Archive for the ‘Shakespeare’ Category

Das Maxim Gorki Theater stellt sich der Frage: „Alternative für Deutschland?“ und das Deutsche Theater Berlin verhandelt in „Rom“ die Demokratieverdrossenheit des Volkes

Mittwoch, März 21st, 2018

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Mut zur Wahrheit!? – Der kroatische Skandalregisseur Oliver Frljić lässt in seiner Performance Gorki – Alternative für Deutschland? über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert referieren

GOЯKI – ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND? von Oliver Frljić
Foto (c) Esra Rotthoff

Seit die Alternative für Deutschland in mehreren Landesparlamenten und seit September letzten Jahres auch im Bundestag sitzt, besteht das Problem des Umgangs mit der rechtspopulistischen Partei in politischen Debatten und Gesprächsrunden. „Mit Rechten reden“ ist zurzeit als heiß umstrittenes Thema in aller Linken und Liberalen Munde. Die Feuilletons überschlagen sich gerade in der richtigen Einordnung der Reaktionen auf AfD-nahe Äußerungen, die der Dresdner Schriftsteller und Autor des preisgekrönten Wenderomans Der Turm, Uwe Tellkamp, bei einer Podiumsdiskussion in Dresden mit dem Lyriker Durs Grünbein getätigt hatte. Tellkamp sprach unter anderem von „Gesinnungsdiktatur“, „Verrat“ und „Mainstream-Presse“. All das bevorzugtes Vokabular der neuen Rechten im Kampf gegen sogenannte „Political Correctness“ und die deutsche „Willkommenskultur“. Einfach ignorieren, als Prozess freier Meinungsäußerung werten oder entschieden widersprechen – zwischen diesen Möglichkeiten der Reaktion ist das liberale Lager gerade mehr als zerstritten.

Der kroatische Skandalregisseur Oliver Frljić hat dieses Dilemma zum Anlass genommen, über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie im frühen 21. Jahrhundert nachzudenken. In seinem Stück Gorki – Alternative für Deutschland?, das gestern im Maxim Gorki Theater Premiere hatte, lässt Frljić ein paritätisches Ensemble aus drei Schauspielerinnen und drei Schauspielern in Splittern und Zitaten aus Werken und Reden von historischen und heutigen Personen aus Kunst, Kultur und Politik über das Problem referieren. Der Clou dessen ist, dass diese Zitate so zusammengeschnitten sind, dass man sie im Einzelnen nicht mehr auseinanderhalten kann.

Vermengt ist das Ganze mit den für das Gorki typischen persönlichen Lebensbeichten der DarstellerInnen, was hier auch gleich zu Beginn des Abends thematisiert wird. Nachdem Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Nika Mišković, Falilou Seck und Till Wonka türenknallend vor den Eisernen Vorhang zur Rampe getreten sind, präsentieren sie ein minutenlanges Zitatengemenge aus kritischen bis populistisch verleumderischen Aussagen über das Gorki-Ensemble und seine künstlerische Ausrichtung. Da kommen so Sachen wie, dass bei Bewerbungen Menschen „mit Migrationshintergrund“ nicht nur erwünscht, sondern sogar bevorzugt eingestellt würden. Deren Befähigung also keine Rolle mehr spiele. Ein Theater ausschließlich für Minderheiten, in dem die deutsche Bevölkerung sich nicht mehr wiederfindet. Eine umgekehrte Art der Diskriminierung?

Falilou Seck möchte nicht mehr über seine Herkunft wahrgenommen werden und der Quoten-„Neger“ sein. Till Wonka nicht mehr Quoten-Ossi und biodeutsches Feigenblatt. Gastdarstellerin Nika Mišković beschimpft Ensemble und Publikum als eklig und nazisstisch. Als drei aus dem Ensemble auch noch vorgeben, in die AfD eingetreten zu sein und die Beiträge vom Gorki bezahlt würden (eine Replik auf Forderungen der AfD, dem Theater die Subventionen zu kürzen), kulminiert das Ganze in einem wilden Streit mit gegenseitigen Anschuldigungen. Das soll natürlich in erster Linie die schon bestehende Verunsicherung im Publikum – falls es da überhaupt eine gibt – noch vertiefen. Dazu hat man in Gorki-Lettern den Slogan „Mut zur Wahrheit“ an den Eisernen Vorhang projiziert. Also hören wir hier nun die Wahrheit oder alternative Fakten? Wo kein Faktencheck, da steigt bekanntlich gerne mal das Erregungspotential in ungeahnte Höhen. Siehe Tellkamps Behauptung von 95 Prozent Flüchtlingen, die einzig nach Deutschland kämen, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Will Frljić uns das vor Augen führen? Unsere Anfälligkeit für rechte Parolen? Oder ist es eher eine konfrontative Warnung vor der eigenen Selbstgewissheit, dagegen immun zu sein?

Dagegen stellt sich nun das Gorki-Ensemble mit Fragezeichen mal eben als Alternative für Deutschland selbst zur Diskussion. Was folgt, ist der Blick auf eine Pappnachbildung der Gorki-Fassade mit anschließender Demontage des Theaters und seiner deutschen Geschichte in Bild und Ton. Was übrig bleibt, sind diffuse persönliche Ängste über die eigene Zukunft und Deutschland, die die Ensemblemitglieder in kleinen Kammern des Kulissengerüstes äußern. Ziemlich düster gestalten sich natürlich diese Ahnungen. Ein allgemeines Raunen, dem man sich durchaus anschließen könnte, wäre da nicht das dumpfe Gefühl, vielleicht doch auf der falschen Seite des Diskurses zu stehen.

Der Abend gefällt sich aber zunehmend in der Präsentation rechten Gedankenguts im gewohnten Stil der plakativ verpackten Bloßstellung und ironischen Selbstbespiegelung oder arbeitet mit besonders fiesen Showeffekten. So wird zum Beispiel ein Monologwettbewerb zwischen den beiden deutschen Schauspielerinnen Mareike Beykirch und Swenja Liesau um den tränenrührigsten Seelenstriptease ausgetragen. Als schmieriger Spielleiter erklärt Mehmet Ateşçi das Publikum zum Entscheider per Applausometer, wer von den beiden das Ensemble verlassen muss. Beykirch spielt die Ossikarte und will nicht in die Unterschicht zurück. Liesau berichtet von einer Vergewaltigung durch ihren syrischen Exfreund und präsentiert das aus dieser Tat entstandene Kind (Alexander Sol Sweid).Trash, Parodie und gezielte Provokation sind die bekannten Mittel von Oliver Frljić‘ Theater. Der Regisseur verfolgt hier laut eigener Aussage auf Deutschlandfunk Kultur das „Konzept der subversiven Affirmation“, wie es in den 1970er- und 80er-Jahren in der Sowjetunion oder in Jugoslawien von regimekritischen Künstlern praktiziert wurde. So arbeitet u.a. auch die slowenische Rock-Band Laibach.

Falilou Seck spricht an einem Rednerpult von der konservativen Revolution und der Ausnutzung der parlamentarischen Demokratie zum Ziele ihrer Abschaffung. Hier sind Aussagen des AfD-Politikers Marc Jongen und des nationalsozialistischen Propagandaspezialisten Joseph Goebbels miteinander verknüpft. Das macht durchaus Sinn. Wer die Wiederherstellung der Marktwirtschaft und die Kritik an Lobbyismus und Bankenkrise mit der nationalen Identität der Deutschen verbindet, geht mit gleichen Mitteln auf Stimmenfang wie die Nazis in der Weimarer Republik. Diese politischen Aha-Momente sind allerdings recht selten. Es überwiegt die platte Provokation. Zuvor schon hatte Gorki-Kolumnistin Mely Kiyak gegen Linke wie Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine ausgeteilt. Und natürlich darf die durchaus gerechtfertigte Stellung der sozialen Frage die Verantwortung des Westens für das Geschehen in der Welt nicht in den Hintergrund rücken lassen. Zu diesem entscheidenden Punkt vermag Frljić lauthals schreiende Inszenierung aber gar nicht mehr vorzudringen.

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GOЯKI – ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND?
ÜBER DIE REPRÄSENTATIVE SCHWÄCHE DES THEATERS UND DER DEMOKRATIE IM FRÜHEN 21. JAHRHUNDERT (Maxim Gorki Theater, 15.03.2018)
Von Oliver Frljić
Regie: Oliver Frljić
Bühne: Igor Pauška
Kostüme: Sandra Dekanić
Dramaturgie: Aljoscha Begrich
Licht: Jens Krüger
Ton: Hannes Zieger
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Nika Mišković, Falilou Seck, Till Wonka, Alexander Sol Sweid
Die Uraufführung war am 15. März 2018 im Maxim Gorki Theater
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Termine: 23.03. / 07., 12.04.2018

Infos: http://www.gorki.de/de/

Zuerst erschienen am 16.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Rom – Karin Henkel inszeniert am Deutschen Theater drei Stücke über politisches Machtstreben, Teilhabe des Volks und Populismus nach William Shakespeares Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra

Foto (c) Arno Declair

Anhand der drei Shakespeare-Stücke Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra versucht die Regisseurin Karin Henkel eine kleine Geschichte der Demokratie am Beispiel des alten Rom zu erzählen. Der Schriftsteller, Dramatiker und ehemaliger Dramaturg des Deutschen Theaters John von Düffel hat mit ihr zusammen die Stücke für einen Abend von gut drei Stunden Länge bearbeitet. Rom ist kein großer Wurf aber eine ganz annehmbare Lehrstunde über politisches Machtstreben sowie die Beeinflussung des Volks durch Populismus und Versprechungen. „Rom Republik“ wird zu Beginn in roten Lettern an einen Bretterzaun geschrieben, ein Zeichen dafür, dass es vor allem blutig zugeht im Kampf um die Macht in Rom. Drei Stücke und drei Herrschertypen, die sich dem Volk von Rom auf ganz verschiedene Weise präsentieren, und die doch eines eint: Sie pfeifen eigentlich auf die Demokratie und spielen nur zum Schein nach ihren Regeln.

Das macht die Sache natürlich ziemlich heutig. Man denkt sofort an Trump, Erdogan oder die AfD. Die Nutzung demokratischer Mittel, um an die Macht zu gelangen, das Volk auf seine Seite zu ziehen und politische Gegner auszuschalten. Die Sprache ist entsprechend angepasst. Von Düffel ist ein Meister in der theatralen Verkürzung. Er hat dies schon an Abenden wie Joseph und seine Brüder oder Ödipus Stadt angewendet. Nicht immer zum Besten, aber doch immer auch ganz unterhaltsam. So dann auch an hier. Zuerst wird Coriolan gegeben. Das Stück über den römischen Feldherrn und Bezwinger der Volsker hat man am DT schon mal in einer Inszenierung von Rafael Sanchez mit einem reinen Damenteam an den Kammerspielen gesehen. Hier spielt Michael Goldberg den stolzen Demokratieverächter und Hasser des nach Getreide brüllenden gemeinen Pöbels. „Unsere Gefühle sind groß und authentisch“, rufen Camill Jammal und Benjamin Lillie als Volkstribune in ihre Megafone.

Als Aufstachlerinnen des zunächst nicht besonders machthungrigen Gaius Marcius, genannt Coriolan (nach der Stadt, die er für Rom erobert und geplündert hat), fungieren hier gleich drei Mütter. Bernd Moss, Kate Strong und Anita Vulesica sind die Einflüsterinnen des jungen Coriolan. Ziel ist der Thron. Und da dieser nur über eine Wahl zu erreichen ist, pinseln sie ihren aus dem Krieg heimkehrenden Sohn mit roter Farbe an. Zeige deine Wunden, so verlangt es der Brauch vom Kriegshelden. Der allerdings auf das Volk pfeift und sich nicht auf ein Koalitionsgeplänkel mit den Volkstribunen einlässt. Henkel lässt das als plumpe Politfarce spielen. Etwas zu klamaukig. Der Held scheitert hier noch an seinem Stolz und diplomatischem Unvermögen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Da ist Antonius (Manuel Harder) ein wesentlich geschickterer Koalitionär. Erst Vertrauter des Julius Cäsar, münzt er seine Niederlage gegen die Tyrannenmörder Brutus (Felix Goeser) und Cassius (Bernd Moss) mit einer populistischen Rede vor dem Grab Cäsars in einen Sieg um. Zweifler und Freiheitsidealist Brutus erkennt zu spät seinen Fehler. Die richtige Taktik führt hier zur Macht. Der zweite Teil ist finsterer Geister- und Prophezeiungsschwulst vor einer mit Leichenpuppen gefüllten Drehbühne. Die ehrenwerten Verschwörer pinseln ihre Arme bis zu den Ellenbogen mit Theaterblut ein und reichen Antonius die Hand, in die dieser bereitwillig einschlägt. Rom, ein „House of Cards“.

Nach der Pause geht es in Ägypten weiter. Anita Vulesica ist Cleopatra und Elisabeth-Taylor-Lookalike. Ihr Antonius (Manuel Harder) ist ein müder Rocker in Lederhose, der sich gegen einen verdoppelten Cäsar-Sprössling Oktavius (Camill Jammal und Benjamin Lillie in kurzen Hosen) erwehren muss. Schwester Oktvia (Wiebke Mollenhauer hat an diesem Abend die Rolle der Frau an seiner Seite gebucht) hält den beiden die Krone an einer Angel vor die Nase, während Kleopatra ihren Sohn Cäsarion (Jacob Braune / Bennet Schuster) mit Wettrennen auf den Thron trainiert. Intrigen und Machtkoalitionen auch hier. Da blickt der einfache Mann nicht mehr durch, wenn es plötzlich für die fremde ägyptische Königin gegen die eigenen Leute geht. Bernd Moss ist als alter Soldat einzige wahre Stimme des Volkes. Ansonsten kreisen die politischen Eliten um sich selbst.

Verzicht auf Rom bedeutet Niederlage und Freitod. Da wird’s dann auch mal ein wenig philosophisch, wenn Manuel Harder über die Freiheit, den Zeitpunkt des eigenen Todes zu bestimmen, spricht. Der Sieger beeilt sich dem Volk seine Unschuld am Tod Kleopatras und Antonius zu beteuern. Ein Abend über Demokratie, bei dem das Volk nicht viel zu sagen hat. Die Fassung destilliert das Passende aus den drei Shakespeare-Stücken heraus. Ein pointensicherer Digest. Erkenntnisgewinn eher gering.

