Archive for the ‘Shakespeare’ Category

Open-Air-Sommer 2014 (Teil 2): Shakespeares „Komödie der Irrungen“ aufgeführt von SHAKESPEARE und PARTNER beim Sommertheater in der Klosterruine am Alex

Freitag, Juli 25th, 2014

___ 

„Wer bin ich?“ ist seit jeher eine der wichtigsten und auch immer wieder verwirrendsten Frage des Menschen. Die Verwechslungskomödie setzt dem meist noch zahlenmäßig einen drauf und vervielfältigt das Identitätsdilemma der Protagonisten durch gottgewollte Doppelgänger oder auch ganz irdische Zwillinge. Wir kennen Sie aus Molières Komödie des Amphitryon (1668), die Heinrich von Kleist inspiriert durch die Lektüre Immanuel Kants 1803 sogar ins tragikomisch Philosophische erhob, und der Komödie der Irrungen (1592) von William Shakespeare, einem zugegebener Maßen seltener gespieltem Frühwerk des englischen Dichters, dessen 450. Geburtstag in diesem Jahr weltweit begangen wird. Beide Stücke gehen jeweils zurück auf eine lateinische Komödie des römischen Dichters Plautus (254 – 184 v. Chr.), der sich wiederum von griechischen Komödiendichtern wie Menander (342/341 – 291/290 v. Chr.) inspirieren ließ. Der Ursprung aller Komödien aber ist wie bei der Tragödie der antike Dionysoskult. Das Genre der Verwechslungskomödie ist demnach fast so alt, wie das Theater selbst.

*

Sommertheater in der Klosterkirche am Alex - Foto: St. B.

Sommertheater in der Klosterkirche am Alex – Foto: St. B.

Mittlerweile beheimatet Berlin mit der Shakespeare Company, Shakespeare im Park und Shakespeare & Partner nicht weniger als drei Open-Air-Theatertruppen, die sich auf den großen elisabethanischen Dichter berufen und auch das Hexenkessel-Amphitheater im Monbijoupark hat so einiges von Shakespeare auf dem Spielplan. Letztmalig in Berlin auf einer Stadttheaterbühne waren die Irrungen übrigens in einer Inszenierung des britischen Regisseurs Martin Duncan 2001 am Maxim Gorki Theater zu sehen, dem Jahr der Gründung von SHAKESPEARE und PARTNER. All das ist neben dem Spaß am Spiel selbst natürlich Grund genug, den unterschätzten Erstling Shakespeares mal wieder aus der Schublade zu holen. Das taten Shakespeare & Partner bereits im Oktober 2012 für das Bürgerhaus in Pullach. Seither gastierte die Truppe mit der Inszenierung des 1970 in Bombay geborenen indischen Regisseurs Kenneth Philip George schon an vielen Bühnen quer durch Deutschland und auch im Ausland, bis sie damit 2013 ihre neue Sommerspielstätte in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche in der Nähe des Alexanderplatzes bezog.

Nachdem im letzten Jahr Molières Amphitryon in der Version des Hexenkessels im Monbijoutheater den Shakespeare-Jüngern noch die Show gestohlen haben dürfte, eröffnete nun am 22. Juli wieder die Komödie der Irrungen ganz optimistisch den diesjährigen Theatersommer am Alex. Das Ensemble spielt dann auch von Anbeginn mit sehr viel Leidenschaft für und mit dem Publikum in der Klosterruine. Selbst der Verkauf der Programmhefte gerät da zu einer kleinen Performance. Fast noch wichtiger ist für das Open-Air-Sommertheater neben dem aufopferungsvollen Spiel ein flotter, gängiger Text. Mit der eher prosaischen Erstübersetzung von Christoph Martin Wieland oder der etwas geschraubten Versfassung von Wolf Graf Baudissin für die Schlegel/Tieck-Ausgabe ist da heute kein Stich mehr beim vergnügungssüchtigen Publikum zu machen. Fast jede Neuinszenierung bedient sich daher moderner Neuübertragungen.

Erstaunlich nur, dass sich das fast ausschließlich aus den alten Bundesländern stammende Ensemble hier für die Übersetzung des unter dem Pseudonym E. S. Lauterbach schreibenden Journalisten Erich Selbmann (1926 – 2006), wenigen vielleicht noch als großes Tier im Rund- und Fernsehfunk der DDR sowie Chefredakteur der Aktuellen Kamera bekannt, entschieden hat. Eine „richtig rote Socke“ also, wie es Schauspieler Kai Frederic Schrickel etwas ironisch in seiner kleinen Einführung zum Stück erwähnt. Selbmanns Übersetzung entstand 1968 für Peter Kupkes Inszenierung am Hans-Otto-Theater Potsdam. Kupke, der mittlerweile z.B. auch wieder am Staatstheater Cottbus inszeniert, nahm die Übersetzung in den 1980er Jahren bei seinem Gang in den Westen mit ans Staatstheater Wiesbaden. Irgendwo da muss sie eines der bereits an etlichen deutschen Stadttheatern engagierten Mitglieder der Truppe jedenfalls aufgeschnappt haben.

Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Komödie der IrrungenFoto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Und der Text E. S. Lauterbachs scheint wie gemacht für das schnelle Spiel der Darsteller. Kein Stelzen oder Holpern, die Worte gehen allen recht flüssig von den Lippen. Die Pointen sitzen zielsicher und sind selbst noch für manch humoristischen Sidegag gut. Der erst 20jährige Shakespeare bewies hier schon ein gutes Gespür für Witz mit Hintersinn und versteckte tagespolitisch aktuelle Seitenhiebe. Soweit geht es bei SHAKESPEARE und PARTNER nicht, man konzentriert sich ganz auf den Spaß der Verwicklungen und Verwirrungen, die zwei sich gänzlich unbekannte Zwillingspaare bei sich selbst und den übrigen Protagonisten auslösen. Auch wenn der Schweizer Schriftsteller Ulrich Bräker 1790 in Etwas über William Shakespeares Schauspiele zu den Irrungen in der Art mäkelte: „Ich bin zwar wohl mit dir zufrieden, großer Dichter, du hast alles harmonisch und zierlich durcheinander gewebt: aber das glaub ich dir in Ewigkeit nicht, daß man auf Gottes Erdboden zwei Menschen finde, die in keinem Stück voneinander zu unterscheiden wären.“, der Plot geht dank seiner Situationskomik und gut getimten Dramaturgie dennoch ganz vorzüglich auf.

So schlägt dann auch pünktlich um 20:00 Uhr die Kirchenglocke der benachbarten Parochialkirche und gibt das Signal für den Auftritt von Kai Frederic Schrickel, der neben Solinus, Herzog von Ephesus, auch noch den Kaufmann Ägeon von Syracus gibt, der sich den landläufigen Gesetzten der Stadt zuwider in Ephesus aufhält und sich an den Rollstuhl gefesselt mangels nötigem Kleingeld nicht von der Verurteilung zum Tode freikaufen kann. Mitleid erheischend erzählt er dem Herzog die Geschichte seiner Zwillingssöhne namens Antipholus, die samt Zwillingsdienerpaar Dromio durch eine Schiffskatastrophe voneinander getrennt wurden. Das Gespann aus Syracus kommt justament im Hafen von Ephesus an, und gerät nun in einen Strudel zufälliger grotesker Situationen, in denen sie für die ihnen nicht bekannten Exemplare gleichen Aussehens Antipholus und Dromio aus Ephesus gehalten werden.

Was für den Herren Antipholus aus S. noch so manchen Reiz ausmachen dürfte – ihm wird ungefragt Schmuck und Geld angetragen, fremde gut aussehende Damen verfluchen und begehren ihn gleichermaßen – ist für den Diener sowohl des einen wie des anderen Herren durchaus von existentieller Not. Neben den Launen der Beiden (abwechselnd verkörpert von Andreas Erfurth) sowie der angedrohten bzw. verabreichten Schläge ergibt sich für sie nicht allzu viel Neues außer einer etwas zu rundlich geratenen Köchin und Weib des Dromio aus E., der sich Dromio aus S. dann doch lieber entziehen würde. Eine Glanzrolle für Sebastian Bischoff, der als Brechts Guter Mensch von Sezuan beim Theatersommer noch in einer weiteren berühmten Doppelrolle zu sehen sein wird. Bischoff hält als doppelt angeschmierter Dromio seine schmalen Schultern hin, kann sich aber Dank bauernschlauer Wesensart aus so mancher kniffligen Situation herausreden und heimst damit natürlich die meisten Sympathiepunkte beim durchweg amüsierten Publikum ein.

Komödie der Irrungen - Foto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Komödie der IrrungenFoto © SHAKESPEARE UND PARTNER

Die Damen sind nicht minder taff. Rike Joeinig als geplagte Ehefrau, des nicht gerade pflegeleichten Gatten Antipholus aus E. und Jillian Anthony (neu im Ensemble) als deren Schwester Luciana und der aufreizenden Kurtisane Adriana mit fulminantem Blondperücken-Aufritt kämpfen tapfer gegen die Geräuschkulisse der angrenzenden Grunerstraße an. Aber wir sind hier schließlich im Live-Open-Air-Theater. Übertriebene Perfektion und Akkuratesse sind da nicht primär gefragt. Man spielt ganz körperbetont auf fast leerer Bühne. Wenige Requisiten und schnelle Kostümwechsel bestimmen das Geschehen. Nach der Pause bessern sich Laut- und Lichtsituation und es kommt noch ein richtig gutes Sommerkomödienfeeling auf, bis sich über Koffer-auf-und-Zu, einige Geldverwicklungen, fälschliche Verhaftungen eines tumben Büttels (Kai Frederic Schrickel) und eines kuriosen Exerzitium des mittlerweile für wahnsinnig erklärten Antipholus von E. (oder doch von S.?) durch einen muskelbepackten blonden Recken (Dierk Prawdzik als Dr. Pinch sowie als Goldschmied und Überraschungs-Äbtissin) alles doch noch zum Guten hin auflöst.

*

Ab 6. August gibt es den nächsten Shakespeare in der Klosterruine am Alex. Mit Wie es euch gefällt in der Übersetzung von Frank-Patrick Steckel begeben sich SHAKESPEARE und PARTNER in den direkten Vergleich zu den anderen Berliner Shakespeare-Ensembles. Und wem es gefällt, kann das dann auch ausgiebig genießen.

***

Komödie der Irrungen
von William Shakespeare
aus dem Englischen von E. S. Lauterbach

Regie: Kenneth Philip George
Kostüme: Ulrike Eisenreich
Bühne: Susanne Füller
Assistenz: Natascha Jeutter

Mit: Rike Joeinig, Jillian Anthony, Sebastian Bischoff, Andreas Erfurth, Dierk Prawdzik und Kai Frederic Schrickel

Dauer: ca. 2 Stunden, eine Pause

Die nächsten Termine: 25. und 26. Juli sowie 29. und 30. Juli 2014, jeweils 20:00 Uhr

weitere Infos: http://www.shakespeareundpartner.de/stuecke/komoedie-der-irrungen/

Zuerst erschienen am 24.07.2014 auf Kultura-Extra.

__________

450 Jahre Shakespeare in München – Hamlet im Deutschen Theatermuseum und Ophelia an den Kammerspielen.

Sonntag, April 27th, 2014

___

Hamlet – Tell My Story! Eine Ausstellung zu William Shakespeares bekanntester Tragödie im Deutschen Theatermuseum München

William Shakespeare (1564-1616) englischer Dichter.Bedeutendster Dramatiker der Weltliteratur

William Shakespeare (1564-1616) englischer Dichter. Bedeutendster Dramatiker der Weltliteratur

Vor 450 Jahren wurde der englische Dichter und Dramatiker William Shakespeare geboren. Wann genau, da streiten sich noch die Gelehrten. Als sicher gilt sein Taufdatum, der 26. April 1564. Allemal Grund genug für ein Shakespeare-Jahr. Nur dass man davon noch nicht allzu viel merkt, gilt Shakespeare doch ehedem landauf, landab als meistgespielter Bühnenautor. Was den Erfolg seiner Stücke ausmacht, ist mit Sicherheit ihr universeller, fast zeitloser Charakter, der in bildreicher Sprache und atmosphärisch aufgeladener Stimmung immer wieder Menschen unterschiedlichster Stellungen, Machtverhältnisse und Charaktere in Beziehung zueinander setzt. Diese unglaubliche Palette an Spiegelungs- und Gestaltungsmöglichkeiten hat das Interesse der Theaterzuschauer wie -macher gleichermaßen nie erkalten lassen. Oder wie es Professor Dr. Wolfgang Clemen, Ordinarius für Anglistik an der Universität München, für das Shakespeare-Jahr 1964 treffend formulierte:

„Sehen wir ein Stück von Shakespeare, so treten wir für Stunden in eine Welt ein, deren eigene Gesetze wir widerspruchslos akzeptieren. Wir unterliegen völlig der Illusion dieses Spiels, von dem wir zwar wissen, daß es ein Spiel ist, das uns aber trotz aller seiner Unwahrscheinlichkeiten durch seine innere Wahrheit unmittelbar berührt.“ (DIE ZEIT v. 17.04.1964)

*

Der wohl bekanntesten Dramengestalt Shakespeares, dem Hamlet, widmet das Deutsche Theatermuseum München noch bis zum 22. Juni sogar eine ganze Ausstellung. Ähnlich wie die Geburt Shakespeares ist auch die Entstehungszeit der Tragödie des dänischen Prinzen nicht endgültig geklärt. Bereits vor 1600 könnte eine Urfassung des Hamlets in London bekannt gewesen sein. Der Stoff geht auf eine mittelalterliche nordische Erzählung zurück. Mit eingeflossen sein könnten auch antike griechische und römische Sagenstoffe sowie italienische und spanische Rachetragödien aus der Zeit der Renaissance. Die um etwa 1601 bis 1603 von Shakespeare geschriebene endgültige Fassung der tragischen Geschichte des Hamlet, Prinz von Dänemark ist aber mit Sicherheit neben Romeo und Julia das wohl berühmteste Drama des Dichters. Dass man dem Hamlet im Frankreich des 18. Jahrhunderts auch mal ein Happy End andichtete, trug nur zur weiteren Popularität des Stückes auf dem europäischen Kontinent bei.

Erstmals 1762-66 von Christoph Martin Wieland ins Deutsche übertragen, setzte Shakespeares Hamlet spätestens in der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel (ab 1797) zu seinem Siegeszug in Deutschland an und ist neben den Werken von Goethe und Schiller aus den Schulbüchern und von den deutschsprachigen Bühnen nicht mehr wegzudenken. Befragt man etwa wahllos Passanten, wie es Münchner Studenten der Theaterwissenschaften für ein Shakespeare-Seminars auf dem Odeonsplatz unweit des Deutschen Theatermuseums getan haben, wer denn dieser Hamlet wohl sei, dann bekommen doch zumindest die meisten den dänischen Prinzen noch irgendwie mit seinem Autor Shakespeare zusammen. Die Handlung des Stücks in fünf Worte zu fassen, fällt dagegen schon bedeutend schwerer. Erst die Frage nach einem typischen Zitat und der erkennenden Geste zeigt, was sich vom Hamlet ins Gedächtnis der Deutschen tatsächlich eingebrannt hat. Auch wenn beides nicht unmittelbar zusammengehört, eindeutiges Erkennungsmerkmal des großen Zauderers sind der versonnene Blick, gerichtet auf den Schädel Yoricks und die Anfangsworte des wohl bekanntesten Theatermonologs „Sein oder Nichtsein…“.

Hamlet_Theatermuseum München4

Foto: St. B.

Ganze 13.700.000 Treffer erzielt man beim Googeln des Namens Hamlet. Das Internet bietet mit Sicherheit einiges an Wissen. Jedoch wird die Vielzahl der Angebote den Suchenden auch immer verwirren. Mit Hamlet – Tell My Story versuchen nun die Kuratoren dieser detailreichen und dennoch übersichtlich gestalteten Ausstellung dem interessierten Theaterliebhaber Handlung und Rezeptionsgeschichte der Shakespeare’schen Tragödie wieder etwas näher zu bringen. Man kann natürlich die umfangreiche Story, wie humorvolle junge Comicautoren, in wenigen Szenenbildern mit kurzen Sprechblasen zusammenfassen. Die Ausstellung bedient sich dann auch einiger richtungsweisender Schlagworte aus dem Stück, um den Handlungsverlauf thematisch gegliedert wiederzugeben. In Bild und Texttafeln zu Zitaten wie „Dem Sohn mehr Onkel als dem Neffen Vater“ über „Die Zeit ist aus den Fugen“, „Das Schauspiel ist die Zange“ oder „Jetzt könnt ich’s tun“ bis zu „Der Rest ist Schweigen“ erfährt man dann aber einiges mehr über die Isolation des jungen Prinzen in der Gesellschaft des dänischen Königshofs, den Rache-Auftrag, den Hamlet vom Geist des Vater erhält, dem Stück im Stück (Die Mausefalle), das den Vatermörder Claudius entlarven soll und natürlich psychologische Deutungsversuche wie Freuds Ödipus-Theorie implizierte. In den acht großen Monologen des Hamlet, die hier zusammengefasst sind, stecken viel Symbolik, Philosophisches wie auch Überlegungen zu Macht und Politik.

Neben der Aufführungsgeschichte der Tragödie, dem deutschen Theater, der Bühnenraumgestaltung und den verschiedenen Interpretationen durch die Epochen hindurch interessieren natürlich am meisten die Figur des Hamlets selbst wie auch ihre Besetzung. Traum- und Angstrolle jedes großen Mimen. Und hier ist die Riege der deutschsprachigen Darsteller lang und prominent besetzt. Eine Bildergalerie zeigt bekannte Schauspieler und natürlich auch Schauspielerinnen – die Rolle weiblich zu besetzen, ist durchaus kein Regieeinfall der Neuzeit – in Kostüm und Rollenpose. Hier sind vor allem zu erwähnen Josef Kainz, Sarah Bernhardt, Alexander Moissi, Adele Sandrock, Fritz Kortner, Gustaf Gründgens, Maximilian Schell, Bernhardt Minetti, Will Quadflieg, Klaus Kinski, Bruno Ganz, Ulrich Wildgruber, Klaus Maria Brandauer, Ulrich Mühe, Angela Winkler, Ulrich Tukur, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff, Alexander Khuon oder Lars Eidinger etc. etc. etc. Ob jung oder alt, klein oder groß, schlank oder korpulent, Mann oder Frau, schneidig oder weinerlich, warm oder schrill. Ein Hamlet in all seinen Facetten.

Sarah Bernhardt als Hamlet, 1899 - Foto (c) Deutsches Theatermuseum

Sarah Bernhardt als Hamlet, 1899 – Foto (c) Deutsches Theatermuseum

Einige der Genannten ließ der Hamlet ein Leben lang nicht mehr los. So versuchten sich z.B. Gustav Gründgens und Maximilian Schell nicht nur als Darsteller, sondern auch mehr oder minder erfolgreich in der Regie des Stücks. Die Zahl der Regisseure ist seit Beginn des Regietheater im 20. Jahrhundert mindestens ebenso lang. Die Ausstellung wartet natürlich mit einer Vorstellung der denkwürdigsten Aufführungen auf. Ein Begleitband dokumentiert die wichtigsten Inszenierungen, zu denen sicher die von Gründgens und Schell zu rechnen sind. Als revolutionär für ihre Zeit gelten aber immer noch die von Leopold Jessner aus dem Jahr 1926 (mit Fritz Kortner in der Hauptrolle) und Peter Zadeks erste Inszenierung des Hamlet 1977 (mit Ulrich Wildgruber). 1999 spielte Zadek mit fast dem gleichen Ensemble das Stück noch einmal, diesmal mit Angela Winkler in der Rolle des Dänenprinzen. Die Züricher Inszenierung in Koproduktion mit den Wiener Festwochen gastierte an der Berliner Schaubühne und war auch zum Theatertreffen 2000 eingeladen.

Da hier vor allem der Hamlet auf dem deutschen Theater behandelt wird, wirft das irgendwann auch die Frage nach der Übersetzung auf. Im ersten Stock bietet das Theatermuseum dann auch einen eingehenden Blick in die Übersetzerwerkstatt. Neben den schon erwähnten Wieland und Schlegel haben den Hamlet in der Neuzeit auch Schriftsteller und Dramatiker wie Gerhart Hauptmann und  Erich Fried oder (in der ehemaligen DDR) Maik Hamburger für die legendäre Greifswalder Inszenierung von Adolf Dresen 1964 mit Jürgen Holtz als Hamlet oder Heiner Müller für seine Wende-Inszenierung 1990 mit Ulrich Mühe am Deutschen Theater Berlin. Unterschiede im Stil der Übersetzer, die der schwer romantisierenden Verssprache von Schlegels Übertragung ein gebräuchliches Deutsch entgegenstellen wollten, werden exemplarisch am Beispiel des „Sein oder Nichtsein“-Monologs verdeutlicht.

„Deutschland ist Hamlet.“ verkündete 1844 der enttäuschte Dichter Ferdinand Freiligrath im biederen deutschen Vormärz. Der Satz prangt ganz oben an einer Wand im 3. Obergeschoss der Ausstellung, die mit weiteren Pressezitaten aus Politik, Sport und Boulevard geschmückt ist. Die Rezeption der Hamlet-Figur in Deutschland ist heute vielgestaltig. Hamlet ist als Pop- und Identifikationsfigur zum Mythos geworden. Seine Sätze dienen den Deutschen nur mehr als Zitatsteinbruch. Das geht sogar soweit, dass Name und Story für bestimmte Produkte wie Schuhe, Zigaretten, Schnaps, Parfüm oder sogar Haushaltsreiniger herhalten müssen. Der Mythos hat Einzug gehalten in Kochbücher, Comics, Videospiele und eine Vielzahl von Literatur- und Filmadaptionen hervorgerufen. In einer Regalwand stehen sie aufgereiht wie in einem theatralen Devotionalienschrein.

Aufforderung des Deutschen Theatermuseums: Foto: St. B.

Foto: St. B.

Aufforderung des Deutschen Theatermuseums:

Hamlet spielen!

