Archive for the ‘Shakespeare & Partner / Neues Globe Theater’ Category

HAMLET von William Shakespeare zweimal als Sommertheater in der Klosterruine am Alex und im Monbijou-Theater.

Mittwoch, August 5th, 2015

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Das Neue Globe Theater führt in der Klosterruine am Alex William Shakespeares Tragödie vom zaudernden Dänenprinzen als lockeres Sommertheater zwischen Pathos und Ironie auf.

Foto © Neues Globe Theater

Foto © Neues Globe Theater

„Man soll die Schauspieler gut behandeln“, heißt es in der aktuellen Shakespeare-Inszenierung des Neuen Globe Theater (formerly known as SHAKESPEARE und PARTNER), mit dem am Donnerstagabend die Potsdamer Truppe den diesjährigen Theatersommer in der Klosterruine am Alex eröffnete. Das ist ein wahres Wort und nicht ganz uneigennützig gesprochen. Denn darstellende Künstler sind nicht nur „der Spiegel und Ausdruck unserer Zeit“, sondern zumeist auch knapp bei Kasse. Nichtsdestotrotz bekommt gleich zu Beginn das Publikum der Berliner Hamlet-Premiere eine Vorstellung von dem, was der elisabethanische Dichter Shakespeare unter „den Spiegel vor die Natur halten“ verstand. Eine Lehrstunde in der Wirkung guter Schauspielkunst. Wenn es auch an Sologarderoben mangelt, Spreizen, Blöken, plattes Lachen gilt es zu vermeiden. Man hat ja schließlich eine staatliche Ausbildung. Außerdem haben ein plötzlicher Wechsel der Gesichtsfarbe oder die Träne im Auge schon so manchen Schuldbeladenen seine Missetaten eingestehen lassen. „Das Schauspiel sei der Akt, der mir den König am Gewissen packt“, wird Hauptfigur Hamlet später sagen.

Dem stets grübelnden Prinzen von Dänemark aus Shakespeares Tragödie dient das Stück im Stück als „Mausefalle“ für den Königs- und Vatermörder Claudius, der zu Hamlets Unmut nicht nur den Thron, sondern auch noch seine Mutter und des alten Königs Ehefrau geerbt hat. Die Welt gerät dem größten Zauderer der Theatergeschichte aber nicht nur aus den Fugen, weil ihn der Geist des ermordeten Vaters zu Rache gemahnt. Prinz Hamlet hat hier neben der ewigen Frage um das „Sein oder Nichtsein“ auch einige andere Dinge zu klären. Auch wenn der großartige Saro Emirze den bekannten Monolog des Dänenprinzen recht eindrucksvoll und glaubhaft über die Rampe bringt, von des Gedankens Blässe angekränkelt wirkt der sonst forsch mit dem Schwert hantierende Mitdreißiger noch aus einem weiteren Grund. Er kann sich ganz offensichtlich in Gefühlsdingen nicht zwischen der „Nymphe“ Ophelia (Thomas Keller) und Horatio (Till Artur Priebe) entscheiden und rekelt sich mit dem Freund aus Kindertagen nach dem nächtlichen Bade auch gern mal auf weißem Flokati-Podest.

Hamlet in der Klosterruine am Alex - Foto © Neues Globe Theater

Hamlet in der Klosterruine am Alex – Foto © Neues Globe Theater

Es gibt also doch mehr Dinge und Ärger zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Eine tragische Sommerliebelei á la Romeo und Julia in queer lässt sich daraus allerdings nicht so ohne weiteres machen, selbst wenn die auf Helsingør angekommene Schauspieltruppe etwas aus dem anderen berühmten Shakespeareklassiker zum Besten gibt. Dazu hat man sich für eine klassisch elisabethanische All-Male-Besetzung entschieden. Doch steigt auch so manches Männerbein in Kleid und Seidenstrümpfe, ist Regisseur und Ensemblemitglied Kai Frederic Schrickel weit davon entfernt, einen schenkelklopfenden Hamlet in Drag zu inszenieren. Trotzdem sehenswert sind vor allem das bärtige Königspaar Gertrud (Andreas Erfurth) und Claudius (Urs Stämpfli). Ein, wenn auch sicher nicht beabsichtigter, Kommentar zum Mitgliederentscheid der Berliner CDU zur Homo-Ehe? Dafür darf im Programmheft wild über Shakespeares sexuelle Ausrichtung spekuliert werden.

Trotz manchem Griff zum Säbel ficht das unseren Hamlet weiter nicht an. Er schickt seine gerade noch angebetete Ophelia zu den Nonnen und gibt sich dem methodischen Wahnsinn hin. Als verschmähte Ophelia wirft sich Thomas Keller mit sehr viel Verve in Pose. Ihm steht selbst der nun ihrerseits ausufernde Wahnsinn gut. Unter anderem singt er „La Vie en Rose“ von Edith Piaf und wagt ein Tänzchen mit dem Bruder und weißen Ritter Laertes (Dierk Prawdzik), der für seine Reise nach Paris noch ein paar vom Blatt abgelesene Kalendersprüche von seinem Vater Polonius (Sebastian Bischoff) mitbekommt. Trotz Gehhilfe ist der alte Oberkämmerer und Schwätzer noch immer gut im Intrigenspinnen, muss dafür aber bekanntlich sein Leben hinterm Vorhang aushauchen, wozu er hier vom mit einer Pistole vor seiner Mutter herumfuchtelnden Hamlet unterm Flokati erschlagen und in eine Kiste entsorgt wird. Auch den Hofschranzen Rosencrantz (Thomas Keller) und Guildenstern (Till Artur Priebe) ergeht es nicht viel besser. Sie beherrschen weder die subtile Psyche noch das richtige Spielen auf dem Instrument des Prinzen. Trotz einiger protziger Schwanzvergleiche gilt da wohl immer noch die von der Schauspieltruppe vorgetragene Otto-Parodie Dänen lügen nicht.

