Archive for the ‘Simon Stone’ Category

Der Regisseur als Autor – „Ibsen Huis“ von Simon Stone und „Shakespeare’s Last Play“ von Dead Centre beim FIND#18 an der Berliner Schaubühne

Samstag, April 28th, 2018

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Ibsen Huis – Beim FIND an der Berliner Schaubühne vergegenwärtigt Simon Stone mehrere Ibsenmotive von familiären Lebenslügen zu einer gesellschaftlichen Katastrophendramatik

Seit 6. April lief an der Berliner Schaubühne wieder das Festival Internationaler Neuer Dramatik (FIND). Am Abschlusswochenende gastierte die international renommierte Toneelgroep Amsterdam mit der Inszenierung Ibsen Huis von Simon Stone. Dem australisch-schweizerischen Regisseur hat es der norwegische Dichter Hendrik Ibsen mit seinen psychologisch-naturalistischen Dramen angetan. Mit seiner für die Wiener Festwochen entstandenen Boulevardversion von John Gabriel Borkman wurde Stone 2016 das erste Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Eine Koproduktion mit dem Theater Basel, wo er im selben Jahr eine zeitgemäße Überschreibung des Tschechow-Stücks Drei Schwestern inszenierte und dafür prompt seine zweite Einladung nach Berlin erhielt.

Nun also wieder Ibsen, wobei Stone seiner Modernisierung diesmal nicht nur ein Drama zu Grunde legt, sondern gleich eine ganze Kette von Stück-Motiven. Den Text hat Simon Stone – wie schon bei den Drei Schwestern – selbst geschrieben. Es handelt sich somit um ein eigenständiges Stück. Stone legte am Wiener Burgtheater jüngst mit Hotel Strindberg ein ganz ähnliches Werk vor, das sogar zu den Mülheimer Theatertagen 2018 eingeladen wurde, dort aber aus technischen Gründen nicht gespielt werden kann. Grund ist ein recht aufwendiges Bühnenbild, das ein dreistöckiges Raumgebilde zeigt. Da nimmt sich das nur zweigeschossige Ibsen Huis doch relativ bescheiden aus. Wie schon in den Drei Schwestern steht also ein Ferienhaus im Mittelpunkt der Inszenierung. „Die Räume in diesem Haus sind Orte des Traumas und der Konfrontation, aber auch der freudigen Erinnerung.“ erklärt Stone das von Lizzie Clachan entworfene Bühnenhaus, in dem sich die über mehrere Generationen verlaufende Tragödie einer Familie zuträgt. Eine Geschichte aus Lebenslügen und Vertuschungen, für die das Haus im Auf- und Wiederabbau eine ganz treffende Metapher bildet. Wie Ibsen betätigt sich Stone hier als Zerstörer dieser fragilen Architektur, die nach und nach in sich zusammenbricht.

Im ersten Akt, der an Dantes Göttlicher Komödie orientierten Stückaufteilung in „Paradies“, „Fegefeuer“ und „Inferno“ liest sich zunächst wie Ibsens Drama Baumeister Solness. Der recht dominante Architekt Cees Kerkman (Hans Kesting) baut in den 60er Jahren ein Feriendomizil für die Familie. Dafür benutzt er die Pläne seines Neffen Daniël (Aus Greidanus jr.), ambitionierter Sohn seines kränklichen Bruders Thomas (Fred Goessens), dessen Tochter Caroline (Eva Heijnen) Cees sexuell missbraucht hat. Das Verbrechen wird sich eine Generation später auch an dessen Enkelin Fleur (Claire Bender) wiederholen. Die traumatisierte Fleur nimmt sich daraufhin das Leben, woran die Ehe von Cees‘ Tochter Lena (Maria Kraakman) mit ihrem Mann Jacob (Bart Slegers) zerbricht.

