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Im schützenden Mantel der Kunst – Dresden und Senftenberg feiern sich und ihre Theater als Orte der Repräsentation und Wahrheitssuche.

Montag, September 30th, 2013

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King Arthur, eine Semiopera von John Dryden und Henry Purcell zum Hundertsten Geburtstag des Staatsschauspiels Dresden.

Dresden, 13.09.13 – Trompeten und Hörner bliesen es von den Zinnen der Feste. Großes stand an diesem Abend bevor. Das Staatsschauspiel Dresden beging am Freitag, dem 13. sein hundertjähriges Bestehen. 100 Jahre in 100 Bildern. Zu festlich barocken Streicherklängen zog noch einmal die bewegte Geschichte des mächtigen Theaterbaus an der Ostra-Allee an den Augen der Anwesenden vorbei.

Staatsschauspiel Dresden_Premiere King Arthur

Staatsschauspiel Dresden, Premiere King Arthur – Foto: St. B.

Wilfried Schulz, der Intendant des Staatsschauspiels Dresden, musste sich am Abend mehrfach zum Hundertsten gratulieren lassen. Natürlich immer mit der Floskel verbunden, dass er natürlich noch lange nicht so alt aussehe. Der 61-jährige, gebürtige Preuße an der Spitze des Sächsischen Staatsschauspiels hat sich mit seiner stetigen, ehrlichen Bürgernähe die Sympathie der Dresdner redlich verdient. In seiner klugen Rede beschwor er das Theater als Ort der Repräsentation und des Authentischen im schützenden Mantel der Kunst, immer auf der Suche nach Wahrheit und einem veränderbaren Zustand der Welt. Und dabei lächelt die Kunst auch über ihre eigene Widersprüchlichkeit. Theater ist für Schulz eben auch, die Möglichkeit des Scheiterns auszuhalten.

Das selbst Hundertjährige in eine, wie auch immer geartete Notlage geraten und dann einfach so verschwinden können, mit diesem Bonmot wollte Stanislaw Tillich, seines Zeichens Ministerpräsident des Sächsischen Freistaats, punkten. Der Mann muss es wissen, er ist Hauptfinanzier des Staatsschauspiels. Er verglich das Theater mit einer Romanfigur des Schriftstellers Jonas Jonasson. In dem schwedischen Bestseller Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand macht sich ein Mann, der in seinem hundertjährigen Leben eher zufällig in der internationalen Weltpolitik mitgemischt und für so manch Explosives gesorgt hatte, an seinem Ehrentag einfach aus dem Staub. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Eigentlich ein versteckter Fingerzeig für das Stadttheater, auf der verzweifelten Suche nach seiner gesellschaftlich relevanten Traumrolle, nichts dem reinen Zufall zu überlassen. Diese Vorstellung könnte aber auch zum Albtraum geraten, sollte das Theater die allzu große Nähe zu den Mächtigen nicht tunlichst meiden.

Staatsschauspiel Dresden

Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

Tillich lenkte mit seinem kleinen Ausflug in die Literatur aber auch, gewollt oder nicht, kurz das Augenmerk auf den tragischen, tödlichen Fall des Schriftstellers Erich Loest aus Leipzig, der anderen großen sächsischen Stadt mit einem Theater, das nach langen kulturpolitischen Querelen erst wieder zu feiern lernen muss. Außer dem erwähnten kurzen Schweden-Intermezzo war Tillichs Rede von ausgewogen regionaler Schlichtheit. Er sprach von sächsischer Ingenieurskunst, einem Darlehn der Bürger Dresdens, das den Bau ihres Theaters erst ermöglichte und dem Lesen zwischen den Zeilen, auch eines der bekanntermaßen rein sächsischen Phänomene. Neben Kulturförderung ist in Sachsen vor allem Popularität wichtig. Der Mann ist Pragmatiker, er will wiedergewählt werden. Das ist sein förderstes Staatsziel.

Umso reflektierter dann der Beitrag des Dresdner Schauspielensembles. Damit Theater eben nicht einfach nur zum Bestseller verkommt, äußerten die Schauspieler, vertreten durch das jüngste (Lea Ruckpaul) und älteste (Albrecht Goette) Ensemblemitglied drei fromme Wünsche, die es vieler Orts noch zu erfüllen gilt. Die beiden wünschten sich, ein Publikum, das sich zur Verfügung stellt, eine Politik, die Kunst und Markt trennt und ein Theater, das seine Aufgabe nicht vergisst, ein anderer Ort zu sein. Was die beiden genau darunter verstehen, soll hier nicht weiter ausgeführt werden, denn echtes Theater wurde natürlich auch noch gespielt.

Lea Ruckpaul und Albrecht Goette bei der Feierstunde am Staatsschauspiel Desden. - Foto: St. B.

Lea Ruckpaul und Albrecht Goette bei der Feierstunde am Staatsschauspiel Desden. – Foto: St. B.

Um der gemeinsamen Zeit des Staatstheaters mit der Staatsoper Dresden zu gedenken, hatte man um die beiden Kunstgattungen wieder zu vereinen, zum Jubiläum die Semiopera King Arthur mit der Musik von Henry Purcell und dem Text von John Dryden ausgewählt. Die beiden Engländer huldigten 1691 ihrem König Charles II. und dem Sieg der Briten über die heidnischen Sachsen mit einer Art „Nationaloper“. Das könnte natürlich gerade am Sächsischen Staatsschauspiel und aus Sicht der Dresdner Geschichte einiges an Brisanz bieten.

Armin Petras, der in Dresden mit seiner Dramatisierung des Tellkamp-Romans Der Turm glänzte, hat die Oper mit einem frischen Prolog versehen. In schönstem Kontrast zu den Sonntagsreden der Politik stehen die Worte von Staatssalat und -bankrott, Kunst und Macht, sowie wenig Hirn und viel Eitelkeit. Matthias Reichwald, der hernach als King Arthur wieder zum am Bühnenrand steckenden Schwert greift, spricht sie direkt ins Publikum mit seiner hohen sächsischen Prominenzdichte.