Hamlet in der Klosterruine am Alex - Foto © Neues Globe Theater

Hamlet in der Klosterruine am Alex – Foto © Neues Globe Theater

Leider gehen der über drei Stunden dauernden, zwischen gespieltem Pathos und etlichen ironischen Einlagen chargierenden Inszenierung nach der Pause etwas die Luft und der Witz aus. Man rettet sich nun ins philosophisch Kalauernde des Dialogs zwischen Hamlet und dem mit einem grinsenden Joker-Gesicht auftretenden Totengräber (Sebastian Bischoff) sowie schön einstudierten Kampchoreografien zwischen Hamlet und dem als schwarzem Rächer heimgekehrten Laertes, bis alles röchelnd auf dem Flokati liegt und Horatio sein „Gute Nacht, mein süßer Prinz“ haucht. Ist auch der Rest bekanntlich Schweigen, gibt es noch einen schönen Abgesang von Thomas Keller mit einem Text aus Shakespeares doppeldeutigen Sonetten. Wohl auch ein leiser Wink dahin, dass das letzte Wort über den geheimnisumwitternden Dichter und seinen Hamlet noch nicht gesprochen ist.

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HAMLET
von William Shakespeare
SOMMERTHEATER AM ALEX
Premiere am 23. Juli 2015 in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche
Klosterstraße 73 a, 10179 Berlin-Mitte.
Anfahrt: U2 Klosterstraße oder S- und U-Bhf. Alexanderplatz
Übersetzung von Maik Hamburger und Adolf Dresen
Regie und Raum: Kai Frederic Schrickel
Kostüme: Hannah Hamburger
Kampfchoreographie: Kai Fung Rieck
Mit: Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Andreas Erfurth, Thomas Kellner, Dierk Prawdzik, Till Artur
Priebe, Urs Stämpfli
Premiere: 26.06.2015 im Bürgerhaus Pullach
Aufführungsdauer: 2 Std 45 Min zuzüglich 1 Pause
Eine Produktion von shakespeare und partner/ Neues Globe Theater
Kartenreservierung und Tickets
Email: tickets@NeuesGlobeTheater.de
Kartentelefon: 01575 – 420 87 61
Onlinekauf: www.reservix.de
Weitere Termine, Beginn immer 20:00 Uhr:
Mi., 5.8., Do. 6.8., Fr. 7.8. und Sa. 8.8.2015

anschließend:

WIE ES EUCH GEFÄLLT
(Siehe Rezension aus dem letzten Jahr)
von William Shakespeare
Termine: 12.08.-16.08.2015

Infos: http://www.neuesglobetheater.de/

Zuerst erschienen am 25. Juli 2015 auf Kultura-Extra.

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Shakespeares HAMLET als flotte Ménage-à-trois im Monbijou-Theater

Hamlet_Monbijou Theater

im Monbijou-Theater – Foto: St. B.

Das Berliner Monbijou-Theater spielt just in diesem Jahr genau wie das Neue Globe auch Shakespeares Hamlet und macht zusammen mit Molières Tartüff den im Sommerurlaub weilenden Tempeln der Hochkultur Konkurrenz. Und da insbesondere der Schaubühne am Lehniner Platz, die beide Klassiker mit Haus-Star Lars Eidinger in der Titelrolle im Programm hat. Mit den Komödien von Molière konnte man im hölzernen Amphitheater im Monbijoupark bereits große Publikumserfolge feiern. Zu nennen wären da vor allem Der eingebildete Kranke oder auch die Verwechslungskomödie Amphitryon. William Shakespeare ist das andere Standbein der Truppe, die einst aus dem legendären Hexenkessel-Hoftheater hervorging. Auch mit den Stücken des englischen Dichters verbindet das Monbijou-Theater eine lange Aufführungstradition.

Beliebt sind da natürlich in erster Linie Open-Air-taugliche Komödien wie Ein Sommernachtstraum oder Wie es euch gefällt, die beide hier im letzten Jahr zu sehen waren. Nun also wagt sich das Monbijou-Theater ebenfalls an die wohl bekannteste Tragödie Shakespeares. In der gut gekürzten Berliner Fassung von Peter Kaempfe zeigt man einen auf „90 Minuten Zentralplot“ eingedampften Hamlet. Der grüblerische Dänenprinz aus dem „Reich der Zweifel“ als „schillernde“ Sommerkomödienfigur? Das ist zunächst nur recht schwer vorstellbar. Das Monbijou-Theater setzt da noch einen drauf und schnurrt das Ganze mit nur drei Schauspielern ab, die sich die Stichworte beim schnellen Rollenwechsel fast wie im Traume zuwerfen. Immerhin gilt es dabei 12 Figuren zu bedienen. Um da bei einem Ausfall nicht auf dem Trockenen zu sitzen, spielen zwei Gruppen die sich abwechselnd aus Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Matthias Horn, Michael ­Schwager, Lina Wendel und Carsta Zimmermann zusammensetzen. Den Part des zweifelnden Dänenprinzen übernehmen dabei entweder Benjamin Bieber oder der Monbijou-Publikumsliebling Vlad Chiriac.