 

Ibsen Huis von Simon Stone – Foto (c) Jan Versweyveld

 

In zeitlichen Vor- und Rücksprüngen von den 60er über die 80er Jahre bis ins neue Jahrtausend treffen die Figuren immer wieder im Haus aufeinander. Die mittlerweile drogenabhängige Caroline, kehrt nach einem Auslandsaufenthalt wieder ins Haus zurück und fordert die von Cees gegebenen Versprechungen ein. Damit bekommt das sorgsam gefügte Lügengebilde erste Risse. Der zunächst etwas undurchsichtig und mühsam konstruierte Plot, bei dem die SchauspielerInnen ständig in den Rollen wechseln müssen, sorgt in der Pause für reichlich Gesprächsstoff darüber, wer, wie mit wem und warum hier irgendwas zu tun hat. Das Ausufern des Personenkreises und dessen Verstrickungen tragen nicht gerade zur dramatischen Verdichtung bei. Das sich beliebig verzweigende, teils recht verplapperte Well-made-Play mutiert bald zur nervigen Ibsen-Verzwergung auf Telenovela-Niveau.

In einem zweiten Strang nach der Pause geht es um Cees‘ schwulen Sohn Sebastiaan (jung von David Roos und älter von Maarten Heijmans dargestellt), der von seinem Vater nicht akzeptiert nach Deutschland flieht und sich dort mit HIV ansteckt. In dramatischen Gesprächen mit der Mutter Johanna (Maria Kraakman) bittet der Kranke sie nun, ihm das gegebene Leben wieder zu nehmen. Das erinnert stark an Ibsens Drama Gespenster. Wie ein Gespenst irrt hier aber nicht nur der mittlerweile demente, immer noch lüsterne Cees, der sich auch noch an Carolines Tochter Pip (Eva Heijnen) vergreifen will, herum, auch die Toten der Familie spuken durch das vernebelte Hausgerippe, das im Lauf der Geschichte zweimal in Flammen aufgeht. Das erste Mal nachdem Lena Jacob vom Missbrauch der Tochter erzählt und am Ende als die Finanzierung des von Caroline (nun Janni Goslinga) erst als Frauenhaus und dann als Flüchtlingsunterkunft geplante Wiederaufbau scheitert.

Simon Stone steigert das persönliche Drama der Familie Kerkman immer weiter bis zur allgemeinen Gesellschaftstragödie, indem er auch noch Finanzkrise, Brexit, Flüchtlingskrise und Fremdenfeindlichkeit in die Geschichte einflicht. Das reinigende Feuer, das laut der recht impulsiv auftretenden Caroline Platz für eine neue Saat schaffen soll, verpufft nach dreieinhalb Stunden als moralischer Schwelbrand. Jedes originäre Ibsen-Stück birgt für sich allein mehr Dramatik als diese flott daherkommende Vergegenwärtigung, die sich an ihrem eigenen Aktualitätswahn berauscht.

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Ibsen Huis (FIND, Schaubühne, 22.04.2018)
nach Henrik Ibsen
Text und Regie: Simon Stone
Dramaturgie und Übersetzung: Peter van Kraaij
Szenografie: Lizzie Clachan
Musik: Stefan Gregory
Kostüme: An D’Huys
Licht: James Farncombe
Mit: Celia Nufaar, Hans Kesting, Bart Klever, Maria Kraakman, Janni Goslinga, Claire Bender, Maarten Heijmans, Aus Greidanus jr., Eva Heijnen, Bart Slegers, David Roos
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause
Gastspiel im Rahmen von FIND 2018
Produktion: Toneelgroep Amsterdam
Die Premiere war am 09.05.2017
Termine beim FIND: 20., 21., 22.04.2018

Infos: https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/ibsen-huis.html

https://tga.nl/en/productions/ibsen-huis

Zuerst erschienen am 24.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Die irischen Dead Centre betreiben mit „Shakespeare’s Last Play“ ein anthropophages Metatheater an der Berliner Schaubühne – Sie benutzen dabei Shakespeares Romanze „Der Sturm“ zur lustigen Leichenfledderei