  • Knopf drücken
  • Auftritt in 20 Sekunden
  • Einen Schädel nehmen
  • Das Licht geht aus…

Ihr Auftritt

Bevor der Besucher sich dann endlich auf einer Bretter-Bühne, die die ganze Welt bedeutet, selbst einen Glitzerschädel greifen kann, um im Karaoke-Stil über Sinn und Unsinn des Lebens zu sinnieren, flimmern vor seinen Augen noch einmal die großen Stars und Sternchen aus Film und Fernsehunterhaltung wie Asta Nielsen, Charly Chaplin, Laurence Olivier, Mel Gibson, Angela Winkler und deklamieren noch einmal den großen Hamlet-Monolog. Die britische Komikertruppe Monty Python legte Hamlet einfach auf die Couch, die Besatzung des Raumschiffs Enterprise war auf der Suche nach dem „unentdeckten Land“ und der Schauspieler Patrick Stewart, Nachfolge-Captain Picard auf der Enterprise, hält als Gaststar der Sesamstraße ein „B ore not a B“ in seiner Hand. Bei den selbst schon zur Legende gewordenen Trickfilmfiguren der Simpsons gibt Bart den dänischen Rache-Prinzen, und in South Park spielt man einen Canadian Hamlet. „Armer Yorick“, wer könnte da schon widerstehen. „Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht.“ verkündete der britische König Cymbeline angesichts der nahenden Römer. Oder mit Hamlet zu sprechen: „Bereit sein ist alles.“

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Hamlet – Tell My Story
4.4. – 22.6.2014
Gemeinsames  Ausstellungsprojekt des Theatermuseums Düsseldorf
und des Deutschen Theatermuseums München zum Shakespearejahr
Deutsches Theatermuseum München
Galeriestr. 4a (Hofgartenarkaden)

Katalog:
Winrich Meiszies / Claudia Blank
SEIN ODER NICHT SEIN.
Hamlet auf dem deutschen Theater
Henschel Verlag (Leipzig 2014)
18,95 €

weitere Infos: http://www.deutschestheatermuseum.de/

Zuerst erschienen am 26.04.2014 auf Kultura-Extra.

***

Hamlet nacherzählt – OPHELIA nach William Shakespeare von Kristof Van Boven im Werkraum der Münchner Kammerspiele

Die Liste der Shakespeare’schen Dramengestalten ist lang. Viele der Hauptprotagonisten wie Hamlet, Macbeth, König Lear oder Othello sind zudem titelgebend und somit namentlich nach wie vor gegenwärtig. Darüber hinaus haben es noch einige wenige Nebenfiguren als Begleiter (Horatio, Mercutio) oder Antagonisten (Jago) des Helden zu etwas mehr Ansehen gebracht. Relativ bescheiden nimmt sich dagegen der Bekanntheitsgrad der bewusst handelnden Frauenfiguren in Shakespeares Tragödien aus. Nach Julia an der Seite ihres Romeos kommt da erst mal eine ganze Weile nichts, bis wir auf Cleopatra und Cressida stoßen, die auch noch in Stücktiteln verewigt sind, oder den aufbegehrenden Töchtern wie Portia und Cordelia. Zu guter Letzt bleiben noch die einfach nur tragisch und still leidenden Figuren wie Lavinia, Desdemona oder eben Hamlets Ophelia.

Ophelia von John Everett Millais, 1852 (Detail)

Ophelia von John Everett Millais, 1852 (Detail)

Das ist bereits 1838 Heinrich Heine aufgefallen, und in dem Essay Shakespeare’s Mädchen und Frauen sang er, nachdem er den englischen Pietismus gegeißelt hatte, erst dem Dichter selbst und dann dessen Frauenfiguren eine Eloge. Als Inspiration für sein Auftragswerk dienten ihm dazu englische Stahlstiche mit fiktiven Porträts einiger Frauengestalten aus dem Werk Shakespeares. Im 18. und 19. Jahrhundert fanden vermehrt Darstellungen von tragischen Frauenfiguren des Elisabethanischen Dramatikers Eingang in die Bildende Kunst. Am bekanntesten ist da wohl die im Wasser treibende Ophelia des Präraffaeliten John Everett Millais aus dem Jahr 1852, Ausdruck einer romantischen Naturverehrung dieser Künstlergruppe.

In der Zeit der Frauenbefreiung und des Feminismus schlug dann aber zum Beispiel die Schriftstellerin Christine Brückner in ihrem 1983 erschienenen Buch Wenn du geredet hättest, Desdemona. Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen erstmals andere Töne an. Die von ihrem eifersüchtigen Gatten Othello Gemeuchelte hält hier nicht wie angeordnet den Mund, sondern darf noch einmal die letzte Viertelstunde im Schlafgemach des venezianischen Feldherrn aus ihrer Sicht rekapitulieren. Das war den Frauenfiguren im Hamlet bisher nicht vergönnt. Lediglich in dem Theaterstück des britischen Dramatikers Tom Stoppard Rosenkrantz und Güldenstern sind tot (1966) wird das Geschehen aus der Sicht der durch eine Gegenintrige Hamlets ums Leben gekommenen Höflinge auf absurde Weise neu erzählt.

*

Auch unter heutigen Theaterleuten scheint es wieder vermehrt in Mode gekommen zu sein, unterprivilegierten Nebenfiguren aus großen Dramen der Weltliteratur im Nachhinein mehr Augenmerk zu verleihen. Wie man eine vermeintlich schwache weibliche Nebenrolle aus einem bekannten Bühnenklassiker zum Glänzen bringt, hat übrigens die Regisseurin und Autorin Anja Gronau in dem preisgekrönten Theatermonolog Grete (3. Teil ihrer Trilogie der klassischen Mädchen) anhand des Gretchens aus Goethes Faust I unter Beweis gestellt. Weitere Beispiele hierfür sind die Stücke der niederländischen Autorin Lot Vekemans Judas und Ismene, Schwester von, die zurzeit in deutscher Erstaufführung an den Münchner Kammerspielen und dem Deutschen Theater Berlin zu sehen sind. Zwar in ganz unterschiedlicher dramatischer Qualität, jedoch gleichwertig starker Besetzung mit den Bühnenstars Steven Scharf und Susanne Wolff.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

In Ophelia nach Shakespeare, einer Inszenierung des belgischen Schauspielers Kristof Van Boven – wiederum an den Münchner Kammerspielen – ist das Drama um Dänemarks dunklen melancholischen Prinzen Hamlet eigentlich schon gelaufen. Der dabei entstandene Dreck wird zu Beginn symbolisch von zwei Bühnenarbeitern aufgefeudelt. Das anschließende Schweigen zu brechen, ersteht nun ausgerechnet Nebenfigur Ophelia, die eigentlich schon nach der Hälfte des Stücks aus dem Leben scheiden musste, wieder auf. Marie Jung, akkurat im Trenchcoat mit Kurzhaarschnitt und Brille, schaut lange, freundlich bestimmt ins Publikum. In hohem Ton beginnt sie in einer Art Klagegesang von Vatermord und Bruderzwist zu singen. „O Hamlet, du zerspaltest mir mein  Herz.“ ist eigentlich ein Ausspruch von Hamlets Mutter Gertrud, die nach dem Tod von Hamlets Vater dessen Bruder Claudius geehelicht hatte. Es könnte aber auch gut den Gemütszustand Ophelias wiedergeben. Erst umworben, dann für fremde Interessen missbraucht, verraten und schließlich vom Geliebten wieder zurückgewiesen. Die Bitterkeit und Kälte am Hofe von Helsingör haben die junge Frau in den Wahnsinn getrieben.

Nun will Van Boven ihr erneut eine Stimme geben, um das Geschehen noch einmal aus ihrer Sicht aufzurollen. Doch was Marie Jung hier letztendlich tut, kommt leider über ein Nacherzählen von Shakespeares Mord- und Rachegeschichte nicht hinaus. Dazu noch sehr verkürzt, ohne jegliches Einziehen einer eigenen Reflexionsebene. Ziemlich emotionslos, fast wie ein seelenloses Wesen, spult Ophelia die Ereignisse vom ersten Erscheinen des Geistes von Hamlets Vater bis zur entscheidenden, totbringenden Fechtszene zwischen Hamlet und ihrem Bruder Laertes ab. Sie stand dabei stets nur im Hintergrund, auf Anraten von Vater und Bruder ihre eigenen Wünsche und Neigungen zurückstellend. Das scheint dann auch Prinzip dieser Inszenierung zu sein. Und dazu bedient sich Van Boven bekannter Zitate aus Shakespeares Text und lässt Marie Jung lediglich noch in sparsam gestischen Anspielungen agieren.

Es sind eh alles nur „Worte, Worte, Worte“, wie sie selbst betont. „Sein oder nicht sein… Es ist was faul im Staate Dänemark… Mehr Inhalt, weniger Kunst.“Wohl, wohl“. Sehr viel mehr haben uns Ophelia wie auch die Inszenierung nicht zu sagen. Das geht soweit, dass Marie Jung sich in eine kleine Nasszelle zurückzieht, die Wanne einlässt, ein Radio anstellt und sich ein Tuch fest um den Hals schlingt. Irgendwie erinnert das an ein bekanntes Stück ohne Worte, und zwar an Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz. Die junge Frau plagen sichtlich Selbstmordgedanken und die Bee Gees singen dazu „Tragedy“. Das Radio fällt in die Wanne und der Strom für kurze Zeit aus. Nacht ist’s in Helsingör, Rache und Intrigen nehmen ihren Lauf, woran auch Ophelia im Nachhinein nichts ändern wird. Hätt‘ ich doch geschwiegen, ist die einzige Selbstreflexion der Enttäuschten, die nicht über den Verlust ihrer Liebe hinweggekommen ist. Der Rest ist so rätselhaft wie der ganze Hamlet selbst und schlussendlich herrscht wie immer Schweigen. Zum irischen Wild Rover schiebt Marie Jung dann noch ein großes Fabelwesen im Eisbärenpelz nach vorn, an das sie sich sehnsüchtig schmiegt. „Tell my Story“ darf man hier vermutlich auch weiterhin als eine Anweisung, die Geheimnisse des Prinzen betreffend, deuten.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

OPHELIA
nach William Shakespeare
Werkraum Kammerspiele
Premiere war am 3. April 2014
Regie: Kristof Van Boven
Bühne und Kostüme: Sina Barbra Gentsch
Licht: Jürgen Kolb
Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Marie Jung

weitere Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de/spielplan/ophelia/

Literatur:

  • Simone Kindler: Ophelia – Der Wandel vom Frauenbild und Bildmotiv
    Berlin: Reimer Verlag, 2004, 255 Seiten, 49 Euro
  • Heinrich Heine: Shakespeare’s Mädchen und Frauen
    Julia, Ophelia, Lady Macbeth oder Helena – Shakespeare hat ihnen und vielen anderen in seinen Theaterstücken eine Stimme verliehen und sie unvergesslich gemacht. Heinrich Heine, ein großer Bewunderer des englischen Dramatikers, befasst sich mit jeder einzelnen und lässt sie in einem neuen Licht erscheinen. Mit zeitgenössischen Illustrationen der Erstausgabe von 1838 und einem Nachwort von Jan-Christoph Hauschild.
    Hoffmann und Campe Verlag, 2014, 240 Seiten geb. im Schuber, 29,99 Euro

Zuerst erschienen am 26.04.2014 auf Kultura-Extra.

__________

Ungarische Theaterschaffende präsentieren sich auf Berliner Bühnen – Kornél Mundruczó und Csaba Polgár bei „Leaving is not an option?“ im HAU und András Dömötör mit „Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen“ von Marianna Salzmann im Gorki-Studio

Freitag, März 14th, 2014

___

Das Ungarn-Festival „Leaving is not an option?“ mit Theater-Gastspielen im Berliner HAU

Schon seit dem 9. März bevölkern für eine ganze Woche lang ungarische Theater- und Performancekünstler mit ihren Produktionen die drei Spielstätten des Berliner Hebbel am Ufer. Mittels Theater, Tanz, Film und Diskussionen untersuchen sie hier die Optionen von Bleiben oder Emigration aus ihrem gewohnten Lebensumfeld. Die Frage dabei ist vor allem: Wie haben sich die politischen Veränderungen in Ungarn auf ihr künstlerisches Schaffen ausgewirkt, und kann man mit Kunst überhaupt darauf reagieren? Im obersten Geschoss des HAU2 hat die Performance-Gruppe Little Warsaw zur Vernissage ihrer Installation text war pic geladen. Das Künstlerduo lädt noch bis zum 15. März zu Workshops rund um die Frage nach den Mitteln der Kunst zum Zweck der Überzeugung und Agitation. Lassen sich dadurch überhaupt politische Effekte auslösen?

Vor dem Foyer des Theatersaals im 1. OG steht ein Fernsehgerät, in dem in einer Art filmischen Retrospektive Beiträge zu den Projekten des freien Budapester Theater Krétakör (Kreidekreis) um den Regisseur Arpád Schilling laufen. Der umtriebige Ungar ist leider mit keiner neuen Produktion beim Festival vertreten. Dafür sind vor allem im kleineren HAU3 Inszenierungen junger Regisseure und unabhängiger Theatergruppen aus Ungarn zu sehen, die es noch zu entdecken gilt. Bis zum Sonntag kann man hier also täglich auf Tour gehen.

*

Kornél Mundruczó und das Budapester Proton Theatre zeigen im HAU 2  das Stück Dementia, or the Day of My Great Happiness

Dementia, or the Day of My Great Happiness im HAU 2 - Foto: St. B.

Dementia, or the Day of My Great Happiness
im HAU 2 – Foto: St. B.

Der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó ist dagegen in Deutschland, vor allem durch Theaterarbeiten wie Eis nach dem Roman von Wladimir Sorokin oder dem Frankenstein-Projekt, bereits gut bekannt. Eine langjährige Zusammenarbeit verbindet ihn auch mit den Wiener Festwochen, wo er zuletzt 2012 seine Adaption von J. M. Coetzees Roman Schande zeigte. Die Inszenierung lief auch zur Wiedereröffnung des Berliner HAU unter Annemie Vanackere. Nun ist Mondruczó gemeinsam mit dem Budapester Proton Theatre und seiner neuer Produktion Dementia, or the Day of My Great Happiness beim Festival „Leaving is not an option?“ wieder zu Gast in Berlin.

Mit seinen unkonventionellen Methoden verstört und verzaubert Mundruczó das Publikum gleichermaßen. Sein Theater ist vor allem ein Theater der Überforderung. Lust, Albernheit, Gewalt und Pathos kennzeichnen alle seine zum größten Teil international koproduzierten Werke, in denen er aber immer auch Stellung zur aktuellen politischen Lage in Ungarn bezieht. So nun auch in seinem vielgelobten Stück Dementia, das nach Stationen beim Spielartfestival in München und im Festspielhaus Hellerau jetzt im HAU2 zu sehen war.

In einer abgewrackten Demenzstation in Budapest (großartige Bühne von Márton Ágh) ist Tag der offenen Tür, was schon an sich ein Witz ist, sind doch dort die Ausgänge meist versperrt und alarmgesichert. Chefarzt Dr. Szatmáry (Roland Rába) ist sein bester Patient, und nachdem er schnell ein paar Pillen eingeworfen hat, erklärt er ganz Ungarn zur Demenzklinik. Bei der Demenz, so der aufgekratzte Neurologe, wird das Gehirn vom Nichts gefressen. Das sei so wie in Ungarn: „keine Vergangenheit, keine Zukunft“. Der Befund ist zynisch und doppelsinnig zugleich, bedeutet dies doch auch, wer kann, haut ab. Wer dazu nicht mehr in der Lage ist, dämmert hier weiter vor sich hin. Deswegen hat Dr. Szatmáry seinen verbliebenen vier Patienten auch etwas Aufheiterung verordnet, und mit Hilfe seiner rechten Hand, Schwester Dóra (Kata Wéber), die Dementia-Band gegründet.

Dementia, or the Day of My Great Happiness von Kórnel Mundruczó - Foto: Márton ÁGH

Dementia, or the Day of My Great Happiness von Kórnel Mundruczó – Foto: Márton ÁGH

Die therapeutische Wirkung von Musik ist bekanntermaßen erwiesen, und so regen sich beim gemeinsamen Musizieren auch wieder die Lebensgeister der zuvor in ihren Betten vor sich hin Dämmernden mit mehr oder minder starker Erinnerungsleistung. Kunst als Widerstand also, der zusammenschweißt und den die Insassen auch bitter nötig haben. Steht doch der Investor Bartonek (Ervin Nagy) vor der offenen Tür, der mit einem Scheck für den Chefarzt winkt und die Patienten zwecks Eigenbedarf vor die selbige setzen möchte. Der schmierige, zu schmalziger Popmusik die Hüften schwingende Investor, der sein Geld neben Immobilien auch noch mit erotischen Welten in digital gemacht hat, setzt nun alles daran, die Belegschaft zu korrumpieren und den Patienten Unterschriften für ihre Einwilligung zur Entlassung abzunötigen.

Mundruczó inszeniert das Ganze als schwarzhumorige Farce. Eine überdrehte Bühnenshow als bös-ironischer Seitenhieb auf die gesellschaftlichen Zustände im postkapitalistischen Ungarn, mit liebevollem Seitenblick auf die Insassen der Demenzstation, die alle einen besonderen Tick kultiviert haben. So beginnen bei der ehemaligen Operndiva Mercédesz (Lili Monori) jedes Mal bei einer ganz bestimmten Melodie die Augen zu leuchten und erwachen verschüttete Liebeskräfte. Computerfachmann Lukács (Gergő Bánki) hängt in einer Erinnerungsschleife fest, in der es um eine frische Brise und das Segeln auf dem Balaton geht, die schüchterne Oci (Orsi Tóth) geht nachts immer an den Kühlschrank, aus dem Beethovens Neunte erklingt, und der Zahnarzt Elöd (László Katona), dem man 25 Jahre lang gesagt hat, was man machen muss, trägt nun Windeln und kann das Zähneziehen nicht lassen.

Es wird gesungen und getanzt, geschachert, eine Zunge abgeschnitten und wieder angenäht. Die Diva Mercédesz erzählt aus ihrem Leben, eine Gebrauchsanweisung für die demente Merci Sápy, in der sie sarkastisch mit der Männerwelt und der dementen Unterhaltungsgesellschaft abrechnet. Nachdem Arzt und Schwester mehrmals die Seiten gewechselt haben, kulminiert der Kampf der Insassen im nun geschlossenen Horror-Haus schließlich in einem regelrechten Gewalttrip und Amoklauf des Investors, der mit Kamera schemenhaft nach außen übertragen wird. Die endgültige Befreiung sieht die Gruppe dann nur noch im kollektiven Selbstmord. Dafür liegt auch schon für jeden das finale Suicide-Kit unterm Weihnachtsbaum. Die bittere Erkenntnis einer Gesellschaft, die sich hier per Tüte überm Kopf selbst die Luft abschnürt. Zum Finale singt man dann zusammen ein versöhnliches „We’ll Meet Again“. Es geht gegen die verordnete Auslöschung von Erinnerungen. Erinnern, das Wort, das der Dentist mit Kreide an die Außentür schreibt, als essenziell wichtige Fähigkeit einer Gesellschaft, ohne die sie auf Dauer auch nicht überlebensfähig ist.

Dementia, or the Day of My Great Happiness
Ungarisch mit deutschen Übertiteln
Regie: Kornél Mundruczó
Bühne und Kostüme: Márton Ágh
Dramaturgie: Viktória Petrányi und Gábor Thury
Musikalische Konzeption: János Szemenyei
Produktion: Dóra Büki
Technische Leitung und Lichtdesign: András Éltetö
Ton: Zoltán Belényesi
Requisiten: Gergely Nagy
Video: Zoltán Gyorgyovics
Garderobier: Melinda Domán
Regieassistent: Zsófia Csató
Produktions-assistenz: Ágota Kiss
Besetzung:
Bartonek … Ervin Nagy
Dr. Szatmáry …. Roland Rába
nurse Dóra … Kata Wéber
Mercédesz Sápi … Lili Monori
Henrik Holényi …. Balázs Temesvári
Lady Oci … Orsi Tóth
Lukács … Gergő Bánki
Dentist … László Katona

Produktion: Proton Theatre. Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer, Theatre National de Bordeaux Aquitaine, Trafó – House of Contemporary Arts (Budapest), HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste (Dresden), Festival De Keuze / Rotterdamse Schouwburg, Noorderzon Performing Arts Festival (Groningen), SPIELART Festival (München), Festival Automne en Normandie (Rouen), Maria Matos Teatro Municipal (Lissabon), Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt am Main), Kunstenfestivaldesarts (Brüssel). 

Dauer: ca. 130 min

Zuerst erschienen am 14.03.2014 auf Kultura-Extra.

**

Korijolánusz – Eine Shakespeare-Bearbeitung des Ungarn Csaba Polgár im HAU 1

Die Shakespeare-Tragödie des römischen Feldherrn Caius Marcius genannt Coriolanus aus dem Jahre 1607 hat schon einige moderne Bearbeitungen erfahren. Die bekannteste stammt wohl von Bertolt Brecht, der den aufmüpfigen Volkstribunen noch mehr Macht gab. Er ließ sie den nationalen Befreiungskampf gegen den abtrünnigen Kriegshelden Coriolan führen und endete das Stück mit einer römischen Bodenreform. Zwar nicht allein dagegen mokierte sich das DDR-Volk 1953, aber es stand nur kurze Zeit nach den Proben in Berlin auf der Straße. Brecht nötigte das einen flotten Spruch von der Regierung, die sich einfach ein anderes Volk wählen solle, ab. Der Blechtrommler Günter Grass sah sich daraufhin bemüßigt Brecht fortzuschreiben und ließ seinerseits einfach die Plebejer einen Aufstand gegen den Theatermacher proben.

Das HAU 1 - Foto: St. B.

Das HAU 1 – Foto: St. B.

Vom 17. Juni 1953 in der DDR ist es nicht mehr weit bis zum ebenfalls gescheiterten Ungarnaufstand 1956. Das Rad der Geschichte drehte sich unaufhörlich weiter, der Ostblock ist zerfallen, Deutschland wiedervereinigt. Aber auch heute geht es immer noch um die Frage Demokratie oder Diktatur. Und gerade angesichts des viel kritisierten politischen Rechtsrucks in Ungarn, den seit vier Jahren eine populistische, national gesinnte Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán zu verantworten hat, beschäftigt sich die Budapester HOPPart Company unter dem Regisseur Csaba Polgár wieder mit dem alten Shakespeare-Stoff über politischen Machtwillen und demokratische Gepflogenheiten, denen sich der Konsul Coriolanus nicht beugen will. Im Rahmen eines Festivals ungarischer Theatergruppen gastierte die Inszenierung nun an zwei Abenden im Hebbel am Ufer.

