Archive for the ‘Schauspiel Stuttgart’ Category

Episches und Meditatives aus Stuttgart und Basel bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Sonntag, Juni 19th, 2016

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I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) von Fritz Kater – Ein Gastspiel des Schauspiels Stuttgart

In seinem neuen Stück I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) erzählt Fritz Kater, das Dramatiker-Alter-Ego des Regisseurs und Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart Armin Petras, deutsche Geschichte mal nicht wie in zeit zu lieben zeit zu sterben oder heaven (zu Tristan) aus der reinen Ost-Perspektive. Der Autor spannt einen Bogen in 13 Szenen von 1941 im Kriegs-Berlin über die bundesdeutsche Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre bis zum Sommer 1989 in West-Berlin kurz vor dem Mauerfall. Vielleicht ist das Stück auch so etwas wie ein westdeutsches Pendant zu Christa Wolfs Roman Der Geteilte Himmel, den Armin Petras 2015 an der Berliner Schaubühne mit viel ostdeutschem Zeitkolorit inszeniert hat.

 

I´m earching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) - Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Im wahrsten Sinne des Wortes erzählt wird hier die Liebesgeschichte des Journalisten Maibom (André Jung) und seiner Freundin Rieke (Fritzi Haberlandt), einer Mitarbeiterin eines West-Berliner Immobilienbüros. Sie leben Anfang 1959 im siebenten Jahr zusammen und denken sogar an Heirat. Nach einer Auslandsreise Maiboms nach Havanna, wo er eine Reportage über den Sieg der kubanischen Revolution machen soll, holt die Beiden ein Jahr später ihre Vergangenheit wieder ein.

Katers Stücktext ist, wie schon erwähnt, sehr episch geraten. In längeren Monologpassagen erzählen die Figuren in Rückblenden Episoden aus ihrem Leben während des Kriegs. Rieke hieß 1941 noch Rosa, ein 15jähriges Mädchen, das nach einer Vergewaltigung in die Prostitution abrutschte und dann über den Nazi-Mann Hauser Auslandagentin in Rom wurde. Auch Maibom hatte damals noch einen anderen Namen und war jüdisch-polnischer Kampfpilot. Nach dem Krieg ging er nach Israel, wurde Agrarflieger, verlor sein Bein bei einem Absturz und ging schließlich wieder nach Deutschland, wo er nun als Journalist und gelegentlich als Nazijäger für den Mossad arbeitet.

 

Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Das klingt zunächst recht spannend und ist auch in Teilen ganz interessant anzuhören. Allein ein richtiges Stück will daraus nicht werden. Die weitestgehend statische Inszenierung des Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler bremst den hochtrabend-langatmigen Text zusätzlich aus. Besonders die Israelpassage im Krankenhaus von Tel Aviv absolviert André Jung komplett im Liegen. Trotz guter Schauspieler wirkt das streckenweise wie eine szenische Lesung auf einem Haufen zersplitterter Gipszementplatten, auf denen die DarstellerInnen unsicher balancieren wie auf dünnem Eis.

Fritz Kater springt in der Zeit vor und zurück, bedient sich bei Stilelementen des Film Noir, des Agententhrillers oder bei Kriegs- und Reiseliteratur von Anna Seghers, Erich Maria Remarque, William Faulkner und Hunter S. Thomson. Das Filmische wird zusätzlich durch Schwarz-weiß-Videoeinblendungen und Jazzmusik betont. Die 40er und 50er Jahre sind auch in den Kostümen maßgebend. Miles Davis und Philip Marlow treffen hier auf Kommissar Blacky Fuchsberger.

Weitere Figuren werden in die Story eingewoben, wie die ominöse Milena (Manja Kuhl), die Maibom nach der Entführung von Rieke/Helene 1960 in einer Villa in Bonn-Bad Godesberg neben der Leiche eines italienischen Musiktheoretikers und Bach-Spezialisten trifft, oder einen aus der DDR nach West-Berlin geflohenen jungen Musiker (Matti Krause), der dort 1989 neben dem gealterten Maibom wohnt. Und auch der verdruckste Ossi hat eine schuldbeladene Fluchtgeschichte.

Neben der komplizierten Liebesbeziehung ist das vor allem aber auch ein Stück über vergebliche Vergangenheitsbewältigung und Heilung von Wunden, was laut Maibom nur durch das Vergessen geschehen kann. Allein er kann nicht vergessen, und er kann auch nicht sterben, weil ihn der Hass an den Nazi Hauser am Leben hält. Und natürlich klagen Maibom/Kater auch ein wenig über vergangene Revolutionen, nach deren erster Euphorie in ein paar Jahren schnell alles wieder beim Alten ist. Man befindet sich im permanenten Kriegszustand, bis einer gesiegt hat. Nach Schuld oder Wahrheit wird hier nicht gefragt. Was schmerzt, ist der Verlust über das, was man schon sicher zu haben glaubte. Etwa wie Orpheus seine Eurydike, deren Geschichte Kater als Sekundärdrama mit einflicht.

