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Flüchtlingstragödie einst und heute – Am Schauspiel Leipzig verbindet Intendant Enrico Lübbe die Schutzflehenden von Aischylos mit den Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek.

Dienstag, Oktober 20th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Die Wochenzeitung der Freitag ernennt in einer seiner Augustausgaben die Tragödie Die Schutzflehenden des griechischen Dichters Aischylos zum „Stück dieser Tage“. Es „könnte der Flüchtlingsdebatte eine historische Tiefe geben, die ihr guttäte“, so Michael Jäger. Der Autor referiert in dem Artikel über eine noch bevorstehende Inszenierung am Maxim Gorki Theater, in der die griechische Tragödie um die Flucht der Danaiden aus Ägypten in das griechische Argos, wo sie um Zuflucht bitten, mit dem Theatertext Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek aus dem Jahr 2013, in dem sich die österreichische Autorin auf Die Schutzflehenden des Aischylos bezieht, verschränkt werden soll. Dieser Zusammenführungsidee des Regisseurs Sebastian Nübling ist nun der Intendant des Schauspiels Leipzig Enrico Lübbe mit seiner Inszenierung Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen zuvor gekommen.

Was also ist das Bemerkenswerte an Aischylos‘ Textfragment, Teil eines ursprünglich mehrteiligen Werkes, von dem nur diese Tragödie überliefert ist? Es ist vor allem die bedingungslose Hikesie, also das Heiligtumsasyl, das den Schutzflehenden (Hiketiden) vom Volk der Argäer gewährt wird, nachdem ihr Herrscher Pelasgos, sich der Sache zunächst unsicher, an sie wendet. Er wägt die möglichen Nachteile ab, wie etwa einen bevorstehenden Krieg gegen die Verfolger, oder aber den Zorn des Zeus im Fall der Nichtgewährung des heiligen Rechts auf Asyl von Verfolgten ungesehen ihrer eventuellen Schuld. Das Volk nimmt ihrem Herrscher diese Entscheidung ab. Die Danaiden dürfen bleiben und bekommen, allerdings zum Preis der ebenfalls bedingungslosen Anpassung, sogar bevorzugt Wohnraum. Wohl auch das einer der Gründe, warum sich Elfriede Jelinek dieser Tragödie erinnerte und nun im Zuge der mehrfachen Aufführung ihrer Überschreibung für eine Renaissance des fast vergessenen Stoffs auf den deutschsprachigen Bühnen sorgt.

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Enrico Lübbe inszeniert den Aischylos-Text als klassische, griechische Tragödie mit einem maskierten Chor der Danaiden und einem Chorführer, ihrem Vater Danaos. Auf griechischer Seite agiert König Pelasgos, ebenfalls in Maske und auf hohen Koturnen schreitend. Regisseur Lübbe arbeitet hier mit einer recht starken Verfremdungstechnik, indem er die Danaiden-Frauen als Männerchor aus Laien in Brautkleidern auftreten lässt. Die Männerrollen werden wiederum von Darstellerinnen aus dem Ensemble gespielt. Diese gezielte Entindividualisierung, die keine gewohnt eindeutigen Rollenzuschreibungen zulässt, wirkt zunächst etwas fremd und teils auch unfreiwillig komisch, lenkt letztendlich aber die Konzentration ganz auf den Text, der durchaus auch seine Ambivalenzen hat.

 

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen - Foto © Bettina Stöß

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

 

Eine etwas ungeschickte Choreografie lässt den Chor allerdings recht hilflos immer wieder Arme reckend, nach vorn oder nach hinten trippeln oder auch mal auf einen die gesamte linke Bühnenseite ausfüllenden Schiffsrumpf klettern. Das tut aber letztendlich der Eindringlichkeit des durch Marcus Crome bestens einstudierten Bitt- und Klage-Chors kaum Abbruch. Das Bühnenbild erinnert klug an eine Welle („Woge, wohin, ach, treibst du?“) oder das Innere eines Schiffs. Sonst setzt Lübbe nur ganz sparsame Regiemittel zur Bebilderung ein. Schon zu Beginn schlägt der Chorführer mehrmals mit einem großen Ölbaumzweig gegen den noch geschlossenen Eisernen Vorhang und die herannahenden Verfolger des Königs Aigyptos, der die Frauen für seine 50 Söhne fordert, rutschen ganz in schwarz wie ein SEK-Kommando an Seilen herab. Man könnte in ihnen natürlich auch IS-Kämpfer sehen. Mehr an Modernisierung erlaubt sich die Regie nicht.

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Der Übergang zu den Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek erfolgt dann fast übergangslos. Auf die übereinander gehängten Brautkleider wird das Videobild einer Schauspielerin mit Elfriede-Jelinek-Frisur projiziert, die von düsterer Vorahnung spricht. Nun tritt ein ganzer Frauen-Chor im Jelinek-Look auf, was man gut unter entbehrlichem Regieeinfall abtun könnte. Der erhobene Zeigerfinger ins Publikum, der mit dem gewohnt kalauernden Textflächenstil der Autorin einhergeht, wird hier leicht ironisch auch als solcher kenntlich gemacht. Inhaltlich geht es in dem Text um die Ereignisse um eine Gruppe von Flüchtlingen, die 2013 in der Wiener Votivkirche um Asyl suchten. Die gefahrvolle Fahrt übers „Mare Nostrum“ überlebt und dem Terror in ihrer Heimat entronnen, sehen sie sich nun einer Bürokratie und Ablehnung der Bevölkerung gegenüber, der sie sich unerhört ausgeliefert fühlen. Wie „bestellt und nicht abgeholt“. Ein Anklagetext, der auch nicht vor drastischen Bildern zurückschreckt.

 

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen - Foto © Bettina Stöß

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

 

Die Bilder, die Enrico Lübbe dafür findet, scheinen allerdings wie aus einem Bastelhandbuch für Regie. Es fliegen Textseiten durch die Luft, Müllsäcke fallen vom Bühnenhimmel, und die ressentimentgeladenen Kommentare besorgter, österreichischer Bürger, die man in Leipzig auch Legida nennt, werden in Würstchenkostümen auf Liegestühlen zur Schlagermusik Deine Spuren im Sand von Howard Carpendale vorgetragen. Nur in den Chorpassagen und ein paar ruhigeren Monologen an der Rampe entfaltet der Text wirklich seine ganze Wucht. Der Rest geht unter in einer lautstarken Russendisco. Minutenlang wird das Thema der schnellen Einbürgerung von Jelzin-Tochter Tatjana Jumaschewa und der Opernsängerin Anna Netrebko ausgewalzt, die in einer Arien-Travestie aus La Traviata in der Badewanne über die Bühne schwebt. Der ca. 45minütige Antiken-Prolog ist da schon fast vergessen.

Der krampfhafte Versuch einer Vermeidung des Stellvertreterdilemmas am Theater bewirkt letztendlich nur, dass einem durch die ganze Entfremdung die Figuren auch nicht wirklich näher kommen können. Was bleibt, ist der wunderbare Chor aus Leipziger Bürgern, der sich am Ende noch einmal zum Lacrimosa aus Mozarts Requiem aufstellt, sowie die Erkenntnis, dass sich in der Beschäftigung mit dem antiken Theaterstoff deutlich zeigt: Flucht, Verfolgung und Asyldebatte gehören zur Menschheitsgeschichte, seit es Staaten und Gesellschaften gibt. Man könnte einmal mehr daraus lernen. Der nächste Versuch startet im November am Maxim Gorki Theater Berlin.

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Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen
Von Aischylos und Elfriede Jelinek Übertragung Aischylos: Dietrich Ebener
Premiere: 02.10. 2015 am Schauspiel Leipzig
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Einstudierung & Leitung der Chöre: Marcus Crome
Licht: Ralf Riechert
Video: Kai Schadeberg
Dramaturgie: Torsten Buß
Mit: Ellen Hellwig, Julia Preuß, Bettina Schmidt, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth und Statisterie
Chor der Schutzflehenden: Martin Biederstedt, Frank Blumentritt, Jens Brosig, Ulrich Brückner, Len-Henrik Busch, Heiko Fischer, Johannes Fleischer, Florian Fochmann, Günther Heinicke, Marcus Herrmann, Christian Humer, Robert Keller, Tim Kranhold, Frank D. Krüger, Kai Müller, Michael Peter, Miloslav Prusak, Ingbert Puhlmann, Reinhard Schäfer, Klaus Schaffranek, Kay Schwarz, Ron Uhlig, Jörg Wesser, Sören Zweiniger
Chor der Schutzbefohlenen: Birgit Blaßkiewitz, Heidemarie Brosig-Brill, Sabine Brückner, Antonia Maria Cojaniz, Katrin Cunitz, Jennifer Demmel, Lenore Dietsch, Anke Dück, Ulrike Feibig, Gabriele Freitag, Luise Kind, Jenny Kühl, Rosemarie Langberg, Birgit Morkramer, Carmen Orschinski, Brigitte Puhlmann, Katrin Rivera, Uta Sander, Mirjam Schneider, Jana Schroeter, Birgit Steiner, Susanne Zaspel

Termine: 01.11., 05. und 18.12.2015 sowie 12.01., 06. und 21.02., 20.03., 09.04. und 28.05.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 07.10.2015 auf Kultura-Extra.

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Lost in Web-Communication – Eigentlich schön! von Volker Schmidt in der Regie von Bruno Cathomas am Schauspiel Leipzig.

Montag, März 23rd, 2015

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Gilt ein klingelndes Handy im Theater normaler Weise als No-Go und steckt das Twittern im Tempel der Hochkultur noch immer in den Kinderschuhen, ist das Mobiltelefon nun fast in den Rang des Hauptdarstellers oder zumindest zum wichtigsten Requisit der neusten Studioinszenierung des Schauspiels Leipzig aufgestiegen. Auf theatertexte.de als Stück über die „Generation Rollkoffer“ angekündigt, ist Eigentlich schön vom österreichischen Autor, Regisseur und Schauspieler Volker Schmidt eigentlich eher das Stück zur Generation Smartphone, die sich zusehends in sozialen Netzwerken und anderen Arten der Internet-Kommunikation verliert, immer flexibel auf dem Sprung ist und sich nie festgelegt. Schauspieler und Regisseur Bruno Cathomas hat das Stück nun mit sechs Studierenden des Schauspielinstituts „Hans Otto“ der HMT Leipzig in der kleinen Spielstätte Diskothek zur Uraufführung gebracht.

 

Eigentlich Schön - Foto ® Rolf Arnold

Eigentlich schönFoto ® Rolf Arnold

 

„Blablabla” – Das Ensemble läuft sich zunächst zu elektronischer Beschallung warm und repetiert das Hashtag-Vokabular und die üblichen Slogans des World-Wide-Webs. Auf Facebook, Twitter und Skype herrscht die digitale Dauer-Logorrhoe und verklebt sämtliche Kanäle. Und die Gründe dafür sind natürlich vielgestaltig. Die sechs jungen Menschen um die dreißig in Schmidts Stück sind zumeist irgendwie kreativ unterwegs. Heute Berlin, morgen Konstanz und übermorgen vielleicht New York oder Mumbai. Ihre Fernbeziehungen erschienen ihnen dabei wie reine Zweckbündnisse. Sie sind nur noch zusammen aus der Angst vor Trennung und dem Alleinsein. Und daraus generiert sich nun eine ganze digitale Kommunikationsindustrie nebst ihren bekannten Risiken und Nebenwirkungen, die Schmidt natürlich auch als Schmierstoff für den Fortgang seiner schnellen Beziehungsdramatik nutzt.

