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SPAM – Fünfzig Tage. Roland Schimmelpfennig inszeniert sein eigenes Stück über den Coltanabbau in Afrika am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.

Mittwoch, Mai 28th, 2014

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Roland Schimmelpfennig (Nestroy-Theaterpreis 2009) - Foto: Manfred Werner unter GNU-Lizenz (Wikipedia)

Roland Schimmelpfennig (Nestroy-Theaterpreis 2009) – Foto: Manfred Werner unter GNU-Lizenz (Wikipedia)

Roland Schimmelpfennig ist immer noch einer der meistgespielten deutschen Dramatiker, auch international. Nach seinem Stück Die vier Himmelsrichtungen (2011 bei den Salzburger Festspielen in Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin uraufgeführt) ist es allerdings etwas ruhiger um den Autor des phantastischen Realismus geworden. Seit Mitte der 1990er Jahre bemüht Schimmelpfennig in seinen Stücken regelmäßig die Fantasie der Mythen und Märchen. Viele seiner Dramen wirken dabei wie lyrisch-magische Verlaufsformen einer infiniten Wohlstands-Gesellschaft am Rande des Kollapses. Neben dem 2009 verstorbenen Jürgen Gosch hat Schimmelpfennig seine Stücke auch immer wieder selbst uraufgeführt. Er bediente sich dabei aber nie der üblichen, vorhersehbaren Regietheatermätzchen. Mit dem parabelhaften Globalisierungsstück Der goldene Drache um den Zahn eines illegal in das deutsche Imbisswesen eingewanderten Chinesen kam er 2010 in Mülheim sogar zu besonderen Dramatikerwürden. Spätestens mit seinem in Berlin und Hamburg doppelt uraufgeführten Entwicklungshilfemelodramas Peggy Picket sieht das Gesicht Gottes befindet sich Roland Schimmelpfennig nun vollends auf dem dramatischen Schmusekurs mit der Dritten Welt. Die Faszination für den „dunklen Kontinent“ Afrika lässt ihn scheinbar nicht mehr los.

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Zivilisatorische und soziale Themen der westlichen Welt mit dem kolonialen Mythos Afrikas zu verknüpfen, ist nicht ganz neu. Und so wirkt dann auch Schimmelpfennigs Auftragsarbeit für das DeutscheSchauspielHausHamburg wie eine U-Bahn-Fahrt ins Herz der Finsternis (Joseph Conrad) und stehen mit dem Riesen, Chef einer Metallmine, seiner Nummer zwei, dem schönen Johnny, und der blinden, um ihren verschütteten Mann klagenden Frau fast schon Koltés’sche Figuren im Zentrum von SPAM, einem, wie es im Programmbuch ganz ähnlich gedeutet wird, Beziehungsdrama in postkolonialen Zeiten. Es geht aber in erster Linie um die Ausbeutung der Bodenschätze Afrikas für die Produktion dessen, was uns in unserer Welt zur unerlässlichen Selbstverständlichkeit geworden ist. Die ständige Erreichbarkeit durch mobile Kommunikationsgeräte, die uns immer ausgeklügeltere Technologien verheißen. Wir haben die grenzenlos fliesenden Datenströme der Welt stetig am Ohr und produzieren den sogenannten Spam selbst am laufenden Band. Ein pausenloser Fluss von Stimmen und Zahlen wie der unablässige Regen, der die löchrige afrikanische Erde aufweicht, ausgehöhlt durch die Hände eines Riesen im Namen des Fortschritts.

Das sind Schimmelpfennigs dramatische Assoziationen. Eine von Anfang bis Ende nachvollziehbare Story zu erzählen, ist dabei sein Ding aber nicht, nie gewesen. Und so ist SPAM nicht nur unerwünschter, elektronischer Datenmüll, es ist ein Lang-Poem für mehrere Stimmen, eine 50tägige prophetische Albtraumreise durch Herz und Hirn. Schimmelpfennig stellt seinem Stück ein rätselhaft paradoxes Bild voran, das von den sechs Darstellern mit selbst zusammengeklebten Masken aus Pappe und Plastiktüten abwechselnd chorisch an der Rampe vorgetragen wird. Der Riese, dargestellt von Aljoscha Stadelmann, erzählt von einem Mann, durch dessen Kopf ein Zug fährt, in dem er sich wiederum selbst befindet. Zwei Ebenen des Stücks, die einer uns fremden afrikanischen Realität und die des Traums einer U-Bahnfahrt, die wieder in die unsrige Welt verweist. Die Bahn wird zum Schiff, das Diamanten, Gold und Coltan für besagte Smartphones aus Afrika holt und den Zivilisationsmüll zurückbringt. Der Kapitän ist eine Frau, Kati (Katja Danowski), die Geliebte des Riesen.

Der globale, kapitalistische Riese, der immer weiter wächst, je tiefer er sich in die Erde Afrikas gräbt, ist einerseits Sinnbild der postkolonialen Ausbeutung, aber andererseits auch für die große Sentimentalität und Liebessehnsucht, die ihn beim Hören der Klagegesänge der Frau (Lina Beckmann), blindgeworden über dem Verlust ihres Mannes (ein mit Matsch beschmierter Franz Hartwig), dem Licht ihrer Augen. Und drüber weg summt der allgemeine Kommunikationsstrom und schlägt der Beat der Herzen im Elektrosound und mit Liveschlagzeugbegleitung von Suzana Bradaric und Alex Jezdinsky. Zahlenreihen laufen per Videoprojektion wie der afrikanische Regen – hier auch mal mit Gießkanne erzeugt – über transparente Plexiglaswände.

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SPAM – Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

Bühnenbildner Wilfried Minks, der vor drei Jahren noch am Thalia Theater selbst Schimmelpfennigs Peggy Picket inszenierte, hat dem Autor/Regisseur nun einen umgedrehten Turm von Babel an die Bühnenrückwand gehängt. Hier schraubt sich die Hybris des modernen Menschen nicht mehr in die Höhe. Der Riese gräbt sich auf der Suche nach dem Verschütteten in die Tiefe der Erde. Aljoscha Stadelmann verschwindet dabei schon mal bis zum Kopf in einem Bühnenloch. Was er zu Tage fördert, ist ein Pappschädel und weitere 400 Leichen für das Wachstum der westlichen Welt. Alles ist hier irgendwie mit allem verbandelt. Der Riese ist liebeskrank, der Produktionskreislauf steht für 50 Tage wundersam still, und die westliche Welt scheinbar auf dem Kopf. „Spam. Mach mich nicht ready.“ schreit der Chor ins Handy.

