Archive for the ‘Sebastian Klink’ Category

Zweimal heiliger Sebastian – „Baal“ am Berliner Ensemble und „Reise nach Petuschki“ in der Volksbühne – Berliner Theaterabschiede (Teil 5)

Mittwoch, April 19th, 2017

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Brennen und Löschen für die Kunst – Auf der BE-Probebühne inszeniert Sebastian Sommer Brechts expressionistisches Frühwerk BAAL als musikalische Sintflut

Baal am Berliner Ensemble – Foto (c) Barbara Braun

Neues von der Abschiedsfront an Berliner Theatern. Nachdem die Meister Castorf und Peymann ihre letzten Werke abgeliefert haben, kommen die Jungen noch mal zum Zug. Am Berliner Ensemble nimmt sich Sebastian Sommer Bertolt Brechts Erstling Baal vor. Der junge Regisseur hatte hier bereits zum Auftakt seiner Zeit als Nachwuchsregisseur einen veritablen Jahrmarktstrubel mit dem Brecht-Fragment Hans im Glück angerichtet. Auch wenn seine Nachfolgeinszenierungen im kleinen Pavillon nicht immer vollkommen überzeugen konnten – doch wenn es ein großes Talent in der 18-jährigen Intendanz Peymanns am BE gab, dann war es mit Sicherheit Sebastian Sommer.

Auch diesmal hat er ein Händchen für das noch unfertige Talent des BE-Hausheiligen, der anarchisch-expressiven Ader des jungen Brecht, die sich vor allem im ungezügelten, viehischen Dichterfettklos Baal manifestierte. Und mit Matthias Mosbach hat Sommer auch den richtigen Schauspieler, diese Kraft zu verkörpern, auch wenn es ihm doch etwas an Körperlichkeit fehlt. Das macht Mosbach wett durch seinen Aktionsradius, der ihn kreuz und quer über die von Karl-Ernst Herrmann blitz-gezackte Silhouette der Probebühne des BE treibt bis auf eine Art Hochstand, einen eisernen Dichterturm, von dem er zu Beginn das Aussterbend des Egos preist. Die Verweigerung der Anpassung wird dem Bohemian aus Überzeugung wie dem ungeliebten Ichthyosaurus, der aus Trotz nicht auf Noahs Arche wollte, das Leben kosten. Also auch eine Geschichte des bewussten Verglühens eines verkannten Genies will uns Sebastian Sommer hier erzählen.

Wer Martin Mosbach als Kanaille Franz in Leander Haußmanns Räubern mochte, wird ihn als das Tier Baal lieben. Bei ihm reimt sich ungeniert Genie auf Vieh und Baal auf Qual. Den passenden Sound dazu machen ihm die beiden Live-Musiker Jan Brauer und Matthias Trippner an Keyboards, Schlagwerk und E-Gitarre. Auch Mosbach wird einmal zum Bass greifen und Brechts Ballade Erinnerung an die Marie A. singen. Die Frauen sind es, die Baal nimmt und bricht. „Die Liebe ist doch da.“ konstatiert er, sie dennoch immer wieder wegwerfend. Mosbach spielt den unsittlichen Weiberverbraucher und im Alkoholwahn dirilierenden Dichter, der sich wie Rainald Goetz einst in Klagenfurt die Stirn aufschlitzt, oder sich durch Haufen von unbeschriebenem Papier wühlt.

 

Baal am Berliner Ensemble – Foto (c) Barbara Braun

 

Ansonsten wird Brechts Moritat in kleinen Spielszenen und Musiknummern abgespult. Ursula Höpfner-Tabori rezitiert als Mutter den Choral vom großen Baal, Anke Engelsmann als Meck-Gattin Emilie singt Laßt Euch nicht verführen! im rauchigen Ton einer Nico, und Sven Scheele Die Legende Der Dirne Evelyn Roe als Travestienummer. Das Kraftzentrum der Inszenierung aber bleibt allein Matthias Mosbach, der schwitzend und auch mal nackt die Bühne unter Wasser setzt, als gelte es etwas zu löschen oder eine Sintflut herbeizusprudeln. Felix Strobel, der als Ekart auch noch den glühenden Verehrer Johannes spielen muss, ist kein wirklicher Gegenpart. Auch nicht Boris Jacoby als Salonlöwe Mech und Varietéchef Mjurk, der seine Attraktion Baal in einen aufblasbaren Fatsuite steckt. Karla Sengteller als kokette Johanna und Celina Rongen als Sophie Dechant sind schmückendes Beiwerk in diesem „Museum für Kleinkunst“, wie Brecht es einst selbst schrieb.

Eine neue Baal-Lesart bietet die kraftmeiernde Inszenierung von Sebastian Sommer eh nicht, auch wenn sie gerade musikalisch einige Akzente setzen kann. Ein wenig wirkt der Abend dann doch eher wie ein trotziges Nach-uns-die-Sintflut. Einige Anspielungen wie jüngst an der Volksbühne hat auch Sommer parat, wenn z.B. Boris Jacoby alle Varietédarsteller bis auf den Zwerg entlassen will. Den Spaß, nochmal auf die Pauke zu hauen, lässt sich das scheidende Ensemble trotzdem nicht nehmen. Der Künstler entweicht durch die Hintertür. Ein schmutziges, hungriges Tier, das sich zum Krüppel für die Schönheit schlagen lässt. Mosbach setzt letzte pathetische Worte des sterbenden Baal. So richtig existentiell will es aber dennoch nicht werden. Der Abend endet da, wo er begonnen hat, an den Stufen zum Hochsitz des Genies. Nur hinauf gelangt es nicht mehr. Der Fanclub jubelt. Auftrag erfüllt.