SHAKESPEARE’S LAST PLAY an der Schaubühne – Foto (c) Gianmarco Bresadola

Kurz nach dem Ende des FIND gibt es noch einmal internationale Dramatik an der Schaubühne am Lehniner Platz. William Shakespeares Stück Der Sturm ist zwar nicht neu, wird hier aber vom irischen Dead Centre bestehend aus den Regisseuren Bush Moukarzel und Ben Kidd ganz neu interpretiert. Ob nun Chekhov’s First Play, für das Anton Tschechows unvollendeter Erstling Platonow Pate stand, oder nun Shakespeare’s Last Play, dessen Ende relativ offen ist, die beiden Iren mögen es unfertig. Mit ihrem Motto „Unfertige Stücke für unfertige Menschen“ gastierten Moukarzel und Kidd schon zweimal hintereinander beim FIND. Nun haben sie ihr erstes Stück für die Schaubühne inszeniert.

Im Globe-Theatre-Saal, in dem auch Richard III. in der Regie von Hausherr Thomas Ostermeier gezeigt wird, sitzt das Publikum vor einem blauen Bühnenhalbrund, während eine Stimme aus dem Off in den Abend einführt. Es ist Bush Moukarzel, der in englischer Sprache den etwas müde gewordenen Dichter Shakespeare gibt, über den Inhalt seines letzten Stücks resümiert, dabei sein Tun als Autor reflektiert und darüber klagt, dass es immer dasselbe wäre. „Die ganze Welt ist Bühne / Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.“ Ein Shakespeare-Zitat, das hier zum Anlass genommen wird, mal zu überprüfen, was Shakespeare und seine Zeit heute eigentlich noch mit uns zu tun haben.

Das ist schon gleich die erste Metatheaterebene des Abends, weitere werden im Lauf der Inszenierung noch eingezogen. Zunächst öffnet sich aber die Bühne wie eine Muschel, deren untere Schale einen Minitümpel mit Felsbrocken und Pappmachestrand zeigt. An die obere Schale wird eine Landkarte, mit einem an Google-Earth erinnernden Navigationssystem, aus dem man rein- und rauszoomen kann, projiziert. Lauflinien und Pin-Marker deuten die vorgegebenen Wege und Ziele der spielenden Figuren an. Die eingesprochenen Regieanweisungen wie „Geh nach links.“ oder „Dreh dich um.“ bzw. immer wieder ein klares „Stop!“ entlarven das Spiel ganz bewusst als unecht, und von außen bestimmt, was einige der fünf DarstellerInnen auch zum Anlass nehmen, immer wieder aus ihren Rollen auszusteigen und anzumerken, dass hier etwas nicht stimmt, sich nicht richtig anfühlt.

 

SHAKESPEARE’S LAST PLAY an der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Zunächst folgt die Inszenierung dem Plot von Shakespeares romantischem Stück Der Sturm, in dem der Zauberer und frühere Herzog von Mailand Prospero sich an seinen Widersachern, die ihn vor 12 Jahren gestürzt hatten, rächen will, indem er einen Sturm entfacht, der ein Schiff mit seinem Bruder und Nachfolger Antonius sowie Alonso, dem König von Neapel, dessen Bruder Sebastian und Sohn Ferdinand sinken und alle getrennt voneinander am Ufer von Prosperos Insel stranden lässt. Hier trifft Ferdinand auf die Tochter Prosperos. Er verliebt sich in Miranda, die noch nie zuvor einen Mann außer ihren Vater und dessen missgestalteten Diener Caliban gesehen hat. Nach einigen Intrigen, Wirrungen und Geistererscheinungen fügt sich aber alles zum Guten. Prospero verzeiht seinen Feinden, schwört seiner Zauberkraft ab und will wieder als Herzog nach Mailand zurückzukehren.

