Archive for the ‘Sibylle Berg’ Category

Und dann kam Mirna – In der Regie von Sebastian Nübling setzt Sibylle Berg ihre bitter ironischen Genderfrustbetrachtungen am Maxim Gorki Theater fort.

Montag, September 28th, 2015

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„We don’t give a shit“ heißt es im Theaterstück Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen, das Sibylle Berg vor zwei Jahren für das neue Maxim Gorki geschriebenen hat. Da tanzten vier junge Frauen im Schlabberlook und mit viel Wut im Bauch dem Existential-Blues auf der Nase herum. Die Gewissheit, nur ein kleines, durchschnittliches Leben vor sich zu haben, schwebte aber als vage Ahnung über den bitter ironischen Phrasen vom „Rumgeleide“ aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationsdruck. Nun hat das Ganze seine erwartete Fortsetzung gefunden, und die leise Vermutung, dass das wohl nie aufhören würde, weicht der Gewissheit, dass es auch noch viel schlimmer kommen kann.

Und dann kam Mirna im MGT - Foto © Ersa Rotthoff

Foto © Ersa Rotthoff

Die jungen Frauen von damals sind nun Anfang, Mitte Dreißig, haben angefangen sich innerhalb ihrer Möglichkeiten zu verwirklichen, den einen oder anderen unbedeutenden Sexualpartner ausprobiert und wieder abgelegt. Und dann kam Mirna heißt es im neuen Streich von Sibylle Berg, den wiederum Regisseur Sebastian Nübling und Choreografin Tabea Martin als körperbetonten Theaterabend für „für ca. zwei DarstellerInnen oder eine hochgradig gespaltene Persönlichkeit“ eingerichtet haben. Zu Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas gesellt sich neu die aus München zum Ensemble des Berliner Maxim Gorki Theaters gestoßene Çiğdem Teke. Auch haben die vier Schauspielrinnen wieder ihre Schlabberpullis an und die Nerdbrille auf. Darunter befindet sich jetzt aber bei allen ein weites, geblümtes Umstandskleid.

Zum Umstand immer noch den Sinn des Lebens und seine Bedeutung zu suchen, gesellt sich nun das Problem, obwohl man doch die eigenen Mutter hasst, nun selbst eine Mutter zu sein. Ein Mitglied der sogenannten „Kaste der Unberührbaren“. Die Schwangerschaft als Entsorgungsmaßnahme für Frauen. Denn wer will schon die Meinung einer Frau hören, die stillt. Der Nachwuchs Mirna (entstanden während einer „sexuellen Handlung, die einer mit Stiefmütterchen bepflanzten Verkehrsinsel glich“) steht als ebenso vervierfachter, halbwüchsiger und zudem wesensfremder Mensch im pinkfarbenen Sportdress (die Mädchen sind wirklich toll) an der Rampe und entsorgt schon mal ordnungsliebend überflüssige Erinnerungen. Denn es geht ans Umziehen aus der durchgentrifizierten Betonwüste der Stadt, die man sich nicht mehr leisten kann, in die langweilige, engstirnige Uckermark voller Fremdenhass und Selbstmorden homosexueller Jugendlicher, wie Tochter Mirna mault. Im Himmel aus Liebe verblödet und den ungewollten Erzeuger (hier heißt er Thorben) gerade losgeworden, bleibt also nur noch die Auswanderung in die ehemaligen Ostgebiete.

Mit drei Freundinnen will sich unsere Protagonistin in einer als Zukunftsprojekt bezeichneten Frauenkommune, einem „süßen, kleinen Holzhaus auf dem Land“, zurückziehen. Dieser Grundplot bietet natürlich wieder jede Menge Stoff für die ironische Geißelung von eingeübten Rollenzuschreibungen, heteronormativen Geschlechtsvorgaben und das genüssliche Auswalzen sonstiger Genderklischees. „Aus diesem Zusammenhang wirst du nie entfliehen können“, weissagt die altkluge Tochter Mirna. Dazu entspinnt sich auf der Bühne eine Art panisches Gehopse und verkrampfte Umarmungsversuche, was den Zweifel der Mutter verdeutlichen soll, die ihre Schwierigkeit damit hat, in diese schlimme Welt auch noch Nachwuchs zu setzen, der dann alles erreichen soll, was man selbst nicht geschafft hat. Feminismusdebatte, Quote, Sozial Freezing und andere aktuelle Gesellschaftsthemen lösen sich im Laufe des als relativ zuschreibungsfreie Textfläche funktionierenden Stückes ab.

Man tanzt zum Beat der Schlagworte oder setzt auch mal zum Mütterrap „Annie, are you ok, are you ok, Annie“ aus Michael Jacksons Smooth Criminal an. Und auch das liebe, gute Internet mit seinem Kommentarwahnsinn und den sozialen Netzwerken wie Facebook bekommt sein Fett weg. Weitere Kommunikation läuft neben dem sporadischen Mutter-Tochter-Dialog meist nur per E-Post, was sich immer wieder als vierstimmiges Handyvibrationsgeräusch bemerkbar macht. Die Freundinnen, selbst im Selbstverwirklichungsstress und festen Glauben an den wiederholten Neuanfang, springen dabei eine nach der anderen ab. „Lass uns umziehen, Quatsch nicht!“ ist letztendlich die Devise der Tochter, die ihrer Mutter ohne Plan vorhält, ihr doch endlich ein Vorbild zu sein. Die konservative Nachwuchsgeneration besteht auf Normalität. Für Mirna ist beim Erwachsenwerden ein Familienumfeld mit zwei Elternteilen wichtig, während die Mutter mal wieder nur an sich denkt.

Ein wiedermal recht sarkastischer Kommentar von S.P.O.N.-Kolumnistin Frau Sibylle zur aktuellen Feminismusdebatte, gepaart mit dem immerwährenden Mutter-Tochter-Generationenkonflikt im Schnelldurchlauf. Doch der angedeutete Leidensdruck, den es ja durchaus auch genauso gibt, erschöpft sich hier in einem Jammern auf sehr hohem Niveau. Eine echte Anregung zum fortgesetzten Diskurs bietet das nur bedingt. Dazu kommt noch, dass Regisseur Sebastian Nübling nichts weiter eingefallen ist, als das Erfolgsrezept seiner Inszenierung des als Theaterstück des Jahres preisgekrönten Sibylle-Berg-Vorgängers zu wiederholen. Trotzdem, auch wegen des tollen Ensembles, eine alles in allem über die gesamten 75 Minuten recht kurzweilig unterhaltsame Angelegenheit, die ihre erheiternde Wirkung im Publikum nicht verfehlt. Ob es auch eine erhellende ist, muss sich noch beweisen.

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UND DANN KAM MIRNA
Regie: Sebastian Nübling
Choreographie: Tabea Martin
Bühne: Magda Willi, Moïra Gilliéron,
Kostüme: Ursula Leuenberger
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Mit: Sarah Böcker / Aydanur Gürkan / Suna Gürler / Rahel Jankowski / Nilu Kellner / Cynthia Micas / Fée Mühlemann / Amba Peduto / Zoé Rügen / Marie Carlota Schmidt / Çiğdem Teke / Annika Weitzendorf
Uraufführung war am 24. September 2015 im Maxim Gorki Theater
Weitere Termine: 1., 23., 27. 10. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 25.09.2015 auf Kultura-Extra.