Schimmelpfennig benutzt Zahlen und biblische Motive ähnlich der Apokalypse des Johannes. Die Köchin Elena (Elizabeth Blonzen) prophezeit dem Riesen seinen Tod nach 50 Tagen. Es wird ihm das Herz verbrennen und zerreißen. Von Herz ist allgemein viel die Rede. In einer minutenlangen Kunstblutarie wird dem Riesen ein Ziegelstein einoperiert, und auch hier könnten z.B. Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz oder Heiner Müllers Herzstück Pate gestanden haben. Nach getaner Arbeit möchte man den Schauspielern direkt zurufen: „Aber es schlägt nur für Sie.“ Der Tod des Riesen tritt dann tatsächlich nach 50 Tagen ein. Der Geist des Verschütteten hat eine Bombe gebastelt, die in der U-Bahn explodiert. Ein apokalyptisches Bild der Zukunft, die eigentlich in Europa schon unter anderen Vorzeichen bittere Gegenwart war. Der Zweite (Jan-Peter Kampwirth), nun selbst Chef, wischt seine Tränen und die düstere Vision mit den Worten weg: „Machen wir weiter.“

Ja was denn auch sonst. Schimmelpfennigs Text ist zwar hübsch poetisch, ergeht sich aber immer wieder auch in recht schlichten Metaphern. Die ständigen Wiederholungen erzeugen ähnlich unsäglichem Handy-Gequassel ein konstant redundantes Geblubbere. Dazu stellt die Regie die Protagonisten leidend an die Rampe und lässt dem einfach freien Lauf. Der märchenhafte Umgang mit der Realität offenbart hier selbst aufs Schönste die naive Ahnungslosigkeit des Autors, die er nur mit ordentlich verkitschter Poesie zu verbrämen weiß. Irgendwie auch eine Kapitulationserklärung der Kunst und ein satter Schlag ins Gesicht von Theatermachern, die schon länger ernsthaft versuchen, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen. Schimmelpfennigs SPAM liefert den Ausdruck einer Gegenwartskunst, die Dramatik nicht mehr als Spiegel oder gar Möglichkeit, sondern nur noch als lyrisches „Attachment” der industriellen Wegwerfgesellschaft begreift. Man nennt das auch Feigenblatt.

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DSH_Mai 2014

Foto: St. B.

SPAM – Fünfzig Tage (UA)
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Roland Schimmelpfennig
Bühne: Wilfried Minks
Kostüme: Lane Schäfer
Musik: Hannes Gwisdek
Dramaturgie: Michael Propfe
Licht: Susanne Ressin
Mit: Lina Beckmann, Elizabeth Blonzen, Katja Danowski, Paul Herwig, Jan-Peter Kampwirth, Aljoscha Stadelmann.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Infos: www.schauspielhaus.de

Zuerst erschienen am 27.05.2014 auf Kultur-Extra.

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„Das Goldene Vlies“ von Franz Grillparzer – Die Übernahme einer erfolgreichen Kölner Inszenierung von Karin Beier ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg.

Mittwoch, Mai 28th, 2014

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Vlies_DSH_Plakat

Foto: St. B.

Nach dem furiosen Start der Intendanz von Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit den Rasenden legte die Ex-Kölnerin nun mit einer weiteren Antikentrilogie als Übernahme einer an ihrer alten Wirkungsstätte bereits erfolgreich gelaufenen Inszenierung nach. Der österreichische Dramatiker Franz Grillparzer verknüpfte in seinem dreiteiligen, 1819 uraufgeführten Drama Das Goldene Vlies die bekannte Tragödie Medea des Euripides mit der antiken Argonautensage um den griechischen Helden Jason, der nach Kolchis kommt, um den Tod des Phryxus zu rächen und das Goldene Vlies, das diesem vom König der Kolcher Aietes geraubt wurde, wieder nach Griechenland zu holen. Aktuell hat Grillparzers Trilogie in Bezug auf Fremdenhass und Flüchtlingselend wieder Konjunktur. Das Hauptaugenmerk vieler RegisseurInnen liegt aber zumeist eher auf der Medea als psychologisches Drama einer Mutter, der nach dem Verrat ihrer großen Liebe Jason auch noch die Kinder genommen werden sollen.

So auch bei Karin Beier. Sie lässt zwar auch die vollständige Trilogie spielen, handelt aber die Dramenteile Der Gastfreund und Die Argonauten recht kurz und hölzern archaisch ab. Auf weiß eingeschlagenem Gefiert agieren die Schauspieler mit großen Pappmasken vor den Gesichtern, wie wir es bereits schon in der Iphigenie beim Auftaktmarathon mit den Rasenden zu sehen bekamen. Die so eindimensionale Mimik wird durch expressive Gesten und Körpereinsatz wettgemacht. König Aietes (Manfred Zapatka) wittert fette Beute und will dem auf Kolchis Schutz suchenden Griechen Phryxus (Carlo Ljubek) das Golden Vlies – ein recht verblichener Lappen am Stiel – abjagen. Dafür umschmeichelt er erst seine Tochter Medea (Maria Schrader) um Rat und Beistand und befielt ihr dann, als sich die Unheil Fürchtende zu entziehen versucht. Phrixos, der sich auf die Gastfreundschaft der Kolcher beruft, wird als Fremder und angeblicher Tempelräuber (das Vlies hatte er als Gabe des Kolchergottes Perento in Delphi erhalten) verfemt und aus Gier getötet. Im Sterben verflucht er die gesamte Sippe des Aietes. Dazu schrammt die am Rande hockende Sue Schlotte bedrohliche Töne auf ihrem Cello.

Nach diesem kurzen Vorspiel treten die gleichen Schauspieler wieder in weißen Hemden und schwarzen Hosen auf, nun allerdings ohne Masken. Es entspinnt sich sogleich eine in ihren Grundzügen ganz ähnliche Situation wie zu Beginn des Gastfreunds. Wieder ist es Aietes, der auf Krieg gegen die griechischen Eindringlinge drängt und Medea, die den bereits in Händen haltenden Gifttrunk nicht an Jason ausgeben kann. Sie verliebt sich sofort in den Griechen, und beide ringen nun in einer Art Kampfchoreografie um Liebe, Macht und Vlies. Ungestümer nur noch der jüngere Bruder Medeas, Absyrtos, der zuvor als Kind mit großem Maskenkopf untätig alles mit ansehen musste. Seinen vollen Körpereinsatz für das Vlies bezahlt der Rasende schließlich mit dem Leben. Absyrtos erdolcht sich selbst als Geisel des Jason. Angelika Richter (für die nun am konkurrierenden Thalia Theater spielende Patrycia Ziolkowska eingesprungen) spielt ihn als trotzigen, fanatisierten Jüngling. Vom Vater ob des Verrats verflucht und verbannt, beschließt Medea den Argonauten-Teil mit einem düsteren Ausblick auf das weitere Leben mit Jason: „Ein Haus, ein Leib, ein Verderben.“

DeutschesSchauspielHausHamburg - Foto: St. B.