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Rom
nach Coriolan, Julius Cäsar und Antonius und Cleopatra von William Shakespeare
Bearbeitung: John von Düffel
Fassung: Karin Henkel, John von Düffel
Regie: Karin Henkel
Bühne: Thilo Reuther
Kostüme: Tabea Braun, Sophie Leypold
Musik: Lars Wittershagen
Licht: Matthias Vogel
Maske: Andreas Müller
Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Manuel Harder, Camill Jammal, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Bernd Moss, Kate Strong, Anita Vulesica, Jacob Braune / Bennet Schuster
Die Premiere war am 16. März 2018 im Deutschen Theater
Termine: 22.03. / 03., 11., 22.04. / 01.05.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 17.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Zweimal Hamlet einmal anders – Im Schauspiel Leipzig als als Prinzessin und im Berliner Ballhaus Ost kopfüber gebondaged

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

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Hamlet gebondaged – Dasniya Sommer und Florian Loycke führen im Ballhaus Ost frei nach Shakespeare das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister auf, was allerdings nach einer Stunde technisch und dramaturgisch etwas in den Seilen hängt

(c) Das Helmi, Ballhaus Ost

Dasniya Sommer und Florian Loycke kennen sich über die Arbeit im Puppentheater Das Helmi, in dem Loycke eine Art Mastermind darstellt und Sommer für Choreografien zuständig ist. Gemeinsam haben sie sich mit der Geschichte der Shakespeare-Figuren Hamlet und Ophelia beschäftigt und daraus das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister mit Bondage-Performance, Tanz und Puppen entwickelt. Premiere hatte die Arbeit im Sommer im Kamagol Theater Gijang, einem Stadtteil der südkoreanischen Stadt Busang. Anschließend war sie noch auf weiteren Festivals in Korea zu sehen und hatte nun im Ballhaus Ost ihre Berlin-Premiere. Kinbaku oder auch Shibari ist die japanische Kunst des Fesselns, im Westen eben auch als Bondage, einer Spielart des BDSM, bekannt. Dasniya Sommer gibt Kurse in Kinbaku. In ihren Performances verbindet sie auch Tanz mit Bondage-Kunst.

Die Beziehung des Dänenprinzen Hamlet zu seiner Geliebten Ophelia als sadomasochistischen Geschlechterkampf darzustellen, ist nicht so abwegig und sogar auf Stadttheaterbühnen nicht ganz unüblich. Die Frage ist nur, wer hier wen beherrscht. Im Shakespeare‘schen Normalfall ist Ophelia bedauernswerter Spielball der Männer und endet im Wahn als Wasserleiche, während Hamlet seinen eigenen Wahn todbringend ausleben darf und weiter Intrigen spinnt, bis er selbst einer Intrige zum Opfer fällt. Die Geschichte ist bekannt und viel gespielt: „Hamlet ist der Held, der sich in der eigenen Geschichte immer mehr verstrickt und schließlich, wenn er stürzt, die halbe Welt mitreißt – am Ende sind alle tot und es kommt Fortinbras.“ So verkürzt sieht diese Performance den Kampf Hamlets gegen die Mörder seines Vaters, der ihm als Geist erschienen aufträgt, seinen Tod zu rächen.

 

Hamlet und seine Geister im Ballhaus Ost
Foto (c) Sophie Östrovski

 

Im Wege sind ihm dabei nicht nur irgendwelche Geister, sondern vor allem sein eigener Geist, den zu befreien er nicht im Stande ist. Symptomatisch dafür steht sein berühmter Monolog „Sein oder Nichtsein“, in dem der Zweifler zwischen „Des wütenden Geschicks erdulden oder / Sich waffnend gegen eine See von Plagen“ schwankt. Wenn aber nun die Pein selbst zur Lust wird, dann können irdische Verstrickungen, oder besser die des Körpers Hülle, auch zur willkommenen Fessel werden. Dasniya Sommer und Florian Loycke spielen dieses Arrangement ganz anschaulich in ihrer Performance durch, wobei auch die Geschlechter- und Abhängigkeitsrollen gewechselt werden. Es entspinnt sich so ein Spiel aus Tanz, Gesang und gegenseitiger Fesselung, wobei sich zu Beginn Florian Loycke in einer relativ ausgetüftelten Hängebondagepartie befindet, bei der er nackt wie ein Jesus zu Karfreitag in den Seilen hängt. Man könnte es auch passend zur Jahreszeit für eine besonders raffinierte Art des Schnürens eines passenden Weihnachtspakets halten.

Dass es hier aber auch um das Ausprobieren einer neuen Identität, um das Spiel mit Manipulation und verabredeten Ritualen geht, zeigt diese mit Masken, Schminke und Kostümen dem japanischen Kabuki oder Nō Theater nahe Performance zunächst recht eindrucksvoll. Das Einfangen des anderen ist immer auch die Fesselung des eigenen Geistes, dem sich der Gefesselte mit seinem Körper stellvertretend hingibt. Leider verheddert sich dieser mit der Lust am Schmerz arbeitende Abend zusehends in Details. Loyke projiziert mit einem Overheadprojektor Zeichnungen mit Hängebondage-Fantasien, ähnlich denen des Dada-Künstlers und Surrealisten Hans Bellmer, bekannt für seine rätselhaften Fotos von Bondage-Puppen, an die Wand. Das jeweils gefesselte Bunny wird in allerlei Posen fotografiert, oder auch mal der in Südkorea erfundene Gangnam Style des Rappers Psy getanzt.

An die Tragödie Shakespeares erinnern hier nur ein paar Zeilen aus besagtem Hamlet-Monolog, der stimmlich verfremdet aus dem Off ertönt. Recht psychologisch klingen die ebenfalls vom Band eingespielten Reflektionen über den Schmerz und das Verlassen der Komfortzone. An die Ordnung der Welt rüttelt da nicht sehr viel. Dasniya Sommer schnürt dazu die restlichen Puppendarsteller des Dramas zu einem Knäuel und entsorgt sie in der Kulisse. Dass es mit der Lust am Schmerz auch eine Last sein kann, zeigt sich bei der Bondage-Session mit der Meisterin, bei der Schüler Hamlet sichtlich den Faden verliert. Trotz Degeneinsatz zur finalen Fechtszene wird die Performance nicht nur technisch, sondern zunehmend auch dramaturgisch zur Hängeparty. „He laughed to free himself from his mind’s bondage.” heißt es im Shakespeare-Disput in James Joys’ Roman Ulysses. Ob nun Tragödie oder Komödie, schlussendlich haben wir uns für ein befreiendes Lachen entschieden.

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Hamlet und seine Geister (Ballhaus Ost, 19.12.2017)
Ein dramatisch getanztes Theaterstück mit Puppen und Menschen von und mit Dasniya Sommer und Florian Loycke
Künstlerische Mitarbeit: Chae Lee, Cora Frost
Eine Produktion von Das Helmi und Haus Sommer.
Mit freundlicher Unterstützung von Ballhaus Ost, Tom Stromberg und Tina Pfurr.
Termine: 24. und 25. März 2018

Infos: https://www.ballhausost.de

Zuerst erschienen am 20.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Ich bin nicht Hamlet.“ – Für die Diskothek am Schauspiel Leipzig inszeniert Lucia Bihler die Deutsche Erstaufführung des Stücks Prinzessin Hamlet, eine feministische Shakespeare-Überschreibung der finnischen Dramatikerin E. L. Karhu

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

Shakespeares Tragödie um den melancholischen Dänenprinzen Hamlet einen feministischen Anstrich geben zu wollen, ist nicht neu. An der Berliner Schaubühne inszenierte die britische Regisseurin Katie Mitchell das düster-tragische Stück Ophelias Zimmer mit Texten der Autorin Alice Birch aus der Sicht der von Männern manipulierten Hamlet-Geliebten. Nun hat in der Discothek am Schauspiel Leipzig die junge deutsche Regisseurin Lucia Bihler in deutscher Erstaufführung das von der finnischen Dramatikerin und Dramaturgin E. L. Karhu geschriebene Theaterstück Prinzessin Hamlet inszeniert. Das Stück ist allerdings nicht einfach nur Shakespeares Drama mit vertauschten Rollen. Karhu nutzt die Shakespeare’sche Vorlage lediglich als gedankliches Gerüst für eine Hinterfragung von Geschlechterrollen. Prinzessin Hamlet soll die Krone des Königreichs übernehmen, kann und will aber, wie es scheint, den an sie gestellten Ansprüchen nicht genügen. Sie zieht sich oft auf einen Felsen am Meer zurück, um dort allein ihren Selbstmordgedanken nachzuhängen.

Das wirkt ähnlich wie Mitchells Versuch von Anfang an etwas konstruiert und ist es textlich leider auch. Karhus Drama fokussiert auf ein spezielles Konstrukt. Prinzessin Hamlet ist das Bild einer Frau, die nicht ihr eigenes Leben leben kann, sondern einem bestimmten Bild von ihr entsprechen muss. Ähnlich dem von Prinzessin Diana, der Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Prinz Charles, oder auch dem der US-amerikanischen Schauspielerin Marilyn Monroe, die als Vorbild für diese Inszenierung fungiert. Die fünf DarstellerInnen, drei Schauspielerinnen (Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt) und zwei Schauspieler (Tilo Krügel, Andreas Dyszewski) aus dem Leipziger Ensemble, stecken in farblich dem Bühnenhintergrund angepassten Abendroben und tragen für Marylin Monroe typische Lockenperücken. Beides kreiert durch den auch für Ersan Mondtag arbeitenden Bühnen- und Kostümbildner Josua Marx. Leider lenkt dieses Outfit nicht nur optisch vom allgemeinen Problem gesellschaftlich konstruierter Frauenbilder ab. Im Programmheft stützt man sich auf Judith Butlers Text Gender is Burning. Drag als „Ort einer bestimmten Ambivalenz“ ist aber letztendlich auch nur Ausdruck einer Imitation von Rollen in bestimmten Machtverhältnissen.

 

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Die Monroe ist vor allem ein Männertraum der 1950er Jahre und längst unauslöschlicher Bestandteil der Popkultur geworden. Ihre damalige Präsenz und ihr früher Tod haben einen immer währenden Mythos kreiert. Den nutzte auch Jürgen Kuttner in seinem am Deutschen Theater Berlin inszenierten Stück Feminista Baby!, dem Valery Solanas SCUM-Manifesto als Textvorlage diente. Auch E. L. Karhu bezieht sich in ihrem Stück auf den Unsterblichkeits-Mythos, wenn Prinzessin Hamlet zu ihrem 29. Geburtstag ein Fanal setzen und sich als brennende Fackel vom Felsen stürzen will. „Man erinnert sich an jene Prinzessinnen, die sich umbringen, die zeitig abtreten, spektakulär, mit großer Flamme. Die anderen, das sind Frauen, die nicht fähig waren zu leben, (…) Mir wird es nicht so ergehen.“

Gespielt wird das recht puppenhaft. Die Figuren werden in Pose gesetzt, sprechen wiederholt mit verstellten Stimmen ins Mikrofon. Es gibt keine bestimmte Rollenaufteilung. Jeder ist mal Prinzessin Hamlet oder ihre Kammerzofe Horatia. Zu Beginn verneinen alle nacheinander Hamlet zu sein und sind es dann doch. Ein dauerndes Spiel der Imitation, das schließlich auch im Stück seine Entsprechung findet, wenn Horatia auf Hamlets Wunsch deren Rolle am Hof einnimmt. Prinzessin Hamlet, durch Horatia verraten, wird von Königin Gertrud nach England an den Buckingham Palast geschickt, was sich als Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt mit Chorsingen entpuppt. Dort begegnet Prinzessin Hamlet auch Ofelio, der ebenso mehr in ein Bild von ihr verliebt ist. Das endet schließlich nicht mit dem Sprung vom Felsen, aber von der London Bridge. Der Chor singt dazu den Kinderreim „London Bridge is Falling Down“. Die Musik liefert Jam Rostron aka Planningtorock.

Vom ursprünglichen Drama Hamlet liegt nur noch der berühmte Totenschädel auf dem Schrank, in den hin und wieder Prinzessin Hamlet gesteckt wird. Aber das Volk will seine Thronerbin sehen und bekommt eine Kopie als Fake vorgesetzt. Ausdruck bekommt die Verzweiflung Hamlets nur durch die wiederholt vorgetragenen Zeilen: „Das Entsetzen schiebt ihr die Hand in die Kehle und ballt die Hand zur Faust.“ Ansonsten bleiben das poppige Tagesprogramm aus „Wahnsinn, Tod und Katastrophen“ genau wie die erwähnten Anklänge an Sarah Kane oder Heiner Müllers Hamletmaschine eher Behauptung. Das Konstruierte von Text und Inszenierung wird dieser Abend leider nie ganz los.

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Prinzessin Hamlet (Diskothek, 23.12.2017)
von E. L. Karhu
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Lucia Bihler
Bühne & Kostüme: Josa Marx
Musik: Planningtorock
Künstlerische Beratung: Sonja Laaser
Dramaturgie: Christin Ihle
Licht: Jörn Langkabel
Mit: Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel, Andreas Dyszewski
Spieldauer: ca. 1:30, keine Pause
Die Premiere in der Diskothek am Schauspiel Leipzig war am 02.12.2017
nächste Termine: 20.02.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst veröffentlicht am 27.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Alles im Eimer – Das Monbijou Theater spielt Shakespeares blutiges Königsdrama „Macbeth“ in einer Sandkastenarena

Montag, August 7th, 2017

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Macbeth im Monbijou Theater
Foto (c) Bernd Schönberger

Sommerzeit ist Open-Air-Theaterzeit. So auch in diesem Jahr im Amphitheater am Monbijoupark in Berlin-Mitte. Nach der Abspaltung der alten Hexenkessel-Truppe um Jan und Carsta Zimmermann, die nun die Woesner Brothers auf dem Pfefferberg beerbt haben und das dortig Pfefferberg Theater betreiben, hat Christian Schulz, Theaterleiter und Geschäftsführer der Monbijou-Theater GmbH, die Zeichen auf Erneuerung gesetzt. Neben Die lustigen Weiber von Windsor, einem der üblichen Sommertheaterklassiker von William Shakespeare, hat man nun zwei eher schwergewichtigere Klassiker auf die Amphitheaterbühne gehievt. Nach Die Mitschuldigen (einer Jugendsünde von Johann Wolfgang von Goethe) im letzten Jahr eröffnete man die laufende Saison mit Faust, des Weimarer Geheimrats Tragödie erster Teil, der nun alternierend mit Macbeth, einem der wohl blutrünstigen Königsdramen Shakespeares gezeigt wird.