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I’M SEARCHING FOR I:N:R:I (EINE KRIEGSFUGE)

(DT-Kammerspiele, 14.06.2016)
Regie: Jossi Wieler
Bühne / Kostüme: Anja Rabes
Musik: Wolfgang Siuda
Video: Chris Kondek
Dramaturgie: Jan Hein
Licht: Felix Dreyer, Rainer Eisenbraun
Mit: André Jung (maibom), Fritzi Haberlandt (rosa, helene, rieke – ein und dieselbe person), Manja Kuhl (milena), Lucie Emons (julie) und Matti Krause (der junge mann)
Uraufführung am Schauspiel Stuttgart: 11. März 2106
Gastspiel des Schauspiels Stuttgart zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 15.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit LSD – Mein Sorgenkind – Thom Luz organisiert mit seiner Baseler Minimal-Inszenierung der Drogenradfahrt von Albert Hofmann einen eher unterdosierten Klang- und Bilderrausch

Von wegen LSD-Trip. Es sollen schon Radfahrer allein an der reinen Schweizer Bergluft einer Art Höhenrausch verfallen sein. Nun hat aber der Schweizer Chemiker Albert Hofmann die Wirkung der von ihm entdeckten Droge LSD, einem Derivat der aus dem Mutterkorn gewonnenen Lysergsäure, 1943 tatsächlich bei einer Velo-Fahrt von Basel in den Vorort Bottmingen an sich selbst getestet. Dieser halbwegs kontrollierte Trip, den Hofmann minutiös festhielt und seine Erfahrungen 1979 in dem Buch LSD – Mein Sorgenkind veröffentlichte, inspirierte den hochgelobten Theater-Experimentator Thom Luz zu einer theatralen Wiederholung. Dabei interessierte ihn allerdings weniger der eigentliche Drogenrausch als die Tatsache des im Buch beschrieben Phänomens, „in relativ kurzer Zeit in einen Bereiche vorzudringen, der sich in Worten nur schwer ausdrücken lässt.“

Nun gleichen die Beschreibungen von Albert Hofmann schon recht genau den Vorstellungen, die man gemeinhin mit solcher Art von Drogenerfahrungen verbindet. Psychedelische Zustände und visuelle Halluzinationen mit übersteigerten Klang- und Farbwahrnehmungen. Zitat: „Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.“ Besonders merkwürdig war Hofmann, „wie alle akustischen Wahrnehmungen (…) sich in optische Empfindungen verwandelten“. Und genau dahin zielt der Versuch des Bühnen-Tüftlers Luz.

 

LSD - Mein Sorgenkind am Theater Basel - Foto (c) Simon Hallström

LSD – Mein Sorgenkind am Theater Basel
Foto (c) Simon Hallström

 

Dabei ist das Instrumentarium, das der Regisseur hier auf großer Bühne auffährt, relativ sparsam. Thom Luz und Wolfgang Menardi haben einen Versuchsraum geschaffen, der einem Laboratorium wie in der Schweizer Sandoz AG in etwa nahe kommen könnte. Hohe weiße Wände, ein paar Pflanzen und Stühle, dazu ein Cembalo, Soundmixer, Klangstangen, Speichenräder, Monitore, auf denen eine Kamerafahrt durch das nächtliche Basel übertragen wird, eine Verkehrsampel und ein Vogelkäfig.

Es dauert etwas, bis sich das Schauspielensemble, das weiße Kittel und auch mal Atemmasken trägt, eingerichtet hat. Man spielt Minimalmusik und spricht Fragmente aus den Erinnerungen Albert Hofmanns. Etwa die einer „Verzauberung aus Kindertagen“ bei einem Waldspaziergang, bei dem ihm plötzlich alles wie in einem hellen Licht erschien. Ein „Glücksgefühl der Zugehörigkeit und der seligen Geborgenheit“. Dazu zwitschern die Vögel, am Mischpult entstehen immer wieder experimentelle Störgeräusche, und verzerrte Stimmen wie aus dem All gefunkt sind wahrnehmbar.