Das DeutscheSchauspielHausHamburg – Foto: St. B.

So weit, so pathetisch. Nach diesem kurzen aber starken Auftakt, der die Vorgeschichte für das folgende, bittere Ende liefert, schlafft der müde Krieger Jason, nun im zivilisierten Business-Kurzmantel, ebenso ab, wie die bisher rasante Inszenierung an Fahrt verliert. Karin Beier nimmt das Tempo nach der Pause raus und setzt nun ganz auf die Kraft des Wortes. Und das hat es in den messerscharfen Versen Grillparzers in sich. Es geht nun ganz heutig psychologisierend weiter. Schon Grillparzer legte hier das Augenmerk auf Mitleid und nicht auf die Rache der verlassenen Mutter und Ehefrau. Ein Psychogramm innerer Verletzungen, die tiefer gehen als jedes Griechen oder Barbaren Schwert. Medea, die die Vergangenheit hinter sich lassen und, ihrem Gatten folgend, beider Schicksal annimmt, wird bitter enttäuscht. Jason hadert ob der „verpesteten Gemeinschaft“ mit Medea, derentwillen er nun Bittsteller am Hofe Kreons geworden ist. „Wir sind hier unter Menschen“, ist seine einfach Erklärung für die Ablehnung der Griechen gegenüber der Fremden.

Kreon, König von Korinth, den Manfred Zapatka nun als ganz kühl berechnenden Herrscher in Uniform gibt, macht deutlich klar, dass nur Jason, aber nicht Medea hier willkommen ist. Die Zuneigung, die ihr seine Tochter Kreusa (Angelika Richter) entgegen bringt, ist von gutwillig missionarischer Art. Sie singt mit den Kindern Lieder, gibt ihnen Eis und der Mutter mit dem „Barbarennamen“ Cellostunden. Allein den Vorsprung an gemeinsamen Jugenderinnerungen zwischen Jason und Kreusa kann Medea nicht aufholen. In die Enge getrieben, geht erst das Cello zu Bruch und dann der Glaube an die Liebe Jasons. Nachdem der Plan Kreons, Jason zum Schwiegersohn zu machen, um ihn und das Vlies an Korinth zu binden, gefasst ist, gilt der Verbannten nur noch so lange Schutz, bis sich Kreon des Vlieses sicher glaubt.

Schlussapplaus zum Goldenen Vlies am DeutschenSchauspielHausHamburg - Foto: St. B.

Schlussapplaus zum Goldenen Vlies am DeutschenSchauspielHausHamburg – Foto: St. B.

Jason schwenkt nur allzu bereitwillig auf die Linie Kreons ein und demütigt Medea, die um ihre Kinder bittet. Als selbst diese ihr, vor die Wahl gestellt, die Liebe versagen, ist die Verzweiflung auf dem Höhepunkt und das Opfer erst zur Tat bereit. „Die Welt, eine leere Wüste ohne Kinder, ohne Gemahl.“ Die Folgen für Kreusa, Kreon, Medeas Kinder und Jason selbst sind bekannt. Was Kreon und Jason hier antreibt, ist natürlich vor allem auch politisches Kalkül. Es ist reines Machtdenken, das die beiden Frauen zu Konkurrentinnen und zusammen mit den Kindern zu Spielbällen der Männer macht. Karin Beier bricht das leider auf eine fast rein familiäre Tragödie herunter. Der hohe Ton der Schrader als betrogene Ehefrau Medea kulminiert im großen schmerbeladenen Schlussmonolog, nachdem sie von ihrer Verzweiflungstat an den Kindern blutbeschmiert wieder an die Rampe tritt. Glück und Ruhm sind nur noch Schatten, der Traum davon ist aus. „Allein die Nacht noch nicht.“ Sehr rührend und um Mitgefühl heischend geht dieser Grillparzer-Abend zu Ende, der doch so vieles mehr sein könnte, als nur ein Fest der hohen Schauspielkunst. Der Appell an die kollektive Einfühlung stößt doch auch ein wenig unangenehm auf. Trotz allem verdienter Beifall und Bravorufe für die Darsteller.

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Das Goldene Vlies (24.05.2014)
von Franz Grillparzer
Regie: Karin Beier
Bühne: Jens Kilian
Kostüme: Johanna Pfau
Licht: Johan Delaere
Musik: Wolfgang Siuda
Choreografie: Valenti Rocamora i Tora
Dramaturgie: Rita Thiele
Mit: Maria Schrader, Angelika Richter, Carlo Ljubek, Manfred Zapatka und Sue Schlotte am Cello

Hamburger Premiere war am 10.05. 201

Dauer:  ca. 2 Stunden und 45 Minuten, eine Pause

Info: http://www.schauspielhaus.de/de_DE/repertoire/das_goldene_vlies.1006867

Zuerst erschienen am 27.05.2014 auf Kultura-Extra.

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DIE RASENDEN – In sechseinhalb Stunden nach Troja und zurück. Karin Beier eröffnet mit einem Antikenmarathon das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg.

Freitag, Januar 24th, 2014

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Deutsches Schauspielhaus HamburgAntikenprojekte erfreuen sich seit jeher landauf, landab großer Beliebtheit. Seien es nun der König Oedipus und die Orestie unter Max Reinhardt 1910/11 am Deutschen Theater Berlin, das ebenfalls zweiteilige Antikenprojekt von Peter Stein 1974/80 an der Berliner Schaubühne und Einar Schleefs Mütter-Projekt 1986 am Schauspiel Frankfurt, oder neuerlich Andreas Kriegenburgs 2002 an den Münchener Kammerspielen inszenierte Orestie, Michael Thalheimers Projekt Ödipus / Antigone zur Eröffnung der Intendanz Reese 2009 in Frankfurt und Stephan Kimmigs Ödipus Stadt zur Spielzeiteröffnung 2012 am Deutschen Theater Berlin. Die Themen Schicksal, Hybris, Krieg ähneln sich, die Zusammenstellung der Stücke variiert meist nur geringfügig. Die Königsdisziplin ist dabei aber immer noch die Inszenierung der gesamten Thebanische Trilogie des König Ödipus von Sophokles oder des in der Orestie des Aischylos beschriebenen Endes der Atriden-Saga. Die Fragen richten sich da meist nur noch nach der Länge und der Möglichkeit der Aktualisierung oder Verschränkung mit Tragödien anderer antiker Dichter.