Nach Schenkelklopfen ist nun also Hauen und Stechen im Monbijou Theater angesagt. Das nötige Theaterblut dafür schleppt man gleich in mehreren Zinkeimern und -wannen auf die Bühne. Das Geschehen um den schottischen Edelmann Macbeth, der, angestachelt von seiner Frau und den Weissagungen dreier Hexen, er würde es zum Thane von Cawdor und schließlich gar zum König von Schottland bringen, den alten Monarchen Duncan ermordet und nachfolgend noch viele weitere Widersacher ins Jenseits befördert, spielt sich hier in einer kleinen Sandkastenarena zu Füßen der Zuschauertribüne ab. Während hier noch die drei Hexen ihre verwunschenen Beschwörungsformeln im Original singen, rollen nach gewonnener Schlacht Macbeth und Kumpan Banco von oben herab.

Die beiden sehen dabei aus, als wären sie eher Maske und Kostümfundus eines Mad-Max-Endzeitstreifens entsprungen. Wilde Gladiatorenkämpfer mit Lederschützern an Armen und Beinen und phantasievoll geformten Helmen auf dem Kopf, die sich im Sand einer antiken Arena suhlen. Regisseur Darijan Mihajlovic hat Shakespeares Drama auf handliche 90 Minuten gekürzt, aber wenig an der klassischen Übersetzung Friedrich Schillers geändert. Ohne allzu pathetisch zu werden, lässt das der Geschichte ihre düstere Wucht. Der Kampf um die Macht fordert auch hier seine Opfer.

 

Macbeth im Monbijou Theater – Foto (c) Bernd Schönberger

 

Wer einmal im Blute gebadet, ist davon gezeichnet und wird das auch so schnell nicht wieder los. Zunächst bekommt der übergriffige Suffkopp König Duncan seinen Eimer auf und später auch noch Banquo, dem die Hexen weissagten, einmal Könige zu zeugen. Wer kann, flieht nach England. Duncans Sohn benutzt dazu den Waschzuber, in dem später Mcduffs Weib samt Frischgeborenem das nächste Opfer der Blutorgie des Macbeth wird. Das Spiel gestaltet sich dabei sehr dynamisch. Fast fliegend wechselt das Ensemble immer wieder die Rollen – bis auf Macbeth, seine Lady und Banquo, der dem Mörder weiterhin als Geist mit blutigem Kopf beim Abendessen mit den Thanes erscheint.

Nun ist dies aber beileibe nicht nur ein martialisches Sandkastenspiel. Auch wenn Mord-, und Fechtszenen wie im schnellen Nummernprogramm wechseln, bleibt hin wieder auch mal Platz für etwas Slapstick oder einen theatralischen Wahnsinnsauftritt der Lady. Ernst und Unterhaltung halten sich die Waage, und auch das Publikum darf seinen Beitrag zum Sturz des Tyrannen leisten. Wenn dann endlich der Wald von Birnam nach Dunsinane gekommen ist, gibt es neben dem klassischen Ende noch eine überraschende Wende, bei der Banquos Sohn Fleance eine maßgebliche Rolle spielt.

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Macbeth (Monbijou Theater, 31.07.2017)
von William Shakespeare
Regie: Darijan Mihajlovic
Dramaturgie: Maurici Farré
Kostümbild: Isa Mehnert
Maskenbild: Rivka Dette
Bühnenbild: David Regehr
Technische Leitung: Sebastian Söllner
Biomechanisches Training: Tony De Maeyer
Musik: Anna Krstajić in Zusammenarbeit mit Darijan Mihajlovic
Bühnenbild: David Regehr
Technische Leitung: Sebastian Söllner
Biomechanisches Training: Tony De Maeyer
Musik: Anna Krstajić in Zusammenarbeit mit Darijan Mihajlovic
ENSEMBLE:
Macbeth: Jonas Kling / Markus Braun
Lady Macbeth: Anja Pahl / Franziska Hayner
Duncan/ Macduff Matthias Horn / André Kudella
Banquo/ Banquos Geist: Uwe Neumann / Daniel Sellier
Hexe 1/ Malcolm/ Mörder/ Lord: Tobias Schulze / Rashidah Aljunied
Hexe 2/ Sohn Macduff/ Bote/ Mörder 2/ Lenox/ Soldat: Carolin Ott / Melanie Stahl / Marisa Wojtkowiak
Hexe 3/ Lady Macduff/ Fleance/ Rosse/ Krieger: Carmen Betker / Vlatka Alec
Premiere war 21. Juni 2017 im Monbijou Theater
Termine: 22. Juni – 3. September 2017

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater/macbeth.html

Zuerst erschienen am 02.082017 auf Kultura-Extra.

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Der Berliner Theatersommer geht mit Shakespeares Sonetten und Tanz im August zu Ende.

Mittwoch, August 31st, 2016

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32 rue Vandenbranden – Beim Festival Tanz im August schliddern Peeping Tom durch den Trailerpark der gefrorenen Emotionen

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Foto: St. B.

Zu Beginn schreit ein Baby im Dunkeln. Es verschwindet im Schnee unter einem Wohnwagen. Der Wind pfeift, und am Rundhorizont hängen Wolken am blau leuchtenden Himmel, wenn es nicht gerade Nacht ist und nur eine Straßenlaterne den Platz zwischen den Wagen erhellt. Die erfolgreiche belgische Tanztheater-Kompanie Peeping Tom um das Choreografen-Duo Gabriela Carrizo und Franck Chartier führt uns in ihrem seit 2009 durch Europa tourenden Stück 32 rue Vandenbranden in einen winterlichen Trailerpark der einsamen Herzen irgendwo im Nirgendwo. Die Truppe gastiert beim TANZ IM AUGUST erstmalig in Berlin mit einem Stück, das auch gut ins Programm des FOREIGN AFFAIRS-Festivals gepasst hätte, das letztmalig im Juli am gleichen Ort im Haus der Berliner Festspiele stattfand.

Hier tanzt ein Paar (Carolina Vieira und Jos Baker) eine gelenkige Schwanenhals-Choreografie, und zwei anreisende Koreaner (Hun-Mok Jung und Seoljin Kim) führen Huckepack Koffer-Kabuki auf. Ein Lagermacho steht zwischen zwei Frauen, die er dominieren möchte. Die alleinlebende Marie (Marie Gyselbrecht) ist unglücklich schwanger und wehrt die Avancen des schüchternen Kim ab, der sich mit seinem koreanischen Partner auch gern mal an die großen Brüste der Mezzosopranistin Eurudike De Beul drängt. Ihre Beziehungsgerangel trägt die kleine Trailergemeinschaft in den mit Fenstern ausgestatteten Wagen oder auf dem eisglatten Vorplatz aus. Tanz, Pantomime und Kontorsionsakrobatik sind die vorherrschenden Bewegungselemente des Stücks, das sich um Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe, Eifersucht und gegenseitige Abhängigkeiten dreht.

 

32 rue Vandenbranden - Foto (c) Hermann Sorgeloos

32 rue Vandenbranden von Peeping Tom
Foto (c) Hermann Sorgeloos

 

Das ist trotz der teils surrealen und albtraumhaften Grundstimmung nicht ohne Witz und Ironie. Wenn nicht gerade Schlager-Karaoke mit dem Duschkopf erklingt, oder einfach nur der Sturm um die Trailer heult, gibt es emotional geladenes, körperbetontes Tanztheater, wobei Eurudike De Beul alles noch um Längen mit ihrer Stimme toppt. Sie hat „Casta Diva“ aus Bellinis Norma genauso drauf wie etwa ein Agnus Dei von Bach oder ein gerocktes „Shine on You crazy Diamond“ von Pink Floyd. Es hätte auch gut ein melancholisches „Wish You were here“ sein können. Ist das The Dark Site of the Moon, oder das echte Leben? Wenn am Ende Kim sein blutendes Herz verschenkt hat, pfeift jedenfalls wieder der Wind, und jeder muss allein in seinen Trailer zurück.

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32 rue Vandenbranden (13.08.2016, Haus der Berliner Festspiele)
Konzept und Regie: Gabriela Carrizo & Franck Chartier
Von und mit: Jos Baker, Eurudike De Beul, Marie Gyselbrecht, Hun-Mok Jung, Seoljin Kim, Maria Carolina Vieira (in früherer Besetzung mit Sabine Molenaar)
Produktion: Peeping Tom
Koproduktion: KVS Brussel, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt Am Main, Le Rive Gauche Saint-Etienne-du- Rouvray, La Rose des Vents Villeneuve D’Ascq, Theaterfestival Boulevard ‘s Hertogenbosch in Zusammenarbeit mit Theater aan de Parade en de Verkadefabriek, Theaterhaus Gessnerallee Zürich, Cankarjev Dom Ljubljana, Charleroi/danses, Centre chorégraphique de la Communauté française de Belgique – dans le cadre de la Biennale 2009.
Mit der Unterstützung der flämischen Regierung

Dauer: 80 Minuten

Info: http://www.tanzimaugust.de/programm/produktionen/alphabetisch/peeping-tom-32-rue-vandenbranden/

Zuerst erschienen am 14.08.2016 auf Kultura-Extra.

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„Ich will das Glück im ganzen, nicht vom Stück.“ – Das Ton und Kirschen Wandertheater inszeniert Shakespeares Sonette als poetisch-musikalischen Reigen

Shakespeares Sonette mit dem Ton und Kirschen Wandertheater - Foto (c) Jean-Pierre Estournet

Shakespeares Sonette vom Ton und Kirschen Wandertheater
Foto (c) Jean-Pierre Estournet

Im 400. Todesjahr des elisabethanischen Dichter-Genies hat sich das Ton und Kirschen Wandertheater mal wieder einen Shakespeare vorgenommen. Allerdings nicht eines seiner vielgespielten Dramen. Die internationale Theatertruppe um Margarete Biereye und David Johnston aus dem brandenburgischen Glindow stellen in einem musikalischen Reigen Shakespeares Sonette auf ihre kleine Holzbühne. Seit gestern ist das Stück nun für vier Tage zu Gast in der Berliner ufaFabrik.

Es passt ganz gut zum Konzept von Ton und Kirschen, dichtete doch Shakespeare seine 154 Sonette, während er mit seinem Wandertheater auf Tour durch England war. Ganz im Sinne der Renaissance-Minne schrieb Shakespeare über Liebe, Leidenschaft, Herzschmerz und die Vergänglichkeit des Lebens. Die hochpoetischen Verse richten sich mal an eine geheimnisvolle Dark Lady, mal an einen jungen Burschen, sind sexuell ambivalent und viel interpretiert. Es gibt sie auch in deutscher Übersetzung, an der sich schon so mancher nicht ganz unbekannte Dichter versuchte.

Auch wenn David Johnston mal schellmisch androht, an diesem Abend alle 154 Sonette vorzusingen, hat sich das Ensemble lediglich für 36 entschieden, die in gewohnter Art mittels Schauspiel, Pantomime, Marionetten- und Maskentheater dargeboten werden. Am Rand der Bühne ist ein kleines Orchester aufgebaut mit Miniaturpiano, Saiten- und Blasinstrumenten, auf denen die DarstellerInnen abwechselnd spielen. Erfrischend vielseitig ist das Repertoire, man hört gleichsam spanische Gitarre und Renaissance-Musik wie auch leise Balladen, Blues oder auch mal Country-Song.

 

Shakespeares Sonette mit dem Ton und Kirschen Wandertheater - Foto (c) Jean-Pierre Estournet

Shakespeares Sonette vom Ton und Kirschen Wandertheater
Foto (c) Jean-Pierre Estournet

 

So international das Ensemble und der sie begleitende Sound, so vielsprachig ist die Textdarbietung, die in Deutsch, Englisch, als Irish-Song oder im feurigen Spanisch des Kolumbianers Nelson Leon daherkommt. Inhaltlich geht es viel um die schon erwähnte Vergänglichkeit der Liebe und des Lebens. Als Symbol vergehender Zeit verrinnt zu melancholischen Versen und Gesten viel Sand auf der Bühne, bis zwei komische Alte wie Felix und Oscar aus Ein seltsames Paar im Slapstick mit Rollator um die Gunst einer nicht minderalten Frau konkurrieren. Ein Zeichen, dass die Liebe nimmer enden mag, wenn auch das Leben kurz ist, verewigt nur in der Poesie des geschriebenen Wortes.

Die Metaphorik der Verse könnte (wie einst bei Robert Willson am Berliner Ensemble) zu einer bunten Bilderparade verleiten. Ton und Kirschen nehmen es mal poetisch getragen, musikalisch satt mit Blaskapelle, oder locker ironisch, etwa als Reise nach Jerusalem bei einem gemischten Stuhlballett. Auch vor Kitsch schreckt man nicht zurück, was in seiner Offensichtlichkeit aber immer witzig bleibt wie eine barocke Amor-Putte, die über die Bühne fliegt und ihre Liebespfeile verschießt.

Ein Totenschädel und ein Geisterkopf im Aquarium erscheinen, zwei herrenlose Schuhe schieben sich über die Bühne. Man huldigt dem Zauber wie der Verrücktheit der Liebe, der Rose als Sinnbild der Schönheit, die dennoch verblüht: „Leb wohl du köstlicher Besitz.“ „Ich bin was ich bin“ rezitiert ein Mann mit Tigerkopf und Kleid, und im Sonette 66 wird über Falschheit und Täuschung geklagt: „Und Tugend wird zur Hure frech gemacht … / Und Kunst das Maul gestopft …“ Shakespeares Reflexionen seiner Zeit haben nichts an Aktualität verloren.

Die Bühne erzittert in Sturm der Verse und Musik, bis das Portal schief hängt und die Stühle durcheinander wirbeln. Jedoch: „Die Lieb ist Liebe nicht, / Die schwankend wird, schwankt unter ihr der Grund, / Und schon an einem Treuebruch zerbricht. / Sie ist die Boje, die kein Sturm versenkt, / Die unerschüttert steht im Zeitenstrom“ (in der verwendeten Übersetzung von Christa Schwenke.)

Ton und Kirschen gelingt mit ihrer ganz persönlichen Interpretation von Shakespeares Sonetten ein über weite Strecken sinnlicher und kurzweiliger Abend. Könnte man hier und da noch etwas an der Akustik feilen, wäre es ein ganz und gar gelungenes Stück Sommertheater.

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Shakespeares Sonette (ufaFabrik, 24.08.2016)
Ton und Kirschen Wandertheater
Von und mit: Margarete Biereye, Polina Borissova, Regis Gergouin, Richard Henschel, David Johnston, Steve Johnston, Rob Wyn Jones, Nelson Leon, Daisy Watkiss
Künstlerische Leitung: Margarete Biereye, David Johnston

Dauer: ca. 80 Minuten

Infos und Termine: http://tonundkirschen.de/page/stuecke/shakespeares-sonette/?lang=de

Infos ufaFabrik: http://www.ufafabrik.de/de/spielplan.html

Zuerst erschienen am 25.08.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit Inszenierungen von Katie Mitchell und Simon McBurney gibt sich die Berliner Schaubühne very britisch

Montag, Dezember 28th, 2015

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Kurz vor dem Jahreswechsel gibt sich die Schaubühne am Lehniner Platz mal wieder very britisch. Neben Katie Mitchell, die mit Ophelias Zimmer die Shakespeare’sche Randfigur ins Rampenlicht holt, inszeniert auch Simon McBurney zum ersten Mal mit deutschem Ensemble eine Adaption des im englischen Exil entstandenen Romans Ungeduld des Herzens von Stefan Zweig.