Vieles wird nur angestimmt, bleibt aber schnell wieder stecken. Ein gewisses ironisch entschleunigtes Marthaler-Feeling macht sich breit. Man singt im Chor Partien aus Haydns Oratorium Die Schöpfung, was sehr gut zum Schöpfungsakt des Wissenschaftlers und seiner späteren Aussage zum Bewusstsein als dem größten Geschenk des Schöpfers an die Menschen passt. Zu den Zustandsbeschreibungen auf der Fahrradfahrt Hofmanns, die genaue Orte, Straßen und Plätze benennen, werden immer mehr Klaviere aufgefahren, in die lange Papierrollen eingespannt sind. Die Dämpfer der Hämmer sind mit Farbe getränkt und hinterlassen beim Anschlag entsprechende Farbmuster auf den Rollen, die an Prospektstangen hochgezogen, schließlich einen ganzen Wald bilden. Die Farbklaviere erzeugen einen sehr schönen Effekt in Klang und Bild, der aber der einzige Farbtupfer auf dunkler Bühne bleibt.

„Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit.“ Dabei hatte sich Hofmann bei der Erprobung tätige Mithilfe beim deutschen Schriftsteller Ernst Jünger geholt. „Es handelt sich ja eigentlich nicht nur um das Visuelle, sondern um die Schärfung der Sinnesorgane überhaupt. Ich möchte sagen, die Bandbreite wird nach beiden Seiten verlängert und überschritten.“ lässt sich der drogenerfahrene „Psychonaut“ in einem Gespräch mit Albert Hofmann in den 1970er Jahren vernehmen. Übrigens legte sich der kultivierte LSD-Genießer Ernst Jünger bei seinen äußerst kontrollierten Trips immer gern Mozart auf.

Bei Luz zerrt es akustisch mal ein wenig in die eine, mal in die andere Richtung. Zu wirklichen Grenzüberschreitungen kommt es aber nie. Als kleine Wahrnehmungsstörung funktioniert der Abend ganz gut, wenn man sich schon darüber wundert, dass einem die Beatles plötzlich spanisch vorkommen. Nun gilt ja Musik durchaus als spiritueller Rauscherzeuger. Besonderer Mittelchen zur kollektiven Verzückung braucht es da nicht unbedingt. Eine Explosion der Sinne oder wie auch immer geartete Bewusstseinserweiterung bleibt hier aber weitestgehend aus. Es wirkt eher wie der meditative Versuch einer spirituellen Kontemplation. Luz verabreicht sein „LSD“ in homöopathischen Dosen. Ein Vogel im Käfig eben. Auch Jünger bezeichnete die Modedroge der Hippies, nachdem er sie zu stark mit Wasser verdünnt hatte, als Hauskatze verglichen mit dem Königstiger Meskalin.

Man lese LSD. Albert Hofmann und Ernst Jünger. Der Briefwechsel 1947 bis 1997, der den intellektuellen Austausch Hofmanns mit dem experimentierfreudigen, nicht ganz unproblematischen Künstler und Lebensphilosophen Jünger dokumentiert. Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen und der Biologe Cord Riechelmann kommen in einem im Buch veröffentlichten Gespräch über Jüngers Drogenexperimente und dessen Essay Annäherungen. Drogen und Rausch zu der interessanten Feststellung: „Wozu habe ich einen Möglichkeitssinn, wenn er mir nicht den Blick auf die Wirklichkeit erweitert?“ Musils „Möglichkeitsmensch“ lässt grüßen. Außerdem klingt das dann schon fast wie eine ultimative Aufforderung für experimentierende Theatermacher.

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LSD – MEIN SORGENKIND (DT Berlin, 15.06.2016)
Inszenierung: Thom Luz
Bühne: Thom Luz, Wolfgang Menardi
Kostüme/Licht: Tina Bleuler
Musik: Mathias Weibel
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer
Mit: Carina Braunschmidt, Mario Fuchs, Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi, Mathias Weibel und Leonie Merlin Young
Uraufführung am Theater Basel: 31.Oktober 2015
Gastspiel des Theaters Basel zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-basel.ch/

Zuerst erschienen am 17.06.2016 auf Kultura-Extra.

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„Das Fest“ vom Staatstheater Stuttgart – Christopher Rüpings furiose Inszenierung nach Thomas Winterbergs Dogma-Klassiker beim Theatertreffen 2015 – (Teil 4)

Freitag, Mai 15th, 2015

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Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Wenn es nach Armin Petras, dem Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart, geht, dann kommt, was in Stuttgart bei der Premiere ausgebuht wird, mit Sicherheit zum THEATERTREFFEN nach Berlin. Wenn Petras tatsächlich eine Regel daraus ableiten wollte, müssten wohl einige Inszenierungen mehr auf dem Einladungsplan der Jury gestanden haben. Der ehemalige Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters hat es, was die Reaktionen des Publikum und der regionalen Kritik betrifft, noch nicht ganz in die Herzen der Stuttgarter geschafft. Da ist eine Einladung nach Berlin pro Jahr allein schon bemerkenswert genug. Gab im vergangenen Jahr der sogenannte „Mut zur Entschleunigung“ den Ausschlag für die Einladung von Robert Borgmanns Onkel Wanja-Inszenierung, die nicht wenige THEATERTREFFEN-Besucher zur Flucht oder in den Schlaf trieb, so dürfte es in diesem Jahr wohl der Mut sein, eine nicht gerade einfache, massenkompatible Geschichte auch noch relativ unkonventionell zu inszenieren.