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BAAL (BE-Probebühne, 06.04.2017)
von Bertolt Brecht
Regie: Sebastian Sommer
Bühne: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Karl-Ernst Herrmann,Wicke Naujoks
Musik: Jan Brauer, Esmeralda Conde Ruiz, Matthias Trippner
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Karl-Ernst Herrmann, Ulrich Eh
Dauer: ca. 1h 40 Min (ohne Pause)
Mit: Matthias Mosbach (Baal), Ursula Höpfner-Tabori (Mutter), Felix Strobel (Ekart), Anke Engelsmann (Emilie), Karla Sengteller (Johanna), Celina Rongen (Sophie), Boris Jacoby (Mech, Mjurk), Sven Scheele (Piller, Pschierer)
Jan Brauer (Elektronik, Synthesizer)
Matthias Trippner (Elektronik, Schlagzeug)
Premiere war am 06.04.2017 in der Probebühne am Berliner Ensemble
Termine: 21.04. / 11., 15., 20., 29., 31.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 13.04.2017 auf Kultura-Extra.

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REISE NACH PETUSCHKI – Nach Wenedikt Jerofejews satirischen Poem inszeniert Sebastian Klink an der Berliner Volksbühne eine dramatische Odyssee ins Delirium

Die Debatte um die Neubesetzung der Intendanz an der Berliner Volksbühne kommt nicht zur Ruhe. Nun durfte sogar der Ex-Regierende Klaus Wowereit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nochmal davon schwadronieren, was er von der Volksbühne als „Eventhaus“ hält. Er fände das hochproblematisch und auch einfallslos. Damit tritt Wowereit gegenüber seinem Parteigenossen und Nachfolger Michael Müller natürlich noch mal etwas unfein nach. Keine Sorgen macht er sich dagegen um das Berliner Ensemble. „Das wird gut werden.“ ist sein fachsicherer Kommentar. Insgesamt wünscht Klaus Wowereit den Berliner Stadttheatern ein bisschen mehr vom Spirit eines Barrie Kosky. Der alte Party-(Bürger)meister muss es ja wissen.

Foto: St. B.

Das Theater als Eventbude bleibt also auch bei der aktuellen Theaterpremiere vom Mittwochabend an der Volksbühne am Rosa-Luxemburgplatz das Stichwort der Stunde. Nochmal so richtig die Sau rauslassen, die besoffene noch dazu, die zur Gaudi des anwesenden Premierenpublikums quiekend durchs asphaltbetonierte Volksbühnendorf getrieben wird. Das kann man natürlich machen, wenn man es denn tatsächlich kann. Und dass das Volksbühnen-Ensemble über komödiantisches Können verfügt, hat es bisher nicht nur unter Frank Castorf einige Male bewiesen.

Im 3.Stock heißt es dann auch Wir sind die Guten im täglichen Vorprogramm, das der altbekannte schwedische Theaterkünstler Marcus Öhrn bis Ostermontag bestreitet. In halbstündigen Performanceaufführung gibt es die heilige Familie als Soap-Opera. Ein Ostermysterium der ganz besonderen Art. Mit dabei sind die lustigen Schaumstofffiguren der Puppenperformer Das Helmi, die den Osterhasen und den heiligen Engel Gottes freudig zusammen führen. Janet Rothe, Florian Loycke, Jakob Öhrmann, Rasmus Slätis und Makode Linde vertreiben dem ungeduldigen Publikum die Zeit bis zum Karfreitag mit Musik, Video und einem Golgatha-Kreuzigungsset, das Mami und Papi ihrem Sohn Jesus von IKEA mitgebracht haben. Wie Josef und Maria das trotz mangelhafter Bauanleitung zusammenzimmern und für ganz besondere Kreuzigungsspielchen mit Windel, Peitsche und jeder Menge Kunstblut nutzen, ist schon einen Blick in den 3. Stock wert.

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Gestaltung © LSD/Leonard Neumann; Foto © LSD/Lenore Blievernicht

Eine ganz besondere Passion hält auch die neue Inszenierung des Castorf-Eleven Sebastian Klink im Großen Haus der Volksbühne bereit. Der Regisseur hat sich das satirische Poem Reise nach Petuschki von Wenedikt Jerofejew (1938-1990) vorgenommen. Als Lesung ein Klassiker, ist der 1969 geschriebene, delirierende Monolog eines russischen Arbeiters und Alkoholikers auf einer Zugreise von Moskau nach Petuschki auch auf dem Theater eine feste Größe. Jerofejew, der sich lebenslang mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten musste, verewigt in diesem Prosa-Gedicht sich selbst und seinen Alkoholismus. Der Protagonist mit Namen Wenedikt Jerofejew, oder auch Wenitschka genannt, steigt schon am Morgen betrunken mit einem Koffer voller alkoholischer Getränke und ein paar Geschenken für die Geliebte und das Söhnchen in Petuschki am Kursker Bahnhof in Moskau in den Zug.