Karin Beiers Antikenmarathon Die Rasenden stellt da keine Ausnahme dar. Gerade hier schienen schon im Vorfeld Hybris und Schicksal eine fast unvermeidbar tragische Verbindung eingegangen zu sein. Kaum war das anspruchsvolle Vorhaben zur großen Intendanz-Eröffnung im November des vergangenen Jahres auf den Spielplan des gerade in Renovierung befindlichen Schauspielhauses gehievt, sauste wie von Götterhand der Eiserne Vorhang nach oben und die runterstürzenden Gegengewichte zerschlugen im Gegenzug den neuen Bühnenboden. Es wurde dabei zwar glücklicher Weise niemand verletzt, aber die Tragödie war dennoch perfekt. Die Eröffnung des Deutschen Schauspielhauses musste auf den Januar 2014 verlegt werden.

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Am letzten Samstag fand diese nun endlich statt, und es sind davon keine weiteren großen Verluste mehr zu vermelden. Die Regisseurin Karin Beier, neu berufene Intendantin des Schauspielhauses, hat sich für mehrere Tragödien rund um den Trojanischen Krieg eine Art Mythos der „Mutter aller Kriege“ entschieden. Im ersten Teil des Abends kommen die Tragödien Iphigenie in Aulis und Die Troerinnen des Euripides zur Aufführung, Anfang und Ende des großen Krieges um die antike Stadt Troja. Im Programmbuch lässt man sich dazu lang und breit über Mythen als innere Triebkräfte des Menschen aus. Euripides setzte als erster griechischer Dichter das Drama des Menschen auf der Suche nach dem richtigen Handeln gegen das göttliche Gesetz des Schicksals. Dass er dabei auch verstärkt Frauenfiguren in den Mittelpunkt seiner Tragödie gestellt hat, scheint Karin Beier zusätzlich gereizt zu haben.

DIE RASENDEN am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: St. B.

Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg
Foto: St. B.

Zu Beginn wird die Opferung der Iphigenie, Tochter des griechischen Heerführers Agamemnon, als notwendige Voraussetzung für guten Wind und die Fahrt nach Troja zur Vernichtung der Stadt des frechen Räubers der Helena verhandelt. Dabei tragen die Darsteller weiße Sporthemden, stehen zum Teil auf hohen Styroporkothurnen und halten sich immer wieder große Pappmachemasken vor die Gesichter. Es wird dabei meist frontal ins Publikum gesprochen. Alles nach griechisch antikem Tragödienvorbild. Agamemnon (Götz Schubert) wird von Bruder Menelaos (Yorck Dippe) bedrängt, das Volk begehrt auf und droht mit Aufstand. Der Feldherr wird seine Zweifel beiseite wischen und sich dem Gebot der Götter fügen und für die Sicherung der eigenen Autorität als Führer sorgen. Wogegen Mutter Klytaimestra (Maria Schrader) natürlich emotional aufbegehrt. Es ist dabei viel von Raserei die Rede. Tochter Iphigenie ist der Spielball zwischen beiden. Anne Müller (letztes Jahr noch am Berliner Maxim Gorki Theater), erst ganz hibbeliger, ungelenker Teenager, wird immer mehr in den ideologischen Sog um die Rechtfertigung des Krieges gezogen und mutiert schließlich vom ängstlichen Opferlamm zum willigen Einpeitscher. „Der Gottheit Schrecken vernichte Troja mit meinem Blut.“

Die eigentliche zehnjährige Schlacht um Troja wird dann in einem minutenlangen Orchestersturm für Streicher und Chor mit einer Komposition von Jörg Gollasch abgehandelt. Das hat durchaus sehr starke Momente. Die Stadt geht schließlich in einem großen dissonanten Regeninferno mit gelbem Rauch unter. Aus dem Hintergrund schälen sich am Ende mehrere graue Gestalten in Decken gehüllt. Mit den Troerinnen kommen nun auch die Mütter der Toten zu Wort. Sie warten als Kriegsbeute auf ihren Abtransport nach Griechenland. Aus einem großen Lautsprecher über der Bühne ertönen immer wieder Befehle: „Los, weiter, nicht einschlafen!“ Die Frauen schleppen dabei unentwegt Säcke von einer Bühnenseite auf die andere. Danach wird ihnen eröffnet, welchem griechischen Herrscher sie per Los zugefallen sind. Dabei sind die Erwartungen der Versklavten ganz unterschiedlicher Art. Während die meisten ängstlich ihr Schicksal beklagen, schwingt sich Seherin Kassandra (großartig: Rosalba Torres Guerrero) zu einem wilden Rachetänzchen auf.

Die Inszenierung hat Karin Beier aus Köln mitgebracht. Sie verwendet darin eine Bearbeitung der Euripides-Tragödie von John Paul Sartre. Der hatte das Stück näher in die Gegenwart (damals die Zeit des Algerienkrieges) gerückt und politisch aufgeladen. Da ist dann wiederum ganz aktuell von Flüchtlingen, die man nicht gerufen habe, und der Kolonisation Afrikas und Asiens die Rede. Schön hier auch wieder der Einsatz von Musik und Chorpassagen.

Besonderen Raum nimmt hier die Klage der Hekuba (Julia Wieninger), Königin von Troja, an Zeus ein, der sich von den Troerinnen abgewandt habe. Andromache, die Frau des Hectors, ruft ihren Mann, dass er aus dem Hades zurückkehre, um sie zu retten und zu rächen. Sie ist dem Sohn Achills bestimmt. Ihr Kind wird der Sieger aber nicht verschonen. Das sind bewegende Szenen an der Rampe, in denen sich Lina Beckmann als Andromache von ihrem Kind trennen muss. Die Richtung der Anklage ist klar. Im zweiten, deutlich ironisch aufgeladenen Teil der Troerinnen geht es dann wieder um die ungeklärte Schuldfrage des Krieges. Verhandelt wird das wie bei einem Erotik-Quiz mit blanken Brüsten und umgeschnalltem Gummi-Penis. Die blonde Helena (Angelika Richter) darf dabei wie Marylin Monroe das Röckchen lüften und „Happy Birthday, Mr. President“ singen, während der tumbe Menelaos (Yorck Dippe) mit Pappkrone lüstern zur Wahl stellt, ob er sie gleich oder später steinigen lassen soll.

DIE RASENDEN am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto: St. B.