Christopher Rüping, ein weiterer der zahlreich in diesem Jahrgang vertretenen tt-Debutanten, hat sich an eine in der Tat ungewöhnliche Adaption des Dogma-Klassikers Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov gewagt. Der 1998 entstandene Film erzählt die Geschichte eines Inzests in einer dänischen Hoteliers-Familie. Vater Helge hat die Zwillinge Linda und Christian im Kindesalter sexuell missbraucht, wovon auch die Mutter wusste, was aber später nie wieder zur Sprache kam. Auf der Feier zum 60. Geburtstag des Patriarchen geht Christian an die Öffentlichkeit und hält, ausgelöst durch den Schock des Selbstmords seiner Zwillingsschwester, eine den Vater anklagende Rede. Der Film zeigt über die Zeit von 24 Stunden Christians schweren Kampf für die Wahrheit und gegen die familiäre Verdrängung, bis der aufgetauchte Abschiedsbrief Lindas das Lügengebäude endgültig einstürzen lässt.

Regisseur Rüping reduziert das Personal des Films auf den engsten Kreis der Familie aus Vater, Mutter, Geschwister und Großeltern und lässt seine DarstellerInnen Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau und Christian Schneeweiß sehr spielerisch an die Sache herangehen. Es wird hier ein großer, ungebremster Kindergeburtstag gefeiert, was man auch als eine Art Familienaufstellung ohne Erwachsene deuten könnte, weshalb dann alle immer wieder in XXL-Pullover mit Großbuchstaben (Kostüme: Lene Schwind) schlüpfen, die ihre momentane Rolle anzeigen sollen. Außerdem wechseln mit den Pullovern auch immer wieder die Rollenzuschreibungen von Opfer, Täter und die der verschiedenen Familienmitglieder. Das ist sicher geschickt gestrickt, wenn es auch immer die Gefahr der Banalisierung des ernsten Themas in sich birgt. Dennoch wirkt das Spiel über die gesamte Zeit nie wirklich platt, und bei aller Infantilisierung bleibt der eigentliche Film-Plot doch erstaunlich gut erkennbar.

Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Die durch die klaren Dogma-Regeln bestimmte, starre Dramaturgie des Films bricht Rüping durch die Art der Verfremdung und offene Spielanordnung komplett auf. Offen ist auch die Bühne von Jonathan Mertz. Stapel von Stühlen und Tischen werden immer wieder neu arrangiert und als Abgrenzungsbarrieren, Podium für Ansprachen oder Laufsteg für Showeinlagen zu Dance-Beats genutzt. Man beginnt hier bei einer vom gesamten Ensemble vorgeführten Rede nach dem Motto „Jede Familie hat ein Geheimnis“, die Geschichte der Klingenfeld-Hansen vom dänischen Özi über Erfinder und Entdecker bis zur dunklen NS-Zeit zu beleuchten. Die SchauspielerInnen gehen dabei in den vollen Körpereinsatz und versuchen auch immer wieder durch direkte Ansprache das Publikum mit einzubeziehen. Es zünden Konfettikanonen, wirbeln Windmaschinen, man erzählt sich unkorrekte Witze, und Matti Krause chargiert seinen „Oppa“ immer wieder ins gnadenlos Mundartliche.

Rüping verliert über dem Klamauk aber nie ganz den Ernst aus dem Blickfeld. Zwischen Slapsticks und Popsongs von Cat Stevens‘ „Father and Son“ über „I Follow Rivers“ von Lykke Li bis zu „I’ll stand by you“ von den Pretenders treten immer wieder ruhige Phasen mit intensiven Reden und Dialogen, bevor sich die Party wieder gnadenlos weiter dreht. Figuren werden entlarvt, eingeschüchtert, isoliert oder wieder in den Kreis der schützenden grauen Masse aufgenommen. Der Regisseur macht es einem so nicht gerade einfach, Partei zu ergreifen. Wieder sehr emotional sind eine Badewannenszene, in der Christian seine tote Schwester erscheint, oder wenn sie sich zwischen ihn und seine Liebe Pia drängt. Und auch an den Geschwistern Helen und Michael gehen die Enthüllungen nicht spurlos vorbei. Der Schluss gehört dann noch einmal dem ausgestoßenen Vater und seiner Rechtfertigungsrede aus dem Hintergrund. Ein Zeichen, dass es wohl nie ganz aufhören wird.