In wechselnden Auftritten agieren hier nun Jenny König und Mark Waschke als Miranda und Ferdinand, Nina Kunzendorf als frisch gegenderte Antonia, Thomas Bading als Alonso und Moritz Gottwald als Gonzalo, einem Getreuer Alonsos, der eigentlich auch Züge des Sebastian trägt, der von Antonia angestachelt wird, seinen Bruder zu töten um selbst König von Neapel zu werden. Die Liebesszene zwischen Miranda und Ferdinand eskaliert, nachdem der gockelnde Ferdinand seine Auserwählte zum Ort der vorbestimmten Sexszene führen will, Miranda sich da aber trotz Eheversprechens etwas anderes vorgestellt hat und ihm immer wieder kurz vorher entweicht. Nein heißt dann irgendwann nicht mehr Nein und Ferdinand nimmt sich einfach, was er will. Auch die drei anderen fühlen sich irgendwie im falschen Kostüm und Film und wissen nicht so recht, was sie hier eigentlich sollen. Da alles scheinbar auf das immer gleiche hinausläuft, beendet der Autor irgendwann einfach das Spielexperiment und lässt alle einen verordneten Theatertot sterben. „Sie haben ihr Ziel erreicht.“, lässt sich das Regie führende Navigationsgerät aus dem Off vernehmen. Ein alternder Theaterautor in seiner letzten Rolle als Magier samt postdramatischem Regieassistenten am Ende?

 

SHAKESPEARE’S LAST PLAY an der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Vorsicht, Spoiler! Aber was nun passiert, gibt der Inszenierung zunächst eine durchaus überraschende Wende. Nachdem das Wasser aus dem Bassin abgelaufen ist, wird der Blick auf eine Grube frei, in der eine verwesende Gestalt liegt, die künstlich beatmet wird. Das soll natürlich der untote Autor Shakespeare selbst sein. Künstlich am Leben gehalten, nur wofür? Das ist nun die Frage des fünfköpfigen Ensembles, das in Regencapes um die Grube steht und ihren Job des konventionellen Theaterspielens mal verteidigt und mal in Frage stellt, bis Jenny König anregt, dass man, um weiter machen zu können, den Körper einfach verspeisen müsse. Gesagt, getan, und schon springt sie mit dem Hackebeil in die Grube und bietet den Verdutzen ein paar Stücke Shakespeare an.

Das ist also der gespielte Metatheater-Mord mit anschließender kannibalischer Leichenfledderei, ob nun als lustige Provokation, Theaterblasphemie oder zur Verdeutlichung dessen, was die Postdramatik eh schon seit Jahren betreibt, wenn sie sich die für sie interessanten Brocken aus den klassischen Werken für den Eigengebrauch schneidet. Diese ironisch angedeutete Anthropophagie hat dann auch fast schon etwas Sakrales. Eine rituelle Einverleibung des kulturellen Erbes, wie es auch schon die Performancegruppe andcompany&Co. 2011 im HAU 2 mit Brechts Fatzerfragment zelebriert hat. Irgendwann, wenn sich alle ihren Happen aus dem Corpus Shakespeare geschnitten haben, verschwindet dessen Stück aber vollends unter den vielen Metaebenen und wird zum besagten unfertigen Rumpfwerk, an das sich nun jedes beliebige Diskursstückchen anpappen lässt.

Was dann zum Beispiel die Anmerkung Jenny Königs wäre, sie fühle sich hier als Frau gar nicht gemeint. Entgegen Thomas Bading, der den Hamlet mit Schädel mimt, findet es Mark Waschke grotesk, Shakespeare zu rezitieren, während draußen der Sturm tobt und auf Lampedusa, das ja auch die Insel Prosperos zwischen Afrika und Italien sein könnte, Flüchtlinge stranden. So diskutiert man darüber, was es heißt Subjekt oder Objekt zu sein. Bedeutet frei zu sein, seine eigene innere Welt zu schaffen, oder sich in der des Theaters zu verkriechen. Wer bin ich wirklich? Ich sein, oder jemand anderes, der ewige Richtungsstreit um mehr Authentizität, der die Theaterwelt längst gespalten hat.