Petuschki wird er nie erreichen. Auf der Fahrt begegnen ihm im Rausch Engel, Erinnyen, die Heilige Theresa, Gott, der Satan und sogar eine Sphinx. Jerofejew bedient sich dafür vor allem in der Bibel. Der Kreuzweg des betrunkenen Protagonisten folgt der Offenbarung des Johannes und führt bis in die Hölle, die hier der Rote Platz ist, wo Wenitschka zusammengeschlagen wird. Noch nie ist er auf seinem Weg durch Moskaus Kneipen am Kreml vorbeigekommen, nun wird er dort sterben. Natürlich ist diese Reise auch eine satirische Betrachtung des Sowjetsystems, der europäischen und russischen Literatur und deren Vertreter von Goethe über Puschkin bis zu Tschechow und Turgenjew. Jerofejew spielt auch auf Stalin und den Gulag an sowie die Unerreichbarkeit des sozialistischen Paradieses in Gestalt des Dorfs Petuschki, wo der Jasmin immer blüht und der Vogelgesang nie verstummt.

Wie schon in seinem letzten Regiestreich mit der Inszenierung des Romans Exodus von DJ Stalingrad spielt Sebastian Klink auch wieder auf den russischen Künstler Pjotr Pawlenski an, der sich mit seinem Hoden auf den Roten Platz genagelt, in Stacheldraht gewickelt, oder die Tore der FSB-Geheimdienst-Zentrale „Lubjanka“ angezündet hatte. Das dreh- und fahrbare Bühnenbild zeigt dieses große Marmorportal, das hier als Bahnhofseingang, Zugabteil oder Tor zur Hölle dient. Viel mehr politische Anspielungen gibt es allerdings nicht. Den Rest überlässt der Regisseur seinem Ensemble, das sich hier einige Rollen und vor allem die Darstellung des Trinkers Wenitschka teilt.

 

Foto: St. B.

 

Patrick Güldenberg, Alexander Scheer, Christian Schneeweiß, Jeanette Spassova und Daniel Zillmann verausgaben sich vollends und lassen der Rampensau in sich freien Lauf. Wie bei Castorf wird viel mit der Live-Kamera aus den Weiten der Volksbühne auf eine große Leinwand im Hintergrund übertragen. Daniel Zillmann performt in einem Hummelkostüm einen Fahrkartenkontrolleur, der sich pro Kilometer mit einem Gramm Wodka bezahlen lässt oder beweist sein umwerfendes Talent als Bluesröhre. Die Live-Rockband NOVYI MIROVOI PORJADOK spielt Grunge, Punk und Southern Rock vom Feinsten, und auch Alexander Scheer greift wieder zur Gitarre, gibt einen russischen General als lieben Gott oder den Teufel als Frank-Zappa-Lookalike.

Im Duett mit Christian Schneeweiß rührt Scheer im Stil einer Werbekanalsendung einen höllischen Cocktail aus Shiguli-Bier, Anti-Schuppenmittel, Bremsflüssigkeit, Wasch- und Fußpilzpulver an. Auch wird die Wirkung des politischen Theaters auf die Schippe genommen. Ob nun Erhalt des gesunder Menschenverstands oder der Verlust des Gedächtnisses. Jeder aufrechte Russe trinkt, ist die große Erkenntnis des Abends. Eros und Libido bleiben da trotz Jeanette Spassova als bezaubernde Heilige und geheimnisvolle Sphinx zwangsläufig auf der Strecke. Bei aller Herumblödelei neutralisiert sich der höhere Weltanspruch („Drunter machen wir es nicht.“), den Jerofejew auch im Blick hatte, zusehends gegen Null. Wer hier mehr erwartet hat, ist allerdings wohl auch in der falschen Veranstaltung gelandet. Einige verlassen die Volksbühne vorzeitig oder holen sich Nachschub aus der Bar im Sternfoyer, wo es Bier und Wein aus Plastikbechern gibt, was zum Genuss des gegen ein satt dröhnendes Livekonzert tendierenden Abends auch dringend empfohlen wird.

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Wir sind die Guten (3.Stock, 12.04.2017)
2. Staffel!
Ostermysterien von Markus Öhrn
Konzept und Regie: Markus Öhrn
Musik: Makode Linde
Dramaturgie: Anna Heesen, Thilo Fischer
Mit: Janet Rothe, Florian Loycke, Jakob Öhrmann, Rasmus Slätis und Makode Linde
11 Premieren vom 7. bis 17. April 2017

REISE NACH PETUSCHKI (Volksbühne, 12.04.2017)
Ein Delirium bzw. Kurzzeitodyssee per Bahn nach Wenedikt Jerofejew
in der Fassung von Thomas Martin
Regie: Sebastian Klink
Raum: Bert Neumann
Bühne: Gregor Sturm
Kostüme: Gregor Sturm
Licht: Hans-Hermann Schulze
Videokonzeption: Konstantin Hapke, Nicolas Keil
Kamera: Simon Baumann
Musikalische Leitung: Kriton Klingler
Ton: Christopher von Nathusius, Gabriel Anschütz, Tobias Gringel
Tonangel: Jonathan Bruns
Mit: Patrick Güldenberg, Alexander Scheer, Christian Schneeweiß, Jeanette Spassova und Daniel Zillmann
Musik:  NOVYI MIROVOI PORJADOK formerly known as THE NEW WORLD ORDER, Kriton Klingler, Conner Rapp, Mathias Brendel
Premiere war am 12.04.2017 in der Volksbühne am Roasa-Luxemburg-Platz
Termine: 11.05.2017

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de/

Zuerst erschienen am 15.04.2017 auf Kultura-Extra.