 

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto: St. B.

Premiere von Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto: St. B.

 

Ophelias Zimmer – Katie Mitchell zeigt in der Schaubühne was bei Shakespeares Hamlet im Verborgenen bleibt

Bereits mit einer neuen Version von August Strindbergs Fräulein Julie hat die britische Regisseurin Katie Mitchell ein unbemerkt gebliebenes Frauenschicksal der klassischen Dramatik ins Rampenlicht ihrer Livekameras geholt. Und auch Ophelia, die für das königliche Ränkespiel im faulen Staate Dänemark missbraucht bisher nur als schöne Frauenleiche durch die Kunstgeschichte geistern durfte, bekommt nun einen angemessenen Bühnenauftritt. An den Kammerspielen hatte sich 2012der Belgier Kristof Van Boven an einer Ophelia-Version mit Marie Jung im Werkraum der Münchner Kammerspiele versucht. Eine recht dünne Nacherzählung des Hamlet-Plots aus Sicht der armen Verschmähten. Katie Mitchel hat sich für ihre Fassung an der Schaubühne die britische Theaterautorin Alice Birch geholt und die Ophelia mit Jenny König besetzt, die bereits in Mitchels The Forbidden Zone als Hauptdarstellerin brillieren konnte.

Die Kameras hat Katie Mitchell diesmal weggelassen und sich von Chloe Lamford eine sehr karges Bühnenbild in Form eines Zimmers mit Bett, Nachtisch und Stuhl in den Globe-Saal der Schaubühne bauen lassen. Zwei Türen führen in das Zimmer hinein, wobei die eine nur als Fenster nach außen dient, um den Blick auf kommende und gehende Personen des Hauses wie Vater Polonius oder Bruder Laertes freizugeben. Als metaphorische Aktüberschriften wählt Mitchell die fünf Phasen des Ertrinkens: Abwehr, Atemstillstand, Bewusstlosigkeit, Krampfstadium und klinischer Tod. Entlang dessen spult sich in akribischer Genauigkeit der immer gleiche Tagesablauf ab, der Ophelia beim Schlafen, Ankleiden, Nähen und kurzen Spaziergängen zeigt. Obligatorisch auch der tägliche Blumenstrauß und die Briefe von Hamlet, die eine Bediensteten (Iris Becher) bringt. Die Blumen stopft Ophelia in den Papierkorb, die Briefe sind Kassetten, die sie im Nachtschrank versteckt.

 

Jenny König ist Katie Mitchels Ophelia - Foto (c) Gianmarco Bresadola

Jenny König in Katie Mitchells Ophelias Zimmer
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Die einzelnen Szenen werden durch elektronische Signale und den Wechsel der Beleuchtung getrennt. Hin und wieder fährt ein schwarzer Kubus herunter, auf dem die nächste Phase projiziert wird. Ophelia plagen Albträume, immer wieder erwacht sie nachts und hört sich die wirren und teilweise obszönen Hamlet-Texte auf den Kassetten an. Irgendwann will sie die Briefe nicht mehr annehmen. Zusätzlich hat Alice Birch Texte für die Stimme der toten Mutter (Jule Böwe) geschrieben, die immer wieder aus dem Off zu Ophelia spricht. Sie bedauert das Ophelia keine Junge geworden ist, sondern ein Mädchen, dem sie nichts bieten kann. „Mach dich klein, schlüpf in die Wände. Es herrscht ein bedrückende Stimmung. Die lähmende Enge der Situation wird noch dadurch bildlich verstärkt, dass Ophelia sich nach jedem Tag ein weiteres Kleid überstreift.

Sinn dieser formal strengen, etwas unergiebigen Übung ist wohl, die totale Abhängig Ophelias von den sie für ihre Zwecke instrumentalisierenden Männern zu zeigen, deren Gutdünken oder die Gewalt, der die junge Frau ausgesetzt ist. Das geht bis zum Einsperren ins Zimmer, das Ophelia nur noch zu bestimmten Anlässen verlassen darf. Und später, nachdem ihr gesagt wurde, dass der Vater tot sei, bekommt sie von einem Höfling (Ulrich Hoppe) noch Drogen verabreicht, um ihre Erinnerungen zu trüben und ihren Willen zu brechen. Zweimal nur wird Hamlet (Renato Schuch) in Ophelias Zimmer stürmen, Zuerst um sie zu schütteln und als pure Pose wild wie der suizidale Sänger Ian Curtis zu Love Will Tear Us Apart von Joy Divison zu tanzen. Das andere Mal mit der entstellten Leiche des Vaters.

Einen Ausweg zeigt Katie Mitchell nicht. Das geflutete Zimmer wird zum nassen Grab mit den nun auf dem Wasser schwimmenden Blumen. Die Inszenierung will das Schicksal Ophelias hinter der Wand – einer Mauer des Verschweigens – sichtbar machen, während sich sonst davor das altbekannte Drama abspielt. „Du bist mein Versprechen.“ heißt es in Hamlets Audiobriefen. „Du bist der Stein auf dem die verschwundene Zeit fußt.“ Eine recht verquaste Kitsch-Rhetorik. Leider leihen die Regisseurin und Autorin ihrer Protagonistin keine angemessene Gegenstimme. So muss Ophelia weiter das blasse, verstörte Opfer bleiben. Eine ästhetisch-schöne Wasserleiche mit viel Theaterblut.

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Ophelias Zimmer (16.12.2015)
Mit Texten von Alice Birch
Deutsch von Gerhild Steinbuch
Regie: Katie Mitchell
Bühne und Kostüme: Chloe Lamford
Sounddesign: Max Pappenheim
Dramaturgie: Nils Haarmann
Lichtdesign: Fabiana Piccioli
Mitarbeit Regie: Lily McLeish
Künstlerische Mitarbeit: Paul Ready, Michelle Terry
Mit: Iris Becher, Ulrich Hoppe, Jenny König, Renato Schuch
Die Texte von Ophelias Mutter wurden eingesprochen von: Jule Böwe
Statisten: Oliver Herbst / Mario Kutz
Premiere in der Schaubühne war am 07.12.2015
Dauer: ca. 120 Minuten
Termine: 19. – 21.02.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de

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Ungeduld des Herzens – Der britische Regisseur Simon McBurney erweckt den Roman des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig zu neuem Leben

Der britische Schauspieler und Regisseur Simon McBurney ist kein Unbekannter in der internationalen Theaterszene. Mit seinem Ensemble Complicite ist er seit Jahren gern gesehener Gast auf zahlreichen Theaterfestivals. So auch bei den Wiener Festwochen, wo er 2012 mit seiner Adaption von Michail Bulgakows Roman Der Meister und Magarita (The Master and Margarita) sogar das große Burgtheater füllte. In Berlin gastierte McBurney bisher nur solo. Mit seiner beim F.I.N.D.#15 in der Schaubühne am Lehniner Platz als Work in progress vorgestellten Produktion Amazon Beaming wird er unter dem Titel Encounter bei den Wiener Festwochen 2016 auftreten.

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Gianmarco

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne – Foto (C) Gianmarco

Nach Österreich führt nun auch McBurneys erste Arbeit als Regisseur mit einem deutschsprachigen Ensemble. Für die Berliner Schaubühne hat er Ungeduld des Herzens, den einzigen vollendeten Roman des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig adaptiert. Schachnovelle; Sternstunden der Menschheit oder der als Erinnerungen eines Europäers posthum veröffentlichte Rückblick Die Welt von gestern künden von der Meisterschaft Zweigs als großartigem Erzähler, Biografen und Chronisten seiner Zeit. Und auch in seinem 1939 im Exil erschienen Roman Ungeduld des Herzens beschreibt er akribisch die österreichische Gesellschaft kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

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Der junge Kavallerieleutnant Anton Hofmiller nimmt an einer Gesellschaft des ungarisch-jüdischen Barons Kekesfalva teil und begeht im Überschwang einen folgenschweren Fauxpas. Er fordert in Unwissenheit Edith, die gelähmte Tochter des Barons, zum Tanz auf. Nachdem er sich mit einem Blumenstrauß entschuldigt hat, lädt ihn Edith zu einem Besuch ein, dem viele weitere folgen werden. Hofmiller verstrickt sich immer mehr in sein Mitleid mit dem durch Krankheit gehbehinderten Mädchen und beginnt auf Bitten des Vaters und Drängen des Arztes Condor ein Spiel aus falschen Hoffnungen und Lügen, aus dem er keinen Ausweg mehr findet. Hofmiller verlobt sich schließlich mit Edith, kann aber vor den Kameraden nicht zu dieser Entscheidung stehen. Als Edith davon erfährt, stürzt sie sich, noch bevor der reuige Leutnant vom Ort seiner Versetzung zu ihr zurückkehren kann, von der hohen Terrasse des elterlichen Hauses in den Tod.

Stefan Zweig unterscheidet ganz genau zwischen dem sentimentalen Mitleid, „das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück“ und dem schöpferischen Mitleid, „das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus“. Auch im mit seiner Tochter leidenden Vater, dem einst armen Juden Kanitz, der eine Frau heiratete, der er gerade recht geschäftstüchtig das Erbe der Kekesfalvas billig abgekauft hatte und im Arzt Condor, der eine blinde Patientin ehelichte, die ihn nun für sich allein beansprucht, zeigt Zweig diese gegensätzlichen Arten des Mitleids. Den Zusammenhang erkennt Hofreiter jedoch viel zu spät und stürzt sich verzweifelt in die unsinnigen und blutigen Getümmel des Ersten Weltkriegs.

 

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Gianmarco Bresadola

Ungeduld des Herzens in der Schaubühne
Foto (C) Gianmarco Bresadola

 

McBurney zieht hier nun gedanklich die Parallelen vom an seiner Zeit verzweifelnden Pazifisten Zweig zu den heutigen Flüchtlingsbildern aus den Medien. Allerdings verdeutlicht der Regisseur das erst ziemlich am Ende seiner Inszenierung mit viel Schlachtgetöse, Videoeinsatz und Theaterblut. Davor läuft der Inhalt des Romans gute zwei Stunden mehr als eine sehr ambitionierte szenische Lesung in Versuchsanordnung ab, in die Schauspieler Robert Beyer einführt wie in eine längst vergesse Zeit. Ein Museumsführer in die gute alte k.u.k.-Monarchie mit in einer Vitrine ausgestellten Uniform. Dazu kann Johannes Flaschberger im schönsten Wienerisch vom ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand berichten. Der Rest des Ensembles setzt sich derweil an Mikrofonständer und Tische.

Wechselseitig, noch ohne genaue Rollenzuschreibungen, werden nun Handlung und Dialoge des Romans erzählt. Wobei Christoph Gawenda als sich erinnernder Hofmiller und Haupterzähler fungiert, während sich Laurenz Laufenberg schließlich die Uniform anzieht und den jungen Leutnant gibt. Aber vor allem bei der Figur der Edith (Marie Burchard) entsteht in den nun aus der Erzählung heraus entwickelnden kurzen Spielszenen eine Art von Verfremdung mit teilweise durch die Mikros verzerrter Stimme oder nur synchron bewegten Lippen zum von Eva Meckbach gesprochenen Text. Im Weiteren wirft man sich kurz Kittel über, werden Geräusche erzeugt; als Terrasse dient ein rollbarer Tisch. Moritz Gottwald spricht einen böhmischen Burschen, und alle zusammen mimen Kavalleriepferde oder die tumben tätowierten Kameraden Hofmillers. Auch Robert Beier kann hin und wieder in seinem besonderen Talent für Verstellungskunst brillieren.

McBurney versucht die direkte Identifikation mit den klar ausgestellten Theatermitteln so gut es geht zu verhindern, lässt dann aber – wie schon in Master and Margarita – etwas zu sehr die Video- und Sound-Maschinerie arbeiten. In diesem eher kleinen Kammerspiel ist und bleibt aber, gewollt oder nicht, sein bester Mitspieler Zweigs Text selbst. Und wenn auch der Regisseur immer mehr aufs Tempo drückt, um eine größere Spannung zu erzeugen, entwickelt sich die gewünschte Empathie mehr über das Wort als über das Bild. Die sieche Seele der österreichischen Gesellschaft – verdeutlicht durch militärischen Drill, Ehrenkodex, Gehorsam und Antisemitismus – sowie dem sich in völliger Selbstüberschätzung in seine Lügen verliebenden Hofmiller („an jenem Abend war ich Gott. Ich hatte die Welt erschaffen und siehe, sie war voll Güte und Gerechtigkeit… Ich und nur ich war der Anfang, die Mitte und der Ursprung ihres Glücks…“) versagt am jungen Geist eines kranken Mädchens. Hofmillers Mitleid bleibt nur eine Illusion davon, einmal im Leben das Richtige zu tun.

Etwas erinnert bei McBurneys Herangehensweise auch an die grandiose Schaubühnen-Inszenierung des zurzeit allerdings mehr mit markigen Worten von sich Reden machenden Letten Alvis Hermanis, in der das Ensemble spielerisch und erzählerisch die Zeit von Puschkins Versroman Eugen Onegin erstehen ließ. Wäre McBurney nicht etwas zu sehr von seinen Theatermitteln überzeugt und ähnlich wie seine Kollegin Katie Mitchell in die Video-Kamera verliebt, hätte das ein sehr großer Abend werden können. Zumindest funktioniert er als Theater und leistet einen recht wirkungsvollen Dienst an der Entdeckung von Zweigs geschichtlich relevanten und eminent wichtigen Texten für die Bühne.

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Ungeduld des Herzens (22.12.2015, Schaubühne am Lehniner Platz)
von Stefan Zweig
Regie: Simon McBurney
Mitarbeit Regie: James Yeatman
Bühne: Anna Fleischle
Kostüme: Holly Waddington
Licht: Paul Anderson
Musik: Pete Malkin, Benjamin Grant
Video: Will Duke
Dramaturgie: Maja Zade
Mit: Robert Beyer, Marie Burchard, Johannes Flaschberger, Christoph Gawenda, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg, Eva Meckbach

Termine: 14.-17.01.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 23.12.2015 auf Kultura-Extra.

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HAMLET von William Shakespeare zweimal als Sommertheater in der Klosterruine am Alex und im Monbijou-Theater.