Die Inszenierung ist unglaublich dicht, emotional aufwühlend, und die Intensität des Spiels hält einen so bis zum Schluss gefangen. Das ist sicher zeitweise auch schwer erträglich, wobei die Reaktionen des Publikums bei der Premiere in Berlin dann doch recht positiv ausfielen. Wenn auch nicht in allen Szenen gelungen, so bleibt Christopher Rüpings Inszenierung doch zumindest bemerkenswert kontrovers und pustet damit etwas frischen Wind in das bisher doch recht vorhersehbar verlaufende Theatertreffen-Programm.

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Das Fest (Haus der Berliner Festspiele, 11.5.2015)
nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
tt15_promo_media_gallery_resBühnenfassung von Bo hr. Hansen
in der Übersetzung von Renate Bleibtreu
Regie: Christopher Rüping
Bühne: Jonathan Mertz
Kostüme: Lene Schwind
Musik: Christoph Hart
Dramaturgie: Bernd Isele
Mit: Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau, Christian Schneeweiß, Norbert Waidosch (Pianist)
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere am Schauspiel Stuttgart war am 20.04.2015
Termine beim tt15: 11. und 12.05.2015

Weitere Infos: http://www.theatertreffen.de
http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 13.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Psychos im Geisterhaus – Ingmar Bergmans Kult-Film Herbstsonate in einer mystisch aufgeladenen Theaterfassung von Jan Bosse. Eine Koproduktion mit dem Staatsschauspiels Stuttgart am Deutschen Theater Berlin.

Montag, Januar 26th, 2015

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Ingmar Bergman beschreibt in seinem Kultfilm Herbstsonate aus dem Jahr 1978 (mit Ingrid Bergman und Liv Ullman in den Hauptrollen) eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung zwischen psychologischem Kammerspiel und klassischer Tragödie. In einer Koproduktion des Schauspiels Stuttgart mit dem Deutschen Theater Berlin macht Regisseur Jan Bosse mit den beiden Ausnahmeschauspielerinnen Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt daraus einen hochemotional geführten Kampf zweier Frauen, die die Geister der Vergangenheit beschwören, welche sie quälen und auf die sie dennoch nicht verzichten können. Verzweifelt versuchen sie eine Annäherung, doch zu tief gehen die Wunden. Eine Versöhnung zwischen beiden scheint nicht möglich, können doch weder Mutter noch Tochter aus ihrer Haut und den bereits in der Kindheit verfestigten Verhaltensmustern.

Herbstsonate am DT - Foto (C) Bettina Stöß

Herbstsonate am DT – Foto (C) Bettina Stöß

Die erfolgsverwöhnte Konzertpianistin Charlotte (Corinna Harfouch) hat ihre Tochter Eva (Fritzi Haberlandt) seit 7 Jahren nicht mehr gesehen. Auf deren Einladung fährt sie nach Norwegen. Eva lebt dort mit ihrem Mann Viktor (Andreas Leupold), einem Gemeindepfarrer, in einem großen Haus auf dem Land. Viktor ist ein einfacher, gutmütiger Mensch, der seine Frau abgöttisch liebt, eine Liebe, die Eva allerdings nicht erwidern kann. Was Eva ihrer Mutter verschwiegen hat: Seit geraumer Zeit pflegt sie bei sich die zweite, kranke Tochter Charlottes, Helena (Natalia Belitski in einer ausdrucksstark stummen Rolle). Auf diese Begegnung ist Charlotte noch weniger vorbereitet als auf die nun folgende Abrechnung der Tochter mit ihrer egomanischen Mutter, die, wenn sie mal da war, ihr Leben so nachhaltig negativ beeinflusst hat.

Regisseur Jan Bosse interpretiert diese nervenaufreibende, gegenseitige Aufrechnung der beiden Frauen als, wie er es selbst bezeichnet, „lebenslänglich tragikomisches Missverständnis“. Mutter und Tochter mäandern durch „ein labyrinthisches Geflecht zwischen Erinnerung, Sehnsucht und Wahn. Hass- und Wunschvorstellungen“. Und dabei werden auch fortgesetzt die Geister aus der Vergangenheit beschworen. Allerdings nimmt Bosse das in seinen Augen vielleicht schon etwas angestaubte Psychodrama auch nicht besonders ernst, was dem melodramatischen Treiben auf der Bühne mitunter etwas von einer slapstickartigen Situationskomik verleiht. Denn natürlich möchte Bosse auch unterhalten.

