sieger, Vorkämpfer, Anführer, Erlöser oder Gott und wird von Jelinek einfach „der König“ genannt. Die Autorin rückt ihn wie oft in ihren Stücken in die Nähe von antiken Mythen oder auch Figuren aus der Bibel. Hier sind es der schicksalsbeladene König Ödipus oder Abraham, der seinen Sohn Isaak für Gott opfern soll. Für Jelinek ist es vor allem die Frage nach Schuld und Schulden, die sie immer wieder in zumeist verschachtelnden Kalauern in ihrem ohne direkte Personenzuschreibungen meanderndem Text stellt. Es geht um das Sehen und gleichzeitige Nichtsehen des Abgrunds, um falsche Prophezeiungen und um das Unvermögen dies in Worte zu fassen. Letztendlich auch die Einsicht der Autorin selbst trotz ihres unaufhörlichen Schreibens nicht erhört zu werden.

Die Welt am Scheideweg wie König Ödipus. Was der Weg des Königs Trump sein wird, davor hat nicht nur die Autorin Angst. Als blinder Seher Teiresias geistert sie klagend durch ihr Stück. In Hamburg übernimmt die Schauspielerin Ilse Ritter diesen Part. Sie hat gleich zu Beginn noch vor verschlossenem Vorhang ihren Auftritt mit den Worten: „Von wem will ich da überhaupt sprechen (…) oder lieber schweigen?“ Das übrige Ensemble mit Matti Krause, Anne Müller, Tilman Strauß und Julia Wieninger sitzt am Tisch und spricht verteilt in Mikros. Der Tänzer Frank Willens zuckt immer wieder zum Rhythmus des eingespielten Elektrosounds von Matthias Grübel. Katrin Hoffmann hat dazu eine Bühne gebaut mit weißen Wänden, auf die in schneller Folge Videos von Geld, Waffen, Krieg oder gewaltsamen Demonstrationen projiziert werden. Halb antiker Tempel mit Säulen, Tiger- und Löwen-Attrappen, halb Showtheater auf dessen Balkon dann auch bald Waldorf und Statler aus der Muppets-Show auftauchen. Kermit der Frosch schwingt einen Baseballschläger und Miss Piggy trägt MPi. Richter greift hier eine Idee Jelineks auf, in deren Text auch ein blinde Miss Piggy als Seherin und Figur der amerikanischen Popkultur auftritt.

 

Am Königsweg von Elfriede Jelinek im Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto (c) Arno Declair

 

Das Ensemble trägt blutige Augenbinden als Ausdruck der kollektiven Blindheit des Volks. Der Sieg des Königs sei die Rückkehr des Alten als das Neue und grausige Parodie des „historisch Überlieferten, auch wenn damals Millionen daran krepiert sind“? Richter lässt den Text als wilde Kostümfarce spielen und Kasperletheater aus der Gründgens-Loge. Zwischendurch sorgt Idil Baydar als Antiintegrationsalbtraum mit ihrer Kabarettfigur Jilet Ayşe für Irritierung beim vorwiegend weißen Publikum. Witzig führt sie den Deutschen ihre Vorurteile und Rassismen vor, punktet mit den 10 kleinen Negerlein und den Chinesen mit dem Kontrabass sowie der Subjekt-Objekt-Theorie von „Emanuela“ Kant. Auch gesungen wird viel, u.a. „One of Us“ von Joan Osborne, „I Started a Joke“ von den Bee Gees oder das großartige „Fade into You“ von Mazzy Star. Ein multimedialer Overkill, der erst nach der Pause in eine zunächst schweigenden Runde an der Rampe mündet.

Und was macht der König? „Er schreibt nicht, nein er twittert.“ Als großes „Twitter-Twatter“-Baby bringt der körpermächtige Schauspieler Benny Claessens dann auch seinen König auf die Bühne. In fantasievollen Roben von Andy Besuch wütet hier kein kleiner Prinz, sondern ein großes, herrisches Königskind, das seinem Spieltrieb freien Lauf lässt, ein großes Plastikpferd hereinrollt, auf seinem Kissenlager fläzt, einen luftgefüllte Weltkugel traktiert und die Theaterbesucher beschimpft. „Sobald ich wieder liquide bin, kaufe ich die Wahrheit oder lease sie – was immer der bessere Deal ist.“ Trumps Verhältnis zur Wahrheit wird hier ebenso ausgestellt wie seine zwielichtigen Geldgeschäfte mit den Banken. Als schwäbelnder Deutsche-Bank-Manager unter eingeschlagenem Holzkopf tönt Tilman Strauß davon, wie man den Menschen hilft, Schulden zu machen. Jelinek reflektiert hier wie schon in Die Kontrakte des Kaufmanns auch die Finanzkrise.

Trump als Mann, der mit seiner Familie im Inneren seines Turms sitzt. Das Wahl-Volk schaut zu ihm auf, wie zu einem Gott, der Mauern baut, um das Fremde auszugrenzen, während die, denen er versprochen hat, Amerika wieder groß zu machen, ihr Haus an die Banken verloren haben. Diesen so ebenfalls Ausgegrenzten widmet Jelinek in ihrem Stück große Aufmerksamkeit. Matti Krause spielt aus dem Chor des Volks heraus das „Erscheinen des jungen weißen Mannes“, der sich mit Ku-Klux-Klan Maske in Rage redet. Wir kennen das bereits aus Richters Skandalstück Fear, in der an der Berliner Schaubühne Tilman Strauß den Part des abgehängten Mannes aus der ostdeutschen Provinz gab. Nun spielt er neben Matti Krause als Neuzugang am Schauspielhaus einen ebenso überzeugenden Part in Falk Richters Jelinek-Inszenierung. Nur das hier noch einmal Matt Krause als pöbelnder Wohnwagen-Prolet frauen- und ausländerfeindliche Witze machen darf, während Strauß mit Tänzer Willens am Lagerfeuer „Take me Home, Country Roads“ zur Gitarre anstimmt.

Die kurze Prophezeiung, der König werde sich doch noch hellsichtig die Augen ausstechen, was Tilman Strauß sogleich dramatisch mimt, nimmt Jelinek aber gleich wieder zurück. „Die Krise will ein anderes Opfer.“ Hier herrscht auch am Ende Resignation und Ödnis. Ilse Ritter kommt noch einmal als alternde Autorin zu Wort, der das Wort aus dem Mund ausbrechen will, das Wort, das nun bei Gott wohnt und eine Panne hat. Es kalauert noch ein wenig von verlorenen Worten, die uns ausgehen. Mit den Worten „Bitte seien sie mir nicht böse und hören lieber nicht auf mich“ endet ein großer Text und Abend mit einer über die 3 ½ Stunden fast durchgängig adäquat guten Umsetzung.

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Am Königsweg (SchauspielHaus, 03.11.2017)
von Elfriede Jelinek
Regie: Falk Richter
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Andy Besuch
Komposition und Musik: Matthias Grübel
Video: Michel Auder, Meika Dresenkamp
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Rita Thiele
Ton: André Bouchekir, Hans-Peter „Shorty“ Gerriets, Lukas Koopmann
Videotechnik: Alexander Grasseck, Antje Haubenreisser
Mit: Idil Baydar, Benny Claessens, Matti Krause, Anne Müller, Ilse Ritter, Tilman Strauß, Julia Wieninger, Frank Willens
Die Uraufführung war am 28.10.2017 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Dauer: 3 Stunden, 30 Minuten, eine Pause
Termine: 26.11. / 02., 15.12.2017

Infos: http://www.schauspielhaus.de

Zuerst erschienen am 06.11.2017 auf Kultura-Extra.

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Wolken.Heim – Intendant Enico Lübbe eröffnet mit Elfriede Jelineks intertextuellen Collage über deutschnationale Selbstvergewisserung die neue Spielstätte „Diskothek“

Eine Woche nach der Uraufführung ihres neuesten Theaterstücks Am Königsweg am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erhielt die österreichische Schriftstellerin und Dramatikerin Elfriede Jelinek in Leipzig den vom Deutschen Bühnenverein ausgelobten Theaterpreis FAUST für ihr Lebenswerk. Grund genug für Enrico Lübbe, Intendant am Schauspiel Leipzig, ein älteres, aber verblüffend aktuelles Stück der Literaturnobelpreisträgerin neu zu inszenieren. Gleichzeitig mit der Premiere von Wolken.Heim. wurde endlich auch die neue Spielstätte „Diskothek“ in den bereits unter Vorgänger Sebastian Hartmann zur Dauer-„Baustelle“ gewordenen Räumlichkeiten eröffnet. Die Stadt Leipzig hat dem Theater 4,6 Mill. Euro spendiert. Nun muss das Publikum nicht mehr die vielen Stufen bis unters Dach des Schauspiels steigen, sondern kann bequem den Eingang an der Ecke Bosestraße/Dittrichring nehmen. Intendant Lübbe will hier weiter junge zeitgenössische Dramatik zeigen. Und auch in dieser Spielzeit wird es da wieder einiges Neues zu entdecken geben.

 

Wolken.Heim von Elfriede Jelinek am Schauspiel Leipzig
Foto (c) Rolf Arnold

 

Fast 30 Jahre ist es her, dass Elfriede Jelinek das Stück Wolken.Heim. schrieb. Entstanden ist es 1988 nach der eingehenden Beschäftigung mit philosophischen Schriften zum Mythos der deutschen Nation, die sich im Text immer wieder als sogenanntes „Wir“ zu erkennen gibt. Diesem Wir in den Mund legt die Autorin Zitate großer deutscher Dichter und Philosophen wie etwas Hölderlin, Kleist, Fichte, Hegel und Heidegger. Besonders Hölderlins Dichtung und die philosophischen Schriften Heideggers gehören ja bekanntermaßen zu den am häufigsten verwendeten Quellen in den Stücken Jelineks. Im letzten Drittel schneidet Elfriede Jelinek noch Zitate aus den Briefen der in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder aus den Jahren 1973-1977 in den Text. Diese sind teilweise selbst Zitate von Vorbildern der RAF-Kämpfer wie etwa Frantz Fanon oder Girolamo Savonarola.