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Zum Start der neuen Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 4 und Schluss: Das Maxim Gorki Theater

Mittwoch, September 10th, 2014

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Zum Schluss der kleinen Spielzeitrückschau inklusive Ausblick auf Neues an den fünf Stadttheatern Berlins gibt es dann noch etwas Positives zu berichten. Groß dürfte die Freude schon seit Tagen am Maxim Gorki Theater sein, dem kleinen immer unterschätzten Haus am Festungsgraben in Berlins schönster Mitte. Das unter der neuen Intendanz von Shermin Langhoff mit dem Anspruch eines interkulturellen Theaters mit multiethnischem Ensemble in die Spielzeit 2013/14 gestartete kleinste Stadttheater Berlins ist nun nicht nur beim Fachblatt Deutsche Bühne, sondern auch bei der höher bewerteten Kritikerwahl in der Zeitschrift Theater heute zum Theater des Jahres gekürt worden.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater BerlinFoto: St. B.

Hinzu kommt die Wahl von Sibylle Bergs Es sagt mir nichts das sogenannte Draußen zum Stück des Jahres. Eine in ironischem Grundton verfasste Beschreibung einer verstörten, orientierungslosen Jugend, die sich wütend am Bild der vorherrschenden Konsumgesellschaft, des Körperkults und der Popkultur abarbeitet. Durchaus auch zu verstehen als ein „Wüten der Affekte“ (wie es Hans-Thies Lehmann in seiner Theorie der Tragödie nennt), an den Auswirkungen der neoliberalen Gesellschaft. Das sagt so Einiges und Einigen doch weiterhin nicht viel. Wenn man so will, im Titel auch eine symptomatische Beschreibung für die momentane Verfasstheit der deutschen Stadttheaterlandschaft insgesamt.

Was zum Beginn der letzten Spielzeit noch kaum jemand wirklich für möglich hielt, ist nun Dank eines in weiten Teilen überzeugend umgesetzten Konzepts anerkannte Realität geworden und hoffentlich auch bald allgemeine Normalität. Das ureigenste Interesse einer gewachsenen, sich im stetigen Wandel befindlichen Gesellschaft an einem Theater, das die Lebenswirklichkeit aller Bereiche der Gesellschaft auch bis in den kleinsten Winkel des Theaters hinein abbildet. Dieses noch vorherrschende Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich das neue Maxim Gorki Theater nun erfolgreich etabliert hat, gilt es aber nicht einfach nur zur neuen Marke zu stilisieren oder gar auf Dauer zu konservieren, sondern stetig weiterzuentwickeln, als echte Reibungsfläche zur bürgerlich normierten Gesellschaft, deren Werte in Frage stellend, gleichzeitig verstörend und aufklärend wirksam.

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Nach durchwachsenem Start mit dem Kirschgarten in der Regie von Nurkan Erpulat, der Tschechows tragikomischen Figuren ein zu starres Korsett interkultureller Differenz überstülpte, haben sich letztendlich Mut und Durchhaltevermögen ausgezahlt. Man hat viele neue Baustellen aufgemacht und einige aktuelle Themenfelder beackert. Falk Richter zeigte in seinem Projekt Small Town Boy die Lebenswirklichkeit von Schwulen und Lesben in Deutschland und Yael Ronen führte in Common Ground die Kinder ehemaliger Feinde des Jugoslawienkriegs zusammen, um nur zwei der starken Uraufführungen und Stückentwicklungen am Maxim Gorki Theater zu nennen. Da verschmerzt man schon mal Ausfälle wie Lucas Langhoffs ärgerliche Inszenierung der Übergangsgesellschaft von Volker Braun oder das völlig überambitionierte Woyzeck III-Projekt von Mirko Borscht.

Studio Я - Foto: St. B.

Studio ЯFoto: St. B.

Auch das Gorki Studio, jetzt kurz Studio Я genannt, hat unter der Leitung von Marianna Salzmann Akzente gesetzt und ein eigenes Profil entwickelt. Hoch in der Gunst des Publikums standen z.B. Hakan Savaş Micans Inszenierung von Marianna Salzmanns Schwimmen lernen. Ein Lovesong oder die Stagediving-Abende wie RAUŞ – NEUE DEUTSCHE STÜCKE. Eines dieser jungen Stückentwicklungen mitten aus dem Herzen der diversen Gesellschaft kommt nun auch vollends zur Aufführung. Zöpfe (Arbeitstitel) von Marianna Salzmann hat am 13. Dezember Premiere. Man hofft da auf weitere Uraufführung im Laufe der Spielzeit.

Das Erreichte ist nicht nur Ausdruck der guten Strategie der Leitung des Hauses, von Regie und Dramaturgie, sondern vor allem auch Verdienst eines großartig motivierten, spielfreudigen Ensembles, das sich hier gefunden hat. Dazu passt auch wunderbar, dass einer der neuen Publikumslieblinge am Maxim Gorki Theater, der unglaublich vielseitige Dimitrij Schad, in der Jahresumfrage von Theater heute zum Nachwuchsschauspieler des Jahres gewählt wurde. Man darf hier auf Neues gespannt sein.

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Der Start der neuen Spielzeit wird an einem ganzen Wochenende mit drei Premieren begangen. Den Anfang macht am 12. September Sebastian Nübling mit FALLEN, einem Tanztheaterprojekt zusammen mit dem belgischen Choreographen Ives Thuwis. Auf einer Bühne aus 70 Tonnen Sand vor dem Maxim Gorki Theater befragen 10 junge Darsteller Formen von Gewalt im öffentlichen Raum. Wieder eine Koproduktion mit dem Jungen Theater Basel. Einen Tag später wird Hausregisseurin Yael Ronen in Erotic Crisis mit ihrem Ensemble Grenzen von Liebe, Beziehungen und verschiedensten Formen der Sexualität in der Großstadt Berlin ausloten. Als Zugabe gibt es dann am Sonntag im Studio Я mit Theater ist endlich ist Theater noch einen Abend Kurzgeschriebenes, das erst einen Tag vorher gemeinsam erarbeitet wurde.

Auch Nurkan Erpulat wird im November wieder eine neue Inszenierung vorlegen. Er hat sich die bitterböse Farce Seid nett zu Mr. Sloane des britischen Dramatikers Joe Orton ausgesucht. Ob sich diese etwas außergewöhnliche Ménage-à-trois mit einer Art umgekehrtem Tartuffe unter interkulturellen Vorzeichen nacherzählen lässt, wird sich zeigen. Es geht jedenfalls um Doppelleben und Scheinmoral der ach so normalen Kleinbürger, ein ewiges Thema auch außerhalb des sogenannten postmigrantischen Theaters. Da tritt dann also schon so etwas wie Normalität ein, wenn sich Erpulat nun um die allgemeine Moralkritik kümmert, auch wenn die Stückauswahl dazu etwas schräg erscheint. Fakt ist, Orton ist kein Unbekannter in der hiesigen Theaterszene. René Pollesch hat ihn übersetzt, Komödienspezialist Herbert Fritsch dessen Stück Beute 2009 in Oberhausen aufgeführt. Die Kritiker von Ortons Erstling Seid nett zu Mr. Sloane aus dem Jahr 1964 bescheinigtem dem Stück jedenfalls eine „Komik des Perversen“, was auch immer damit gemeint ist.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Mit Sicherheit nicht komisch gemeint ist Heiner Müllers Bearbeitung des russischen Revolutionsromans Zement von Fjodor Gladkow. Fleißigen Theatergängern dürfte noch Dimiter Gotscheffs Inszenierung vom Residenztheater München in Erinnerung sein, die im Mai das Theatertreffen in Berlin eröffnete. Regisseur Sebastian Baumgarten, seit Langem mal wieder zu Gast am Maxim Gorki Theater, wird sich jedenfalls im Januar 2015mit seiner Arbeit an der des großen, jüngst verstorbenen Kollegen messen lassen müssen. Eine weitere Inszenierung von Sebastian Nübling wird es bereits im Oktober geben. Nübling wagt sich dann an Hebbels Nibelungenstoff. Mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge erforscht der Regisseur „die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“, wie man in der Ankündigung lesen kann.