Dazu ist der Zuschauersaal leergeräumt worden, und das Publikum nimmt auf einer kleinen Tribüne vor dem Bühnenportal Platz. In Anzügen oder heutiger Freizeitbekleidung steht das Schauspielensemble im Raum und wartet, bis auch der letzte Hereinströmende seinen Platz gefunden hat. Dann beginnt das Volk wegen der steigenden Kornpreise zu klagen. „Es geht um uns, Römer.“ Dabei rückt man dicht gedrängt unter einer alten Stehleuchte zusammen. Wer nicht mit einstimmen will, bleibt außen vor. Der gemeine Plebejer, der hier recht vollmundig seinen Aufstand probt, kommt aber bei Polgár nicht besonders gut weg. Dagegen lässt er den zuvor auf einem Sockel stehenden Patrizier Agrippa als eloquenten Politiker die Parabel vom Magen und den anderen Körperteilen vortragen. So bereitet der geschickt die Einsicht in die Notwendigkeit des Staatswesens vor, dem sich das Volk unterzuordnen habe. Als freundliche Zugabe darf es weitere zwei Tribune wählen.

Der Auftritt des Caius Marcius erfolgt im Unterhemd und mit Scheinwerfer in der Hand. Er pöbelt gegen das Volk und stilisiert sich zum Hauptdarsteller. Die nationale Bedrohung durch die Volsker, die auch mal kurz als Slowaken bezeichnet werden, schweißt die Meute aber zusammen. Man zieht gegen Corioles, das hier einfach eine leere Kühltruhe ist, die Caius Marcius im Alleingang nimmt, während der Plebs lieber zurückbleibt und mit Faschingströten Beifall zollt. Der Titel Coriolanus ist ihm so sicher, und Volsker-Chef Aufidius wird zum Watschenonkel degradiert. Die anschließenden Demütigungen vor dem Volk bei der Wahl zum Konsul lässt der Kriegsheld widerwillig über sich ergehen und die Hosen auf Anraten seiner Mutter Volumnia schließlich runter. Wahlkampfreden sind nicht sein Ding, und dass ihm das aus dem Maul stinkende Volk zuwider ist, daraus macht Coriolanus mit Tritten keinen Hehl. Aus Wut und verletztem Stolz läuft der Entmachtete schließlich zum Feind über.

Man wird hier nicht ständig mit der Nase auf die aktuellen ungarischen Verhältnisse gestoßen. Polgár streut nur gelegentlich wie nebenbei etwas ein, was sicher auch nicht immer verständlich ist. Trotzdem funktioniert die Darstellung der Manipulation des Volkes mit Versprechungen und nationalen Parolen schon sehr gut. Tribune wie Patrizier halten schöne Reden und kaufen Stimmen. In der Szene, in der sich ein römischer und volskischer Handwerker zum Schwätzchen treffen, kommt auch noch ein bisschen Brecht ins Spiel. Man jammert gemeinsam, dass sich nicht viel geändert habe. „Man ißt, schläft und zahlt Steuern.“ Begrüßt aber die Verbannung des Coriolan. Der kleine Frieden ist wichtiger für gute Geschäfte in Rom wie auch in Antium. Ironisch karikiert Polgár hier den Willen des Volkes zur Revolte. Das lässt sich lieber weiter für dumm verkaufen und dreht sich zu „Alle meine Entchen“ im Kreis.

Korijolánusz von Csaba Polgár und HOPPart Company - Foto: Dániel Borovi

Korijolánusz von Csaba Polgár und HOPPart Company
Foto: Dániel Borovi

Immer wieder stellen sich auch die Schauspieler zusammen und singen Choräle wie In Pace oder Sanctus aus Mozarts Requiem. Da mutet das Ganze schon wegen des morbiden Charmes des Hebbel-Theaters manchmal wie eine kleine, schräge Marthalerei an. Aber auch Poppiges wird geboten. Die großartige Nóra Diána Takács darf als Muttertier ihrem Kriegersohn Coriolanus ein herzzerreißendes „The Winner Takes It All hinterhersingen, und die Politikergilde ruft sich ein „Give A Bit Of Hmm To Me And I Give A Bit of Hmm To You“ zu oder klebt sich ein Hitlerbärtchen an. Zeit für Populisten. Die Devise lautet: Eine Hand wäscht die andere. Politik verkommt zum Showprogramm mit lauter Selbstdarstellern. Wen man nicht mehr braucht, entsorgt man einfach.

Nachdem Coriolanus ermordet ist, geht man wieder zum Alltag über, verspricht den Volskern die Rückgabe von Corioles und stellt einen Antrag zur Reparatur der Wasserleitung. Bis dahin wird einfach ein Eimer unter das marode Dach gestellt. Auch ein Sinnbild für die ungarische Krise, unter der vor allem die unbotmäßige freie Kunstszene zu leiden hat. Wer sich nicht in den gleichgeschalteten Chor der Nationalisten einreiht, wird es auch in Zukunft in Ungarn schwer haben. Die Gelder werden längst schon von regierungskonformen Gremien verteilt. An eine Änderung dieser Verhältnisse ist wohl auch nach den bevorstehenden Wahlen nicht zu denken. Da wird denen, die nicht gewillt sind, mit den Wölfen zu heulen, letztendlich nur der Weg ins Ausland bleiben, den schon sehr viele ungarische Künstler gegangen sind.

Korijolánusz
Ungarisch mit deutschen Übertiteln
Regie: Csaba Polgár
Text: Ildikó Gáspár, Gergely Bánki
Licht und Ton: János Rembeczki
Bühne und Kostüm: Lili Izsák
Musikalische Konzeption: Tamás Matkó
Produktion: HOPPart Company
mit: Imre Baksa, Richárd Barabás, Gergely Bánki, Diána Drága, Zoltán Friedenthál, Tamás Herczeg, Tamás Keresztény, Diána Magdolna Kiss, Zsolt Máthé, Katalin Szilágyi, Nóra Diána Takács, Sándor Terhes

Dauer: ca. 100 min

*

weitere Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Infos zum Festival: http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/leaving-is-not-an-option/

Zuerst erschienen am 12.03.2014 auf Kultura-Extra.

***

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen von Marianna Salzmann, András Dömötör und Ádám Fekete als Szenische Einrichtung im Gorki-Studio

Nicht beim Ungarn-Festival im HAU, aber thematisch in die gleiche Kerbe hauend, beschäftigt sich der ungarische Nachwuchsregisseur András Dömötör in einer szenischen Inszenierung, die er bereits im Februar für das Maxim Gorki Theater eingerichtet hat, mit den derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnissen in seinem Heimatland. Er transportiert diese inklusive der eigenen Erfahrungen in ein Stück der Gorki-Autorin Marianna Salzmann. Am 7. und 8. März wurden seine „Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen“ wieder im Studio Я aufgeführt.

Ein Schusterjunge muss unten im Keller arbeiten, ein Hurenkind steht oben verloren auf der Straße. Ein Hurenkind weiß nicht, wo es herkommt, ein Schusterjunge nicht, wo er hingeht. (Quelle: Wikipedia)

Diese Merksprüche für typografische Satzfehler, die das Erscheinungsbild eines Schriftsatzes negativ beeinflussen, passen auch ziemlich genau auf die Konstellation der Protagonisten aus dem Stück „Hurenkinder Schusterjungen“ von Marianna Salzmann, das im Januar in Mannheim uraufgeführt wurde. Genau verorten lassen sich die drei nämlich weder in Herkunft noch im Hier und Jetzt. Und was sie antreibt, was sie wollen, bleibt ebenso unklar. Sie bilden lediglich so etwas wie eine zufällige Schicksalsgemeinschaft auf Zeit.

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen im STUDIO Я - © 2014 Maxim Gorki Theater

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen
im STUDIO Я – © 2014 Maxim Gorki Theater

Während im Haus von Vermieter Tschech (Till Wonka) die Uhren irgendwann stehen geblieben zu sein scheinen, ist die Zeit draußen geprägt von Kämpfen. In einem nahe gelegenen Park treffen sich immer wieder Leute und protestieren. Den jungen Buchs (Mehmet Ateşçi) zieht es aber nicht hinaus. Er sitzt lieber in seiner im Keller befindlichen Dunkelkammer und entwickelt Fotos, über die er nicht näher Auskunft gibt. Das Interesse der beiden so unterschiedlichen Männer fokussiert sich auf Ali (Lina Krüger), die ihre Miete mit dem Verkauf von Kaffee, Bier und Schokoriegeln in Zügen verdient. Es ist eine der typischen Dreierkonstellationen aus Salzmanns Stücken, in denen jeder nach seinem Platz sucht und immer mindestens einer dabei auf der Strecke bleibt.

Durch den Garten (Eden?) neben dem Haus führt eine Eisenbahnstrecke. Auch eine Art Metapher für das Ankommen und wieder Gehen. Zumindest haben alle drei diese Möglichkeit andauernd vor Augen. Der Weggang oder die Vertreibung scheinen dann auch nur eine Frage der Zeit. Derweil richtet man es sich gemütlich ein und spielt sexuell motivierte Frage-Antwort-Spielchen. Ein verbales und körperliches Abtasten, in dem jeder mal oben oder unten zu liegen kommt. Was stellenweise wie eine verschärfte Familienaufstellung wirkt, ist ein Kampf um Dominanz, der Unentschlossenheit und Schwäche kaschieren soll. Ein idyllisches Familienglück wird sich so aber nicht wirklich einstellen.

András Dömötör inszeniert die Geschichte im Foyer des Studios recht dynamisch auf und neben der Bar (Bühne: Moïra Gilliéron). Mit Hilfe von Playmobilfiguren, Legohäuschen, Kamera und Mikros werden einige der Szenen spielerisch verstärkt und an die Rückwand der Bar projiziert. Zum dramatischen Ende am Bahndamm kommt noch eine Ketchupflasche zum Einsatz. Um dem Ganzen mehr zeitliche Aktualität und eine gewisse Verortung zu geben, hat Regisseur Dömötör eigene Gedanken und Reflexionen über die allgemeine politische Situation in Ungarn und im Speziellen zu den Zuständen am Theater hinzugefügt. Schauspieler Aram Tafreshian trägt diesen Text als Alter Ego des Regisseurs in kleinen, eingeschobenen Szenen vor. Diktatur oder Demokratie, Nationalismus, Staat oder Gottvertrauen? Es läuft auch für ihn auf die ewige Frage hinaus: Bleiben oder gehen? Bis zu 5% der Bevölkerung Ungarns haben das für sich bereits mit dem Gang ins Ausland beantwortet.

Diese Notizen Dömöters, die dem Stück den Beinamen geben, berichten von den ganz persönlichen Eindrücken jenes jungen Regisseurs, der seit kurzem selbst in Berlin lebt, und rückblickend über seine Biografie, den Unmut über das herrschende System und die Resignation, die viele dabei befallen hat, räsoniert. In seinen Überlegungen spielen Aussagen ungarischer Intellektueller wie die des Literaturnobelpreisträger Imre Kertész oder des Friedenspreisträger Péter Esterházy ebenso eine Rolle, wie seine eigenen Zweifel und Überlegungen, ob und wie man etwas ändern kann. Es bleibt mithin eine fast schizophrene Erkenntnis, ein Ungar in Berlin ohne eigene Geschichte zu sein. Das sind konkrete Parallelen zum Stück, dessen Figuren ähnliche Fragen quälen. Ali wird sich schließlich den Protesten anschließen und auch Buchs denkt in einem Telefonat mit seinem Vater daran, den Keller endlich zu verlassen. Ein erster Versuch des Aufbegehrens gegen das eigene innere Koma.

Notizen zu Hurenkinder Schusterjungen
im Studio Я (Premiere war am 13.02.2014)
von Marianna Salzmann, András Dömötör und Ádám Fekete
Szenische Einrichtung
Regie: András Dömötör
Regieassistenz: Chantal Kohler
Bühne: Moïra Gilliéron
Mit: Mehmet Ateşçi , Lina Krüger, Aram Tafreshian und Till Wonka

weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/hurenkinder-schusterjungen/

Zuerst erschienen am 11.03.2014 auf livekritik.de

___________

Tragödie als Spektakel – Elektra und Hamlet, zwei Getriebene einer heiligen, selbstauferlegten Pflicht (be)geistern auf Berliner Bühnen.

Montag, Dezember 9th, 2013

___

„In meinem Kopf der Krieg hört nicht mehr auf.“ Heiner Müller, aus: Wolokolamsker Chaussee

Flüche, göttliche Eingebungen und Erscheinungen der anderen Art treiben Elektra, Tochter aus dem antiken Herrschergeschlecht der Atriden und Hamlet, Prinz von Dänemark an und um. Zwei Sprosse von höchstem Geblüt sind im heiligen Auftrag unterwegs. Angetreten mit ganz ähnlichen Motiven der Rache sind sie berufen und verdammt zugleich. Sind Kinder der immer gleichen Tragödie aus schicksalhafter Verstrickung, hehrem Pflichtgefühl und großen Selbstzweifeln. Ob sie es nun vermögen ihren Auftrag auszuführen, oder nicht,  sie werden dabei doch auch mitschuldig am Kreislauf der Gewalt und scheitern schließlich am eigenen hohen Anspruch. Eine entschlossene Rachefurie aus einem verfluchten Königsgeschlecht und ein schwermütiger, zaudernder Renaissanceprinz, am Deutschen Theater und Berliner Ensemble stehen sie nun beide in ganz unterschiedlichen Inszenierungen auf der Bühne. Gemeinsam ist ihnen dabei nur der Hang zu Glamour, Trash und dem ganz hohen Ton.

*

Hamlet, oder Rache ist Blutwurst – Leander Haußmann dreht am Berliner Ensemble Shakespeare durch den Theaterwolf.

„Es gab vorher immer dieses Hin und Her um die Rache oder nicht Rache. Und das erste Mal, wo er etwas tut, ist es eigentlich was Blindes und was Unkalkuliertes. Es ist kein Plan mehr, es ist nur noch blinde Praxis.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge über seine Hamlet-Inszenierung 1990 am DT (Garather Gespräch)

HAMLET am Berliner Ensemble - Foto: St. B.

HAMLET am Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Paralyse, Parabellum, Panoptikum. So sind sie, die Theatermörderkinder. Erst abwartend und dann umso entschlossener in der Tat. Und ist keine Schusswaffe zur Hand machen es auch Beil, Messer oder Schwert. Bereite dich für den Krieg, denn bereit sein ist alles. Das macht das Morden im Gedanken. Da spuken sie herum, die Theatergeister der Vergangenheit und wollen wieder gegenwärtig werden. Doch zuvor muss man ihnen erst noch gehörig den Gar ausmachen. Das muss alles irgendwann mal raus aus dem Hirn. Da sind die Bühnengeschöpfe wie ihre meist schon verstorbenen Autoren oder die heutzutage an deren Stelle getretenen Regisseure. Was denen durch die Rübe rauscht, wie es ein bekannter Großkritiker verächtlich beschreibt, wird grausame Gestalt annehmen.

Und während Elektra am DT im Nadelstreifen noch wartet, auf einen der die Drecksarbeit macht, wühlt sich Prinz Hamlet am BE höchst selbst durchs blutige Gedärm. Alles muss raus! Raus, raus, raus aus dem verfaulenden Inneren dieser aus den Fugen geraten Welt. Dass er auf diese kam, um sie wieder einzurenken, will dem melancholischen Intellektuellen zunächst nicht recht schmecken. So haben wir es jedenfalls über die Jahrhunderte deutscher Aufführungspraxis gelernt. Ihm fehlt’s an Galle. Doch nun am BE in der Neuinszenierung von Leander Haußmann wühlt sich sein Hamlet tief in die Innereien dieser Welt hinein, vor der ihm eigentlich doch ekelt, um nachzuschauen, was ihm da so stinkt, und mistet bzw. weidet dann den Saustall nach Herzenslust aus. Stellvertretend dafür nimmt er hier die Innereien des frisch geschlachteten, beim Guck und Horch überraschten Polonius. Denn so was kommt von so was. Und renken nach Ränken. Rache ist Blutwurst und nur dem Wurst, der seinen Machiavelli nicht richtig gelesen hat. Vom richtigen Gebrauch der Grausamkeiten ist dem jungen Helden aber weder an der Wiege gesungen noch an der Uni im deutschen Wittenberg gelesen worden.

Doch er lernt schnell. Sein oder nicht sein. Obs edler im Gemüt, Geblüt, oder mehr Inhalt mit weniger Kunstblut zu machen wäre, ist hier die Frage nicht. Und auch des Gedankens Blässe kränkelt Hamlet nicht mehr an. Hirn gibt’s am Stück. Es setzt es Nadelstiche satt. Erst Polonius, dann ein Zuschauer und sogar Hamlets Mutter bekommt ein paar Schläge ab. Später dann noch die verhinderten Flötenspieler Rosenkranz und Güldenstern und so weiter und so fort. Hamlet versucht die Geister in seinem Kopf zu töten. Komödie oder Tragödie wie heißt dies Genre? Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode? Einen Theatertot muss man immer sterben. Und Leander Haußmann stirbt sie alle zugleich. Er tanzt vergnügt auf den Ruinen und Gräbern der Altvordern. Ganz verleugnen kann er sie nicht. „Kommunismus ist die Zeit, wo Shakespeare verstanden wird.“ prophezeite Peter Hacks. Da sei Stalin vor und Heiner Müller. Dem Intellektuellen ekelt vor der Welt, und dieser Ekel „ist ein Privileg / Beschirmt mit Mauer / Stacheldraht Gefängnis“, sagt Müllers Hamlet. Hamlet ist nur ein feister Spießbürger auf Urlaub, ruft da Brecht von der anderen Seite der Schulter. Ein Rückfall in die Barbarei. Kein Humanismus nirgends.

HAMLET am BE - Christopher Nell, Peter Luppa - Foto: Lucie Jansch

HAMLET am BE – Christopher Nell, Peter Luppa
Foto: Lucie Jansch

Doch Haußmann versucht erst gar nicht Shakespeare zu verstehen. Sein Hamlet bleibt Geheimnis, ist Theater satt. Der will nur spielen und lässt dabei die alten Geister aus dem Sack. Sie feiern hier fröhliche Urständ. Man muss ihnen mit der Schaufel an die Kinnbacken schlagen. Von Privilegien sprechen da nur die Totengräber. Und mit ideologischen Totengräbern ist seit jeher schlecht philosophieren. Ihr erdiger Überbau hält bis zum jüngsten Tag. Haußmanns Dänemark ist ein dunkler Knast mit hohen Wänden. Ein sich beständig drehendes Labyrinth, in dem man sich auf dem Weg ins Rampenlicht schon mal verrennen kann. Hamlet tut dies zunächst mit eingezogenem Kopf und hängenden Schultern gegen die Wand. Der kleine Christopher Nell ist dieser Hamlet. Alles überragt ihn um mindestens einen Kopf, falls dieser zu Beginn nicht schon gerollt ist. Ein Leichtgewicht zunächst, läuft er doch mit der Zeit zu wahnhaft großer Form auf. Angestachelt durch einen nackten, bärtigen Vater-Geist (Joachim Nimtz), der ihm das Gebot der Rache anträgt, entledigt er sich schließlich selbst der schwarzen Kluft und läuft im weißen Büßerhemd Amok.

Der Rest des faulen Staates rekrutiert sich aus einem Panoptikum der Theaterchargen. Eine Komparserie der Macht, die Hamlet vereinnahmen will und ihm, als das nicht gelingt, nach dem Leben trachtet. Roman Kaminski und Traute Hoess als Claudius und Gertrude erledigen hier mit viel Verve ihrer Rollen als zweckgebundenes Duo in Royale. Während Traute Hoess das besorgte Muttertier gibt, entwickelt Roman Kaminski regelrecht diabolische Kräfte. Ein Spiel der Muskeln und Masken. Mausefallen überall. Norbert Stöß ist Oberkämmerer Polonius und speichelleckender Buchhalter der Mächtigen. Der reüssiert als talentarmer Kleindarsteller und Schwadroneur moralisierender Benimmfloskeln. Seine Tochter Ophelia erlaubt sich in seiner Anwesenheit schon mal ein Nickerchen. Ganz hinweg zu schnarchen vermag sie das ihr zugedachte Schicksal allerdings nicht. Anna Graenzer gelingt eine berückende Ophelia. In unbeschwerter jugendlicher Schwärmerei, wie in großer Verzweiflung und selbst noch im blumenbekränztem Wahn verleiht sie ihr Würde und fehlende Autonomie.

BE_Leander Haußmann

Leander Hausmann auf der öffentlichen Probe am BE.
Foto: St. B.

Und überhaupt hat man das BE-Ensemble selten so voller Spielfreude erlebt. Wo andere Regisseure die bleierne Schwere der Handlung betonen, kitzelt Leander Haußmann selbst noch in der Tragik die komischen Momente heraus. Sein Hamlet ist ein romantischer Moralist, dem der Sinn für das Gute und Schöne abhandengekommen ist. „So long, my Love, my Killer“ singt das Duo Apples in Space (Julie Mehlum und Haußmannsohn Philipp) in Ophelias Song. Zwischen „The Carneval is over” und „The Death is not the End” begleiten die beiden in engelsgleicher Kostümierung Haußmanns lustvolles Totentänzchen mit viel düsterer Rockmusik von Nick Cave bis Bob Dylan. Und während Hamlet noch seiner persönlichen Rache frönt, ist Fortinbras schon auf dem Weg zur großen Koalition. Nur im Vorübergehen zu besetzen ein Fleckchen Land, „nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagnen nur zu verbergen.“ Die tanzen weiter, im Rücken die Ruinen von Europa. Im Haus von Übervater Brecht fokussiert Haußmann den Hamlet durch das Brennglas der Müllerbrille, bis das intellektuelle Bollwerk einen Sprung bekommt. Was von Heiner Müller einst als Riss zwischen zwei Epochen postuliert wurde, geht heute mitten durch die Gesellschaft. Der Rest ist wie immer Schweigen.

***

Elektra, oder Rache als Event – Stefan Pucher lässt am Deutschen Theater die Tragödie des Sophokles singen.

Der Engel der Verzweiflung

Ich bin der Engel der Verzweiflung
Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus,
die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber.
Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei.
Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken.
Meine Hoffnung ist der letzte Atem.
Meine Hoffnung ist die erste Schlacht.
Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt.
Ich bin der sein wird.
Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.