Das ist durchaus amüsant gemacht, aber doch auch nicht wirklich neu. Man hat das alles irgendwie schon mal gehört, und das hier Gezeigte macht dann auch nicht wirklich eine neue Sicht auf die Dinge oder Assoziationsräume frei, zumal sich nun alle nacheinander in Löcher im Bühnenboden verziehen, wie um diese dort zu suchen. Also doch nur much ado about nothing? Das mag dann jeder für sich selbst entscheiden. Unsere Kopf-in-den-Sand-Stecker singen derweil mit Tom Waits: „The earth died screaming as I lay dreaming“. „Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind“, heißt es bei Shakespeare. Und Träumen ist ja auch zumindest am Theater nicht verboten. Nur das Spielen sollte man wenn möglich nicht dabei vergessen.

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Shakespeare’s Last Play (Schaubühne, 24.04.2018)
von Dead Centre
nach »Der Sturm« von William Shakespeare
Regie: Bush Moukarzel, Ben Kidd
Uraufführung
Aus dem Englischen von Gerhild Steinbuch
Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel
Bühne: Chloe Lamford
Kostüme: Nina Wetzel
Video: José Miguel Jiménez González
Sounddesign: Kevin Gleeson
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Norman Plathe
Mit: Thomas Bading, Moritz Gottwald, Jenny König, Nina Kunzendorf, Mark Waschke
Die Premiere war am 24. April 2018 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: ca. 105 Minuten, keine Pause
Termine: 25., 26.04. / 22., 23., 24., 25., 26., 27.05.2018

Infos: https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/shakespeareslp.html/ID_Vorstellung=2936

http://www.deadcentre.org/

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In Berlin läuft derzeit das 54. Theatertreffen – Es begann mit einer modernen Tschechow-Überschreibung von Simon Stone und einem medialen Totaltheater von Kay Voges

Mittwoch, Mai 10th, 2017

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Drei Schwestern – Eine modernisierte aber recht banale Tschechow-Überschreibung von Simon Stone eröffnete das 54. Berliner Theatertreffen

The same procedure as every year. Am Samstagabend wurde das 54. Berliner Theatertreffen mit salbungsvollen Worten der Kultusstaatsministerin Monika Grüters und durchaus ernsteren vom Direktor der Berliner Festspiele Thomas Oberender eröffnet. Und während vor dem Haus der Berliner Festspiele Claus Peymann, ein alter Theater-Stratege vergangener Tage, seine Erinnerungs-Bücher verkauft, propagiert man innen mal wieder eine „Zeitenwende“: das postfaktische Zeitalter der Fake-News. Die bürgerliche Gesellschaft scheint angesichts des medialen Overkills und des Voranschreitens rechts-nationaler Kräfte zu tiefst verunsichert. Das spiegelt sich auch in den eingeladenen Inszenierungen. Die zehn bemerkenswertesten sollen es immer sein, die von einer siebenköpfigen Jury aus deutschsprachigen Theaterraum ausgewählt wurden. Zwei können nicht kommen. Die technisch aufwendigen Münchner Räuber von Regisseur Ulrich Rasche aus dispositionellen Gründen und der Hamburger Schimmelreiter von Altmeister Johan Simons wegen plötzlicher Krankheit im Ensemble. Dafür wird es eine 3sat-Screening und eine szenische Lesung geben. Ein leider nur schmaler Ersatz für zwei wirklich bemerkenswerte Bühnenleistungen.

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„Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt“, so zitierte Monika Grüters in ihrer Rede den bildenden Künstler Pablo Picasso. Das Theater ist ein Meister der verabredeten Lüge, die auf eine oder mehrere Möglichkeiten verweist oder neue Realitäten schaffen kann, die, wie auch die alten, oft nicht so einfach zu durchschauen sind. Man wünscht sich Einfachheit im modernen Leben, das unerträglich ist, wie es die Olga aus der Basler Eröffnungsinszenierung Drei Schwestern vom australischen Film- und Theaterregisseur Simon Stone beklagt. Das Klagen liegt den Tschechow-Figuren. Sie reden viel von dem, was sein könnte, und tun dennoch meist nicht viel dafür. Stone, der letztes Jahr schon mit einem modernen John Gabriel Borkman in Berlin zu Gast war, spielt seinen Tschechow allerdings nicht im Original, sondern überschreibt ihn mit eigenem Text, der die Geschichte konsequent ins Heute holt.