Was das nächste Jahr sonst noch bringen wird, steht sicher nicht mehr nur in den Sternen, sondern harrt hoffentlich schon seiner Realisation. Auf jeden Fall bleibt es spannend. Liebe, Lust und Sexualität einerseits sowie Gewalt, Rache, Ideologie und Doppelmoral andererseits. Alles in allem eine Menge an wichtigen aber auch unbequemen Stoffen, denen sich das Maxim Gorki Theater in der neuen Spielzeit widmen wird. Und auch über neue Regiearbeiten von Hakan Savaş Mican würde man sich freuen. Mit seiner Inszenierung des Fassbinder-Klassikers Angst essen Seele auf gab er der letzten Spielzeit einen hoffnungsvoll versöhnlichen Abschluss. Trotz all der im Stück so treffend dargestellten und karikierten Ausländerfeindlichkeit, die vieler Orten noch gängige Praxis ist, kann es nur gemeinsam weiter gehen, auch im Theater. Ob nun mit Drama, Romanadaption, Komödie oder Tragödie, spielt dabei kaum eine Rolle.

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„Heimat, das ist nicht nur dort, woher wir kommen, sondern auch, wohin wir gehen.“ Helmut Schödel, Dramaturg, Regisseur und Theaterkritiker. Quelle: DIE ZEIT, 31.8.1990, Nr. 36

Infos zur neuen Spielzeit im MGT: http://www.gorki.de/spielplan/premiere-2014-2015/ 

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Some Day My Prince Will Come – „Die Damen warten“ von Sibylle Berg in den Hamburger Kammerspielen

Mittwoch, Januar 29th, 2014

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Gerade eben erst wurde Sybille Bergs neues Stück Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen am Maxim Gorki Theater Berlin uraufgeführt. Berg nimmt darin die Orientierungslosigkeit und Wut junger Frauen im digitalen Zeitalter des Postfeminismus aufs Korn. Regisseur Sebastian Nübling hat diesen satirisch angelegten Fließtext auf vier junge Schauspielerinnen verteilt. Vor gut einem Jahr wurde in Bonn das letzte Stück von Sibylle Berg uraufgeführt. Die Damen warten behandelt die Situation von Frauen im Alter zwischen 40 und 50 auf genau die gleiche satirisch-sarkastische Art, die Berg nun mal besonders eigen ist. Wieder sind es vier Protagonistinnen, die hier aus verschiedenen Perspektiven auf ihr Lebensentwürfe blicken. An den Hamburger Kammerspielen ist das Stück nun mit prominenter Besetzung in der Regie des Grimme- und Fernsehpreisträgers Kai Wessel (Zeit der Helden, 2013 auf Arte) erneut zur Aufführung gekommen.

Die Damen warten an den Hamburger Kammerspielen - Foto: Oliver Reetz

Die Damen warten von Sibylle Berg an den Hamburger Kammerspielen
Foto: Oliver Reetz

Die beiden Stücke besitzen trotz der verschiedenen Lebensalter der Frauen durchaus einige interessante Anknüpfungspunkte. Es ist nicht allein die satirische Betrachtung von Wellnesswahn und Körperkult, die hierbei ausschlaggebend ist. Vor allem wohnt der Jugend noch der Traum inne, dass mit dem Alter doch alles besser werde. Dabei will frau natürlich unter keinen Umständen den Lebensentwurf der Mutter kopieren. Zitat Berg: „Ich kann es manchmal nicht erwarten, älter zu werden. Denn vielleicht bedeutet das, nicht mehr so blöd zu sein.“ Und während Sibylle Berg die indifferente, suchende Jugend noch als „eine Person und mehrere Stimmen. Oder anders“ beschreibt, sind die Damen in den besten Jahren nun bereits auf einen ganz bestimmten Typ festgeschrieben. Dabei gelingt es den vier Exemplaren in Die Damen warten ihre unterschiedlichen Lebenssituationen anhand ihres reichhaltigen Erfahrungsschatzes dennoch recht gallig genau zu reflektieren.

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Zu Anfang sitzt jedoch Hildegard Schroedter auf der Bühne und lässt das Publikum warten. Regisseur Wessel hat den Prolog in Bergs Stück etwas umgebaut. Anstatt der Vorstellung der vier Protagonistinnen lässt er zunächst Hildegard Schroedter, Marion Martienzen und (als männlichen Sidekick) Kai Hufnagel ganz aktuell über Frauen im Beruf und Haushalt, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und Frauen in Vorstandsetagen referieren. Die Frau dringt ein in den geschützten Raum der Männerverwahrstätten und sieht sich alsbald den üblichen männlichen Vorurteilen ausgesetzt. Sie kriegt das Kind, der Mann flieht aus der hormonell aufgeladenen Atmosphäre daheim ins Büro. Kausalkette: Sekretärin, Scheidung, Pfändung des Gehalts. Wer ist da eigentlich das schwache Geschlecht? Das sitzt gleich zu Beginn. Die Zielrichtung ist damit klar ausgegeben.

Nach einem ersten Black öffnet sich die Bühne und zeigt eine Art Wellness-Tempel mit Säule im Hintergrund. Unsere vier Damen werden hier zu einem von der demokratisch gewählten Regierung organisierten Wellness-Wochenende erwartet. Sie sollen anlässlich des Frauentags ein kostenloses kosmetisches Update in Form einer Typberatung, neuen Frisur, Gesichtsbehandlung und Körper-Massage bekommen. Beim Handauflegen auf eine Art Wahrheitsdetektor beichten die vier nach und nach eintreffenden Frauen aus ihrem Leben. Ziemlich taff agiert Nina Petri als Wissenschaftlerin und Pathologin Frau Grau. Die 25 Jahre bei der Beförderung Übergangene setzt Geist über Körperlichkeit, fühlt sich aber letztendlich in ihrem Bild als geschlechtloses Wesen nicht bestätigt. Für die Maklerin Frau Töss (aufgedonnert: Julia Jäger) sieht es karrieremäßig ähnlich aus. Sie begreift allerdings die Tatsache von den Männern auf ihren Körper reduziert zu werden auch als Angebot, und hat sich in der Rolle der ewigen Liebhaberin bestens eingerichtet.

Dagegen stehen die Hausfrau und Mutter Frau Merz-Dulschmann (Marion Martienzen mit betont gieksiger Stimme) und die alleinerziehende Angestellte Frau Luhmann (Hildegard Schroedter). Marion Martienzen gibt hier ganz das brave Klischee einer Frau, die sich nach geschlechtlicher Pflichterfüllung dem Verschönern des eigenen Heims widmet und über fehlende Anerkennung und das Desinteresse klagt. Erst spät geht ihr auf, dass sich ihr Mann längst Abwechslung bei einer Anderen wie etwa Frau Töss sucht. Die burschikose Frau Luhmann sieht das alles eher relativ leidenschaftslos und pragmatisch. Sie macht sich schon lange keine Illusionen mehr und hadert nur noch mit ihrem YouPorn süchtigen Sohn. So in ihre eigene Welt eingefahren, lässt Berg die vier nun auf einander und den männlichen Host des Wellness-Wochenendes namens Horst (Kai Hufnagel) los.