Das Paar Magda (Stefanie Schwab) und Eike (Erik Born) lebt in einer solchen Fernbeziehung. Wobei beide es nicht so ganz genau mit der Treue nehmen, sich in Emails und Chats mit dem Partner oder anderen Personen aus dem weiteren Freundeskreis immer wieder in Ausreden, Lügen und ihren Phantasien verstricken. Magda fliegt aus Verzweiflung über ihr tristes Leben nach New York zum kompromisslosen Musiker Kurt (Loris Kubeng), den sie in einem Internetchat kennengelernt hat, Eike im Glauben lassend, sie wäre beruflich in Mumbai. Der nutzt die Gelegenheit, um mit dem etwas naiven angehenden Fotomodel Annika (Lara Waldow) anzubändeln. Ergänzt wird das Quartett über Kreuz noch durch den Wahrheitsfanatiker und schwulen Fotografen Jonathan (Brian Völkner) sowie die beruflich erfolgreiche und alleinerziehende Anne (Andreas Dyszewski in einer herrlich genderübergreifenden Travestienummer), die ihre Einsamkeit durch eine aufgesetzte bürgerliche Fassade mit Haus und Garten kompensiert.

 

Eigentlich Schön - Foto ® Rolf Arnold

Eigentlich SchönFoto ® Rolf Arnold

 

Die vertrackte Situation der ProtagonistInnen erzeugt natürlich so manche Gelegenheit für Wortwitz, Verwechselungskomik und Slapstick. Ein gefundenes Fressen für Regisseur Cathomas und seine sechs DarstellerInnen. So wie Autor Schmidt seinen Text auf besondere Weise der schnelllebigen Kommunikation im Netz angepasst hat, treibt das Geschehen auf der von Hugo Gretler mit drei verfahrbaren Videowänden, einem Garderobenständer für das schnelle Umkleiden (Kostüme: Agathe MacQueen) sowie Getränkeautomat und -kühlschrank ausgestalteten Bühne fast pausenlos ins Groteske. Dadurch, dass sich die SchauspielerInnen ständig selbst mit Handykameras filmen, werden die Spielszenen auf den Videoleinwänden noch zusätzlich verdoppelt. Kleine Ruhepunkte setzen kurze Monologe, in denen die Figuren über ihr Leben, Ängste und Träume reflektieren. Niemand fühlt sich hier wirklich wohl in seiner Haut.

Eigentlich schön wird zu Floskel für die Lebens-, Liebes-, und Beziehungslügen aller. In einem großen, finalen Moment der Wahrheit bei der alkoholschwangeren Wohnungseinweihungsfete des wieder zueinandergefunden Paares Magda und Eike platzt der Traum von Glück, Solidität und einem selbstbestimmten Leben wie eine Seifenblase. Da niemand gelernt hat, ehrlich mit dem anderen zu kommunizieren, zerreißt das Netz der digitalen Kommunikation schließlich an der Realität, da es nichts einfangen kann, was wirklich wesentlich ist. Auch wenn sich das vielleicht banal anhört: Likes, Smileys und andere Emotional Icons ersetzen eben auf Dauer keine echten Gefühle. Der Regisseur und die großartigen Leipziger Studierenden setzen das in ein echtes, durchweg dynamisches Spiel um und machen aus dem Stück mehr als nur ein flüchtig gepostetes Selbstdarstellungs-Selfie im Netz.

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EIGENTLICH SCHÖN (Diskothek, 20.03.2015)
Regie: Bruno Cathomas
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Agathe MacQueen
Musik: Jonas Martin Schmid
Dramaturgie: Alexander Elsner
Mit: Erik Born, Andreas Dyszewski, Loris Kubeng, Stefanie Schwab, Brian Völkner und Lara Waldow
Uraufführung war am 20. März 2015
Weitere Termine: 21. / 27 .11. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 22.03.2015 auf Kultura-Extra.

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Geschichte und Geschichten von Revolutionären Straßen und Chausseen – Das Schauspiel Leipzig stellt die Spielzeit 2014/15 unter das Motto „Zeiten des Aufruhrs“.

Donnerstag, Dezember 11th, 2014

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Zeiten des Aufruhrs – Der Roman Revolutionary Road des US-amerikanischen Autors Richard Yates in einer Bühnenfassung von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto St. B.

…auf Leipziger Straßen?
Foto: St. B.

Zeiten des Aufruhrs – das klingt zunächst ziemlich groß. Doch die Revolutionary Road, wie der Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Yates im Original heißt, führt schnell und geradlinig in die Hölle der kleinbürgerlichen Vororte (Suburbias) von New York und macht auch keinen Hehl aus der Tristesse der Scheinidylle von grünen Vorgärten und schmucken Häuschen mit leicht individuellem Touch. Sie ist dem Regisseur und Leipziger Intendanten Enrico Lübbe, der nun stolz die erste Bühnenfassung des Romans am dortigen Schauspiel präsentiert, nicht einmal als Kulisse gut. Die leere Bühne zeigt nur ein riesiges Reklameschild, das ein Glück vom Häuschen im Grünen verheißt, inklusive billiger Zugfahrpreise. Nicht nur ein rein amerikanischer Traum der dortigen Mittelschicht, auch in Deutschland geht der Trend seit langem zum Arbeiten in der Stadt und Leben auf dem Land.

Das musste man aber selbst Mitte der 1950er Jahre schon ernsthaft wollen. Die Wheelers (ein junges Paar mit erstem Kind und Abschlüssen an der Columbia-Universität in der Tasche) wollen hier nur kurz Atem schöpfen vorm ganz großen Durchstarten, vorzugsweise im alten Europa. Das dafür notwendige Geld verdient Frank Wheeler (Felix Axel Preißler) in einer Büromaschinenfirma in New York, in der schon sein Vater kurz vor einer hoffnungsvollen Karriere stand, die dann aber doch nie starteten wollte. Frank trägt sozusagen die Träume seines alten Herrn auf, ohne auch nur entfernt vorzuhaben, in dessen Fußstapfen zu treten. Es ist ein Job, der ihn nicht interessiert. Hier wird nur schnödes Anschauungsmaterial für den Verkauf gefertigt. Das Gehirn, so sagt er, gibt man in den Bürotowern von New York vorzugsweise am Empfang ab.

Franks Frau April (Anja Schneider) hat eher künstlerische Ambitionen. Mit ihrem Mann und einer elenden Vorstadtlaienspieltruppe strandet ihr Talent an der Revolutionary Road. Hier grassiert der Virus des Scheiterns. Für den durchschlagenden Erfolg am Broadway reicht es dann wohl doch nicht aus. Ihr neues Projekt sind die mittlerweile zwei Kinder und Ehemann Frank, dem sie kurz entschlossen vorschlägt, sich Zeit zur Selbstfindung in Paris zu nehmen. Für den Lebensunterhalt will April nun ihrerseits in einem Bürojob sorgen. Der gar nicht so besonders ehrgeizige Frank muss dazu allerdings erst mit ein paar Drinks an seinem Geburtstag überredet werden, eher er ganz Feuer und Flamme auf den Tisch steigt.

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
Foto (C) Rolf Arnold

Getrunken und geraucht wird hier viel. Man kennt das aus Fernsehserien wie Mad Men. Der Stil der Kostüme und Accessoires atmet ebenfalls dieses Flair. Als sparsame Requisiten dienen jedoch lediglich massenweise Flaschen und Gläser und ein paar Tische und Stühle, die Franks Büro bilden, oder die zum heimischen Esstisch zusammengeschoben werden. Was man nicht sieht, wird erzählt, bevorzugt an der Rampe, mal allein und mal mit dem ganzen Vorstadtpersonal. Zwischen den einzelnen Szenen geht bedeutungsvoll der Eiserne Vorhang rauf und runter. Dazu erklingt eine leicht melancholische Fahrstuhlmusik von Bert Wrede. Die hatte früher auch schon mal mehr Energie. Das alles erzeugt wenig Furor und legt sich mit der Zeit bleiern über die Inszenierung, die im dauernden Erzählstrom versandet. Kein Aufruhr nirgends, nicht mal im dahinrieselnden Stundenglas. Es zieht sich spürbar (Dauer: 3:40 h).

Die direkte Kommunikation erschöpft sich in kurzen Gesprächen mit Franks Arbeitskollegen Jack (sonst unter dem Tisch liegend: Hartmut Neuber), der Sekretärin Maureen (Runa Pernoda Schaefer, auch mal auf dem Tisch), mit der Frank ein kurzes Verhältnis hat, und bei Abenden mit dem befreundeten Nachbarspaar Milly (Anne Cathrin Buhtz) und Shep Campbell (Wenzel Banneyer). Sie hat sich mit vier Kindern schon mehr oder weniger ihrem Vorstadtschicksal ergeben; er ist ein Meister im Verdrängen seiner Gedanken. Ansonsten hält man Smalltalk. Worüber Yates als guter Beobachter nüchtern und genauestens berichtet, lässt Lübbe nebenbei aufsagen.

Einer eher intuitiv zusammengeschusterten Werbebroschüre hat es Frank dann doch zu verdanken, dass sein Chef (Matthias Hummitzsch) auf ihn aufmerksam wird, und ihm eine Aufstiegsmöglichkeit im nun in rechnergestützte Datenverarbeitung investierenden Unternehmen anbietet. Ein drittes Kind räumt Frank die Möglichkeit ein, die Pläne mit Paris nochmal zu überdenken. Ein Streit über eine von April geplante illegale Abtreibung lässt ihn sogar kurzzeitig als Sieger zurück. Frank trägt aber nicht allein nur die gemeinsamen Träume zu Grabe, er schaufelt auch ungewollt am Familiengrab. April wird bei dem Versuch, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen, verbluten.

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
Foto (C) Rolf Arnold

Höhepunkt der Vorlage wie der Inszenierung sind die Auftritte des als geisteskrank geltenden ehemaligen Hochschullehrers John Givings (Michael Pempelforth). Seine Mutter, die Immobilienmaklerin Mrs Givings (Jutta Richter-Haaser), hat ein Händchen für Häuser und die Angewohnheit viel nichts zusagen. Wo sie ihren Klappstuhl aufstellt, steht ihre Klappe nicht mehr still. Mr. Givings (Andreas Herrmann) zieht es vor, das Hörgerät auszuschalten. John Givings verfügt über die Gabe eines sicheren Seismographen für Lebenslügen, die er vor allem Frank ungefragt um die Ohren haut. Er wirkt wie ein Katalysator für das Einstürzen des Weehler’schen Lügengebäudes. Das über der Bühne hängende Werbeschild fällt daraufhin aus seinen Angeln, und die Schauspieler stellen in einem surrealen Traum mit riesigen Pappköpfen Szenen aus Aprils Kindheit dar. Auch ein Verweis auf die Vorwürfe Franks, sie sei emotional gestört.

Wer die Verfilmung von Sam Mendes aus dem Jahre 2008 mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio kennt, wird hier so einiges wiederentdecken. Nur dass der Film wesentlich interessanter gebaut ist. Felix Axel Preißler verliert sich zunehmend im Nachahmen des berühmten Kinohelden, und Anja Schneider (mit Armin Petras vom Maxim Gorki Theater letztes Jahr nach Stuttgart gegangen) hat man noch nie so alleingelassen auf der Bühne gesehen. Das ist traurig und nicht nur allein dem Plot geschuldet. Hier opfert eine Frau ihr Leben für einen Mann, der das offensichtlich nicht verdient. Es stellt sich heraus, dass man sich nie wirklich gekannt hat. Sein Wunsch nach Normalität mündet im sicheren Vorstadtalltag. Ihre Illusionen enden tödlich. Enrico Lübbe übersetzt das in gediegene Betriebsroutine. So eignet sich die Inszenierung weder für eine feministische Aussage noch für eine tiefgreifende heutige Gesellschaftskritik.

