Archive for the ‘Sebastian Hartmann’ Category

Die Festspielsaison erreicht die heimatlichen Stadttheater – Castorf, Stemann, Schimmelpfennig, Erpulat und Co. in Berlin und Hamburg

Mittwoch, November 2nd, 2011
  • Teil 2

Erst abgezockt, dann abgerockt – Frank Castorf schickt Dostojewskis „Spieler ins abgeranzte Zockerparadies an der Berliner Volksbühne

Nun ist es also amtlich, Frank Castorf wird 2013 den Jubiläums-Ring bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth verantworten. Oder sollte man besser sagen, die Verantwortung weit von sich weisend, ins ewige Walhall schicken. Geübt dafür hat er zumindest schon, mit den „Meistersingern“ 2006 an der Berliner Volksbühne. Jetzt darf wohl nur noch spekuliert werden, wer ihm das passende Bühnenbild dazu bauen soll, Pressspanplattenmonteur Bert Neumann oder der Kunstbetriebsberserker vom Dienst Jonathan Meese. Man assoziiert sofort Wotan mit Pickelhaube auf einem Containerschrottplatz oder wallende Walkürengewänder auf einem grünen Hügelgrab aus Pappmaché. Dass das nicht zu Castorfs echtem Grab werde, da seien Richard Wagner und Christoph Schlingensief selig vor. Also Wagner pur wird es mit Sicherheit nicht werden, nur ob die Wagner-Sisters auch Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ oder Ernst Tollers „Masse Mensch“ tolerieren, ist wohl eher fraglich. Aber auch einen Schlingensief´schen Fluxus-Ring kann man von Castorf nicht erwarten. Auf jeden Fall dürfte dann schließlich doch die eine oder andere Wehrmachtsuniform oder Stalinbüste im Inszenierungs-Gepäck per Kübelwagen nach Bayreuth unterwegs sein.

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Wagnerbüste in den Giardini und Eingang zum deutschen Biennalepavillion und Schlingensieftempel 2011 in Vendig. Fotos: St.B.

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Ein schlaffer Gruftie und ein Kochduell in epischer Höhe am Centraltheater Leipzig

Sonntag, Dezember 19th, 2010

Kein Theater polarisiert derzeit so sehr wie das Centraltheater Leipzig. Seit der Spielzeit 2008/09 mit dem Beginn der Intendanz von Sebastian Hartmann, Ende der 90er Jahre Hausregisseur unter Frank Castorf an der Volksbühne in Berlin, stehen sich die Anhänger des alten Schauspiels Leipzig und der neuen Crew fast unversöhnlich gegenüber. Das ging teilweise bis zu wüsten Beschimpfungen in den verschiedenen Threeds zu den besprochenen Inszenierungen auf Nachtkritik. Am ersten Dezember-Wochenende war ich selbst mal in Leipzig und habe mir zwei Inszenierungen am Centraltheater angesehen. Freitag den Jedermann von Jürgen Kruse und Samstag den Zauberberg von Sebastian Hartmann. Unterschiedlicher können Theaterabende gar nicht sein.

Jedermann – Das Mysterium vom Sterben des reichen Mannes als düster-trashige Rockoper von Jürgen Kruse

Jürgen Kruse hat schon am Deutschen Theater in Berlin eine Salome als verschmähtes Groupie eines moralisierenden Grungerockers dargestellt und den Othello als düstere Orgie mit Erdbeergeschmack. Bei „Co-Regisseur“ Kruse läuft immer alles nach bekanntem Strickmuster ab. Wenn man sich endlich ins Halbdunkel seiner 70er Jahre WG-Athmosphäre eingesehen hat, wird man nach und nach aller schemenhafter, oberflächlicher und gelangweilter Figuren gewahr, soweit sie nicht schon vor der Bühne durch den Jedermann des Manuel Harder ausgerufen wurden. The Harder They Come würde tatsächlich gut passen, aber Reggae ist nicht die Welt von Jürgen Kruse, obwohl auch hier der Joint kreist. Kruse lässt dann die Schemen auch nicht näher an uns heran als nötig. Der Tod ist ein cooler Typ mit Sonnenbrille und Tattoos, einer mit dem man sicher prima bei einer Sauftour über den Kiez kommt und ansonsten nur jemand ist, bei dem man noch ein paar Minuten samt der letzten Zigarette schnorren kann. Gott ist eh alles scheißegal, brabbelt ständig dazwischen, gibt den Entertainer und klopft auf Holz, wenn da nur nicht der Wurm drin wäre in all dem holzschnittartigem Gewerkel.