Theaterabschiede Teil 1: Christoph Marthaler an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

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Der russische Roman Exodus in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Eine Terrorkampagne mit Musik nach DJ Stalingrad in der Regie von Sebastian Klink

Sonntag, April 10th, 2016

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(c) Volksbühne

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Pünktlich zur Karfreitagspremiere von Exodus gab es auch die erste Kreuzigung in der Schwarzen Oster-Serie der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die schmalen Holzkreuze liegen zu Beginn des Abends noch abgeklappt auf dem Beton, aber Alexander Scheer, bewaffnet mit Megafon, Stahlhelm und roter Lederjacke, macht keinen Hehl daraus, was damit in der Bühnenadaption des von Pjotr Silaew 2011 unter dem Pseudonym DJ Stalingrad in Russland veröffentlichten und 2013 in deutscher Übersetzung erschienen Debütromans geschehen soll. „Wir brauchen keinen Jesus. Wir sind selbst alle Jesus.“ brüllt er irgendwann ins Publikum. Später wird es eine Golgatha-Szene geben mit Hanfpflanzen in Töpfen und anschließendem Zertrümmern von Kloschüsseln, auf die man sich zu dritt davor gesetzt hatte, um über Jesus Einzug in Jerusalem am Palmsonntag auf einem Esel zu sinnieren.

 

Exodus_Volksbühne_Schaukasten_antik

Foto Schaukasten Volksbühne – St. B.

 

Ein Symbol des Friedens und der Provokation der Mächtigen zugleich. Silaews Roman strotzt nur so vor Beschreibungen provokanter Aktionen. Nur ist seine Darstellung der postsowjetischen Zeit nicht gerade friedlich, sondern geprägt von blutiger Gewalt rivalisierender linker und rechter Straßengangs. Exodus ist zudem stark autobiografisch geprägt. Silaew wurde bis vor kurzem mit internationalem Haftbefehl gesucht. Der 1985 geborene Autor, der Anfang der 2000er Jahre gegen russische Neonazis kämpfte und als Umweltaktivist an Aktionen gegen den Autobahnbau teilnahm, soll in Russland wegen Rowdytums vor Gericht. Es droht ihm Arbeitslager. Man kennt das von der Punkband Pussy Riot. Mittlerweile lebt und arbeitet Petr Silaew als Journalist und Autor in Spanien.

Silaew, der ein abgeschlossenes Studium der Philosophie und Religionswissenschaft hat, verwendet in Exodus einige religiöse Metaphern. Es gibt einen fleischgewordenen Verführer, der wie eine Erscheinung des Herrn, dem jungen, namenlosen Erzähler Unheil verkündet, wenn er ihm nicht folge. Später wird der sich in der Volksbühne Iwan nennende Protagonist diesen Mann mit der Eisenstange erschlagen. Alexander Scheer malt das hier in allen Farben aus. In der Gewaltausübung findet die Gruppe um ihn (Rouven Stoer als Ruslan und Patrick Güldenburg als Crack) sogar etwas von Heiligkeit. Ihr Handeln ist dabei bewusst ambivalent und changiert von extrem links bis nach rechts außen inklusive Judenwitzen.

Die verlorene, postsowjetische Generation geriert sich wütend gegen Staatsmacht, Wendegewinnler und das kapitalistische System des Westens. Der Hass der Verlierer entlädt sich bei Fußballspielen, Demos und Punkkonzerten. Ihre Religion ist der Schmerz. Das resultiert vor allem aus den Kindheitserlebnissen der Protagonisten, die bereits von Gewalt geprägt sind und sich wie mit einer Nadel in „eine Rille des Schmerzes auf das Vinyl“ gepresst hat. Wenig Licht, viele Schläge. Nur das Schmerzhormon lässt sie noch fühlen. Silaew beschreibt es u.a. recht poetisch wie das Gehen auf „Gras mit spitzen, scharfen Halmen, eine Wiese aus Blut.“

 

Exodus_Volksbühne

Schwarze Serie in der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Der sowjetische Mensch ist schwer zu erklären, heißt es einmal. Der Homo soveticus (nach Schriftsteller Alexander Sinowjew) hat sich in die neue Zeit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hinübergerettet, in eine Gesellschaft aus ziel- und prinzipienlosen Opportunisten, die bereitwillig den ihnen zugewiesenen Platz einnehmen. Silaew erklärt diese Geburt des neuen russischen Helden ausführlich in einem Abriss über „überflüssige männliche Individuen“, die als kluge Selbstregulierung der Gesellschaft aussortiert und einer ihren Talenten gemäßen Verwendung zugeführt werden. „Die einen überflüssigen Männer werden Polizisten, andere Verbrecher. Das hilft ein bisschen, das Blut fließt wieder.“ Ein Mechanismus des notwendigen Aderlasses, der zwangläufig nur ein Ziel hat: den Krieg. „Der Homo soveticus versteht was vom Sterben.“

Spätestens mit diesen Theorien von der Entstehung der Gewalt und der Ausnutzung des vorhandenen Gewaltpotentials dürfte er für Volksbühnenintendant Frank Castorf interessant geworden sein, der eben genau diese Passagen aus Exodus als Fremdtext für seine Bearbeitung von Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow nutzte. Ein irrlichternder Abriss über die Geschichte der Gewalt von der russischen Orthodoxie, dem Nihilismus über die gewalttätige Vätergeneration bis zum politischen Ideologen Stalin und seinen Nachfolgern.