(Heiner Müller, aus: Der Auftrag)

*

So ein Engel der Verzweiflung könnte die Elektra der Katharina Marie Schubert am DT sein. Ganz in schwarz und mit fettem Kajal um die Augenhöhlen beklagt sie die Toten und klagt die Lebenden dafür an. Ein schwarzer Racheengel, Erinnye von Apolls Gnaden. Denn ihr Auftrag heißt nun mal einzig Rache zu nehmen. Für den Mord am aus Troja zurückgekehrten Vater Agamemnon soll die mit dem Mörder Aigisthos in Blutschande lebende Mutter Klytaimnestra ebenfalls mit dem Leben büßen. Was Sophokles einst als antikes Drama über Schicksal, Schuld und der Unmöglichkeit, sich anders entscheiden zu können schrieb, reduziert Regisseur Stefan Pucher auf einen reinen Krimiplot mit passenden Videotrailern und Soundtrack. Schuldfrage XY ungeklärt.

Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT_Promobild filmstarts.de

Katharina Marie Schubert ist die ELEKTRA am DT.
Promobild filmstarts.de

Aber Elektra wirkt hier im schwarzen Nadelstreifenanzug als Mann verkleidet, wie eine verhinderte Comic-Heldin. Anstatt selbst wie Black Mamba aus Tarantinos Kill Bill zur Tat zu schreiten, ist sie auf die Rückkehr des Vollstreckers angewiesen. Aus ihr kann keine emanzipierte Emma Peel mehr werden. Für Heiner Müller liegt die Tragik der Elektra dann auch im Warten müssen auf den Bruder, als Werkzeug der Rache. Müller deutet die Elektra als Sinnbild weiblicher Rebellion, als „Metapher für Verweigerung, für Verweigerung von Anpassung“. Darin sind sich die Figuren Hamlet und Elektra ähnlich. Aber während Hamlets anfängliches Zögern vor dem väterlichen Mordauftrag noch intellektueller Natur ist, stützt sich Elektras unbedingter Wille zur Rache auf ein göttliches Gebot, das keinen Aufschub duldet.

Pucher bringt Sophokles Plot komplett, hier in neuer Übersetzung von Peter Krumme. Er interessiert den Regisseur aber einzig als Aufhänger für eine Rock’n’Pop-Show auf großer Revuebühne. Und da scheinbar schon alles über Elektra gesagt ist, lässt Pucher nun singen. Das Drama findet nicht mehr statt, wie Müller sagen würde. Auf den Brettern die die Welt bedeuten reproduziert es sich nun als Allerweltsgeschichte aus dem TV-Vorabendprogramm. Untermalt mit eingängigen Rock- und Popballaden von den Musikern Michael Mühlhaus und Masha Qrella. Elektra schiebt den Blues, und der Chor swingt dazu mit den Hüften. Sie greint und wartet auf den Mann mit der Axt. Susanne Wolff als Mutter Klytaimnestra dominiert im kurzen, schrillen Soloaufritt. Schwester Chrysothemis (Tabea Bettin) fürchtet um ihre soziale Stellung und möchte sich lieber nicht zu Elektra ins Abseits stellen. Während Bruder Orest wie ein abgehalfterter Grungerocker völlig paralysiert vom Rachegebot über die Bühne schlurft. Er und sein Begleiter sind fette, schlaffe, langhaarige Männer im Rock.

Pucher will den ollen schwarz-weißen Kintopp-Streifen des Sophokles rocken und poppt ihn zusätzlich mit bunten Video-Bildern von Chris Kondek in Breitwandästhetik auf. Der von Michael Schweighöfer reißerisch vorgetragene Bericht des alten Dieners über den angeblichen Wagenrennen-Unfall des Orest wird mit Videos von ebenso gefakten Stock-Car-Rennen untermalt. Im Stile eines Bondgirls schwebt eine dunkle weibliche Gestalt auf einer Axt durchs Bild. Nur ist Orest kein James Bond und Aigisthos kein wirklicher Dr. No. Andreas Döhler spielt ihn als gelangweilten Anzugträger, der, sich seiner Macht ganz sicher, eher erstaunt dem jungen Orest zur Abschlachtung ins Haus folgt. Helter Scalter! Aber auch die Nacht der langen Messer bleibt Behauptung. Felix Goesers Orest schlägt im Video mit der Axt auf Pappmacheköpfe ein. Alles nur Show. And The Show Must Go On will uns Stefan Pucher sagen.

Deutsches Theater Berlin - Foto: St. B.

Deutsches Theater Berlin – Foto: St. B.

Drei Akkorde Aschenputtel, zwei Takte Rockpalast, ein Schuss Denver Clan und fertig ist Puchers neuer Atriden-Cocktail namens Elektravue. Eine aufgeblasene Soap Opera zerplatzt auf Sitcom-Niveau. Elektra erscheint dann nach getaner Arbeit ebenfalls im Showkostüm und reiht sich in den Chor der Angepassten ein. Mit dem Massenmörder Charles Manon singt man nun gemeinsam „Your home is where you’re happy / It’s not where you’re not free”. Was wie ein ironischer Abgesang auf die einstige Rebellion und ein selbstbestimmtes Leben klingen soll, ist hier nichts weiter als Just Another Popsong. Wenn man ein Stück als altbacken und überkommen erkannt hat, dann hilft ihm das einfache Überstülpen neuer ironischer Kleider auch nicht weiter. Stefan Pucher entsorgt die wahre Tragödie der Elektra in der Altkleidersammlung und befördert sie damit von der Theater-Wunderkammer direkt ins Kuriositätenkabinett der Regieeinfälle, einem Panoptikum der blutleeren Theatertoten.


Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer. Ich stoße allen Samen aus, den ich empfangen habe. Ich verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift. Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe. Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln. Ich begrabe sie in meiner Scham. Nieder mit dem Glück der Unterwerfung. Es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand der Tod. Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“ Heiner Müller, aus: Hamletmaschine

***

HAMLET
PRINZ VON DÄNEMARK
von William Shakespeare, übersetzt von August Wilhelm Schlegel

Mit: Roman Kaminski, Traute Hoess, Christopher Nell, Norbert Stöß, Anna Graenzer, Felix Tittel, Luca Schaub, Peter Miklusz, Georgios Tsivanoglou, Boris Jacoby, Joachim Nimtz, Peter Luppa, Martin Seifert, Marcus Hahn, Rayk Hampel, René Haßfurther, Franz Jarkowski, Ulrike Just, Carsten Kaltner, Marc Lippert, Haiko Neumann, Apples in Space (Philipp Haußmann, Julie Mehlum).

Hamlet_BE-ÖP 20.11.13 (4)Regie: Leander Haußmann
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Komposition: Apples In Space
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Kämpfe: Rainer Werner

Dauer: 3h 30 Min (eine Pause)

Weitere Informationen: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/95

*

ELEKTRA
von Sophokles, Deutsch von Peter Krumme

Mit: Katharina Marie Schubert, Susanne Wolff, Anita Vulesica, Tabea Bettin, Felix Goeser, Michael Schweighöfer, Andreas Döhler; Musiker: Masha Qrella, Michael Mühlhaus; im Video: Damian Fink, Karolin Wiegers.
Regie: Stefan Pucher

Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Chris Kondek
Licht: Matthias Vogel
Ton: Matthias Lunow
Dramaturgie: Claus Caesar

Dauer: 1 h 30 Min (keine Pause)

Weitere Informationen: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/elektra/

__________

„Viel Lärm um Nichts“ und „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ – Ein musikalischer Spielzeitauftakt an der Berliner SHOW-bühne.

Montag, Oktober 7th, 2013

___

Verkehrte Welt an der Berliner Schaubühne. Hausautor und Regisseur Marius von Mayenburg, sonst ein feiner Sezierer der bürgerlichen Gesellschaft und Beziehungshölle (Parasiten, Das kalte Kind, Der Stein), macht aus Shakespeares Komödie Viel Lärm um Nichts eine Film-Klamotte und Patrick Wengenroth, an der Schaubühne eher der Mann fürs Grobe und Trashige, überträgt Fassbinders kammerspielartiges Filmset zu dessen sadomasochistisch angehauchtem Beziehungshorrorstück Die bitteren Tränen der Petra von Kant fast werkgetreu wieder zurück auf die Bühne. Und man weiß zunächst nicht, ob man staunen, sich ärgern oder einfach nur befreit auflachen soll. So viel nur, wer verbissen nach einem Sinn sucht, wird in beiden Fällen bitter enttäuscht werden. Die Sache liegt, so einfach wie kompliziert, im Auge des jeweiligen Betrachters selbst. Zu konstatieren bleibt im Vorfeld lediglich, dass die Schaubühne auch in der neuen Spielzeit wieder verstärkt auf musikalische Showelemente setzt.

Viel Lärm...8_Schaubühne Sept. 2013

Viel Lärm um nichts? Die Schaubühne am Lehniner Platz, ein unvergesslicher (H)Ort der Feude. – Foto: St. B.

„Teach me tiger” – Marius von Mayenburg geht mit Shakespeare ins Kino. Man sieht und hört: Viel Lärm um Nichts 

Den Anfang machte bereits Ende August Marius von Mayenburg mit einer Revuevariante von Shakespeares romantischer Komödie Viel Lärm um Nichts. Dass man sein Publikum nicht gleich zu Beginn der Spielzeit mit schweren Klassikern überfordern sollte, hat das Deutsche Theater einen Tag vorher bitter erfahren müssen. Unterfordern muss man es aber auch nicht gleich. Das Mayenburg Sinn für schrägen Humor besitzt, hat er schon mit der Inszenierung seiner eigenen Komödie Perplex bewiesen. Ein philosophierendes Well-made-Play über den Zufall und das Spiel mit Rollen und Identitäten, das sich aus den Tiefen des Klamauks in ungeahnte geistige Höhen erhob. Und auch bei Shakespeares lärmig beredtem Geschlechterkampfszenario geht es neben den verschiedenen Spielarten der Liebe und Intrige vor allem auch um Sein und Schein, was wiederum wunderbar an Mayenburgs Stück Perplex andockt.

Mit Eva Meckbach und Sebastian Schwarz stehen ihm als Paar wider Willen, Beatrice und Benedick, hier auch wieder zwei begnadete Komödianten zur Verfügung. Der Rest der spielfreudigen Bande scheint geradewegs aus Lars Eidingers knalliger Romeo und Julia-Inszenierung entsprungen zu sein. Zumindest für Moritz Gottwald, Bernardo Arias Porras und Kay Bartholomäus Schulze trifft das definitiv zu. Und nachdem sie bereits bei Eidinger dem Komödien-Affen reichlich Zucker geben durften, kommt auch bei Mayenburg die Gaudi nicht zu kurz. Fucked up with Shakespeare. Aber bei aller Liebe und Frivolität, der Alte ist nicht unterzukriegen und hat schon wesentlich Schlimmeres als ein paar schräge Riffs auf der Akustikgitarre und verschwitzt hüftkreisende Liebeschwüre überlebt.

It's Showtime. - Foto: St. B.

It’s Showtime. – Foto: St. B.

Während Eidinger mit der Live Band The Echo Vamper die wesentlich coolere Rockmusik am Start hatte, wartet Mayenburg mit einem größeren Bühnenportal auf. Der Drang zur ganz großen Show ist unübersehbar und geht mit einem noch größeren Hang zur bloßen Behauptung einher. Es weiß spätestens seit René Pollesch eh jeder, dass am Theater gelogen wird, dass sich die dünnen Bretter biegen. Passend dazu intoniert Conférencier Kai Bartholomäus Schulze, eigentlich als Leonato, Gouverneur von Messina besetzt, auf der goldenen Showtreppe Leonard Cohens „Everybody knows“. Später darf er dann noch eine veritable Travestie als Kammerfrau Margaret hinlegen. Aufs gnadenlose Chargieren scheint er seit seinem Schluckspecht-Slapstick als notgeiler Bruder Lorenzo abonniert zu sein.

„That’s how it goes“ heißt es weiter bei Cohen. Vom blutigen Kreuz auf der Spitze des Kalvarienbergs bis zum Strand von Malibu ist alles absehbar. Drum nimm einen letzten Blick auf die heilige Liebe, bevor sie verweht. Und da das Paradies eh futsch ist, feiert es sich umso ungenierter. Das nutzt nun Mayenburg, um ein szenisches Feuerwerk der Verkleidungskunst zu entzünden und bläst zur großen Zitatschlacht in Videobildern. Da wehen Palmen in der Südsee, während Männer in GI-Kluft aus dem Krieg heimkehren um sich zu vergnügen und im Hintergrund eine Atombombe hochgeht. Aber allzu hoch will man das dann natürlich auch nicht gehängt wissen. Auf geht’s zum Maskenball der einsamen Seelen. Man nennt das hierzulande auch manchmal Fisch sucht Fahrrad. Und wenn das Fahrrad dazu noch eine goldene Kette trägt, will der Fisch auch kein Frosch sein.

Viel Lärm...6_Schaubühne Sept. 2013

Das Ensemble beim Applaus. – Foto: St. B.

„Teach me tiger, how to kiss you.“ säuselt Beatrice und Benedick entdeckt den Tiger im flauschigen Bettvorleger in sich. Darf aber auch mal Elvis the Pelvis sein. „I can’t help falling in love with you.“ Ein trefflich necken ohne anzuecken. Man sieht Claudio (Moritz Gottwald) und seine keusche Hero (Jenny König) als Tarzan und Jane und bei anderen Gladiatorenspielen. Die falsche Hero wird von Borachio (Bernardo Arias Porras) im Kingkong-Kostüm erst verführt und dann über die Dächer New Yorks entführt. Die Männer balzen und spielen Zombietennis, während die Frauen visuell viel und akustisch noch weit mehr zu bieten haben. In einer begnadeten Doppelrolle darf Robert Beyer den Prinzen Don Pedro und dessen halbseidenen Halbbruder Don John (Juan) mit Fledermausohren geben. Als Kinski-look-alike sieht man den intriganten Strippenzieher auf der Videoleinwand über einen Friedhof wandeln.

Eine Handlung hat das Stück natürlich auch noch, was hier aber nicht weiter stört, da eh alles aufs große Showfinale hinläuft. Nur so viel: Die Ehre der heroisch allen männlichen Tücken zum Trotz standhaltende Hero („Sometimes I feel like a motherless child“) wird mit List wieder hergestellt und der sich um die Jungfräulichkeit der Braut betrogen geglaubte Bräutigam Claudio kann nun die seine dazutun. Die Männlichkeit bekommt ihr Fett weg und gereimte Liebesbekenntnisse werden ausgetauscht. Jeder Topf kriegt seinen Deckel in passender Größe, und die Welt, wie wir sie kennen, dreht sich einfach weiter. Es singt und swingt so schön wie ehedem. Denn das ist eisernes Gesetz nicht nur am Theater: The Show must go on!

***

Die bitteren Tränen der Petra von Kant – Patrick Wengenroth nimmt Fassbinders legendäres Kammerspiel unerwartet bitter ernst.

Während im großen Saal Hedda Gabler in Ostermeiers Ibsenhölle noch mit Duellpistolen spielt, lädt auch Patrick Wengenroth nebenan im Saal C zur Schlacht auf dem Fassbinder-Flokati unter einem großen dreiteiligen mit Rüschen besetzten Showportal. Hierhin ist er nach der vorgezogen grell-bunten Fassbinder-Kür Angst essen Deutschland auf im Studio der Schaubühne zur weitaus schwierigeren Pflicht umgezogen. Fassbinders psychologisches Kammerspiel aus dem Jahr 1972 mit Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Irm Hermann und Eva Mattes ist legendär. Die Latte liegt demnach hoch, ist doch auch Martin Kušej am Residenztheater München vor kurzem eine vielbeachtete Inszenierung gelungen. Ein komplettes Stück vom Blatt zu inszenieren, ist nicht der übliche Regiestil von Patrick Wengenroth. Mit Die bitteren Tränen der Petra von Kant macht er die Ausnahme zur Regel, und dennoch scheint zunächst alles wie gewohnt. In bunten Katzenkostümen treten er und sein langjähriger Mitstreiter, der Musiker Matze Kloppe, vor den Vorhang, auf den der Schatten einer großen Frauensilhouette geworfen ist, und intonieren Lovecats von The Cure. Das ist natürlich Ironie satt.

Schaubühne_Petra von Kant_Sept. 2013 (16)

Patrick Wengenroth als Marlene.
Foto: St. B.

Man ist sich auch im Folgenden nicht ganz sicher, ob das nicht doch eine Parodie werden soll. Und wenn ja, ist es zumindest eine sehr bittere. Wengenroth hat die ausschließlich weibliche Besetzung des Originals fast vollständig übernommen, nur die Mutter ist gestrichen. Jule Böwe spielt die mondäne Modedesignerin Petra von Kant. In einem Traum von Kleid mit langer Schleppe steht sie dort auf der Bühne, es fehlt lediglich noch die Zigarettenspitze, um an einen noch bekannteren Film zu erinnern. Lucy Wirth gibt im Wechsel das Frauchenklischee Sidonie von Grasenabb und das eigentliche Objekt der Begierde Karin Thimm. Patrick Wengenroth lässt es sich aber nicht nehmen, die stumme Rolle der Sekretärin Marlene im devoten Gouvernanten-Look selbst zu mimen. Die Kostüme sind mit Korsetts, Seidenstrümpfen und Strapsen zusätzlich sexuell aufgeladen. Wie schon Fassbinder spielt auch Wengenroth mit diesem Klischee.

Er liefert die stilgenaue Kopie des Films. Die Inszenierung atmet von den Kostümen bis zu den Frisuren das 70er-Jahre-Flair des Originals. Die eiskalten Worte mit denen die Protagonistinnen aus ihren kaputten Beziehungen berichten, lassen einem auch heute noch die Haare zu Berge stehen. Rasiermesserscharf schneiden sie die Luft. Als schmieriger Barpianist sitzt Matze Kloppe am Rand der Bühne und klimpert den Soundtrack zum fiesen Spiel. Es geht bei Fassbinder vordergründig um die Unmöglichkeit der bedingungslose Liebe auf Augenhöhe und emotionale, wie monetäre Abhängigkeitsverhältnisse, in die seine Figuren mehr oder minder freiwillig geraten. „Weil man leben muss, Petra. Und weil man arbeiten muss, wenn man Geld verdienen will, und weil man Geld braucht, wenn man lebt.“ sagt Sidonie. Nach Aktualität in der postmodernen kapitalistischen Gesellschaft muss man da eigentlich nicht mehr fragen.

Während Petra von Kant ein unklares Herrschaftsverhältnis zu ihrer Bediensteten Marlene pflegt, Wengenroth und Böwe tanzen wie im Film zu Smoke Gets in Your Eyes von den Platters, geht sie relativ bedingungslos in die Beziehung zur jungen, aufstiegswilligen Karin und beginnt so ein gefährliches Spiel, das sie nicht gewinnen kann. Immer mehr rutscht Petra, die eigentlich besitzen will, selbst in eine emotionale Abhängigkeit. Mit großem Einsatz geben Jule Böwe und Lucy Wirth das ungleiche Liebespaar, stöckeln, albern und rollen dabei ausgelassen über den rutschigen Untergrund. But Every Thing Must Change“ weiß ein weiterer Song. Der Mensch ist letztendlich austauschbar, „das muss man lernen.“ Als Karin bei der ersten Gelegenheit fremdgeht und sogar wieder zu ihrem Mann zurückkehrt, erfolgt nicht ganz unerwartet der Absturz aus dem siebten Himmel, auch wenn er vom Flokati noch relativ weich abgefangen wird.

Schaubühne_Petra von Kant_Sept. 2013 (14)

Das Ensemble beim Premieren-Applaus. Foto: St. B.

Kein Telefon, keine Puppen, nichts woran sich Jules Böwes Petra von Kant festhalten könnte, außer an ihrer Ginflasche. Daneben dient als einziges Requisit lediglich noch ein Tablett mit zwei Gläsern. Wenn das Telefon klingelt oder die Post zu holen ist, serviert Marlene immer wieder untertänig frisch gefüllte Gläser. Als Wiedergängerin des ganzen Beziehungselends schneit schließlich noch die Tochter Gabriele (Iris Becher) in züchtigem Gelb herein und berichtet der emotional am Boden liegenden Mutter Petra von ihrer banalen Teenagerliebe. Jule Böwes Gin-geschwängerte Schrei- und Heulorgie auf dem weißen Flokati, sie hat die Schnapsdrossel schon mehrfach an der Schaubühne geübt, ist dann ganz großes Kino oder auch Theater. Je nachdem, wie man‘s nehmen will. Sie kämpft sich tapfer durch die bitteren Tränen der Verzweiflung, was auch leicht in übertrieben, sentimentalen Kitsch abgleiten könnte. Denn Liebe ist kälter als der Tod.

Dass das bei Fassbinders völlig ernster, ironiefreier Vorlage nicht passiert, liegt wohl vor allem an der großartigen Frauenriege, die sich trotz strengem Korsett, ihre Freiräume erspielen kann. Auch Wengenroth geht diesmal wesentlich subtiler vor, drängt den Klamauk nicht in den Vordergrund. Allerdings emanzipiert er sich nur recht mühsam vom übermächtigen Vorbild. Wahrscheinlich sind sich die beiden Regisseure nicht nur im Aussehen sehr ähnlich. Schlussendlich ist es das Weggehen, das Ausbrechen aus der Enge des bürgerlichen Gefängnisses, was Fassbinder als Lösung anbietet. Selbst mit der Gefahr, direkt in die nächste Abhängigkeit zu schlittern. Auch die treue Dienerin Marlene verlässt Petra von Kant, als diese ihre Stärke aufgibt, Schwäche eingesteht und somit Marlene nicht mehr das bieten kann und will, was diese benötigt. Das sind natürlich ganz persönliche, autobiografisch gefärbte Eindrücke Fassbinders, nah am Klischee und nicht frei von bourgeoisem Dünkel. An Thomas Ostermeiers Schaubühne am Kudamm ist er damit jedenfalls bestens aufgehoben.

Einen Aufbruch ganz anderer Art gibt es dann auch bei Patrick Wengenroth. Anstatt ihren Koffer packt seine Marlene allerdings nur den Flokati und macht erst mal die Bühne frei. Wohin könnte man auch gehen? Stumm wird Marlene hier jedenfalls nicht bleiben. Was Wengenroth zu sagen bzw. singen hat, sollte man sich nicht entgehen lassen. „Jippie-Ya-Yeah“, Schweinebacke Fassbinder. Oder siegt bei Wengenroth etwa doch die Wa(h)re Liebe?

Der Text ist zuerst am 09.09.13 auf Kultura-Extra erschienen.

***

... und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. - Foto: St. B.

… und sehen betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. – Foto: St. B.