Zur Ouvertüre versammelt sich dann auch jede Menge finsteres Personal zum Schlachtgetümmel und stürzt dabei die lange Bühnenschräge hinunter, die nach hinten spitz zuläuft. Während König Arthur im Soldatenmantel seine Briten zum Kampf treibt, rufen die geschlagenen Sachsen ihre Götter an. Dem noch zaudernden König Oswald (Christian Erdmann) drückt dabei der bassgewaltige Zauberer Grimbald (Peter Lobald) einen Speer in die Hand. Zum martialischen We have sacrificed … Come if you dare werden drei Geopferte an Sicherheitsgeschirren hochgezogen.

Christian Erdmann (Oswald, König von Kent) und Yohanna Schwertfeger (Emmeline, Conons Tochter) - Foto: David Baltzer

Christian Erdmann (Oswald, König von Kent) und Yohanna Schwertfeger (Emmeline, Conons Tochter) – Foto: David Baltzer

Der Sachse rührt sich wieder, was erste Lacher im Publikum auslöst. Bei all der Pathetik, die Drydens Text und Purcells Musik bietet, legt sich die Inszenierung von Tilmann Köhler, der sich am Staatsschausiel zum vielbeachteten Hausregisseur gemausert hat, auch ein passendes Sicherheitsgeschirr an. Und zwar das Allheilmittel der Ironie. Man ist sich dessen durchaus bewusst und vergisst auch nicht im Programmheft zu betonen, dass schon in Drydens Text ironische Kritik versteckt sei.Neben dem Kriegsgeschäft der Könige geht es in einer zweiten Ebene um die Liebe zur blinden Emmeline. Beide Kontrahenten sind in ihre schönen Augen, die nichts sehen, versunken. Mit der herrlich nöligen Stimme Yohanna Schwertfegers spricht Emmeline von der Liebe mit Hand und Seele und ist dann doch wie ein Kind von ihrem Schatten fasziniert, als ihr das Augenlicht durch Zaubersaft gegeben wird. Gerade dem Wiener Burgtheater von Matthias Hartmann in Richtung Dresden entkommen, gerät Yohanna Schwertfeger nun in die Fänge Oswalds und seines intriganten Zauberers Osmond. Benjamin Pauquet gibt ihn als notgeile Variante eines im Gesicht kreuzweise geschnürten Malvolios. Osmond heiß ich, und ich will Liebe gesteht er Emmeline mit heruntergelassener Hose.

Dass Autor Dryden Shakespeare verehrt und bearbeitet hat, muss nicht erst betont werden. Das gipfelte in der ebenfalls mit Purcell verfassten Semiopera The Fairy Queen, einer Version des Sommernachtstraums. Und so lässt sich sein King Arthur durchaus auch als ein zauberhafter Traum von Sein und Schein lesen und besitzt der zwischen den Fronten schwankende Luftgeist Philidel die Züge eines Pucks. All das verbirgt die Inszenierung von Köhler nicht. Im Gegenteil, sie stellt es in Persona der stets quirligen, mal wimmernd, mal neckend auf der Bühne herumwuselnden Sonja Beißwenger gerade zu aus. Schauspielerisch fraglos gekonnt stemmt sich das Energiebündel gegen Widersacher Grimbald, muss sich allerdings in den Gesangspassagen von der Sopranistin Arantza Ezenarro doubeln lassen.

Die Irrungen und Verwirrungen auf der Bühne sind Programm. Erst irrlichtern Sachsen und Briten, wechselseitig getrieben durch Grimbald und Philidel durch den Sumpf, – This way, hither, this way bend – dann betören die Gesänge des Cupido (Romy Petrick) selbst die Sinne des coolen Grimbald. Bei der am Theater gern und oft kopierten Arie des Cold-Genius schmilzt der Eisberg Grimbald zu einem stimmlichen Softeis zusammen. Die Kraft Oswolds ist damit aber noch nicht gebannt. Er verzaubert nun sogar einen ganzen Wald.

King Arthur im Zauberwald

Sinfoniechor Dresden, Ilhun Jung (Waldgeist / Aeolus / Pan / He), Arantza Ezenarro (Luftgeist / Sirene / She), Simon Esper (Herold / Schäfer / Waldgeist / Comus), Matthias Reichwald (König Arthur), Nadja Mchantaf (Matilda, Emmelines Dienerin / Sirene / Venus) – Foto: David Baltzer

Als graue Eminenz der zaubernden Gegenwehr schwebt Merlin (Albrecht Goette) mit Rauschebart und Hirschgeweih vom Bühnenhimmel herab. Außer den umgeschnallten weißen und schwarzen Engelsflügeln vermag nur sein Zauberstab, Gut und Böse voneinander zu scheiden. In der schönsten Szene der Inszenierung bewegt sich der herausragende Chor (Sinfoniechor/ Extrachor der Semperoper Dresden) in bunten Fantasiegewändern auf den ihren Sirenengesängen fast schon erlegenen König Arthur zu. Der Baum in dem er seine Emmeline zu sehen glaubt, wird aus einem Bündel gold-glänzender Tücher gebildet. Sie verleihen dem Bühnenbild von Karolyi Risz einerseits schlichte Schönheit gegen die barocke Macht der Musik und lassen sich anderseits zu wehenden Fahnen, schützenden Gewändern oder fesselnden Banden verwenden.

Am Ende greift die bis dahin eher zurückhaltende Regiehand von Tilmann Köhler noch einmal entscheidend in die Handlung ein. Ein Balanceakt auf wackeligen Prospektstangen kippt das Happy End und lässt die nun eigentlich zum Preisen des Paars in heutiger Abendgarderobe angetretene und Holy Land intonierende Menge zunächst etwas ratlos aussehen. Es ist nichts, wie es scheint, ist die Aussage der Inszenierung, und löst damit die These des Theaters als einem anderen Ort zumindest in Ansätzen ein. Und während das wunderbar aufgelegte Prager Collegium 1704 unter der Leitung von Felice Venanzoni auf ihren Barockinstrumenten weiter in Wohlklängen schwelgen darf, kommt endlich auch die von Herrn Tillich gepriesene sächsische Ingenieurskunst in Form der dreiteiligen Versenk-Schiebe-Bühne zum Einsatz.