Die Damen warten mit Nina Petri, Julia Jäger, Hildegard Schroedter, Kai Hufnagel und Marion Martienzen  - Foto: Bo Lahola

Die Damen warten mit Nina Petri, Julia Jäger, Hildegard Schroedter, Kai Hufnagel und Marion Martienzen – Foto: Bo Lahola

Nach dem Motto „man kann Frauen gestalten und formen, wie einen Klumpen Lehm“ macht sich der staatlich geprüfte Masseur, Fitnesstrainer, Stilberater und Hair-Make-Up-Artist eifrig daran, den Damen das passende Outfit zu verpassen und nervt nebenbei mit sexistischen Bonmots männlicher Persönlichkeiten aller Epochen von Luther bis Beckett sowie eigenen Ansichten zum Thema. Dass er neben so manch anderem Song auch noch den vielgecoverten Schmachtfetzen „Some Day My Prince Will Come“ aus Disneys Snow White auf der Gitarre klampfen muss, lässt den „Vogel“, wie ihn Frau Grau despektierlich tituliert, gänzlich ins Groteske fallen. Hier entpuppt sich ein etwas zu kurz geratenes männliches Exemplar als Weichei und Muttersöhnchen, dass die Schuld dafür natürlich dem weiblichen Geschlecht gibt.

Das Wellness-Satire-Programm spult sich dann in drei Akten zu den Bereichen Arbeit, Zu Hause und Der Körper ab und gibt einiges an Gelegenheiten zum fiesen Sticheln untereinander oder Lästern über die Männer und die missratene Brut daheim. Als der selbst gefrustete Horst die auf ihren Liegen auftrumpfenden Damen kurzerhand als „unterfickt“ bezeichnet, wendet sich das Blatt. Deren Frust entlädt sich nun am willkommenen Opfer. Da ist es aber schon zu spät. Das volle Verwöhnprogramm entpuppt sich nämlich als abgekartetes Spiel, die nutzlos gewordenen Frauen aus dem Blickfeld der Männer zu entsorgen, um Platz für junge eloquente Entscheidungsträger zu schaffen. In einer Art unterirdischen Wellness-Hölle finden sich die vier dann auf Schaukeln wieder und trällern selbst befreit ein Liedchen von einer Welt ohne Männer: „Wir sind allein, Gott ist die Frau.“

Man hat Sibylle Bergs Stück nach der Uraufführung mit der Kraft der Textflächen einer Elfriede Jelinek verglichen. Das ist vielleicht etwas zu viel der Ehre. Lediglich in der Intensität des Wortschwalls ihrer Protagonistinnen und der Lust zum Kalauern erreicht Berg hier die Nähe zur österreichischen Nobelpreisträgerin. Kai Wessel hat allerdings auch einiges an Spitzen herausgeschnitten. Das Damen-Quartett bemüht sich auffallend in leicht unterkühltem Understatement. Ein Spiel der zunächst gekonnt kleinen Gesten, das etwas zu unvermittelt in die offene Aggression kippt. Das Stück ist beileibe keine leichte Konversationskomödie für den gehobenen Boulevard. Dazu kommt die unentschiedene Regie. Zu brav, zu bieder dann doch wieder vom Blatt inszeniert. Etwas mehr Expressivität wäre hier durchaus nicht fehl am Platz. Zumindest wirkte das Publikum nach der Premiere in den Kammerspielen etwas verstört. Und das ist doch immerhin schon mal die halbe Miete.

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Die Damen warten
von Sibylle Berg
Hamburger Kammerspiele
Regie: Kai Wessel
Ausstattung: Maren Christensen
Mit: Kai Hufnagel, Julia Jäger, Marion Martienzen, Nina Petri, Hildegard Schroedter
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 25 Minuten, ohne Pause
Premiere war am 26. Januar
weitere Vorstellungen bis 2. März 2014

Infos: http://www.hamburger-kammerspiele.de/

Zuerst erschienen am 29.01.2014 auf Kultura-Extra.

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Russen, Tussen, Türken, Birken – Kunst, Culture Clash und Klischees. Hoch her ging‘s beim GOЯKI-Neustart in Berlin.

Freitag, Dezember 20th, 2013

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Es schlug wie eine Bombe ein, als kurz vor Ende des Berliner Theatertreffens im Mai 2012 bekannt wurde, dass Shermin Langhoff, langjährige Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg, die Nachfolge des nach Stuttgart wechselnden Armin Petras am Maxim Gorki Theater antreten würde. Der regierende Bürgermeister, Kultur- und Partysenator Klaus Wowereit hatte die deutsche Theatermacherin mit türkischen Wurzeln kurz vor den Toren Wiens abgefangen. Jetzt könnte man sich in dem Witz ergehen, dass die Türken bereits 1529 und 1683 vor Wien gescheitert sind. Was allerdings die Tatsache negieren hieße, dass sie mittlerweile längst in der Mitte Europas leben, und mit ihnen so manch andere Nationalität. Shermin Langhoffs Entscheidung für Berlin und das Maxim Gorki Theater war letztendlich eine ganz persönliche und bescherte der deutschen Hauptstadt dazu nun endlich auch das erste interkulturelle Schauspielensemble im deutschsprachigen Raum. Die Wiener Festwochen müssen sich mit der Belgierin Frie Leysen begnügen, die bereits das Festival Theater der Welt und 2012 das Berliner Theaterfestival Foreign Affaires kuratierte. Einer weiteren Internationalisierung der Festwochen werden also auch die Wiener nicht entgehen können.

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Der Kirschgarten von Anton Tschechow in einer Inszenierung von Nurkan Erpulat

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Zurück nach Berlin. Mit einem Herbstsalon der Kunst eröffnete Shermin Langhoff Anfang November ihre Intendanz am Maxim Gorki Theater. Für zwei Wochen wurde das angrenzende Palais am Kupfergraben mit Objekten, Installationen und Performances in Berlin lebender Künstler von internationaler Couleur bespielt. Ein gelungener Einstieg und Vorgeschmack auf den eigentlichen Start, der vom 17. bis 19. November mit drei Premieren gefeiert wurde. Mit Anton Tschechows Kirschgarten und zwei Inszenierungen von Gegenwartsstoffen der jungen Schriftstellerin Olga Grjasnowas und der jungen Dramatikerin Marianna Salzmann fiel das erste Wochenende im neuen GOЯKI recht russischlastig aus. Was natürlich nur auf den ersten Blick über die eigentliche Intension dieses vielbeachteten Neustarts hinwegtäuschte. Zum Auftakt präsentierte sich nämlich der nicht nur in Berlin bereits recht bekannte deutsch-türkische Theaterregisseur Nurkan Erpulat, der mit Verrücktes Blut gemeinsam mit dem neuen Gorki Chefdramaturgen Jens Hillje bereits einen Achtungserfolg für das postmigrantische Theater auf dem Berliner Theatertreffen 2011 feiern konnte. Die Inszenierung des Ballhaus Naunynstraße wurde übrigens auch ins Programm des Maxim Gorki Theaters übernommen.