Man ahnt zumindest, dass Enrico Lübbe mit seiner historisierenden Inszenierung auch in diese Richtung denkt. Eine erste Übersetzung des Romans ins Deutsche erschien in den 1970er Jahren unter dem Titel Das Jahr der leeren Träume in der DDR. Eine Zeit, die in der Bundesrepublik durch das Ende der Träume der 68-Revolte geprägt war. Man zog sich ins Private zurück. Zurzeit erlebt die Gesellschaft einen vergleichbaren konservativen Rollback. Die traditionelle Rollenverteilung ist wieder im Kommen. Für diese revolutionäre Erkenntnis muss man aber nicht erst ins Theater gehen.

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ZEITEN DES AUFRUHRS (UA)
Basierend auf dem Roman „Revolutionary Road“ von Richard Yates
Fassung des Schauspiel Leipzig unter Verwendung der deutschen Übersetzung von Hans Wolf
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Bianca Deigner
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Torsten Buß, Alexander Elsner
Licht: Carsten Rüger
Mit: Wenzel Banneyer, Anne Cathrin Buhtz, Andreas Herrmann, Matthias Hummitzsch, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Jutta Richter-Haaser, Runa Pernoda Schaefer und Anja Schneider

Spieldauer ca. 3:40, eine Pause

Uraufführung am Schauspiel Leipzig war am 6. Dezember 2014

Weitere Termine: 10. + 27. 12. 2014 / 18. 1., 13. + 20. 2., 14. 3., 5. 4., 20. 6. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 08.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Witzige Geschichtsaufarbeitung mit Heiner Müller am Schauspiel Leipzig – Phillip Preuss inszeniert auf der Hinterbühne Wolokolamsker Chaussee I-V

Unter das Motto Zeiten des Aufruhrs hat das Schauspiel Leipzig auch seine zweite Spielzeit unter Enrico Lübbe gestellt, in der sich sowohl der Fall der Berliner Mauer im November 1989 als auch die im Oktober vorangegangenen friedlichen Protestdemonstrationen in der Stadt Leipzig zum 25. Mal jähren. Just in diese Zeit fiel auch eine Inszenierung von Heiner Müllers in fünf Lehrstücken angelegtes Drama Wolokolamsker Chaussee I-V. Daran versucht nun eine Neuinszenierung von Philipp Preuss auf der Hinterbühne des Schauspiels zu erinnern. Müller schrieb die Texte 1985-87 in Reaktion auf die durch Michail Gorbatschow eingeleitet Zeit von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion. Einer der Ausgangspunkte für die Ereignisse im Herbst ’89 in der ehemaligen DDR. Auch Heiner Müller sah die Situation reif für Veränderungen, allerdings nicht ohne aus der deutschen Vergangenheit zu lernen. „Das ist der Moment, wo wieder gelernt werden kann, gelernt werden muss.“

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto © Rolf Arnold

In den fünf Teilen greift Müller literarische Stoffe von Alexander Bek (dessen Roman Wolokolamsker Chaussee), Anna Seghers (Das Duell), Franz Kafka (Kentauren – ein Greulmärchen aus dem Sächsischen von Gregor Samsa) und Heinrich von Kleist (Der Findling) auf. Wie ein roter Faden zieht sich dabei von 1941 vor Moskau über 1953 in Ost-Berlin und 1968 in Prag bis in die 1980er Jahre der DDR das Motiv des Panzers, „der seine Kettenspur durch meinen Traum zieht“, wie es der junge Kommandeur einer sowjetischen Division im Kampf gegen die Deutschen vor Moskau auf der titelgebenden Wolokolamsker Chaussee – „zweitausend Kilometer weit Berlin, einhundertzwanzig Kilometer Moskau“ – berichtet. Phillip Preuss lässt sie gleich zu Beginn als Videoprojektion alter Filmdokumente über die Rückwand der Bühne fahren.

Das Hervortreten und wieder Verschmelzen des Einzelnen im Kollektiv ist neben Macht und Verrat ein weiteres Thema in Müllers Fünfteiler. Regisseur Preuss lässt seine sechs Protagonisten (Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow) in Camouflage-Anzügen vor gleichgemusterter Tapete und Fußboden auftreten (Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht). Es ist die sog. Russische Eröffnung nach Beks‘ Roman, in der besagter Kommandeur aus verängstigten Individuen, die lieber in die russischen Wälder flüchten würden, ein Gemeinschaft formen muss. „Ich war ihr Kommandeur und meine Angst war / Die Angst vor ihrer Angst Und näher kam / Die Front und von der Front die Deserteure“. Er statuiert schließlich ein Exempel und lässt einen Deserteur erschießen. Die Angst wird ihn weiter in seinen Träumen verfolgen.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto © Rolf Arnold

Preuss lässt das chorisch oder mit wechselnden Stimmen vortragen. Die Darsteller stehen dabei mit dem Rücken zur Wand, mit der sie nun tatsächlich förmlich verschmelzen, oder sprechen direkt vor den Sitzreihen der Hinterbühne ins Publikum. Sie formen ein MG aus ihren Leibern und marschieren zum Rolling-Stones-Song „Sympathie for the Devil“. Als Schuss knallt ein Sektkorken. Der Zweifel über die Entscheidung klingt im fragenden Ton der Sprecher. Zwischen den einzelnen Teilen spielt Preuss per Video Interviewpassagen aus dem Making Of des Films Der Untergang als eine andere Art der kollektiven Geschichtsbildung ein. Die Darsteller performen das mit großen Mon-Chichhi-Köpfen.

Preuss verlässt nun immer wieder die ernsthafte Bedeutungsebene von Müllers Texten zugunsten des Slapsticks. Zwischen Wolokolamsker Chaussee I und II schiebt er das Gesprächsduell eines Betriebsdirektors mit seinem Stellvertreter ein. Hier reflektiert Müller die Ereignisse um den 17. Juni 1953. Während der jünger Stellvertreter als Delegierter eines Streikkomitees vor dem älteren Direktor sitzt, hofft dieser, einst Nazi-Verfolgter, auf die sowjetischen Panzer als letztes Argument und Wiedergeburtshelfer der jungen Republik. Dabei sitzen sich Daniela Keckeis und Lisa Mies mit angeklebten Bärten gegenüber. Ihren Text sprechen die anderen aus dem Hintergrund und machen mit Mikros Geräusche. „Soll das ein Witz sein Willst du meinen Stuhl“, heißt es da. Ein grotesker Machtkampf, der laut furzend in die Hose geht.

Danach geht es nochmal in die russischen Wälder zu choreografierten und von oben gefilmten Synchronschwimmeinlagen auf dem Camouflageboden. Die Darsteller bilden dabei mit Armen und Beinen lebende Blütengeflechte und auch mal den Sowjetstern, oder sie heben wechselseitig die Faust bzw. den ausgestreckten Arm. Die verlorengegangene Sowjetordnung und das Machtgefüge von Befehl und Gehorsam werden mit dem Degradieren eines pflichtvergessenen Sanitätsoffiziers wieder hergestellt. Für die hungernden Soldaten gibt es Blutsuppe aus Eimern, für die Toten ein Kyrie Eleison aus Mozarts Requiem. Den Ziehvater-Findling-Konflikt zwischen einem alten Kommunisten und Parteifunktionär und seinem abtrünnigen Sohn, der sich rund um den nächsten Panzereinsatz 1968 in Prag dreht, gibt es wieder als Wechsel aus Einzel- und Gruppenaufstellungen.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig Foto: St. B.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto: St. B.

Bevor dann aber tatsächlich noch ein aufblasbarer Gummi-Panzer auf der Bühne erscheint, setzen sich die Spieler rauchend und Whiskey trinkend zusammen und lauschen der Einspielung einer Lesung, bei der Heiner Müller seinen Kentauren zum hörbaren Vergnügen seiner selbst und der dort Anwesenden humorvoll zum Besten gibt. Da wiehert fröhlich der Amtsschimmel – „Gefallen auf der Straße der Dialektik“. Die Farce um einen mit seinem Schreibtisch verwachsenen DDR-Ordnungshüters wird so ironisch noch auf die Spitze getrieben. Das toppt nur noch die abschließende Mon-Chichhi-Parade (Musik: Tocotronic), bei der schenkelklopfend DDR-Witze erzählt sowie leere Verpackungen von Konsumgütern (Marke West) ans Publikum verteilt und anschließend wieder eingesammelt werden. Die Fortsetzung der Müller’schen Geschichtsaufarbeitung als täglicher Krieg der uniformierten Warenwelt. Dabei geht dem Panzer als dialektischem Symbol der kapitalistischen Ökonomie so ziemlich die Luft aus. Wir lesen als Ausblick in die (nahe?) Zukunft an der Videowand: „Es war nicht alles schlecht im Kapitalismus.“

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Wolokolamsker Chaussee I-V
Von Heiner Müller
Regie & Video: Philipp Preuss
Bühne & Kostüme: Ramallah Aubrecht
Dramaturgie: Alexander Elsner, Christin Ihle
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow
Premiere: 10. Oktober 2014
Gesehen auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig am 07.12.2014

Spieldauer ca. 1:45, keine Pause

Premiere auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig war am 10.10.2014

Termine: 29.12.2014, 24.01, 08.02. und 15.03.2014

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/hinterbuehne/inszenierungen/wolokolamsker-chaussee-i-v/

Zuerst erschienen am 10.12.2014 auf Kultura-Extra.

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„Das Tierreich“ von Nolte Decar in einer knallbunten Uraufführungsinszenierung von Gordon Kämmerer in der Diskothek des Schauspiels Leipzig..

Donnerstag, Oktober 9th, 2014

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Das Tierreich am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Das Tierreich am Schauspiel Leipzig. Foto © Rolf Arnold

Obwohl das junge Autorenduo Jakob Nolte (Jahrgang 1988) und Michel Decar (Jahrgang 1987) beim Titel ihres Stücks Das Tierreich kurz an das Pubertier von Jan Weiler gedacht haben, in dem irgendwo „ein erwachsenes Wesen voller Güte und Vernunft schlummern soll“? An kleine Monster aber mit großer Sicherheit. In immerhin 21 Rollen bevölkern sie das Kleinstadtsetting der beiden Brüder-Grimm-Preisträger des Landes Berlin von 2013. In der Uraufführung des Textes in der Diskothek unterm Dach des Schauspiels Leipzig erscheinen die 6 Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihren Masken, langgezogene Köpfen, ausgepolsterten Kostümen und verzerrten Stimmen jedenfalls wie eine Kreuzung zwischen der Adams Family und den Figuren der Biene-Maja-Zeichentrickfilme. Diese kleinen pubertierenden Monster aus dem Kaff Bad Mersfeld erleben in den Sommerferien ihre ganz spezielle Art des Frühlingserwachens.

Den Namen der Uraufführungsspielstätte Diskothek hat Regisseur Gordon Kämmerer (Jahrgang 1986), Absolvent der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, übrigens ziemlich wörtlich genommen. Ein Soundtrack von über 30 Rock-, Pop- und Countysongs, Raps und klassischen Werken untermalt seine knallig bunte und recht aktionsreiche Inszenierung. Auf einem fahrbaren, immer wieder neu zusammenschiebbaren Holzlaufsteg posieren die Darsteller wie auf einem Catwalk. Die Theater-AG probt Kleists Prinz von Homburg sowie erste Eitelkeiten, und eine obercoole Mädchenrockband tritt in hohen Boots mit Baseballschlägern auf. Dazu dröhnt aus den Boxen der Sound der 80er mit Neue-Deutsche-Welle Hits von DAF über Andreas Dorau bis Palais Schaumburg ihren Post-Punk-Pop-Apologeten wie Stahlnetz und Geile Tiere oder auch Anton Bruckner, Technotronic, Portishead und vieles mehr.