Die Besonderheit der Verfahrensweise von Elfriede Jelinek ist die stark intertextuelle Verwendung der Zitate. Dabei verfremdet sie den Originaltext und überführt ihn in einen einzigen monolithischen Redefluss ohne jegliche Kennzeichnung. Inspiriert wurde die Autorin von dem Essay Das Gedächtnis des Bodens von Leonhard Schmeiser, in dem der österreichische Philosoph und Buchautor über die Themen und Tendenzen der deutschsprachigen Intellektuellen im Umfeld der Jahre 1790 bis 1820 schreibt. Schon da ist viel von Blut und Boden die Rede. Schmeisers These ist dann auch, den deutschen Idealismus mit seinen Nationalbestrebungen in Folge der Napoleonischen Fremdherrschaft mit der Entstehung des Nationalsozialismus in Zusammenhang zu bringen. Die Ausnutzung von Fichtes Reden an die Deutsche Nation und Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte durch die Nationalsozialisten sind Tatsache. Dazu kommt die Anbiederung Heideggers in seiner Antrittsrede als Rektor der Universität Freiburg, in der er 1933 das „Wesen der deutschen Universität“ mit der Notwendigkeit von „Arbeitsdienst, Wehrdienst, und Wissensdienst“ in Einklang bringt.

 

Wolken.Heim von Elfriede Jelinek am Schauspiel Leipzig
Foto (c) Rolf Arnold

 

Und so klingt dann auch Jelineks Text wie eine einzige politische Rechtfertigungsrede der Deutschen für Fremdenfeindlichkeit und innere Abgrenzungsbestrebungen und ist somit nah an den Aussagen heutiger AfD- und Pegida-Redner. Das ist besonders wirkungsvoll, da diese Aussagen fast unmerklich und nur indirekt durch die Autorin gebrochen werden. Das passiert zumeist durch Wiederholungen von rhetorischen Phrasen wie das immer wieder auftauchende „wir sind zuhaus“. Jelinek versucht damit die Überlegenheitsgefühle und das deutsch-nationale Gedankengut der Stimmen im Text ins Lächerliche zu ziehen. Hier ist die Autorin zwar noch fern jeglicher Kalauerei, der ihre späteren Stücke kennzeichnet, aber der etwas biedermeierlich anmutende poetische Ton tut sein Übriges.

Regisseur Enrico Lübbe hat die Vorlage dann auch dementsprechend inszeniert. Fast alles wirkt hier wie aus einem Lese- und Bilderbuch der deutschen Romantik entsprungen. Düster und biedermeierlich auch das Bühnenbild, das nach Gemälden des Leipziger Malers Titus Schade gebaut wurde. Es zeigt dunkle Häuser unter Laternenschein, aus deren Schornsteinen sich dünner Rauch schlängelt, Fachwerkfassaden, Wolkenbilder und weihnachtlichen Schwippbogennippes. Da herum patrouilliert Hartmut Neuber als Blockwart mit Taschenlampe. Dahinter verbergen sich Schlafgemach und Bücherstube. Ein Raum zum Träumen, in dem der Text auch immer mal von kratzenden Schallplatten klingt und ein Raum für das bildungsbürgerliche Herz, in dem Tilo Krügel im Schößchenfrack in alten Büchern wühlt. Bettina Schmidt bügelt als deutsche Hausfrau Pelz und Schwert oder hört bei einem deutschen Mittagstisch dem Gatten beim Philosophieren über die Minderwertigkeit der „Orientalen“, „Slawen“ und „Neger“ gemäß den Schriften des deutschen Staatsphilosophen Hegel zu.

Zur Identifikation der Deutschen mit dem Boden und den aus ihm erwachenden Mythen und untoten Helden wie Barbarossa oder den Nibelungen komponiert Lübbe starke Bilder, auch wenn der Auftritt von Hubert Wild als kostümierter Kaiser Rotbart, eines Zwergs Mime mit Schwert sowie von Märchenfiguren wie Rapunzel und Rotkäppchen (Anna Keil), das den Wolf vor Waldkulisse küsst, sicher eher belustigend wirken, als dass sie einen erschauern lassen. Das übernimmt der zwischendurch eingespielte, knackende Elektrosound von Hubert Wild, der die Umbrüche im Text markiert. Dazu wird auch immer wieder im Chor deutsches Liedgut wie gesungen. Dass Elfriede Jelinek die Briefe der RAF ins Spiel bringt, was sich hier in heftigen, plötzlichen Wortattacken entlädt, ist eine Reflexion der bleiernen Nachkriegszeit, gegen deren Geschichtsvergessenheit sich der Terror der RAF richtete, sich dann aber in Gewalt, Durchhalteparolen und Wir-Vergewisserung erschöpfte. Ein Revolutionsversuch, der als deutsches Trauma immer noch nachwirkt.

Wolken.Heim., in Berlin zuletzt von Claus Peymann ein Jahr nach Elfriede Jelineks Nobelpreiseehrung inszeniert, ist wieder häufiger auf den Spielplänen deutschsprachiger Bühnen zu finden. Ein immer noch brennend aktuelles Stück deutscher Geschichtsaufarbeitung, aus dem sich auch der Autorin Heimatland Österreich in keiner Weise herausdenken ließe.

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Wolken.Heim (Diskothek, 17.11.2017)
von Elfriede Jelinek
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Titus Schade, Marialena Lapata
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Musik: Hubert Wild
Dramaturgie: Torsten Buß
Licht: Carsten Rüger
Mit: Anna Keil, Tilo Krügel, Bettina Schmidt, Hartmut Neuber, Hubert Wild
Premeiere war am 16.11.2017 in der Diskothek am Schauspiel Leipzig
Spieldauer: ca. 1:20, keine Pause
Termine: 06., 17., 29.12. / 13., 14.01.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 18.11.2017 auf Kultura-Extra.

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DIE MASSNAHME / DIE PERSER – Intendant Enrico Lübbe ist am Schauspiel Leipzig mit Brecht und Aischylos auf der Spur der Wirkung politischer Ideen im Bewusstsein individuellen Leids

Donnerstag, April 6th, 2017

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Foto Schaukasten Schauspiel Leipzig: St. B.

Der Intendant des Schauspiels Leipzig Enrico Lübbe liebt es groß zu inszenieren – und vorzugsweise mit großen Bürgerchören. In der letzten Spielzeit brachte er mit Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen gleich zwei Werke zum Thema Flucht und Migration an einem Abend heraus. Das erste, nach der griechischen Tragödie des Aischylos ganz klassisch in Szene gesetzt, kontrastierte der Regisseur mit dem aktuellen Text von Elfriede Jelinek, die sich dazu ihrerseits von Aischylos inspirieren ließ. Diesen „dramaturgischen Weg der Doppelbefragung“, wie es auf der Website des Schauspiels Leipzig heißt, setzt der Regisseur nun mit zwei weiteren Texten aus recht unterschiedlichen Epochen der Weltgeschichte fort.

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Seine neue Stück-Kombination Die Maßnahme / Die Perser führt nun wiederum zwei Dichter zusammen, deren Werke vielleicht nicht auf den ersten Blick thematisch verwandt sind. Zum einen ist es wieder der Grieche Aischylos (da bleibt sich Lübbe treu), zum anderen wählt er mit Bertolt Brecht einen Autor, der sich wie kaum ein anderer mit den politischen Fragen seiner Zeit beschäftigt hat und damit natürlich auch Elfriede Jelinek sehr nahe stehen dürfte. Zumindest war die österreichische Dramatikerin auch einige Zeit Mitglied in der Kommunistischen Partei Österreichs, was sie Bertolt Brecht dann sogar voraushat. Brecht begnügte sich mit agitatorischen Lehrstücken wie eben der Maßnahme, für die Hanns Eisler die Musik komponierte. Das Stück hatte 1930 zur Zeit ideologischer Graben- und ganz realer Straßenkämpfe in der Weimarer Republik im alten Gebäude der Berliner Philharmonie seine Uraufführung, die schon damals recht kontrovers besprochen wurde.

Was haben beide Stücke nun, dass sie unbedingt zusammen aufgeführt werden müssen? Abgesehen von den Chören und der Musik Eislers aus der Maßnahme, die dafür sorgt, dass Lübbe neben dem Einsatz eines Bürgerchors auch seine Kooperation mit dem Gewandhaus Leipzig fortführen kann. Rein vom künstlerischen und bühnentechnischen Aufwand her gesehen leuchtet das natürlich nicht ein. Auch hier kann nur ein Blick ins dramaturgische Konzept helfen. Man ist in Leipzig „der Frage nach der Wirkung von politischen Ideen und dem Bewusstsein individuellen Leids“auf der Spur. Und das „im Spannungsfeld zwischen Humanismus und Ideologie, zwischen der Bedeutung einer Idee und dem Wert des Individuums.“Ein nach wie vor aktuelles Thema nicht nur auf den Theaterbühnen.

Ein Lehrstück über Ideologie ist Die Maßnahme mit Sicherheit. Es beschreibt die Auslöschung eines Individuums, das aus persönlichen Gründen von den Lehrsätzen der kommunistischen Klassiker und Propagandisten abgewichen ist und damit aus Sicht der anderen den revolutionären Kampf gefährdet hat. Vier Agitatoren, die zu propagandistischer Arbeit von Russland nach China geschickt wurden, verantworten der Tötung eines jungen Genossen vor einem Parteitribunal, das von vornherein schon mit dieser „Maßnahme“ einverstanden ist. Die stalinistischen Schauprozesse lassen grüßen.

 

Die Maßnahme / Die Perser am Schauspiel Leipzig
Foto © Bettina Stöß

 

Frank Castorf hatte Die Maßnahme 2008 an der Berliner Volksbühne folgerichtig mit Heiner Müllers zeitkritischer Analyse des Brechttextes Mauser kombiniert. Aber auch Die Perser sind eine durchaus legitime Gegenüberstellung von politischen Interessen und individuellem Leid. Dabei sollte man allerdings nicht dem Missverständnis erliegen, wie es Durs Grünbein auch in einem Text zu seiner Übersetzung schreibt, Die Perser seien ein „Anti-Kriegsstück“. Zwar geht es hier um die fast völlige Auslöschung des zahlenmäßig weit überlegenen Kriegsheeres der Perser durch die Griechen bei der Schlacht vor Salamis, allerdings wird deren Klagegesang vom Griechen Aischylos auch dafür genutzt, neben dem Schmerz der unterlegenen Perser auch die Hybris ihres Königs Xerxes zu zeigen und damit den Griechen die Überlegenheit ihrer demokratischen Staatsform klar zu machen.