Premiere King Arthur - Großer Applaus für das Ensemble - Foto: St. B.

Premiere King Arthur – Großer Applaus für das Ensemble – Foto: St. B.

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Das 10. GlückAufFest an der Neuen Bühne Senftenberg zum Thema Wirklichkeit

GlückAufFest LogoSenftenberg, 21.09.13 – Authentisch und möglichst nah an der Wirklichkeit wollen die Theater ja immer irgendwie sein. Nur wie man das anfängt, da scheiden sich dann meist die Geister. Welche Themen sind wirklich aktuell und besitzen wo und für wen Relevanz? Und vor allem, woher die erforderlichen Stoffe nehmen, wenn nicht stehlen? Rennt man einem Trend hinter, beauftragt man einen jungen Autor mit dem Schreiben eines themenbezogenen, dramatischen Werks, oder gräbt man im Bekannten?

An der Neuen Bühne Senftenberg, tief in der südbrandenburgischen Provinz, hat man nun eine Möglichkeit gefunden, unsere deutsch-deutsche Wirklichkeit, trotz mangelnder aktueller dramatischer Vorlage, auf erstaunlich frische Art und Weise auf die Bühne zu bringen. 23 Jahre nach der Wende und kurz vor der nächsten Bundestagswahl packt man hier die Gelegenheit noch einmal beim fast schon kahlen Schopf und findet, nicht gerade überraschend, mehr als nur ein Motte im Pelz der wiedervereinten Nation. Und was wäre besser, als diesen im Rahmen eines die Spielzeit eröffnenden Theaterfestes gehörig auszuklopfen.

Das 10. GlückAufFest in Senftenberg handelt das Thema Wirklichkeit nun an zehn aufeinanderfolgenden Wochenenden bis in den November anhand von vier ausgewählten Prosatexten aus den letzten drei Jahren von Ingo Schulze, Christoph Hein, Rainald Goetz und Volker Braun sowie einem abschließenden aerodynamischen Liederabend des vielseitigen Musikers Hans Eckardt Wenzel ab. Und das ist der andere Aufhänger. Man kann sich in der Provinz das Schmunzeln über die Probleme der Berlin-Brandenburgischen Pleiten-, Pech- und Pannenpolitik nicht verkneifen und baut die Neue Bühne kurzerhand zu einem voll funktionstüchtigen Flughafen SenftenBER aus.

Neue Bühne Senftenberg nachts_Foto Stefan Bock

SenftenBER an der Neuen Bühne Senftenberg.
Foto: St. B.

Am Check-In erhält man dann Flugplan und Bordkarte für einen rund neuneinhalb-stündigen Flug in die Wirklichkeit und der Chef des Towers, Intendant Sewan Latchinian, lässt es sich natürlich nicht nehmen, die Fluggäste persönlich zu begrüßen. Auch für das leibliche Wohl bei den vier Zwischenlandungen ist reichlich gesorgt. Anschnallpflicht besteht nicht und selbst auf die obligatorischen Schwimmwesten kann bei dieser imaginären Reise verzichten werden. Damit das Unternehmen nicht baden geht, versucht das Senftenberger Boden- und Bordpersonal wirklich alles zu unternehmen, den Zuschauersaal zum Abheben zu bringen.

Zum Einstieg bringt Sewan Latchinian die Dresdner Rede von Schriftsteller Ingo Schulz aus dem Jahr 2012 als bissigen Kommentar zur aktuellen Lage unserer Demokratie auf die Bühne. Schulz hatte sie nach Andersens Märchen von Des Kaisers neuen Kleidern Unsere schönen neuen Kleider genannt. Ein kluger Text, der sich anhand auch einiger ermüdender Fakten und Zahlen mit den Auswirkungen der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung seit der Wende, nicht nur in der „ehemaligen“ DDR (eines der vielen schönen Nachwendevokabularien), beschäftigt.

Bernd Färber in UNSERE SCHÖNEN NEUEN KLEIDER - Foto: Steffen Rasche

Bernd Färber in UNSERE SCHÖNEN NEUEN KLEIDER – Foto: Steffen Rasche

Pointe dieser allegorischen Überstülpung ist hier nicht nur der bekannte Ausruf des Jungen, sondern vor allem, dass es, ganz wie im Märchen, immer jemanden braucht, der sich traut, diese Erkenntnis auch lauthals zu unterstützen. Bernd Färber schlüpft, ganz Schauspieler, beim Reden in einem flotten theatralen Schminkprozess von der Rolle des nackten Kaisers hinüber in die der Kanzlerin (samt Raute), die mit ihrer Floskel von der marktkonformen Demokratie und bleiernen Alternativlosigkeit zur Weberin der allerschönsten „unserer neuen demokratischen Kleider“ geworden ist.

Nach ersten unpopulären politischen Wahrheiten folgt mit der Dramatisierung von Christoph Heins Roman Weiskerns Nachlass der Blick auf die Verfasstheit der geisteswissenschaftlichen Elite Deutschlands, die sich mit halben Stellen immer am Rand der Privatinsolvenz durchs Leben schlägt, und der, ähnlich der Kunst, die Mittel immer weiter zusammengestrichen werden. Kulturwissenschaftler Stolzenburg (Alexander Wulke) ist ein solch unterbezahltes Exemplar. Er findet für seine liebhaberische Werkausgabe des unbekannten Mozartlibrettisten Weiskern keinen Verleger und sieht sich aus Geldmangel bald den unmoralischen Angeboten seiner Studenten ausgesetzt.