Und dabei liebäugelt Kämmerer sicher nicht nur mit den heutigen Kids, sondern auch mit den großen Kindern der 70er, 80er und 90er, die hier in ihren eigenen Erinnerungen schwelgen dürfen. Eine Reise durch die Zeiten, Musikstile und Moden. „Wir bauen eine neue Stadt.“ Eine große Welt im Kleinen will uns die immer wieder im Video eingeblendete Spielzeugstadt sagen. Die Welt der Jugendlichen, in die neben der ersten Liebe, Partys, Eifersüchteleien und Gemobbe plötzlich auch die Realität in ganz wundersamer Weise aus heiterem Himmel mit einem Leopard II knallt, der aus einem Transportflugzeug auf die Schule fällt. An der Bühnendecke hängt ein Rasenmäher, der neben dem Panzer auch einen vom Vater geklauten Jaguar darstellt, was einen weiteren Crash mit Schädelhirntrauma und Beinverlust zur Folge hat.

Die Kids versuchen sich zu artikulieren. Mal prahlerisch und altklug („Die Rentner haben schon alles hinter sich.“), mal mit schlauen Gedanken von Nietzsche oder Paul Celan. Dann läuft wieder eine schüchtern stumme Annährung am Baggersee über ein Leuchtschriftband. Was nützt die Liebe in Gedanken, die um den ersten Kuss kreisen und nicht heraus wollen („Hast du was gesagt? Ich? Ich hab nichts gesagt.“). So probiert man sich und die andere Seite und auch mal das andere Ufer aus. Als Reaktion auf die große Weltlage will die Chefredakteurin der Schülerzeitschrift ein Essay über Palästina schreiben und die Schul-Umbenennungs-AG bringt Namen wie Albrecht Dürer und Christoph Probst (Weiße Rose) gegen das Hindenburggymnasium in Stellung. Es werden Verschwörungstheorien über Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien diskutiert und sich in Demokratie geübt.

Das Tierreich am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Das Tierreich am Schauspiel Leipzig – Foto © Rolf Arnold

Es bleibt zumeist beim Versuch. Unsere angehenden Erwachsenen stehen ihren Eltern, denen sie kleine, herzliche Hass-Rock-Songs widmen, in nichts nach. Und noch ein weiteres Haustier ist Bestandteil des Stücks und im Gegenzug zu den in ihren Gefühlen und Handlungen schwankenden Jugendlichen, auch wenn sie sich selbst bereits auf dem besten Weg der Anpassung befinden, recht zutraulich und pflegeleicht. Ein kleines, kuscheliges Chinchilla mit Knopfaugen, das zu Beginn verschwunden war und irgendwann im Wald vor der Kamera einer ambitionierten angehenden Tierfilmerin wieder auftaucht. Das kleine graue Nagetier als Auslöser einer großen Obsession. Nur – seine größte Bedrohung ist der Mensch, und vielleicht sollte man dann doch lieber Filme über Menschen machen.

Dazu singen Bonaparte „Wir sind keine Menschen, wir sind Tiere“ und Grauzone von „Marmelade und Himbeereis“. Irgendwo dazwischen liegt wohl die Wahrheit dieses kleinen, fröhlich frechen Textes von Nolte Decar. Und trotzdem ist Das Tierreich viel mehr als eine Kleinstadtparodie von Eis am Stiel. Sicher ist Erwachsenwerden auch eine schwere Zeit. Aber es geht schnell vorbei, wie Sibylle Berg in ihrer trocken sarkastischen Art im Programmheft prophezeit. Vielleicht manchmal etwas zu schnell.

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Das Tierreich (UA)
von Nolte Decar
Premiere: 03.10.2014
Regie: Gordon Kämmerer
Bühne: Jana Wassong
Kostüme: Josa David Marx
Dramaturgie: Julia Figdor
Licht: Jörn Langkabel
Video: Stini Röhrs
Mit:
Pina Bergemann
Julia Berke
Andreas Herrmann
Anna Keil
Dirk Lange
Michael Pempelforth

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/diskothek/inszenierungen/das-tierreich-ua/

Zuerst erschienen am 08.10.2014 auf Kultura-Extra.

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Innehalten! Gegen Überproduktion und Dramatiker-Burnout bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin und den Mülheimer Theatertagen 2014

Donnerstag, Juni 26th, 2014

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Zum Innehalten! forderte Alleinjuror und Theaterkritiker Till Briegleb die Besucher der Autorentheatertage 2014 am Deutschen Theater Berlin auf. Für die diesjährige Ausgabe konnten keine neuen Stücke für die Lange Nacht der Autoren eingereicht werden. Briegleb hat sich ganz in Ruhe auf Rückschau verlegt. Ob das Theater heute tatsächlich einem alles aufsaugenden Tampon gleicht, mit dem man reiten, schwimmen und radfahren kann – den alten o.b.-Witz brachte der Kritiker Briegleb in einer Rede zur Eröffnung der ATT – sei mal dahin gestellt. Sicher ist, dass sich das deutschsprachige Theater, dem Druck um Aktualität und Attraktivität Rechnung tragend, wilden Aktionismus und Betriebsamkeit vortäuschend, um sich selbst dreht und dabei den Blick für das Wesentliche wie Qualität und nachhaltige Entwicklung von Schreibtalenten immer mehr verliert. Und aufsaugen sollte es dabei eben nicht nur alles aus sich selbst heraus kommende – um mal beim unappetitlichen Vergleich zu bleiben – sondern neben dem ständigen Drang zur Innovation auch ein Auge auf die Fehlentwicklungen der uns umgebenden Gesellschaft haben. Das Überköcheln des eigenen Betriebssüppchen, das in den aktuellen Klassikerinszenierungen die Selbstreflexion fast schon zum Gebot erhebt, weicht hier der Besinnung auf, wenn man so will, ganz konservative Werte wie Geduld, Ausdauer und Können. Der Autor, alles begierig um sich herum einsaugend, um es in Text und im besten Falle zu Kunst zu verarbeiten, im Zentrum eines Theaterbetriebs, der ihn als wichtigen Mittler zwischen Innen und Außen wieder selbst zum Schrittgeber der Produktion von Dramatik werden lässt.

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…bei den Autorentheatertagen 2014 am Deutschen Theater Berlin – Foto: St. B.

Das Augenmerk der Autorentheatertage 2014 lag also wie schon in den letzten Jahren nicht allein im Privaten (2012: Sei nicht du selbst! 2013: Das Weite suchen!), sondern durchaus im Allgemeingesellschaftlichen und somit auch im Politischen. Das deutlich abgespeckte Programm bot dann auch neben einem Wiedersehen mit dem Regisseur der nachhaltigen Entschleunigung Christoph Marthaler (Das Weisse vom Ei) einiges zum Innehalten und Nachdenken, wie z.B. Stephan Kimmigs locker rockende, dabei allerdings nicht besonders tiefgehende Neuinszenierung des 2003 uraufgeführten Stücks Tag der weißen Blume des russischen Dramatikers Farid Nagim, das historische Ereignisse der 1920er Jahre auf der Krim mit den heutigen Verhältnissen in Russland kurzschließt. Oder die von den Historikern Sönke Neitzel und Harald Welzer zusammengestellten Abhörprotokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, die Regisseur Thomas Dannemann in Hannover zu seiner Inszenierung Soldaten verdichtete. (Das hatten wir eigentlich im Kontext von Volker Löschs Draußen vor der Tür-Inszenierung an der Berliner Schaubühne schon interessanter gesehen.) Luc Percevals Hamburger Inszenierung seiner Antikriegspolyphonie Front erinnerte dann noch mit Texten von Erich Maria Remarque und Henri Barbusse an den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs.

Autor/Regisseur Kevin Rittberger deutete mit seinem plebs coriolan, einem Auftragswerk in Eigenregie für das Schauspielhaus Wien, den klassischen Coriolanusstoff von Shakespeare in einen Umverteilungskampf Besitzloser gegen die Wahrer des privaten Besitzstands um. Ein bisweilen spaßiges Unterfangen, das die Domestiken einer Dame aus reichem Hause und deren Unterstützer beim Versuch des sogenannten „Aushegens“ und wieder Einverleibens der in Teilen freiwillig übergebenen Güter in kollektiven Besitz zeigt. Es scheitert allerdings wiedermal etwas banal an der Gewalt(en)frage und dem kollektiven Unvermögen die Utopie des Endes vom Eigentum in die Tat umzusetzen. Der eigene Hang zum kleinen Privatbesitz schlägt dem zunächst noch recht unorthodox handelnden plebs allerdings schnell ein Schnippchen, genau wie der eiserne Wille eines wunderbar zynisch monologisierenden Notars, Alt- und Bewahrenswertes mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen. So zeigt man sich seine Wunden – das einzige, was das Stück recht ironisch aus dem Shakespearstoff übernommen hat – kommt aber leider über ziemlich unkonkretes Theoriegewaber nicht hinaus.

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Aber vor allem gab es wieder die Gelegenheit einige der Anwärter für den Mülheimer Dramatikerpreis 2014 im direkten Vergleich zu begutachten. Fast wie zufällig standen dann auch die beiden Stücke, die es in Mülheim in die Endrunde geschafft hatten, kurz hintereinander auf dem Spielplan der ATT. Und unterschiedlicher können zwei Theaterstücke und -philosophien kaum sein. In Gasoline Bill, vom Diskursschleifer und Stückwerkphilosophen René Pollesch an den Münchner Kammerspielen inszeniert, kämpfen sich die Schauspieler mal wieder durch Texte der Art: „Ich habe mit Greenpeace zwei Delfine gerettet und werde immer trauriger.“ oder „Ich habe eine Doppelhaushälfte gekauft… Wo ist die andere Hälfte vom Haus?“ Die Fragen der Darsteller zielen dabei aber nicht einfach nur auf banale Probleme wie dem des allgemeinen Helfersyndroms oder der Sinnlosigkeit von sexuellen Paarbeziehungen. Der Grund dessen, weswegen sie eigentlich hier sind, ist das allseits bekannte Spiel René Pollesch‘, das man im weitesten Sinne ein Essenzmemory seiner momentanen, meist höchst philosophischen Lektüre bezeichnen kann.

Wie schon in seinem letzten Stück an den Münchner Kammerspielen Eure ganz großen Themen sind weg! geht es dann aber trotzdem auch wieder genau darum. Diesmal tummeln sich im Cowboyoutfit Katja Bürkle, Benny Claessens sowie die Pollesch-Newcomer Sandra Hüller und Kristof Van Boven vor einem nach einer Seite offenen, von Bert Neumann aus Holzlatten zusammengezimmerten Westernsaloon. Gleich einer Zigarettenpause im Büro wird im gemeinsamen Smalltalk zunächst der allgemeine Themenrahmen abgesteckt. Einer der Orte (neben dem Theater) wo  noch wirklich die ganz großen Themen unter Gleichgesinnten verhandelt werden. Hier treten aber auch auf schönste Weise die Diskrepanzen zu Tage, zwischen gelebtem Alltag und der Vorstellung dessen, was man sich idealer Weise immer so vornimmt. Die Kluft zwischen Wollen und Tun geht bekanntlich oft weit auseinander. Dazu kommt der Terror von Mitmenschen umgeben zu sein, die uns mit ihrer Anwesenheit belasten. Sogenannten toxischen Subjekten (nach Slavoj Zizek), die ständig unsere Tolernanz herausfordern, und unser Menschrecht auf Abstand gefährden.

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Beifall am DT für Gasoline BillFoto: St. B.