Berlin, Monbijou Theater 2015   HAMLET nach William Shakespeare BERLINER FASSUNG von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe         Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann          Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann    Pressekontakt : lone.bech@hej-pr.com   Fotograf: Bernd Schönberger

HAMLET nach William Shakespeare vom Monbijou Theater Berlin
Foto (c) Bernd Schönberger

Hier hat es also jeder mal mit jedem und muss es auch, da sonst die ganze Chose kaum ins Laufen käme. Und ja, es funktioniert soweit ganz gut. Die Akteure geben sich jedenfalls alle erdenkliche Mühe, das Komödiantische aus der Tragödie zu kratzen. Dazu gibt Shakespeare selbst ja auch etliche Vorlagen. Wir sehen also eine flotte Ménage-à-trois am Hof von Helsingør, der hier aus ein paar spitz ins Halbrund zulaufenden Brettern besteht, die zunächst für die bevorstehende Hochzeit von Gertrud und Claudius noch ordentlich vom blau bekittelten Haus(hof?)meister Olsen gefegt werden müssen. In Gestalt von Matthias Horn gibt der gleich noch die ganze Vorgeschichte im breitesten anhaltinischen Dialekt zum Besten. Schnell in Gewand und Perücke ist er schon wieder ein galanter Chevalier, der das Publikum zum Winken mit den ausgeteilten Fähnchen des Staates Dänemark animiert. Und da ist bekanntlich etwas faul, was Prinz Hamlet (Vlad Chiriac) im blauen Waffenrock wie Preußens Homburg zusammen mit seinem Waffenkumpan Horatio (Matthias Horn) wieder richten soll. So suggeriert es ihnen zumindest die Stimme des Hamlet-Vater-Geistes aus dem Off.

Berlin, Monbijou Theater 2015   HAMLET nach William Shakespeare BERLINER FASSUNG von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe         Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann          Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann    Pressekontakt : lone.bech@hej-pr.com   Fotograf: Bernd Schönberger

HAMLET vom Monbijou Theater Berlin
Foto (c) Bernd Schönberger

Gegenüber dem fast dreistündigen Hamlet in der Klosterruine am Alex geht man hier schon etwas effizienter zu Werk. Bereit sein ist alles. Was sich infolge der dreigestirnigen Darstellerkonstellation nicht zeigen lässt, wird einfach erzählt. Und da erweisen sich vor allem die Höflinge Rosenkrantz (Lina Wendel) und Güldenstern (Vlad Chiriac) als gute Beobachter und willfährige Berichterstatter der Treffen zwischen dem liebestollen Hamlet und der schönen Ophelia, die dieser Spielweise dann allerdings komplett zum Opfer fällt. Der Komik und dem Slapstick dieser Szenen tut das keinen Abbruch. Am nächsten ist man dem klassischen Hamlet noch in den übriggebliebenen Monologen und wenigen Dialogszenen. Selbst das von Hamlet inszenierte Schauspiel die Mausefalle findet nur hinter einem roten Dänen-Vorhang statt, zeigt aber dennoch seine Wirkung beim getroffen davoneilenden Claudius (Matthias Horn).

Hinterm Vorhang fällt auch Lauscher Polonius (Lina Wendel), während Hamlet seiner Mutter Gertrud (ebenfalls Lina Wendel) davor ins Gewissen redet. Aber der Plot wird rasch weiter vorangetrieben. Gerade erst nach England entsandt, ist Prinz Hamlet auch schon wieder zurück und müsste sich nun quasi selbst zum Duell herausfordern, da Vlad Chiriac auch noch den Laertes geben muss. Die Inszenierung sieht hier wieder den braven Olsen vor, der fröhlich palavernd den bereits geschehenen Schlamassel einfach wegfeudelt. Es bleibt ein schweigend grinsender Fortinbras (Vlad Chiriac) als Banker mit Aktenkoffer. So billig kauft er sich ein ganzes Land. Den Rest darf man sich denken.

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Hamlet (12.07.2015)
nach William Shakespeare
Berliner Fassung von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe
Bühnenbild: David Regehr
Kostüm- und Maskenbild: Isa Mehnert
Requisite: Mona Glass
Tongestaltung: Torsten Podraza
Licht: Henning Streck
Maske: Nina Dell und Nora Kraetzer
Besetzung:
Chevalier: Michael Schwager oder Matthias Horn · Olsen: Michael Schwager oder Matthias Horn · Hamlet: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Gertrud: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Claudius: Michael Schwager oder Matthias Horn · Horatio: Michael Schwager oder Matthias Horn · Polonius: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Laertes: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Rosenkrantz: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Güldenstern: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Fortinbras: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber

Premiere im Monbijou-Theater war am 18. Juni 2015

Termine: 18. Juni – 6. September 2015

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater/hamlet.html

Hamlet im Monbijou Theater mit Vlad Chiriac, Lina Wendel und Matthias Horn - Foto: St. B.

Hamlet im Monbijou Theater mit Vlad Chiriac, Lina Wendel und Matthias Horn – Foto: St. B.

Tartüff vom 10.6. (Premiere) bis 6.9.2015 ­

Regie: Darijan Mihajlović; mit Stephan Baumecker, Matthias Horn, Aleksandar Tesla, Franziska Hayner, Roman Kanonik.