Einerseits Einfühlung in den Feind und andererseits die Begründung eines patriotischen Mythos. Wenn man so will auch eine geschickte Art von Propaganda, für die Aischylos bei den dionysischen Theaterspielen sogar einen Preis erhielt. Es geht also immer auch um die Manipulierbarkeit des Einzelnen in der großen Masse für eine bestimmte politische Idee. Das besitzt mit Sicherheit auch heute noch seine Gültigkeit. Und so kann man sich auch schwer der Wirkung beider Stücke entziehen. Enrico Lübbe weiß das natürlich, lässt allerdings bei seiner Inszenierung aktuelle Bezüge komplett außen vor.

Die zunächst gezeigte Maßnahme wirkt dabei fast schon wie eine bombastische Rekonstruktion mit modernen Theatermitteln. Brecht’scher Verfremdungseffekt, wohin man schaut. Die vier einheitlich in rote Jacken und blaue Hosen gekleideten Agitatoren (Thomas Braungardt, Anna Keil, Tilo Krügel und Dirk Lange) sitzen zu Beginn schon wie Puppen im Publikum. Masken vor den Gesichtern betonen wie bei Brecht die totale Auslöschung des Individuums. Sie agieren vor einer Wand aus Würfeln, die sich für Türöffnungen, kleine Emporen und einen großen Balkon verschieben lassen. Das kolossale Bühnenbild von Etienne Pluss wird vom Duo fettFilm zusätzlich mit eine Videodopplung der Wand überblendet, in der sich die Würfel wellenartig verschieben, oder auf die Schattenspiele projiziert werden.

Die Maßnahme / Die Perser am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

Zur recht kraftvoll vom Orchester Leipzig Brass unter der Leitung von Marcus Crome intonierten Musik Eislers singt der Kontroll-Chor vom Rang und klatscht hin und wieder wie bei einem SED-Parteitag. Recht maschinell choreografiert bewegen sich auch die Agitatoren beim Vorspiel ihrer Szenen, in denen sie die Fehltritte des jungen Genossen vorführen. Einzelauftritte wechseln mit Massenszenen, in denen weitere Agitatoren-Avatare aufmarschieren und wie bei einer Kundgebung vom Balkon winken. Das ist natürlich eine recht eindrucksvoll arrangierte, fast schon etwas zu perfekte Theatermaschinerie. Liedtexte wie der Song von Angebot und Nachfrage mit der Textzeile: „Was ist eigentlich ein Mensch?“oder Brechtzitate wie: „Ändere die Welt, sie braucht es.“lassen einen dennoch nicht unberührt, stehen aber weiterhin neben der orthodox-sakralen Verteidigung einer unmenschlichen Parteilinientreue, wegen der auch der gefühlsmäßig abweichende Genosse am Ende mit seiner Erschießung einverstanden ist.

Ihrem befehlsgebenden König Xerxes sind auch die Perser bedingungslos in den Eroberungsfeldzug gegen die Griechen gefolgt. Das Wie und die Folgen werden im Stück sehr ausgiebig verhandelt. Das Warum kommt dabei eher zu kurz. Recht kurz macht es auch Enrico Lübbe im zweiten Teil dieses 130minütigen Abends. Lange Namenslitaneien Gefallener muss man nicht über sich ergehen lassen. Auf der nun umgestürzten Wand agieren Hannelore Schubert als klagende Chorführerin der Alten, Wenzel Banneyer mit großer Maske als Xerxes düster orakelnde Mutter Atossa, Michael Pempelforth als Geist ihres Mannes Dareios und Felix Axel Preißler als schlotternder Bote des Übels und schließlich als König Xerxes selbst, der das Ende seines Reiches und die Abwendung der Götter bitterlich beklagt.

Wie in den Schutzflehenden gibt es auch hier wieder einen wohl einstudierter Chor, der der Wucht des Einverständnisses in der Maßnahme die vielstimmige Klage des Verlusts an Menschen gegenüberstellt. Das bleibt vor allem haften – neben dem Schlussbild mit einem Haufen aus Kostümen und Requisiten beider Stücke. Die Reste der Geschichte, über die der gescheiterte König Xerxes ins Dunkel abtritt.

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DIE MASSNAHME / DIE PERSER (Schauspiel Leipzig, 01.04.2017)
Von Bertolt Brecht / Hanns Eisler
& Aischylos (Deutsch von Durs Grünbein)
Regie: Enrico Lübbe
Musikalische Leitung: Marcus Crome
Orchester: Leipzig Brass (Musiker des Gewandhausorchesters)
Bühne: Etienne Pluss
Kostüme: Bianca Deigner
Choreographie: Stefan Haufe
Video: fettFilm (Momme Hinrichs und Torge Møller)
Dramaturgie: Torsten Buß, Clara Probst
Korrepetitor: Francesco Greco
Licht: Ralf Riechert
Ton: Alexander Nemitz
Mit: Wenzel Banneyer, Thomas Braungardt, Anna Keil, Tilo Krügel, Dirk Lange, Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Hannelore Schubert u.a.
Premiere war am 30. März 2017.
Weitere Termine: 28.04. / 06.05. / 14.06.2017
Eine Koproduktion des Schauspiels Leipzig mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen in Kooperation mit dem Gewandhaus zu Leipzig

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 03.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Wenn alt und jung sich radikalisieren – Katja Brunners „geister sind auch nur menschen“ am Schauspiel Leipzig und Sasha Marianna Salzmanns „Zucken“ am Maxim Gorki Theater Berlin

Dienstag, März 28th, 2017

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SPRECHEN OHNE ZUKUNFT – In Katja Brunners außergewöhnlichem Stück geister sind auch nur menschen verschaffen sich die verstummten Alten Gehör. Claudia Bauer hat die Deutsche Erstaufführung in der Diskothek des Schauspiels Leipzig inszeniert

geister sind auch nur menschen am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

„Die Alten sind unter den Lebenden wie die Geister überall.“ heißt es zu Beginn des 2015 in Luzern uraufgeführten Stücks der jungen Schweizer Dramatikerin Katja Brunner, das nun am Schauspiel Leipzig in der Regie von Claudia Bauer seine deutsche Erstaufführung erlebte. In geister sind auch nur menschen geht es um die professionell betriebene Ausgrenzung der Alten in einer Gesellschaft, die sich über Leistung definiert, und das sogar noch im Pflegedienst der Heime, in denen die einst selbst in dieser Gesellschaft Tätigen nun auf das Hinübergleiten in den Tod warten. Den Stummen, nicht mehr Gehörten will die Autorin ihre Stimmen zurückgeben. Kein versöhnliches Sprechen, eher eine Art verwundertes, verwundetes Wutgeheul, das die 2013 für von den beinen zu kurz mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnete Brunner trotzdem in einen fast poetischen Sprachfluss bringt.

„Sie sind angealtert, sie sind angekrankt von der Zeit, sie können sich kaum wehren, sie sind in die Gebrechlichkeit und ins Alter hineingefallen wie eine Wespe in einen Honigtopf.“ Sprachgewaltig ist der Text, voll von Metaphern, die das Unsagbare, das unausweichliche Gefühl des Alterns in eine literarische Form zu bringen versuchen. Claudia Bauer, die mit ihrer letzten Inszenierung 89/90 nach dem Roman von Peter Richter zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, findet für diese Sprache die richtige Verpackung. Das sechsköpfige Ensemble betritt die Spielfläche in der Leipziger Diskothek mit Pilzkopffrisuren, in farbigen Jungmädchenkleidern und spricht die ersten Textpassagen über das Altwerden, das Verschwinden aus dem Alltag mit großem staunenden Fragezeichen, bis der erste Fremdkörper in fleischfarbenem Fett-Faltensuite auf dem Boden des sich beständig wie ein Karussell drehenden Bühnenrondells liegt und von den anderen argwöhnisch beäugt wird.

„Ein Körper, der meiner nicht mehr ist. (…) Zu wem gehörst du?“ Die geistige Abspaltung vom nicht mehr funktionierenden Körper, in den man oben hineinschiebt und unten alles wieder herausfällt. Ein letzter Kampf um Autonomie und Eigenverantwortung in einer Umgebung, die mit vollautomatisierter Navigationsstimme die Regeln des Heims diktiert. Nach und nach sondern sich die SpielerInnen aus dem Jungmädchenkreis ab und übernehmen die Rollen der Alten in der monströsen Kostümierung, die mit ihrer Gebrechlichkeit und den überdeutlichen Genitalteilen die Reduzierung der Alten auf ihren Körper verdeutlicht und dabei auch als Verfremdungseffekt dient, um rührseligen Einfühlungskitsch zu vermeiden. Trotz allem wirken die DarstellerInnen, die hier mit langem Haar und teilweise gendermäßig gegen den Strich besetzt sind, auch wie verlorene Engel, ihrer Flügel beraubt.

 

geister sind auch nur menschen am Schauspiel Leipzig
Foto (c) Rolf Arnold

 

Sie bezeichnen sich selbst als „dem Sozialstaat auf den Möglichkeitstaschen herumfläzende, gerade noch durchblutete Skelette“. Hier wird der Text oft sehr explizit. Los geht ein „SPRECHEN OHNE ZUKUNFT“ – wie es im Stück heißt – „Zukunft, diese kompromittierende Sau – daher freier als manch anderes Sprechen.“ Und sie sprechen von ihren Wünschen, noch einmal „ohne den Geschmack von Funktionalität“ berührt zu werden, dem Traum von Sexualität, von ihrem früheren Leben und ihren jetzigen Gebrechen. Nichts wird ausgelassen, weder Demenz, Krebs noch das unkontrollierte Koten.

Es gibt keine klaren Rollenzuschreibungen, nur Namen wie Frau Heisinger, Herr Metzler oder Frau Simplon. Man beschwert sich über das Heimpersonal, das man um Bier anbetteln muss, oder über den Raucher-Glaskasten im Foyer. Eine verqualmte Vorhölle mit geregelten Öffnungszeiten. Die Alten erfahren die tagtägliche Erniedrigung, die von der Heimleitung als Kooperation bezeichnet wird. Claudia Bauer lässt das an einer Geburtstagstafel mit Tee, Saft und Kuchen spielen. Mal kommt ein Fernsehgerät, mal eine Zinkwanne oder ein Servierwagen dazu. Der Pfleger ist ein Zwitterwesen, das man Pferdeschwanzfachkraft nennt, und dem der Herr mit dem langen Genital gern an den Hintern fasst. Dafür stellt der den Insassen für eine extra gebückte Haltung die Rollatoren tiefer. Die lieben Alten sind in seinen Augen ziemlich aufmüpfig, klingeln ohne Grund und schimpfen auf die gähnende Jugend und ihre Mütter, die lieber Karriere machen, als sich um ihre Kinder zu kümmern.