Der Wunsch nach Entlastung und Erlösung aus diesem Zustand (z.B. durch so „lässig coole Kapitalistenschweine“ wie Steve Jobs) dringt dabei bis auf die Theaterbühne vor. Wir delegieren, um nicht zu verzweifeln, unsere Emotionen das Elend der Welt betreffend an den Schauspieler, und können so wieder über die eigenen, alltäglichen Probleme nachdenken, z.B. wo man seinen Füller verlegt hat. Um das dem Schauspieler nun auch zu ermöglichen, wirft Benny Claessens schließlich einfach das Textbuch ins Holzhaus und die Entlastungs-Gebetsmühle an. Das Haus dreht sich und im diskursives Matratzenlager auf weichem, unsicheren Boden treffen Siegmund Freud und TV-Seelenversteher Domian auf Sandra Bullock in Gravity allein im All. Vom Band schmettern die Beasty Boys Party und Sabotage und ein Proust-Zusammenfassungs-Wettbewerb Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wird in Abendgarderobe zelebriert. Max Webers Erlösungstheorien über soziales Handeln kulminieren in der Enttäuschung eines Afrikahelfers über den Undank der Betroffenen.

Unsere vier Rampen-Hillbillys tanzen und rennen gegen die wachsende Bedeutungsmanie des modernen Theaters bei gleichzeitig um sich greifender Begriffsresistenz an. Dabei schlägt man sich selbstredend auch den Kopf beim Versuch ganz weit offene Türen einzurennen, wo gar keine sind. Obwohl die offensichtliche Salonschwingtür das problemlos in beide Richtungen zuließe. Sandra Hüller präsentiert den Slapstick als letzte Rettung aus der Repräsentationsmisere. Last Chance verheißt die Vorderfront der einsamen Doppelhaushälfte, Keep Out! steht auf der Rückseite. Einstieg und Ausweg in einem – ein Witz der ein ums andere Mal ins Leere läuft, sein Ziel aber dennoch nicht ganz verfehlt. Von Sigmund Freud (Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten) über Jacques Lacan (Die Ethik der Psychoanalyse) bis zu Robert Pfaller (Die Illusionen der anderen: Über das Lustprinzip in der Kultur) ein vergnüglich um sich selbst rotierender Ausflug durch mehr als 100 Jahre Psychoanalyse und trotz allem auch ein Beitrag zum Innehalten und darüber Nachdenken, ob es tatsächlich immer so weitergehen muss, wie bisher.

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Eher ein Fall für den Kinderpsychologen scheint dagegen das Mülheimer Gewinnerstück Und dann des jungen Leipziger Dramatikers Wolfram Höll. Es brachte dem Autor Einladungen zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und zum Heidelberger Stückemarkt 2012 sowie die Verleihung diverser Preise ein. Ähnlich der von Bert Neumann gestalteten Diskursbretterbude in Polleschs Gasoline Bill steht hier ein Lattengerüst mit Sperrholzbeplankung auf der Bühne (entworfen inkl. der Kostüme von Andreas Auerbach), die von den vier Leipziger Schauspielern Wenzel Banneyer, Daniela Keckeis, Heiner Kock und Markus Lerch in Buratino-Kostümen (die russische Variante des italienischen Pinocchios) mit großen Köpfen, langen Nasen und kurzen Hosen bevölkert wird. Die bildliche Imitation der Sichtweise eines Sechsjährigen, der noch nicht anders als in solch kindlichen Bildern und sich wiederholender, rhythmischer Kurzsatzsprache erfassen kann, was da gerade mit ihm und der ihn umgebenden Welt passiert.

Und dann (UA) Foto © Rolf Arnold

Und dann (UA)
Foto © Rolf Arnold

Vom Videobildschirm klingt es bereits beim Einlass im Dauerloop: „ein Vater, zwei Kinder, drei Verlierlinge, eine Mauer, die keine mehr ist“. Familiäre und systemumwälzende deutsch-deutsche Gletscherverschiebungen mit nach sich ziehender Geschichtseinebnung haben die beiden Brüder und ihren Vater wie drei eiszeitliche Findlinge in den Schluchten der Plattenbauten zurückgelassen. Das plötzliche Fehlen der Mutter, die Wende und langsame Zerrüttung der verbliebenen Rumpffamilie in einem randstädtischen, vermutlich Leipziger Plattenbau sind die Eckpfeiler einer Geschichte über Verlorenheit und Verlustschmerz. Die „Verlierlinge“ stehen hier als Sinnbild menschlich-tektonischer Verwerfungen in Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs.

Die Perspektive des Kindes zu wählen, erweist sich dabei als sprachlich interessanter Kunstgriff. Autor Höll tauscht damit ganz bewusst die Ebene des erwachsenen, allwissenden Erzählens gegen eine lückenhaft kindliche Erinnerung des Nichtverstehenkönnens. Diese Erinnerungssplitter rekapitulieren in kurzen Momentaufnahmen ein aus den Fugen geratendes Weltbild einer versehrten Kleinfamilie. Mittels Projektionen und Sprachbildern vermittelt der Text Stimmungen wie Aufbruch und Hoffnung oder Ängste und Wut. Die rhythmisierte Sprachmelodie mit der bindenden Aufzählungsformel „Und dann…“ lässt den Text fast strophenhaft klingen, was die Inszenierung von Claudia Bauer auch in kleinen repetitiven Sangeseinlagen aufnimmt. Text und Inszenierung verbinden sich dabei trotz der gewollten Künstlichkeit zu einem virtuosen Ganzen.

Das Erinnern funktioniert hier über alte Familienfilme, die mittels eines Videoprojektors das Bild der verlorenen Mutter für das Kind wiederbeleben und überdimensional an die betonsteinharten Häuserwände der Plattenbauten werfen. Der beruflich gescheiterte Vater, in den Vorstellungen des Kindes in einem großen Haus, ein Hausriese, ganz weit oben, verschanzt sich nun mehr in die eigenen engen Wände das Plattenbaus an seinem Funkgerät horchend, das für den Sohn die unbegreifliche Weite und Verbindung zur Welt darstellt. Ein geheimnisvoller „Würfelmittausendstimmendrinnen“, der sich nach seinem Verstummen in den vielen Fernsehgeräten der umliegenden Plattenbauten draußen wiederspiegelt.

Und dann (UA) mit Heiner Kock, Daniela Keckeis, Markus Lerch - Foto © Rolf Arnold

Und dann (UA) mit Heiner Kock, Daniela Keckeis, Markus Lerch – Foto © Rolf Arnold

Die Wende wiederum spiegelt sich in den Augen des Jungen z.B. über die plötzliche Wandlung der einstigen „Panzerparadenlangenstraße“ zur „Jedentagwagenparadenstraße“ der Westwagen, die er aufmerksam beobachtet. Die einen Russen gehen, damit die anderen Russen (nun Spätaussiedler) mit ihren Koffern kommen können. Immer mit gleicher, bildlicher „Vatermutterkindkiste“. Diese Metaphern und Projektionen kindlicher Phantasie bestimmen Hölls Stück über weite Strecken, bis sie immer kleiner werden und in den Händen des Kindes fast verschwinden. Das langsame Verlöschen der Erinnerung und das Warten auf einen neuen Gletscher, der die Geschichte weiter überscheiben wird, schließen das Stück, lassen es aber auch im Bild der drei Findlinge/Verlierlinge im Hof der Plattenbauten weitgehend offen.

Das Innehalten am Ende kommt hier aber eher einem Verharren in einer sich auf der Stelle drehenden Zeitschleife gleich. Zusammen mit dem ebenfalls nach Mülheim eingeladenen Stück am beispiel der butter des österreichischen Dramatikers Ferdinand Schmalz bewies das Schauspiel Leipzig unter dem neuen Intendanten Enrico Lübbe trotz Erfolgsdruck und damit verbundenem nicht immer künstlerisch überzeugendem Hochdruck auf der großen Bühne ein gutes Händchen für kleinere Produktionen an den Nebenspielstätten.

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Dem Vorwurf der Überproduktion von Stücken und dem gezielten Burnout junger Schreibtalente wehte allerdings auch etwas Widerspruch entgegen. Der Dramaturg und ehemalige Theaterkritiker Roland Koberg formulierte in seinem Hätte-wäre-Gedanken auf dem ATT-Blog die Behauptung „Mehr Stücke sind mehr.“ „Die bei Juroren beliebte Hypothese, das Theater werde besser, wenn weniger Dramatiker weniger Stücke mit mehr Qualität schreiben, gehört ins Reich der Phantasie. Nicht weniger ist mehr. Mehr ist mehr.“ Ein Plädoyer für mehr Mut der Autoren zum Stückeschreiben. Etwas anderes hätte man wohl auch kaum erwarten können, obwohl seit einiger Zeit selbst Dramaturgen wie Bernd Stegemann von der Berliner Schaubühne den Sinn der Überproduktion an den großen Häusern in Frage stellen. Er sieht das durchaus in einem größeren Zusammenhang: „Die ständig wachsende Zahl an neuen, von einer Theaterleitung erfundenen Produktionen verkehrt die Druckverhältnisse, die bisher von den Forderungen der Regisseure auf die Institutionen ausgingen. Kürzere Probenzeiten, höhere Aufführungsschlagzahl, kleinere Ensembles und Ausstattungsetats stellen den Regisseur vor Anforderungen, die wieder an die Anfänge seines Berufs erinnern.“ stellte er bereits 2011 in einem Interview mit der Berliner Zeitung fest. Das alles diene letztendlich nur „dem Beschleunigungswillen des Kapitals und der Entsolidarisierung der um dieses Kapital kämpfenden Individuen“. Das Ende der Fahnenstange in Bezug auf die Selbstausbeutung im künstlerischen Theaterbetrieb scheint da durchaus erreicht.

Foto: St. B.

Sind mehr Stücke wirklich gleich mehr? Dramenbaustelle ATT am DT – Foto: St. B.

Diesen Selbstoptimierungswahn gepaart mit einem endlos gesteigerten Leistungsdruck beschreibt in Teilen auch sehr schön eine Produktion des Deutschen Theaters, die ebenfalls nach Mülheim eingeladen war, dort beim Publikum gut ankam, auf den Autorentheatertagen allerdings nicht vertreten war und auf dem Spielplan des DT unerklärlicher Weise selten zu finden ist. In Alltag & Ekstase, einem modernen Sittenbild von Autorin Rebekka Kricheldorf, wird anhand dreier Generationen einer deutschen Durchschnitts-Familie ironisch der alltägliche Druck zum fast schon pathologischen Drang Ich-bezogenen Dauerin- und –outputs beschrieben. Und nach dem Motto: Lass es raus! hat dann hier auch jeder sein eigenes Lang- bzw. auch mal Kurzzeitprojekt am laufen. Vor allem Hauptprotagonist Janne (Jannek Petri) mit gescheiterter Ehe und geschiedenen Eltern, schlechtem Sex und kindischen Angewohnheiten wird hier zwischen seinen selbstfindungsbewussten Nahverwandten aufgerieben.

Wesentlich einfacher macht es sich da der japanische Intimfreund des Vaters, der Spaß, Job und Familie zu trennen weiß, die tägliche Leistungsoptimierung kurzerhand daheim lässt und zum Triebabbau bei völkisch ritualisierten Vergnügungen einfach nach Deutschland kommt. Vom Vater zur unfreiwilligen Eventbetreuung abgestellt, erlebt Janne schließlich eine Initialzündung zwischen gemeinschaftsbildendem Oktoberfest sowie naturnahem und körperbetontem Karnevalsritual, bei dem dann auch für ihn alles irgendwie in Ordnung zu kommen scheint, so lange Bier und Wurst ökologisch korrekter Herkunft sind. Da ist zum Ende des Stücks hin der bisher stoisch in der Ecke an eins der gescheiterten Projekte gemahnende Nachwuchs River aber bereits auf der Flucht vor den Erzeugern nach Nepal. Und irgendwie ist die Geschichte da auch wieder am Anfang angekommen. Der Beginn des Kreislaufs in der Hölle der Ich-Findung. Also doch lieber Innehalten? Mit dem Ausblick auf ein irgendwie gestaltetes Theaternirwana vielleicht keine schlechte Idee. Rebekka Kricheldorf wird jedenfalls in der kommenden Spielzeit ans Deutsche Theater zurückkehren, wie auch die nächsten Autorentheatertage nebst dem dazugehörigen neuen Motto.