Infos: http://www.monbijou-theater.de/

Zuerst erschienen am 04.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 5): WIE ES EUCH GEFÄLLT beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex und im Amphitheater am Monbijoupark.

Samstag, August 16th, 2014

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SHAKESPEARE und PARTNER spielen in der Klosterruine am Alex  Wie es euch gefällt als verdrehte Genderverwirrung

Nachdem SHAKESPEARE und PARTNER Ende Juli das Sommertheater am Alex mit der Komödie der Irrungen eröffneten, hatte nunmehr Wie es euch gefällt in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche Premiere. Shakespeares Komödie aus dem Jahre 1600 liegt der kurz zuvor erschienene Roman Rosalinde von Thomas Lodge zugrunde. Aus diesen und noch anderen ungeklärten urheberechtlichen Problemen fand das Stück erst 1623 Einzug in den Kanon der Werke Shakespeares. Was dem Erfolg dieser Liebeskomödie über die Jahrhunderte keinen Abbruch tat. Ähnlich wie in der ein Jahr später entstandenen Komödie Was ihr wollt spielt Shakespeare hier lustvoll mit den Gefühlen und Geschlechter-Identitäten seiner Protagonisten.

Shakespeare und Partner-Sommertheater am Alex

(c) SHAKESPEARE und PARTNER

Bei der Geschlechter-Verkehrung in der gewohnten Rollenausrichtung haben SHAKESPEARE und PARTNER natürlich auch so ihre Erfahrungen. Den großen Spaß an den Liebesverwirrungen versucht man hier noch dadurch zu steigern, dass die Frauenrollen von den Männern und die männlichen Parts von den Frauen des Ensembles gespielt werden. Dass das von besonderem Witz sein kann, hat vor ein paar Jahren bereits Katharina Thalbach bewiesen, als sie alle Rollen im Stück mit Schauspielerinnen besetzte und damit die Tradition der Darstellung in England zu Zeiten Shakespeares einfach umdrehte.

Die Geschichte um zwei verfeindeter Herzöge, in der Liebe und Hass, Zuneigung und Verrat dicht beieinander liegen, soll in der Inszenierung von Andreas Erfurth nun also zu einem ganz speziellen Bühnenvergnügen werden. Die Mauern der alten Klosterruine bieten dafür die beste Kulisse. Dabei wird auf einem kleinen Podest wie schon bei den Irrungen ohne aufwendiges Bühnenbild gespielt. Den Ort gibt Shakespeare auch nicht näher an. Wir befinden uns zunächst am Hofe des Herzogs Frederick, einem finsteren Usurpators, der seinen Bruder Herzog Ferdinand in den Ardenner Wald verbannt hat. Der Witz dabei ist, dass Regine Gisbertz (neu im Ensemble) beide Parts übernommen hat und dies mit ausgesprochen großem Talent zur schnellen Wandlung meistert.

Wir begegnen aber noch einem anderen sich feindlich gesinntem Bruderpaar. Der älteste Sohn des verstorbenen Sir Rowland de Boys, Oliver (ein weiteres Mal die vielbeschäftigte Regine Gisbertz) hat den jüngsten Sohn Orlando (Jillian Anthony) ebenfalls um das Erbe des Vaters gebracht. Der mittlere Sohn Jakob ist aus Gründen der Übersichtlichkeit gestrichen. Oliver sinnt seinem recht ungestümen jüngeren Bruder nach dem Leben und hetzt ihn in einen Kampf mit dem hünenhaften Ringer Charles (Rike Joinig als finsterer Huckepack-Wrestler im Kapuzenmantel), den Orlando aber wider Erwarten aus den Stiefeln haut. Das imponiert den beiden höfischen Grazien und Cousinen Rosalind und Celia dermaßen, dass sich Rosalind, Tochter des verbannten Herzogs Ferdinand, Hals über Kopf in den jungen Recken verliebt. Nachdem Herzog Frederick, Vater der Celia, Orlando und die Tochter des alten Widersachers jeweils nacheinander ebenfalls in den finsteren Wald verbannt, beginnt das lustige Bäumchen-wechsle-dich-Spiel mit den verliebten Paaren und Geschlechtern zauberhafte Blüten zu schlagen.

Die Klosterrruine am Alex Foto: St. B.

Die Klosterrruine am Alex
Foto: St. B.

Die Cousinen folgen nämlich Orlando, ohne zunächst von ihm zu wissen, in den Ardenner Wald. In der Rolle der Rosalind erleben wir den Schauspieler Saro Emrize, der nun aus seiner Frauenrolle in die Rolle einer Frau, die einen Mann spielen muss, switcht und sich kurzer Hand MC Ganymed nennt. Alles klar? Kai Frederic Schrickel als Celia darf sein Bühnengeschlecht und Röckchen behalten und bekommt als AlienA nur eine lustige Sonnenbrille und einen Rollkoffer als Touri-Verkleidung. Girls Just Want to Have Fun nach Cindy Lauper, und so begegnen die beiden getürmten großstädtischen Girlies im Ardenner Wald, der, mangels echter Bäume, mit ein paar Luftballons gekennzeichnet ist, noch weiteren schrägen Gestalten. Eine davon haben sie höchstselbst mitgebracht, den Hofnarren Grapschtein (auch Touchstone oder schlicht zu deutsch: „Probierstein“). Rike Joinig gibt den Witzkerl gerufenen Spaßvogel, der nicht auf den Mund gefallen ist, ganz szenemäßig mit bunter Punkfrisur.