jedermann.jpg Jedermann
[Szene mit Edgar Eckert, Manuel Harder (vorn)]
© R.Arnold/Centraltheater

Kruse ist irgendwo in den 70er Jahren stecken geblieben samt Musikgeschmack und so verwechselt er Theater immer noch mit einem Rockkonzert, nur dass das hier nicht Hair oder die Rocky Horror Picture Show ist, sondern das Mysterienspiel um das Sterben des reichen Mannes, der vor das göttliche Gericht gerufen wird, um sich zu läutern. Diesen moralisierenden Quatsch zu persiflieren bedarf es aber mehr als Lässigkeit und eines passenden Soundtracks. Harder gibt hier den Poser, das Alter-Ego von Jürgen Kruse, kippt jede Menge Rotwein vorzugsweise aufs weiße Hemd und gebärdet sich als Street Fighting Man, Fechtszenen sind Pflicht bei Kruse. Der Rest ist nur gruftige Staffage mit Totenköpfen und Engelsflügeln in schwarz und weiß, der Teufel ist eine aufreizende Dame in Rot. Rosalind Baffoe, eine der meist beschäftigtsten Nebendarstellerinnen auf deutschen Bühnen, trägt erst ihr Unterwäsche und dann ein gelbes Kleid spazieren, als Buhlschaft hat sie hier auch nicht viel mehr zum Geschehen beizutragen. Jedermanns guter Gesell ist lustig und zu jedem Unfug bereit, bis es ans Sterben geht.

Kruse spiegelt hier schon die Oberflächlichkeit der heutigen Gesellschaft, nur es bleibt Behauptung, es geht uns nichts an, wie die Kiste voller Flitter und Tand. Der Glaube ist eine Travestie von Jedermanns Werken mit umgeschnalltem Bauch, beide zerren ihm Hemd und Hosen vom Leib, das letzte Hemd wird dann zur Zwangsjacke. Eine schöne Ironie, Jedermann als Gefangener im Regiekonzept von Jürgen Kruse. Tod und Teufel fixen ihn an und saugen ihn aus. Da bleibt nicht mehr viel übrig als ein zäher 2stündiger Abend mit jeder Menge Trash und Manierismus. Da das anscheinend wieder in ist, holt Kruse damit sicher einige junge Leute von der Straße wieder ins Theater. Der halbvolle Saal zeigt aber die Leere seiner Bemühungen nur um so deutlicher. Der sogenannte Befreiungsschlag für das Centraltheater ist das sicher nicht. Die Frage wäre, ob es diesen überhaupt braucht. „Tun, Leiden, Lernen“ der Lehrsatz der Tragödie nach Aristoteles und „Sie glauben dir erst, wenn du tot bist“ stehen am eisernen Vorhang, der sich über allem senkt. Das Centraltheater ist aber mit oder ohne Jürgen Kruse auch so noch sehr lebendig und bedarf sicher keiner Katharsis.

Sebastian Hartmann erklimmt fast mühelos die epischen Höhen des Zauberbergs von Thomas Mann