Tschechows Kirschgarten interpretierte Erpulat nicht als Widerspruch Alt gegen Neu, Oben gegen Unten, sondern, ganz im Sinne des Leitmotivs des neuen Gorki, als Kampf der mittlerweile in der dritten Generation im Lande lebenden Migranten gegen die Alteingesessenen. Da wird der alte Sehnsuchtsort Kirschgarten, der ja schon bei Tschechow in jeder Enzyklopädie stand, zu einer Art überkommenen Leitkultur, die der junge Migrant Lopachin (Taner Sahintürk), dessen Vater noch als Leibeigener für die Familie der Ranjewskaja (Ruth Reinicke als letzte Verbliebene – im doppelten Sinne – des alten Gorki-Ensembles) ackern musste, am liebsten abholzen möchte. Er will Parzellen mit Ferienhäusern statt schöne Phrasen der deutschen Aufklärung, für die sich heute eh keiner mehr etwas kaufen kann. Taner Sahintürk liest aus Immanuel Kants Was ist Aufklärung? und lässt das Buch wie einst Tschechows Lopachin verständnislos sinken.

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Das neue GOЯKI. – Foto: St. B.

Die Unterschiede zur verrottenden und schwafelnden Intelligenzija der Ranjewskaja, ihres Bruders Gajew (Falilou Seck, noch bekannt aus Lukas Langhoffs Volksfeind-Inszenierung beim Theatertreffen 2012) oder dem Studenten Trofimow (Aram Tafreshian) werden hier an rein kulturellen Differenzen festgemacht. Da geht doch einiges verloren. Anja (Marleen Lohse), Warja (Sesede Terziyan), oder gar die Ranjewskaja selbst bleiben hier bei allem darstellerischen Können relativ vage. Den Nebenfiguren bzw. Bediensteten bei Tschechow wird in Erpulats Kirschgarten dagegen klar ihre Entsprechung in der heutigen deutschen Einwanderungsgesellschaft zugewiesen. Neben Lopachin trifft das vor allem auf Charlotta, Dunjascha, Firs und Jascha zu. Allen scheint irgendetwas zu fehlen. Sei es die Identität, Liebe, Zugehörigkeit oder gar so etwas wie Heimat.

Während Lopachin zumindest ein Ziel verfolgt, wirken die anderen doch recht orientierungslos. Çetin İpekkaya als Firs verfällt immer wieder in die türkische Sprache und wird von den anderen nicht ernst genommen. Der ersten Generation fehlt der Zugang zur neuen Gesellschaft, in der auch die anderen kaum ihren Platz finden oder nur mit Mühe behaupten können. Tamer Arslan als Jascha spielt den coolen Macho im Trainingsanzug. Pitschick (Mehmet Yilmaz) und Dunjascha (Mareike Beykirch) sind Karikaturen der Anpassung im deutschen Trachtenlook. Die Travestiekünstlerin Fatma Souad bringt als Charlotta mit ihrer ganz speziellen Geschichte (schwul, lesbisch, türkisch, berlinerisch) etwas Kreuzberger Lokalkolorit nach Mitte. Die schon bei Tschechow alters- und heimatlose Gouvernante als transidentisch darzustellen, ist natürlich schlüssig, aber auch nicht ganz neu.

Tschechows differenzierte Figurenzeichnung tritt hier hinter die klare Absicht des Regisseurs zurück. Die Widersprüche im Kirschgarten sollen so einen aktuellen Anstrich erhalten. Nur das dieser bisweilen etwas zu plakativ ausgemalt erscheint. Immer wieder werden deutsche Volkslieder gesungen und eine Musikerin (Sinem Altan) im schwarzen Hidschab spielt Klavier. Spätestens wenn Lopachin sich seine neue Heimat gekauft hat und beginnt die alten Tapeten abzureißen, schlägt auch bei ihm die unaufgearbeitete Vergangenheit durch. Tradition und Moderne geben sich auf der Bühne die Hand. Man tanzt zu türkischer Musik und spricht vom Aufbruch in eine neue Zeit. Zumindest tut man so. Und da ist man wieder ganz bei der Sehnsucht der Tschechow‘schen Figuren.

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Ob der gute Vorsatz nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sei dahingestellt, genau wie die These, dass die deutsche Gesellschaft wie das Gut der Ranjewskaja am Ende ist, wenn sie sich nicht den Problemen der Migration, wie auch den Vorzügen der kulturellen Diversität öffnet. Dass Hochkulturen zur Dekadenz und Fäulnis neigen, wenn sie sich allzu lang um sich selbst gedreht haben, dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte. Ein neuer Pfropf wirkt da mitunter Wunder. In der Beziehung funktioniert die Metapher des alten Kirschgartens, mit dessen Früchten niemand mehr etwas anfangen kann, doch sehr gut. Am neuen Gorki wird man jedenfalls weiter darauf hinweisen, dass die Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund hierhergekommen sind, um einen Anspruch auf Mitgestaltung einzufordern. Und bereits im Januar bringt dann Nurkan Erpulat seine vielbeachtete Wiener Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne neu auf die Bühne des Gorki Theaters. Man darf weiterhin gespannt sein.

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Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt, inszeniert von Yael Ronen und Schwimmen lernen von Marianna Salzmann – Ein Lovesong am neuen Studio Я, inszeniert von Hakan Savaş Mican

In den anderen beiden Inszenierungen ist man dann doch etwas näher dran, an der Lebenswirklichkeit junger Migranten in Deutschland. Die junge Jüdin Mascha (Anastasia Gubareva) aus Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt ist Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan. Sie ist kriegstraumatisiert und daher nicht gerade auskunftsfreudig, was ihre Vergangenheit angeht, die sich ihr deutscher Freund Elias (Knut Berger), mit Hang zum Zuschreibungswahn, entsprechend zusammenreimt. Da gibt es dann genug Platz für altbekannte Klischees und Missverständnisse. Zwischen die beiden schiebt sich der in Deutschland gestrandete und auf ein Visum für die USA wartende Palästinenser Sami (Thomas Wodianka). Er ist einer, der keine Milch von Kühen im Kaffee mag und auch ansonsten nicht viel auf Traditionen gibt. Cem (Dimitrij Schad) ist Türke, schwul, spielt Gitarre und mimt den Conférencier.

Armes Deutschland, kann da Elias Vater Horst (Tim Porath) nur noch von sich geben. Der Deutsche ist hier entweder provinziell verknöchert und stink konservativ oder hyperaktiv um Verständnis heuchelnd. Zumindest muss alles seine Ordnung haben und sich entsprechend einsortieren lassen. Elias kommt mit seinen Fragen allerdings nicht mehr weit. Er erliegt nach der Hälfte des Stücks den Folgen eines blöden Sportunfalls, und mit ihm auch die Lebenslust Maschas. Nach einem traumatischen Besuch in der ostdeutschen Provinz bei Elias Vater, der den Sinn des Lebens darin sieht, die vielen Kuckucksuhren seines Vaters aufzuziehen, über den er sonst auch nicht viel mehr weiß, als über seinen Sohn Elias, verkriecht sich Mascha erstmal für Wochen mit dessen Spotshirt ins Bett. Dass sie da nicht ranzig wird, hat sie Cems Hartnäckigkeit und seinem Sinn für aufbauende Geschichten zu verdanken.

Über schlüpfrige Umwege kommt die sprach- und anderweitig begabte Mascha an ein Auslandsstipendium und damit schließlich nach Israel. Neues Land, neue Liebe, neues Leben. Erinnerungen an früher und allzu feste Wurzeln sind da nur noch hinderlich. Grjasnowas Roman ist ein schöne Beschreibung der bindungsarmen, zwischen den Welten switchenden Jugendlichen, die sich eigentlich nicht viel Gedanken über ihre eigentliche Identität und Heimat machen, diese aber trotzdem immer im Hintergrund mit sich herumschleppen und auch von der Gesellschaft hinterfragt bekommen. Die Inszenierung von Yael Ronen ist frisch, witzig, mit viel Situationskomik und macht definitiv Lust auf mehr.