Was wir nun in der Inszenierung Exodus – Eine Terrorkampagne mit Musik nach DJ Stalingrad von Sebastian Klink erleben, ist so etwas wie eine wilde, konzertante Zugabe. „Die Seele dem Chaos verkauft“, dient hier als Motto für einen schier überbordenden Abend voller aggressiver Rockmusik, körperbetontem Posing und kleinen Geschichten über die Schizophrenie der russischen Gesellschaft und deren Zusammenhalt anhand des Märchens von Strohhalm, Kohle und Bohne. Der Soundtrack zum Abend kommt von der Hardcore-Metalband The New World Order. Die drei Musiker spielen recht laut am Fuße des Asphaltbetons in einem Metallkäfig, der vom Schauspielensemble immer wieder bestiegen und mit Baseballschlägern und Eisenrohren traktiert wird.

 

Rote-Armee-Denkmal in Sofia

Rote-Armee-Denkmal in Sofia

 

Es wird wie bei Castorf üblich viel mit der Livekamera aus den Katakomben der Volksbühne übertragen und als ergänzender Fremdbeitrag eine Vernehmung des politischen Konzeptkünstlers Pjotr Pawlenski, der sich u.a. mit seinem Hoden auf den Roten Platz genagelt hatte, nachgespielt. Was in eine Diskussion über die Einordung seiner Aktionen entweder als Schändung von gesellschaftlichen Symbolen und Bauwerken oder als Kunst führt. Zu sehen ist unter anderem auch die recht ironische Umgestaltung von Figuren des Russischen Ehrenmals in Sofia durch unbekannte Künstler zu US-amerikanischen Helden und Symbolen der Popkultur. Videoeinspielungen alter sowjetischer und DDR-Kinderfilme wie dem singenden Krokodil Gena und Jan und Tini auf Reisen stehen neben Straßenkampfszenen von Demonstranten mit russischen Sicherheitskräften.

Sebastian Kling hat seinen Cliquenturbo aus Ernst Haffners Blutsbrüdern im 3. Stock noch mal angeworfen und die dortigen Darsteller Patrick Güldenberg und Rouven Stöhr mitgebracht. Sogar Axel Wandke ist erneut als Biberkopfinkarnation mit E-Gitarre wieder mit von der Party. Ähnlich wie Alexander Scheer, der seinen grandiosen Karamasow-Bruder Iwan in die Hauptfigur aus Pjotr Silaews Exodus transformiert. Eine Fortsetzung des alten Dostojewski-Prinzip „Alles ist erlaubt“ ins moderne Russland. Wobei der Bezug zum Westen etwas zu kurz kommt.

Zum männlichen Trio Infernale gesellt sich noch die Schauspielerin Margarita Breitkreiz mit ein paar eindrucksvollen Szenen, etwa als Mutter Russland, die die Gekreuzigten wäscht, oder als Mutter eines aus dem 8. Stock eines russischen Plattenbaus gefallenen Kindes, was sie, während sie auf der anderen Seite rauchen war, nicht registriert hatte. Allerdings wirkt der gut zweistündige Abend auch etwas überdreht, und vieles wird durch das andauernde männliche Gepose mit tätowierten Oberkörpern und die krachige Musik übertönt. Als Livekonzert mit Zwischentext ist der Abend sicher annehmbar. Man sollte ihn aber unbedingt mit einem Besuch der Brüder Karamasow kombinieren. Denn nur so entfalten die Texte von DJ Stalingrad in einem gesamtgeschichtlichen Kontext ihre ganze Wirkung.

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 (C) Matthes & Seitz

(C) Matthes & Seitz

Exodus (01.04.2016)
nach DJ Stalingrad
Bühnenfassung und Dramaturgie: Thomas Martin
Regie: Sebastian Klink, Bühne und Kostüme: Gregor Sturm, Musik: The New World Order, Licht: Hans-Hermann Schulze, Ton: Christopher von Nathusius, Video: Konstantin Hapke
Mit: Margarita Breitkreiz, Patrick Güldenberg, Alexander Scheer, Rouven Stöhr, Axel Wandtke, Kriton Klingler-Ioannides (Musiker), Mathias Brendel (Musiker) und Conner Cornelius Rapp (Musiker)
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

 

Uraufführung in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war am 25. März 2016.

Termine: 23.04. und 06.05.2016

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 03.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Der Schauplatz Berlin als sozialer und poltischer Brennpunkt in zwei Inszenierungen im Theaterdiscounter Mitte und der Volksbühne am Rosa-Luxenburg-Platz

Mittwoch, Januar 28th, 2015

„Gierig? Dann sind sie verloren.“ – Im Theaterdiscounter übertragen MARIAKRON Jean Giraudoux‘ Pariser Spekulanten-Komödie Die Irre von Chaillot ins gentrifizierte Berlin der Gegenwart

Carl von Ossietzky bescheinigte in den 1920er Jahren dem französischen Diplomaten und Schriftsteller Jean Giraudoux (1882-1944) in einer Romanrezension „ein Meister der feinsten epigrammatischen Spitze“ zu sein, „was ihn nicht hindert, gelegentlich statt des Floretts den Stock zu führen“. Das trifft im Groben wohl auch auf seine 1943 geschriebene Komödie La Folle de Chaillot (dt.: Die Irre von Chaillot) zu – eine bissige Satire auf das Pariser Spekulantentum im von den Deutschen besetzten Paris.

Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter - Foto (c) Mariacron

Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter
Foto (c) Mariacron

Der eigentlich recht germanophile Giraudoux hatte sich schon in der Zeit von 1924-28 als Pressechef im französischen Außenministerium und von 1939-40 gar als französischer Propagandaminister seine Meriten in puncto politischer Agitation verdient. Während des Krieges schwang er dann für das Radio sein scharfes, satirisches Florett gegen die deutschen Besatzer. Er ist diesbezüglich allerdings auch nicht ganz unumstritten. Eine gute Ausgangsposition also für das künstlerische Gemeinschaftsprojekt MARIAKRON um Regisseur Cornelius Schwalm, Schauspielerin Verena Unbehaun sowie Dramaturgin und Autorin Sophie Nikolitsch, ihrerseits satirisch, agitatorisch mit dem Stoff zu experimentieren.

Banker, Makler, Grundstückspekulanten gibt es ja auch im schönen Berlin in Hülle und Fülle, nur mit den Erdölvorkommen hapert es hier ein wenig. In Giraudoux‘ Stück wird nämlich einer Gesellschaft von Geschäftsleuten – bestehend aus einem Präsidenten, Baron, Börsenmakler und Prospektor (Fachmann für die Suche nach Rohstoffvorkommen) – die Gier nach dem schwarzen Gold zum Verhängnis. In einem Pariser Café haben sie zuvor die Sprengung alter Gebäude beschlossen, um an den erhofften Bodenschatz zu kommen. Eine Gruppe Einheimischer um die alte, kauzige Dame Aurélie, genannt die Irre von Chaillot, vereitelt den Plan der Spekulanten und lockt nach einem Schauprozess in Abwesenheit der Delinquenten die gesamte Blase mit einem Trick in die unterirdische, sich labyrinthisch verzweigende Pariser Kloake. Der Geschmack des mit einem in Öl getränkten Wattebauschs versetzten Leitungswassers soll suggerieren, dass sich im Keller eines Hauses die gesuchte Quelle befände. Die frohe Botschaft verbreitet sich in Windeseile unter den Pariser Gierschlünden aller Couleur, was zum vollkommenen Erfolg für die Verteidiger des Viertels beiträgt.

Sicher, ein schönes Märchen, aber: „Ist es nicht recht und billig, die Schlechten zu richten?“, wie es im Stück heißt. Eine Frage, an der sich sicher nicht sofort die Geister scheiden werden. Eher an der, wie sich das heute anstellen ließe, wenn es denn tatsächlich dazu käme. Darauf hat dann aber das Kollektiv MARIACRON auch keine adäquate Antwort gefunden. Man hält sich im Großen und Ganzen an den vorgegebenen Plot. Soviel zur politischen Wirksamkeit von Kunst.

Als treffende Gesellschaftsbetrachtung inklusive kritischer Innenschau der Berliner Kunstszene taugt die phantastisch anmutende Komödie aber allemal, denkt sich das Team und lässt die betuchten Gauner als städtisches Konglomerat aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft auftreten. Das gesättigte Geld-Bürgertum, emporgekommen durch verschiedenartige Betrügereien, schaut von oben herab auf die Berliner Bohème aus lauter Borderlinern, einem Kunstprekariat, das sich mit Kellnerdiensten, Tellerwaschen oder Vorgaukeln ominöser Kunstziele über Wasser hält.

Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter Foto (c) Mariacron

Die Irre von Chaillot im Theaterdiscounter
Foto (c) Mariacron

Berlin soll schöner werden, hat sich die neu gegründete Gesellschaft (Silvina Buchbauer, Mareile Metzner, Anne Retzlaff, Matthias Rheinheimer und Verena Unbehaun) im Dienste des Schönen und der Kaufkraft auf die Fahnen geschrieben. Ihr neuer Klassizismus orientiert sich dabei an den Linien von Townhäusern. Kunst im öffentlichen Raum ist den Snobs wie Analficken ohne Gleitmittel. Das Unkraut aus dem Wildwuchs diverser Projekte und Stückentwicklungen gehört ausgemerzt. Als nicht ganz freiwilliger Vollstrecker der Ziele des schürfwütigen Konsortiums findet sich der Kleinganove Pierre (Musiker Robert Rating, Mitglied bei The Incredible Herrengedeck) wieder. Hier ein gut gepamperter Staatskünstler, der die Obrigkeit mit kleinen Kunststückchen bei Laune hält und auch sonst erpressbar ist. Die herrschenden Förderstrukturen haben den Künstler gezähmt. Rilkes Panther im Käfig aus tausend Stäben, und hinter tausend Stäben keine Welt. Pierre soll nun also die erste Bombe an die alten Strukturen legen. Was dem gescheiterten Konzeptkünstler einiges Unwohlsein bereitet, und ihn schließlich an den Rand des Selbstmords treibt.

Das entbehrt nicht einer gewissen Selbstironie, wenn auch im Weiteren nicht viel mehr als eine schmale Sozial-Klamotte mit Musik herausspringt. Die Schauspieler wechseln schnell Kleider wie Rollen und verkörpern nun die Pariser/Berliner Alteingesessenen, die es bestens verstehen, den abtrünnigen Lebensmüden alsbald wieder in die eigenen Reihen einzugliedern. Man gibt sich kämpferisch, reckt die Faust und stimmt die Solidarity-Hymne der britischen Anarcho-Oi-Punk-Band Angelic Upstarts an. Das Zeitalter der Sklaven und Peiniger ist vorbei.