Am Maxim Gorki Theater in Berlin machte 2008 Stefan Bachmann bei seiner Zauberberg-Inszenierung das Vergehen von Zeit bildhaft spürbar, indem er die Zuschauer 12 Minuten lang mit einer Liegekur bei laufender Drehbühne sowie mit Fiebermessen und Wickelanleitungen am laufenden Band traktierte. Das waren lustige 2 Stunden Zauberberg light, ohne das man sich mit dem existentiellen Inhalt des Romans weiter beschäftigen musste. So einfach macht es uns Sebastian Hartmann in Leipzig nicht. Der Abend dauert gute 4,5 Stunden inklusive zweier Pausen und trotzdem ist keine Minute sinnlos verschenkt. Meine letzten Hartmann-Erlebnisse liegen etwas länger zurück, Ibsens Gespenster (2000) mit einer begnadeten Sophie Rois mit Turmfrisur und Strindbergs Traumspiel (2001) mit der zauberhaften Cordelia Wege als Engel in eine Autowaschanlage an der Berliner Volksbühne sowie Hauptmanns Vor Sonnenaufgang 2003 am Burgtheater Wien. Dort versuchte er den Castorfschen Container auf die Bühne des Burgtheaters zu transformieren, nebst den typischen Volksbühnenblödeleien. Das kam natürlich nicht besonders gut an bei den an Claus Peymann geschulten Wienern und es war fast amüsanter die abwandernden Abonnenten zu beobachten, als das lustige Gehopse auf der Bühne zu verfolgen.

Die Bühne am Centraltheater ist diesmal kein Container, sondern ein weiß gestrichenes Sperrholzgebilde, das wie ein schroffer Gletscher, das schwer zu erklimmende Romangebirge Thomas Manns darstellt. Und so müssen sich die Darsteller auch ein ums andere Mal abseilen oder die steile Schräge erklimmen. An dem Verweis auf den Zeitbegriff in Thomas Manns Roman kommt Hartmann natürlich nicht vorbei. Manolo Bertling als WIR-Erzähler schwenkt eine schwarze Fahne und klärt zu Beginn über das Besondere der Zeit auf. Es wird also ein langer Abend werden, in dem das Gefühl von Zeit tatsächlich erfahrbar werden soll. Schopenhauer, von Mann verehrt, wird im Programmheft zitiert: „Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt;…“ Diese grundpessimistische Aussage durchzieht auch Hartmanns Inszenierung und so tanzt dieser Abend scharf an der Kante des Abgrunds, den uns Thomas Mann mit seinem Roman eröffnet hat.

zauberberg-2.jpg Der Zauberberg
[Ingolf Müller-Beck, Peter René Lüdicke, Rosalind Baffoe]
© R.Arnold/Centraltheater

Seit der Volksbühne hat Hartmann übrigens nicht nur Cordelia Wege und Rosalind Baffoe im Gepäck, die als Die Mexikanerin hier auch ein paar Worte mehr sagen darf und ansonsten wieder viel auf und ab schreitet, sondern auch Peter René Lüdicke als Settembrini, der hier tatsächliche ein wenig wie ein italienischer Drehorgelspieler aussieht und auch so parliert und Guido Lambrecht als seinen Hans Castorp. Volksbühnenerfahrung hat auch Maximilian Brauer, der den braven Vetter Ziemßen spielt und am Anfang im Stechschritt erst mal die Bühne lang und breit durchmisst, ganz der disziplinierte Soldat. In seinem ersten Zusammentreffen mit Hans Castorp zitiert Hartmann Szenen aus dem Film Figthclub von David Fincher, wohl ein Verweis darauf, dass hier beide die zwei Seiten einer gespaltenen Persönlichkeit bilden. Etwas an den Haaren herbei gezogen, eine Seelenverwandtschaft ist aber durchaus bei Thomas Mann angelegt.