Musik spielt neben Liebeslust und -frust in Shakespeares Komödie ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Vor allem die bereits im Walde befindlichen Protagonisten, die es sich hier fern der Zivilisation in ihrer kleinen, netten Weltflucht bequem gemacht haben, geben einiges zum Besten. So der gute Herzog Ferdinand als John-Lennon-Verschnitt zur Gitarre. Seine Gefühlswallungen muss er sich in einem Zuber mit Eiswürfeln wieder runterkühlen. Der melancholische Edelmann Jaques (Dierk Prawdzik hier als Zwitterwesen Jacky) singt „In einem Kühlen Grunde“ oder gibt auch mal Elvis the Pelvis. Er streut immer wieder Tiefsinniges z.B. zu den 7 Mannesaltern ein und philosophiert übers Reifen und Rotten mit einer Biogurke in der Hand. Von Jacky kommt auch das Motto des Abend: „Alle Welt ist nichts als Bühne.“ Männer und Frauen sind für ihn bloße Spieler mit mehr als einer Rolle. Was hier auch trefflich vorgeführt wird.

Schon Shakespeare machte sich mit seinem Stück über die vorherrschende Verklärung der Natur als Schäferidyll weidlich lustig. Und auch in der Klosterruine ist der Ardenner Wald voller wunderlicher Randexistenzen und verliebter Trottel wie Schäfer Silvius (Rike Joinig als depperter Müllsammler) und Bauerntölpel Wilhelm (Jillian Anthony) sowie liebreizender Waldfeen, die da Phoebe und Traute heißen (beide Sebastian Bischoff). Und nun wird heftig über Kreuz begehrt, dass es selbst den Narren graust. Das eigentlich füreinander bestimmte Traumpaar Rosalind und Orlando macht sich dabei zusätzlich noch mit einem Spiel das Leben schwer. Zur Klärung der Frage: „Ist Liebe heilbar?“ muss der verhinderte Graffiti-Künstler (I spray for you) und „Blankversmetzger“ Orlando wiederholt bei Ganymed um die Liebe seiner Angebeteten werben. Was letztlich beide in einige Gefühlsverwirrungen stürzt. Liebe säuseln die Blätter oder Listen to Shakespeare.

Wie es euch gefällt von Shakespeare und Partner Foto: St. B.

Wie es euch gefällt von Shakespeare und Partner – Foto: St. B.

Dass bei diesem wirren Gewusel doch noch jeder Topf seinen Deckel bekommt, grenzt an ein Wunder, sogar der böse Bruder Oliver entdeckt schließlich sein Herz für Cilia, was einer wundersamen Wendung der Geschichte mit einem Löwen und einer Schlange zu danken ist. Das Ganze führt in eins der typisch ausufernden Shakespeare-Happy-Ends mit Vierfach-Hochzeit. An diesem Abend wird natürlich auch ungeniert die Lizenz zum Blödeln ausgeben. Und dafür ist bekanntlich kein Kalauer zu flach. Aus Orlando wird schon mal Zalando, und der obligatorische Griff in den Schritt darf auch nicht fehlen. So schließt das Stück dann ganz passend mit dem weisen, für Männer wie Frauen gleichlautenden Ratschlag des Epilogs: Wie es euch gefällt.

Zu bemerken wäre noch, dass Musikerin Bettina Koch selbstgehäkelte Conchita-Wurst-Bärte zum Verkauf anbot, die, merkwürdiger Weise, leider nur beim weiblichen Publikum reißenden Absatz fanden. Da muss man wohl noch einiges an Überzeugungsarbeit bei der holden Männlichkeit leisten.

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Das Hexenkessel Hoftheater spielt Shakespeares Wie es euch gefällt als lustige Aussteigerkomödie im Leiterwald des Amphitheaters am Monbijoupark.

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(c) www.monbijou-theater.de

Bereits am 6. Juni feierte Wie es euch gefällt seine Premiere auch im Amphitheater am Monbijoupark. Das Hexenkessel-Hoftheater beschenkte sich und das wie in jedem Jahr lange Schlangen bildende Berliner Publikum zum 20jährigen Bestehen mit Shakespeares Liebeskomödie. Und auch diesmal drehen die Darsteller in gewohnter Manier auf und auch streckenweise mal durch. Man kann sich hier nie ganz sicher sein. Der Überraschungsfaktor ist etwas, was im Hexenkessel immer wieder eine große Rolle spielt. Ein Funke der zündet, auch wenn des Narren Lehrbuch mal nicht wie geplant Feuer und Flamme schlägt.

Beginnt es im Amphitheater am Monbijoupark zunächst noch ganz ähnlich wie in der Klosterruine am Alex, bekommt die Story um die liebesirren Paare im Ardenner Wald bald eine ganz andere Wendung. Nachdem Orlando (Michael Schwager) den eher schmächtigen im auswattierten Muskelsuite angetretenen Ringer Charles (Ina Gercke) auf die Bretter geschickt hat, verschwindet er gefolgt von den Cousinen Rosalind (Rebekka Köbernick) und Celia (Roger Jahnke betörend im Fummel) im Ardenner Wald, der hier aus einem Gewirr aus langen und kürzeren Stehleitern besteht, auf denen es sich wunderbar herumklettern und wohl gereimte Liebeslyrik annageln lässt.