DIE RASENDEN am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

Nach der ersten Pause fährt Karin Beier mit dem Agamemnon aus der Trilogie der Orestie von Aischylos fort. Das ist witzig und nachdenklich zugleich angelegt. So aber mit Sicherheit auch der schwächste Teil des Marathons. Der Versuch, die Rückkehr und Ermordung des griechischen Feldherrn aus dem Trojanischen Krieg poppig zu unterlegen und das zurückgebliebene Volk in einem Schrumpf-Chor der dekadenten Meckerer, Schlappschwänze und Opportunisten im Rollkragenpulli zu überironisieren, ist gleichermaßen Konzession und Aufforderung an das Publikum, das sich eigentlich selbst erkennen soll, es aber lieber vorzieht, zu lachen. Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn und Gustav Peter Wöhler kalauern sich Äpfel essend durch das Geschehen, obwohl sie eigentlich doch lieber gar nichts mehr sagen wollten. Dass hier eine Übersetzung von Peter Stein gespielt wird, will man da gar nicht glauben. Götz Schubert poltert als tätowierter Wilder mit seiner erlahmten Kriegsbeute Kassandra auf der Schulter heran, während Nebenbuhler Ägisth (Markus John) verstohlen am Küchenherd schnippelt und die ganz in rot gewandete Rachemegäre Klytaimnestra (Maria Schrader) schon die Wanne für die Abschlachtung bereitet.

Ernster wird es wieder in der eingeschobenen Elektra nach Hugo von Hoffmannsthal. Die Bühne ist meist dunkel, und die in der Unterbühne sitzende Elektra wird per Videoprojektion auf Leinwände übertragen. Wer zu ihr will, muss eine steile Treppe hinabsteigen. Birgit Minichmayr sitzt tief düster gestimmt, mit dickem Kajal unterm Auge, in ihrer Gruft und grollt. Der an Albträumen leidenden Mutter Klytaimnestra schenkt sie nichts außer Verwünschungen, während sie die unsichere Schwester Chrysothemis (Lina Beckmann) wortreich zu indoktrinieren weiß. Ein böses Psychospielchen, das erst mit dem Auftauchen des jungen Orest (Carlo Ljubek) endet, der sich dem Götterwillen beugt und die Rachetat an Mutter und Nebenbuhler vollstreckt.

Hernach geht es übergangslos in die Euminiden. Während sich Orest noch im Blute der Erschlagenen wälzt und gleichzeitig, sich einen Athene-Schrein bauend, von der quälenden Schuldfrage getrieben wird, tritt der lustige Dreierchor aus dem Agamemnon nun als wahrlich Wohlmeinende auf. Man palavert munter populärwissenschaftlich über Schwarze Löcher, Quantenphysik und Schrödingers Katze. Gesegnet ein Theater, das es sich leisten kann, Darsteller vom Format eines Joachim Meyerhoff, Michael Wittenborn und Gustav Peter Wöhler als Chor- und Eumeniden-Clowns zu besetzten. Die Frage: „Schuldig oder Nichtschuldig?“ wird hier mit einem „klaren“ fifty-fifty beantwortet, oder besser mit einem ruhigen null zu null. Nur nicht aufregen ist die Devise. Das Ganze endet nicht in der gottgegebenen Demokratie, sondern in einem Debattierclub des So-wohl-als-auch. Die Götter sind aus dem Olymp verbannt. Der Mensch steht nun allein mit seiner Not. Es bleibt schwierig, ist die Quintessenz. Dem vielschichtigen Abend mehr als angemessen.

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DIE RASENDEN
Iphigenie in Aulis, Die Troerinnen, Die Orestie/Elektra
Nach Euripides / Sartre / Aischylos / von Hofmannsthal
Deutsch von: Soren Voima / Hans Mayer / Peter Stein
Spielfassung: Karin Beier, Rita Thiele
Regie: Karin Beier, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Maria Roers, Komposition und musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Rita Thiele, Dramaturgie und Spielfassung Die Troerinnen: Ursula Rühle.
Mit: Lina Beckmann, Yorck Dippe, Sachiko Hara, Rosemary Hardy, Markus John, Anja Laïs, Carlo Ljubek, Joachim Meyerhoff, Birgit Minichmayr, Anne Müller, Maria Schrader, Angelika Richter, Götz Schubert, Rosalba Torres Guerrero, Julia Wieninger, Michael Wittenborn, Gustav Peter Wöhler.
Musikerinnen: Silvia Bauer, Nora Krahl, Yuko Suzuki, Der Trojanische Krieg unter Mitwirkung des Ensemble Resonanz, Chor bei Der Trojanische Krieg und Elektra: Sängerinnen der Sängerakademie Hamburg, Klagechor bei Die Troerinnen: Sängerinnen aus den Chören MissKlang und Schrillerlocken.

Premiere vom 18.01.2014 im Deutschen SchauSpielHaus Hamburg
Dauer: 6 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

Infos: http://schauspielhaus.de/de_DE/repertoire/die_rasenden.950698

Zuerst erschienen am 22.01.2014 bei Kutura-Extra.

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Michael Coolhaze sieht rot im DT und Herrmann battled im HAU – Studio Braun und Rimini Protokoll zeigen uns Kleist einmal anders

Samstag, November 19th, 2011

Studio Braun zeigen ihr Actionmusical „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ am Deutschen Theater Berlin

Nicht nur der Truppe um Armin Petras im Maxim Gorki Theater ist aufgefallen, dass wir im Kleistjahr sind, auch andere Theatergruppen nehmen das Jubiläum zum Anlass, um sich mit dem streitbaren Autor auseinander zu setzen. Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger vom Hamburger Trio „Studio Brau“ sind alle drei künstlerisch vielseitig begabt, machen Musik, schreiben Bücher sowie Theatertexte und sind berüchtigt für ihre Telefonstreiche auf verschiedenen Radiosendern. Bisher hatten sie ihre Heimstadt am Hamburger Schauspielhaus, für das sie sich in der Intendanten-Krise auch tatkräftig eingesetzt haben, Ex-Kultursenator Reinhard Stuth, kann ein Lied davon singen.

Im letzten Jahr haben Studio Braun am traditionsreichen Hamburger Theater schon einmal eine Revue aufgeführt und nannten das eine moderne Fantasie. Es ging um die Figur des Kremlfliegers Matthias Rust. In „Rust – Ein deutscher Messias“ war der grandiose Schauspieler Fabian Hinrichs als naiv sensibler Flugschüler mit Sendungsbewusstsein zu sehen, der ,mangels Aufmerksamkeit, erst auf dem Roten Platz in Moskau landet, dann den Weltfrieden verkünden will und schließlich wieder in der medialen Versenkung verschwindet, aus der er sich nur mittels einiger aufsehenerregender Straftaten wieder zu befreien hoffte. Irgendwann gänzlich der Vergessenheit anheim gefallen, diente er nun Studio Braun zur lustigen Mythenbildung und wurde schließlich zum Sektenguru und Gründer des utopischen Friedensreichs „Lagonia“ gekürt. Die drei Meister des abseitigen Humors peppten dieses moderne Märchen mit schrägem Witz, skurrilen Szenen und natürlich jeder Menge Musik auf.