Juschka Spitzer, Hanka Mark und Alexander Wulke in WEISKERNS NACHLASS - Foto: Steffen Rasche

Juschka Spitzer, Hanka Mark und Alexander Wulke in WEISKERNS NACHLASS – Foto: Steffen Rasche

Hein lässt den notorischen Schürzenjäger und Konfuziussprücheklopfer Stolzenburg durch eine Achterbahn der Ereignisse und Gefühle gehen. Regisseur Latchinian macht daraus einen neunzigminütigen ironischen Discountflug in der Economy Class. Zum Teil auf Flugzeugsitzen spulen die Darsteller das Ganze wie einen rasanten Kunstfälscher-Krimi samt Beziehungsstress und Mozartbegleitung ab. Die bedauernden Worte von Stolzenburgs Steuerberater, der in einer Woche dessen Jahresgehalt an der Börse verdient, bringen es aber schließlich auf den Punkt. Stolzenburg wird auch weiterhin die Business Class versperrt bleiben. Auch wenn sich seine Albträume kurzzeitig in Luft auflösen, der finanzielle Absturz der/des Wissenschaft/lers ist vorprogrammiert. Hier wird kein Château Rothschild kredenzt. Im Abgang bleibt ein leichter Nachgeschmack von zu viel Tomatensaft.

Sewan Latchinian liest JOHANN HOLTROP - Foto: Steffen Rasche

Sewan Latchinian liest JOHANN HOLTROP – Foto: Steffen Rasche

Mit oberflächlich angeeigneten kulturellen Phrasen wirft der Vorstandsvorsitzenden Johann Holtrop gern bei Interviews, Reden oder Geschäftsgesprächen um sich, bevor es dann nach Abschluss in den Puff geht. Rainald Goetz gleichnamiger Roman liefert in sprachlich exquisiter Form ein entblößendes Sittenbild der Wirtschaftselite unseres Landes. Sewan Latchinian führt ihn als szenische Lesung unter Mithilfe zweier Schauspielerinnen und Videoleinwände auf. Er selbst gibt den Aufstieg und Absturz dieses Manager-Dinosauriers als gymnastischen Slapstick mit Aktenkoffer und Wasserflasche. Die gekippten Videobilder verdeutlichen kongenial die psychische und emotionale Schieflage Holtrops sowie die verzweifelte Akrobatik seiner aus hohlen Gesten und Worten bestehenden Rettungsrhetorik. Zweifellos ein Höhepunkt des Abends, den reichlich Szenenapplaus begleitet.

Hanka Mark, Till Demuth, Bernd Färber, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Johannes Moss, Inga Wolff, Anna Kramer, Jan Schönberg, Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Franz Sodann - Foto: Steffen Rasche in DIE HELLEN HAUFEN - Foto: Steffen Rasche

Hanka Mark, Till Demuth, Bernd Färber, Juschka Spitzer, Catharina Struwe, Johannes Moss, Inga Wolff, Anna Kramer, Jan Schönberg, Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Franz Sodann – Foto: Steffen Rasche in DIE HELLEN HAUFEN
Foto: Steffen Rasche

Bis hierin bauen die Texte thematisch wunderbar und dramaturgisch geschickt aufeinander auf. Und zur fortgeschrittenen Stunde gibt es dann zum Thema Geschichte und Utopie auch noch eine Dramatisierung der Erzählung Die hellen Haufen von Volker Braun. Ein Abriss der Geschehnisse um die Abwicklung der Mitteldeutschen Kali-Betriebe im Jahre 1992 in fast poetischen Worten und religiösen Bildern. Der Marsch der Kalikumpel auf Berlin in den Fußstapfen der schwarzen Haufen Thomas Müntzers aus dem deutschen Bauernkrieg. Das Ensemble bewegt sich in Sewan Latchinians epischer, sehr eindrucksvoller Inszenierung um eine graue Abraumhalde, auf der sich die Arbeiter schließlich gegen die Übermacht des Staates verteidigen müssen. Gerechtigkeit, Solidarität und Gewaltfreiheit stehen im Raum sowie die Frage: Was wäre wenn?

Zum Abschluss darf das ausnahmslos großartige Ensemble noch einmal zeigen, dass es auch musikalisch zu unterhalten weiß. In der Revue Auf dem Flughafen nachts um halb eins… singt eine Hautevolee aus verlor’nen Lumpen, die nicht in diese Welt passen will, in der Kneipe einer verlassenen Abflughalle voller Witz und Überlebensmut gegen die graue Wirklichkeit des deutschen Tiefsinns (immer nur die Mitte) an. Eine bezaubernde Stunde der liebeswerten Irren und Idioten. Nach dem Abflug in theatrale Wirklichkeiten folgt irgendwann auch wieder die Ankunft in der Realität. In Senftenberg kann man sich diesem, über den Theaterraum hinausgehendem Abenteuer getrost hingeben.

Inga Wolff, Hanka Mark, Jan Schönberg, Mirko Warnatz, Bernd Färber, Sybille Böversen in AUF DEM FLUGHAFEN NACHTS UM HALB EINS… - Foto: Steffen Rasche

Inga Wolff, Hanka Mark, Jan Schönberg, Mirko Warnatz, Bernd Färber, Sybille Böversen in AUF DEM FLUGHAFEN NACHTS UM HALB EINS… – Foto: Steffen Rasche

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Weitere Termine für King Arthur und das GlückAufFest unter:

http://www.staatsschauspiel-dresden.de/home/king_arthur/termine/

http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/10-glueckauffest.html

Beide Beiträge sind am 16.09.13 und 25.09.13 auf KULTURA-EXTRA erschienen.
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Der Theaterregisseur Christoph Schroth erhält das Bundesverdienstkreuz