Würde man sich jetzt vielleicht etwas mehr an freier Bearbeitung wünschen, hängt die Inszenierung trotz einiger Kürzungen doch wieder an Giraudoux‘ Textvorlage vom schon beschrieben Plan, die Übeltäter verschwinden zu lassen und einer vorangehenden abstrusen Gerichtsshow. Die von Aurelie (Silvina Buchbauer) angeführte Gemeinschaft der angeblich Irren, Lumpensammler, Tellerwäscher und Kloakenreiniger setzt ihr Vorhaben minutiös in die Tat um. „Wenn man vernichtet, muss man im Großen vernichten.“ Die Welt soll aus den Händen der Macker befreit werden. Die kleine Liebesstory zwischen der Geschirrwäscherin Irma (Anne Retzlaff) und Pierre geht dabei völlig in akrobatischen Körperübungen unter.

Nachdem die sich nun auch namentlich outende Neuberliner Szene des Prenzlauer Bergs in den rauchenden Schlünden der Kloake verschwunden ist, werden Tür und Fenster aufgerissen und frische Luft in den verqualmten kleinen Saal des Theaterdiscounters gelassen. Das Vorlesen der Namen der plötzlich Verstorbenen wie Steuersünder Uli Hoeneß, die Samwer-Brüder, als bekannte Aasgeier des globalen Internethandels, und andere Promis aus Wirtschaft, Politik und Boulevard durch die Dramaturgin des Abends ist dann aber weder Florett noch Stock, sondern mehr der gute alte Holzhammer, mit dem man bekanntlich alles platt kriegt. The Power of Love richtet die am Boden liegenden dann schon wieder auf. Aber wenn schon die 80er, dann doch passender zum Stück mit den Fun boy Three im Tunnel of Love. Get down on your knees!

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DIE IRRE VON CHAILLOT / eine Lynchkomödie
in einer freien Bearbeitung des Lustspiels La Folle de Chaillot von Jean Giraudoux
Text / Regie: Cornelius Schwalm
Dramaturgie / Text: Sophie Nikolitsch
Bühne: Hovi-M
Kostüm: Andrea Göttert
Produktion: Theaterdiscounter & Mariakron
Mit: Silvina Buchbauer, Mareile Metzner, Robert Rating, Anne Retzlaff , Matthias Rheinheimer und Verena Unbehaun
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere im Theaterdiscounter vom 22.01.2015
Termine: 24., 25., 28., 29. und 30.01.2015 sowie 06., 07. und 08.03.2015

Infos: http://www.theaterdiscounter.de/stuecke/die-irre-von-chaillot

Zuerst erschienen am 25.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Blutsbrüder, der Berliner Cliquenroman von Ernst Haffner, inszeniert von Sebastian Klink im 3. Stock der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

„Acht Jungens, sechzehn bis neunzehn Jahre alt. Einige sind aus der Führsorgeanstalt geflohen. Ihre Geburt, ihre früheste Jugend fiel in die Zeit des Krieges und Nachkrieges.“ So stellt uns Ernst Haffner (1900-1938) die Blutsbrüder aus seinem 1932, ein Jahr vor der Machtergreifung der Nazis erschienen Roman Jugend auf der Landstraße Berlin vor. Berlin ist da längst schon Brennpunkt der Straßenkämpfe zwischen militanten linken und rechten Gruppierungen. Das klammert der Autor in seinem einzigen und wie eine Reportage gestalteten Roman völlig aus. Trotzdem wird der (wie auch das wesentlich bekanntere Werk Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin) 1933 von den Nazis verbrannt. Haffner ist zwar kein Döblin oder Fallada, aber auch er beschreibt in ebenso sachlichem Stil aus erlebten Rede und innerem Monolog ganz ähnliche Situationen aus dem Berlin von unten.

Der Journalist und Sozialarbeiter Haffner, dessen Spur sich in der Zeit vor dem Krieg verliert, schildert recht detailreich die Kunst des Überlebens in der Hauptstadt eines durch die Weltwirtschaftskrise arg geschüttelten Deutschlands mit seinen 5 Millionen Arbeits- und Hunderttausenden von Obdachlosen. Er beschreibt die brutalen Erziehungsmethoden in den Führsorgeheimen genauso wie die elenden Bedingungen in Obdachlosenasylen, Wärmhallen und Hinterhofwohnungen. Der tägliche Kampf um Brot, Zigaretten und einen Platz zum Schlafen zwischen Bettelei, Kleindiebstählen und Prostitution steht neben der Schilderung echter Freundschaften einzelner Blutsbrüder und ihren ersten zaghaften Liebeleien. 2013 brachte der Aufbau-Verlags-Ableger Metrolit Haffners Buch (Blutsbrüder – Ein Cliquenroman) als „sensationelle Wiederentdeckung“ neu heraus.

Volksbühne - Foto: St. B.

Foto: St. B.

In der Inszenierung der Bühnenfassung Blutsbrüder von Thomas Martin im 3. Stock der Volksbühne unterstreicht Jungregisseur Sebastian Klink am Beginn den titelgebenden Akt der Bruderschaft aus jugendlichen Landstreichern auch ganz bildlich mit Messer und Theaterblut, das die 8 Darsteller hier mit Bier vermischt aus einem Eimer saufen müssen. Einen Cliquenturbo frei nach Ernst Haffner will Klink hier mit Absolventen der Schauspielschule Ernst Busch, Mitgliedern des Volksbühnenensembles und freien Darstellern anwerfen. Was aber zunächst anspringt ist der Videoapparat, einmal in Form einer alten Röhrenkiste, auf der wie im Stummfilm die Zwischenüberschriften der Spielhandlungen angezeigt werden und dann an der Rückwand der Bühne, wo in guter alter Castorf-Manier, Szenen aus den Stammkneipen der Bande wie der „Rückerklause“ und dem „Mexico am Alex“ oder dem „Schmidt in der Linienstraße“ ablaufen, was hier wie eine Endlos-Liveübertragung aus der Volksbühnenkantine wirkt.