Für seinen tragikomischen Exorzismus hat ihm Moritz Müller einen zweistöckigen Bau mit mehreren kleinen, ineinander verschachtelten Zimmern, die durch Treppen mit einander verbunden sind, auf die Drehbühne gestellt. Ganz oben ragt eine Treppenkonstruktion wie ein Abwehrgeschütz ins Nichts des Bühnenhimmels. Dieses labyrinthische Gebilde ist ein wunderbarer Spielplatz für die Darsteller. Es spiegelt gleichermaßen Starre und Eingeschlossenheit, aber auch eine geheimnisvolle Eigendynamik, der sich die Figuren nicht entziehen können. Puppen- und Geisterhaus zugleich. Dazu wabert ein düsterer Soundteppich, der die innere Spannung der Figuren noch betont. Bosse lässt seine Eva zunächst in einem hochgeschlossenen schwarzen Kleid wie aus dem 1900 Jahrhundert auftreten. Die Assoziation zum norwegischen Dramatiker Ibsen ist hier sicher gewollt und auch nicht abwegig.

Eine latente Spannung überdeckt das Spiel der beiden Frauen. Die Erwartungen sind hoch gesteckt. Eine betont naive Herzlichkeit der Tochter bei der Begrüßung gegen die Steifheit und frostigen Floskeln der Mutter. Zunächst nur in kleinen Spitzen und Nebensätzen zeigen sich das Ego Charlottes und die lange aufgestauten Emotionen Evas. Jeder lebt hier irgendwie in seiner eigenen Welt, und oft erschrickt man sogar über das plötzliche Auftauchen einer anderen Person. Evas Mann Viktor scheint da auch immer irgendwie im Weg zu stehen. Schwester Helena geistert bedeutungsschwanger im barocken Puppenkostüm, wie das personifizierte schlechte Gewissen der Mutter durch das Bühnenbild. Starre Blicke, stumme Schreie und das Klammern an Charlotte, die sich der für sie peinlichen Situation sofort entzieht. Aber auch Eva hat ihren Geist. Ihr ertrunkener Sohn Erik, mit dem sie immer wieder liebevoll spricht.

Herbstsonate am DT - Foto (C) Bettina Stöß

Herbstsonate am DT
Foto (C) Bettina Stöß

Das Aufeinanderprallen dieser Welten zeigt sich erstmals nach einem bemühten Abendmahl mit Zitronenhuhn (dem Lieblingsessen Charlottes) bei Kerzenschein. Eva setzt sich beim Klavierspiel bewusst einer kritischen Beurteilung der großen Pianistin aus. Bosse lässt die Gesichter bei heruntergelassenem Gazevorhang auf Großleinwand übertragen. Eva bettelt hier förmlich mit Blicken um ein Lob der Mutter, immer schon mit der Angst deren hohen Ansprüchen nicht zu genügen. Die schulmeisterliche Einschätzung fällt dann auch dementsprechend aus und wirkt wie eine charakteristische Kurzbeschreibung des Verhältnisses beider aus Sicht Charlottes. Evas Spiel sei zu sentimental. Chopin müsse man beherrscht emotional spielen, kühl, den Schmerz unterdrückend.

Die offene emotionale Konfrontation folgt in der Nacht auf das Essen. Aus einer albtraumhaften Situation heraus fällt Eva über Charlotte her, und beide lassen die Masken fallen. Die unsichere Tochter, die stets im Schatten der Mutter stand, erhebt sich nun wie eine Furie mit erhobene Armen über die Mutter. Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt ziehen nun alle Register ihres Könnens. Bergmans Reise in die familiäre Vergangenheit der beiden Frauen ist gespickt mit gegenseitigen Bezichtigungen und Vorwürfen. Bosse lässt seine Protagonistinnen dabei auf einer in der Luft endenden Treppe springen, stürzen und hangeln. Vergangenheitsbewältigung als betont körperliches Abreagieren von seelischen Blockaden. Für Eva hat die Mutter ihr ihre Gefühlskälte und Unfähigkeit zur Liebe vererbt. Was Charlotte ebenfalls mit einer Geschichte aus ihrer Kindheit kontert. Auf weitere Selbsterleuchtung pfeifend, verlässt sie schließlich fluchtartig den Schauplatz.

Und trotz allem bleibt dies auch immer eine hochpsychologische Abwehrschlacht, die die beiden miteinander führen, und die keine Sieger kennt. Was folgt, ist nur eine kurze Erschöpfung. Der Kampf ist damit wohl nicht beendet. Anstatt einen Schlussstrich zu ziehen, beginnt Eva nach einer kurzen Phase der Ruhe erneut mit ihren Annäherungsversuchen an die Mutter in einem Brief, dessen Text hier Andreas Leupold in trockenen Worten rekapituliert. Nach dem ersten Eingeständnis des Selbstbetrugs folgt ein trotziges: „Ich gebe nicht auf.“ Die Never ending Story eines, wie Jan Bosse wohl ganz richtig bemerkt, großen Missverständnisses „im Namen der Liebe“, und, wie man auch meinen könnte, eines in den unterschiedlichsten Fassetten immer wiederkehrenden Mutter-Tochter-Mysteriums aus einem zu viel oder zu wenig an Liebe und Hass, Nähe und Distanz.