———

Viel Lärm um Nichts
von William Shakespeare
Deutsch von Marius von Mayenburg

Regie: Marius von Mayenburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Claus Erbskorn, Thomas Witte
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider

Pedro/John: Robert Beyer
Claudio: Moritz Gottwald
Benedick: Sebastian Schwarz
Beatrice: Eva Meckbach
Hero: Jenny König
Leonato/Margaret: Kay Bartholomäus Schulze
Borachio/Francis: Bernardo Arias Porras

Dauer: ca. 135 Minuten (keine Pause)

———

Die bitteren Tränen der Petra von Kant
von Rainer Werner Fassbinder

Realisation: Patrick Wengenroth
Bühne: Mascha Mazur
Kostüme: Andy Besuch
Musik: Matze Kloppe
Licht: Erich Schneider

Mit: Jule Böwe, Lucy Wirth, Iris Becher, Patrick Wengenroth
Musiker: Matze Kloppe

Dauer: ca. 105 Minuten (keine Pause)

Termine unter: www.schaubuehne.de

__________

Der Theatersommer 2013 geht in den Stadtraum – „King Bethel“ von Shakespeare im Park und „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras.

Donnerstag, August 22nd, 2013

___

All Aboard / Einsteigen Bitte: „King Bethel“, eine Art Lecture-Performance am Rande des Görlitzer Parks über einen Eisenbahnkönig der Gründerzeit, die Wurzeln des Kreuzberger Stadtbezirks und die Macht der menschlichen Vorstellungkraft

Henry Bethel, rail and pickle king!
All flock to hear his hammer ring… (Shakespeare im Park)

King Bethel Karte

King Bethel I-III von
Shakespeare im Park

Seit drei Jahren nutzen die Macher von Shakespeare im Park bereits die weitläufige Kreuzberger Parkanlage zwischen Wienerstraße, Görlitzer Straße und dem Landwehrkanal als Spielwiese für ihre Performance-Theaterstücke, die sich bisher immer um eine Gestalt des Shakespeare‘schen Dramenkreises wie König Heinrich IV. oder Thomas Moore mit seinen Vorstellungen von der Insel Utopia drehten. Da sie im letzten Jahr mit ihrer wilden Performance „Utopia™ – Where All Is True“ Teilnehmern einer türkischen Feier in die Quere kamen, haben sie sich in diesem Jahr freiwillig an den Rand des Görlitzer Parks verzogen und stellen dort an der Parkmauer in einem Buddelkasten die Gründerzeitstory um den jüdisch-deutschen Eisenbahnkönig des 19. Jahrhunderts Bethel Henry Strousberg und damit ein gutes Stück Kreuzberger Geschichte nach.„King Bethel“ ist eine Art Lecture-Performance, in drei Teilen angelegt, die, thematisch gesehen, auch gut für sich allein stehen könnten. Verbindendes Element ist die historische, heute fast vergessene Figur des 1823 in Ostpreußen geborenen und in England aufgewachsenen, ideenreichen Gründers und Eisenbahnunternehmers Bethel Henry Strousberg (eigentlich Baruch Hirsch Strousberg). Er begann mit Hilfe guter Beziehungen zur preußischen Regierung und englischer Finanziers ab 1962 ein kleines deutsches Eisenbahnimperium aufzubauen. Man könnte auch sagen, Strousberg war einer der ersten und sehr erfolgreichen Lobbyisten in eigener Sache, der seine Beziehungen zur preußischen Regierung geschickt zu nutzen wusste, bevor er selbst in die Politik einstieg und Abgeordneter im damaligen Reichstag des Norddeutschen Bundes wurde. Heute verlaufen die Karieren deutscher Politiker eher andersherum.Das Interessante, und damit der wirkliche Link in die Gegenwart, ist aber die, für damalige Verhältnisse einfallsreiche Finanzierung seiner kostspieligen Eisenbahnbauvorhaben. Er bezahlte die ausführenden Generalunternehmer mit Anteilen an seinen Eisenbahnaktien, die jedoch weit überzeichnet waren und somit das vermeintliche Kapital seiner Gesellschaft künstlich aufblähten. Eine faule Finanzblase also, die einem heute auch nicht von ungefähr so aktuell erscheint. Nach dem Platzen der finanziellen wie politischen Träume in den 1870er Jahren verstarb Bethel Henry Strousberg in eher einfachen Verhältnissen 1884 in Berlin.

King Bethel_Teil 1

King Bethel. Das kleine Journal – Foto: St. B.

Strousberg hatte aber auch eine durchaus fortschrittliche und soziale Seite an sich, die man nicht ganz unerwähnt lassen sollte. Er zahlte vergleichsweise gute Löhne, baute Arbeitersiedlungen in der Nähe seiner Fabriken und verkürzte die Arbeitszeit von seinerzeit 11 auf 10 Stunden pro Tag. Diese Ambivalenz eines einerseits an hochproduktivem Manchesterkapitalismus und dubiosen Finanzierungsmechanismen orientiertem Industriellen und andererseits eines am gesellschaftlichen Fortschritt interessierten Entwicklers ganzer Stadteile und überregionalen Infrastrukturen bietet genug Stoff für eine abendfüllende künstlerische wie auch politische und in Teilen nicht ganz unironische Betrachtung seitens der Macher von Shakespeare im Park. Jedes der drei Stücke nimmt sich dann auch eine ganz bestimmte Episode aus der bewegten Biografie Strousbergs zum Thema einer spielerisch didaktischen Performance mit viel Musik und regional spezifischem Bezug zum Spielort Görlitzer Park.Zu Beginn des 1. Teils, der am 10. August Premiere hatte, verteilt das Team (Katrin Beushausen, Maxwell Flaum, Alberto Di Gennaro und Brandon Woolf), in blaue historische Schaffnerkostüme gekleidet, „Das kleine Journal“. Ein Handzettel, auf dem anhand von Leitartikeln und in kleinen Randglossen die Story in groben Zügen nachlesbar ist. Innerhalb von ca. 45 min. entwickeln die Performer ein Bild des Mannes, um den es laut Titel dieser „ortsspezifischen Performance“ im Weiteren gehen wird. Und dazu werden in einem Buddelkasten am Rande des Görlitzer Parks mit Paletten und Metallstangen auch Schienen verlegt. Ein Prozedere, das sich an den folgenden Tagen immer wiederholen wird.

King Bethel, Teil 1 Foto: St. B.

King Bethel, Teil I – Foto: St. B.

King Bethel Strousberg im weißen Frack, in der Gestalt des sonst stummen Musikers Leigh Jonathan Thomas, wird in einer Art Schatztruhe auf Rädern über diesen provisorischen Schienenstrang geschoben. Sein Leben entsteht in Erzählungen, Spielszenen und kleinen Moritaten wie dem „Choo, Choo Sham!“ (Eisenbahnschwindel), einer Art Präludium, das, auf einem kleinen Flügel vorgetragen, zum alles verbindenden musikalischen Hauptthema des Stückes wird. Es geht um die Anfänge Strousbergs, seine erste Maschinenfabrik in Hannover-Lenden und dem von ihm errichteten Musterstädtchen, das bei einer Art imaginierten Führung bildlich aus Pappe vor uns entsteht. Der Wohltäter King Bethel, der seine Nähe zu den Arbeitern betonte und sie sogar als „Schwingen des Kapitals“ bezeichnete, schloss das Werk in Hannover allerdings nach einer ersten Krise sofort und zog nach Berlin.

King Bethel Teil II. Die kleine blaue Lokomotive - Foto: St. B.

King Bethel, Teil II. Die kleine blaue Lokomotive – Foto: St. B.

Hier finanzierte er mit Hilfe von Aktienverkäufen z.B. den Bau des Görlitzer Bahnhofs, baute die erste Markthalle und wurde von Friedrich Engels bereits zum neuen Kaiser von Deutschland geadelt. Der 2. Teil, der wie ein lustiger Kindertheaternachmittag beginnt, und von der Willenskraft der kleinen blauen Lokomotive aus einem gleichnamigen Kinderbuch berichtet, führt das Publikum spielerisch an die schwierig zu verstehenden Zusammenhänge und Finanzierungspraktiken Bethel Strousbergs heran. Es treten ein erster Gastarbeiter Mr. Spider und die schlauen Anwälte Herr Fuchs und Herr Igel auf, die Spider einen imaginären Phantasietaler überreichen. Dazu philosophiert Kant, der andere große Ostpreuße aus Königsberg und Experte für gesunden Menschenverstand, über die Vorstellungskraft und den Satz vom Widerspruch. Apriori oder a posteriori, mit der Kraft der Imagination und Phantasie lässt sich auch eine hohe Parkmauer bezwingen, wie dieser sehr unterhaltsame Nachmittag beweist.Im Teil 3 geht es dann noch um die globalen Unternehmungen Strousbergs. In einer fiktiv satirischen Rede des osmanischen Botschafters spricht Katrin Beushausen von den Bestrebungen des Eisenbahnkönigs um 1868 eine Bahn nach Istanbul zu bauen. Er nutzte dazu wiederum seine Beziehungen zum Haus der Hohenzollern, dessen Prinz Karl Eitel Friedrich Fürst von Rumänien war. Finanzierungsengpässe, Pfusch am Bau und der Russisch-Osmanische Krieg 1878-79, in dessen Ergebnis sich Rumänien unabhängig erklärte, lassen Strousbergs Expansionsträume jedoch platzen. Der Gründerkrach bringt ihn um 1879 dann schließlich ins Schussfeld nationalliberaler Reichstagsabgeordneter wie Eduard Lasker und Heinrich von Treitschke, die mit antisemitischen Ressentiments und entsprechenden Schriften Stimmung gegen die „Gier des Gründerunwesens“ und das „Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur“ machen. Treischkes Machwerk „Unsere Aussichten“ wird verteilt und das Team setzt sich Masken mit krummen Nasen auf.

King Bethel, Teil III Foto: St. B.

King Bethel, Teil III – Foto: St. B.

Strousberg landet schließlich hinter Gittern und eine Pappeisenbahn geht in Flammen auf. Im letzten Teil der Trilogie überschlagen sich die Ereignisse etwas, was sich auch im leicht chaotischen Spiel der multilingualen Truppe bemerkbar macht. Die Fäden laufen nicht mehr so zielsicher zusammen, wie noch beim Bau der Spreewaldgurkenbahn. Und wie eine Bahnlinie mit den Stationen London, Berlin, Istanbul nicht an einem Nachmittag erbaut ist, so lässt sich selbst mit den Mitteln der Imagination in einem Stündchen Theater vergleichsweise wenig an Informationen unterbringen.

Was in den letzten Jahren das Pfund war, mit dem die Truppe wuchern konnte, erweist sich nun vor den Mauern des Parks als großes Manko. Die Einengung auf ein beschränktes Areal, tut der schier grenzenlos, ausufernden Performance nicht immer gut. Ob es dem Mangel an Fördergeldern geschuldet ist, oder den in Kreuzberg allgegenwärtigen Mechanismen zwischen Migration, Integration und Verdrängung, die das Stück ja auch indirekt thematisiert. Egal, was das Performanceteam daraus machen, ist in jedem Fall sehenswert. Es ist den Machern von Shakespeare im Park auf jeden Fall zu wünschen, dass es auch im nächsten Jahr mit ihrem stadtteilerkundenden Spiel weitergeht.

King Bethel. Der Musiker Leigh Jonathan Thomas - Foto: St. B.

King Bethel. Der Musiker Leigh Jonathan Thomas – Foto: St. B.

„Disconto is the New World Esperanto…”
(Shakespeare im Park)

Letzte Termine:

Teil I: So, 25.8 (16h)
Teil II: Sa, 24.8 (19h)
Teil III: Fr, 23.8 (19h)

Ort: Görlitzer Park, Berlin
Wiener Str. Ecke Görlitzer Ufer,
an der äußeren Parkmauer
Der Eintritt ist frei.

zur Livekritik

***

„Forest: The Nature of Crisis“ – Im romantisch verwunschenen Müggelwald lässt Constanza Macras die Krise tanzen.

„In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in der Verbindung mit dem Ganzen steht.“ Johann Wolfgang Goethe

Die Idee, die satten Kulturgroßstädter im Sommer raus aufs Land zu bringen, ist nicht neu. Es ist noch nicht allzu lange her, dass bei sogenannten Landpartien willige Bildungsbürger Berlins eingesammelt und mit Bussen nach Groß Leuthen, Neuhardenberg oder sonst wohin ins Brandenburgische gekarrt wurden. Meistens klingt das irgendwie nach romantischer Sommernacht in einem abgelegenen Wasserschloss mit angeschlossenem Park, wo feenhafte Wesen auf Ruderboten bei Fackelschein Goethe, Shakespeare, Nietzsche oder Selbstgedichtetes zur Laute deklamieren, während sich das geneigte Publikum am Ufer des Sees bei einem guten Tropfen Wein und Mitgebrachtem aus dem Picknickkorb niederlässt. Als Kontrastprogramm dazu gibt es moderne Kunst in alten ruinösen Gemäuern zu sehen. Das Ganze nennt sich dann Rohkunstbau, und findet immer noch in abgelegen Schlössern im Umland von Berlin statt. Dazu aber vielleicht später noch mehr.

Der Müggelturm - Foto: (c) Andreas Steinhoff

Der Müggelturm – Foto: (c) Andreas Steinhoff

Nicht ganz so deliziös und leicht verdaulich ist die Kost, die uns ebenfalls ab dem 10. August die Choreografin Constanza Macras mit ihrer Tanzcompany „DorkyPark“ im Köpenicker Müggelwald auftischt. Sie bringt die allgegenwärtige Krise samt krisengeschütteltem Kunstpersonal in die Natur. Das nennt sich dann „Forest: The Nature of Crisis“ und stützt sich wohl auf die Theorie vom naturgegebenen Zyklus des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Das Gesetzmäßige dieses zyklischen Auf und Abs lässt sich schon bei Karl Marx nachlesen. Constanza Macras, sonst an der Schaubühne aktiv, interessiert sich nun für die Umsetzung dieser Bewegung in modernen Tanz. Wobei ihr das Gelände am Teufelssee um das stillgelegte Ausflugslokal Müggelturm eine kongeniale Umgebung zu sein scheint. Nur das dieses kriselnde ostdeutsche Vehikel eher eine wendebedingte Altlast darstellt, und nun in Zeiten des allgemeinen Investitionsstillstands wohl endgültig in seinem andauernden Dornröschenschlaf dahindämmern wird.

Nun ist das Gelände wenigsten zeitweilig durch Musenkuss erweckt, und muss sich gleich einer ungewohnt hohen Anzahl nach Kunst gierender Eindringlinge erwehren, die mit Klapphockern, Taschenlampen und mehr oder weniger tauglichem Schuhwerk ausgerüstet, über die alten Waldwege trampeln. Einem Herdenauftrieb gleich strömt das Volk den Weg zum Müggelturm und zur ersten Station der Krisenperformance hinauf, während links im Wald die ersten Opfer gesichtet werden, die schreiend den Hang hinunter stürzen. Oben stehen Dixiklos. Erstaunlicherweise muss nur ich. Das Sturzbier beim Rübezahl-Biergarten am Müggelsee, der pünktlich um 19:00 Uhr schließt, drückt. Jetzt fängt es zu allem Übel auch noch an zu regnen. Das musste ja bei dem andauernden schönen Wetter mal so kommen. Erste Regenschirme werden aufgespannt, während wir an der Prinzessin auf der Erbse, die sich albtraumartig räkelt (sie drückt vermutlich eher der eingenähte Notgroschen), einem herumspringenden Zottelwesen und einem freundlich winkendem Menschen mit Wolfskopf vorbeigehen. „Es wird Ihnen nichts passieren.“ verspricht er fröhlich.

Forest_Eingang

Treffpunkt am Rand des Müggelwaldes zu „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras. – Foto: St. B.

Da bin auch ich froh und ziehe den Reißverschluss meiner Regenjacke bis unters Kinn zu. Auf einer Waldlichtung sitzen einige der Performer und blasen auf Mundharmonikas Krisensound, während sich Tänzerinnen über den Waldboden drehen, winden und das Haar schütteln. Wir sind zweifellos bei Rapunzel angekommen, wie das Programmheft verheißt. Dazu singt schaurig schön eine Sängerin Schumannlieder, wie Heinrich Heines „Lotosblume“ („Der Mond, der ist ihr Buhle…“) und anderes. Ein Mondlicht ist leider nicht zu sehen. Dafür gibt es jetzt moderne Märchen vom armen Jazzdance Teacher und bösen ausbeuterischen Pizza Master sowie dem Schneewittchen, das heute eine Studentin aus Zaragossa ist, Drogen nimmt, sich für eine Eigentumswohnung schwer verschuldet und eine böse Stiefmutter mit Hang zur plastischen Chirurgie hat. Und der Apfel, der Schneewittchen vergiftet, ist zwar Bio, aber mit Quecksilber belastet. Da hilft wohl nur eine Rückkehr zu den Zeiten vor der großen Depression in den USA. Aber auch das kann Schneewittchen nicht wirklich erwecken. Das ultimative Ziel ist da ein starkes widerstandfähiges Ego, wie wir lernen.

Die nächste Station lädt zu einem ebenfalls recht ironischen Ausflug in die Historie des John Law, einem Ökonomen und Banker der ersten Stunde, der, in England in Ungnade gefallen, Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankreich Papiergeld, Kreditwirtschaft- und Aktienhandel einführte und somit die wundersame Vermehrung von Reichtum. Irgendetwas scheint aber damals schon schief gegangen zu sein. Während heutzutage, auch ganz ohne Regen, ein Rettungsschirm nach dem anderen aufgeht, musste Law mal wieder das Land verlassen und verfiel dem Glücksspiel. Kommt einem trotzdem irgendwie bekannt vor. Sich regen, bringt Segen. Und wohl auch deshalb wird wieder getanzt und auf dem Klavier erklingt Richard Claydermans romantische „Ballade pour Adeline“, bevor wir mit dem gestörten Ökosystem der Großstädte, den globalisierten Wegen des Grünen Punkts und der Müllmafia, die unseren Plastikabfall im Indischen Ozean verklappt, konfrontiert werden. Voyage voyage oder der Mensch wird zum Survivalist in einer Welt aus giftigen Plastikgeräten. Thanks BP.

Forest_Blockhaus2

Im verwunschenen Müggelwald. „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras. – Foto: St. B.

Vor der Ruine des Ausflugslokals am Müggelturm angekommen, haben derlei lehrreiche Abhandlungen dann erst mal Pause und die Truppe tanzt wild über den Betonparkplatz, während der Himmel die Schleusen weiter öffnet. Wohl auch deshalb geht es ziemlich schnurstracks zur letzten Station von Constanza Macras „Tour de force de la crise dans marche de la nature“ durch den mittlerweile ziemlich dunklen und rutschigen Müggelforst. Vom Teufelssee her winken feenhafte Gestalten. Das kennt man ja schon als alter KulTourist, und streut schon mal vorsichtshalber Kiesel auf den Weg, um den Abzweig zur Straße nicht zu verfehlen. Auf einer erleuchteten Waldlichtung sitzt eine Performerin und erzählt dann tatsächlich die Geschichte von Hänsel und Gretel, nur unter ganz anderen Vorzeichen, als noch bei den Brüdern Grimm. Die zwei werden hier von der Stiefmutter zum Betteln nach Buenos Aires gebracht und merken sich den Rückweg an den vielen Werbeplakaten. Als die in Folge der Krise immer mehr aus dem Stadtbild mit seinen Häuserschluchten verschwinden, treffen unsere hungrigen Kids wieder auf den Pizza Master und Hänsel übernimmt, nachdem er aus diesem Traum erwacht, einen Job als Pizzabote und Gretel als Mädchen für alles. Und wenn sie nicht gestorben sind, werden sie bestimmt in nicht allzu langer Zeit reich sein.

Wie um diese ironische Aussicht zu brechen, bewegt sich der ganze Pulk der Performer noch einmal in verstörenden Choreografien der Anziehung und Abstoßung, einem nicht enden wollenden Auf und Ab der krisengeschüttelten Körper. Dazu spielt die Live-Band 80er-Jahre-Rock und Wave-Musik bis die düstere Ballade vom Erlkönig die Show beendet. Und da gibt es tatsächlich nicht mehr viel zu sagen, wie eine Frau im Regen allein am Flügel konstatiert. Der Städter ist wieder mit sich allein und kämpft sich den dunklen Waldweg in Richtung Zivilisation zurück, die er spätestens an der Straße wieder erreicht hat. Und auch wenn die Krise hier recht leicht abperlt, wie der flüchtige Regen, und vorerst abgeschüttelt scheint, wird einiges der Performance sicher noch nachwirken. Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht…

Rübezahl - Foto St. B.

Rübezahl.
Foto: St. B.

Darauf schwiegen die Vögelein im Walde.
Über allen Wipfeln ist Ruh
In allen Gipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.

Bertolt Brecht nach Goethes „Ein Gleiches“

Siehe auch die Livekritik vom 16.08.13

Keine weiteren Termine mehr in Berlin.

________

Festivalsommer 2013 (4) – Shakespeare, Brecht, Molières und Co. in den Open-Air-Theatern in und um Berlin. (Teil 2)

Sonntag, August 11th, 2013

___

Das Hexenkessel Hoftheater in Berlin-Mitte und die Woesner Brothers auf dem Pfefferberg versuchen sich mehr oder minder erfolgreich am „Amphitryon“ von und nach Molière

„Man kann ein anständiger Mensch sein und doch schlechte Verse machen.“ Jean-Baptiste Molière (1622-1673)

Das Amphitheater des Hexenkessels im schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum - Foto: St. B.

Das Amphitheater des Hexenkessels in schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum. Foto: St. B.

Glänzte das Hexenkessel Hoftheater bisher ebenfalls meist mit Shakespeare-Werken, hat man sich in den letzten Jahren immer mehr der Commedia dell’arte von Carlo Goldoni oder dem französischen Komödiendichter Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, zugewandt. Besonders mit Stücken Molières wie „Der Geizige“, „Don Juan“ und „Der eingebildete Kranke“ konnte die Truppe unter ihrem Leiter Christian Schulz immer wieder ihr Publikum begeisterten. In diesem Jahr will es der Zufall, dass es zu einer wunderbaren Doppelung kommt, und sich der Hexenkessel im Amphitheater am Monbijoupark mit den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg messen muss. Eine wundersame gottgewollte Verdoppelung der Protagonisten ist dann auch das Thema der Molièreschen Bearbeitung der antiken Sage des „Amphitryon“. Der Feldherr Thebens wurde während seiner Abwesenheit durch den Göttervater Zeus in Gestalt des Aphitryon gehörnt. Seine Frau Alkmene gebar daraufhin den antiken Helden und Halbgott Herakles. Es sind fragmentarische Stückfassungen des griechischen Tragödiendichters Sophokles und des römischen Komödienschreibers Plautus überliefert.