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Gorki-Studio

Gorki-Studio Я

Ganz ähnlich geht es der jungen Protagonistin im Stück Schwimmen lernen der Dramatikerin Marianna Salzmann. Die Russin Lil (Marina Frenk) fühlt sich einsam in Deutschland. Sie träumt vom Meer in ihrer Heimat. Feli (Anastasia Gubareva) und Pep (Dimitrij Schad) dagegen sind ein Paar und halten sich für die beste Idee. Diese will aber auf Dauer nicht so recht zünden. Feli lernt Lil kennen und lieben. Angesteckt von Lils Idee vom Meer gehen beide schließlich nach Russland. Aber das Leben dort birgt andere Schwierigkeiten. Lil ist schnell genervt von den Kuchennachmittagen und Fragen der Verwandten und Feli fügt sich schwer in ihren neuen Job ein. Der Alltag ist Gift für die junge Liebe und das Meer nur eine ferne Projektion.

Wieder ein schönes Stück über Sehnsüchte Jugendlicher nach Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen. Vereinbar scheinen beide auf Dauer nicht zu sein. Irgendwann ist Feli wieder weg und Lil im fremden Land auf sich allein gestellt. Hakan Savaş Mican inszeniert diesen zwischen Aufruhr der Gefühle und Melancholie schwankenden Lovesong auch als solchen. Die Darsteller singen immer wieder von Heimweh, Liebe und Liebesleid. Sie spielen dazu begnadet auf der Gitarre, dem Klavier, oder trommeln sich die Seele aus dem Leib. Heiß her geht es, bis zum Schluss die Fenster geöffnet werden und die jungen Leute auf die Straße ausbrechen. Ganz großes Theater im kleinen neuen Studio Я, das in Zukunft auch unter der Leitung von Marianna Salzmann stehen wird.

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Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen – Sebastian Nübling inszeniert Sibylle Berg

Sibylle Berg im Oktober 2013, Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia commons

Sibylle Berg im Okt. 2013
Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia

Ganz ohne Migrationshintergrund kommt dagegen das extra fürs neue Gorki geschriebene Stück der Schriftstellerin, Dramatikerin und Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg aus. Jugendlich sind die Protagonistinnen des lockeren Fünfundsiebzig-Minüters Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen aber schon. Regisseur Sebastian Nübling, den Shermin Langhoff überraschender Weise fürs Gorki verpflichten konnte, besetzt das Stück für eine Person und mehrere Stimmen dann auch mit den vier jungen Schauspielerinnen Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas. Deren vierstimmigen Wutschwall, von Berg als ununterbrochener Fließtext geschrieben, inszeniert Nübling als stampfendes, dampfendes Körperballett auf ansonsten leerer Bühne. In Schlabberlook und Nerdbrille zieht das Quartett dabei chorisch und unkorrekt über den heutigen Zeitgeist mit seinem Jugend-, Mode- und Körperwahn her.

Aus der Sicht der namenlosen Hauptprotagonistin hört dieses Rumgeleide aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationdruck wahrscheinlich nie auf. Aber ob da einfach nur Älterwerden die Lösung bringt, darf bezweifelt werden. Vorerst bedient frau noch weiter bestens alle möglichen Ziel- und Randgruppen-Klischees. Dass es hier vor allem immer wieder die heteronormative Männlichkeit trifft ist durchaus beabsichtigt. „Schräger Pony, verdeckt beginnende Geheimratsecken, enge Hose, korrekter BMI, Nerd-Brille … und tschüss!“ Aber auch trendige Fitness-Beautys bekommen ihr Fett weg. „Wie werde ich überflüssige Pfunde am schnellsten los?“ Zuviel Hormone oder überhaupt Gefühle sind da einfach nur zum Kotzen. Zwischendurch rufen immer mal wieder die Schwestern Minna und Gemma oder die angehimmelte Freundin Lina an, während Stiefpapa Paul, das Opfer, im imaginierten Kellerverließ sitzt.

So trampeln sich die vier Darstellerinnen den Frust vom Leib und übertragen mit viel Coolness ihren We don’t give a shit-Storm aufs mehrheitlich jugendliche Publikum. Nur, wer die Radikalität der Bücher von Sibylle Berg kennt und weiß mit welcher oft auch moralischen Keule sie die Leser ihrer S.P.O.N.-Kolumnen traktieren kann, wird hier an manchen Stellen auch schon mal verstohlen gähnen. Ihre sonst recht böse Ironie kommt zuweilen doch recht nett daher. Und während Frau sich noch so ihren Teil denkt, schläft Mann vielleicht schon fest.

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Gorkilogo

Der Kirschgarten
eine Komödie von Anton Tschechow

Mit:
Jascha: Tamer Arslan
Dunjascha: Mareike Beykirch
Firs: Çetin İpekkaya
Anja: Marleen Lohse
Ranewskaya: Ruth Reinecke
Lopachin: Taner Şahintürk
Gajew: Falilou Seck
Trofimov: Aram Tafreshian
Warja: Sesede Terziyan
Simeonow-Pischtschik: Mehmet Yılmaz
Charlotta: Fatma Souad
Musiker: Özgür Ersoy
Musikerin: Sinem Altan

Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Sinem Altan / Tobias Schwencke
Licht: Norman Plathe
Dramaturgie: Daniel Richter

Weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/der-kirschgarten/

Der Russe ist einer, der Birken liebt (UA)
von Olga Grjasnowa in einer Bühnenfassung von Yael Ronen

Mit: Mehmet Ateşçí, Knut Berger, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Esther Krapiwnikow
Video: Benjamin Krieg
Musik: Yaniv Fridel / Dimitrij Schaad
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/

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Schwimmen lernen. Ein Lovesong
von Marianna Salzmann

Mit: Marina Frenk, Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.

Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger
Musik: Enik
Video: Benjamin Krieger
Licht: Daniel Krawietz
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/schwimmen-lernen/

Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (UA)
von Sibylle Berg

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.

Regie: Sebastian Nübling
Choreographie: Tabea Martin
Raum: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger
Mitarbeit Raum/Kostüme: Moïra Gilliéron
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Katja Hagedorn.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/es-sagt-mir-nichts-das-sogenannte-draussen/

siehe auch Kultura-Extra vom 12.12.2013

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Frust statt Brust – Sibylle Berg alias „Frau Sibylle“ randaliert in ihrer S.P.O.N.-Kolumne auf Spiegel online und beklagt sich dabei über das Elend im deutschen Stadttheater.

Mittwoch, April 17th, 2013

Wir kennen Sibylle Berg als genaue Beobachterin und unerbittliche Beschreiberin menschlicher Unzulänglichkeiten. Die Ergebnisse heißen dann z.B. „Das Unerfreuliche zuerst. Herrengeschichten.“ oder „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.“ Ironie und Schwarzer Humor waren eigentlich nie ihr Problem. Seit etwas zwei Jahren schreibt Sibylle Berg eine der S.P.O.N.-Kolumnen auf Spiegel-online namens „Fragen Sie Frau Sibylle“. Unter der Schlagzeile Zeit für Frustrandale sitzt sie nun zu Gericht über die Krise des deutschsprachigen Sprechtheaters. Tatsächlich ein seltsamer Begriff. Sprechtheater klingt irgendwie wie Brechtheater, ohne zweites t in der Mitte versteht sich. Was ist passiert? Warum geht es Frau Sibylle so schlecht? Sie war lange nicht mehr glücklich im Theater. Und ich kann das sogar in Teilen nachvollziehen.