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plebs coriolan
von Kevin Rittberger
Uraufführung
Regie: Kevin Rittberger, Bühne/Kostüm: Janina Brinkmann, Musik: Kira Kira.
Mit: Hanna Eichel, Barbara Horvath, Steffen Höld, Gideon Maoz, Myriam Schröder, Thiemo Strutzenberger.
Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: http://www.schauspielhaus.at/

Gasoline Bill
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Dramaturgie: Tobias Staab.
Mit: Katja Bürkle, Sandra Hüller, Benny Claessens, Kristof van Boven.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

Und dann (UA)
von Wolfram Höll
Regie: Claudia Bauer, Musik: Peer Baierlein, Bühne und Kostüme: Andreas Auerbach, Dramaturgie: Matthias Huber / Esther Holland-Merten.
Mit: Wenzel Banneyer, Daniela Keckeis, Heiner Kock, Markus Lerch.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.schauspiel-leipzig.de

Alltag und Ekstase. Ein Sittenbild (UA)
Von Rebekka Kricheldorf
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski, Kostüme: Sabin Thoss, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Jannek Petri, Harald Baumgartner, Judith Hofmann, Thomas Schumacher, Franziska Machens, Nermina Jovanovic/Zoë Seelig.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/

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FASCHING von Gerhard Fritsch auf der Hinterbühne am Schauspiel Leipzig – Eva Lange inszeniert die Uraufführung ihrer Dramatisierung eines Romans des hier weitgehend unbekannten österreichischen Schriftstellers.

Dienstag, Mai 6th, 2014

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Eine „Art Dürrenmatts Besuch der alten Dame unter anderen Vorzeichen“, nannte 2012 die österreichische Tageszeitung Der Kurier in einer Besprechung den 1967 veröffentlichten Roman Fasching von Gerhard Fritsch. Die beiden Werke sind natürlich nur bedingt miteinander vergleichbar. Bei Fritsch kehrt keine reiche Dame in die Stadt ihrer Jugend zurück, um sich für die erlittenen Demütigungen zu rächen. Der Protagonist ist männlich, und die Vorzeichen in Fasching stehen zunächst auf Krieg. Der 17jährige Felix Golub (Mathis Reinhardt) desertiert kurz vor Kriegsende aus der deutschen Wehrmacht und versteckt sich zunächst bei dem älteren, homosexuellen Fotografen Raimund Wazurak (Tilo Krügel), der in der Not den Einfall hat, dem jungen Mann eine neue Identität bei der Baronin Vittoria Pisani (Henriette Cejpek) zu verschaffen. Einer wohlhabenden Witwe und Miederwarenfabrikantin mit religiösem Tick und Hang zu skurrilen Spielchen.

Worum es aber bei Fritsch wie auch bei Dürrenmatt geht, sind Bigotterie, Opportunismus gepaart mit dem Drang zur Geschichtsklitterung und die Freude an der Demütigung. Sei es die eigene oder die der anderen. Bevorzugt natürlich von Menschen, die mit ihrem Wesen und Verhalten außerhalb der Gesellschaft stehen. Das hat auch Gerhard Fritsch selbst erfahren müssen. Mit 45 Jahren schied der Wegbereiter von Schriftstellern wie Thomas Bernhardt und Peter Handke unverstanden aus dem Leben. Sein Fahnenflüchtiger Felix ist in den Augen der angepassten bürgerlichen Gesellschaft der Feigling, der in Frauenkleider gesteckt gehört. Der Deserteur hat in dieser Situation nicht mehr die Wahl der Verkleidung. Er überlebt nur in den Kleidern der Pisani, die ihn zum eigen Vergnügen in der Rolle der Dienstmagd und als willfährigen Geliebten zurichten will. Die Reitpeitsche ist dabei ihr wichtigstes Requisit, assistiert von den beiden als Zofen kostümierten Zwillingen Pia und Mia (Klara Deutschmann und Sina Martens).

Willentlich zugerichtet von der Baronin wurde auch Fotograf Raimund Wazurak, Tilo Krügel gibt ihn meist devot gebückt. Auch er ist der schwarzgelackten Miedermamsell bedingungslos ergeben. Der Clou des Romans aber ist, dass Felix nicht nur einfach in Frauenkleidern überlebt, sondern zum lebenden Spiegelbild der lüsternen, unzüchtigen Gemeinschaft wird. Der kommandierende SS-Major des Städtchens, Lois Lubitz (Hartmut Neuber in noch mehreren anderen Uniformrollen), verliebt sich in Felix‘ angenommene Identität der Magd Charlotte. Felix kann sich ihm nur mit vorgehaltener Pistole erwehren und zwingt den feschen Kriegshelden, den Russen die Stadt mit runtergelassenen Hosen kampflos zu übergeben. Den Retter erwartet nicht etwa der Dank der Einwohner, sondern die Denunziation bei den Russen und Lagerhaft in Sibirien.

Fasching mit Mathis-Reinhardt als Felix Golub Foto (c) Rolf Arnold

Fasching mit Mathis Reinhardt als Felix Golub
Foto (c) Rolf Arnold

Nach 12 Jahren kehrt Felix an den Ort seiner Demütigung zurück. Auf Wunsch von Raimund wird er das Fotogeschäft von ihm übernehmen. Für eine passende Ehefrau ist auch schon gesorgt. Annett Sawallisch spielt die in ein enges Dirndl-Korsett gezwängte vorn ausstaffierte Hilga Pengg, wie auch die ehemalige polnische Zwangsarbeiterin und Geliebte von Felix Fela Pomorska. Vorab verlangt die Kommission der Stadt, in der dieselben Leute wie damals immer noch das Sagen haben, wiederrum seine Anpassung. Beim sogenannten „Heimkehrerball“ soll Felix richtig eingenordet werden. Der alte Korpsgeist funktioniert hier noch immer, bis auch der letzte Wehrmachtssoldat mit dem Rollstuhl aus Russland eingefahren ist. Eine befohlene Uniformierung, der sich der um Ausgleich Bemühte Felix kaum zu entziehen vermag. Als die honorige Bürgerschaft auch noch den vollkommenen Persilschein für ihre Vergangenheit verlangt – inklusive der Versicherung, dass Felix nichts mit den merkwürdigen Umständen zur Errettung der Stadt zu tun hat – rührt sich endlich doch so etwas wie Widerstand in ihm. Ein vergebliches Unterfangen, wie er erkennen muss. Die sich kompromittiert fühlenden Kleinbürger greifen nun ihrerseits zu Spott und Erpressung.

Regisseurin Eva Lange und Dramaturg Matthias Huber nähern sich forsch aber auch immer wieder nachdenklich dem schweren Stoff. Ein toller Mathis Reinhardt in der Rolle des Felix ist hier immer präsent. Die ganzen fast 2 ½ Stunden steht er im Mittelpunkt des etwas überdreht wirkenden Spiels – unterbrochen nur durch gelegentliche einsam reflektierende Monologe. Die Inszenierung springt in den Zeiten und Bühnenebenen, gespielt wird auf einem hohen, die Hinterbühne umspannenden Laufsteg um das Publikum herum oder direkt davor. Als Felix wieder in Frauenkleider gezwängt und zur Faschingsprinzessin gewählt werden soll, öffnet sich die Stegkonstruktion und gibt eine kleine Bühne mit Flittervorhang frei. Hier gerät die Inszenierung tatsächlich zur bitter-bösen Kostümfarce mit Blaskapelle und Konfettikanone. Die Korsagen der Baronin Pisani sind das Bild einer rückgratlosen, verlogenen Gesellschaft von Biedermännern und Anpassern, die schon Raimund bis zur totalen Selbstverleugnung und Rückkehr in den Schoß der Kirche getrieben haben. Da ihnen das bei Felix nicht gelingen will, schlägt das Maskenvolk beim Faschingsball erbarmungslos zurück.

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Fasching
von Gerhard Fritsch
Für die Bühne bearbeitet von Eva Lange und Matthias Huber

Regie: Eva Lange
Bühne und Kostüme: Carolin Mittler
Musik: Katharina Hoffmann
Dramaturgie: Matthias Huber

Mit: Henriette Cejpek, Klara Deutschmann, Tilo Krügel, Sina Martens, Hartmut Neuber, Mathis Reinhardt, Annett Sawallisch und Statisterie
Musiker: Sebastian Taubert, Julia Nagel, Michael Förster, Manfred Beckers

Premiere war am 03.05.2014, Hinterbühne Schauspielhaus
Spieldauer: 2:20, keine Pause

Termine:
Fr, 09. Mai, 19:30
Mi, 14. Mai, 19:30
Fr, 30. Mai, 19:30
Fr, 13. Juni, 19:30
Do, 26. Juni, 19:30

Weitere Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/hinterbuehne/inszenierungen-az/fasching-ua/

Zuerst erschienen am 05.05.2014 auf Kultura-Extra.

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Gut geschmiert – „am beispiel der butter“, das Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises 2013 von Ferdinand Schmalz, wurde von Cilli Drexel am Schauspiel Leipzig uraufgeführt.

Donnerstag, März 6th, 2014

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Deine Heimat… Deine Milch! So steht es in großen Lettern über der Szenerie in der kleinen Spielstätte Diskothek hoch oben unterm Dach des Schauspiels Leipzig. Hier wurde jetzt das Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises 2013 am beispiel der butter des jungen österreichischen Autors Ferdinand Schmalz uraufgeführt.

am beispiel der butter - Wenzel Banneyer, Ulrich Brandhoff (Projektion), Runa Pernoda Schaefer (Projektion), André Willmund © Rolf Arnold

am beispiel der butter – Wenzel Banneyer, Ulrich Brandhoff (Projektion), Runa Pernoda Schaefer (Projektion), André Willmund. Foto © Rolf Arnold

In einem kleinen Hochalm-Ort mit angeschlossenem Molkereibetrieb, viel Sonne und Fleischbergen glücklicher Kühe sitzt die Belegschaft am liebsten beim kleinen Frühstück für Champions in der Bahnhofsreste und lässt sich von der Betreiberin Jenny (Henriette Cejpek) einen Klaren nach dem anderen einschenken. Jenny, deren innere Prinzessin schon vor Jahren ganz unbemerkt gegen die Wand gefahren ist, hält gut mit und verschmilzt ansonsten abends daheim mit dem Sofa vor dem Fernseher. Was ihren Stielaugen entgeht, sieht der Hans von der Staatsgewalt und weiß es zu berichten. Am Stammtisch spitzen der Hans und der Huber es dann gemeinsam auf einen Namen zu. Sie haben einen Riecher, wenn irgendwo was sauer wird.