Das Setting ist ein zweistöckiges Glashaus, in dem fast alle immer anwesend sind, einige Handlungsstränge parallel laufen, in denen immer viel geredet und getrunken wird. Tschechow halt, möchte man sagen. Aber denkste. In den ersten zwei Akten, die am Geburtstag der jüngsten Schwester Mascha und kurz vor Weihnachten im Ferienhaus der Familie in den Schweizer Bergen spielt, lernen wir die ProtagonistInnen als komplett neurotischen Haufen überdrehter Städter kennen, deren Sehnsucht sich nicht nach dem Leben in der Stadt richtet, sondern eher an dem Überangebot der Möglichkeiten scheitern lässt. Stone zeigt eine Horde von Sprechblasen absondernder Partypeople hinter Glas. Die gehobene Mittelschicht im Terrarium zur allseitigen Beäugung freigegeben.

 

Drei Schwestern vom Theater Basel – Foto (c) Sandra Then

 

Olga (Barbara Horvath) ist auch hier eine gestresste Lehrerin, allerdings mit versteckter lesbischer Neigung. Mascha (Franziska Hackl) wirft sich in eine Beziehung zum verheirateten Alexander (Elias Eilinghoff), der hier Pilot und Nachbar mit suizidgefährdeter Frau ist und schon mit verletztem Pulsadern auftaucht. Später spricht er über den Mars als Alternative für eine glücklichere Menschheit. Maschas Mann Theodor (Michael Wächter) ist ein großer Schwätzer, von dem sie sich trennen will. Aber wie bei Tschechow schafft hier niemand den Absprung, nur die Problemchen sind ganz heutiger Natur. Irina wird von ihrem Engagement für Flüchtlinge von einer amerikanischen TV-Serie abgehalten. Bruder Andrej (Nicola Mastroberardino) ist verhinderter Computerspezialist, verkokst und verzockt das Erbe und sucht Ablenkung in den Armen der quakigen Natascha (Cathrin Störmer), die ihn nach der Scheidung schröpfen wird. Sie kauft das Haus. Ein wenig Kirschgarten im Abgang.

Komplettiert wird das Neurosenteam von Onkel Roman (Burgtheaterschauspieler Roland Koch), der seine verpasste Liebe zur Mutter der Schwestern im Alkohol und Jugendwahn ersäuft. Nikolai (Max Rothbart) ist ein planloser Hipster mit adliger Abstammung und schwerer Kindheit, dessen Kumpel Viktor (Simon Zagermann) zuviel Kierkegaard liest und psychopathisch veranlagt ist. Sidekick Herbert (Florian von Manteuffel) spielt den erotomanischen Schwulen mit Neigung zu Explosivem. Ihre verbalen Entgleisungen, Verletzungen und peinlichen Geständnisse treffen pointensicher im Minutentakt. So läuft dann auch alles ziemlich erwartbar ins Chaos. Allerdings brennt nur das Nachbarhaus von Alexander, der am Ende doch wieder zu seiner Frau zurückkehren wird.

Nikolai will mit Irina nach New York, was natürlich auch nichts wird. So jammern und bereuen dann auch alle ihr Schicksal in wehmütigen Monologen. Dazu dreht sich der Glaskasten enervierend wie die ganze Chose ohne Unterlass. Wirklich Neues bekommt man hier trotz behaupteter Aktualität mit Trump-Verweis und lascher Kapitalismuskritik nicht zu sehen. Das Ausstellen der Neurosen des Bürgertums im Glaskasten haben schon andere Theatermacher vorgeführt, u.a. die diesmal nicht vertretene Karin Beier in Hysteria – Gespenster der Freiheit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Und knallt im ersten Akt eine Pistole, wird sie es auch im letzten tun. Eine alte Tschechow‘sche Bühnenweisheit, die von Simon Stone ebenfalls beherzigt wird. Ein schöner Theaterselbstmord. Weiter so.