Grundlage für Molières Verwechslungskomödie „Amphitryon“ dürfte die Tragikomödie des Plautus gewesen sein. Davon zeugen die römischen Bezeichnungen des Gottes Jupiter und seines Begleiters und Sohnes Merkur. Beide versetzen sich zum Spaß in die Gestalten des Feldherrn Amphitryon und dessen Dieners Sosias und nähern sich während deren kriegsbedingten Abwesenheit der ahnungslosen Alkmene. Was in Folge zu einiger Verwirrung führt, als erst Sosias mit der frohen Kunde des Sieges und später der gehörnte Ehemann Amphitryon selbst unverhofft in Theben auftauchen. Das Stück wurde bisher von einigen Dichtern wie dem Deutschen Peter Hacks oder den Franzosen Jean Rotrou (Les Deux Sosies) und Jean Hyppolyte Giraudoux adaptiert. Es ist in mehrfacher Bearbeitung immer wieder Stoff für großen Jux und Tollerei gewesen und inspirierte sogar den deutschen Dichter Heinrich von Kleist zu philosophischen Betrachtungen über das Ich. Mit dem Sturz der Protagonisten in die Identitätskrise gab Kleist der Komödie des Molière das tragische Moment zurück.

Theater Hexenkessel - Amphitryon Theater Hexenkessel - Amphitryon

„Amphitryon“ vom Hexenkessel Hoftheater
Fotos: Bernd Schönberger

Amphitryon_Hexenkessel_Sosias

Vlad Chiriac als Sosias. Foto: St. B.

Im Hexenkessel muss der Zuschauer aber nicht befürchten mit trockener Philosophie gequält zu werden. Das ist die Sache der komödienerprobten Darsteller nicht. Die moderne Fassung von Carsten Golbeck (Text) und Sarah Kohrs (Regie) gibt klar dem Spaß an der Unterhaltung den Vorrang. Und so haben dann auch die beiden Götter Jupiter (Milton Welsh) und Merkur (Roger Jahnke) zunächst ganz menschliche Wünsche und Schwächen. Der Verführer im fliederfarbenen Wams brüstet und sonnt sich in seiner Manneskraft und schiebt den zu kurz gekommenen Sohn Merkur zur Wache ab. Dieser mit einem leichten Vaterkomplex Ausgestattete lässt seinerseits den Frust am heimgekehrten Diener Sosias aus, dem er in seiner Gestalt nicht nur den Verstand, sondern gleich auch noch die Identität raubt. Vlad Chiriac ist der geborene Komödiant und spielt seinen Sosias als bauernschlauen Schwejk, der sich zwar oft um Hals und Kragen redet, aber mit viel Witz auch immer wieder aus misslicher Lage befreien kann. Dafür erntet er sehr viel Sympathie und Szenenapplaus und avanciert zu Recht in der Gunst der Zuschauer zum heimlichen Publikumsliebling.

Matthias Horn als Amphitryon gibt mit stoischer Vehemenz den rumpelnden Feldherrn gleichermaßen wie den sich missverstanden fühlenden, aufbrausenden Ehegatten. Nach der Enthüllung des Jupiters ist er es auch, der sich als erster wieder fängt und einen zählbaren Vorteil aus dem Götterfehltritt zu schlagen weiß. Alkmene (Claudia Graue) und Clea (Carsta Zimmermann) sind nicht nur schmückendes, weibliches Beiwerk, sondern dürfen so manches Wortgefecht mit den sich windenden oder prahlenden Mannsbildern austragen. Clea versucht sogar als eine Art orakelnde Schamanin, die schlechten Vibes mit probaten Zaubermittelchen zu vertreiben. Aus der Identitätsverwirrung und dem leidigen Geschlechterkampf weiß das spielfreudige Ensemble jedenfalls so manchen Funken zu schlagen. Man kann hier zumindest erahnen, was Kleist einst an Molières Komödie so interessiert hat. „Ich war noch nie icher“ ist dann auch der Spruch des Abends. Und die Hexenkesseltruppe war mit Sicherheit auch schon lange nicht mehr so sicher bei sich, als mit diesem „Amphitryon“. Ein großes Vergnügen, ihnen dabei zusehen zu dürfen.

Amphitryon_Hexenkessel_alle Beifall Foto: St. B.

Amphitryon im Amphitheater am Monbijoupark
bis 31. Aug., Di – Sa, 19.30 Uhr

***

Etwas neben sich scheinen dagegen die Woesner Brothers beim Schreiben ihrer eigenen Fassung der Molièreschen Komödie gestanden zu haben. Mit „Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ schrammen die Meister des gerührten Schüttelreims hart an der Gürtellinie des guten Geschmacks vorbei. Hier erheben sich auch keine fünffüßigen Jamben mehr. Man (und vor allem Frau) kriecht bevorzugt auf allen Vieren, wackelt mit dem Hinterteil, kräht und meckert oder gibt sich Tiernamen. Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza), wie sich das gleichermaßen liebestolle wie betrogene Paar aus dem schönen Theben beim Kosenamen ruft, scheinen auch ähnlich wirkende Substanzen eingeworfen zu haben, und geben sich dementsprechend aufgeputscht albern, übergriffig oder leicht tapsig und bräsig. In Kostüm und Gestus scheint das Ganze einem Asterix-und-Obelix-Comic a la „Die sind verrückt, diese Römer“ entlehnt. Es herrscht der gepflegte Herrenwitz und Unterleibshumor, der bevorzugt mit der Gummikeule ausgeteilt wird. Das haut selbst einen strammen Jupiter (Gideon Rapp) mit angeklebtem Kaiser-Wilhelm-Bart aus den Sandalen.

Amphitryon_Woesner Brothers3

„Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ von den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg. Foto: St. B.

Etwas konsterniert flieht dann auch ein Teil, vor allem des weiblichen Publikums, den Abend in der überflüssigen Pause. Der Rest spricht im, trotz Edelrestaurantverdrängung, immer noch recht lauschigen kleinen Biergarten auf dem Pfefferberg alkoholhaltigen Flüssigkeiten zu und haut sich weiter tapfer auf die Schenkel. Jedoch auch nach der Pause will es nicht mehr sehr viel besser werden. Schlapp gemacht oder Schlappgelacht? „Wir sind die letzten Hänger der Legion“ ist der Hit des Abends. Leider ein Tiefpunkt der aktuellen Open-Air-Theatersaison. Da hilft auch keine Peitsche schwingende Lederdomina mehr. Einziger Lichtblick: Was der Sosias fürs Amphitheater ist der Merkur für die Woesner-Variante. Franz Lenski als kleiner fieser Intrigant hängt hier den Ossibeuteligen Dummbatzen Sosias (Peter Princz) mit großartig gespielter Leichtigkeit ab. Und sein Weib Cleantis, Sabine Weitzel im Putzkittel, darf derweil die Bretterbühne abfegen. Der Rest ist schnell erzählt. Zum Schluss bekommt auch jeder noch so täppsche Topf seinen passenden Deckel.

Der Pfefferberg am Senefelder Platz, Prenzlauer Berg. - Foto: St. B.

Der Pfefferberg am Senefelder Platz. Foto: St. B.

Das ist weder doppeldeutig noch irgendwie identitätsverwirrend, sondern nur noch nervtötend und geht auch als verunglückte Parodie auf triebgesteuerte Götter- und Menschenwesen nicht mehr wirklich durch. „Ach, hätten doch die Götter die Frauen nie erschaffen! Denn allzu oft macht sich der Mann um ihretwillen zum Affen.“ Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, außer: „Wer reimend eine Öse schweißt, verhakt sich im Gewoese meist.“ Auch einen Shakespeare haben die Woesners zu allem Überfluss noch im Angebot. Eine Romeo-und-Julia-Variante auf queer. „Chaos in Verona“ erzählt die angeblich wahre Geschichte von Romeo und Julius. Der Rezensent hat sich die Probe aufs Exempel vorsichtshalber erspart, weiß aber von einigen positiven Publikumsreaktionen. Das Ding scheint tatsächlich wesentlich besser zu laufen, als die albtraumartig erotisierten Götterstreiche. Am 20. September wird dann auch die fertiggestellte „Sch(w)ankhalle“ auf dem Pfefferberg mit einer Komödie der Woesner Brothers eingeweiht. „Zur Hölle mit Faust“. Wir können es kaum noch erwarten, den alten Goethe mal endlich richtig in Grund und Boden zu lachen. Ehrlich!

Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza) - Foto: St. B.

Juliane Gregori, Eddi Burza. Foto: St. B.

„Amphitryons Albtraum
oder Die tolldreisten Streiche
erotisierter Götter“
bis 13. Sept.
Di – Sa, 20:00 Uhr
auf dem Pfefferberg,
im Wechsel mit
„Chaos in Verona –
Die wahre Geschichte
von Romeo und Julia“
.

***

Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
An Tier und Vögeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Johann Wolfgang Goethe, Faust I, Vorspiel auf dem Theater

***

Der Text ist auch als livekritik.de erschienen.

zu Teil 1

_________

Festivalsommer 2013 (4) – Shakespeare, Brecht, Molière und Co. in den Open-Air-Theatern in und um Berlin. (Teil 1)

Freitag, August 9th, 2013

___

„die engländer und franzosen haben nach dem 17. jahrhundert nur noch die komödie, die deutschen haben sie im 19. jahrhundert noch nicht.“ Bertolt Brecht

Das Angebot an Open-Air-Theater ist in diesem Jahr so vielgestaltig wie selten. Und man kann dem schönen Wetter nur danken, dass es einem genügend trockene Abende gönnt, die man bei erfrischender Theaterkunst und leichter Komödie im Freien verbringen kann. Ein buntes Menü an Komödien ist es auch meist, was man da bevorzugt vorgesetzt bekommt. Vor allem Molière, Goldoni und natürlich Shakespeare eignen sich am besten, das vergnügungswillige Volk bei der Stange zu halten. Aber auch die sogenannten Königsdramen des auf deutschen Bühnen meistgespielten elisabethanischen Dichters bieten mitunter ein nicht geahntes komödiantisches Potential. Eine Frage stellt sich dabei in erster Linie sofort: Darf man das?

Richard III! von der Shakespeare Company Berlin im Naturpark Schöneberger Südgelände – Ein Wahnsinns-Solo mit Schlagzeugbegleitung für den Schauspieler Andreas Petri.

Shakespeare in Grün. Eingang zum Naturpark Südgelände. Foto: St. B.

Shakespeare in Grün. Eingang zum Naturpark
Schöneberger Südgelände. – Foto: St. B.

Wenn man es wie die Berliner Shakespeare Company macht, lautet die Antwort unbedingt: Ja! In ihrem Domizil im Naturpark Schöneberger Südgelände bietet das Ensemble um den künstlerischen Leiter Christian Leonard neben den üblichen Komödien-Highlights in diesem Jahr auch mit „Macbeth“ und seit dem 31. Juli mit „Richard III!“ zwei der blutigsten Dramen, voll von machthungrigen, intriganten und gedungenen Königsmördern. Ein Manko bei den nicht gerade kurzen und an Rollen überreichen Shakespearestücken ist das meist begrenzte Schauspielpersonal der recht kleinen Open-Air-Ensembles. Gerade diese Not macht sich die Shakespeare Company nun zur Tugend. Der Schauspieler Andreas Petri bestreitet das Drama einfach im Alleingang. Ihm zur Seite stehen nur noch ein Musiker (Matthias Trippner), zwei Schlagzeuge, diverse recht einfach zu handhabende Requisiten und ein unbestreitbar komödiantisches Talent zur schnellen Verwandlung.

Verstellung ist es auch, was den Schurken Richard, Herzog von Gloster und drittgeborener Sohn des Dukes of York vor allem ausmacht. Sowie sein unbedingter Wille zur Macht, koste es was es wolle. Das 1597 von Shakespeare geschriebene Drama „Richard III.“ steht am Ende einer vierteiligen Folge von Königsdramen, genannt die „Yorktetralogie“ oder auch „Die Rosenkriege“, was selbst gekürzt am Stück gespielt in etwa einen Tag in Anspruch nehmen würde. Es stellt das Ende des Hauses York im Kampf gegen das Haus Lancaster dar und den Beginn einer bis hin zu Elisabeth I. zu Lebzeiten Shakespeares reichende Zeit der Tudors. Entsprechend harsch geht die Geschichte auch mit dem unterlegenen Geschlecht der Yorks um. Die Krönung im wahrsten Sinne des Wortes stellt der „blutige“ Richard dar.

Richard III! von der Shakespeare Company - Foto: René Löffler

Richard III! von der Shakespeare Company Berlin
Foto: © René Löffler

Ein Ruf, der ihn bis in unserer Zeit verfolgt und erst mit der Auffindung der Gebeine „Richards III.“ jüngst unter einem Parkplatz in Leicester mal wieder etwas relativiert wurde. Eine von dessen unbestreitbaren Eigenschaften nimmt sich jedoch die Shakespeare Company zum Thema. Und zwar die niemals endende menschliche Gier nach Macht und Machterhalt, dargestellt als teuflischer Spaß am Morden. Richard, einer der Urväter des Bösen, der in uns schlummernden schwarzen Seele, möchte man meinen. Denn Leichen pflasterten buchstäblich seinen Weg zur Krone Englands. Über 500 Jahre ruhte seine Leiche unter dem mit Geschichte und Geschichten beladenen Pflaster eines Parkplatzes und somit mitten unter uns. (Auszüge nachzulesen im Programmheft zur Inszenierung der polnischen Regisseurin Iwona Jera.)

Es setzt einiges an Stückkenntnis voraus, wenn man den Windungen und Volten der hier dargebotenen Story folgen will. Shakespeare macht es uns auch im Original nicht gerade leicht. Auf das Wesentliche gekürzt, lässt sich die Handlung des Stückes nicht mehr ohne weiteres nachvollziehen. Zum besseren Verständnis zählt Andreas Petri zu Beginn erst mal alle Figuren des Dramas mit Paukenschlag auf. Nebst einem Hund, einem Entenschwarm und natürlich einem Pferd, was Petri dann im Folgenden auch tatsächlich sehr witzig in die Inszenierung einbaut. Der eigentlich missgebildete Richard ist bei Petri allerdings kein finsterer, buckliger Hinkefuß, sondern ein sehr wendiger und geschmeidiger Intrigant im schwarzen Hemd, der seine Umgebung geschickt zu manipulieren weiß und sein Ziel, im Eingangsmonolog erklärt, stringent verfolgt. Er ist dabei selbst „gewillt, ein Bösewicht zu werden.“ Erste Opfer seines Griffs nach der Krone sind die Brüder Clearence, ein tumber Stotterer, und König Edward IV., den Petri als bräsig larmoyanten Schwächling mit Stoffhut unter der Krone spielt. Der eine endet im Wassereimer, der andere stirbt bei der Überbringung der Todesnachricht röchelnd am Herzinfarkt.

Richard III-2

Andreas Petri in „Richard III!“
Shakespeare Company
Foto: © René Löffler

Und so geht es weiter. Petri springt von einer Rolle in die nächste, schwitzt, stammelt, lispelt oder setzt die Worte pointiert. Zeigt Wendigkeit und Verstellungskraft, um alle anderen Figuren des Dramas im schnellen Wechsel der Requisiten mit Hut, Halskrause, Umhang oder Badekappe darzustellen. Die Lords Hestings, Rivers, Buckingham, Boten, den Bürgermeister von London oder den Mörder Tyrell, er hat sie alle drauf, gibt jeder Figur ein ganz spezielles Gepräge. Erscheinen sie dabei wie austauschbare Knallchargen, sind sie doch vor allem auch Geschöpfe Richards Manipulation, befinden sich in seiner Hand und springen dabei früher oder später über seine Klinge. Einem Beatstick, den Petri kräftig am Schlagzeug einsetzt, gegen seine Feinde oder auch verschlagen bei der Werbung um seine künftige Gemahlin Lady Anna. Das eine zu besitzen, um es zu behalten, das andere um es bei nächster Gelegenheit schnell wieder loszuwerden.

Eine kleine rollbare Showtreppe ist Thron, Richtblock oder Gepäckwagen bei der Ankunft der beiden kleinen Prinzen, die ihren Onkel foppen und von ihm herzig in die Wange gekniffen werden. Nach dem Mord an ihnen ist der Weg frei. Nach einer kurzen Pause wird ein roter Teppich ausgerollt und unter Trommelwirbel besteigt Richard, nun im roten Hemd, den Thron und setzt sich die goldene Pappkrone auf. Das Ende ist bekannt. Auch er wird verraten werden und stürzen. Der neue König Richmond steht schon bereit. So hetzt denn Petri durch den Stoff, und bei allem Spaß daran, will uns nicht wirklich aufgehen, worauf dieses Wahnsinns-Solo hinauslaufen soll, außer auf eine Spielwiese für einen begnadeten Komödianten.

Weit Anlauf genommen und doch etwas zu knapp gesprungen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Etwas zu kurz gekommen sind auf jeden Fall die Frauenrollen. Wie auch in der ein- oder anderen Szene etwas mehr drin gewesen wäre, als nur ein gut gemachter Slapstick. Die Witwe Heinrichs des VI., Margarete von Anjou, ist gar gänzlich gestrichen. Was uns um die einzige Figur bringt, die nicht einfach Richards Täuschungen verfällt, und ihn letztlich mit dem Fluch belegt, der ihm auch hier noch einmal kurz vor seinem Ende alle seine Opfer im Traum erscheinen lässt. „Denk‘ in der Schlacht an mich … Verzweifl‘ und stirb!“ Und auch das berühmte Pferd nimmt noch unerwartete Gestalt an, bevor Richard fällt und sich mit einem neu hineingeschmuggelten Schlussmonolog von Martin Engler verabschiedet. „Alles Blut getrunken ward. Trinkt auf mich, / Auf meine Braut Vernichtung. / Bis nur Reinheit bleibt.“ Bei einem guten Glas Rotwein danach, lässt sich trefflich darüber sinnieren. In diesem Sinne, Prost und Amen!

richard.indd

Die nächsten Termine für
RICHARD III!

  • 11.08.13, 19:00 Uhr
  • 12.08.13, 20:00 Uhr
  • 25.08.13, 19:00 Uhr
  • 26.08. und 27.08.13, 20:00 Uhr
  • 08.09.13, 19:00 Uhr
  • 09.09. und 10.09.13, 20:00 Uhr
  • 16.09.2013, 20:00 Uhr

Zur Livekritik von RICHARD III!

***

Hans im Glück – Das Ton und Kirschen Wandertheater spielt die Fragment gebliebene Parabel von Bertolt Brecht auf einer Wiese an der Havel in Werder.

In der bewegten Luft
bewegt der Mond seine Arme
und zeigt, schlüpfrig und rein,
seine Brüste aus hartem Zinn.

aus: „Romance de la Luna, Luna” von Federico Garcia Lorca

Der Mond hat es den Machern des Ton und Kirschen Wandertheaters besonders angetan. Noch vor zwei Jahren gastierten sie mit dem Stück „La Luna, Luna“, über den spanischen Lyriker und Dramatiker Federico Garcia Lorca in der UfaFabrik Berlin. Der Mond (La Luna), im spanischen weiblich, steht bei Lorca einerseits für die Liebe anderseits auch für den Tod („La luna y la muerte“), ein antropomorphes Wesen mit elfenbeinernen Zähnen. „Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“, sagt der Hans aus der neuen Produktion des Ton und Kirschen Wandertheaters „Hans im Glück“, bevor er selbst sein Leben dran gibt. Am Ende der Inszenierung des Brecht-Fragments fliegt eine Gans aus Blech durch eine rostige Mondscheibe. Die Träume des naiven Glückssuchers haben sich nicht erfüllt.

Der junge Brecht - Foto: Staats-und-Stadtbibliothek-Augsburg

Der junge Brecht
Foto: Staats-und-Stadtbibliothek-Augsburg

Aber nicht nur in Sachen Mond, so scheint es, bestehen Parallelen zwischen Lorcas Lyrik und den Werken des jungen Brecht, der sich mit 22 Jahren an der Adaption des bekannten Märchens der Gebrüder Grimm versuchte. Lorcas Dichtung und seine Dramen stehen stark in der Tradition der Geschichte des spanischen Volkes und setzen sich mit deren Mythen und Märchen auseinander. Auch Brecht experimentierte immer wieder mit den Elementen des Volksstücks. Es kam ihm aber nicht darauf an, einfach nur besonders volkstümlich zu sein, sondern wahrhaft volkstümlich zu werden. Dabei räumte Brecht mit dem falschen Pathos des Volkstümlichen auf und befreite den Begriff von allem unhistorischen Traditionalismus. „Das Volk, das die Dichter, einige davon, als seine Sprechwerkzeuge benutzt, verlangt, daß ihm aufs Maul geschaut wird, aber nicht, daß ihm nach dem Maul gesprochen wird.“ Volkstümlich bedeutete für Brecht: „…den breiten Massen verständlich, ihre Ausdrucksform aufnehmend und bereichernd / ihren Standpunkt einnehmend, befestigend und korrigierend / den fortschrittlichsten Teil des Volkes so vertretend, daß er die Führung übernehmen kann,…“ (aus: Schriften zum Theater IV).

Hans (Rob Wyn Jones) und die Gans. Foto: St. B.

Hans (Rob Wyn Jones) im Glück. – Foto: St. B.

Diese Intension scheint sich für ihn bei dem Versuch, den Märchenstoff der Brüder Grimm zu einer Parabel umzuarbeiten, so nicht erfüllt zu haben. Er gab die Arbeit daran schließlich auf. „Hans im Glück mißlungen, ein Ei, das halb stinkt.“, lautet das eigene, vernichtende Fazit in Brechts Tagebuchaufzeichnungen. Mit dem Volksstück setzte sich Brecht dann wieder in seinen Schriften zum Theater sehr ausführlich und kritisch in Zusammenhang mit der Entstehung des Stücks „Herr Puntila und seich Knecht Matti“ auseinander. Sein früher Versuch „Hans im Glück“ aus dem Jahr 1919 ist aber durchaus das Unterfangen einer Inszenierung wert. Handelt es sich doch hierbei um einen ziemlich guten Mix all dessen, was den jungen Brecht damals umtrieb und sich in seinen frühen Werken mal besser oder schlechter niederzuschlagen suchte.