Musik ist nun auch die treibende Kraft in ihrem neuen Streich „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“. Ein ganzes Orchester hat sich im Graben vor der Bühne verschanzt, wie zu Beginn der Veranstaltung Heinz Strunk verkündet. Auch wird genau erklärt worum es sich bei dieser Vorstellung handelt. Wir sehen zunächst ein Filmteam auf einer drehbaren Bühnenkulisse, das sich anscheinend an irgendeiner Hollywoodschmonzette versucht. Anita Vulesica ist die Schauspieldiva Bonnie und Felix Göser ist niemand anderes als der große Actionstar Charles Bronson. Wir befinden uns im Jahr 1982 am Set der Fortsetzung der amerikanischen Kultsaga „Ein Mann sieht rot“, indem ein unbescholtener Architekt, nachdem seine Frau ermordet und seine Tochter vergewaltigt wurde, mit einer Pistole bewaffnet den Moloch New York aufräumt und, zur Freude von Polizei und Justiz, die Zahl der frei herumlaufenden Kleinganovenschar stark dezimiert.

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Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik – Die Autorentheatertage 2011 am DT in Berlin haben begonnen

Sonntag, Juni 19th, 2011

If I had a hammer, oder wie Roland S. Superman die Welt rettet – „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum“ vom Schauspiel Frankfurt in der Regie von Christoph Mehler

augustiner_hell.jpg Bild: www.augustiner-braeu.de
„Glaube, damit du erkennst.“ Heiliger Augustinus erHelle den Geist.

Kein Theaterfest ohne einen Schimmelpfennig. Da es dieses Jahr für Mülheim oder das Theatertreffen nicht gereicht hat, richtete ihm das DT einen Schwerpunkt bei den Autorentheatertagen 2011 ein. Zusammen mit der Jungautorin Rebekka Kricheldorf (dazu später) steht er für das diesjährige Motto: Magie und Komik, Slapstick und Metaphysik. Auf allen vier Gebieten war Roland Schimmelpfennig bisher ein Meister seines Fachs und Garant für gut gemachte Storys. Im letzten Jahr entdeckte er allerdings seine soziale Seite und legte Stücke wie „Der goldene Drachen“ und „Peggy Picket sieht das Gesicht Gottes“ vor. Mit ersterem gewann er auch noch den Mülheimer Theaterpreis 2010, daraufhin haben drei große Theater (Berlin, Hamburg und Wien) das zweite im letzen Herbst kurz hintereinander uraufgeführt. Während er im „Goldenen Drachen“ noch mit schwarzem Humor und übergroßen Metaphern soziale Schieflagen illegal Beschäftigter beschreibt, stehen bei „Peggy Picket“ ganz real Probleme der zivilisierten Gesellschaft mit dem Elend in der dritten Welt im Mittelpunkt. Metaphysisch wird es nur noch in der Gestalt einer afrikanischen Holzpuppe, die für das Exotische, Unbegreifbare Afrikas steht. Schimmelpfennig mutierte nun binnen eines Jahres vom phantastischen Erzähler zum politischen Ankläger, mit allerdings überwiegend sehr banalen Aussagen und Bildern schwingt er den verbalen Hammer gegen das Elend in der Welt. „If I had a hammer / I’d hammer in the morning / I’d hammer in the evening / All over this land“ (The Hammer Song, von Lee Hays und Pete Seeger)
Und nun ist dieses Bild sogar manifeste Bühnerealität, Roland Schimmelpfennig hat tatsächlich einen Hammer und was für einen. Er schlägt damit mühelos Löcher in Wände und reißt demnächst wohl ganze Mauern ein. Wenn er nicht gerade schreibend über den Übeln der Welt verzweifelt, schwebt er über Berliner Straßen, verbrüdert sich mit Bauarbeitern, die nur kurz die angebissene Bockwurst weglegen, von der Lektüre ihrer Bild-Zeitung aufschauen und dann gleich wieder schnell zur letzten Seite weiterblättern. Dort rekelt sich Mandy das geile Luder und Schimmelpfennig schwebt schon beseelt von größeren Gedanken weiter, umarmt junge Mütter, hilft alten Damen über die Straße und wirft dem glücklich lächelnden Bettler an der Ecke eine Handvoll Goldstaub in den Hut.
Gelandet ist er jetzt, wie und warum nur, in den Kammerspielen des DT. Aufgesprungen auf den allgemeinen Empörungszug fährt er dann allerdings mit seiner bierselig larmoyanten Bauarbeiterparabel voll gegen die Wand. Drei bedauernswerte Maurerexistenzen versuchen verzweifelt durchzubrechen, durch die Wand, die den Blick fürs Wesentliche verstellt. Die Kolonne der freien Seelen philosophiert sich durch den Elendsschlamm der westlichen Welt voll Gier, Umweltzerstörung und Cottbuser Pfuschmuffen, Rudi kotzt sich mal richtig aus. Der Klassenkampf besteht nur noch im Ficken mit der Frau des Bauherrn, Ricki macht Strichliste und das nächste Bier auf. „Die Patrizier haben nicht das letzte Wort.“ frohlockt Uli. Das Ganze zieht sich zäh von einem Augustiner zum nächsten. Der Wutanfall gipfelt schließlich in einem unvermittelten Befreiungsschlag, „Ich glaube an die Zukunft, wir werden es schaffen, irgendwie.“ Nur wie, ist Uli noch nicht ganz klar. Ein dunkles Loch dräut in der Wand und wir schauen mit ihm fasziniert in selbiges auf eine schimmelige, faulende Welt. Noch geschüttelt von dermaßen elektrisierenden Gedankenblitzen reibt man sich die Augen, „Verdammte Fickscheiße!“ so einfach kann die Welt sein.
War da noch etwas? Ach ja, es klopfet wieder an den Brettern der Kammerspiele. „Herein, wenn es kein Schimmelpfennig ist“. Aber es ist nur der verlorene vierte Mann der Kolonne. Marek phantasiert mörtelverschmiert und pimmelschwingend in bester Schimmelpfennigscher Art über das Zwischenreich unter den Dielen voller Feen und Insekten. Wie aus Zettels Traum entsprungen (im Programmheft wird Shakespeare zitiert) umtanzt er die bierbeduselten Kollegen und gemeinsam machen sie sich auf, um hinter die Mauer in eine glückselige Zukunft zu taumeln. Wir bleiben zurück und stimmen ein in den erlösenden Gesang: „Schubidu, Schubidu und raus bist du.“ Auch eine Art phantastischer Utopie. In der neuen Spielzeit allerdings wird Schimmelpfennig jedenfalls wieder ein Stück am DT uraufführen, es geht um „Die vier Himmelsrichtungen“. Goin‘ Where The Wind Blows.