Zu diesem unvermittelten Kindergeburtstags-Tohuwabohu, das die Alten schließlich anrichten, gesellt sich natürlich auch irgendwann der Tod, der „dazugehört wie das Atmen zum Leben“. Und ob man nun nicht loslassen kann oder den Tod sehnsüchtig als Erlöser erwartet, hier tritt er am Ende als Conférencier im Glitzeranzug auf, der versucht so etwas wie eine Ahnung vom Danach zu vermitteln. Ein Wegziehen wie ein warmer Lufthauch aus einer unerlösten Umarmung. Beruhigen kann das nicht.

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geister sind auch nur menschen (DE) – (Diskothek, 17.03.2017)
von Katja Brunner
Deutsche Erstaufführung
Regie: Claudia Bauer
Bühne & Kostüme: Andreas Auerbach
Musik: Smoking Joe
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Andreas Dyszewski, Timo Fakhravar, Sophie Hottinger, Julia Preuß, Katharina Schmidt, Florian Steffens
Premiere war am 17. März 2017 in der Diskothek des Schauspiels Leipzig
Termine: 13., 19., 28.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 18.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Zucken – Sebastian Nübling übersetzt am Maxim Gorki Theater Sasha Marianna Salzmanns Stück über die Radikalisierung Jugendlicher in ein körperbetontes Spiel

Zucken am Maxim Gorki Theater
Foto © Esra Rotthoff

Die wachsende Radikalisierung unter Jugendlichen ist das große Thema dieser Theatersaison. Meist ideologisch beeinflusst unter dem Deckmantel des Glaubens an einen Gott oder an ein bestimmtes politisches Ideal ziehen viele europäische Jugendliche in die verschiedensten Kriegsgebiete oder laufen bereits in ihrer Heimat Amok. Worauf bereits Stücke wie Inside IS von Yüksel Yolcu am Grips Theater oder Kuffar. Die Gottesleugner von Nuran David Calis am DT versuchten, eine Antwort zu finden; das hat nun auch Sasha Marianna Salzmann zu ihrem neuen Theaterstück Zucken angeregt.

Eigentlich heißt Salzmanns Stück vollständig Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten! (Zucken). Für die Koproduktion des Maxim Gorki Theater mit dem jungen theater basel unter der Leitung von Sebastian Nübling wurde aber eine verkürzte Spielfassung erarbeitet, die nun mit sieben jugendlichen LaiendarstellerInnen [Namen s.u.] zuerst in Berlin zur Uraufführung kam. Die Erwartung, die Jugendliche von der Welt haben, ist für die Autorin wie ein Nerv, der zuckt. So heißt es jedenfalls in einem der chorisch vorgetragenen Textpassagen. Dieses impulsive Zucken übersetzt Regisseur Nübling, wie schon des Öfteren, in choreografierte Bewegung und Tanz. Bestandteil der Inszenierung ist auch von Beginn an Musik, die die Jugendlichen zumeist direkt von ihren Smartphones einspielen oder diese gar selbst als Sound- und Geräuschmaschinen benutzen.

In mehreren Kapiteln mit Zwischenüberschriften wie „Wann, Was, Wohin“ oder „Wüste, Wir, Wind“ werden drei Beispiele für den Radikalisierungsweg von Jugendlichen vorgespielt. Dazwischen gibt es Rap- und Tanzeinlagen, gepaart mit schon besagten Passagen, die die Stimmen der Radikalisierten zu einem Wut-Chor, der die vom gesellschaftlichen Mainstream der pazifistischen Wegducker, die Lösungen nur durch Reden erreichen wollen, Enttäuschten sammelt. Der Ausbruch aus der Normalität wird zum neuen Wir-Gefühl einer für die westlichen Werte verlorenen Generation.

Die Reibung mit der Welt, in der sich die Jugendlichen nicht verstanden fühlen, beginnt bekanntlich im unmittelbaren Freundeskreis, der Schule oder dem Elternhaus. So auch bei einem Mädchen, das im breitesten Schwyzerdütsch mit einem unbekannten Dschihadisten chattet, der (statt wie in sozialen Netzwerken üblich) nicht in Emojis kommunizieren will, sondern Worte für Gefühle einsetzt und mit „Ja“ oder „Nein“ und nie mit „Ich weiß nicht“ antwortet. Diese klare Ansprache gefällt dem Mädchen, und es will zu dem Jungen, der plötzlich abtaucht, nach Syrien. Dennoch bleibt es relativ rätselhaft, warum sich die Enttäuschte danach mit Messern im Rucksack zum Bahnhof aufmacht.

Die zweite Geschichte beschreibt das Schwanken eines ukrainischen Jungen zwischen seinen unklaren Gefühlen für einen Schulfreund und dem vom Vater geschürten Nationalismus gegen alles Russische. Gruppendruck und die Angst nicht dazuzugehören, lassen ihn schließlich in den Krieg in die Ostukraine ziehen.  Schon gefestigter scheint dagegen das mit den Handykameras gefilmte Statement einer Tochter in einem Abschiedsvideo an ihren Vater. Sie übermittelt ihm ihre Gründe, warum sie gemeinsam mit jungen Menschen aus ganz Europa in Kurdistan eine neue Welt aufbauen will, für die sie auch bereit ist zu sterben. Das Warum versuchen Text und Spiel mehr dynamisch zu umkreisen.

Doch nach der ersten Geschichte scheinen die Macher des Abends ihren aufgeworfen Thesen selbst nicht so recht getraut zu haben. Zu unterkomplex, heißt es da. Sie gehen auf Anfang und lassen doch die Maschinerie aus Text, Sound und Bewegung umso stärker wieder einsetzen. Dem straffen Durchboxen, auch wenn man sich immer wieder auf vier große, schwarze Ledersofas zurückwirft, fehlt dann doch so etwas wie eine kleine Ruhephase der Reflexion. Am Ende stöpseln sich die Jugendlichen einfach aus. „Wir brauchen euch nicht.“ rufen sie trotzig. Und das ist die eigentliche Gefahr. Das Stück spricht da nicht nur junge Menschen an. Ob‘s ankommt, wird die Zukunft zeigen.

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Zucken (UA) – (Maxim Gorki Theater, 19.03.2017)
Von Sasha Marianna Salzmann
Regie: Sebastian Nübling
Ausstattung: Ursula Leuenberger
Sound: Lukas Stäuble
Dramaturgie: Ludwig Haugk, Uwe Heinrich
Mit: Martha Benedict, Yusuf Çelik, Doğan Çoban, Elif Karci, Timo Muttenzer, Helena Simon, Cara Stauffenegger
Eine Produktion des jungen theater basel und des Maxim Gorki Theater Berlin
Premiere war am 17. März 2017 im Maxim Gorki Theater
Dauer: ca. 70 Minuten
Termine: 03. und 04.06. / 03. und 04.07.2017

Infos: http://gorki.de/  bzw.  http://www.jungestheaterbasel.ch

Zuerst erschienen am 22.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten – Stephan Beer und Georg Burger adaptieren am Schauspiel Leipzig den DDR-Kinderbuchklassiker von Alexander Wolkow

Montag, Dezember 12th, 2016

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Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rollf Arnold

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rollf Arnold

Nicht nur die Mosaik-Comics von Hannes Hegen, auch eine Kinderbuchreihe des russischen Schriftstellers Alexander Wolkow hatte es in der DDR zu Kultstatus geschafft. Und wie die Abrafaxe, die Knollennasennachfolger der Digedags, 2001 von den vereinten deutschen Kinoleinwänden flimmerten, so erobern nun auch die Helden der Smaragdenstadt (Elli, Scheuch, Eiserner Holzfäller und tapferer Löwe) die Bühne des Schauspiels Leipzig. Wolkow hatte erstmals 1939 eine Nachdichtung des amerikanischen Kinderbuchklassikers The Wonderful Wizard of Oz von Lyman Frank Baum unter dem Titel Der Zauberer der Smaragdenstadt publiziert. Regisseur Stephan Beer und Bühnenbildner Georg Burger brachten bereits in der Vorweihnachtszeit des letzten Jahres ihre Bühnenversion dieses DDR-Kultbuchs erfolgreich am Schauspiel Leipzig heraus. Die Sache schrie förmlich nach einer Fortsetzung. Und so startete dann auch Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten nach dem 1963 erschienenen zweiten Band der Smaragdenstadt-Reihe.

Wolkows Geschichte führt uns wieder ins Zauberland, in dem nun der vom Zauberer Goodwin mit dem gewünschten Verstand ausgestattete Scheuch die Smaragdenstadt regiert. Doch im Blauen Land der Käuer, das die kleine Elli im ersten Teil von der Herrschaft der bösen Hexe Gingema befreite, lebt der menschenscheue Tischler Urfin Juice, der nach der Entdeckung eines Zauberpulvers, das er aus einem in seinem Garten wuchernden Kraut gewinnt, eine Holzsoldatenarmee aufstellt, mit deren Hilfe er die Smaragdenstadt erobert und die Macht im Zauberland an sich reißt.

 

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rollf Arnold

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rollf Arnold

 

In Leipzig haben Stephan Beer und Georg Burger die Story verständlicher Weise etwas gerafft. Nach einem am Bühnenvorhang visualisierten Albtraum Ellis, in dem sie die Machtergreifung Urfins voraussieht, beginnt es gleich mit dem griesgrämigen Kerl, der, seit die Käuer ihn meiden, in seinem mit psychedelischen Rorschachmustern behängten Garten mit langen grünen Lianen kämpft, bis ihm die Eule Guamokolatokint zeigt, wie er daraus das Zauberpulver zur Erweckung seiner getischlerten Holzsoldaten herstellen kann. Für die Rolle des Urfin hat der Regisseur den Schauspieler Tilo Krügel gewinnen können, der bereits im ersten Teil als Scheuch mit von der Partie war. Ihm zur Seite steht Sophie Hottinger als schwarze Eule, die auf einem Self-Balance-E-Board über die Bühne schwebt.

Und gleich geht es auch richtig zur Sache, wenn Urfin seinen Holzköpfen das Marschieren und Kämpfen beibringen will. Das ist zunächst recht witzig und gut choreografiert, wenn die Holzarmee dann aber mit Trommeln und Stöcken aufmarschiert, bekommt das ganze schon einen beängstigenden Drive. Die tolle Livemusik dazu kommt von den direkt auf der Bühne agierenden Jan S. Beyer & Jörg Wockenfuß. So geht es dann auch sofort gegen die Smaragdenstadt, in der die Zwei-Mann-Armee des weisen Scheuchs (Thomas Braungardt) – bestehend aus Din Gior (Roman Kanonik) und dem herbeigeeilten Eisernen Holzfäller (Andreas Dyszewski) – auf einem Hubsteiger bald vom listigen Verräter Ruf Bilan (Hartmut Neuber) überwältigt ist.