Besonders vom derb frivolen Ton der sketchartigen Einakter wie „Die Kleinbürgerhochzeit”, „Er treibt einen Teufel aus“ und „Der Fischzug“, sowie dem bauernschlauen, der parabelhaften „Der Bettler oder Der tote Hund“ und „Lux in Tenebris“ ist das Stück förmlich durchdrungen. Auch sind der Einfluss Karl Valentins und die Verehrung Brechts für den Münchner Komiker deutlich spürbar. Bei all dem volksnahen, märchenhaften Charakter von „Hans im Glück“ verliert Brecht aber nie den Blick für die Realität. Er dekonstruiert geschickt die schöne Mär vom glücklichen Hans, der sich nach und nach von alle seinen Besitztümern befreit. Was jedoch am erstaunlichsten ist, auch das Ungestüme und Expressionistische des „Baal“, an dem Brecht 1919 parallel arbeitete, zeigt sich im Schicksal von Hans, der zum Ende seines Runs nach Glück, Freiheit und Freundschaft unter die Diebe und Halsabschneider fällt. Eine ganz zeitlose Geschichte, mit vielen kleinen versteckten Wahrheiten. Ein wahrhaft faules Ei, das es neu auszubrüten gilt.

Hans im Glück_Kapelle

Hans im Glück – Ein wundersame Mischung aus Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater und Musik. – Foto: St. B.

Für das Ton und Kirschen Wandertheater ist das genügend Futter für eine ihrer typischen Inszenierungen aus einer Mischung von Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater, Musik, Bühnenbild- und Objektkunst. Auf einer Wiese neben der Havel in Werder sind eine kleine Bretterbühne mit Stühlen und Blümchentapetenwand, die Hans‘ Behausung darstellen, sowie im Hintergrund ein Portal mit Blechvorhang aufgebaut. Hans (Rob Wyn Jones) lebt hier eigentlich recht zufrieden mit seiner Frau Hanne (Tanja Watoro), bis ihm von einem schlauen Reisenden und Schürzenjäger (Richard Henschel), dessen Pferd er beschlägt, erste Zweifel ein- und die Frau abgeschwatzt werden. Auch so lebt es sich noch ganz gut in den Tag hinein. Später tauscht Hans dann bei fahrenden Händlern sein Haus gegen einen alten Campinganhänger und die Freiheit in die Welt ziehen zu können.

Hans im Glück_Rob Wyn Jones als Hans und der Freund (David Johnston)

Rad oder Rat? – Rob Wyn Jones als Hans und David Johnston als der Freund. – Foto: St. B.

Doch auch auf seiner weiteren Reise wird der gutmütige, naive Hans, der am liebsten anderen stundenlang beim Geschichtenerzählen zuhören würde, weiter übervorteilt und verliert seinen Schimmel an einen vermeintlichen Freund (David Johnston), bis er schließlich an eine geschäftstüchtige Marketenderin (Margarete Biereye) gerät, die seine Arbeits- und Manneskraft schamlos ausnutzt. Mit einfachsten aber erstaunlich wirkungsvollen Mitteln lassen Ton und Kirschen die einzelnen Szenerien fast aus dem Nichts entstehen. Dabei werden in geradezu zirzensischer Manier die Bühnenbilder auf- und wieder abgebaut.

Als dann auch noch seine, von dem Reisenden verlassene und nun schwangere Hanne wieder auftaucht, tauscht Hans für seine hungernde große Liebe das Karussell gegen eine Gans. Und während er sich noch an der Sonne und seiner fetten Gans erfreut, geht Hanne bereits ihrem düster poetischen Ende im schwarzen Fluss entgegen. All das kann Hans nicht wirklich erschüttern, ist er doch ganz durchdrungen von der ihm eingepflanzten Philosophie der Schatten- und Sonnenseiten des Lebens. Und so verschenkt er auch noch schnell seine Jacke, denn Gottes Erbarmen ist mehr wert, als ein alter Rock. Gans und Freiheit gehen schließlich für das nackte Leben drauf, was Hans, nun selbst auf der Flucht, schließlich auch noch drangibt.

Hans im Glück_Das Ende

„Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“ – Foto: St.B.

Ton und Kirschen spielen das als zauberhaften Reigen. Einen beschwingten Tanz um Leben und Tod, ganz ohne den Brecht‘schen Zeigefinger, aber mit viel Witz. Alle Darsteller zeigen hier ein lebendiges Theater, was immer in Bewegung ist. Ein „Perpetuum Mobile“, wie treffend eines ihrer erfolgreichsten Stücke heißt. Ihr Leben besteht dann auch ganz aus der Arbeit für dieses Theater. Ein Theater für alle, nicht nur für ein elitäres Publikum, wie es die Macher selbst bezeichnen. Und so war es wohl auch nur eine Frage der Zeit, dass das Ton und Kirschen Wandertheater zwangsläufig auf den jungen noch „volkstümlichen“ Brecht stoßen musste. Eine durchaus befruchtende Liaison, die geradezu nach einer Fortsetzung verlangt.

Tourdaten:

09.08. Burgpark, Burg Lenzen, 20:00
10.08. Langerwisch, Vorwerk, Neu Lagerwisch 6b, 20:00
24.08. Theater am Rand in Zollbrücke, Oderaue, 20:00
25.08. Friedenfelde (Uckermark), Salon im Gutshaus, 16:00
18./19.10. (20:00), 20.10. (16:00), 25./26.10. (20:00 Uhr), 27.10. (16:00) Fabrik Potsdam
02.11. Werder/Havel, Scala Kino, 20:00 Uhr

http://tonundkirschen.de/page/

zu Teil 2

__________

VERGESSEN UND VERGESSEN UND VERGESSEN! Oder Totgesagte leben länger (Teil 3 und Schluss) – Ein Shakespeare-Wochenende in Berlin mit Heiner Müller, Thomas Brasch und viel Musik sowie einem holografischen Nachspiel

Sonntag, Dezember 9th, 2012

___

Dimiter Gotscheff beleuchtet in „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige“ groteske Mords-Clowns auf der Bühne des DT und Katharina Thalbach bietet dem BE-Publikum mit „Was ihr wollt“ doch nur was es will

„SCHLAGT EUCH NICHT DEN SCHÄDEL EIN, ZERBRECHT EUCH LIEBER DEN KOPF“ Heiner Müller aus „Der Lohndrücker“ (1956/57)

heiner-muller_stadtbibliothek-chemnitz_sw.jpg
Heiner Müller (09.01.1929 – 30.12.1995)
© Stadtbibliothek Chemnitz 2012

— 

Der Regisseur Dimiter Gotscheff hält seit Jahren mehr oder minder erfolgreich das Andenken des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller hoch. Er wechselt dabei beständig zwischen der Berliner Volksbühne und dem Deutschen Theater, die damit beide wohl die höchste noch in Deutschland erreichbare Heiner-Müller-Dichte vorweisen dürften. In Abstreifung seiner Ehrfurcht vor dem Übervater Bertolt Brecht versuchte Müller sich mehrfach an der kritischen Hinterfragung der Lehrstückmethode Brechts wie z.B. in „Philoktet“ (1965), „Der Horatier“ (1969) und „Mauser“ (1970) oder auch im Fatzer-Fragment (1978). In „Die Schlacht“ greift Müller Brechts „Furcht und Elend des III. Reiches“ auf. Infolge der Stagnation des Sozialismus in der DDR geriet Müller in eine innere Krise und wand sich von Brecht ab und verrätselten, düsteren Zukunftsvisionen zu. Es entstehen die Stücke „Quartett“ (1981) und „Verkommenes Ufer – Medea Material – Landschaft mit Argonauten“ (1982). Aber auch schon in seiner Shakespeare-Bearbeitung „Hamletmaschine“ von 1977 kommt Müllers zunehmender Pessimismus zum Ausdruck. Das brachte ihm eine große Anhängerschar unter den jungen systemkritischen Literaten in der DDR der 80er Jahre ein, die Müller selbst aber eher als luftwurzelnde Scheinexistenzen mit fremdbestimmten Texten wie „dünnes Gebäck“ und „verspätete Kopie von Moden“ bezeichnete. Heute ist es um den einstigen Kultautor und gnadenlosen Sezierer des Ostens, der nach der Wende merkwürdig verstummte und so seinem Vorbild Bertolt Brecht nicht nur als BE-Intendant immer ähnlicher wurde, ziemlich ruhig geworden. Worauf nicht nur von Regisseuren wie Frank Castorf oder Dimiter Gotscheff immer noch gern zurückgegriffen wird, sind aber neben Zitaten aus seinen zukunftspessimistischen und revolutionskritischen Werken vor allem seine Shakespeare-Übertragungen und -Adaptionen.

Foto: St. B. dt_shakespeare_nov-2012.JPG

Nun hat sich Dimiter Gotscheff im Zuge des Spielzeitmottos des Deutschen Theaters „Macht, Gewalt, Demokratie“ vorwiegend Texte aus den Königsdramen William Shakespears herausgesucht. Er benutzt in seinem blutrünstigen Potpourri allerdings überwiegend moderne Übersetzungen von Frank Günther (Übersetzung des Gesamtwerks von Shakespeares seit den 1970er Jahren), Manfred Wekwerth (Leben und Tod König Richard des Ditten, 1970 und Troilus und Cressida, 1985), Thomas Brasch (u.a. Macbeth, Richard II. und III.), neben Brecht der andere Hausheilige des Berliner Ensembles, und natürlich Heiner Müller, der mit seinen Werken „Hamletmaschine“, „Macbeth“ und „Anatomie Titus Fall of Rome“ die wohl deutlichsten Shakespearekommentare zum Thema Macht, Gewalt und politischer Mord abgegeben hat. Eine genaue Zuordnung der Textzitate, die Gotscheff für seine Shakespeare-Collage „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige“ verwendet, ist allerdings nicht möglich, da die Quellen im Programmheft nicht angeben sind. Was umso bedauernswerter ist, da es Gotscheff in seiner Auftragsarbeit vermutlich nicht so sehr um Shakespeare selbst, sondern um heutige Reflektionen seiner Texte in Bezug zum Spielzeitmotto geht. Was aber geradezu auf der Hand zu liegen scheint, ist die Tatsache, dass Gotscheff Shakespeare gerade auch dazu nutzt, um wieder einmal Heiner Müller durch die Hintertür hereinzuwinken.

„Aber im Duell tauschen die dann natürlich ihre Schwerter oder Degen, so daß sie beide sterben, also Laertes und Hamlet. Und Hamlet dann im letzten Moment kann noch rund um sich töten, was er haßt. Wir haben das natürlich so gemacht, daß er fast alle auf der Bühne umbringt in einem blinden Massaker. Aber es ist kein Kalkül. Es gab vorher immer dieses Hin und Her um die Rache oder nicht Rache. Und das erste Mal, wo er etwas tut, ist es eigentlich was Blindes und was Unkalkuliertes. Es ist kein Plan mehr, es ist nur noch blinde Praxis.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge. Das Garather Gespräch in „Heiner Müller, Werke 11, Gespräche 2 (1987-1991), Suhrkamp Verlag 2008

Diese von Heiner Müller beschriebene Szene aus seiner Inszenierung der „Hamletmaschine“ scheint Dimiter Gotscheff im Kopf gehabt zu haben, als kurz vor der Pause alle beteiligten Darsteller der Reihe nach in einer wilden, unkontrollierten Duellnachstellung umfallen. Der Shakespearebearbeiter Müller dient Gotscheff als Masterfolie für die Umsetzung seines Shakespearereigens, der sich um all die grotesken Mörderclowns, Machtbesessenen, ihre zahlreichen Opfer und Sonstige am blutigen Spiel Beteiligten dreht. Wobei Sonstige auch auf das Theaterpublikum gemünzt ist, das die theatrale Darstellung dieser Monstrositäten braucht, um sich in Faszination und Schauer von ihnen gleichsam gefangen nehmen und distanzieren zu können. Die Figuren der Shakespeare´schen Königsdramen stellvertretend als Projektion der eigenen Dämonen und Monster. Margit Bendokat bringt es gleich zu Anfang auf den Punkt. Die Weltgeschichte ist ein Sprechen über Gräber, Würmer und Grabinschriften. Ein tägliches Morden und Sterben im Gerangel um die Macht. „Nichts als der Tod ist unser Eigenes.“ Der König ist tot, er ist gemordet. Es lebe der König! Wer ist der König? Der König ist der König. Und schon recken sich alle nach der von Bendokat auf einem kleinen Podest abgelegten Pappkrone. Auf sonst leerer Bühne die einzigen Requisiten. Die Krone ist schnell zerrissen, das Podest im Auf und Ab, den jeweilig Aufgestiegenen im grellen Spotlight, der von Katrin Brack wieder dicht gehängten Scheinwerfer, präsentierend. Das Spiel um die Macht, ein ewiges Bäumchen wechsle Dich. Die Darsteller wechseln hier sinnbildlich immer wieder ihre Sitze vorn im Parkett.

Von dort gibt es dann auch zumeist die bei Gotscheff typischen Auf- und Abtritte zu den Solos der einzelnen Schauspieler. Samuel Finzi als erst zögerlich, ängstlicher Julius Cesar, der dann in Zeitlupe gemordet wird und slapstickartig blutende Wunden andeutet und dann als Samurai-Macbeth im Schottenrock. Wolfram Koch als Othello und Jago in einer Person. Peter Jordan ist ein verkrüppelter, verschlagener Mörder Richard III und Ole Lagerpusch ein rockender Hamlet + Maschine. Finzi und Koch geben dann ein gedungenes Mörderclownsduo, das kalauernd seinem Job nachgeht. Leichen werden schon mal in einer Klappe im Bühnenboden versenkt, aus der die Untoten natürlich irgendwann wieder auftauchen. Die Damen müssen sich dabei mit den Königinnen und Königsmüttern begnügen, wie Almut Zilcher als verfluchende Margarete. Anita Vulesica darf dann auch noch mal das finster Fiese aus Richard III. herauskitzeln, bis dann schließlich Meike Droste als geschändete Lavinia aus Heiner Müllers „Titus-Andronicus“-Version den Opfern eine Stimme gibt. Untermalt wird das ironisierende, mörderische Treiben durch eine Jazzband um den finnischen Musiker Kalle Kalima, der auch schon in David Martons Monteverdiprojekt an der Schaubühne zu sehen war. Mit der Sopranistin Ruth Rosenfeld, ebenfalls aus Inszenierungen an der Volksbühne und dem Ballhaus Ost bekannt, bekommt das mit gut drei Stunden überbordende Nummernprogramm einige virtuose Breaks. Sie singt Klassisches aus Renaissance und Barock darunter den Traditionell „Billy Bones“, Bachs „Komm süßer Tod“ und italienische Opernarien.

Den Schluss gibt wieder Margit Bendokat mit Heiner Müller. Aus dessen „Anatomie Titus Fall of Rome” trägt sie die Zeilen „AUS WALD DEN ES MIT BLUT SPRENGT / STÜRZT DAS REH” vor. Das Opfer, kommentiert von seinen Jägern. Müller schreibt das in römischen Majuskeln und fügt hinzu: „Die Künstler nach getaner Arbeit gehn / Mit Hoffnung, daß der Ruhm sie nicht erreicht / Das Kunstwerk ausgestellt rennt hin und her / Auf dem Theater Laufsteg zwischen Mensch / Und Mensch im Ozean der Angst die Angst / Des Publikums kein Mensch ist auf der Bühne.“ Die Bühne leer und die Welt voll von diesen Mörderfratzen und Clowns der Menschheitsgeschichte, die als Wiedergänger sich nun diese Bühne zurückerobern. Brecht hatte einst im Angesicht der Großstadt festgestellt: „Nicht schlecht ist die Welt, sondern voll.” Heiner Müller spinnt das weiter und macht im Gespräch mit Alexander Kluge „Die Welt ist nicht schlecht, sondern voll“ eine Rechnung auf. Alle Plätze in der Welt sind besetzt. Das antike Gleichgewicht der Toten und Lebenden ist gestört. Nur bei gleichbleibendem Gewaltpotential ist es haltbar. Diese These mündet bei Müller in dem Satz: „Ich schulde der Welt einen Toten„. Nachzulesen ist das alles in den drei umfangreichen Gesprächsbänden, die nun zum Ende der großen zwölfbändigen Werkausgabe unter Frank Hörnigk im Suhrkampverlag herausgekommen sind. Ein Gedankenkompendium u.a. auch dessen, was Heiner Müller von Shakespeare und aus der griechischen Tragödie hergeleitet und in seinen Stücken künstlerisch verarbeitet hat. Und gerade zum Thema Diktatur oder Demokratie hatte Müller einiges zu sagen, dem Gotscheff mit seinem Shakespeareverschnitt aber wohlweislich aus dem Weg geht. Zu schwer, zu sperrig fürs bürgerliche Publikum, dass sich lieber an der Virtuosität der Darsteller ergötzen möchte.

Die Toten, Mörder wie Opfer, lässt Dimiter Gotscheff lang und breit an uns vorüber defilieren. Erkenntnis oder Lehre gleich Null. Nur die Pappkrone liegt wieder da, wo sie am Anfang schon abgelegt wurde. Sinnbild eines Spiels, das immer weiter gespielt wird. In seiner Inszenierung von „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“, die Gotscheff noch um das Langgedicht „Mommsens Block“ erweiterte, konnten die dystopischen Müllertexte kurzzeitig noch einmal mit einigem Witz wiederbelebt werden. Vor einem Jahr grinsten uns da schon einmal die gleichen Clownsfiguren an. Die Gotscheff-Kernfamilie mit Bendokat, Zilcher und Koch spielte da in teils solistischen Egotrips eine gewagte Balance zwischen großem Müller-Pathos und schlauer Gotscheff-Ironie. Eingerahmt durch eine Art stumm müllernden Conférencier (Margit Bendokat), der erst am Ende auch eine Stimme findet, die dem Dichter Müller bereits lange als verloren galt. Jetzt um das große DT-Ensemble erweitert, verliert sich dieser Witz allerdings ins Beliebige. Nur der Affe, den Wolfram Koch damals noch nackt, nur mit Schlipsen und Stange die evolutionären Sprünge zum Werkzeug und Waffe bedienenden Macho-Mann vorturnte, ist, diesmal im keuschen Fellkostüm in der gelenkigen Verkörperung durch die Tänzerin Bettina Tornau, wieder anwesend. Ob als Symbol der Unschuld oder reiner Anachronismus bleibt das Rätsel der Inszenierung.

„Ich hab‘ ein paar Shakespeare-Sachen übersetzt und bearbeitet, und das ist natürlich immer wieder ein Material und Thema gewesen. Gerade in Zeiten von nachlassender Inspiration ist es eine Bluttransfusion, mit Shakespeare sich zu beschäftigen.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge. Das Garather Gespräch in „Heiner Müller, Werke 11, Gespräche 2 (1987-1991), Suhrkamp Verlag 2008

Ein ähnliches Schicksal wie Heiner Müller ereilte nach der Wende auch Thomas Brasch, der, von einer Schreibblockade und Daseinskrise gebeutelt, seine in den 1980er Jahren begonnen Shakespeare- und Tschechow-Übersetzungen fortzuführen begann. Ähnlich wie Müller sah auch Brasch darin eine Inspiration, Shakespeares poetische und gleichzeitig deftige Sprache für die heutige Zeit verständlicher zu machen. Hermann Beil beschrieb Braschs Intension in einem Gespräch mit Martina Hanf für das „Arbeitsbuch Thomas Brasch“ (Theater der Zeit 2004) dann auch so: „Die Balance zwischen poetischer Form und Direktheit, die in Shakespeares Zeit ihre Wirkung gehabt haben muss, das war sein Ziel.“ Über dieses Ziel dürfte Katharina Thalbach mit ihrer Inszenierung der Brasch-Übersetzung von Shakespeares „Was ihr wollt“, die einen Tag nach Gottscheffs „Shakespeare“ am DT über die Bühne des Berliner Ensembles tobte, weit hinausgeschossen sein. Von Balance war da nicht sehr viel zu spüren. Aber neben einem Wahnsinns-Klamauk gibt es auch einen Wahn der Sinne im Stück. Dabei versteht man unter Sinnlichkeit, eine tiefere Ebene zumindest noch durchschimmern zu lassen. So dass dem Publikum zumindest am Rande noch auffällt, dass es nicht nur um das reine Vergnügen geht. Sonst ist es eben auch zu schnell abgesättigt. Aber Katharina Thalbach inszenierte „Was ihr wollt“, wie es dem Publikum am besten gefällt, nämlich heftig, deftig und natürlich immer hart an der Gürtellinie entlang.

was-ihr-wollt_be_nov-2012.jpg Foto: St. B.

„Und ich glaube, das Theater hat einen ungeheuren Verlust erlitten in dem Moment, wo geschlechtsspezifisch besetzt wurde.“ Heiner Müller im Gespräch mit Alexander Kluge zum Thema „Anti-Oper“ und japanischem Kabuki-Theater

Man kennt ja den Hang der Thalbach, den Schalksnarren raus zu lassen und dem Komödienaffen Zucker zu geben. Sie beruft sich hier im Programmheft auf ein Interview mit ihrem 2001 verstorbenen Gatten Thomas Brasch zu seiner Übersetzung der Komödie „Was ihr wollt“ für eine Inszenierung im Schillertheater 1984, in dem dieser über Anspielungen, Tabuverletzungen, die Komik Shakespeares und die Bedürfnisse des elisabethanischen Publikums referiert. Und so gibt es dann nicht nur ein zünftiges Happy End, Katharina Thalbach gibt dem BE-Publikum auch sonst was es will. Das Schauspiel wird zur knallbunten Revue. Jeder kann, wenn er oder sie denn können, auch mal einen knalligen Popsong zum Besten geben. Schwule Hymnen, Schmachtfetzen und das Beste der 70er und 80er erklingen. Natürlich „I will survive“ oder auch mal „Nothing compares to you“ und der biedere Haushofmeister Malvolio (Norbert Stöß) schmettert in obligatorisch gelben, kreuzweis geschnürten Strümpfen „Fever“, bevor er von seinen naturgemäß versoffenen Gegenspielern Sir Toby Rülps (Veit Schubert) und Sir Andrew Leichenwang (Martin Seifert) eingesargt wird. Die Doppelrolle der Zwillinge Viola/Cesario, die sonst eher von einer Schauspielerin bekleidet wird, übernimmt hier der männliche Star des Hauses Sabin Tambrea. Dafür wird ganz Gender Crossing nun der Herzog Orsino von Antonia Bill gespielt. Sie trägt Schnurrbart, greift sich in den Schritt und versucht sich in einer rauchigen Tonlage. Antonio, der Retter und heimliche Verehrer Sebastians, darf hier ganz offen schwul sein und hängt verzweifelt an der Reeling, da er auch bei Katharina Thalbach nicht bekommt was er eigentlich will. Das tut dem quietschvergnüglichen Abend aber weiterhin keinen Abbruch.