Vor allem ist dem Hans der Futterer-Adi (Ulrich Brandhoff ) nicht geheuer. Wer anderen seinen Mitarbeiter-Jogurt löffelweise in den Mund hineinschiebt, steht außerhalb der Norm. Und was die Norm ist, bestimmen Hans und Huber. Der verhinderte Gesetzeshüter Hans (André Willmund) träumt davon, sein Hobby zum Beruf zu machen, das er gezwungenermaßen derweil noch im Keller ausübt. Der Huber (Wenzel Banneyer) vom Management vertritt die Marketingidee von einem reinen unschuldigen Weiß und sieht sein kantiges Profilgesicht am liebsten in High Definition. Im Herz der Milch sind fremde Kulturen nur Keime, die die Reinheit gefährden. Darum muss der Abtrünnige wieder zurück in die Form gebracht werden. Nein, von so einem wie dem Adi will man sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

Der Text des jungen Dramatikers Schmalz (ein Künstlername, wie er betont) ist voll von diesen Milch- und Buttermetaphern. Parallelen lassen sich auch zu den Kalauereien einer Elfriede Jelinek oder zur besonderen Sprachmelodie der Texte des Dramatikerkollegen Ewald Palmetshofer ziehen. Schmalz‘ Butterparabel steht aber nicht nur für einen gewissen Hang zum Sprachwitz, sondern auch für eine philosophisch angehauchte Betrachtungsweise menschlichen Denkens und Handels. Der natürlich reine Ausgangsstoff für das Endprodukt Butter sowie der Produktionsprozess der Butterwerdung selbst – beeinflusst durch die äußeren Gegebenheiten wie Sonne, Alm und Kuh – werden auf interessante Weise ins Verhältnis zum menschlichen Entwicklungsprozess gestellt. Lebende Beispiele dafür sind die einzelnen Protagonisten des Stücks.

Die durch die tristen Lebensumstände deformierte und in Trägheit erstarrte Masse – jeder äußere Einfluss hinterlässt in ihnen Erinnerungsabdrücke wie in einem Stück Butter – findet in der Ausnahme Adi wieder die Bestätigung ihrer Regel. Dem hält dieser Naturbursche in einem Monolog über die Butter die Möglichkeit einer Idee außerhalb der eingepressten Narben entgegen. Neue Ereignisräume will Adi schaffen, nicht einfach nur funktionieren, nicht immer nur erinnern. „Wann kalbt mein Butterich?“ fragt er sich. Karina (Runa Pernoda Schaefer), die neue Molkereimitarbeiterin, fühlt sich innerlich leer, als Unform ins Leben gestürzt. Gemeinsam mit Adi träumt sie von einer neuen Geste der Hoffnung in Form einer menschengroßen geballten Butterfaust.

am beispiel der butter - Henriette Cejpek, Ulrich Brandhoff, Wenzel Banneyer, André Willmund, Runa Pernoda Schaefer © Rolf Arnold

am beispiel der butter – Henriette Cejpek, Ulrich Brandhoff, Wenzel Banneyer, André Willmund, Runa Pernoda Schaefer Foto © Rolf Arnold

Ein kurzes Aufschäumen von Veränderung durchzieht die kleine Welt der Butterberge, bis der Hans den Ausnahmezustand erklärt und die Staatsgewalt mittels Buttersäure in Form von Liquid Ecstasy wieder ins Recht setzt. Das böse Erwachen erfolgt im für österreichische Verhältnisse unerlässlichen, hier weiß gefliesten Keller. Die Inszenierung von Cilli Drexel kommt bis dahin ohne übertriebene Regieeinfälle aus, lässt dem Text Raum sich zu entfalten und drängt sich nicht mit unnützem Aktualitätsfirlefanz auf. Gespielt wird in und vor einer nach vorn offenen Imbissbude mit Rollladen, auf dem Platz für einige Videoeinspielungen ist. Sparsam und passend auch der Musikeinsatz mit Neofolk von Ween („Drifter in the Dark“) oder auch mal einem Wiener Walzer.

Warum Schmalz sich beim Titel für sein Stück von dem wortgewaltigen amerikanischen Schriftsteller David Foster Wallace inspirieren ließ, erfährt man beim Einschub einer besonders poetisch gestalteten Fabel, die von den fünf Darstellern gemeinsam neben den Zuschauerreihen stehend vorgetragen wird. Die alte Geschichte der beiden Frösche, die in den Milchtopf fallen und nicht mehr hinauskommen. Während der eine in der Milch ersäuft, fängt der andere so schnell mit den Beinen an zu treten, dass die Milch zu Butter wird. Während bei Aesop der Frosch damit gerettet ist, greift Schmalz zur Analogie des bei lebendigem Leib ins siedende Fett geworfenen Lobsters aus Wallaces Essay Am Beispiel des Lobsters. Er lässt seinen Frosch beim Anblick der toten Fröschin solange weitertreten, bis durch seine Energie heißer Buttersud entsteht. Trotz eines schlagkräftigen Wutausbruchs gibt es gegen die Überdosis Wirklichkeit der Stammtischler für Adi und Karina kein Erwachen mehr aus dem Buttertraum.

Bei seinen Analogieüberlegungen standen Schmalz neben David Foster Wallace postmoderne Denker wie Giorgio Agamben, Jean Baudrillard u.a. Pate. Dass dabei kein Analog- sprich Kunstkäse herausgekommen ist, liegt einerseits an der leichten Nachvollziehbarkeit seiner Schilderungen sowie in ihrer verblüffenden Doppeldeutigkeit anderseits. Schmalz ergötzt sich nicht in der einfachen Feststellung, er denkt weiter. Vom gleichen Ursprung ausgehend gelangen seine Figuren zu ganz unterschiedlichen Ansichten. Damit ist ihm nicht nur eine kunstvolle Beschreibung der Krise des Menschen in der modernen kapitalistischen Gesellschaft gelungen, sondern auch eine kleine ironische Kritik an deren als alternativlos angesehenen Verhältnissen und ihrer scheinbaren Unabänderlichkeit. Cilli Drexel und ihre großartigen Darsteller übersetzen das in klare, wirkungsvolle Bilder. Kein butterweicher Seelenschmalz, sondern eine rundum gut geschmierte Story.

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NACHTRAG 07.03.14:

Wie heute bekannt wurde, ist am beispiel der butter von Ferdinand Schmalz für den  Mülheimer Dramatikerpreis (Mülheimer Theatertage: 17. Mai bis 7. Juni 2014) nominiert worden. Herzlichen Glückwunsch.

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am beispiel der butter (UA)
von Ferdinand Schmalz
Diskothek Schauspiel Leipzig (02.03.2014)
Regie: Cilli Drexel
Bühne: Timo von Kriegstein
Kostüme: Nicole Zielke
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Dramaturgie: Julia Figdor.
Mit: Wenzel Banneyer, Ulrich Brandhoff, Henriette Cejpek, Runa Pernoda Schaefer, André Willmund.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/diskothek/inszenierungen-az/am-beispiel-der-butter-ua/

Zuerst erschienen am 05.03.2014 auf Kultura-Extra.

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LULU – Wedekinds Monstretragödie in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig

Dienstag, Oktober 15th, 2013

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Die Buchstaben CENTRALTHEATER sind von den Schaufenstern des Theaterbaus an der Bosestraße verschwunden. In großen Leuchtlettern prangt über dem Eingangsportal wieder die alte Bezeichnung SCHAUSPIEL. Leipzig hat nach dem Weggang des von der regionalen Presse und Kulturpolitik ungeliebten Sebastian Hartmann eine neue Intendanz. Mit einem Premierenreigen wurde das in der letzten Woche gefeiert und fand seinen Widerhall auch über die Grenzen der Heldenstadt, die sich gerade zum 200. Jubiläum der Völkerschlacht rüstet. Wort-Schlachten gab und gibt es auch immer noch um das Leipziger Theater. Die Deutungshoheit über die künstlerische Ausrichtung des Schauspiels ist weiterhin heiß umkämpft.

Lulu von Frank Wedekind in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig

Lulu von Frank Wedekind in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Eine weitere streitbare Inszenierung gab es nun als Zugabe sozusagen hinten drauf. Lulu von Frank Wedekind hatte am Freitag seine Leipzig-Premiere auf der Bühne des Schauspiels. Was einst veritabler Theaterskandal war, lässt heutzutage kaum noch jemanden wirklich erschauern. Der letzte Regisseur, dem annähernd so etwas wie ein kleines Rauschen im Blätterwald der Feuilletons gelang, war Volker Lösch, der echte Damen des horizontalen Gewerbes als Chor in seiner Inszenierung Lulu – Die Nutten-Republik an der Schaubühne Berlin auftreten ließ. Just jener Volker Lösch war es dann auch, der von einer Findungs-Kommission aus Theaterexperten für die neue Leipziger Intendanz empfohlen wurde. Die Leipziger Stadtoberen fürchteten aber wohl das erneute Experiment und bestellten den Chemnitzer Enrico Lübbe, der mit einem ausgewogenen Angebot ans Leipziger Publikum den Vorzug vor Lösch erhielt.

Aber nicht der neue Intendant Enrico Lübbe, sondern der deutsch-türkische Theater- und Filmregisseur Nuran David Calis stellt die Monstretragödie um die „Teufelsschönheit“ Lulu in einer Koproduktion mit den Theatern Chemnitz, wo die Inszenierung bereits im Juni Premiere hatte, nun auf die Leipziger Bühne. Calis, bekannt für seine jugendlich frischen, bild- und soundgewaltigen Theaterarbeiten, wird hier nun als Trumpf von Lübbe aus dem Ärmel gezogen, wie um zu zeigen, ja, es geht auch ganz unkonventionell. So wirkt denn auch Calis‘ Inszenierung sehr modern. Es gibt Livevideo, dräuende Elektrosounds (Musik: Vivan Bhatti) und Mikrofon-Stimmen aus dem Off. Die Bühne von Irina Schicketanz ist ein kaltes Betonloft, das man durch Fahrstuhltüren betritt und wieder verlässt. Zu Beginn steht dort Lulu im fleischfarbenen Latexanzug (Kostüme: Amelie von Bülow) in einer Art Vitrine, den Blicken der Männer ausgesetzt, die wie in der Peepshow durch kleine Fenster in der Rückwand zu sehen sind, in immer wieder eindeutigen Bewegungen. Eine klare Aussage und Setzung, die symptomatisch für die weitere Inszenierung ist.

Lulu am Schauspiel Leipzig - Foto: Rolf Arnold

Lulu am Schauspiel Leipzig – Foto: Rolf Arnold

Calis setzt hier auf einige gezielte Schockeffekte, die ihre Wirkung bei einem Teil des Publikums nicht verfehlen. Türenknallen am Stadttheater ist dafür schöner, immer wiederkehrender Beweis. So bekommt man dann auch eindeutige Kopulationsszenen neben Sadomasospielchen oder gar ein ganzes Pornodrehsetting zu sehen. An der linken Bühnenwand befinden sich mehrere Löcher, deren Funktion seit dem erfolgreichen britischen Kinofilm Irina Palm mit Marianne Faithfull jedermann und -frau bekannt sein dürfte. Doch das Abstimmen mit den Füßen hält sich in Grenzen, und wer bleibt kann doch auch eine bemerkenswert agierende Runa Pernoda Schaefer entdecken. Sie verkörpert Lulu, Nelli, Eva oder Mignon, je nachdem welche seiner Obsessionen ein Mann in ihrer Person verwirklicht sieht. Eine von Männern geschaffene Wunsch-Projektion, die Calis mittels Kamera an die Wand wirft. Maler Schwarz (Tilo Krügel) versucht verzweifelt dieses Idealbild seiner Fantasie in die Kunst zu übertragen. Wie Yves Klein drückt er seinen bemalten Körper an die Wand und ist der erste, der sogar für Lulu mordet. Wie ein Besessener würgt er seinen Auftraggeber Dr. Goll, routiniert gespielt vom alten Leipziger Mimen Matthias Hummitzsch, bis er seinen Tantalusqualen durch eigene Hand im Fahrstuhl ein Ende setzt.