Sonntag, Oktober 3rd, 2010

Wie die Lausitzer Rundschau vermeldete, wird dem Theaterregisseur und langjährigem Intendanten Christoph Schroth, u.a. von 1974 bis 1989 am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin und 1992 bis 2003 am Staatstheater Cottbus, das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Festakt findet heute im Staatstheater Cottbus statt.
Erst einmal Glückwunsch an Christoph Schroth, ein renommierter gesamtdeutscher Theaterpreis für ihn wäre mir zwar lieber, aber mit dem Bundesverdienstkreuz trifft es hier auf jeden Fall jemanden, der nicht erst nach der Wende deutsche Theatergeschichte mit geschrieben hat. Ein Zufall wollte es, das ich gerade heute erst in Cottbus war und von dieser Auszeichnung erfuhr. Konnte leider zur Feierstunde nicht dableiben. Mit Christoph Schroth verbinde ich immer noch einige meiner schönsten Theatererlebnisse.
Es trifft auf jeden Fall zu, was Sewan Latchinian sagt, das er den Theatern die er geleitet hat ein außerordentliches künstlerisches Profil und hohe gesellschaftliche Relevanz verliehen hat. Sein Faust 1 und 2 in Schwerin ist legendär. Er hat sicher mit seinem Schaffen Leute wie Castorf, Hartmann oder Latchinian als Intendanten erst möglich gemacht. Schauspieler wie Ulrike Krumbiegel und Veit Schubert haben sich in Schwerin ihre ersten Sporen verdient. Einige der Schweriner Truppe hat er nach der Wende mit ans Staatstheater Cottbus gebracht. Hier hatten auch unter ihm Anne Ratte-Polle als Effi Briest und Stephanie Schönfeld u.a. als Käthchen ihre ersten großen Erfolge. Unvergessen sind Schroths Zonenrandermutigungen in dieser Zeit, die zu einem Theatererlebnis für ein großes begeistertes Publikum wurden. Denn das war ihm vor allem wichtig, keine elitäre Selbstverwirklichung, sondern Arbeit mit dem Ensemble und die Heranführung breiter Schichten an das Theater. Sein Konzept eines Bürger-Theaters der sozialen Aktion ist mit Sicherheit aufgegangen. Davon zehrt auch heute noch sein Nachfolger Martin Schüler. Mit ihm kam eine große Zäsur für das Staatstheater mit Sparmaßnahmen und einer radikalen Verkleinerung des Sprechtheaterensembles, was leider auch zu einigen qualitativen Einbußen in dieser Sparte geführt hat. Trotzdem ist es immer wieder ein Erlebnis in Cottbus ins Theater zu gehen und die Begeisterung des Publikums zu spüren.
Sewan Latchinian führt das Konzept Schroths nun mit dem Glück-Auf-Fest an der Neuen Bühne in Senftenberg weiter, mit großem Zuspruch wie ich am Samstag selbst feststellen konnte. Auch dort inszeniert Christoph Schroth immer noch und eine seiner langjährigen Mitstreiterinnen Gisela Kahl wirkt dort und in Cottbus als Dramaturgin.
Zum Abschluss möchte ich noch Martin Linzer (langjähriger Theaterkritiker von TdZ und der LR) aus dem Artikel der Lausitzer Rundschau zitieren: „Will man ein paar Kriterien andeuten, die für Schroths Theater prägend sind, so könnte man sagen: Für ihn ist das Publikum immer wichtiger als das Feuilleton, das künstlerische Handwerk wichtiger als der ‚Einfall‘ (an Fantasie fehlt’s ihm trotzdem nicht), das Ensemble wichtiger als der Star . . .“ Dem ist nichts hinzu zu fügen.

www.staatstheater-cottbus.de

Die deutsche Schauspielkunst im Sommerloch oder ein Rauschen im Blätterwald

Mittwoch, Juli 21st, 2010

In der warmen Jahreszeit, wenn sich die Mehrzahl der Städter aufs Land oder in den Urlaub aufgemacht haben, die Theater geschlossen sind und man nur in noch in einigen unermüdlichen Open-Air-Hochburgen theatralischen Spaß geboten bekommt, dann kommt es vor, das sich einige nun nutzlos gewordenen Kritiker, Regisseure oder andere Vertreter der hohen Kunst des Schauspiels über selbiges ins Grübeln verfallen. Die ersten Ergüsse dieses zwanghaften Denkeskapaden sind nun in den Wochenendausgaben der großen Blätter unserer Theaterrepublik zu bestaunen und müde muss man konstatieren, wozu dieser zusätzlich vergossenen Schweiß, ist das alles doch auch ohne dieses zusätzliche Rauschen im Blätterwald kaum noch zu ertragen. Für frischen Wind bei dieser Hitze sorgt das Ganze ohnehin nicht.

Nachdem ich einigermaßen abgekühlt aus dem Weißen See wieder aufgetaucht bin und die Frische noch in mir nachhallt, sitze ich hier und denke wieder über dieses Phänomen nach. Das deutsche Schauspiel scheint irgendwie allen wie das Ungeheuer aus dem Loch Ness vorzukommen, jeder spricht darüber, alle glauben es zu kennen, nur keiner weiß, wie es wirklich aussieht. Es taucht immer mal wieder aus Sommerloch auf und es werden uns schemenhafte Bilder davon gezeigt.

Nessi, nicht das Schauspiel, lebt im schönen Schottland nahe Inverness, das sicher auch bekannt ist als möglicher Standort der Burg Dunsinane, welche in grauer Vorzeiten schottische Königsgeschlechter beheimatete. Der Dichter William Shakespeare hat über einen von ihnen ein blutrünstiges Schauspiel geschrieben, indem zwar keine Ungeheuer, dafür aber 3 Hexen, jede Menge Geister, laufende Wälder und ein Mann, den keine Frau gebar vorkommen. Das Stück heißt Macbeth und war vor noch nicht all zu langer Zeit ein großer Streitpunkt, wegen einer Inszenierung, welche einige der oben geschilderten Phänomene so gegenwärtig machte, das man meinen mochte, man wäre mitten unter ihnen und schaue nicht nur in schmerzverzerrte Gesichter. Das hatte einigen Zuschauern gehörig den Magen verdreht und eine sogenannte Ekeldebatte heraufbeschworen. Der Regisseur dieser Lehrstunde des deutschen Schauspielertheaters, Jürgen Gosch, ist mit seinen Inszenierungen unvergessen, in der Darstellung von vielfältigsten Charakteren auf der Bühne, dort konnte man ihn leben sehen, den Schauspieler, wie er Peter Kümmel wohl vorschwebt. Goschs Figuren waren immer sehr präsent, schon allein durch ihre ständige Anwesenheit auf der Bühne. Was diese Figuren nun so gegenwärtig macht, ist die Begeisterung, die Gosch in den Schauspielern entfachen konnte aber auch gerade das bewusste Vergehen von Zeit, das Gosch hier wie kein anderer sichtbar machte. Diese Vergänglichkeit ist in seinen Tschechowinszenierungen besonders deutlich. Aber selbst dieser Ausnahmeregisseur fällt Kümmel in seiner Generalabrechnung mit der dramatischen Schauspielkunst in der Zeit nicht ein, sein Text ist leider fast ausnahmslos negativ. Kein Beispiel wie es sein könnte, außer Schiller, Goethe und Platonischen Augenblicken. Einst war es mal und nun will er, das es wieder ist. Oh wie traurig ist doch die Gewissheit, nie wieder einen solchen Macduff erleben zu können, oder vielleicht steht er ja doch schon vor den Toren Dunsinanes, nur niemand erhört sein nie enden wollendes Klopfen, oder taucht er etwa irgendwann auf, wie der Wald von Birnam. Jürgen Gosch war und ist tatsächlich immer noch eine Ausnahme im deutschsprachigen Theater.