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„Das Genie ist ein Gestörter, den ein Anderer erstlich auslegen muߓ – Oliver Bukowskis Kleistsatire über Glück, Genie und Wahnsinn vom Hamburger Schauspielhaus in der Regie von Markus Heinzelmann

Im zweiten Schwerpunktthema beschäftigen sich die Autorentheatertage mit der Komödie. „Humor funktioniert, oder er funktioniert eben nicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ ist die Meinung der Alleinjurorin der „Langen Nacht der Autoren“ Elke Schmitter. Außerdem hat sie eine deutsche Vorliebe für das humorfreie Theater entdeckt und daher muss „Natürlich Komödie!“ sein, da sie sich gerne amüsiert und bisher im Theater viel zu selten die Gelegenheit dazu hatte. Man muss ihr Recht geben, wenn man sich die Spielpläne mit viel theorieschweren Ballast so ansieht. „Um es kurz zu machen: Humor ist nur bedingt theoriefähig.“ und somit bestens geeignet dem empörungsmüden Theatergänger wieder mit der Banalität und Komik des Einzelschicksals zu konfrontiert. Die große allgemeine Tragödie gegen die Spontaneität des Witzes, was sie sich im Einzelnen darunter vorstellt wird man am 25.06. im DT zu sehen bekommen.
Mit Oliver Bukowskis Stück nach Motiven Heinrich von Kleists erhält man zumindest einen kleinen Vorgeschmack davon, was eine gut geschriebene Komödie ausmacht. „Wie vergegenwärtigt man Kleist? Buchstäblich. Es sind kaum Rückschlüsse vom Werk auf das Leben des Autors möglich…“ konstatiert Bukowski. Also mixt er einfach bekannte Fakten aus dem Leben Kleists mit der fiktiven heutigen Figur des Bernd Getskard (Stefan Haschke). „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen“, ein Zitat aus dem Erstling Kleists „Die Familie Schroffenstein“, zeigt seine ungestüme Vorgehensweise, der auch Bernd anhängt. Ausgehend von Kants „Kritik der Urteilskraft“ nach der „…die Natur durch das Genie nicht der Wissenschaft, sondern der Kunst die Regel vorschreibe“ (Stefan Haschke spricht am Beginn Kants Text) läuft nun am Beispiel des „verkannten Genies“ Kleist in der Figur des Allroundtalents Bernd, der sich nun nacheinander enthusiastisch als Performer, Theaterautor, Büroangestellter, Zeitungsherausgeber und schließlich als Naturbursche versucht (Kleist wollte einen Bauernhof in der Schweiz unterhalten), eine regelrechte Slapstickkanonade ab.
Es geht natürlich nicht in erster Linie um Kleists beginnende Existenzkrise und Depression nach der Lektüre von Kants Werk, sondern eher um den Anspruch des Künstlers wie jede normal Existenz sein Glück zu finden. Und das stellt sich für Bernd nicht so einfach dar. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt bewegt sich die Gefühlsspanne des aufkeimenden Talents, dem seine Förderer schon mal vor verschlossener Tür gut zusprechen müssen oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn das Genie mal eben 5000 € bei einer Performance verbrannt hat. Kleist rann das Geld auch nur so durch die Finger, seine notorische Klammheit hat ihn immer wieder in ungeliebte Broterwerbe getrieben. Meistens hatte er aber betuchte Mäzene zur Verfügung, wie jenen Wiepert (Marco Albrecht), der wie der Dichter und Herausgeber Christoph Martin Wieland, dem Kleist einst aus seinem „Robert Guiskard“ vorlas, immer wieder seine schützende Hand über ihn hält. Letztendlich wird es aber auch diesem zuviel mit den sprunghaften Ideen seines Schützlings und er erklärt ihm sein Verhalten als unzeitgemäß für die heutige Kreativgesellschaft. Dass das Getskard wie auch Kleist nicht von seinem Lebensweg abbringt, da er nicht in diesen Kategorien denkt, ist aber auch Wiepert irgendwann klar. Bernd nimmt gelassen von ihm Abschied, den nächsten Plan schon klar vor Augen.
Die Einzige die fast bedingungslos wie ein Groupie zu ihm hält und gegen seine Pathologisierung ankämpft, ist seine Dauergeliebte Claudi (Lydia Stäubli). Sie changiert von treu ergeben und verständnisvoll bis zur sanften Kritik, die aber Bernd sofort aus der Bahn wirft. Bei der Premiere seines ersten Theaterstücks hält ihn buchstäblich nichts auf seinem Stuhl. Als Claudi meint, dass das alles doch nur Theater sei, ist Bernd sofort auf der Palme, nachdem das Stück beim Publikum gescheitert ist, ist er nicht mehr zu bremsen, wie eine Furie will er dem Regisseur, als vermeintlichen Verursacher den Pleite, an die Wäsche. Diese Art der Selbstzweifel spiegeln Kleist Gemütslage bestens wider. Haschke gibt als Bernd das Springteufelchen par excellence und zeigt eine unendliche Bandbreite an Mimik und Gestik. Mitten in der Nacht exerziert er seine pedantischen Erziehungsmethoden und Claudi repetiert wie aus der Pistole geschossen, eine Persiflage auf Kleists Briefe an Wilhelmine von Zenge, seine Verlobte, die er mit solcher Art Erziehungsmaßnahmen traktierte. Aber selbst wenn man Kleist Biografie nicht kennt, ist das Stück well made und als Komödie über den verhinderten Künstler auch heute verständlich. Die finalen Schüsse am kleinen Wannsee bleiben auch bei Bukowski nicht aus, es hätte ihren aber nicht unbedingt bedurft. Kleist ist mit seinem Glücksanspruch in seiner Zeit gescheitert, wie es mit dem heutigen Künstler aussieht, kann man sich denken, ein Mangel an Beispielen besteht mit Sicherheit nicht.

dsc03727.JPG Kleists Grab am Kleine Wannsee.
Birgt ein tragisches Leben genug Potential für eine Komödie?
(Foto: St. B.)