Mittwoch, August 5th, 2015

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Das Neue Globe Theater führt in der Klosterruine am Alex William Shakespeares Tragödie vom zaudernden Dänenprinzen als lockeres Sommertheater zwischen Pathos und Ironie auf.

Foto © Neues Globe Theater

Foto © Neues Globe Theater

„Man soll die Schauspieler gut behandeln“, heißt es in der aktuellen Shakespeare-Inszenierung des Neuen Globe Theater (formerly known as SHAKESPEARE und PARTNER), mit dem am Donnerstagabend die Potsdamer Truppe den diesjährigen Theatersommer in der Klosterruine am Alex eröffnete. Das ist ein wahres Wort und nicht ganz uneigennützig gesprochen. Denn darstellende Künstler sind nicht nur „der Spiegel und Ausdruck unserer Zeit“, sondern zumeist auch knapp bei Kasse. Nichtsdestotrotz bekommt gleich zu Beginn das Publikum der Berliner Hamlet-Premiere eine Vorstellung von dem, was der elisabethanische Dichter Shakespeare unter „den Spiegel vor die Natur halten“ verstand. Eine Lehrstunde in der Wirkung guter Schauspielkunst. Wenn es auch an Sologarderoben mangelt, Spreizen, Blöken, plattes Lachen gilt es zu vermeiden. Man hat ja schließlich eine staatliche Ausbildung. Außerdem haben ein plötzlicher Wechsel der Gesichtsfarbe oder die Träne im Auge schon so manchen Schuldbeladenen seine Missetaten eingestehen lassen. „Das Schauspiel sei der Akt, der mir den König am Gewissen packt“, wird Hauptfigur Hamlet später sagen.

Dem stets grübelnden Prinzen von Dänemark aus Shakespeares Tragödie dient das Stück im Stück als „Mausefalle“ für den Königs- und Vatermörder Claudius, der zu Hamlets Unmut nicht nur den Thron, sondern auch noch seine Mutter und des alten Königs Ehefrau geerbt hat. Die Welt gerät dem größten Zauderer der Theatergeschichte aber nicht nur aus den Fugen, weil ihn der Geist des ermordeten Vaters zu Rache gemahnt. Prinz Hamlet hat hier neben der ewigen Frage um das „Sein oder Nichtsein“ auch einige andere Dinge zu klären. Auch wenn der großartige Saro Emirze den bekannten Monolog des Dänenprinzen recht eindrucksvoll und glaubhaft über die Rampe bringt, von des Gedankens Blässe angekränkelt wirkt der sonst forsch mit dem Schwert hantierende Mitdreißiger noch aus einem weiteren Grund. Er kann sich ganz offensichtlich in Gefühlsdingen nicht zwischen der „Nymphe“ Ophelia (Thomas Keller) und Horatio (Till Artur Priebe) entscheiden und rekelt sich mit dem Freund aus Kindertagen nach dem nächtlichen Bade auch gern mal auf weißem Flokati-Podest.

Hamlet in der Klosterruine am Alex - Foto © Neues Globe Theater

Hamlet in der Klosterruine am Alex – Foto © Neues Globe Theater

Es gibt also doch mehr Dinge und Ärger zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt. Eine tragische Sommerliebelei á la Romeo und Julia in queer lässt sich daraus allerdings nicht so ohne weiteres machen, selbst wenn die auf Helsingør angekommene Schauspieltruppe etwas aus dem anderen berühmten Shakespeareklassiker zum Besten gibt. Dazu hat man sich für eine klassisch elisabethanische All-Male-Besetzung entschieden. Doch steigt auch so manches Männerbein in Kleid und Seidenstrümpfe, ist Regisseur und Ensemblemitglied Kai Frederic Schrickel weit davon entfernt, einen schenkelklopfenden Hamlet in Drag zu inszenieren. Trotzdem sehenswert sind vor allem das bärtige Königspaar Gertrud (Andreas Erfurth) und Claudius (Urs Stämpfli). Ein, wenn auch sicher nicht beabsichtigter, Kommentar zum Mitgliederentscheid der Berliner CDU zur Homo-Ehe? Dafür darf im Programmheft wild über Shakespeares sexuelle Ausrichtung spekuliert werden.

Trotz manchem Griff zum Säbel ficht das unseren Hamlet weiter nicht an. Er schickt seine gerade noch angebetete Ophelia zu den Nonnen und gibt sich dem methodischen Wahnsinn hin. Als verschmähte Ophelia wirft sich Thomas Keller mit sehr viel Verve in Pose. Ihm steht selbst der nun ihrerseits ausufernde Wahnsinn gut. Unter anderem singt er „La Vie en Rose“ von Edith Piaf und wagt ein Tänzchen mit dem Bruder und weißen Ritter Laertes (Dierk Prawdzik), der für seine Reise nach Paris noch ein paar vom Blatt abgelesene Kalendersprüche von seinem Vater Polonius (Sebastian Bischoff) mitbekommt. Trotz Gehhilfe ist der alte Oberkämmerer und Schwätzer noch immer gut im Intrigenspinnen, muss dafür aber bekanntlich sein Leben hinterm Vorhang aushauchen, wozu er hier vom mit einer Pistole vor seiner Mutter herumfuchtelnden Hamlet unterm Flokati erschlagen und in eine Kiste entsorgt wird. Auch den Hofschranzen Rosencrantz (Thomas Keller) und Guildenstern (Till Artur Priebe) ergeht es nicht viel besser. Sie beherrschen weder die subtile Psyche noch das richtige Spielen auf dem Instrument des Prinzen. Trotz einiger protziger Schwanzvergleiche gilt da wohl immer noch die von der Schauspieltruppe vorgetragene Otto-Parodie Dänen lügen nicht.

Hamlet in der Klosterruine am Alex - Foto © Neues Globe Theater

Hamlet in der Klosterruine am Alex – Foto © Neues Globe Theater

Leider gehen der über drei Stunden dauernden, zwischen gespieltem Pathos und etlichen ironischen Einlagen chargierenden Inszenierung nach der Pause etwas die Luft und der Witz aus. Man rettet sich nun ins philosophisch Kalauernde des Dialogs zwischen Hamlet und dem mit einem grinsenden Joker-Gesicht auftretenden Totengräber (Sebastian Bischoff) sowie schön einstudierten Kampchoreografien zwischen Hamlet und dem als schwarzem Rächer heimgekehrten Laertes, bis alles röchelnd auf dem Flokati liegt und Horatio sein „Gute Nacht, mein süßer Prinz“ haucht. Ist auch der Rest bekanntlich Schweigen, gibt es noch einen schönen Abgesang von Thomas Keller mit einem Text aus Shakespeares doppeldeutigen Sonetten. Wohl auch ein leiser Wink dahin, dass das letzte Wort über den geheimnisumwitternden Dichter und seinen Hamlet noch nicht gesprochen ist.

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HAMLET
von William Shakespeare
SOMMERTHEATER AM ALEX
Premiere am 23. Juli 2015 in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche
Klosterstraße 73 a, 10179 Berlin-Mitte.
Anfahrt: U2 Klosterstraße oder S- und U-Bhf. Alexanderplatz
Übersetzung von Maik Hamburger und Adolf Dresen
Regie und Raum: Kai Frederic Schrickel
Kostüme: Hannah Hamburger
Kampfchoreographie: Kai Fung Rieck
Mit: Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Andreas Erfurth, Thomas Kellner, Dierk Prawdzik, Till Artur
Priebe, Urs Stämpfli
Premiere: 26.06.2015 im Bürgerhaus Pullach
Aufführungsdauer: 2 Std 45 Min zuzüglich 1 Pause
Eine Produktion von shakespeare und partner/ Neues Globe Theater
Kartenreservierung und Tickets
Email: tickets@NeuesGlobeTheater.de
Kartentelefon: 01575 – 420 87 61
Onlinekauf: www.reservix.de
Weitere Termine, Beginn immer 20:00 Uhr:
Mi., 5.8., Do. 6.8., Fr. 7.8. und Sa. 8.8.2015

anschließend:

WIE ES EUCH GEFÄLLT
(Siehe Rezension aus dem letzten Jahr)
von William Shakespeare
Termine: 12.08.-16.08.2015

Infos: http://www.neuesglobetheater.de/

Zuerst erschienen am 25. Juli 2015 auf Kultura-Extra.

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Shakespeares HAMLET als flotte Ménage-à-trois im Monbijou-Theater

Hamlet_Monbijou Theater

im Monbijou-Theater – Foto: St. B.

Das Berliner Monbijou-Theater spielt just in diesem Jahr genau wie das Neue Globe auch Shakespeares Hamlet und macht zusammen mit Molières Tartüff den im Sommerurlaub weilenden Tempeln der Hochkultur Konkurrenz. Und da insbesondere der Schaubühne am Lehniner Platz, die beide Klassiker mit Haus-Star Lars Eidinger in der Titelrolle im Programm hat. Mit den Komödien von Molière konnte man im hölzernen Amphitheater im Monbijoupark bereits große Publikumserfolge feiern. Zu nennen wären da vor allem Der eingebildete Kranke oder auch die Verwechslungskomödie Amphitryon. William Shakespeare ist das andere Standbein der Truppe, die einst aus dem legendären Hexenkessel-Hoftheater hervorging. Auch mit den Stücken des englischen Dichters verbindet das Monbijou-Theater eine lange Aufführungstradition.

Beliebt sind da natürlich in erster Linie Open-Air-taugliche Komödien wie Ein Sommernachtstraum oder Wie es euch gefällt, die beide hier im letzten Jahr zu sehen waren. Nun also wagt sich das Monbijou-Theater ebenfalls an die wohl bekannteste Tragödie Shakespeares. In der gut gekürzten Berliner Fassung von Peter Kaempfe zeigt man einen auf „90 Minuten Zentralplot“ eingedampften Hamlet. Der grüblerische Dänenprinz aus dem „Reich der Zweifel“ als „schillernde“ Sommerkomödienfigur? Das ist zunächst nur recht schwer vorstellbar. Das Monbijou-Theater setzt da noch einen drauf und schnurrt das Ganze mit nur drei Schauspielern ab, die sich die Stichworte beim schnellen Rollenwechsel fast wie im Traume zuwerfen. Immerhin gilt es dabei 12 Figuren zu bedienen. Um da bei einem Ausfall nicht auf dem Trockenen zu sitzen, spielen zwei Gruppen die sich abwechselnd aus Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Matthias Horn, Michael ­Schwager, Lina Wendel und Carsta Zimmermann zusammensetzen. Den Part des zweifelnden Dänenprinzen übernehmen dabei entweder Benjamin Bieber oder der Monbijou-Publikumsliebling Vlad Chiriac.

Berlin, Monbijou Theater 2015   HAMLET nach William Shakespeare BERLINER FASSUNG von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe         Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann          Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann    Pressekontakt : lone.bech@hej-pr.com   Fotograf: Bernd Schönberger

HAMLET nach William Shakespeare vom Monbijou Theater Berlin
Foto (c) Bernd Schönberger

Hier hat es also jeder mal mit jedem und muss es auch, da sonst die ganze Chose kaum ins Laufen käme. Und ja, es funktioniert soweit ganz gut. Die Akteure geben sich jedenfalls alle erdenkliche Mühe, das Komödiantische aus der Tragödie zu kratzen. Dazu gibt Shakespeare selbst ja auch etliche Vorlagen. Wir sehen also eine flotte Ménage-à-trois am Hof von Helsingør, der hier aus ein paar spitz ins Halbrund zulaufenden Brettern besteht, die zunächst für die bevorstehende Hochzeit von Gertrud und Claudius noch ordentlich vom blau bekittelten Haus(hof?)meister Olsen gefegt werden müssen. In Gestalt von Matthias Horn gibt der gleich noch die ganze Vorgeschichte im breitesten anhaltinischen Dialekt zum Besten. Schnell in Gewand und Perücke ist er schon wieder ein galanter Chevalier, der das Publikum zum Winken mit den ausgeteilten Fähnchen des Staates Dänemark animiert. Und da ist bekanntlich etwas faul, was Prinz Hamlet (Vlad Chiriac) im blauen Waffenrock wie Preußens Homburg zusammen mit seinem Waffenkumpan Horatio (Matthias Horn) wieder richten soll. So suggeriert es ihnen zumindest die Stimme des Hamlet-Vater-Geistes aus dem Off.

Berlin, Monbijou Theater 2015   HAMLET nach William Shakespeare BERLINER FASSUNG von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe         Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann          Es spielen:  Benjamin Bieber oder Vlad Chiriac,  Matthias Horn oder Michael Schwager,  Lina Wendel oder Carsta Zimmermann    Pressekontakt : lone.bech@hej-pr.com   Fotograf: Bernd Schönberger

HAMLET vom Monbijou Theater Berlin
Foto (c) Bernd Schönberger

Gegenüber dem fast dreistündigen Hamlet in der Klosterruine am Alex geht man hier schon etwas effizienter zu Werk. Bereit sein ist alles. Was sich infolge der dreigestirnigen Darstellerkonstellation nicht zeigen lässt, wird einfach erzählt. Und da erweisen sich vor allem die Höflinge Rosenkrantz (Lina Wendel) und Güldenstern (Vlad Chiriac) als gute Beobachter und willfährige Berichterstatter der Treffen zwischen dem liebestollen Hamlet und der schönen Ophelia, die dieser Spielweise dann allerdings komplett zum Opfer fällt. Der Komik und dem Slapstick dieser Szenen tut das keinen Abbruch. Am nächsten ist man dem klassischen Hamlet noch in den übriggebliebenen Monologen und wenigen Dialogszenen. Selbst das von Hamlet inszenierte Schauspiel die Mausefalle findet nur hinter einem roten Dänen-Vorhang statt, zeigt aber dennoch seine Wirkung beim getroffen davoneilenden Claudius (Matthias Horn).

Hinterm Vorhang fällt auch Lauscher Polonius (Lina Wendel), während Hamlet seiner Mutter Gertrud (ebenfalls Lina Wendel) davor ins Gewissen redet. Aber der Plot wird rasch weiter vorangetrieben. Gerade erst nach England entsandt, ist Prinz Hamlet auch schon wieder zurück und müsste sich nun quasi selbst zum Duell herausfordern, da Vlad Chiriac auch noch den Laertes geben muss. Die Inszenierung sieht hier wieder den braven Olsen vor, der fröhlich palavernd den bereits geschehenen Schlamassel einfach wegfeudelt. Es bleibt ein schweigend grinsender Fortinbras (Vlad Chiriac) als Banker mit Aktenkoffer. So billig kauft er sich ein ganzes Land. Den Rest darf man sich denken.