Nina Hoss, die für Kümmel wohl der Inbegriff des durchtönten Körpers ist, der sich jeden Abend neu begegnet, ist auch nur ein Star der vom Beifall lebt und ihn auch stetig einfordern wird. Das sagt doch nichts über die tatsächlichen Motivationen für das Theaterspielen aus. Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören. Wer diese Art von pseudogegenwärtigem Heucheln von Gefühlen mag, kann ins BE gehen oder muss zwangsläufig in der Vergangenheit weiter leben. Mich interessiert nur, warum eine Figur etwas macht, nicht wie sie es macht. Dazu bedarf es einer Erläuterung oder des eigenen Mitdenkens. Das kann man wie Elfriede Jelinek durch eine von Kümmel so genannte Textfläche erreichen. Dennoch braucht man zum Transportieren dieser Texte aber immer noch einen Schauspieler und der wird jetzt nicht einfach nur zur Projektionsfläche einer Nachahmung wie der Mime, sondern er ist der Projektor selbst, der in uns das Bild erzeugt, ähnlich wie im Roman. Dabei ist es völlig unbedeutend, ob er von Vergangenem oder Gegenwärtigem erzählt, er bleibt trotzdem weiter als Figur präsent.

„Wir werden alle Augenblicke unseres Lebens wiedererlangen und sie kombinieren, wie es uns gefällt. Gott und unsere Freunde und Shakespeare werden unsere Mitarbeiter sein.“ Dieser Satz vom surrealistischen argentinischen Dichter Jorge Luis Borges dürfte Stadelmaier und Kümmel ein Graus sein. In seiner Bibliothek von Babel gibt es ein Buch, das eine unendliche nicht fassbare Anzahl von Seiten hat. „Das Sandbuch“ versinnbildlicht das Rätsel des Seins, die unendliche Zeit und die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft. Ein schier unendliche Fülle an Ideen und Geschichten entspringen diesem Quell der Seiten, vor allem auch für die Bühne, möchte man meinen und es ist wie Borges noch sagt: „Alle Menschen, die eine Zeile von Shakespeare wiederholen, sind William Shakespeare“.

Das der Roman und der Film seit langem ins Theater Einzug gehalten haben, ist nicht neu und so ist auch der vor Peter Kümmels Zeitartikel von Gerhard Stadelmaier recht uninspiriert geschriebene Artikel in der FAZ eigentlich auch nicht mehr als eine Randspalte wert. Man spürt förmlich, wenn man seine sonstigen Texte kennt, das krampfhafte Suchen nach einem Aufhänger, mal wieder ordentlich Gift verspritzen zu können. Leider gelingt es ihm nicht und so wendet er sich auch schnell vom Romanthema ab und den Gegenwartsautoren zu. Aber auch dort wird er nicht fündig, der Text bleibt blass und man liest Sachen, die man schon lange weiß oder die nur wieder seinen alt bekannten Geschmack unterstreichen. Leider kein Botho Strauß nirgends, wie langweilig wird diese Theatersaison werden. Das in diesem Jahr außer einigen Romanen, die mittlerweile selbst Bühnenklassiker geworden sind, vor allem viele Uraufführungen von jungen Dramatikern die Bühnen stürmen, wird ihn wahrscheinlich eher beunruhigen, als die x-te Variation von Der Besuch der alten Dame oder Homo Faber. Die kennt er, da weiß er sich zu verhalten. Zur Gegenwart hat er längst den Bezug verloren und so wird sich seine bildgewaltige Veriss-Maschinerie schwerer anwerfen lassen bei einem eher sparsamen Text Stockmanns oder einem fabulierenden Schimmelpfennig, obwohl der ja nun fast schon in den Fußstapfen von Botho Strauß steht. Das sich z.B. Nicolas Stemann mit Goethes ganzem Faust beschäftig, Armin Petras nicht nur Romane adaptiert, sondern auch die Hermannsschlacht von Kleist mit der von Grabbe vergleicht, Michael Thalheimer sich Die Weber von Hauptmann vornimmt und Andreas Kriegenburg sich an Shakespeares Sommernachtstraum versucht, scheint ihn nicht zu interessieren. Das sind Leute, die in seinen Vorstellungen von Theater nicht vorkommen und so muss man sich auch keine Sorgen um Herrn Stadelmaier machen, er ist aus dem heutigen Theater schon lange verschwunden und das ganz ohne Staubwolke.