Das gut halbstündige Schwarzweiß-Filmintermezzo wird von einem Erzähler kommentiert, ansonsten gibt es viel Geschrei und auf die Fresse. Die Berliner Schnauze sitzt hier auf dem rechten Fleck. Höhepunkt ist der Bericht des jungen Wilhelm, der, aus der Erziehungsanstalt geflohen, seine Reise unter dem D-Zug von Köln nach Berlin wie in einer für diese Jahre typischen Radioreportagen erzählt. Die Dokumentation durch Film und Radio ist eine wichtige Referenz für Regisseur Klink, um das nötige soziale wie kulturelle Zeitkolorit einzufangen. Die auf der mit schwarzem Feinsplitt bestreuten Bühne aufgestellte drehbare Sperrholzplatte hat seitliche Löcher wie ein Filmstreifen und dient als einfache Wand, waagerechte Spielplattform oder Schiffsschaukel auf dem Rummel. Und die Blutsbrüder gehen natürlich auch gern ins Kino. Man spielt dabei nicht nur Haffner, sondern auch kurze Szenen aus Professor Unrat und M – Eine Stadt sucht einen Mörder nach.

Nun surrt auch endlich der Turbo, und Klink gibt mit seiner Inszenierung richtig Gas. Im Mittelpunkt stehen auch hier wie im Roman die beiden getürmten Führsorgezöglinge Ludwig und Wilhelm (herausragend Patrick Güldenberg und Gabriel Schneider). Um ihre Geschichte herum entspinnt sich ein schneller Reigen von Spielszenen aus dem täglichen Cliquenleben. Mal geht es um die buchstäbliche Wurst, dann sitzt man in der U-Haft, ist auf der Flucht oder feiert im Schnapsdunst bis zur Besinnungslosigkeit. Bei der kindlichen Rummelprostituierten Elli (Isabel Thierauch) holt sich Willi seinen ersten Tripper, und bei der schlesischen Olga (Franziska Hayner) gibt es für 5 Groschen eine Matratze mit Wanzen.

Blutsbrüder (c) Metrolit

Arbeitslose Jugendliche in Berlin – Bildquelle: http://www.metrolit.de

Ansonsten reißt man ordentlich Witze, drischt anzügliche Trinksprüche und singt Lieder der Zeit. Das ist durchaus witzig gemacht und durch die Busch-Absolventen auch hingebungsvoll gespielt. Der zugegebenermaßen etwas belehrende Ton der Vorlage wird allerdings gnadenlos vor allem vom altgedienten Volksbühnenmimen Axel Wandtke (in verschiedenen Rollen) wegberlinert oder auch mal im feinen Wienerdialekt eines schnöseligen Ku’damm-Freiers (Alexander Ebeert) karikiert.

Das Abrutschen der Clique ins kriminelle Milieu ist vorgezeichnet und wird auch hier kurz anskizziert. Wer es genauer wissen will, muss allerdings das Buch lesen. Wo Klink Haffner nicht mehr ausreicht, streicht er, ergänzt mit Fremdtexten oder spinnt die Story einfach in die nahe und ferne Zukunft weiter inkl. Ausflug in den Schützengraben. Franz Biberkopf grüßt vom Alexanderplatz, der Name Erich Mielke taucht auf, und Fred, der Stellvertreter (Rouven Stöhr) des „Cliquenbullen“ Johnny (Sebastian Schneider), trägt irgendwann Hakenkreuzbinde und träumt vom Führer. Und während die beiden abtrünnigen Blutsbrüder Friedrich und Wilhelm noch über ihre Zukunft sinnieren, steht der ehemalige Cliquenführer in KZ-Kleidung schon hinten an der Wand.

Wenn auch nicht gerade sehr politisch, so wendet sich Ernst Haffner in seinem recht detailgetreuen Tatsachenbericht auch immer wieder indirekt mit ganz konkreten Fragen an die Leser seiner Zeit, wie etwa: „Gibt es Trostloseres als diese Wärmehalle im ausrangierten Straßenbahnschuppen?“ Trostlos ist auch im heutigen Berlin noch so manches. Nur Fragen stellt sich hier kaum noch jemand.

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BLUTSBRÜDER (3. Stock, 24.01.2015)
Cliquenturbo nach Ernst Haffner. In der Fassung von Thomas Martin
Regie: Sebastian Klink
Bühne und Kostüme: Gregor Sturm
Licht: Hans-Hermann Schulze
Ton: Christopher von Nathusius
Video: Konstantin Hapke
Kamera: Mathias Klütz, Adrien Lamande
Mitarbeit Dramaturgie: Thilo Fischer
Mit: Alexander Ebeert, Patrick Güldenberg, Franziska Hayner, Gabriel Schneider, Sebastian Schneider, Rouven Stöhr, Axel Wandtke und Isabel Thierauch
Dauer: ca. 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause
Premiere war am 22. Januar 2015
Weitere Termine: 29., 30. 1. / 13. – 15. 2. 2015

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/blutsbrueder/?id_datum=8571

Blutsbrüder (c) Metrolit

Blutsbrüder (c) Metrolit

Literarturhinweis:

Ernst Haffner
Blutsbrüder
Ein Berliner Cliquenroman
Gebunden, mit SU, 240 S. 19,99 Euro
Metrolit Verlag, Berlin 2013

Zuerst erschienen am 26.01.2015 auf Kultura-Extra.

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