Trotzdem gibt sich die Kritik fast ausnahmslos wieder mal not amused. Und es scheint beinahe so, als handele es sich dabei um die Rache der Puritaner, die das BE lieber heute als morgen geschlossen sehen würden? Malvolio, die alte Spaßbremse, hatte es ja lauthals prophezeit. Katharina Thalbach versucht so den Rezensenten den Wind aus den Segeln zu nehmen, und steuert ihren Komödienkahn zielsicher ans seichte Gestade, sprich ins Stadl. Rotnasiger oder besser rotznasiger Kinderkram, von den Wannseefestspielen direkt ans BE geschwappt. Man sehnt sich förmlich in die „Wie es euch gefällt“-Inszenierung der Thalbach zurück. Der Boulevard, den sie mit ihrem großartigen Darstellerinnen-Ensemble dort vor zwei Jahren am Kudamm veranstaltet hatte, war jedenfalls wesentlich intelligenter. Sie kann es also durchaus besser. Und das „Was ihr wollt“ auch gute Klamotte sein kann, hat Jan Bosse bereits 2010 am Thalia Theater in Hamburg bewiesen. Mit Abstrichen vielleicht auch noch Matthias Hartmann 2011 an der Wiener Burg. Das Genderthema auf die Spitze getrieben hatte 2008 Michael Thalheimer mit seiner ganz Shakespearegetreu ausschließlich männlichen Besetzung im Zelt am Deutschen Theater, bei der der Witz leider etwas im Schlamm stecken blieb. Am BE versenkt die Thalbach aber noch das letzte Bisschen hintergründigen Shakespeare´schen Wortwitz im gnadenlos überbordenden Klamauk.

Krachledernes Schenkelklopf- und Wegschmeißtheater. Ein bayerischer Trampel (Traute Hoess als Zofe Mary), zwei Grenzdebile und lauter Schauspieler die sich wie pubertierende Teenager aufführen. Thomas Quasthoff muss man hier ausdrücklich ausnehmen. Er überzeugt mit sicherer Stimmlage beim barocken Gesang, genauso wie im derben Kanon „Halt´s Maul, du dumme Sau“. Ein weiser Narr auf einem Ship of Fools (Bühne: Momme Röhrbein), schafft ihn weg. Dass Shakespeare das Stück auch als melancholischen Abgesang auf sein Theater inszeniert hat, das ihm die Puritaner wenig später auch tatsächlich geschlossen haben, kommt nur in einer Fußnote vor. Das Geschlecht ist hier ein derber Unterleibswitz, Geschlechterverwirrung ein bloßer Irrtum. Lauter Klemmschwestern und Möchtegernmachos, denen es nicht nur in der Hose fehlt. Einen Spagat muss man da nicht mehr machen. Es zwickt auch so genug im Schritt. Dass bei Shakespeare eigentlich nicht jeder bekommt was er will, dem BE-Publikum dürfte das ziemlich egal sein, Hauptsache es fetzt. Die Puritaner sind auf Landgang und da will man sich halt amüsieren. Dass es das DT nicht viel besser kann, außer einer zitatenreichen Kunstpose, ist traurige Bilanz eines verkorksten Shakespeare-Wochenendes.

„Wenn die Musik die Nahrung für die Liebe ist, füttert mich weiter, daß ich mich ganz überfreß und mir der Appetit vergeht daran. (…) So voller Wahnsinn ist die Raserei, die Liebe heißt – daß die am Ende auch sich selber in den Wahn der Sinne reißt.“  William Shakespeare, Orsino aus „Was ihr wollt“, neu übersetzt von Thomas Brasch

***

M, A reflection – Kris Verdonck spielt mit holografischen Videoprojektionen und Texten von Heiner Müller am HAU 2

Einen künstlerisch ganz anderen Weg des Umgangs mit Texten von Heiner Müller begeht der belgische Videoperformancekünstler Kris Verdonck. Mit Hilfe ausgefeilter Videotechnik verdoppelt er in seinem Gastspiel am Berliner HAU 2 den Schauspieler Johan Leysen und lässt ihn gegen ein künstliches Selbst als Gegner wie auch als Verbündeten antreten. Dieser scheint ihm, obwohl immer wieder wie ein Geist aus der Vergangenheit auftauchend, immer einen Schritt voraus, widersetzt sich, hakt nach oder ergänzt das Original. Der Gegenüber erzwingt so wie in einem Gespräch die sofortige Reflektion des Gesagten. Eine Eigenschaft die Müllers Texten von jeher immer auch inne wohnt. Ein großer Inspirationsquell dafür dürften in jedem Fall die zahlreichen Gespräche Heiner Müllers mit dem Filmemacher und Fernsehproduzenten Alexander Kluge für dessen Fernsehformat dctp gewesen sein. Dass diese für die Erarbeitung eines solchen Theaterprojekts wie geschaffen zu sein scheinen, liegt an ihrem Wesen, die Gedanken frei um eine bestimmtes Thema kreisen zu lassen, um sich dabei immer wieder gegenseitig zu befruchten. Durch die Veröffentlichung der Gespräche in Buchform und die Archivierung der Fernsehaufnahmen im Internet ist diese Arbeitsweise gut nachvollziehbar.

kris_verdonck_m_a_reflection_foto-a-two-dogs-company.jpg
Schere, Stein, Papier. Johan Leysen im Kampf mit seinem fiktiven Gegner. Foto: A Two Dogs Company

Leysen beginnt allein an einem Tisch, legt alte Platten auf, wie um einer längst vergangenen Zeit nostalgisch zu gedenken. Wie in Müllers Texten taucht dann aber schnell das verdrängte Gewissen oder auch Menetekel der Vergangenheit auf und beginnt einen Dialog über Krieg, Tod und individuelle Schicksale in politischen Verstrickungen. Zwei Beckettfiguren sprechen Müllertexte. Es geht um die Weite Russlands mit ihrer asiatischen Zeitreserve, wie es Müller gegenüber Kluge bezeichnet, und den Platz, den jedes Individuums in der Welt inne hat. „Ich schulde der Welt einen Toten“ (siehe oben). Oder Leysen spricht Passagen aus dem „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“, dem Bericht eines Sowjetischen Offiziers im 2. Weltkrieg aus der „Wolokolamsker Chaussee“ und dem traumatischen, autobiografischen Text „Todesanzeige“, in dem es um den Selbstmord von Müllers erster Frau geht. Die zwei scheinbar gespiegelten Individuen hängen hier in einem künstlich geschaffenen, zeitlosen Raum zwischen Nichtmehr und Nochnicht, treten auf, gehen ab und umkreisen sich ohne einander wirklich nahe zu kommen. Ein Versuch einer künstlerischen Annäherung in Bild und Ton, ohne dem Anderen vollkommen absorbieren oder auslöschen zu können.

Irgendwann ist im beständigen Halbdunkel der Bühne nicht mehr klar erkennbar, wer Original und wer Hologramm ist. Das Ganze gipfelt in dem Text „Nachtstück“ aus „Germania Tod in Berlin“, in dem „ein Mensch der vielleicht eine Puppe ist“, eine absurde mundlose Beckettfigur, sich bei der vergeblichen Anstrengung ein freilaufendes Fahrrad zu erreichen, erst die Beine und die Arme ausreißt, und dem dann auch noch die Augen ausgestochen werden, bis ihm nun völlig bewegungsunfähig erst ein Mund entsteht, der sich zum stummen Schrei öffnet. „Der Mund entsteht mit dem Schrei.“ Leysen wird dabei als überlebensgroßer Torso auf eine Gazewand projiziert. Kris Verdoncks Performance, in ihrer perfekten technischen Umsetzung zwischen Videobild und realem Schauspiel, lässt die altbekannten Müllertexte durchaus in einem neuen Kontext erscheinen und bewegt sich geschickt, durch Johan Leysens großartige Verkörperung, zwischen unaufgeregtem Ernst und leiser Ironie. Nach einem etwas zu euphorischen Neubeginn am Hebbeltheater mit großen Gaststars und niederländischen Wunderbäumen, die künstlerisch nicht gerade in den Himmel wuchsen, der erste Abend, der wirklich sehenswert war.

Literatur:

  • Heiner Müller, Werkausgabe: Die Gespräche 1965-1995
    Herausgegeben von Frank Hörnigk unter Mitarbeit von Kristin Schulz, Ludwig Haugk, Christian Hippe und Ingo Way, Werke Band 11-13, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 2008
  • MÜLLER MP3. Heiner Müller, Tondokumente 1972–1995
    Herausgegeben von Kristin Schulz
    4 mp3-CDs und ein Begleitbuch (192 Seiten, zahlr. Abb.) im Schuber
    Alexander Verlag 2011

Teil 1: Thomas Brasch

Teil 2: Einar Schleef

________

Festivalsommer 2012 (2): Freilufttheaterfanatiker kommen in Berlin bei Shakespeare im Görlitzer Park und dem Hexenkessel Hoftheater auf ihre Kosten.

Donnerstag, August 9th, 2012

HUMANISMUS UND AUFKLÄRUNG IM WETTSTREIT – „UTOPIA™ – WHERE ALL IS TRUE“ NACH THOMAS MORE UND SHAKESPEARE SCHLÄGT TROTZ REGENHANDICAP  „CANDIDE“ NACH VOLTAIRE

utopia5.jpg

Thomas‘ Gebet um Humor:

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.
Schenke mir Gesundheit des Leibes, mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten.
Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die im Auge behält, was gut ist und rein, damit sie im Anblick der Sünde nicht erschrecke, sondern das Mittel finde, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lass nicht zu, dass ich mir allzu viele Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich „Ich“ nennt.
Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.

Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon

 thomas-more-by-hans-holbein-the-younger.jpg   isola-di-utopia_titelholzschnitt-der-ausgabe-von-1516.jpg Fotos: Wikipedia
Thomas More (Hans Hohlbein der Jüngere) und seine Insel „Utopia“ (Titelholzschnitt der Ausgabe von 1516)

Thomas More (1478 – 1535) war ein Mann von Humor und unerschütterlichen Prinzipien zugleich. Ein gläubiger Katholik und Freund des Humanisten Erasmus von Rotterdam sowie Heiliger und Staatsmann in England unter Heinrich dem VIII. mit utopischen Gesellschaftsvorstellungen, dem, nachdem in Ungnade gefallen, selbst auf dem Richtblock die Scherze nicht ausgingen. Ob er nun ein politisches Genie war oder doch nur ein glückloser Tor, wird das neue Theaterstück „Utopia™ – Where all ist true“ der Berliner Kompanie „Shakespeare im Park“ nicht restlos klären können. Die Truppe reklamiert jedenfalls seine Utopie einer besseren Welt für sich und behauptet eine Trademark auf Mores Ideen zu besitzen. Dabei hatte es der Jurist und Lordkanzler von Heinrich VIII. mit seinem philosophischen Dialog über eine ideale Gesellschaft auf der fernen Insel Utopia nicht so ganz ernst gemeint. Thomas More brachte auf satirische Art auch seine Skepsis an der Verwirklichung eines „utopianischen Staatswesens“ in Europa zum Ausdruck. Was nun „den besten Staat“ nach Mores Prägung betrifft, so proben die Schauspieler auf ihrem Parcours durch den Görlitzer Park in Kreuzberg auch die reale Umsetzung von Mores Ideen im englischen Königreich zu Beginn des „Goldenen Zeitalters“ mit all ihren Vorzügen, Verheißungen und Widersprüchen.

utopia_aufruhrer6.jpg
Der Londoner Mob probt den Aufstand gegen Ausbeutung und fremde Konkurrenz.

Dazu bedient sich die Truppe um Gründer Maxwell Flaum und Regisseurin Katrin Beushausen auch zweier weiterer Stücke. Das 1590 entstandene und mehreren Autoren, u.a. Shakespeare, zugeschriebene Drama „Aufstieg und Fall des Thomas More – The Book of Thomas More“ und Shakespeares Historiendrama „Heinrich VIII.“ von 1612/13, ursprünglich auch „All ist True“ genannt, werden mit Mores „Utopia“ verknüpft. Es beginnt auf der Wiese an der Lohmühlen- Ecke Jordanstraße mit einem Aufstand der Londoner Bürger gegen Willkür und Ausbeutung durch Heinrich VIII. und seinen Lordkanzler Kardinal Wolsey. Die Forderungen der Aufständischen sind allerdings noch sehr diffus, so mancher ist zögerlich und der Ruf gegen ausländische Konkurrenz „Compete today“ wird laut. Hier tritt nun Sir Thomas More als Undersheriff seiner Majestät in Aktion und sorgt nach der Niederschlagung des Aufruhrs für die Begnadigung der Wortführer. Dem König macht er seine Thesen für ein utopisches Experiment zur Verhinderung zukünftiger Revolten schmackhaft. Durch mehr Bildung, Abschaffung des Privateigentums sowie gemeinsames Leben und Arbeiten will er mit seinem Projekt „Utopia™“ für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Eine Unterstützerin hat er dabei in der Königin Katherine von Aragon gefunden.

utopia_thomas-more_thesen3.jpg
Glattes Politparkett. Kardinal Wolsey am Seil. Thomas More wird seine utopischen Thesen gleich vor Heinrich und Katharina ausrollen.

Rufe nach der Abschaffung von Geld und Privatbesitz finden auch im Publikum ungeteilten Beifall. Zwei Ritter als Shakespeare´sche Clowns kommentieren immer wieder mit viel Witz das Geschehen und leiten zu den nächsten Szenen über. Dabei wird im Wechsel Englisch und Deutsch gesprochen, was dem Ganzen auch einen gewissen authentischen Touch verleiht. Während sich Heinrich VIII. lieber um die Scheidung seiner Ehe und die Ablösung von der römisch katholischen Kirche kümmert und sich nebenbei nur noch Sorgen um die Staatsfinanzen macht, ist es Thomas More bitter ernst mit der Umsetzung seiner Ideen. Kardinal Wolsey verliert Amt und Kleider und auch die anderen Mitspieler wechseln die historischen Kostüme gegen leichte aus transparenter Folie, um die neu errungene Gleichheit zu demonstrieren. Aber erst wird noch einmal kräftig gefeiert am Hofe Heinrich VIII., und davon lassen sich die Spieler auch vom plötzlich aufkommenden Gewitterregen nicht abhalten. Während sich so mancher Zuschauer unter die Bäume flüchtet oder ganz das Weite sucht, tanzt das Ensemble ausgelassen im strömenden Regen. Dazu spielt die kanadische Band Trike flotten Synthypop zu eigenen Texten.

utopia_tanzen-im-regen2.jpg
Dancing in the Rain am Hofe Heinrich des VIII.

utopia_marsch_more-und-konigin.jpg
Immer in Aktion. Peter Priegann (Mitte) als Sir Thomas More treibt unerbittlich die Truppe durch den Park.

Der Himmel hat aber schnell ein Einsehen und das Treiben im Görli kann schließlich fortgesetzt werden. Der Tross zieht weiter im Park, bevölkert Rutschen, Schaukeln, Buddelkästen und bringt das soziale Projekt „Utopia™“ so langsam in Gang. Thomas More hält seine Mitstreiter zum gemeinsamen Ackerbau an, versklavt Straftäter und bekehrt Abtrünnige. Auch die Problematik der Reformation in England wird hier nicht ausgespart. Obwohl der protestantische Widersacher Mores Thomas Cromwell, bekannt u.a. aus der Fernsehserie „The Tudors“, nicht auftritt, arbeitet sich der katholische Humanist an anderen Lutheranern ab und scheut auch nicht vor Folter und Hinrichtung im Namen des Kreuzes zurück. Schließlich wird More, der sich zum Tyrannen entwickelt hat, selbst fallen und seine Utopie im Zeichen des „Goldenen Zeitalters“ unter Heinrich VIII. vorerst wieder zu Grabe getragen. Trotz aller Enttäuschung um „Die beste aller Welten“ verweist Königin Katharina darauf: „eine Landkarte, auf der die Insel Utopia nicht eingezeichnet ist, bleibt wertlos.“ Shakespeare im Park verbinden mit ihrem Stück „Utopia™“ aufs Beste Historie und Fiktion und verweisen natürlich nicht ohne Spaß am Spielerischen auf gegenwärtige Träume von einer besseren Welt.

utopia_schluss.jpg
Der Sturz des Thomas More. Das Ende der Insel Utopia?

„Utopia™ – Where all ist true“ weitere Termine: 10., 12., 16., 17., 18., 19. August 2012 – Eintritt frei (jeweils 19 Uhr, sonntags 16 Uhr); Treffpunkt: Görlitzer Park, Lohmühlen- Ecke Jordanstraße

Buch, Konzept u. Regie: SHAKESPEARE IM PARK BERLIN
Regieassistenz: Marianne Cebulla

Schauspieler:
Maxwell Flaum / Cordula Hanns / Dina-Maureen Hellwig / Paul Marino / Ana Mena / Maren Menzel / Peter Priegann / Sebastian Rein / Claudia Schwartz / Gianni von Weitershausen / Sebastian Witt / Brandon Woolf / Sarah Zastrau

Bühne: Alberto Di Gennaro
Kostüm: Arianne Vitale Cardoso
Assistenz Bühne & Kostüm: Tamar Ginati
Music: Stew aka DJ Aufenthaltsgenehmigung
Music & Live Musical Performance: Trike

Weitere Infos unter: www.shakespeareimparkberlin.org/

***

„Alle Ereignisse in dieser besten aller möglichen Welten stehen in notwendiger Verkettung miteinander.“ Magister Pangloss aus „Candide oder Die beste aller Welten“, Kap. 30

candide_amphitheater.jpg
Das Hexenkessel Hoftheater im Amphitheater im Monbijoupark gegenüber dem Bodemuseum zeigt Voltaire, Shakespeare und Carlo Gozzi.

Die beste aller Welten nach Leibniz hatte sich auch Voltaire vorgenommen, um sie in einer wirklich bitterbösen Satire aufs Korn zu nehmen. In seinem 1759 anonym erschienenen Roman „Candide oder Der Optimismus“ auch „Candide oder Die beste aller Welten“ genannt, lässt er den Naivling Candide (Thorbjörn Björnsson), verbannt vom westfälischen Königshofe des Barons von Donnerstrunkshausen (Thorsten Junge) und dessen Tochter Kunigunde (bezaubernd Sara Löffler), die er liebt, durch die Welt ziehen und die Schlechtigkeit der Menschheit nur durch seinen grenzenlosen Optimismus ertragen. Zum 300. Geburtstag des großen Hobbyphilosophen Friedrich II. von Preußen und des nicht minder großen Aufklärers Rousseau nimmt sich das Hexenkessel Hoftheater in der Regie von Alberto Fortuzzi den anderen großen französischen Aufklärer Voltaire vor und macht aus dessen Satire „Candide“ eine spaßige Commedia dell’arte mit gehobenem Lachfaktor. Dazu gibt auch gleich der Autor selbst die Einführung, nicht ohne sich gebührend vor seinem Gönner Friedrich Richtung Publikum zu verbeugen.

 Auftritt Voltaire (Christian Schulz) im Hexenkessel candide_voltaire.jpg

Das Hexenkessel-Ensemble arbeitet sich brav an den Highlights des Romans ab. Candides alter Lehrer Magister Pangloß (Michael Schwager) lässt keine schlüpfrigen Bonmots aus, es wird philosophiert und geblödelt was das Zeug hält, zur Freude des zahlreich erschienen Publikums. Es treten furchterregende Bulgaren auf, man fällt unter die Seeräuber, Sturm und Schiffbruch werden bildgewaltig in Szene gesetzt und natürlich wackelt alles zum Lissaboner Erdbeben. Die Schauspieler geben sich in wechselnden Rollen redlich Mühe, aber ein gehaltvoller Spaß mit hintersinnigem Witz will das nicht werden. Nachdem Candide das El Dorado, den utopischen Ort Voltaires, wieder verlassen hat und bei der Begegnung mit dem wie eine Marionette an Strippen hängenden Pessimisten Martino (Christoph Bernhard) langsam alle Hoffnung fahren lässt, kommt es doch noch zum gediegenen Happy End, auch wenn Kunigunde etwas an ihrer Anmut gelitten hat. Es knüpft und fügt sich wie Pangloß es prophezeit hat. Oder fügt sich Candide nur in die Notwendigkeit? Na jedenfalls hat man das Thema Aufklärung auch mal im Hexenkessel beackert. Wie heißt es doch so schön zum Schluss bei Candide? „Allein wir müssen unsern Garten bestellen.“ Und das muss dann wohl auch jeder mit sich allein abmachen.

candide_marionette.jpg
Voltaires Candide als spaßige Comedia dell´arte.

Es sind leider keine weiteren Termine mehr für „Candide“ im Angebot. Dafür gibt es noch bis 1. September Carlo Gozzis absurdes Märchen „König Hirsch“  und Shakespeares Komödie „Was Ihr Wollt“ von Dienstag bis Samstag jeweils 19:30 Uhr bzw. 21:30 Uhr im Amphitheater zu sehen. Freunde des Schenkelklopfhumors werden auf ihre Kosten kommen. Weitere Infos unter: www.amphitheater-berlin.de/theater.html

Text und Fotos wenn nicht anders angegeben: St. B.

***

Zum Weiterlesen:

  • Thomas Morus: Utopia, bei Projekt Gutenberg
  • Freiheit und Sklaverei. Die dystopische Utopia des Thomas Morus. hier online
  • Karl Kautsky: Thomas More und seine Utopie. (1888), hier in digitaler Form
  • Hilary Mantel: Wölfe. Die Geschichte von Thomas Cromwell. Roman. Aus dem Englischen von Christiane Trabant. Dumont 2010.

  • Voltaire: Candide oder Der Optimismus; Aus dem Deutschen übersetzt von Dr. Ralph und mit Anmerkungen versehen, die man in der Tasche des Doktors fand, als er im Jahre des Heils 1759zu Minden starb; Übersetzt von Wilhelm Christian Sigismund Mylius (1778), sprachlich erneuert und herausgegeben von Prof. Dr. Manfred Naumann, Rütten & Loening, Berlin 1964, mit Illustrationen von Werner Klemke
  • François Marie Arouet de Voltaire: Candide oder Die beste aller Welten bei Projekt Gutenberg

_________