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Herbstsonate
nach dem Film von Ingmar Bergman
Regie: Jan Bosse
Bühne: Moritz Müller
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Video: Meika Dresenkamp
Licht: Kevin Sock
Dramaturgie: Gabriella Bußacker
Mit: Corinna Harfouch (Charlotte), Fritzi Haberlandt (Eva), Natalia Belitski (Helena), Andreas Leupold (Viktor) und Rasmus Armbruster / David Vetter (Erik)
Dauer: 1:50h, keine Pause
Premiere am Schauspielhaus Stuttgart: 20.12.2014,
Premiere am Deutschen Theater Berlin: 23.01.2015

Termine: 02. und 03.02.2015 im Deutschen Theater Berlin
28.02. , 01., 12., 13.03., 10. und 11.04.2015 im Schauspielhaus Stuttgart

Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/herbstsonate/ und http://www.schauspiel-stuttgart.de/

Zuerst erschienen am 25.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Mit seinem Stuttgarter „Onkel Wanja“ will uns Regie-Jungstar Robert Borgmann den Tschechow gänzlich austreiben.

Mittwoch, Mai 7th, 2014

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© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

Bei jedem Theatertreffen gibt es mindestens eine Inszenierung, die etwas aus dem Rahmen der üblichen Einladungspraxis fällt und mit der sich die Jury vermutlich beweisen will, dass sie nicht nur einfach ein Best-of des deutschsprachigen Theaters nach Berlin bittet. Nach welchen Gesichtspunkten man da aber genau vorgeht, weiß allerdings nur das hohe Gremium selbst. Zumindest stellt man die Begründung der Jury online, und lässt sie dann später auch noch durch eines ihrer Mitglieder beim Publikumsgespräch persönlich vertreten. Im Fall der Stuttgarter Inszenierung von Tschechows Onkel Wanja in der Regie von Robert Borgmann ist das der Münchner Kulturjournalist und Theaterkritiker Christoph Leibold. Um diesen Job ist er gerade nicht zu beneiden.

Die Ablehnung der Zuschauer war schon bei der Premiere im Oktober im Rahmen des Stuttgarter Eröffnungsreigens des neuen Intendanten Armin Petras nicht zu überhören. Die Kritik schwankte zwischen totaler Ablehnung und eher zaghaften Wohlwollensbekundungen. Auch unter den geläufigen Berliner Kritikern findet der Stil des jungen, unter Sebastian Hartmann in Leipzig erstmals aufgefallenen Regisseurs Borgmann spätestens nach seinem Macbeth-Debakel zum Ende der Intendanz Petras am Maxim Gorki Theater eher wenig Zustimmung. Der Klassiker Tschechow ist wie Shakespeare oder Ibsen Dauergast auf dem Theatertreffen, man kommt nicht umhin Borgmanns Inszenierung mit denen anderer Jahre zu vergleichen.

Die Jury des TT bescheinigte Robert Borgmanns Onkel Wanja „Mut zur Entschleunigung“. Die Inszenierung laufe dennoch nie Gefahr zu langweilen. Lethargie und lähmende Hitze inszeniere Borgmann mit „zirpenden Grillen und einem suggestiven Soundteppich“. Grillen waren zwar neben dem benebelnden Elektrosound nicht zu vernehmen, dafür aber ausgiebig die Pfeifkünste des Hauptdarstellers Peter Kurth zu bewundern. Damit besitzt der Regisseur aber noch lange kein herausragendes Alleinstellungsmerkmal. Seine Inszenierung bewegt sich höchstens etwas neben der gängigen Aufführungspraxis, die schon länger versucht, Tschechow aus der melancholisch psychologisierenden Ecke herauszuholen. Man denke da nur an die kraftvolle Inszenierung von Lensing/Hein mit Josef Ostendorf als Wanja, Devid Striesow als Astrow und Ursina Lardi als Jelena 2008 in den sophiensaelen. Hier war die Luft von Anfang an gewittrig dick und die Wut der von ihrer Verzweiflung Gezeichneten förmlich greifbar.