Wie es euch gefällt. Verloren im Leiterwald des Amphitheater - Foto: St. B.

Wie es euch gefällt. Verloren im Leiterwald des Hexenkessel-Amphitheaters – Foto: St. B.

Auf dem Holzweg befindet sich die Gruppe der Verbannten aber dennoch nicht, obwohl ihnen nun auf Schritt und Tritt merkwürdige Waldbewohner begegnen, wobei wieder der schnelle Rollen- und Kostümwechsel gefragt ist. Das Personal ist hier leicht verändert, und dem verbannten Herzog im ba-rockigem Jägeroutfit (Matthias Horn, auch als Herzog Frederick und wollbärtiger Schäfer Corinn in Aktion) sind ein paar Bedienstete gegönnt worden. Amiens (Tobias Schulze,auch alsOliver und trottelig verliebter Schäfer Silvius) schwebt wie ein verspätetes Blumenkind von Leitersprosse zu Leitersprosse und sammelt mit Freuden die Früchte des Waldes wie Beeren und Pilze, von den eifrig genascht wird. Der arme Forster (Regine Zimmermann,auch alsSchäferin Phöbe) trägt den gesamten Hofstaat in Form von Tischtuch und Tafelzeug immer wieder auf und ab.

Das lustige Jäger- und Sammlerleben der drei mehr oder minder freiwilligen Aussteiger wird auch hier vom Melancholiker Jaques komplettiert, dem der vom BE zur Truppe gestoßene Roman Kanonik massiges Aussehen und Wucht verleiht. Ganz in Schwarz wirkt er eher wie ein existentialistischer Künstlerverschnitt. Das Philosophieren über die Rollenspiele des Lebens und die Existenz des Hungerkünstlers wird dann auch eher zum groß angelegten Wut-Monolog als feinsinnig ironischem Geplauder. Die Sinnlosigkeit seines Daseins einsehend, begibt sich Jaques bereitwillig beim Narren Prüfstein in die Lehre, was den guten Wortwitz und so manchen Kalauer befördert. Wieder eine Paraderolle für Publikumsliebling Vlad Chiriac, der mit seinem Schüler Kanonik aber starke Konkurrenz bekommen hat. Ein Duo Infernale als große komödiantische Bereicherung des Hexenkesselhoftheaters.

Wie es euch gefällt im Monbijoutheater Foto: St. B.

Wie es euch gefällt im Monbijoutheater – Foto: St. B.

Hauptpersonen der Komödie sind aber immer noch das Dreigestirn Rosalind, Orlando und Celia, die sich hier in ihr Spiel um Liebesfragen verstricken, necken und irgendwann nicht mehr ein- und aus wissen. Die Frage nach der Liebe auf den ersten Blick wird dabei ganz offensichtlich mit einem feinen Klingeln und glänzend großen Augen der Protagonisten beantwortet. Das dies nun zum Vergnügen des Publikums mehrmals am Abend geschieht, erhöht natürlich nur die Verwirrung und Pein der liebestollen Waldbewohner. Aber die Erlösung ist nah, und auch im Hexenkessel des Amphitheaters bekommt am Ende jeder was er will und wie es ihm gefällt.

Die Komödienmaschine des Hexenkessels läuft mittlerweile gut geschmiert, die Pointen und Zoten sitzen treffsicher, was aber dem Spiel der Truppe im Laufe der Zeit kaum etwas von seiner Originalität und Ursprünglichkeit genommen hat. Die Truppe hat zum Jubiläum noch eine Neuaufnahme des Shakespeare-Klassikers Ein Sommernachtstraum und mit La Mandragola eine Komödie des florentinischen Staatsphilosophen und Dichters Niccolò Machiavelli im Programm.

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WIE ES EUCH GEFÄLLT
von William Shakespeare
in der Klosterruine am Alex
Übersetzung: Frank-Patrick Steckel
Regie: Andreas Erfurth
Ausstattung: Ulrike Eisenreich
Piano: Bettina Koch

Mit: Jillian Anthony, Regina Gisbertz, Rike Joeinig, Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel.

Dauer: ca. 140 Min. (inkl. 1 Pause)
Premiere war am 6. August 2014
in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche
Klosterstraße 73 a, 10179 Berlin-Mitte.
U-Bhf. Klosterstraße oder S-Bhf. Alexanderplatz

Weitere Termine:
noch mal am 16. und 17.08. in der Klosterruine am Alex
13.08. bei den Burgfestspielen Dreieichenhain in Dreieich/Hessen
26.-29.08. im Schirrhof Potsdam

Infos: http://www.shakespeareundpartner.de/stuecke/wie-es-euch-gefaellt/

Zuerst erschienen am 08.08.14 auf Kultur-Extra.