Auf und ab geht es in dieser manischen Männerwelt, in der Lulu ihre eigenen Sehnsüchte nur wie nebenbei in wenigen Sätzen artikulieren darf. Bei ihr ist die Abwärtsspirale vorprogrammiert. Sie kann Macht über Männer nur kurzzeitig im sadistischen Sexspiel ausüben. Wie ein Hündchen führt sie Dr. Schön an der Leine und zwingt ihn einen Brief an seine Verlobte zu schreiben. Hartmut Neuber überzeugt als Erschaffer dieser Femme fatal, der ihr gleichzeitig doch auch hörig ist. Das findet in seinem Sohn Alva (ungelenk und tollpatschig Sebastian Tessenow) seine Fortsetzung. Die Vergangenheit holt Lulu schließlich in der Gestalt ihres Vaters Schigolch (Wenzel Banneyer) ein, der bei Calis ein typischer, sonnenbebrillter Lude ist und seiner Tochter junge Freier zuführt. Verzweifelt geht Lulu aus diesem Spiel an die Rampe und sucht im Publikum nach ihrem Helden, der sie rettet und lieben will, bis der Tod uns scheidet.

Schauspiel Leipzig 2013 Lulu Frank Wedekind Bearbeitung: Nuran David Calis und  Esther Holland-Merten Eine Kooperation des Schauspiel Leipzig mit den Theatern Chemnitz LEITUNG Regie: Nuran David Calis Bühne: Irina Schicketanz Kostüme: Amelie von Bülow M

Tilo Krügel als Schwarz und Runa Pernoda Schaefer als Lulu am Schauspiel Leipzig – Foto: Rolf Arnold

Nach Schöns Tod gibt es einen Break und die Parisszenen laufen tatsächlich wie in einem schlechten Pornofilm ab. Hier folgt der Umschwung ins Heute. Das Kolportagehafte an Wedekinds Drama übersetzt Calis in grelle Bilder. Die Männergesellschaft, auch die Gräfin Geschwitz (Dirk Lange) ist hier ein Mann, erholt sich vom Zocken mit Jungfrau-Aktien beim Polonaisetanzen in der Vitrine, die sich langsam mit Wasser füllt und die Schwüle einer Männersauna ausstrahlt. Calis hat hier Anleihen bei den Bunga-Bunga-Partys von Silvio Berlusconi oder Sexvergnügen von hochrangigen Managern der Automobil- und Versicherungsbranche genommen. Am Ende ist man wieder beim starken Bild des Anfangs. Die Männer sprechen im Chor den Text des Rippers, während Lulu langsam ins Wasser gleitet.

Das ist darstellerisch einerseits gut, dann auch wieder recht konventionell inszeniert. Die Schauspieler füllen ihre Rollen aber zum großen Teil mit viel Können aus. Es wird überwiegend originaler Wedekind gesprochen, was dem Abend durchaus Kraft verleiht, auch jenseits der expliziten Szenen. Von Calis hätte man sprachlich auch wesentlich Spezielleres bekommen können. Ob es dieser Szenen bedarf, sei dahingestellt. Wie es um die bürgerliche Moral bestellt ist, weiß man sicher auch in der Messestadt Leipzig. Der dem dortigen Theater sehr verbundene Clemens Meyer hat es gerade in seinem im Leipziger-Rotlicht spielenden Roman Im Stein treffend beschrieben. Nun, der Skandal bleibt aus und es herrscht die Gewissheit, dass Leipzig auch damit in Zukunft den Weg auf ein breiteres Publikum einschlagen wird. Was ja nicht unbedingt Schlechtes bedeuten muss.

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Termine und Infos:
http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/grosse-buehne/inszenierungen-az/lulu/

Zuerst am 13. Oktober 2013 auf Kultura-Extra erschienen.

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Was hat uns Emilia Galotti heute zu sagen? Lessings bürgerliches Trauerspiel in einer Inszenierung des neuen Intendanten Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig

Dienstag, Oktober 15th, 2013

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Das bürgerliche Mädchen Emilia Galotti liebt den jungen Grafen Appiani und kann diesen auch noch aus freien Stücken ehelichen. Zumindest darf man das annehmen, gegenteiliges wird in Lessings Trauerspiel nicht angedeutet. Und dennoch will sie durch die Hand des Vaters sterben, um frei zu sein, da es für sie aus den Fängen eines liebestollen, besitzergreifenden Prinzen kein Entrinnen zu geben scheint. Ist das noch zeitgemäß? Würde, wie etwa in Schillers Kabale, dem einen oder anderen Teil des Brautpaares die Verbindung elterlicherseits vorgeschrieben, es sich also um eine Zwangsheirat handeln, man könnte Bände mit der Beantwortung der Frage füllen, was uns diese Emilia Galotti heute noch zu sagen hat.

 

Das Schauspiel Leipzig mit neuer Intendanz - Foto: St. B.

Das Schauspiel Leipzig mit neuer Intendanz – Foto: St. B.

 

Bei Lessing sagt sie zum Beispiel folgende Sätze: „Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.“ Und tatsächlich gerät diese junge Frau ungewollt in einen bedrohlichen Sog aus Verführung und höherer Gewalt, dem sie sich nicht mehr selbst zu entziehen weiß. Weiter heißt es aber auch: „Ich habe Blut, mein Vater, so jugendliches, so warmes Blut als eine. Auch meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut.“ Worte, die heute immer noch erschüttern, erkennt sich doch hier eine junge Frau als verführbares und selbst verführendes Wesen, was den damaligen Moralvorstellungen sehr zuwiderläuft. Gleichzeitig kann sie sich aber noch nicht als selbstbestimmt Handelnde verstehen. Kant lässt grüßen, und neben dem Konflikt Bürgertum versus Adel, ist das hier der entscheidende Punkt.

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Um die Frage der selbstbestimmten Liebe geht es dem neuen Intendanten des Schauspiels Leipzig  Enrico Lübbe aber in erster Linie nicht. Es geht um Menschen, die in schwierigen Stresssituationen die falschen Entscheidungen treffen. So erklärt vom neuen Leipziger Chefdramaturgen Torsten Buß, bei einer Stückeinführung anlässlich der zweiten Vorstellung am vergangenen Samstagabend. Und das ist dann natürlich schon sehr gegenwärtig gedacht. Nur von übermäßigem Stress kann dann auf der Bühne kaum die Rede sein, sieht man mal davon ab, dass Lübbe seine Inszenierung in ca. 80 Minuten abhandelt, dabei ständig gezappelt bzw. getänzelt werden muss und dem sonst steifen Marinelli (Michael Pempelforth) irgendwann der Atem über den Verheerungen seiner Intrigen ausgeht. Er reißt sich das Hemd auf und ringt würgend nach Luft.

 

Emilia Galotti am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Emilia Galotti am Schauspiel Leipzig – Foto © Rolf Arnold

 

Und das ist schon das einzig Bemerkenswerte, wie sich dieses Netz aus Intrigen schließlich selbst um seinen eigenen Initiator windet. Schuld an seiner plötzlich auftretenden Atemnot ist die Tatsache, dass ihm hier eine andere Dame über ist. Gräfin Orsina (Bettina Schmidt) ist der Lichtblick der Leipziger Inszenierung. Im blauen Kleid der Hoffnung betritt sie die Bühne, sorgt als einzig Sehende für Aufklärung und bringt dann doch das Corpus Delicti ins böse Spiel. Und hätte es Dramaturg Buß nicht selbst vorher explizit erwähnt, man hätte es eigentlich nur in dieser einen Person wirklich erkennen können. Die Ambivalenz zwischen der enttäuschten Liebe einer betrogenen Verlassenen und dem letzten Aufbäumen einer nach Rache Verlangenden.

Alle anderen Figuren bleiben dagegen entweder völlig blass oder sind bis zur vollen Kenntlichkeit gezeichnet. Vater Galotti (Denis Petkovic) ist zunächst noch mit Worten oben auf, bevor ihm Tochter und Haltung abhandenkommen. Und auch die erst sorglose Mutter (Henriette Cejpek) wird irgendwann verzweifelt ihre Unschuld beteuernd in die Knie gehen. Die Vernachlässigung des Kindeswohls kann man beiden hier aber einzig aus ihrer mangelnden Präsenz auf der Bühne vorwerfen. Graf Appiani (Jonas Fürstenau) ist ganz der Musterschwiegersohn und erlaubt sich nur ein kurzes Nachdenken, als er durch Marinelli vom Ansinnen des Prinzen hört, ihn zum Gesandten zu berufen. Warum Appiani dem nach erfolgter Duellandrohung feige zurückrudernden Marinelli einen leidenschaftlichen Kuss geben muss, bleibt willkürlicher Regieeinfall. Der verführerische Kuss der Macht? Als Marinelli in der Umklammerung des Grafen diesen schließlich erwidern will, wird er nur rüde von Appiani zu Boden gestoßen. Das sich hier zwei in tief empfundener Abscheu gegenüberstehen, bedarf kaum einer näheren Bebilderung.

Der Prinz von Guastalla (Ulrich Brandhoff) wirkt wie ein verzogenes Herrensöhnchen, das es gewohnt ist, unter allen Umständen seine Willen zu bekommen. Barfuß und in legerer Kleidung gibt sich dieser entscheidungsschwache Narziss seine Launen und den falschen Versprechungen Marinellis nur zu gerne hin. Ein Todesurteil tut er mit einem kurzen „Recht gern. – Nur her! geschwind.“ ab. Ein kleines Verbrechen ist für ihn nichts, die größeren überlässt er Marinelli, damit indirekt auch den Mord am Grafen Appiani billigend. Des Prinzen Verführungskunst besteht im Scharwenzeln und Grimassieren. Anna Keil als Emilia im zarten Blütenkleidchen (Kostüme: Michaela Barth) kann dagegen kaum ein Wässerchen trüben. Sie ist als eigentliche Hauptperson die große Fehlstelle einer Inszenierung, die glauben machen will, dass es sich hier um eine in ihren Gefühlen Schwankende handele, die wie um das zu bekräftigen, sehnsüchtig ihr Arme hinter sich streckt und, wie über sich erschreckend, schnell wieder zurückzieht.

Lübbes Inszenierung ist schnell und routiniert hingetuscht. Einen prägenden Stempel vermag er ihr damit jedoch nicht aufzudrücken. 80 Minuten perfekt designtes Theater können auch sehr lang werden. Die Bühne von Hugo Gretler füllt ein anthrazitfarbenes und viel Platz zum Haschen und für Schattenspiele bietendes, eckiges Säulengebilde, das sich fast unaufhörlich dreht. Dazu klingt ungewohnt Klassisches aus der Feder des sonst wummernden Gitarrenspezialisten Bert Wrede. Irgendwann fragt man sich nur noch: „Who kills Bambi?“ Und so blickt hier Emilien auch ziemlich rehäugig ihrem Schicksal entgegen. Allein, zu berühren vermag das nicht. Als einzige freie Tat nimmt sie dem Vater die Waffe aus der Hand und flüchtet sich gefolgt vom Prinzen ins Halbdunkel der hohen Säulen. Odoardo Galotti ist hier entschuldet. In einer angedeuteten Vergewaltigung Emilias durch den Prinzen löst sich im Halbdunkel der Bühne schließlich der erlösende Schuss.

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Emilia Galotti (12.10.2013)
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Michaela Barth
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Torsten Buß, Christin Ihle
Mit:
Ulrich Brandhoff,  Henriette Cejpek, Jonas Fürstenau, Anna Keil, Maximilian Pekrul, Michael Pempelforth, Denis Petković, Bettina Schmidt und Jonas Steglich

Premiere im Schauspiel Leipzig war am 05.10.2015

Weitere Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/index.php?id=4131

Zuerst erschienen am 14.10.2013 auf Kultura-Extra.

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