Peter Kurth als Onkel Wanja Foto: Julian Röder

Peter Kurth als Onkel Wanja
Foto: Julian Röder

Auch Borgmann zeige laut Jury „wie Trauer in Depression und Trägheit in Aggression umschlagen“. Das führe er gänzlich unsentimental vor. „Ein erstaunlich dynamisches Stillstandszenario.“ Was da wie ein Widerspruch in sich klingt, verbreitet dann auch ganz bewusst und entschieden lähmende Langeweile. Borgmann füllt sie lediglich an mit den Mätzchen kindischer Männer, die aus Mangel an Gelegenheit um eine zickige Großstadt-Trulla (Sandra Gerling als Jelena) kreiseln. Aggressives Verhalten zeigen diese beiden Kraftpakete lediglich beim Slapstick mit dem Auto, beim sich kurz mal Gegen-die-Wand-Werfen oder in einem Wutanfall, der Peter Kurths Wanja ergreift, als der hypochondrische Familientyrann (und des öden Landlebens müde) Professor im Ruhestand (Elmar Roloff) das ihm verhasste Gut verkaufen will – die einzige Aufgabe, die Wanja noch am Leben hält. Die Depression ist alles, was ihm bleibt. Aus dem Dämmerschlaf seines Lehnstuhls erwacht, dämmert ihm nun die Vergeblichkeit seines bisherigen Lebens und die Kläglichkeit seiner Bemühungen, dieses zu ändern.

Auch Thomas Lawinkys Arzt Astrow hat sich eigentlich schon innerlich aufgegeben. Die Gefühle sind abgetötet, der Alkohol tut sein Übriges. Sein Bemühen um die Natur und seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft erscheinen ihm angesichts der Schönheit von Jelena plötzlich vollkommen sinnlos. Der Verstand rutscht in die Hose, und sein Vortrag vor der an diesen Dingen völlig Desinteressierten wird zur Posse mit albernen Froschflossen. Die ihn anhimmelnde Sonja (Katharina Knap) sieht Astrow nicht, auch wenn sie ihm immer wieder auf roten Pumps ungeschickt vor die Füße fällt. Der grobe Klotz, der keine Samoware oder russische Seufzerseligkeit mag, torkelt durch die Gegend, schleppt eine Kaffeekanne mit sich herum und zerschmeißt die Tassen. Hier macht sich jeder so gut er kann zum traurigen Hans Wurst.

Das russische Landgut, auf dem sich das abspielt, ist bei Borgmann eine leere Bühne mit Gartenstühlen und einem im Zeitlupentempo um die Szenerie kreisenden Autowrack ohne Räder. Hier kommt niemand mehr weg. Das ganze Spiel, jede angedeutete Bewegung oder jegliches Aufbegehren der Figuren bleiben ohne Konsequenzen. Als brächte man sie und somit das komplette Geschehen konsequent auf null. Aber auch das kennen wir schon aus den leergeräumten Kastenbühnen der Tschechow- und Gorki-Inszenierungen von Jürgen Gosch, aus denen sich keine der Figuren zu befreien vermochte und kaum sichtbare Bewegungen von Bäumen oder Wänden die unendlich langsam dahinziehende Zeitachse und perspektivlose Enge symbolisierten. Bei Borgmann fährt eine neonhelle Lichtdecke rauf und runter, erscheinen Figuren aus der Vergangenheit oder nestelt der Professor zahllos ineinander verschachtelte Matrjoschkafiguren auseinander.

Peter Kurth und Katharina Knap vor Riesenglücksrad – Foto: Julian Röder

Peter Kurth und Katharina Knap vor Riesenglücksrad – Foto: Julian Röder

Alles in allem verlängert Borgmann nur Tschechows bleierne Melancholie ins Unendliche. Eine einzige Figur aus dem Tschechow-Kosmos scheint hier unermüdlich in ihrem Glauben an Gnade und Mitgefühl. Sonja nimmt das Leid der anderen fast begierig in sich auf. Borgmann lässt sie ganze Sätze der sich ins Autowrack Geflüchteten als Monolog an der Rampe halten. Vor einem riesigen sich drehenden Leuchtrad spricht sie dann noch den Abgesang auf das Hier und Jetzt. Keine Chance auf Glück in dieser Welt. Erst im Himmel werden sie und Wanja Ruhe finden. Man kann Borgmann sicher nicht Desinteresse an seinen Figuren vorwerfen. Als einziges Fazit für fast 3 Stunden 30 Minuten ist das aber bedeutend zu wenig. Eine Tschechow-Inszenierung muss sicher nicht zwingend unterhalten. Muss sie deshalb aber dem Publikum Depression in Echtzeit vorführen? Zudem ist das Gebotene leider auch aus darstellerischer Sicht nicht besonders ergiebig.

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Onkel Wanja
Szenen aus dem Landleben in vier Akten von Anton Tschechow

Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: webermichelson
Licht: Sebastian Isbert
Dramaturgie: Jan Hein.
Mit: Elmar Roloff, Sandra Gerling, Katharina Knap, Susanne Böwe, Peter Kurth, Thomas Lawinky, Michael Stiller, Gina Bartel/Nora Liebhäuser.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Premiere im Schauspielhaus Stuttgart: 27. Oktober 2013

Weitere Infos: http://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/onkel-wanja/

Zuerst erschienen am 06.05.2014 auf Kultura-Extra.

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