Leider ähnlich langweilig, wie Stadelmaiers Vorabrechnung der kommenden Theatersaison ist das Interview in der FAS mit Luc Bondy. Vertikales und horizontales Denken oder das Bondy an Schlaflosigkeit leidet, weil ihm erst nachts immer so zum Nachdenken ist und ob Liebe, Sex oder Schlaftabletten helfen, bitte wen interessiert das? Bondy ist Hedonist und zugleich Masochist, sagt er, Essen und Trinken sind seine Leidenschaft. Na wenn es für ihn sonst nichts mehr gibt, als ständig über den Tod nach zu denken. Krebs oder eine jede andere schwere Krankheit werfen einen zweifelsohne aus der Bahn, aber vielleicht sollte er sich ein Beispiel an Christof Schlingensief nehmen und sich und uns nicht mit vergeblichen Psychoanalysen quälen. Wenn Bondy sich jetzt in der Oper wieder gefunden hat, ist das doch wunderbar, scheint bei Schlingensief ja ähnlich zu sein. Warum dann aber wieder der übliche Schlag nach den jungen Regisseuren? Danach ist er doch gar nicht gefragt worden. Er erfindet ein Bild der heutigen Theaterlandschaft als vergängliches Naturphänomen wie den isländischen Vulkanausbruch, toll. Bin ich da froh, das Vulkane nur schlummern und immer mal wieder ausbrechen können, ganz unabhängig vom Wetter. Zumindest hat sich dann mal was bewegt und die Leute kommen vielleicht zum Nachdenken. Aber ihm ist wahrscheinlich der Mensch zum Denken eh zu träge und daher kommt dann dieser Schmerz an der Welt und die Einsamkeit. Auf seine Schreibversuche kann man also sehr gespannt sein und in Vorzimmern von irgendwelchen Intendanten muss er damit ganz bestimmt nicht „antichambrieren“.

Dagegen nimmt sich das Interview, das die NZZ mit Christof Schlingensief geführt hat, wohltuend selbstreflektiv aus. Endlich mal kein ödes Sommer-Gedöns. Wenigstens einer macht sich noch ehrlich Gedanken zum Dilemma an den Deutschen Bühnen, ohne alles besser wissen zu wollen. Übrigens sagt Schlingensief nicht das früher alles besser war, in diesem negativen Kontext wie Peter Kümmel. Er blickt dankbar an seine Beginn als Theaterregisseur Anfang der 90er Jahre an der Berliner Volksbühne zurück, einem Glücksmoment in seinem Schaffen. Seitdem ist das Theater für ihn im besten Fall „…vor allem ein Forschungslabor, in dem die unterschiedlichsten Gedanken aufeinanderprallen und explodieren dürfen“, ganz ohne den Blick auf Zuschauerzahlen und den auf Konsens zielenden Programmmix der meisten Intendanten, dem der Mut zur Radikalität fehlt. Das was anderen so abgeht, hier findet man es, die Fähigkeit sich selbst richtig einschätzen zu können und das ganz ohne Kompromisse auch gegen sich selbst: „Glückseligkeit heißt, frei zu sein – auch so frei zu sein, sich selbst in Frage zu stellen. Aber das kriegt kaum einer hin, weil es schwer ist, ganz allein und für sich selbst eine Entscheidung zu treffen und zu sagen: «Ich bin nicht der, der ich sein wollte. Wie kam es dazu?»“ Schlingensief lebt wirklich im Augenblick, in dieser „Nanosekunde des Glücks“.

Eine besonders schlechte Angewohnheit von Politikern ist es, im Sommerloch über Geld zu reden, während sie sich wahrscheinlich gerade einen Luxusurlaub gönnen oder nach neuen Posten Ausschau halten. Das trifft in diesem Jahr wohl auch auf den Berliner Finanzsenator Ulrich Nußbaum zu, der mal wieder notorisch die Kürzung der Subventionen für die Theater fordert. Er begründet das in einem Interview mit der Berliner Zeitung damit, das eh nur Leute mit besseren Einkommen ins Theater gehen und man die ja nicht auch noch subventionieren müsse. Er fordert im Gegensatz dazu mehr bürgerliches Engagement, da hat Berlin im Gegensatz zur Mäzenatentenkultur in Hamburg und Bremen wohl eine Menge nach zu holen. Potenzial sieht er vorhanden, nur identifizieren sich die Berliner zu wenig mit ihrer Stadt. Selbst hat er mit einem Großhandel für Tiefkühlfische ein Vermögen gemacht und könnte eigentlich gleich mit gutem Beispiel voran gehen. Also Kultur nur für Reiche, der Hungerkünstler am Tropf der Mäzene und das Volk kann sich mit Campingstuhl und Thermoskanne zum Public Viewing auf den Bebelplatz setzen. So stellt sich der König der Tiefkühlfische wohl das neue Berlin vor. Eine Stadt die gerade durch ihr kulturelle Vielfalt und das gute Preis-Leistungsverhältnis überhaupt erst Touristen anlockt und gerade bei jungen Leuten was die Subkultur und Off-Szene betrifft, ganz groß im Trend liegt. All das will Herr Nussbaum kaputt sparen. In der Komischen Oper gibt es z.B. schon Ticketaufpreise für Leute die freiwillig mehr bezahlen wollen. Die können das auch tun, nur kann denjenigen die sich die Tickets vom Munde absparen, nicht die Möglichkeit genommen werden, am kulturellen Leben dieser Stadt teil zu nehmen. Was hat den Hamburg nun von seinen Millionären, außer einer baufälligen Kunsthalle und eines überteuerten Philharmonie-Neubaus? Die Preise in den Museen und Theatern in München und Hamburg sind tatsächlich um einiges höher, jedoch bezweifele ich, dass die Institutionen dort von der sogenannten Mäzenaten- und Unternehmerkultur tatsächlich etwas haben. Die Kulturvielfalt in Hamburg, der Stadt der Millionäre, ist nicht gerade Top und München ist so elitär und teuer, das sich das bald kaum noch ein Normalsterblicher leisten kann. Warum geht denn ein bekannter Künstler wie Daniel Richter aus Hamburg nach Berlin, bestimmt nicht weil die Kulturpolitik in Hamburg so toll ist und ihm Geld vorne und hinten rein gestopft wird. Nun ist es mit der Berliner Kulturpolitik ja bekanntermaßen auch nicht gerade weit her, aber der Kultursenator, der wohl immer noch Klaus Wowereit heißt, wäre gut beraten seinen Finanzsenator ins Sommerloch zurück zu pfeifen. Berlin ist um seine Finanzsenatoren nicht zu beneiden. Woran das wohl liegen mag? Bestimmt an der Verschwendungssucht der Berliner Millionäre, die keinen Groschen mehr für die Kultur übrig haben und den vielen Hartz-IV-Empfängern, die sich lieber um Großbildfernseher in den Media-Märkten prügeln.