 

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rollf Arnold

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rollf Arnold

 

Denkwürdig auch die vor dem riesigen Banner mit seinem Konterfei gehaltene Antrittsrede des Usurpators Urfin, bei der er von der einstigen Größe des Zauberlands, dem Verfall der Gemeinschaft, Moral und Kultur spricht. Er will das Reich wieder vereinen und zu alter Größe zurückführen. Legida, AfD und Trump lassen hier grüßen. König Urfin gibt sich ganz als medienwirksamer Herrscher. Wer sich nicht an die neuen Regeln hält, wird vom Minister für Sicherheitsfragen Ruf Bilan denunziert und kommt ins Arbeitslager oder in den Kerker, wo schon Holzfäller und Strohscheuch vor sich hin rotten.

Das ruft natürlich nach Widerstand und das Mädchen Elli (Alina-Katharin Heipe) auf den Plan. Die durchweg spannend erzählte Story verfolgt parallel den Weg Ellis ins Zauberland, begleitet von der flatterhaften Krähe Kaggi-Karr (Anna Keil) durch das unterirdische Reich vorbei an riesigen Sechsfüßern, die aussehen wie wurmartige Nacktmulle, der auf einer Schaukel vorbeischwebenden rosa Fee (Nina Siewert) mit ihrem wandelnden Zauberbuch (David Hörning) bis hinein in den Kerker der Smaragdenstadt. Dass es zum Schluss natürlich einen an Showeffekten nicht gerade armen Showdown inklusive Happy End mit einem Loblied auf die wahre Freundschafft gibt, versteht sich fast von selbst. Eine an Einfällen, tollen Gesangsnummern, fantastischen Kulissen und bunten Kostümen nicht geizende Inszenierung, die für Groß und Klein gleichermaßen vergnüglich ist.

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Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten (UA) – (Schauspiel Leipzig, 04.12.2016)
Von Alexander Wolkow
Für die Bühne bearbeitet von Stephan Beer und Georg Burger
Regie: Stephan Beer
Bühnenbild: Georg Burger
Kostüme: Kristina Böcher
Choreographie: Sibylle Uttikal
Musik: Jan S. Beyer & Jörg Wockenfuß
Dramaturgie: Matthias Huber
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit:
Thomas Braungardt, als Der Scheuch
Andreas Dyszewski, als Holzfäller
Max Fischer, als Holzoldat / Sechsfüßer
Alina-Katharin Heipe, als Elli
Sophie Hottinger, als Guamokolatokint, Eule
David Hörning, als Bofalo, Bewohner des Unterirdischen Reiches / Willinas Zauberbuch / Holzsoldat
Roman Kanonik, als Din Gior, Soldat
Anna Keil, als Kaggi-Karr, Krähe / Anna, Ellis Mutter
Jonas Koch, als Holzsoldat / Der Tapfere Löwe
Tilo Krügel, als Urfin Juice
Ferdinand Lehmann, als Käuerin / Smaragdenstädterin / Holzsoldat / Sechsfüßer
Hartmut Neuber, als Ruf Bilan / John, Ellis Vater
Elias Popp, als Käuer / Smaragdenstädter / Holzsoldat / Sechsfüßer
Nina Siewert, als Willina, Fee des Gelben Reiches / Stella, Fee des Rosa Reiches / Holzsoldat
Premiere war am 26. November 2016 im Schauspiel Leipzig
Spieldauer ca. 1:45, eine Pause
Termine: 11.-21., 25.12.2016 // 05., 06.02. / 17.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 06. 12.2016 auf Kultura-Extra.

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KRUSO und 89/90 – Das Schauspiel Leipzig startet mit zwei Romanadaptionen über die Wende in die neue Spielzeit

Samstag, Oktober 8th, 2016

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Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Eine Auseinandersetzung mit dem „Schlüsselmoment der deutschen Geschichte“ nennt das Schauspiel Leipzig sein Unterfangen, mit gleich zwei Romanadaptionen zum Thema Wende und deutsche Wiedervereinigung in die neue Spielzeit zu starten. Pünktlich zum langen Einheitswochenende bringt man hier mit der Adaption von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso die zweite Wende-Inszenierung auf die Bühne. Bereits am 16. September hatte die Leipziger Bühnenfassung des Dresdner Wende-Romans 89/90 von Peter Richter Premiere.

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Kruso – Armin Petras adaptiert den Hiddensee-Roman von Lutz Seiler am Schauspiel Leipzig als magisches Bildertheater mit Anja Schneider in der Hauptrolle

Für die Adaption von Kruso konnte man einen alten Bekannten des Schauspiels, der schon unter Wolfgang Engel und Sebastian Hartmann in Leipzig inszenierte, wiedergewinnen. Armin Petras, zurzeit Intendant am Schauspiel Stuttgart, hat hier u.a. 2008 in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin den im letzten Jahr verfilmten Roman Als wir träumten von Clemens Meyer erfolgreich auf die Bühne gebracht. Nun also ein weiteres Mal Lutz Seilers Buchpreisgewinner von 2014, der auch schon auf den Spielplänen in Magdeburg, Gera und dem Hans-Otto-Theater in Potsdam steht.

Auffallend ist zunächst die Bühne von Olaf Altmann, die nicht (wie bei ihm gewöhnlich) einen Sperrholzkasten zeigt, sondern einen dichten Wald aus vom Schnürboden gespannten Perlonfäden. Eine Bild-Metapher für Einengung und Verlorenheit wie auch für das unüberwindbare Meer zwischen Hiddensee und der dänischen Insel Møn, auf die es die sogenannten „Schiffbrüchigen“ zieht, die vor der Flucht eine kurze Bleibe auf Hiddensee suchen. Der Chor dieser Schiffbrüchigen wird hier von 6 Schauspielstudierenden dargestellt, die mal in den Fäden hängen oder zwischen ihnen in einer Art choreografierten Bewegung agieren. Einmal stellen sie sich sogar an der Rampe mit kleinen Modellen ihrer „Notunterkünfte“ auf der Insel vor.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Es beginnt aber zunächst vor dem Eisernen Vorhang mit der Vorgeschichte des Literaturstudent Ed (Florian Steffens), der hier aus seinen Erinnerungen an die verunglückte Freundin G. erzählt und den es dann später nach Hiddensee verschlägt, wo er eine Unterkunft in der Gemeinschaft des Urlauberrestaurants „Zum Klausner“ findet. Hier führt der Abwäscher Kruso sein Regime aus Ritualen und der Verheißung von Freiheit, die die vom Festland angespülten Schiffbrüchigen an der Flucht und vor dem sicheren Tod in der Ostsee retten sollen. Armin Petras besetzt diese Rolle mit der Schauspielerin Anja Schneider, was zunächst verwundert, aber letztendlich wunderbar aufgeht.

Man muss dem aber weiter keine große Bedeutung beimessen. Sehr subtil gehen nach und nach die Handlungsfäden von Eds poetischen Naturschilderungen und Begegnungen mit einem Fuchs (Markus Lerch im grünen Pelz und Dreispitz) zu Kruso über, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Petras spult die Geschehnisse auf Hiddensee überschaubar ab, ohne stur nacherzählend zu bebildern. Er greift den mal epischen, mal lyrischen Sound der Textvorlage auf und gibt ihn mittels szenischen Dialogen, Einzelvorträgen oder bewegten Gruppenchoreografien wieder. Als Requisiten dienen lediglich Handtücher und ein paar Töpfe für die Speisung mit der „ewigen Suppe“, deren Zutaten in einem traumwandlerischen Defilee über die Bühne getragen werden. Der „Lurch“ aus dem Abfluss der Geschirrspültische hängt an im Bühnenboden eingelassenen Gitterrosten, mit denen Ed kämpft.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Als tragischer Alter und Bewahrer der schützenden Arche tritt der Klausner-Chef Krombach (Berndt Stübner) auf, der mit seinem Schlips Seemannsknoten bindet, was aber wie eine Schlinge aussieht. Er erklärt die Philosophie des Klausners als Poesie und Gastronomie, spricht von Abrechen und Abdriften der Küste, einem Landverlust im doppelten Sinne und rezitiert auch mal Brechts Lob des Kommunismus. Die anderen Figuren der Belegschaft bleiben hier eher im Hintergrund. Zwei Grenzsoldaten mit DDR-Stahlhelmen haben ihren komischen Kurzauftritt mit Pistole.

Viel Raum nehmen dafür Krusos Rituale mit den Schiffbrüchigen und ein wildes aus den Fugen geratenes Sommerfest mit Live-Schlagzeug-Begleitung und archaischen, magischen Tänzen ein. Die immer wiederkehrenden Bemühungen Krusos, Ed von seinen Visionen zu überzeugen, gestaltet Anja Schneider oft anrührend komisch bis improvisiert und slapstickhaft. Die „Karte der Wahrheit“ steckt sie mit Wimpeln ab und erklärt die Phasen des Ertrinkens, wobei der Chor der Schiffbrüchigen magisch in den Schnüren hängt. Kruso führt Ed seine erste Vergabe, die Schiffbrüchige C., zu, schließt Blutsbrüderschaft und predigt vom Kochtopf herunter von den „Wurzeln der Freiheit”.

Nach der Pause beerdigt Armin Petras dann die DDR. Es wird viel gewinkt, ein Grab für den toten Fuchs ausgehoben, und die Stimme von Angelika Unterlauf darf noch mal zum 40. Jahrestag gratulieren. Der verletzte Ed erfährt noch von Rommstedt (Dirk Lange) die Geschichte des Generalssohn Kruso, was im Hintergrund mit einem akrobatischen Soldatendenkmal illustriert wird. Die neue Zeit hält mit Haribo und Flitter Einzug. Ed und Kruso schmeißen ihren „McKlausner“ jetzt allein im Ketchup- und Senftubenkostüm. Bis auch Kruso langsam verstummt und verschwindet, nicht ohne vorher Eds Verrat und die neue Spezies des Einbauküchenmenschen zu beklagen. Das Ende markiert die in der Drehung mit den Perlonfäden verhakte Bühne. Es geht nicht vor und nicht zurück. Ein durchaus eindrucksvolles Bild für das Ende einer Utopie.

Eingeladen zu den Autorentheatertagen 2017 im Deutschen Theater Berlin.