Überhaupt ist Hartmanns Inszenierung ein Gemisch aus Erzählen und bildlichen Verweisen und Zitaten und natürlich kommt er auch ohne Nietzsche nicht aus, spätestens dann als der Naphta des Ingolf Müller-Beck wie der personifizierte Nietzsche kurz vor der ersten Pause vom Berg herb steigt. Ein weiteres mal dann als Lambrecht in einem Faunskostüm über die Bühne springt, als Verweis auf das Dionysische im Menschen. Mann zitierte ja in seinem Roman auch aus Nietzsches „Geburt der Tragödie“. Diese zwei Seiten des Menschen, einerseits das dionysisch Körperliche, u.a. in der Figur des Peeperkorn und das Apollonische der Aufklärung in Settembrini anderseits, stehen hier dann auch im Mittelpunkt von Hartmanns Inszenierung. Sein Castorp ist ein ewig Suchender, erst ein Schwätzer und Schwärmer der sich bei seinen Werbungen um Madam Chauchat, eigentümlich steif von Artemis Chalkidou gespielt, immer selbst im Wege steht und dann ein Nachdenklicher aber Verwirrter. Andächtig lauschend sitzen er und sein Vetter Ziemßen beim ausgedehnt zelebrierten Kochduell der beiden gegensätzlichen Lebensphilosophen Naphta und Settrembrini. Erst schweigend Suppe kochend, gehen sie „tous les deux“ anschließend umso wortgewaltiger aufeinander los. Hartmann kontrastiert diesen Kampf mit einem Auftritt einer schrägen Laienspieltruppe, wie schon einmal in seiner Inszenierung des Traumspiels, als Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit, die das sinnlose Duell vorwegnehmen. Hartmann verwirft hier beide Richtungen, das ideologisch Diktatorische ebenso wie die Bemühung um Aufklärung der Menschheit. Castorp muss schließlich die Suppe der Schwätzer auslöffeln und windet sich folgerichtig dann auch in Krämpfen. Die Gulaschsuppe in der zweiten Pause am Buffet war aber Gott sei Dank well done.

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Der Zauberberg [Artemis Chalkidou, Guido Lambrecht, Matthias Hummitzsch, Janine Kreß] © David Baltzer/bildbuehne.de

Der Abend ist in drei recht unterschiedliche Kapitel geteilt. Im ersten ist alles noch sehr an Thomas Mann angelehnt. Es kommen alle wichtigen Personen des Berghofes vor, inklusive Verein halbe Lunge und bei den Vorlesungen über die Liebe von Dr. Krokowski, hier als Frau von Janine Kreß dargestellt, wird wild gekuschelt. Man spricht viel französisch und eine klamaukige alkoholgeschwängerte Karnevalsszene darf natürlich auch nicht fehlen. Der zweite Teil ist ganz dem schon beschriebenen Kampf Settembrini gegen Naphta gewidmet. Der Schneetraum fällt aus, es regnet schwarze Asche. Ein Abgesang auf die Parabel der Güte und Liebe? Das lässt Hartmann im vagen. Es folgt im dritten Teil die erdige und körperbetonte Vorstellung des Mynheer Peeperkorn (Matthias Hummitzsch, auch als eine Karikatur des Hofrat Behrens unterwegs), nackt und mit viel Matsch. Eine dionysische Orgie an deren Ende der Tod steht. Nun geht es weiter in Rokokokostümen, Voltaire der große Aufklärer lässt grüßen. Der Mensch ist halt nur ein Tier mit kleinem Gehirn und hier sind alle wie Tote auf Urlaub. In einer ausgedehnten, artistisch ausufernden Seance wird Vetter Ziemßen angerufen, der dann auch in Jeans erscheint und noch mal den Tyler Durden gibt.

Am Ende begräbt eine ganze Schneelawine alles unter sich. Mühsam schälen sich die Protagonisten aus dem Styropor und erzählen von den Stahlgewittern des Ersten Weltkriegs. Dazu steht die alte Volksbühnenreliquie Steve Binetti mit seiner E-Gitarre am Bühnenrand, zerfetzt den „Lindenbaum“ und macht den Höllensound zu diesem abgründigen Abend über Liebe, Leben, Krankheit und Tod. „Radikalismus ist Nihilismus. Der Ironiker ist konservativ.“ schreibt Thomas Mann in seinen Betrachtungen eines Unpolitischen, die im Programmheft abgedruckt sind. „Die erotische Ironie des Geistes“ vertrat hier Thomas Mann. Hartmann schlängelt sich zwischen Ironie und Nihilismus durch den Roman. Er entscheidet sich nicht und das kann man vielleicht als reaktionär bezeichnen, nicht das Kleben an der Vorlage. Man muss den Zauberberg nicht unbedingt gelesen haben, aber es empfiehlt sich zum Verständnis des Ganzen. Es ist ein großer, fantastisch ausufernder Theaterabend und ähnlich wie bei seinem Ziehvater Frank Castorf ist nichts wirklich klar. Wo andere fröhlich ihr Diskurssüppchen kochen, ist Sebastian Hartmann weiter auf der Suche und in diesem Sinne bleibt er sich auch selbst ein wenig treu.