Das Bukowski ein Händchen für psychologische Stoffe besitz, hat er am DT bereits mit seinem Soloabend „Der Heiler“ für den Schauspieler Jörg Gudzuhn bewiesen. In diesem Stück über die Rechtfertigung eines Psychologen bezüglich des Todes einer Patientin, betont er die menschliche Seite des Berufs gegenüber einer rein medizinischen Betrachtungsweise. Der Umschwung von erst selbstsicherer Überlegenheit zu einem schwankenden, an sich und dem System zweifelnden Menschen, macht Gudzuhn in Sprache und Geste spürbar und nachvollziehbar. Es ist in diesem Stück in der Regie von Piet Drescher viel Wissen um zwischenmenschliche und gesellschaftliche Schieflagen versteckt, dies wird besonders durch das Spiel des mit dieser Rolle endgültig aus dem Ensemble des DT scheidenden Schauspielers Jörg Gudzuhn sichtbar und es sind eben gerade die leiseren Töne am Ende, die ein Einfordern eines verständnisvolleren und menschlicheren Umgangs miteinander verdeutlichen. Tragik und Komik liegen im Leben immer dicht beieinander, Oliver Bukowski war schon immer ein Meister dieses Zusammenspiels. Es bleibt zu hoffen, dass bald wieder ein Stück von ihm in Berlin zur Aufführung kommt.

Kampf ums Schauspielhaus – Der Wahnsinn geht weiter

Dienstag, Oktober 5th, 2010

Während die Hamburger Kulturpolitik Kapriolen schlägt, bildet sich im Untergrund leiser Widerstand. Das folgende Gespräch wurde zufällig aufgezeichnet und zeugt von der Entschlossenheit der Hamburger Kulturschaffenden, dem schier unaufhaltsamen Trend entgegen zu wirken.

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Im Golden Pudel Club am Elbufer unter der Reeperbahn.
Schorsch Kamerun sitzt vorm Fernseher und nuckelt an einer Flasche Astra. Rocko Schamoni kommt mit einem Pudel herein.

Rocko: Moin Schorsch, du entschuldige, ich kenn mich hier nicht mehr aus, Doktor Schnabel hat vergeblich nach einem Baum gesucht. (Er streichelt seinen Pudel.) Hab ich was verpasst.
Schorsch: Nö, Claude-Oliver kommt nun doch nicht ans Schauspielhaus. Der geht jetzt lieber zu Ulrich Tukur oder Corni Littmann. Ich habe nicht genau aufgepasst, war grad Bier holen. Willste auch eins?
Rocko: Klar. (Macht sich auch ein Astra auf.) Ach schade, Mensch, das hatte ich mir so toll vorgestellt. Immer Freibier, Ralf Richter als Hamletmaschine und FM Einheit zersägt dazu den Eisernen Vorhang. Die Bude wär jeden Abend gerappelt voll.

Kamerun schaltet mit der Fernbedienung um. Talkshow bei Beckmann. Zu Gast Kulturminister Reinhard Stuth.

Beckmann: Herr Stuth, wie wollen Sie denn nun die Krise im Schauspielhaus beenden?
Stuth: Ich habe das ja alles nicht gewusst, wie schlimm das steht. Jetzt wird erst mal eine Findungskommision mit lauter kompetenten Leuten beauftragt…
Schorsch: Ha, Findungskommission, der findet doch nicht mal seinen eigenen Arsch ohne Findungskommision. Rocko hol das Telefon, wir rufen da an.

Schamoni nimmt das Telefon und wählt. Es klingelt im Studio. Beckmann nimmt ab.

Beckmann: Hier bei Beckmann.
Rocko: Hier ist die „Operation Pudel 2010“, wir haben die Urne von Heidi Kabel.
Beckmann: Für Sie Herr Stuth, irgendein Pudel hat die Urne von Heidi Kabel gefressen, oder so.
Stuth: Hier Reinhard Stuth, Kultursenator der freien Hansestadt Hamburg.
Schorsch: Herr Stuth, rücken Sie das Schauspielhaus raus, wir übernehmen das jetzt. Wenn nicht gibt es jeden Abend Labskaus und Militärmusik vor dem Rathaus.
Stuth: Stellen Sie sich hinten an oder schicken Sie eine Bewerbung an die Senatskanzlei. (Legt auf.)
Schorsch: Verdammte Pfeffersäcke. Hetz denen deinen Pitbull auf den Hals, Rocko.
Rocko: (streichelt seinen Hund) Doktor Schnabel ist aber ein Pudel und ganz friedlich, reg dich ab Schorsch.

Kamerun nimmt sich ein neues Bier und stellt den Sender um. Jetzt läuft die Harald-Schmidt-Show. Harald Schmidt begrüßt gerade Claude-Oliver Rudolph.

Schmidt: Claude-Oliver, das war ja haarscharf, wie Sie da gestern bei „Schlag den Raab“ mit dem Wok am Intendantenposten vorbeigeschrammt sind und als Fallobst haben Sie leider auch keine gute Figur gemacht.
Rudolph: Ach weißte Harald, alles halb so schlimm, für die Gage habe ich gerade mit Blixa Bargeld das Ohnsorg-Theater gekauft, wir machen da jetzt den Hamlet auf platt.
Schorsch: Da bin ich aber platt, Rocko, wie schaffen die das immer wieder in diese Talkshows und ich komme gerade mal in die taz oder in die Berliner Zeitung. (Er schaltet den Fernseher aus.)
Rocko: Ja du Schorsch, weiß ich auch nicht. Wir sind halt die Avantgarde. Lieber einen toten Barden hängen als ein Feindbild verlieren.
Schorsch: Ach so? Willst Du nicht Intendant werden, Rocko?
Rocko: Und du?
Sie sehen sich an und fangen an zu lachen.
Schorsch: Scheiße, Rocko, bloß gut das wir Künstler sind. Übrigens was geht so neues ab bei dir?
Rocko: Ich fahre jetzt nach Berlin und besetze den Prater, der ist geschlossen wegen Rückübertragungsansprüchen. Motto: Berliner Luft voll Anarchie. Verstehste?
Schorsch: Ja, echt wie früher, Klasse. Kampfstern St. Pauli dockt am Prenzlberg an. Vielleicht sollten wir hier auch das Schauspielhaus besetzen. Ich rufe mal im Gängeviertel an, ob die noch Zeit haben.
Rocko: Bloß nicht, viel zu groß und unübersichtlich. Komm lieber mit nach Berlin. Du weißt ja was die im Osten immer gesagt haben. Der Letzte macht das Licht aus. Ich muss dann mal, Doktor Schnabel wird schon ganz unruhig. (Der Pudel springt an ihm hoch.) Tschüss!
Schorsch: Ach Rocko, wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Pudel her. Und wenn nicht dann reiße ich eben in München ein paar Lücken auf. Haltung Rocko! Klar? Tschüssing!

Schamoni mit dem Pudel ab. Kamerun macht sich ein neues Bier auf und schaltet den Fernseher ein. Es läuft Deutschland sucht den Superintendanten, Moderator… ENDE.

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