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KRUSO (02.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Ludwig Haugk
Regie: Armin Petras
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Patricia Talacko
Live-Musik: Johannes Cotta
Choreographie: Denis Kuhnert
Dramaturgie: Christin Ihle, Clara Probst
Licht: Jörn Langkabel
Besetzung:
Alina-Katharin Heipe (Chor der Schiffbrüchigen), Ellen Hellwig (Monika / Inselärztin), David Hörning (Chor der Schiffbrüchigen), Andreas Keller (Koch-Mike / Rebhuhn), Jonas Koch (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Dirk Lange (Rimbaud / Rommstedt), Ferdinand Lehmann (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Markus Lerch (René / Fuchs), Elias Popp (Chor der Schiffbrüchigen), Anja Schneider (Kruso), Nina Siewert (Chor der Schiffbrüchigen), Florian Steffens (Ed) und Berndt Stübner (Krombach)
Premiere war am 01.10.2016 im Schauspiel Leipzig
Termine: 29., 30.10. / 19., 20.11. / 01., 02.12.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 04.10.2016 auf Kultura-Extra.

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89/90 – Regisseurin Claudia Bauer und Komponist Peer Baierlein sampeln am Schauspiel Leipzig eine Text- und Soundcollage aus dem Dresdner Wende-Roman von Peter Richter

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Das Land verlassen ohne eine Grenze zu übertreten. Was sich in Lutz Seilers Kruso eher beiläufig und abseits der großen Politik auf einer kleinen Insel vollzieht, erlebt der 16jährige Ich-Erzähler aus dem Roman 89/90 von Peter Richter live und leibhaftig in Dresden, auch wenn es da am Ende über den 3. Oktober 1990 ganz ähnlich heißt: „…und wir waren, ohne uns vom Fleck bewegt zu haben, in einem anderen Land.“ Was im letzten Sommer des Sozialismus geschah, beschreibt Richter in vielen kleinen Momentaufnahmen, Anekdoten und Geschichten als vielstimmigen Soundtrack eines kleinen untergehenden Lands. Ende August am kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden in nacherzählenden Spielszenen mit Live-Band-Begleitung uraufgeführt, versucht man nun am Schauspiel Leipzig sich auf eine ganz andere Art dem Buch von Peter Richter zu nähern.

Doch auch Regisseurin Claudia Bauer und ihr Dramaturg Matthias Huber gehen den Stoff sehr musikalisch an. Aber zunächst sieht man auf einer Videoleinwand über der Bühne, die wie ein altes DDR-Kultur- oder Funkhaus mit braunem Holz vertäfelt ist, Wenzel Banneyer, der Text des Ich-Erzählers aus dem Buch spricht und dabei in alten Fotos wühlt. Zu ihm gesellt sich der Berliner Neuzugang Roman Kanonik, der die Rolle des Freundes S. übernimmt. Wie Peter Richter in seinem Buch blicken die beiden auf damals zurück, als sich die ganze Clique noch gemeinsam im nächtlichen Schwimmbad traf. Dazu tritt das restliche Ensemble in Ganzkörperschaumstoffanzügen mit riesigen Kahlköpfen im Trockeneisnebel auf. Ein traumwandlerischer Erinnerungsreigen.

Und wie sich die beiden oben erinnern, entsteht unten in kleinen, anekdotisch gefärbten Szenen ein Bild von damals, dass zuweilen an einen alten Hollywoodfilm erinnert, etwas kitschig und mit angedeuteten Liebesszenen des Erzählers und seiner linientreuen Freundin L. (Bettina Schmidt) mit Blondhaarperücke und im langen Kleid aus einer DDR-Fahne. Immer wieder tritt nun ein 24-köpfiger Chor in Alltagskleidung auf. Sie singen auf Stühlen sitzend den DDR-Punk-Klassiker von Feeling B „Wir wollen immer artig sein“ als vielstimmigen Kanon, „Kinder der Maschinenrepublik“ von der Band Die Firma oder Textsplitter aus dem Buch zu minimalistischen Arrangements von Peer Baierlein.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Das Chorische vermischt sich unter dem körperbetonten Dirigat von Chorleiter Daniel Barke wunderbar mit kurzen Szenen aus der Schule, Geplapper in der Raucherecke, allerlei Zwischenrufen oder auch Episoden aus dem Wehrlager. Denis Petković brüllt im Stakkato-Ton die Befehle des Wehrlagerleiters, oder das „Zuführen!“ der Polizei bei den Demos vor dem Dresdner Hauptbahnhof.  Gemeinsam tanzt das Ensemble die rhythmischen Statements der Staatsbürgerkundelehrerin (Anna Keil) über den Unterschied von Arbeitnehmer und Arbeitgeber oder zu Reisen nach Prag oder Paris. Das ist einerseits ein herrlicher musikalischer Verfremdungseffekt, anderseits wirken diese minutiös einstudierten Chorpassagen wie kleine vertonte Absurditäten aus der späten DaDaR.

Bis zur Pause bekommt die Inszenierung dadurch einen wunderbaren Drive. Dann dreht sich das Bühnenbild nach hinten weg, und auf der Rückseite laufen nun bunte Werbefilmpersiflagen, die signalisieren sollen, was nach der Wende viel und heftigst auf die DDR-Bürger zukommen wird. Der Ton bleibt weitestgehend ironisch, auch wenn bei der L. die große Wende-Depression losgeht. Wenzel Banneyer und Bettina Schmidt wirken auf der ersten Fahrt des Erzählers mit seiner Freundin nach West-Berlin wie ein Hollywoodfilmpaar kurz vor der schmerzhaften Trennung.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Ein aufgeblasener Helmut Kohl mit Birnenkopf (Andreas Dyszewski) tänzelt vorbei und empfängt den von den Massen vor der Frauenkirche verströmten Willen zur deutschen Einheit. Leider wird es für die Nichtkenner des Romantextes nun auch etwas unübersichtlich. Auf den Erzähler und das Publikum prasseln dichte Textsamplings aus scheinbar wahllos aus dem Roman entnommenen Sätzen. Das mag gut zur chorischen Man-müsste-dies-und-jenes-könnte-aber-auch-Choreografie passen, die die allgemeine Konfusion nach der Wende zeigen soll, könnte aber auch leicht übersättigend wirken.

Dazu wird weiter munteres Typenkabarett gespielt: Bettina Schmidt gibt einen Zuhälter mit riesiger aufblasbarer Sexpuppe. Tilo Krügel spielt den Transvestiten T. als dauer-hibbeligen Fanatiker, der die Stasizentrale stürmt und später in den Untergrund abtaucht. Anna Keil schlägt im Glitzerkleid und Springerstiefeln den Takt der Schlägereien zwischen Punks und Skinheads mit dem Baseballschläger, und Roman Kanonik singt „Nazi Punks Fuck off“ von den Dead Kennedys oder Kim Wildes „Kids in America“ als Punk-Version. Ein großer Spaß. Auch wenn dabei die in Richters Textvorlage leicht mitschwingende politische Botschaft etwas unterzugehen droht. Die unglaublich künstlerische Raffinesse der kolossalen Chorarbeit rettet aber die Inszenierung von Claudia Bauer ins Ziel.

Wie in Dresden kulminiert der Abend auch hier in den 90ern mit dem alles gleichmachenden Technosound. Das Ensemble verschwindet wieder unter den großen Pappköpfen. Politik ist out. Dass das Versäumte und Vergessene heute als Pegida wieder hochkocht, konnte man gerade an diesem aktuellen Tag der Einheit vor allem wieder in Dresden erleben. Peter Richter sprach davon im Februar in seiner Dresdner Rede, die nun zum Essay Dresden revisited erweitert in Buchform erschienen ist. In diesem Sinne braucht es vor allem auch solch ein Theater gegen das Vergessen.

 

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Die Inszenierung ist zum 54. Theatertreffen in Berlin eingeladen.

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89/90 (03.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem Roman von Peter Richter
Für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Huber
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Andreas Auerbach, Doreen Winkler
Komposition und musikalische Leitung: Peer Baierlein
Chorleitung: Daniel Barke
Dramaturgie: Matthias Huber
Mit: Anna Keil, Annett Sawallisch, Bettina Schmidt, Wenzel Banneyer, Andreas Dyszewski, Roman Kanonik, Tilo Krügel, Denis Petkovic und Chor
Premiere am Schauspiel Leipzig war am 16.09.2016
Spieldauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
Termine: 23.10. / 03., 17.11. / 16.12.2016  / 14.01. / 17.02. / 19.03. / 27.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 06.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Drei sind wir – Das neue Stück von Wolfram Höll wird in der Diskothek des Schauspiels Leipzigs nach allen Regeln der Regiekunst von Thirzas Bruncken verhackstückt

Montag, März 21st, 2016

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Der junge Dramatiker Wolfram Höll hat erst drei Theaterstücke geschrieben und ist bereits zum zweiten Mal für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Eine Erfolgsgeschichte, die unmittelbar mit dem Schauspiel Leipzig verbunden ist. Hier haben seit dem Beginn der Intendanz Lübbe einige hoffnungsvolle Talente wie (neben Höll) etwa der Österreicher Ferdinand Schmalz ihre Karriere begonnen. Das Format, junge Dramatik in der Nebenspielstätte Diskothek zu fördern, trägt also erste Früchte. Mit dem neuen Stück von Wolfram Höll wollte man anscheinend auf Nummer sicher gehen und hat die Uraufführung von Drei sind wir nicht einem jungen Regietalent übertragen, sondern in die Hände der mit ungewöhnlichen und sperrigen Texten erfahrenen Regisseurin Thirza Bruncken gelegt. Allerdings hätte man wissen können, dass die als ziemlich kompromisslos bekannte Regisseurin auch nicht gerade zimperlich mit Stücktexten umzugehen pflegt. Nun, der Erfolg scheint dem Schauspiel Leipzig nachträglich Recht zu geben. Dennoch gibt es durchaus einiges an der von Thirza Bruncken vorgelegten Regiearbeit zu kritisieren.