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Hamlet (12.07.2015)
nach William Shakespeare
Berliner Fassung von Peter Kaempfe Regie: Gabriele Blum und Peter Kaempfe
Bühnenbild: David Regehr
Kostüm- und Maskenbild: Isa Mehnert
Requisite: Mona Glass
Tongestaltung: Torsten Podraza
Licht: Henning Streck
Maske: Nina Dell und Nora Kraetzer
Besetzung:
Chevalier: Michael Schwager oder Matthias Horn · Olsen: Michael Schwager oder Matthias Horn · Hamlet: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Gertrud: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Claudius: Michael Schwager oder Matthias Horn · Horatio: Michael Schwager oder Matthias Horn · Polonius: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Laertes: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Rosenkrantz: Carsta Zimmermann oder Lina Wendel · Güldenstern: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber · Fortinbras: Vlad Chiriac oder Benjamin Bieber

Premiere im Monbijou-Theater war am 18. Juni 2015

Termine: 18. Juni – 6. September 2015

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater/hamlet.html

Hamlet im Monbijou Theater mit Vlad Chiriac, Lina Wendel und Matthias Horn - Foto: St. B.

Hamlet im Monbijou Theater mit Vlad Chiriac, Lina Wendel und Matthias Horn – Foto: St. B.

Tartüff vom 10.6. (Premiere) bis 6.9.2015 ­

Regie: Darijan Mihajlović; mit Stephan Baumecker, Matthias Horn, Aleksandar Tesla, Franziska Hayner, Roman Kanonik.

Infos: http://www.monbijou-theater.de/

Zuerst erschienen am 04.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Shakespeare-Tage in Berlin. Teil 2 – Ein blutleerer „Macbeth“ am DT und „Richard III.“ als Solo-Nummer in der Schaubühne.

Sonntag, April 5th, 2015

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Tilmann Köhler knallt das blutrünstige Königsdrama Macbeth eher blutleer an die Sperrholzwand des DT

Macbeth, das späte blutrünstige Königsdrama von William Shakespeare, wird oft und gerne an deutschen Bühnen aufgeführt. Die heutigen Interpretationsmöglichkeiten des schicksalsbeladenen Karrieristen, der auf seinem Weg zur Macht über Berge von Leichen geht, sind dabei sehr vielgestaltig. Am Thalia Theater Hamburg deutete Luc Perceval den blutgeilen Königsmörder als posttraumatischen Kriegsheimkehrer. In Karin Henkels zum Theaterreffen eingeladener Münchener Inszenierung spielte gar eine Frau die Hauptrolle. Mal abgesehen von dem musikalischen Versuch Schottenstück. Konzert für Macbeth, das vor zwei Jahren von David Marton, bei dem man eh nie so genau weiß, was er da eigentlich macht, an der Volksbühne inszeniert wurde, stand der Macbeth in Berlin 2002 das letzte Mal auf dem Spielplan. Christina Paulhofer, die angeblich auch nicht wusste, worum es im Macbeth eigentlich geht, stellte in der Schaubühne Shakespeares Mörderpärchen samt schicker Komparserie auf einen langen Catwalk, spielte das Stück dann aber eher in die Breite.

Macbeth am DT Foto (c) Arno Declair

Macbeth am DT
Foto (c) Arno Declair

Wieder in die Länge geht es in einer die gesamte Bühne einnehmenden Trichterschräge mit Tilmann Köhler, dem nach Stefan Puchers zwittrigem Was ihr wollt die zweite von insgesamt drei neuen Shakespeareinszenierungen am Deutschen Theater zugefallen ist. Köhler, seit 2009 als Hausregisseur am Staatsschauspiel Dresden eigentlich recht erfolgreich, hat bereits 2012 an den Kammerspielen mit Wajdi Mouawads Verbrennungen eine eher lauwarme Regiearbeit abgeliefert und 2013 Ödön von Horváths Jugend ohne Gott recht uninspiriert mit Schauspielschülern in der Box inszenierte. Nun feiert er mit dem blutigen Tyrannen Macbeth seine Premiere auf der großen Bühne des DT und hat, um es vorwegzunehmen, auch diesmal leider kein besonders glückliches Regiehändchen dabei.

Durch eine schmale Öffnung am Ende des besagten Sperrholztrichters (Bühne: Karoly Risz) zwängt sich zu Beginn ein undefinierbares Menschenknäul, das nur mit Unterhose bekleidet hechelnd, stöhnend und rülpsend die Schräge zur Rampe herunter kullert. Ein tierisches Bündel nackter Leiber, aus der Finsternis des Höllenschlundes in die Welt geworfen, diese nun ebenfalls schicksalhaft durcheinander zu wirbeln. Es sind die Schauspieler Elias Arens, Felix Goeser, Thorsten Hierse, Matthias Neukirch und Timo Weisschnur, die sich um Kleidungsstücke aus mitgeschleppten Plastiktüten balgen und – „schön ist schlimm, und schlimm ist schön“ – die Hexen verkörpern, die dem siegreichen Feldherrn Macbeth weissagen, erst Thane of Cawdor und später sogar König von Schottland zu werden.

Wenn sie nicht die Shakespeare’schen „Schicksalsschwestern“ geben müssen, spielen die fünf Darsteller König Duncan (Matthias Neukirch) und dessen Sohn Malcom (Thorsten Hierse), Macbeth‘ Gefolgsmann Banquo (Felix Goeser), dessen Sohn Feance (Timo Weisschnur) und seine wie IS-Kämpfer vermummte Mörder, Macduff (Elias Arens), der den Tyrann Macbeth schließlich zur Strecke bringt, dessen Frau und Sohn, oder andere schottische Thanes und Diener. Sie agieren dabei oft als Gruppe, oder direkt aus ihr heraus. Lassen sich danach aber immer wieder in die anonyme Masse zurückfallen. Das hat zunächst Drive, verliert sich dann aber immer öfter in szenischen Mätzchen und symbolträchtigen Bildern. Ekel kann hier auch nicht aufkommen, Köhler verweigert jegliches Ausmalen der Mordtaten mit Theaterblut.

Die Idee, Shakespearestücke und besonders den Macbeth ausschließlich mit Männern zu besetzen, ist nicht neu. Sei es nun aus elisabethanischen Theatertradition, oder um dem Ganzen einen besonderen künstlerischen Mehrwert abzugewinnen. Zu besonderem Ruhm kam dabei der Düsseldorfer Macbeth von Jürgen Gosch, der beim Theatertreffen 2006 eine Ekeltheater-Debatte auslöste. In ihrer besonderen Körperlichkeit und den Lautmalereien der Darsteller erinnert Köhlers männlicher Hexenhaufen auch ein wenig an Goschs denkwürdige Inszenierung. Nur vermag Köhler nicht auf Dauer Funken aus dieser Konstellation zu schlagen. Irgendwann hat sich der Witz seiner Idee aufgebraucht und die Darsteller werden schließlich, durch sich öffnende Luken des Trichters schauend, zu schwarzgewandeten Stichwortgebern der eigentlichen Hauptperson.

Macbeth am DT Foto (c) Arno Declair

Macbeth am DT
Foto (c) Arno Declair

Und die wirkt nun geradezu diametral zu dem um sie herum wuselnden Einheitsbrei aus Geistern und Menschen. Am „Theater der Preisträger“, wie sich das DT selbst neuerdings nennt, gehört die Rolle des Macbeth natürlich niemand anderem, als dem frischgebackenen Fernsehpreisträger Ulrich Matthes. Dessen mit düster tiefliegenden Augen gestalteter Tatortbösewicht hat wohl dann auch Köhler bewogen, ihn als Mörder Macbeth zu besetzen. Allerdings wirkt Ulrich Matthes hier zunächst eher wie ein unentschlossener, zweifelnder Prinz Hamlet, dem, obs edler im Gemüt, erst seine Lady den Drang nach Blut und Macht schmackhaft machen muss. Diese hat es aber noch weit schlimmer getroffen. Während sich Matthes ins ausdrucksvolle Deklamieren, Augenrollen und Brustschlagen flüchtet, muss Maren Eggert wie fremdelt umherschreiten und schließlich, kleine Taschenlampe brenn, im Wahnsinn das Blut beider Taten als Lichtflecken an den Bühnenhorizont schreiben.

Die Inszenierungsidee Köhlers nährt sich aus einem im Programmheft abgedruckten, recht umfangreichen Essay zur Rezeption des Macbeth in Vergangenheit und Gegenwart. Die Deutung des Geschehens als Reaktion des autonomen Subjekts in einer „Welt im Umbruch“, dessen „Seinsordnung“ ins Wanken gerät, begründet aber nicht zwingend auch dessen Taten. Köhler legt den Schwerpunkt auf die monologisierenden Protagonisten, die dabei ihre Begierden, Selbstzweifel und Ängste reflektieren. Allerdings wirkt das bei Macbeth, seiner Lady und selbst noch im Dialog des Macduff mit dem vorm Tyrannenmord zurückschreckenden Malcom, der über seine eigenen Machtgelüste vor der Rampe ins Publikum philosophiert, einfach nur uninteressant und manieriert.

Köhlers Theater entlarvt sich dann schließlich auch in Macbeth‘ Schlussmonolog zu recht höchst selbst als „… ein wandelnd Schattenbild / Ein armer Komödiant, der spreizt und knirscht / Sein Stündchen auf der Bühn‘ … / Das nichts bedeutet.“ Also alles nur ein Hirngespinst? Das klingt bei Matthes‘ heiligem Pathos nicht gerade nach Selbstironie. Doch jeder hat irgendwann eine zweite Chance. Vorausgesetzt man hätte eine Ahnung von dem, was man eigentlich will. Jürgen Gosch, den Hellmuth Karasek im Spiegel nach dessen erstem Versuch, den Macbeth 1988 an der Berliner Schaubühne zu inszenieren, noch einen Feldwebel schimpfte, der Shakespeare schleife, hat es fast zwanzig Jahre später bewiesen. Also noch viel Zeit für den 35jährigen Tilmann Köhler.

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Macbeth
Von William Shakespeare
Deutsch von Dorothea Tieck
in einer Fassung von Sonja Anders und Tilmann Köhler
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Karoly Risz
Kostüme: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Dramaturgie: Sonja Anders, Hannes Oppermann
Mit: Ulrich Matthes als Macbeth und Maren Eggert als Lady Macbeth sowie Elias Arens, Felix Goeser, Thorsten Hierse, Matthias Neukirch und Timo Weisschnur

Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Premiere im Deutschen Theater war am 19.03.2015

Termine: 25.03., 28.03., 07.04., 16.04. und 24.04.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/macbeth/

Zuerst erschienen am 21.03.2015 auf Kultura-Extra.

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King Eidinger – Thomas Ostermeier inszeniert an der Schaubühne die Tragödie von König Richard III. als Solo-Nummer mit angeschlossenem Hofstaat

Den Macbeth hatte, wie oben bereits erwähnt, also Christina Paulhofer schon 2002 an der Berliner Schaubühne auf langem Catwalk inszeniert. Ein Drama, das Thomas Ostermeier in seiner Shakespeare-Sammlung noch fehlt und Schaubühnenstar Lars Eidinger neben seinem grandiosen, über 250-mal gespielten Hamlet auch gut zu Gesicht stünde. Ostermeier hat sich aber für Richard III. entschieden und damit den Reigen der Shakespeare-Tage in Berlin bereits am 7. Februar eröffnet. Nun kommen die passionierten Theatergänger und -Fans also in den Genuss, zwei der blutigsten Shakespeare-Dramen voll von machthungrigen Karrieristen, intriganten Höflingen und gedungenen Königsmördern mit zwei der beliebtesten Schauspieler der Stadt parallel sehen zu können. Ein Vergleich der sich sicher lohnt, auch wenn der Macbeth mit Ulrich Matthes am DT etwas blutleer daherkommt und sich letztendlich trotz Kürzungen auch etwas in die Länge zieht.

Richard III_Schaubühne_März 2015

Richard III. in der Schaubühne
Foto: St. B.

Langeweile lässt Schaubühnenintendant Ostermeier bei seinem Richard trotz 155 Minuten am Stück ohne Pause aber gar nicht erst aufkommen. Es geht sofort fulminant mit wummernden Beats nebst Live-Schlagzeugbegleitung (Thomas Witte) sowie allerlei Hofgeschranz und Flitter zur Partytime im dunklen Halbrund der Bühne. Nicht einfach nur eine Londoner Straße, nein, eine ganze Arena hat Jan Pappelbaum in den kleinen Saal der Schaubühne gebaut, mit Tribüne und hochmontierten Rängen, fast wie im alten Londoner Globe. Die Rückwand ist mit Lehm bestrichen, hölzerne Laufgänge mit Treppen und Stahlstangen bieten Möglichkeiten zum Klettern und Spielverlagerung von der Ebene der Bühne in die luftige Höhe. An einem langen Elektrokabel hängt ein Mikro mit eingebautem Spot und Videokamera vom Schnürboden. Von diesem vielseitigen Hilfsrequisit wird die berüchtigte, finstere Hauptfigur Richard Plantagenet, Herzog Gloucester aus dem Geschlecht der Yorks dann auch reichlich Gebrauch machen.

Gefeiert wird also der Sieg in den sogenannten Rosenkriegen, der dem Hauses York mit Edward IV. die Nachfolge auf dem englischen Königsthron für den von Richard ermordeten Heinrich VI. aus dem Hause Lancaster sichert. Der körperlich behinderte und sich auch sonst benachteiligt fühlende Richard wirkt in dieser ausgelassenen Feierblase wie ein Fremdkörper. Für den teils trashigen, teils zeitlos klassischen Schick ihrer Kostüme zeichnet Architektentochter und UdK-Professorin Florence von Gerkan verantwortlich. Sie hat schon einige hochkarätige Opern-Inszenierungen ausgestattet, was auch gut ins Bild dieses fast schon wie eine rockige Seifenoperette daherkommenden Intrigantenstadls passt. Die Hauptfigur Richard dagegen steht auf krummen Beinen ist eingeschnürt am Kopf und trägt einen umgeschnallten Buckel.

Auftritt Lars Eidinger, der, nach dem er vergeblich versucht hat, sich dem Treiben zuzugesellen, das erste Mal zum Mikro greift und seinen berühmten Eingangs-Monolog hält. Da Richard, von der Natur betrogen, für sich erkannt hat, dass er sich sichtlich nicht zum Liebhaber eignet, ist er entschlossen, ein Scheusal zu sein, das bedenkenlos Intrigen einfädelt, um sich die Krone auf seine Weise zu holen. Das performt nun dieser Eidinger/Richard in einer geradezu faszinierenden Besoffenheit seiner selbst. Die Faszination für den Zuschauer liegt dabei in der bewussten Unverfrorenheit, sich ohne Rücksicht an die Macht zu intrigieren. Richard schmeichelt, buckelt, lügt, lässt Köpfe rollen und bekommt sogar Lady Ann (Jenny König) ins Ehebett, deren Mann und Schwiegervater er eigentlich ermordet hat.