Berlin hat bei weitem nicht so ein hohes Pro-Kopf-Einkommen wie München oder Hamburg. Die Zugezogenen mit den guten Jobs geben da für mich auch nicht der Ausschlag, sondern die Normalverdiener, die weder Anspruch auf Unterstützung noch genügend Kohle für die Kultur haben. In München und Hamburg sieht man die kaum noch im Theater, in Wien auf den Stehplätzen, soll das in Berlin auch so werden? Die Theater ein elitären Club der Besserverdienenden, die sich dann über Rene Pollesch amüsieren, das konterkariert ja alles, was Theater heutzutage noch bedeuten könnte. Der Amüsierbetrieb ist auch in Berlin schon auf dem Vormarsch, man muss sich dann über Unterschichten keine Sorgen mehr machen, die kommen dann nicht mehr vor, nicht mal mehr hinter Glas.

Ein weiterer Beleg für die Saure Gurkenzeit ist, dass Leute, die es sonst kaum in die Regionlazeitung schaffen, plötzlich in der großen Welt erscheinen. So auch der zwar durchaus bekannte Intendant der Senftenberger Neuen Bühne Sewan Latchinian, der nun wiederum die zu geringe Subventionen für Provinztheater feststellt. Er will sich aber gar nicht beklagen, Not mache eben auch erfinderisch und mit weniger Geld müsse es dann ja auch gehen, nur grenzt das nicht mehr nur an Selbstausbeutung, das ist Selbstausbeutung, konstatiert er ernüchtert. Ein Patentmodel hat er natürlich auch bei der Hand, die Not zu lindern, keine regionalen Kooperationen kleiner Theater, sondern die Großen gehen Patenschaften mit den Kleinen ein. Da werden die sich aber bedanken, während Leipzig sich noch Stars aus Berlin leisten kann, werden die aber bestimmt nicht für`n Appel und`n Ei nach Senftenberg gehen. Der Gedanke von Sewan Latchinian ist zwar gar nicht so übel und auf jeden Fall nachdenkenswert, nur kann das nicht von oben verordnet werden, sondern muss aus den Theatern selber kommen. Koproduktionen sind ein erster Schritt, das auch wird schon so gelebt. Partnerschaften von großen Theatern mit Provinzbühnen wären durchaus begrüßenswert, wenn das keine Einbahnstraße bleibt. Vielleicht kommen die Großen dann auch mal aus ihrer Lethargie und Nabelschau raus.

Ein weiteres Interview gibt Nikolaus Bachler in der Welt aus der Sicht der Champions-League-Intendanten der Staatsoper München, die sich international behaupten kann, im Gegensatz zu Berlin, Hamburg und Köln, die sich seiner Meinung nach wohl im Abstieg in die Regionallige befinden. Sparen ist unsexy und besonders in der Krise muss investiert werden. Da sind dann die großen Stars gefragt und „Ein Spitzensänger kostet kein Geld, der bringt welches“. Zu Bachler muss man wirklich nicht mehr viel sagen, der sollte mal lieber vor der eigenen Tür kehren. Er kann es sich ja offenbar leisten, die Stardirigenten wie die Hemden zu wechseln. Sparen ist also unsexy in München, na ja, die neue temporäre Oper auf dem Marstallplatz sieht dann ja auch ganz geil aus, aber wer geht denn da rein, wenn der Schlingensief mit seiner Oper erst mal weiter gezogen ist. Da der Bau ja transportabel ist, kann er jetzt den Zuschauern hinterher ziehen, oder dem Autohersteller und Mitfinanzier als Werbefläche dienen.

Das ist der Unterschied von der Provinz zu München, da sieht selbst Berlin im Vergleich ziemlich alt aus, wie es scheint. Nach Nußbaumscher Milchmädchenrechnung wird es wohl  bald keine 3 Opern mehr geben und das ist wohl auch sein Ziel. Da hilft dann auch der jüngste Welt-Interview-Kanditat, der frisch engagierte Wundertäter Jürgen Flimm nicht mehr, trotz großer Pläne und wie es schein mit viel Elan direkt aus den Fängen des politischen Klüngels der Salzburger Festpiele an die Staatsoper unter den Linden geeilt. Ob er nach der ersten Saison sich mit dem Berliner Klüngel anfreunden kann, oder doch vom Regen in Traufe gekommen ist, wird er selbst erfahren müssen. Zumindest hat er sich seinen Sinn für das Kindliche bewahrt und vergleicht die Kunst dann auch mit einem Kind, das nicht unterm Tisch hervor kommen will, „…und sagt, das geht nicht, ich bin im Bergwerk. So simpel ist das. Das Kind weiß genau, welche wunderbare Kraft die Fiktion hat, dass es sich mit einer Fiktion von der Welt entfernen kann. Das macht Theater immer. Die Kunst hat die größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte hervorgebracht.“ Wer klärt uns nun auf, wenn die Kunst des Jürgen Flimm sich von der Welt entfernt, zumindest will er kämpfen für den Platz der Künste. „Nichts ist selbstverständlich.“ Willkommen in Berlin, Jürgen Flimm.

Ob im Herbst an Latchinians Vorschlag oder an die vielen anderen Versuche Saure Gurken an den Mann zu bringen, überhaupt noch jemand denken wird, ist sehr fraglich, man wird sich höchstens an die eine oder andere nette Provinzposse erinnern und milde schmunzeln. Nichts desto Trotz, auf weitere Meldungen aus dem Sommerloch darf gehofft werden.

So genug Geunke, ich werfe mich nun wieder in den kühlen Weißen See und gehe danach Saure Gurken aus dem Spreewald kaufen.

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