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rolf Arnold

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig       Foto (c) Rolf Arnold

Jungautor Höll baut seine lyrischen Textgebilde gern um eine Leerstelle. Waren es in seinen ersten Dramen das Verschwinden der Mutter (Und dann) oder des Vaters (Vom Verschwinden vom Vater), ist es nun ein Kind, das mit dem menschlichen Makel eines sehr selten Trisomie-Chromosomendefekts geboren wird. Den Eltern bleibt wenig Zeit und Hoffnung für ein Leben mit ihrem Kind. Trotzdem wandern sie zu dritt nach Kanada aus. Innerhalb eines Jahres wächst und entwickelt sich das Kind, bis es langsam wieder verschwindet und stirbt. Dazwischen kommen die beiden Großelternpaare, der Onkel des Kindes und die Urgroßmutter zu Besuch, um das Kind zu sehen. Aber Bedrückung, Hilflosigkeit und Unfähigkeit mit der Krankheit umzugehen, sind allgegenwärtig. An echte Normalität ist nicht zu denken. Dazu klingen ganz wie nebenbei unverarbeitete Familienprobleme an.

Entlang der vier Jahreszeiten hangelt sich der Text an metaphorischen Naturbeschreibungen entlang wie etwa dem Angeln oder dem Herstellen von Akaziensirup im Vergleich zum Zustand des Kindes. Ohne direkte Rollenzuschreibungen ist das wie immer bei Höll ein nicht gerade für die konventionelle Bühnenpräsentation prädestinierter Text. Ähnlich wie schon Claudia Bauer Hölls Erstling Und dann als Sprech-Musik-Stück inszenierte, in dem die Figuren wie in einem verschwommenen Kindertraum unter riesigen Pappmache-Köpfen kaum auszumachen waren, versucht es Thirza Bruncken mit einer Art Bewegungschoreografie, die aus den vier DarstellerInnen (Julius Bornmann, Anna Keil, Bettina Schmidt und Sebastian Tessenow), die sich den Text teilen, steife, aufziehbare Gelenkpuppen macht. Dazu stehen sie in einem klaustrophobischen Guckkastenraum mit nur einer Tür und einem Spiegel und werden durch andauernde Störgeräusche, Musikeinspielungen und Lichtwechsel gesteuert.

 

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rolf Arnold

Drei sind wir am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Das Dargestellte entspringt aber eher einer vollkommen assoziativen Regieführung, die fast komplett am Stücktext vorbeiinszeniert. Sicher lässt sich der Takt des Textes gut in Musikalität und Bewegung übersetzen, kein Problem. Mit teilweise recht willkürlichen Zusammenzucken, Stammeln und Stampfen wird der Text dann aber doch ziemlich zerstückt und zertreten. Die SchauspielerInnen tragen dazu gutbürgerliche Kleidung der 1960er und 70er Jahre und singen wie bei einer steifen Karaoke-Veranstaltung Hits der 1970er und 80er wie Blondies „Heart of Glass oder Queens“ I „Want to Break Free“. Befreien wird sich aus dieser ausweglosen Situation niemand. Die Tür klemmt oder geht nur einen Spalt auf. In einer Art tänzelnden Chorus-Line stellen sich die vier auch mal zu einem Balkanbeat an die Rampe. Wie in einem Schneesturm werden alle an die Wände gedrückt oder brechen immer wieder zusammen. In französischem Gestammel werden die Nachbarn karikiert.

Dass die Regisseurin eine Affinität zum Film (Darstellerin in frühen Filmen von Christoph Schlingensief) hat, beweist eine melodramatische Szene zwischen den beiden Frauen zu filmreifer klassischer Orchestermusik. Das Licht flackert wirr, und zerplatzende Glühlampen oder kaputte Leuchtstoffröhren zerreißen akustisch die Szenen. Was das Ganze mit dem Stück zu tun hat, erschließt sich allerdings nie so richtig. Man gibt bei der Macht der Bilder auch irgendwann unweigerlich auf, dem Text zu folgen, der auch teilweise relativ unverständlich rübergebracht wird.

Am Ende, wenn das Paar nach einer kurzen Flucht in die Natur mit dem Kind an Schläuchen im Krankenhaus landet und das Leben langsam aus dem kleinen Körper entweicht und er verschwindet, schwenkt die Regie ganz auf Bebilderung um. Ein Negativvideo einer Inuitfrau mit Kind und Hundeschlitten wird auf die Wände projiziert, während die SchauspielerInnen in Pelzen wühlen. Sicher versucht sich Thirza Bruncken rein assoziativ den schwierigen Sprachbilder von Wolfram Höll, anzunähern, die sich immer wieder selbst zerlegen und neu zusammensetzen, den Wortsinn variieren, bis er sich verkehrt. Für eine Uraufführungsinszenierung wird von der Regie allerdings schon arg übers Ziel hinausgeschossen. Da kann man für Mülheim nur viel Glück in wünschen.

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Drei sind wir (12.03.2016)
Von Wolfram Höll
Regie: Thirza Bruncken
Bühne & Kostüme: Christoph Ernst
Choreographische Einstudierung: Sebastian Tessenow, Martin Opitz
Musikalische Einstudierung: Francesco Greco
Dramaturgie: Torsten Buß, Christin Ihle
Mit: Julius Bornmann, Anna Keil, Bettina Schmidt und Sebastian Tessenow
Premiere war am 20. Februar 2016 in der Diskothek des Schauspiels Leipzig
Spieldauer ca. 1:20, keine Pause

Termine: 03. und 28.04.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 14.03.2016 auf Kultura-Extra.

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Herzhaftes deftig serviert – Regisseur Gordon Kämmerer überwürzt die Uraufführung von Ferdinand Schmalz‘ neuem Stück „der herzerlfresser“ am Schauspiel Leipzig

Donnerstag, November 26th, 2015

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der herzerlfresser_schauspiel leipzigNach am beispiel der butter und dosenfleisch hat nun der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz mit der Uraufführung des Auftragswerks der herzerlfresser am Schauspiel Leipzig seine Stück-Trilogie über Lebensmittelmetaphern vollendet. Es ist wieder eine an poetischer Metaphorik und wild kalauerndem Humor reiche Story um eine kleine Gemeinschaft von Menschen, in die ein geheimnisvoller Fremdling eindringt. Das Herz steht hierbei im Mittelpunkt als organische Pumpe wie auch Gefühlszentrum unseres Körpers und Lebens. Und auch als schaurig schönes Volksstück taugt die einem alten Kriminalfall entliehene Geschichte des Kannibalen von Kindberg in der Steiermark. Dort hatte im 18. Jahrhundert der Knecht Paul Reininger, einem alten Aberglauben folgend, sechs junge Frauen ermordet, um durch das Verspeisen ihrer Herzen unsichtbar zu werden und mehr Glück im Kartenspiel zu haben.

Das heutige Kindberg von Ferdinand Schmalz ist ein verschlafenes Nest am Rande einer Moorlandschaft, die der Bürgermeister Acker Rudi (Michael Pempelforth) trockengelegt und zum Bauland erklärt hat. Seine Herzensangelegenheit ist die Anlockung globaler Investoren und überregionaler Käufer durch den Bau eines Shoppingcenters. Diese moderne Begegnungsstätte zur Kundenbefriedigung soll wieder neues Leben in die Stadt pumpen. Ein Aufschwung erkauft mit den Handschlag-Quali- und Quantitäten ihres Bürgermeisters.

Vorläufig laufen aber nur die Sumpfwasserpumpen, da sich im Neubau des Herzcenters erste Risse gezeigt haben, was nicht nur stinkende Brühe zutage fördert, sondern auch weibliche Moorleichen ohne Herz. Die erste fällt dem beherzten Bürgermeister Rudi und dem Center-Wachmann Gangsterer Andi (Florian Steffens) direkt vom Schnürboden der Diskothek herunter vor die Füße. Damit die Investoren nicht ausbleiben und sich die globale Erfolgsgeschichte zur regionalen Katastrophe wendet, lässt Rudi mit Hilfe des Wachmanns die Leiche wieder verschwinden, und der Hobbykriminologe Andi mit Rundumleuchte auf dem Kopf bekommt den Auftrag den neuen Herzerlfresser zu finden.

 

 der herzerlfresser am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

der herzerlfresser in der Diskothek am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Weitere Herz-Schmerz-Angelegenheiten zu laufen haben die Centermitarbeiterinnen Fauna Florentina (Runa Pernoda Schaefer), an die der Andi gern sein Herz verschenken würde, und Fußpflege Irene (Max Thommes), die früher mal René hieß und versucht, sich per handfester Fußzonenreflexmassage einen Weg ins Herz von Rudi zu orakeln. Herzen schlagen höher, schütten sich aus, verlieren sich, und gefrorene Herzen zerbrechen. Lauter einsame Herzen in organischer Trauer. Nur der fremde Pfeil Herbert (Felix Axel Preißler), ein philosophierender Fleischhauer, trägt sein Herz auf der Zunge und bietet das Heilsversprechen einer Liebe, die durch den Magen geht. Das Paradies, was wir verloren haben. Eine Operation am offenen Herzen der zwischenmenschlichen Sprachlosigkeit. Erst im Rausch brechen die Gefühle es aus ihnen heraus. Nach alkoholseliger Einweihungsfeier im Center kommt es zum durchgeknallten Showdown mit Motorsäge, Laserschwert und Pistole.

Hierbei gehen dem Regisseur Gordon Kämmerer nicht nur einmal die Pferde, oder auch mal ein Ziege durch, die als Pappmachéungetüm auf die Bühne gezogen wird. So jagt ein lustiger Regieeinfall den nächsten, begleitet von dröhnenden elektronischen Herzbeats und mächtig Bodennebel. Neben etlichen Slapstickeinlagen wird ein wenig mit Alfred Jodocus Kwak gealbert und fröhlich im Splattergenre gewildert. Dazu kommt, dass die SchauspielerInnen die ganze Zeit in haarigen Tier-Kostümen stecken. Merkwürdige Fellwesen zwischen Affe und Yeti, die sich Schmalz‘ Herz-, Leib- und Magenmetaphern teilen. Kämmerers Hang zur Comedy stößt auf Dauer etwas sauer auf. Was noch bei der Uraufführung des Nolte-Decar-Stücks Das Tierreich bestens funktioniert hat, erschlägt hier fast die poetische Sprachgewalt des Textes. Am 28. November hat die Zweitaufführung von Ronny Jakubaschk am Deutschen Theater Berlin Premiere. Mal sehen, wie deftig das Schmalz’sche Herzragout dort angerichtet wird.

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der herzerlfresser
von Ferdinand Schmalz
Uraufführung
Premiere in der Diskothek im Schauspiel Leipzig: 20.11.2015
Regie: Gordon Kämmerer, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Max Thommes, Dramaturgie: Esther Holland-Merten
mit: Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Runa Pernoda Schaefer, Florian Steffens, Max Thommes und Maximilian Grafe
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine: 25., 28.11. und 16., 30.12.2015

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 22.11.2015 auf Kultura-Extra.