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Richard III. in der Schaubühne – Foto (c) Arno Declaire

Zu Diensten sind ihm dabei durchgängig willige, selbst machtgierige Emporkömmlinge, Günstlinge der Krone und ein schwaches, verfettetes Bürgertum. Oder besser noch, sie sind ihm, da selbst untereinander verfeindet, nicht weiter im Weg. Wer nicht mehr benötigt wird wie Lord Hastings (Sebastian Schwarz) oder droht selbst gefährlich zu werden, wie der ebenso skrupellose Herzog Buckingham (Moritz Gottwald), wird abserviert. Richard macht selbst vor seinen Brüdern Edward (Thomas Bading) und Clarence (Christoph Gawenda) und seinen jungen Neffen nicht halt, die hier ganz nett durch lebensecht wirkende Handpuppen dargestellt werden, denen die anderen Schauspieler Stimme und Händchen leihen. Zur närrischen Auflockerung bietet Shakespeare ein tumbes, über Gewissen philosophierendes Mörderpärchen, das hier dankbar von Robert Beyer und Thomas Bading hinchargiert wird. Dabei gibt es endlich auch etwas Theaterblut, das aus Clarence Hals in den Zirkussand fliest.

Auch die Frauen haben schöne Auftritte. Die Wut und Hasstiraden von Jenny Königs Lady Anne oder von Eva Meckbach als ebenfalls zur Witwe gemachten Königin Elisabeth bieten ein wenig Gegenwind, den ihnen Richard aber postwendend wieder aus den Segeln zu nehmen versteht. Robert Beyers alles und alle verfluchende Ex-Königin Margaret bekommt sogar Szenenapplaus. Aber es bleibt wenig Zeit für Ausdifferenzierungen einzelner Charaktere, was bei Shakespeare ja auch so nicht unbedingt angelegt ist. Ostermeier inszeniert das alles recht schnell und schnoddrig, fast wie einen schwarz-humorigen Krimiplot im Gangstermilieu, was eine schöne Volte zum vermutlich angesteuerten Ziel dieser Inszenierung, dem allgemein dreckigen Geschäft der Politik schlagen könnte. Wenn da nicht immer wieder alles auf die eine Person zulaufen würde.

Der Herr im Ring bleibt Lars Eidinger, der sein Publikum fest in der Hand zu haben scheint. Das suggestive Machtspiel zwischen Erwartungen und Klischees, Schauer, Ekel und der Faszination des Bösen beherrscht er mit einer Leichtigkeit, die alle anderen Mitspieler geradezu in den Schatten stellt. Allerdings gerät ihm dabei die Zurschaustellung der bodenlosen Abgründigkeit seiner Figur fast schon zur Manie. Ostermeier gönnt seinem Schauspielking dazu noch ein bedeutungsschwangeres Ende. Eidinger reflektiert sich erst mit weißer Quarkmaske im Spiegel (da ist er dem zweifelnd monologisierenden Macbeth des Ulrich Matthes am DT am nächsten) und geht dann vom Toten-Albtraum im Bett über zum fahrigen Schattenfechten gegen mehrere unsichtbare Richmonds. Kokettiert hier etwa einer auch mit dem Fluch der eigenen Popularität? So what. A Horse is a Horse, und nie da wo man es braucht. Ein Tisch tut es auch. Zur Erklärung des Bösen kann man wie immer einiges im Programmheft lesen. Von Auszügen aus Machiavellis Fürst, über Macht- und Gewaltkalkül nach Philipp Reemtsma bis zur Psychologie der Figur Richards nach Sigmund Freud. Letztendlich ist das alles aber nur unnützer, theoretischer Ballast für einen dann im wahrsten Sinne des Wortes gut abgehangenen Titelhelden.

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Richard III_Lars Eidinger_Schaubühne

Lars Eidinger ist Richard III. – Foto: St. B.

Richard III. (30.03.2015)
von William Shakespeare
Übersetzung und Fassung von Marius von Mayenburg
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Florence von Gerkan
Musik: Nils Ostendorf
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Mit: Lars Eidinger, Moritz Gottwald, Eva Meckbach, Jenny König, Sebastian Schwarz, Robert Beyer, Thomas Bading, Christoph Gawenda, Laurenz Laufenberg, am Schlagzeug: Thomas Witte

Dauer: 2 Stunden 35 Minuten, keine Pause

Premiere war am 07.02.2015 an der Schaubühne am Lehniner Platz

Termine: 06.04., 07.04., 01.-05.04, 08.05., 09.05., 30.05. und 31.05.2015

Infos: www.schaubuehne.de

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Shakespeare-Tage in Berlin. Teil 1 – Stefan Pucher inszeniert einen zwittriges „Was ihr wollt“ am Deutschen Theater Berlin

Dienstag, März 3rd, 2015

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Was ihr wollt - Foto: DT-Schaukasten

Was ihr wollt
Foto: DT-Schaukasten

Das Illyrien in Shakespeares Komödie Was ihr wollt ist ein Traumort, der wahr ist und gleichzeitig nicht. Hier scheint zunächst alles möglich. Es wird unabhängig von sozialer Stellung, Geschlecht und sexueller Ausrichtung begehrt und geliebt. Als zusätzlich identitätsverwirrendes Wesen erscheint die an den Gestaden des Eilands gestrandete Viola als androgynes Wesen Cesario in der Kleidung eines Mannes und dem Aussehen eines Knaben, oder irgendetwas dazwischen. Sie wirbt in Diensten des Liebes- und Lebensmelancholikers Herzog Orsino um die Gunst der schönen, aber um ihren toten Bruder trauernden Gräfin Olivia. In den scheinbaren Knaben verliebt sich nun die unnahbare Gräfin, während das Mädchen im Knaben den unerreichbar scheinenden Orsino begehrt. Das alles hat Shakespeare mit viel Wortwitz und einer deftigen Nebenhandlung mit sangesfreudigen Saufgelagen nach Art der Twelfth Night sowie jeder Menge Spaß, Hoffart, Neid und Intrige am Hofe Olivias gewürzt. Eine dark comedy mit frivolen wie politischen Anspielungen, die heute kaum noch verständlich sind und daher einer klugen Übersetzung bedürfen.

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Einer, der das anerkannter Weise sehr gut beherrschte, war der Dichter, Dramatiker und Filmregisseur Thomas Brasch, der gerade im Februar seinen 70. Geburtstag gefeiert hätte, wenn er nicht viel zu früh gestorben wäre. Am Deutschen Theater Berlin verwendet Regisseur Stefan Pucher nun eine Neuübersetzung von Jens Roselt, die recht modern klingt und Shakespeares Blankvers immer wieder auflöst, mit ihm spielt und dem deutschen Text zu derben Späßen auch recht explizite Worte gönnt. Auch wird hier nicht nur das Spiel mit den Identitäten betont. Um wie immer auch Kritik an der Spaßgesellschaft („Wer gut drauf ist, hat was zu lachen, wie’s weitergeht, ist einerlei.“), TV-Shows und dem eitlen Theaterbetrieb selbst zu üben, lässt Pucher die Darsteller auch mal aus der Rolle fallen und diese in ihrer momentanen Lage lässig reflektieren. Man gibt sich modern mit dem Bühnenbild von Barbara Ehnes und der Live-Musik von Masha Qrella und Michael Mühlhaus, lächerlich bis mondän in den Kostümen von Annabelle Witt, ergänzt durch fantastische Videofilmchen, die wie immer Chris Kondek über die Bühnenrückwand flimmern lässt.

Puchers Illyrien scheint es noch nicht an Land geschafft zu haben oder sich bereits wieder im Untergang zu befinden. Ein sagenhaftes Unterwasserreich mit U-Booten, zwittrigen Seepferdchen und umherirrenden Spermien. Um die Sehnsucht und Ambivalenz aller Protagonisten zum Ausdruck zu bringen, legt Pucher immer wieder die Betonung auf Sätze wie: „Ich wünschte, Sie wären so, wie ich sie haben will.“ oder „Ich bin nicht, was ich spiele.“ Verstärkt wird diese Zerrissenheit durch die stark aufspielende Katharina Marie Schubert im weinroten Kurzhosenanzug, die als Viola/Cesario zuweilen betont schizophren mit sich selbst im Zwiegespräch steht. Sie gibt auch den verschollen geglaubten Zwillingsbruder Sebastian, der die Verwirrtheit der Figuren ins Aberwitzige steigert, als er auch noch am Hofe Olivias auftaucht. Als seemännische Begleiter der beiden Schiffbrüchigen fungieren mit Susanne Wolff und Andreas Döhler ausgerechnet die Darsteller des nicht zueinander kommenden Illyrier-Paars Olivia und Orsino. Pucher will also schon in den Rollenverteilungen mit unseren Wahrnehmungen spielen.

Was ihr wollt

Was ihr wollt
Foto: DT-Schaukasten

Das Problem der Inszenierung liegt aber gerade in der Zusammenführung der unterschiedlichen Handlungsebenen. Da sind einerseits die verkopften Intellektuellen Orsino und Olivia, wobei Andreas Döhler schon zu Beginn den melancholisch verhuschten Philosophen im asiatischen Morgenmantel gibt, ansonsten aber seinen gelangweilten Herzog meist zur Seite weg nuschelt. Wogegen Susanne Wolff erst im elisabethanischen Blütendruckgewand die Unnahbare spielt und dann im Glitzerkimono etwas Verruchtheit verströmt. Fürs frivol Grobe sind wie immer der versoffene Sir Toby Rülps und sein trotteliges Anhängsel Ritter Andrew Backenfahl zuständig, die bei Christoph Franken und Bernd Moss gemeinsam den Gipfel der Vergnüglichkeit erklimmen, inklusive Blowjob. Ihnen steht Anita Vulesica als nöliges Blondchen Maria zur Seite. Die feuchtfröhliche Partyblase lässt keine Zote aus. „Humor, wenn es dich gibt, bring mich in Stimmung.“ Aber da hilft auch kein Lachgummi mehr. Zumal Margit Bendokat als Narr Feste, ein einziges Understatement in Sachen Humor, mit lauter Zaunpfählen winken und als Oskar-Matzerat-Double auch noch Blechtrommeln muss. Verschenkt.

Nur mäßig witzig chargiert sich das exquisit besetzte DT-Ensemble haarscharf am Rande von Krawall und Remmidemmi durch die Inszenierung. Das ruft dann natürlich die Sittenpolizei und Spaßbremse Malvolio auf den Plan. Entsprechend hochnäsig und herablassend geriert sich Wolfram Koch als Haushofmeister der Spießigkeit und schlechten Laune. Bis auch er seine Slapstickeinlage mit dem am Fuß angeklebten getürkten Brief der „Kammerschnalle“ Maria bekommt, bevor der dauergrinsende Schwätzer nach seinem Auftritt in gelb-schwarz getapten Strumpfhosen komplett gebondaged zum Schweigen gebracht wird. Nicht ohne eine Wiederkehr, bei der der Gedemütigte seinen Hass-Monolog des Ungeliebten vor dem Vorhang halten darf. Ob nun als moralinsaurer Puritaner oder Puerto-Ricaner ist dabei einerlei.

„This is not a Love-Song.” Shakespeares Happy End ist ja bekanntlich auch ein eher faules. Das hat selbst Stefan Pucher erkannt und holt das Stück wieder da ab, wo es andere zu oft schon liegen gelassen haben. Im Video wird die optische Täuschung des Zwitterwesens Sebastian/Viola noch mittels Verdoppelung und Überblendung verdeutlicht. Zum Schluss treten dann alle in Gender-Switchshirts an die Rampe, damit auch jeder versteht, worum es geht. Nichts ist, wie es ist, oder was ihr wollt, oder so ähnlich. Das ist Puchers Mahnung, die bei aller Liebe doch selbst irgendwie leicht lust-verklemmt wirkt. Wir sehen weder einen originalen Shakespeare noch einen richtigen Pucher, sondern ein eher unentschlossenes Zwitterwesen, wie es dem Regisseur so vielleicht doch nicht vorgeschwebt haben dürfte. Seine grandiose Münchner Sturm-Inszenierung von 2007 erreicht Stefan Pucher mit diesem lauen Lüftchen am DT nicht mal in Ansätzen.

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Für April hat nun das DT sogar Shakespeare Tage angesagt. Bis dahin versuchen sich noch das ewige Regietalent Tilmann Köhler an einer Neuinszenierung der blutrüstigen Tragödie des Macbeth mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle und Nachwuchshoffnung Christopher Rüping an der großen Liebestragödie von Romeo und Julia. Man darf gespannt sein, ob da mehr Wumms hinter ist.

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Was ihr wollt
Von William Shakespeare
In einer Übersetzung von Jens Roselt
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Chris Kondek, Phillip Hohenwarter, Dramaturgie: Juliane Koepp
Mit: Margit Bendokat, Andreas Döhler, Christoph Franken, Wolfram Koch, Bernd Moss, Katharina Marie Schubert, Anita Vulesica und Susanne Wolff

Termine: 06., 14., 15., 26.02.,03., 12., 26.04.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 01.03.2015 auf Kultura-Extra.

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Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

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Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

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Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

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Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

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Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 5): WIE ES EUCH GEFÄLLT beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex und im Amphitheater am Monbijoupark.

Samstag, August 16th, 2014

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SHAKESPEARE und PARTNER spielen in der Klosterruine am Alex  Wie es euch gefällt als verdrehte Genderverwirrung

Nachdem SHAKESPEARE und PARTNER Ende Juli das Sommertheater am Alex mit der Komödie der Irrungen eröffneten, hatte nunmehr Wie es euch gefällt in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche Premiere. Shakespeares Komödie aus dem Jahre 1600 liegt der kurz zuvor erschienene Roman Rosalinde von Thomas Lodge zugrunde. Aus diesen und noch anderen ungeklärten urheberechtlichen Problemen fand das Stück erst 1623 Einzug in den Kanon der Werke Shakespeares. Was dem Erfolg dieser Liebeskomödie über die Jahrhunderte keinen Abbruch tat. Ähnlich wie in der ein Jahr später entstandenen Komödie Was ihr wollt spielt Shakespeare hier lustvoll mit den Gefühlen und Geschlechter-Identitäten seiner Protagonisten.