WIE ES EUCH GEFÄLLT
nach William Shakespeare
im Amphitheater am Monbijoupark
Textfassung: Carsten Golbeck
Regie: Sarah Kohrs
Text: Carsten Golbeck
Bühne: David Regehr, Halina Kratochwil
Kostüme: Halina Kratochwil
Musik: Jaques Moore
Maske: Nora Krätzer, Nina Dell
Licht: Henning Streck

Mit: Rebekka Köbernick, Michael Schwager, Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Roman Kanonik, Matthias Horn, Carsta Zimmermann, Tobias Schulze u. Ina Gercke

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater.html

Termine: noch bis 6. Septmber, Di – Sa 19.30 Uhr

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 2): Shakespeares „Komödie der Irrungen“ aufgeführt von SHAKESPEARE und PARTNER beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex

Freitag, Juli 25th, 2014

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„Wer bin ich?“ ist seit jeher eine der wichtigsten und auch immer wieder verwirrendsten Frage des Menschen. Die Verwechslungskomödie setzt dem meist noch zahlenmäßig einen drauf und vervielfältigt das Identitätsdilemma der Protagonisten durch gottgewollte Doppelgänger oder auch ganz irdische Zwillinge. Wir kennen Sie aus Molières Komödie des Amphitryon (1668), die Heinrich von Kleist inspiriert durch die Lektüre Immanuel Kants 1803 sogar ins tragikomisch Philosophische erhob, und der Komödie der Irrungen (1592) von William Shakespeare, einem zugegebener Maßen seltener gespieltem Frühwerk des englischen Dichters, dessen 450. Geburtstag in diesem Jahr weltweit begangen wird. Beide Stücke gehen jeweils zurück auf eine lateinische Komödie des römischen Dichters Plautus (254 – 184 v. Chr.), der sich wiederum von griechischen Komödiendichtern wie Menander (342/341 – 291/290 v. Chr.) inspirieren ließ. Der Ursprung aller Komödien aber ist wie bei der Tragödie der antike Dionysoskult. Das Genre der Verwechslungskomödie ist demnach fast so alt, wie das Theater selbst.

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Sommertheater in der Klosterkirche am Alex - Foto: St. B.

Sommertheater in der Klosterkirche am Alex – Foto: St. B.

Mittlerweile beheimatet Berlin mit der Shakespeare Company, Shakespeare im Park und Shakespeare & Partner nicht weniger als drei Open-Air-Theatertruppen, die sich auf den großen elisabethanischen Dichter berufen und auch das Hexenkessel-Amphitheater im Monbijoupark hat so einiges von Shakespeare auf dem Spielplan. Letztmalig in Berlin auf einer Stadttheaterbühne waren die Irrungen übrigens in einer Inszenierung des britischen Regisseurs Martin Duncan 2001 am Maxim Gorki Theater zu sehen, dem Jahr der Gründung von SHAKESPEARE und PARTNER. All das ist neben dem Spaß am Spiel selbst natürlich Grund genug, den unterschätzten Erstling Shakespeares mal wieder aus der Schublade zu holen. Das taten Shakespeare & Partner bereits im Oktober 2012 für das Bürgerhaus in Pullach. Seither gastierte die Truppe mit der Inszenierung des 1970 in Bombay geborenen indischen Regisseurs Kenneth Philip George schon an vielen Bühnen quer durch Deutschland und auch im Ausland, bis sie damit 2013 ihre neue Sommerspielstätte in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche in der Nähe des Alexanderplatzes bezog.

Nachdem im letzten Jahr Molières Amphitryon in der Version des Hexenkessels im Monbijoutheater den Shakespeare-Jüngern noch die Show gestohlen haben dürfte, eröffnete nun am 22. Juli wieder die Komödie der Irrungen ganz optimistisch den diesjährigen Theatersommer am Alex. Das Ensemble spielt dann auch von Anbeginn mit sehr viel Leidenschaft für und mit dem Publikum in der Klosterruine. Selbst der Verkauf der Programmhefte gerät da zu einer kleinen Performance. Fast noch wichtiger ist für das Open-Air-Sommertheater neben dem aufopferungsvollen Spiel ein flotter, gängiger Text. Mit der eher prosaischen Erstübersetzung von Christoph Martin Wieland oder der etwas geschraubten Versfassung von Wolf Graf Baudissin für die Schlegel/Tieck-Ausgabe ist da heute kein Stich mehr beim vergnügungssüchtigen Publikum zu machen. Fast jede Neuinszenierung bedient sich daher moderner Neuübertragungen.

Erstaunlich nur, dass sich das fast ausschließlich aus den alten Bundesländern stammende Ensemble hier für die Übersetzung des unter dem Pseudonym E. S. Lauterbach schreibenden Journalisten Erich Selbmann (1926 – 2006), wenigen vielleicht noch als großes Tier im Rund- und Fernsehfunk der DDR sowie Chefredakteur der Aktuellen Kamera bekannt, entschieden hat. Eine „richtig rote Socke“ also, wie es Schauspieler Kai Frederic Schrickel etwas ironisch in seiner kleinen Einführung zum Stück erwähnt. Selbmanns Übersetzung entstand 1968 für Peter Kupkes Inszenierung am Hans-Otto-Theater Potsdam. Kupke, der mittlerweile z.B. auch wieder am Staatstheater Cottbus inszeniert, nahm die Übersetzung in den 1980er Jahren bei seinem Gang in den Westen mit ans Staatstheater Wiesbaden. Irgendwo da muss sie eines der bereits an etlichen deutschen Stadttheatern engagierten Mitglieder der Truppe jedenfalls aufgeschnappt haben.

Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Komödie der IrrungenFoto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Und der Text E. S. Lauterbachs scheint wie gemacht für das schnelle Spiel der Darsteller. Kein Stelzen oder Holpern, die Worte gehen allen recht flüssig von den Lippen. Die Pointen sitzen zielsicher und sind selbst noch für manch humoristischen Sidegag gut. Der erst 20jährige Shakespeare bewies hier schon ein gutes Gespür für Witz mit Hintersinn und versteckte tagespolitisch aktuelle Seitenhiebe. Soweit geht es bei SHAKESPEARE und PARTNER nicht, man konzentriert sich ganz auf den Spaß der Verwicklungen und Verwirrungen, die zwei sich gänzlich unbekannte Zwillingspaare bei sich selbst und den übrigen Protagonisten auslösen. Auch wenn der Schweizer Schriftsteller Ulrich Bräker 1790 in Etwas über William Shakespeares Schauspiele zu den Irrungen in der Art mäkelte: „Ich bin zwar wohl mit dir zufrieden, großer Dichter, du hast alles harmonisch und zierlich durcheinander gewebt: aber das glaub ich dir in Ewigkeit nicht, daß man auf Gottes Erdboden zwei Menschen finde, die in keinem Stück voneinander zu unterscheiden wären.“, der Plot geht dank seiner Situationskomik und gut getimten Dramaturgie dennoch ganz vorzüglich auf.

So schlägt dann auch pünktlich um 20:00 Uhr die Kirchenglocke der benachbarten Parochialkirche und gibt das Signal für den Auftritt von Kai Frederic Schrickel, der neben Solinus, Herzog von Ephesus, auch noch den Kaufmann Ägeon von Syracus gibt, der sich den landläufigen Gesetzten der Stadt zuwider in Ephesus aufhält und sich an den Rollstuhl gefesselt mangels nötigem Kleingeld nicht von der Verurteilung zum Tode freikaufen kann. Mitleid erheischend erzählt er dem Herzog die Geschichte seiner Zwillingssöhne namens Antipholus, die samt Zwillingsdienerpaar Dromio durch eine Schiffskatastrophe voneinander getrennt wurden. Das Gespann aus Syracus kommt justament im Hafen von Ephesus an, und gerät nun in einen Strudel zufälliger grotesker Situationen, in denen sie für die ihnen nicht bekannten Exemplare gleichen Aussehens Antipholus und Dromio aus Ephesus gehalten werden.

Was für den Herren Antipholus aus S. noch so manchen Reiz ausmachen dürfte – ihm wird ungefragt Schmuck und Geld angetragen, fremde gut aussehende Damen verfluchen und begehren ihn gleichermaßen – ist für den Diener sowohl des einen wie des anderen Herren durchaus von existentieller Not. Neben den Launen der Beiden (abwechselnd verkörpert von Andreas Erfurth) sowie der angedrohten bzw. verabreichten Schläge ergibt sich für sie nicht allzu viel Neues außer einer etwas zu rundlich geratenen Köchin und Weib des Dromio aus E., der sich Dromio aus S. dann doch lieber entziehen würde. Eine Glanzrolle für Sebastian Bischoff, der als Brechts Guter Mensch von Sezuan beim Theatersommer noch in einer weiteren berühmten Doppelrolle zu sehen sein wird. Bischoff hält als doppelt angeschmierter Dromio seine schmalen Schultern hin, kann sich aber Dank bauernschlauer Wesensart aus so mancher kniffligen Situation herausreden und heimst damit natürlich die meisten Sympathiepunkte beim durchweg amüsierten Publikum ein.

Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER

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Die Damen sind nicht minder taff. Rike Joeinig als geplagte Ehefrau, des nicht gerade pflegeleichten Gatten Antipholus aus E. und Jillian Anthony (neu im Ensemble) als deren Schwester Luciana und der aufreizenden Kurtisane Adriana mit fulminantem Blondperücken-Aufritt kämpfen tapfer gegen die Geräuschkulisse der angrenzenden Grunerstraße an. Aber wir sind hier schließlich im Live-Open-Air-Theater. Übertriebene Perfektion und Akkuratesse sind da nicht primär gefragt. Man spielt ganz körperbetont auf fast leerer Bühne. Wenige Requisiten und schnelle Kostümwechsel bestimmen das Geschehen. Nach der Pause bessern sich Laut- und Lichtsituation und es kommt noch ein richtig gutes Sommerkomödienfeeling auf, bis sich über Koffer-auf-und-Zu, einige Geldverwicklungen, fälschliche Verhaftungen eines tumben Büttels (Kai Frederic Schrickel) und eines kuriosen Exerzitium des mittlerweile für wahnsinnig erklärten Antipholus von E. (oder doch von S.?) durch einen muskelbepackten blonden Recken (Dierk Prawdzik als Dr. Pinch sowie als Goldschmied und Überraschungs-Äbtissin) alles doch noch zum Guten hin auflöst.

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Ab 6. August gibt es den nächsten Shakespeare in der Klosterruine am Alex. Mit Wie es euch gefällt in der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel begeben sich SHAKESPEARE und PARTNER in den direkten Vergleich zu den anderen Berliner Shakespeare-Ensembles. Und wem es gefällt, kann das dann auch ausgiebig genießen.

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Komödie der Irrungen
von William Shakespeare
aus dem Englischen von E. S. Lauterbach

Regie: Kenneth Philip George
Kostüme: Ulrike Eisenreich
Bühne: Susanne Füller
Assistenz: Natascha Jeutter

Mit: Rike Joeinig, Jillian Anthony, Sebastian Bischoff, Andreas Erfurth, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel

Dauer: ca. 2 Stunden, eine Pause

Die nächsten Termine: 25. und 26. Juli sowie 29. und 30. Juli 2014, jeweils 20:00 Uhr

weitere Infos: http://www.shakespeareundpartner.de/stuecke/komoedie-der-irrungen/

Zuerst erschienen am 24.07.2014 auf Kultura-Extra.

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