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Adoleszenz und Apokalypse – Zweimal neue junge Dramatik in der Diskothek des Schauspiels Leipzig

Samstag, Oktober 24th, 2015

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Mit Stücken von Wolfram Höll (Und dann), Ferdinand Schmalz (am beispiel der butter), Nolte Dekar (Das Tierreich) oder Lukas Linder (Die zweieinhalb Leben des Henrich Walter Nichts) ist die kleine Spielstätte Diskothek unter dem Dach des Schauspiels Leipzig seit der Übernahme der Intendanz durch Enrico Lübbe auf Erfolgskurs. Ob Retzhofer Dramapreis, Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts oder Kleist-Förderpreis, die Bilanz der hier seit 2013 uraufgeführten jungen, deutschsprachigen Dramatik lässt sich durchaus sehen. Wolfram Höll wurde für sein Stück Und dann 2014 sogar mit dem begehrten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Auch in der Spielzeit 2015/16 stehen insgesamt fünf Uraufführungen auf dem Leipziger Spielplan, die zum Teil bereits wieder Preise eingeheimst haben.

 

Das Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Das Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

 

So auch Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder. Die Uraufführung des mit dem Kleist Förderpreis ausgezeichneten Stücks fand bereits im Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen statt. Nach der Preisverleihung Anfang Oktober in Frankfurt/Oder ist die Adoleszenz-Komödie nun auch in der Diskothek Leipzig zu sehen. Der 31jährige Schweizer Dramatiker beschreibt die Probleme des 13jährigen Fred, ohne eine männliche Identifikationsfigur erwachsen werden zu müssen. Er idealisiert seinen vor kurzem abgehauenen Vater Jack, verklärt die Erinnerung an ihn und träumt sich im Trenchcoat in die amerikanischen Kriminalromane von Raymond Chandler. Hauptdarsteller Felix Axel Preißler gibt gleich zu Beginn eine Kostprobe der blühenden Fantasie des Jungen, indem er eine aufregende Doppelszene mit seiner Traumheldenfigur, dem Privatdetektiv Ray, und seiner Auftraggeberin in verteilten Rollen vorspielt.

Ansonsten gehört Fred in der Schule eher zur Gruppe der Niedlichen, für die es nie in Frage kommt, mit den Hübschen oder Coolen zu gehen. Seine Angebetete Cordula ist für ihn so unerreichbar. Ebenso wenig wie es für ihn möglich scheint, seine etwas überambitionierte Lehrerin (Annett Sawallisch) mit einem Vortrag zum Thema „Vater, Du Idol“ zufrieden zu stellen. Mit dem Thema scheitert auch die ebenso unscheinbare Mitschülerin Astrid (Runa Pernoda Schaefer), deren Vater, ein ehemaliger Ringer (Hartmut Neuber), beim Zerreißen ihres französischen Grammatikbuches versagt. Der absolute Tiefpunkt in Sachen heroischer Vaterfigur. Er tritt hier als liebenswerter, melancholisch philosophierender Trottel im roten Ringerdress auf.

 

Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Die Männer kommen insgesamt etwas schlechter weg, wogegen die Damenwelt völlig überdreht wirkt, und im Fall von Freds Mutter (Anne Cathrin Buhtz) wie ein 40er-Jahre-Hollywoodverschnitt von Lauren Bacall aussieht. Sie hat sich zur Ablenkung den erotomanischen Fitnesscoach Ehrlicher (Jonas Fürstenau) geangelt (auch nicht gerade ein Humphrey-Bogart-Typ), der Fred mit seiner Sammlung erotischer Grafik in die Welt der Männer einführen will. Bei diesem leicht übergriffigen Aufklärungsgespräch steckt der Ersatzpapa Fred einen Schnuller in den Mund, während vom Band der Rühmann-Klassiker La le lu erklingt.

Die sämtlich überzeichneten Figuren hat Autor Linder auch sonst stark am Klischee gebaut. Regisseur Marc Lunghuß setzt mit seiner Inszenierung noch einen drauf. Da versinkt doch manches zu sehr im Klamauk. Die Bühne von Tobias Schunck ist eine aufklappbare Waschbetonfassade, aus deren Öffnungen heraus die Figuren wie in einem Puppenhaus agieren. Die Villa des wohlstandsverwahrlosten Chris (Florian Steffens), hinter deren Fenstern Fred seinen Vater vermutet, ist ein Kitsch-Traumgebilde mit Triton-Brunnen, Pelikan und grünen Elefanten. Hier versucht Fred, gefolgt von Astrid, in einer Gewitternacht einzusteigen. Allerdings, der titelgebende Mann aus Oklahoma (ein alte Ringer-Anekdote von Astrids Vater) bleibt natürlich reine Jungs-Fantasie und das Ende relativ offen. Auch wenn Fred nach seinem Sturz von der Leiter leicht weggetreten in einen Krankenhauskittel gesteckt nochmal das Victory-Zeichen macht, ist ihm schon klar, dass es für seinen Traum von einer echten Vater-Sohn-Beziehung wohl irgendwann zu spät sein wird.

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Weitestgehend Klischee sind die Figuren aus Bernhard Studlars Stück Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind. Der Hausherr einer Dachgeschosswohnung im 8. Stock überrascht bei den Vorbereitungen zu einer Party auf seiner Terrasse einen ungebetenen Gast, eine junge, lebensmüde Frau. Diese findet schnell gefallen an der Situation und zwingt den Gastgeber mit dessen Pistole, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wer sich am Ende der ausufernden Party von der Terrasse stürzen wird, bleibt dabei offen. Der österreichische Autor lässt im Folgenden eine illustre Gesellschaft von typischen Großstädtern aus der bürgerlichen Mittelschicht aufeinandertreffen. Lauter Nichtraucher, Biofanatiker, Ökokleingärtner, Linksliberale oder Anlagestrategen und vor allem gestresste Eltern am Rand des Wahnsinns, die mit zunehmendem Alkoholkonsum ihre Kontenance fahren und es danach umso mehr krachen lassen.

 

Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind von Bernhard Studlar am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind von Bernhard Studlar am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Werden die Szenen zwischen dem Gastgeber (Dirk Lange) und der jungen Frau (Sophie Hottinger) immer wieder per Video eingespielt, hat Hausregisseurin Claudia Bauer für die Gespräche auf der eigentlichen Party dann eine fast schon geniale Idee. Während ein Teil der in neonfarbenen Satinkleidern steckenden SchauspielerInnen am Rand die Texte per Mikro einspricht, bewegen sich die anderen dazu pantomimisch in immer wieder neuen, teils bizarr durchchoreografierten Szenen. Dabei tragen sie Masken und spielen ihre namenlosen Figuren unabhängig vom Geschlecht, wobei auch die Stimmen teils cross gesprochen oder verzerrt und immer wieder in Loops, fast schon wie ein melodiöser Sing Sang vorgetragen werden.

Ein großartiger Verfremdungseffekt, der tatsächlich auch über den gesamten Abend seine Spannung halten kann. Die sechs SchauspielerInnen Sophie Hottinger, Dirk Lange, Wenzel Banneyer, Tilo Krügel, Annett Sawallisch und Katharina Schmidt lösen sich immer wieder beim Sprechen und Performen ab. Es gibt keine Charaktere, nur ein Typenballett austauschbarer Figuren. Sie wirken wie fremdgesteuert und reagieren in einer körperlich stark überzogenen Dauererregung direkt auf die jeweiligen Gegenüber. Gehetzte ihrer selbst, übermüdet und im ständigen Stress nicht wahrgenommen zu werden. Abhängig voneinander oder dem Handy, das wie ein monströser Hinkelstein an ihnen hängt. Identifizieren kann man sie, wenn überhaupt, nur mittels ihrer ständig wiederholten in Worthülsen gekleideten Satzfetzen.

Dem gegenüber stellt die Regisseurin am Beginn des Abends noch während des Einlasses, kaum bemerkt vom Publikum, Versfragmente aus der Offenbarung des Johannes über die apokalyptischen Reiter in Dauerschleife. Zu einer Art Apokalypse entwickelt sich schließlich auch die ganze Party. Und so sind die folgenden Gespräche lose mit den Schlagworten Hunger, Krieg, Krankheit und Tod überschrieben. Von verhasstem Smalltalk über kleine Komplimente und Sticheleien bei Biobier und asiatisch veganem Essen gerät man schnell in Ekstase über Themen wie Kindererziehung, Biogärtnern, Sex oder Politik und teilt seine Ängste, Psychosen und Coachingversuche. Wobei man sich schnell wieder aus zu anstrengenden, fordernden Beziehungsgesprächen verabschiedet und lieber über sich selbst spricht. Die Partygäste mutieren dabei langsam von Maskenmenschen zu Pelzkopfträgern mit Pestschnabelmasken, und schließlich bleibt auf der zugemüllten Bühne nur noch ein schmatzendes Wurmwesen übrig, während im Video ein großer Komet auf die Stadt zurast. Eine bemerkenswerte Inszenierung und Schauspielleistung, die Appetit auf mehr machen.

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DER MANN AUS OKLAHOMA (18.10.2015)
Regie: Marc Lunghuß
Bühne & Kostüme: Tobias Schunck
Musik: Simon Bodensiek
Licht: Carsten Rüger
Dramaturgie: Christin Ihle
Mit: Simon Bodensiek, Anne Cathrin Buhtz, Jonas Fürstenau, Hartmut Neuber, Felix Axel Preißler, Annett Sawallisch, Runa Pernoda Schaefer und Florian Steffens
Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2015 und dem Kleist Forum Frankfurt/Oder
Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 9. Juni 2015
Leipziger Premiere in der Diskothek: 11. 10. 2015
Weitere Termine: 29. 10. / 22. 11. 2015

DIE ERMÜDETEN ODER DAS ETWAS, DAS WIR SIND (17.10.2015)
Regie: Claudia Bauer
Bühne & Kostüme: Andreas Auerbach
Musik: Jonas Martin Schmid
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Video: Gabriel Arnold
Dramaturgie: Matthias Huber
Mit: Wenzel Banneyer, Sophie Hottinger, Tilo Krügel, Dirk Lange, Annett Sawallisch und Katharina Schmidt
Uraufführung in der Diskothek war am 25. September 2015
Weitere Termine: 1., 29. 11. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 21.10.2015 auf Kultura-Extra unter:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_bernhardstudlar_diermuedeten.php

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_lukaslinder_dermannausoklahoma.php

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