3783Sibylle Berg

Sibylle Berg (* 2. Juni 1962 in Weimar) ist eine deutsche Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie schreibt Romane, Essays, Kolumnen und Theaterstücke. – Foto: Udo Grimberg (Wikipedia)

Nur woran liegt das? An leidenden, halbnackten Frauen, zu vielen Männern am Theater oder langweiligen Spielplänen? Wer hat das deutsche Stadttheater zur „Minna“ gemacht? Wer raubt uns mit den ibs-ten „Räubern“ den Nerv? An jedem zweiten Theater wird passend zur Krise ein „Kirschgarten“ abgeholzt. Keine Ideen, kaum neue Stücke, wenig interessante Rollen für Frauen. Kurz – das Elend, konstatiert Frau Sibylle. Den schwarzen Peter bekommen nun der Stein und der Zadek. Bei denen rannten ja bekanntlich schon in den 70ern Nackte über die Bühne und schrien. Alles Schreier, außer Schlingensief und Pollesch. Wenn Christoph Schlingensief weiter brav den Messdiener gegeben hätte, würde ihn wahrscheinlich heute noch keiner kennen. Und René Pollesch ist auch erst seit ein paar Jahren etwas ruhiger geworden.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Volksbühne vor ziemlich genau 10 Jahren drei nackte Komparsen für Schlingensiefs „Atta, Atta, die Kunst ist ausgebrochen!“ suchte. Ob diese schon nackt zum Casting erscheinen mussten, ist mir allerdings nicht bekannt. Wenn das damals nicht nur ein Fake gewesen wäre, hätte Frau Sibylle sich etwa geweigert in der Volksbühne von einem/er nackten Komparsen/in zu ihrem Platz geleitet zu werden? Bereits 1993 bei „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“ forderte Schlingensief das Publikum auf, sich nackt auszuziehen. Gleichberechtigung für alle! „…seid nackt, nackt, nackt!“ Wäre ihm Frau Sibylle gefolgt? Aber zumindest gematscht wurde jede Menge bei Schlingensief. Also bitte bloß keine neue Ekeltheaterdebatte.

Sebastian Hartmann inszeniert nach Shakespeares Was ihr wollt und dem Nackten Wahnsinn. Premiere: 19. November 2011.

Nackte am Theater? Wo gibt’s denn sowas?
Birgit Unterweger in „Nackter Wahnsinn – Was ihr wollt“ am Centraltheater Leipzig, Regie: Sebastian HartmannFoto: David Baltzer/bildbuehne.de

Man sieht, Nackte am Theater, das ist alles ein ziemlich alter Hut, auf den sie da drischt. Dazu gibt es sogar schon genau so lange, wie es Frau Sibylle gibt, eine Doktorarbeit von Ulrike Traub. Nur was will sie nun eigentlich wirklich? Allgemeine Ratlosigkeit durchzieht diese Klage. Aber lesen Sie erst noch einmal hier selbst nach. Und, schlauer? Muss man(n)/frau sich nun wohl oder übel ernsthaft Gedanken oder sogar Sorgen machen? Sicher, es ist bedauerlich, Christoph Schlingensief ist tot, Peter Zadek schon etwas länger. Nur Peter Stein geistert noch durch die Theatergeschichte, immer in gehörigem Abstand zur Gegenwart, dem Publikum und vor allem der Kritik. Einen Beitrag zur Bankenkrise oder dem Irak-Krieg würde man aber wohl auch von René Pollesch vergeblich einfordern. Die Folge ist Frust statt Brust. Randale durch sinnverhüllende Verweigerung. Frau Sibylle leidet, und wir leiden beim Lesen zwangsläufig mit.

Wissen Sie, was das Komische an Kolumnen wie „Fragen Sie Frau Sibylle“ ist? Obwohl niemand gefragt hat, bekommt jeder eine Antwort. Aber so isses halt immer schon gewesen, die Sibylle hat nie wirklich einer gefragt. Trotzdem hat sie unermüdlich geunkt, von der Antike bis in die heutige Zeit. Irgendwann hat sich das verselbständigt, und die Sibyllen schossen wie Hallimasch aus dem Boden. Vermutlich jedes zweite Kräuterfräulein, das zu viel vom eigenen Gesammelten und Gebrutzelten genascht hatte, hielt sich für eine gottberufene Prophetin. Die Sibylle entwickelte sich tatsächlich schon in der Antike schnell zu einer Art Berufsbezeichnung. Und es waren meist Männer, die in einsamen Nächten in ihren Klosterzellen anfingen, den ganzen Unsinn aufzuschreiben. Viele Seiten füllen die verschiedensten sibyllinischen Schriften.

Jeder Kult, jede Religion, jede Epoche kennt diese weibliche Form der ekstatisch kryptischen Prophetie. Die aus rasendem Munde Ungelachtes und Ungeschminktes und Ungesalbtes redet und mit ihrer Stimme durch tausend Jahre reicht. So hat Heraklit die Sibylle beschrieben. Und es dürften mittlerweile weit über zweitausend Jahre sein. Viel schlauer ist seither allerdings noch keiner geworden. Und beim Barte des Propheten oder den roten Haaren der Sibylle, warum das so ist, daran scheiden sich noch heute die Geister.

Da unsere Frau Sibylle tatsächlich Frau Sibylle heißt, und zwischen zwei Theaterstücken und ein paar Büchern auch noch Zeit für die Prophetie hat, dürfen wir das nun im Onlinezeitalter wöchentlich lesen, was sie so umtreibt, oder ihr, wie Herr Stadelmaier (auch so eine Art Prophet am Theater) es sagen würde, durch die Rübe rauscht. Vielleicht sollte Frau Sibylle tatsächlich mal was rauchen. Das entspannt ungemein, wenn man mal wieder gerade kurz vor der Frustrandale steht. Oder, auch eine Möglichkeit, Herrn Stadelmaier fragen. Dann werden die Orakelsprüche zwar auch nicht hellsichtiger, aber höchst wahrscheinlich lesbarer.

Und so bleiben wir bis dahin ebenso ratlos, wie Frau Sibylle selbst, und schauen in das Grab, das sich da aufgetan hat und alles zu verschlucken droht. Das gute alte Stadttheater samt halbnackten Schreihälsen, die rumstehen, rumlaufen oder gute Texte in guter Betonung aufsagen und natürlich den vielen Textarbeitern, die an ihrem „heteronormativen Weltbild“ meißeln. Und Frau Sibylle, als leidende Frau und hin- und hergerissene Autorin, immer mittendrin, im Strudel der schier unendlichen Kunstformen und -begriffe, die doch keiner begreift. Zwischen Skylla und Charybdis, René Pollesch und She She Pop, klassischem Bildungsbürgertum und freien Gruppen.