Shakespeare und Partner-Sommertheater am Alex

(c) SHAKESPEARE und PARTNER

Bei der Geschlechter-Verkehrung in der gewohnten Rollenausrichtung haben SHAKESPEARE und PARTNER natürlich auch so ihre Erfahrungen. Den großen Spaß an den Liebesverwirrungen versucht man hier noch dadurch zu steigern, dass die Frauenrollen von den Männern und die männlichen Parts von den Frauen des Ensembles gespielt werden. Dass das von besonderem Witz sein kann, hat vor ein paar Jahren bereits Katharina Thalbach bewiesen, als sie alle Rollen im Stück mit Schauspielerinnen besetzte und damit die Tradition der Darstellung in England zu Zeiten Shakespeares einfach umdrehte.

Die Geschichte um zwei verfeindeter Herzöge, in der Liebe und Hass, Zuneigung und Verrat dicht beieinander liegen, soll in der Inszenierung von Andreas Erfurth nun also zu einem ganz speziellen Bühnenvergnügen werden. Die Mauern der alten Klosterruine bieten dafür die beste Kulisse. Dabei wird auf einem kleinen Podest wie schon bei den Irrungen ohne aufwendiges Bühnenbild gespielt. Den Ort gibt Shakespeare auch nicht näher an. Wir befinden uns zunächst am Hofe des Herzogs Frederick, einem finsteren Usurpators, der seinen Bruder Herzog Ferdinand in den Ardenner Wald verbannt hat. Der Witz dabei ist, dass Regine Gisbertz (neu im Ensemble) beide Parts übernommen hat und dies mit ausgesprochen großem Talent zur schnellen Wandlung meistert.

Wir begegnen aber noch einem anderen sich feindlich gesinntem Bruderpaar. Der älteste Sohn des verstorbenen Sir Rowland de Boys, Oliver (ein weiteres Mal die vielbeschäftigte Regine Gisbertz) hat den jüngsten Sohn Orlando (Jillian Anthony) ebenfalls um das Erbe des Vaters gebracht. Der mittlere Sohn Jakob ist aus Gründen der Übersichtlichkeit gestrichen. Oliver sinnt seinem recht ungestümen jüngeren Bruder nach dem Leben und hetzt ihn in einen Kampf mit dem hünenhaften Ringer Charles (Rike Joinig als finsterer Huckepack-Wrestler im Kapuzenmantel), den Orlando aber wider Erwarten aus den Stiefeln haut. Das imponiert den beiden höfischen Grazien und Cousinen Rosalind und Celia dermaßen, dass sich Rosalind, Tochter des verbannten Herzogs Ferdinand, Hals über Kopf in den jungen Recken verliebt. Nachdem Herzog Frederick, Vater der Celia, Orlando und die Tochter des alten Widersachers jeweils nacheinander ebenfalls in den finsteren Wald verbannt, beginnt das lustige Bäumchen-wechsle-dich-Spiel mit den verliebten Paaren und Geschlechtern zauberhafte Blüten zu schlagen.

Die Klosterrruine am Alex Foto: St. B.

Die Klosterrruine am Alex
Foto: St. B.

Die Cousinen folgen nämlich Orlando, ohne zunächst von ihm zu wissen, in den Ardenner Wald. In der Rolle der Rosalind erleben wir den Schauspieler Saro Emrize, der nun aus seiner Frauenrolle in die Rolle einer Frau, die einen Mann spielen muss, switcht und sich kurzer Hand MC Ganymed nennt. Alles klar? Kai Frederic Schrickel als Celia darf sein Bühnengeschlecht und Röckchen behalten und bekommt als AlienA nur eine lustige Sonnenbrille und einen Rollkoffer als Touri-Verkleidung. Girls Just Want to Have Fun nach Cindy Lauper, und so begegnen die beiden getürmten großstädtischen Girlies im Ardenner Wald, der, mangels echter Bäume, mit ein paar Luftballons gekennzeichnet ist, noch weiteren schrägen Gestalten. Eine davon haben sie höchstselbst mitgebracht, den Hofnarren Grapschtein (auch Touchstone oder schlicht zu deutsch: „Probierstein“). Rike Joinig gibt den Witzkerl gerufenen Spaßvogel, der nicht auf den Mund gefallen ist, ganz szenemäßig mit bunter Punkfrisur.

Musik spielt neben Liebeslust und -frust in Shakespeares Komödie ebenfalls eine nicht unerhebliche Rolle. Vor allem die bereits im Walde befindlichen Protagonisten, die es sich hier fern der Zivilisation in ihrer kleinen, netten Weltflucht bequem gemacht haben, geben einiges zum Besten. So der gute Herzog Ferdinand als John-Lennon-Verschnitt zur Gitarre. Seine Gefühlswallungen muss er sich in einem Zuber mit Eiswürfeln wieder runterkühlen. Der melancholische Edelmann Jaques (Dierk Prawdzik hier als Zwitterwesen Jacky) singt „In einem Kühlen Grunde“ oder gibt auch mal Elvis the Pelvis. Er streut immer wieder Tiefsinniges z.B. zu den 7 Mannesaltern ein und philosophiert übers Reifen und Rotten mit einer Biogurke in der Hand. Von Jacky kommt auch das Motto des Abend: „Alle Welt ist nichts als Bühne.“ Männer und Frauen sind für ihn bloße Spieler mit mehr als einer Rolle. Was hier auch trefflich vorgeführt wird.

Schon Shakespeare machte sich mit seinem Stück über die vorherrschende Verklärung der Natur als Schäferidyll weidlich lustig. Und auch in der Klosterruine ist der Ardenner Wald voller wunderlicher Randexistenzen und verliebter Trottel wie Schäfer Silvius (Rike Joinig als depperter Müllsammler) und Bauerntölpel Wilhelm (Jillian Anthony) sowie liebreizender Waldfeen, die da Phoebe und Traute heißen (beide Sebastian Bischoff). Und nun wird heftig über Kreuz begehrt, dass es selbst den Narren graust. Das eigentlich füreinander bestimmte Traumpaar Rosalind und Orlando macht sich dabei zusätzlich noch mit einem Spiel das Leben schwer. Zur Klärung der Frage: „Ist Liebe heilbar?“ muss der verhinderte Graffiti-Künstler (I spray for you) und „Blankversmetzger“ Orlando wiederholt bei Ganymed um die Liebe seiner Angebeteten werben. Was letztlich beide in einige Gefühlsverwirrungen stürzt. Liebe säuseln die Blätter oder Listen to Shakespeare.

Wie es euch gefällt von Shakespeare und Partner Foto: St. B.

Wie es euch gefällt von Shakespeare und Partner – Foto: St. B.

Dass bei diesem wirren Gewusel doch noch jeder Topf seinen Deckel bekommt, grenzt an ein Wunder, sogar der böse Bruder Oliver entdeckt schließlich sein Herz für Cilia, was einer wundersamen Wendung der Geschichte mit einem Löwen und einer Schlange zu danken ist. Das Ganze führt in eins der typisch ausufernden Shakespeare-Happy-Ends mit Vierfach-Hochzeit. An diesem Abend wird natürlich auch ungeniert die Lizenz zum Blödeln ausgeben. Und dafür ist bekanntlich kein Kalauer zu flach. Aus Orlando wird schon mal Zalando, und der obligatorische Griff in den Schritt darf auch nicht fehlen. So schließt das Stück dann ganz passend mit dem weisen, für Männer wie Frauen gleichlautenden Ratschlag des Epilogs: Wie es euch gefällt.

Zu bemerken wäre noch, dass Musikerin Bettina Koch selbstgehäkelte Conchita-Wurst-Bärte zum Verkauf anbot, die, merkwürdiger Weise, leider nur beim weiblichen Publikum reißenden Absatz fanden. Da muss man wohl noch einiges an Überzeugungsarbeit bei der holden Männlichkeit leisten.

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Das Hexenkessel Hoftheater spielt Shakespeares Wie es euch gefällt als lustige Aussteigerkomödie im Leiterwald des Amphitheaters am Monbijoupark.

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(c) www.monbijou-theater.de

Bereits am 6. Juni feierte Wie es euch gefällt seine Premiere auch im Amphitheater am Monbijoupark. Das Hexenkessel-Hoftheater beschenkte sich und das wie in jedem Jahr lange Schlangen bildende Berliner Publikum zum 20jährigen Bestehen mit Shakespeares Liebeskomödie. Und auch diesmal drehen die Darsteller in gewohnter Manier auf und auch streckenweise mal durch. Man kann sich hier nie ganz sicher sein. Der Überraschungsfaktor ist etwas, was im Hexenkessel immer wieder eine große Rolle spielt. Ein Funke der zündet, auch wenn des Narren Lehrbuch mal nicht wie geplant Feuer und Flamme schlägt.

Beginnt es im Amphitheater am Monbijoupark zunächst noch ganz ähnlich wie in der Klosterruine am Alex, bekommt die Story um die liebesirren Paare im Ardenner Wald bald eine ganz andere Wendung. Nachdem Orlando (Michael Schwager) den eher schmächtigen im auswattierten Muskelsuite angetretenen Ringer Charles (Ina Gercke) auf die Bretter geschickt hat, verschwindet er gefolgt von den Cousinen Rosalind (Rebekka Köbernick) und Celia (Roger Jahnke betörend im Fummel) im Ardenner Wald, der hier aus einem Gewirr aus langen und kürzeren Stehleitern besteht, auf denen es sich wunderbar herumklettern und wohl gereimte Liebeslyrik annageln lässt.

Wie es euch gefällt. Verloren im Leiterwald des Amphitheater - Foto: St. B.

Wie es euch gefällt. Verloren im Leiterwald des Hexenkessel-Amphitheaters – Foto: St. B.

Auf dem Holzweg befindet sich die Gruppe der Verbannten aber dennoch nicht, obwohl ihnen nun auf Schritt und Tritt merkwürdige Waldbewohner begegnen, wobei wieder der schnelle Rollen- und Kostümwechsel gefragt ist. Das Personal ist hier leicht verändert, und dem verbannten Herzog im ba-rockigem Jägeroutfit (Matthias Horn, auch als Herzog Frederick und wollbärtiger Schäfer Corinn in Aktion) sind ein paar Bedienstete gegönnt worden. Amiens (Tobias Schulze,auch alsOliver und trottelig verliebter Schäfer Silvius) schwebt wie ein verspätetes Blumenkind von Leitersprosse zu Leitersprosse und sammelt mit Freuden die Früchte des Waldes wie Beeren und Pilze, von den eifrig genascht wird. Der arme Forster (Regine Zimmermann,auch alsSchäferin Phöbe) trägt den gesamten Hofstaat in Form von Tischtuch und Tafelzeug immer wieder auf und ab.

Das lustige Jäger- und Sammlerleben der drei mehr oder minder freiwilligen Aussteiger wird auch hier vom Melancholiker Jaques komplettiert, dem der vom BE zur Truppe gestoßene Roman Kanonik massiges Aussehen und Wucht verleiht. Ganz in Schwarz wirkt er eher wie ein existentialistischer Künstlerverschnitt. Das Philosophieren über die Rollenspiele des Lebens und die Existenz des Hungerkünstlers wird dann auch eher zum groß angelegten Wut-Monolog als feinsinnig ironischem Geplauder. Die Sinnlosigkeit seines Daseins einsehend, begibt sich Jaques bereitwillig beim Narren Prüfstein in die Lehre, was den guten Wortwitz und so manchen Kalauer befördert. Wieder eine Paraderolle für Publikumsliebling Vlad Chiriac, der mit seinem Schüler Kanonik aber starke Konkurrenz bekommen hat. Ein Duo Infernale als große komödiantische Bereicherung des Hexenkesselhoftheaters.

Wie es euch gefällt im Monbijoutheater Foto: St. B.

Wie es euch gefällt im Monbijoutheater – Foto: St. B.

Hauptpersonen der Komödie sind aber immer noch das Dreigestirn Rosalind, Orlando und Celia, die sich hier in ihr Spiel um Liebesfragen verstricken, necken und irgendwann nicht mehr ein- und aus wissen. Die Frage nach der Liebe auf den ersten Blick wird dabei ganz offensichtlich mit einem feinen Klingeln und glänzend großen Augen der Protagonisten beantwortet. Das dies nun zum Vergnügen des Publikums mehrmals am Abend geschieht, erhöht natürlich nur die Verwirrung und Pein der liebestollen Waldbewohner. Aber die Erlösung ist nah, und auch im Hexenkessel des Amphitheaters bekommt am Ende jeder was er will und wie es ihm gefällt.

Die Komödienmaschine des Hexenkessels läuft mittlerweile gut geschmiert, die Pointen und Zoten sitzen treffsicher, was aber dem Spiel der Truppe im Laufe der Zeit kaum etwas von seiner Originalität und Ursprünglichkeit genommen hat. Die Truppe hat zum Jubiläum noch eine Neuaufnahme des Shakespeare-Klassikers Ein Sommernachtstraum und mit La Mandragola eine Komödie des florentinischen Staatsphilosophen und Dichters Niccolò Machiavelli im Programm.

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WIE ES EUCH GEFÄLLT
von William Shakespeare
in der Klosterruine am Alex
Übersetzung: Frank-Patrick Steckel
Regie: Andreas Erfurth
Ausstattung: Ulrike Eisenreich
Piano: Bettina Koch

Mit: Jillian Anthony, Regina Gisbertz, Rike Joeinig, Sebastian Bischoff, Saro Emirze, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel.

Dauer: ca. 140 Min. (inkl. 1 Pause)
Premiere war am 6. August 2014
in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche
Klosterstraße 73 a, 10179 Berlin-Mitte.
U-Bhf. Klosterstraße oder S-Bhf. Alexanderplatz

Weitere Termine:
noch mal am 16. und 17.08. in der Klosterruine am Alex
13.08. bei den Burgfestspielen Dreieichenhain in Dreieich/Hessen
26.-29.08. im Schirrhof Potsdam

Infos: http://www.shakespeareundpartner.de/stuecke/wie-es-euch-gefaellt/

Zuerst erschienen am 08.08.14 auf Kultur-Extra.


WIE ES EUCH GEFÄLLT
nach William Shakespeare
im Amphitheater am Monbijoupark
Textfassung: Carsten Golbeck
Regie: Sarah Kohrs
Text: Carsten Golbeck
Bühne: David Regehr, Halina Kratochwil
Kostüme: Halina Kratochwil
Musik: Jaques Moore
Maske: Nora Krätzer, Nina Dell
Licht: Henning Streck

Mit: Rebekka Köbernick, Michael Schwager, Benjamin Bieber, Vlad Chiriac, Roman Kanonik, Matthias Horn, Carsta Zimmermann, Tobias Schulze u. Ina Gercke

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.monbijou-theater.de/theater.html

Termine: noch bis 6. Septmber, Di – Sa 19.30 Uhr

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