Träumen von Geschwindigkeit, Bildern, Tempo, Mut, alles zu ändern? Wer will das schon, wenn es Texte wie diesen gibt, den man ohne ganz in Rage zu verfallen, zusammenfalten und als Papiertiger zu den Akten legen kann. Abteilung: Schriften aus der Grotte. Sie wissen schon, da wo die Sibylle wohnt. Und jetzt? Bei den unergründlichen Tiefen des Hellespont. Worum ging es eigentlich noch? Stein und Zadek, Nackte und Schreihälse? Selbstreferenzielles von Theaterschaffenden, Sibylle Berg, Inga Stade oder IM Lustig? Die Kommentatorenkästchen auf Spiegel-online und nachtkritik.de laufen jedenfalls über vor lauter guten Ratschlägen. Oder geht es etwa doch wieder mal um die Revolution am Theater? Sagte ich schon, dass ich ratlos bin? Ich weiß nur eines: Hallimasch macht Heil im Ar… Und jetzt raten Sie mal, wo das der Regelfall ist. Oder fragen Sie Frau Sibylle.

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Tatort Komödie – Zwei Stücke in der Schaubühne und in den Kammerspielen des DT versuchen sich in Satire und sind dabei mehr oder minder erfolgreich.

Dienstag, November 30th, 2010

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Nach den eher unfreiwillig oder derb komischen Inszenierungen von Roland Schimmelpfennigs „Peggy Pickit“ am DT und Walter Mehrings „Kaufmann von Berlin“ an der Volksbühne haben es nun mit Marius von Mayenburgs „Perplex“ und Sibylle Bergs „Nur nachts“ wieder zwei Komödien auf die Berliner Bühnen geschafft. Ist das Thema auch noch so schwer, der Zuschauer will unterhalten werden. Wenn der Inhalt zu dünn ist, muss die Verpackung, sprich Inszenierung nachhelfen und der Regisseur Versäumnisse des Autors wettmachen. Das das nur bedingt funktioniert, hat Martin Kušej mit seiner Version von Peggy Picket bewiesen. Frank Castorf hat seine Inszenierung von Walter Mehring so mit Klamauk und zusätzlichem Inhalt überfrachtet, dass es einfach nur noch ermüdend war.

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Was ist aber, wenn das Stück gar keinen Inhalt oder Sinn transportieren will, also einfach nur komisch sein möchte? So geschehen bei Marius von Mayenburgs neuem Stück „Perplex“, das er gleich noch selbst in der Schaubühne inszenierte. Zwei Paare treffen hier in immer wieder wechselnden Konstellationen aufeinander und kosten die Verwirrung und Komik, die aus diesen teilweise absurden Situationen und Identitätswechseln entseht, mit sehr viel Spielfreude aus oder sind einfach wie der Titel schon sagt perplex. Mayenburg nutzt einige philosophische (Platons Höhlengleichnis) und wissenschaftliche (Darwins Entstehung der Arten) Grundweisheiten und stellt diese in seiner Farce über den schönen Schein des Theaters einfach genüsslich aus.

Ausgangspunkt ist ein aus dem Urlaub zurückkehrendes Paar, das sich in seiner Wohnung nicht mehr zurecht findet und von den Freunden, die eigentlich nur die Blumen gießen sollen, vor die Tür gesetzt wird. In einem Reigen aus Maskerade, Rollenspiel und böser Satire wird der Wahnsinn des Alltags persifliert. Merkwürdige Nazis und freche Au-pair-Mädchen treten auf, es gibt eine herrliche Kostümparade mit isländischem Vulkan und ein Liebesspiel im Elchkostüm sowie eine Parodie auf das Putz-Mariedl aus Schwabs Präsidentinnen. Eva Meckbach, Judith Engel, Robert Beyer und Sebastian Schwarz können hier alle Register ihres schauspielerischen Könnens ziehen, das ist mehr als nur ein Well-Made Play. In einer Wohnlandschaft vor einem großen Terrassenfenster schlüpfen die vier immer wieder in neue Identitäten, selbst erst darüber verblüfft, finden sie sich schließlich schnell darin zurecht und lassen den Faden nie abreißen. Irgendwann wird aber alles als Spiel im Spiel entlarvt und das Bühnebild und die schöne Illusion demontiert. Der Regisseur erweist sich als abwesend und Sebastian Schwarz gibt ihn flüchtend als Nietzsche-Karikatur mit dem „Gott ist tot“-Monolog. Das Stück schafft sich selbst ab und lässt trotz großem Vergnügen die Protagonisten und auch den Zuschauer etwas ratlos zurück.

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Eher gemäßigtes Vergnügen hatten einige Kritiker zur Inszenierung des Stückes „Nur nachts“ von Sibylle Berg, das bereits im Februar in Wien uraufgeführt und nun an den Kammerspielen des Deutschen Theaters gezeigt wurde signalisiert. Ja was soll man auch sonst bei diesem mittelmäßigem Stück mit seiner mittelmäßigen Regie bezeugen. Gediegene Langeweile macht sich bei dieser gefälligen Rocky-Horror-Aging-Show breit. Man konnte sich schon vom satirischen Talent der Sibylle Berg bei den DT-Autorentheatertagen überzeugen. Bei „Hauptsache Arbeit“ machen sich eben solche mittelmäßigen Menschen wie in „Nur nachts“ für ihre mittelmäßigen Jobs vor ihrem fiesen Chef zum Affen. Dabei werden sie immer wieder von zwei Ratten auf einem sinkenden Schiff motiviert. Als Schluss-Pointe befördern sich dann aber wenigstens alle selbst ins Jenseits. Das war noch konsequent böse aber leider auch nur eine mäßig witzige Revue, von einigen halbwegs gelungenen Showeinlagen mal abgesehen.

Die Ratten haben sich in „Nur nachts“ vermehrt und sind zu Geistern mutiert, die nun demotivieren und das allgemeine Glück verhindern sollen. Aber wer braucht schon solche Geister, wenn er bereits über einen riesigen inneren Schweinhund verfügt, wie die beiden Mitvierziger Petra und Peter, bewusst ständig aufgeregt und hilflos gespielt von Judith Hofmann und Peter Moltzen. Die Geister, die ich nicht rief, hier sind sie da, weil sich das angehende Paar selbst in seiner Mittelmäßigkeit bequem eingerichtet hat. Die Einsicht kommt spät, sie müssen bis dahin einen Parcour des Schreckens vom Kinderkriegen und Erziehen der störenden Brut, über Verse schmieden bis zum gemeinsamen alt werden durchlaufen. Gekalauert darf auch werden, bis Peter sogar die Hand abhanden kommt. Der Traum ein sinnvolles Leben zu führen, gerät hier zum Albtraum, zu einer Parade des Grauens, das uns Regisseur Rafael Sanchez allerdings so angenehm wie möglich machen will.

Berg legt die Figuren im Klischee an, Sanchez kleistert kräftig mit Kitsch nach, mit albernen Ganzkörperanzügen von Tatortspurensicherern und Masken mit Ohren für die Geister, unsäglichen Liebessongs u.a. „Flugzeuge im Bauch“ von Herbert Grönemeyer, gegenseitigem Windeln anlegen und schließlich dem Dahindämmern im Altersheim. Irgendwann schlafen da sogar die Geister ein und dem zu verhindernden Paar gelingt die Flucht in den Tod, nur noch Schatten ihrer selbst, oder vielleicht doch mit dem Möbelwagen in eine neue Zukunft? Man will es aber eigentlich gar nicht so genau wissen. Der Weg von den antrainierten Bindungsängsten bei Mitvierzigern bis zur persönlichen Freiheit, wie sie Sibylle Berg vorschwebt, ist hier nicht nur mit selbst gelegten Steinen versperrt, sondern auch noch mit lauter Banalitäten gepflastert und so gerinnt der ganze Schmalz wieder nur zur gefälligen Revue.