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Drei Schwestern (Haus der Berliner Festspiele, 06.05.2017)
Schauspiel von Simon Stone nach Anton Tschechow
Übersetzung aus dem Englischen von Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone, Bühne: Lizzie Clachan, Kostüme: Mel Page, Licht: Cornelius Hunziker, Musik: Stefan Gregory, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.
Olga: Barbara Horvath
Mascha: Franziska Hackl
Irina: Liliane Amuat
Andrej: Nicola Mastroberardino
Natascha: Cathrin Störmer
Theodor: Michael Wächter
Alexander: Elias Eilinghoff
Viktor: Simon Zagermann
Nikolai: Max Rothbart
Roman: Roland Koch
Herbert: Florian von Manteuffel
Premiere war am 10.12.2016 im Schauspielhaus Basel
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Infos: http://www.theater-basel.ch

Zuerst erschienen am 07.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Das Prinzip Borderline – Kay Voges, Schauspieldirektor am Theater Dortmund, steckt die mediale Welt in ein bürgerliches Vorstadt-TV-Setting mit bombastischem Soundtrack

Mit Wohn-Settings hat es das Theatertreffen in seinen Auftaktinszenierungen. Erst eine übersteuerte Hipsterblase im Glashaus bei banalem Partytalk zur Eröffnung im Haus der Berliner Festspiele und einen Tag später eine ganze bürgerliche Wohnlandschaft, bestehend aus Küche, Bad, Schlaf-, Wohn- und Studierzimmer. Sogar einen SM-Raum gibt es. Angelegt ist das Bühnenbild der Borderline Prozession, das im Original im ehemaligen Megastore von Borussia Dortmund und nun in den Treptower Rathenau-Hallen aufgebaut ist, als Innen- und Außensicht, vor der je eine Zuschauertribüne steht. Wer sich zuerst für die hintere Seite entscheidet, sieht auf eine kleine Trinkhalle, einen Parkplatz mit PKW, eine Bushaltestelle und eine Mauer mit Nato-Stacheldraht und Gitterpforte. Man denkt sofort an so etwas wie Gated Communities. Hin und wieder öffnet sich das Fenster zum SM-Raum, und man sieht entsprechende Szenen. Das räumlich Trennende und doch Gleichzeitige ist Prinzip.

Um das Setting herum bewegt sich schon beim Einlass eine kleine Prozession des Dortmunder Ensembles aus 23 SchauspielerInnen zur Musik des 80er-Avantgarde-Hits In A Manner Of Speaking der amerikanischen Rockband Tuxedomoon. Regisseur und Dortmunds Schauspieldirektor Kay Voges zelebriert und dirigiert eine rituelle Prozession, begleitet von einer beständig das Bühnenbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch auf einer Elipsenbahn umkreisenden Livekamera, die ihre Bilder auf jeweils drei Videoscreens überträgt. Per Headset gibt Voges Anweisungen an die Technik.

 

Die Borderline Prozession vom Schauspiel Dortmund
Foto (c) Marcel Schaar

 

Die Zuschauer bekommen also je nach Platzwahl eine unterschiedliche Perspektive auf das nun folgende Geschehen in und vor den Räumen geboten. Nach ca. einer Stunde erfolgt die Aufforderung zu wechseln. Eine mediale Grenzerfahrung durch den gleichzeitigen Einsatz von Echt- und Kamerabildern, gesprochenem und auf den Screens eingeblendetem Text sowie eingespieltem Soundtrack. Aber auch eine Grenzüberschreitung gewohnter Sichtweisen soll es sein. Theoretischen Background liefern Zitate und Textausschnitte aus Literatur, Philosophie und Psychologie. Der Begriff Borderline ist hier also durchaus doppeldeutig zu verstehen, auch wenn es, wie zu Beginn versichert wird, nichts zu verstehen gibt, aber dafür viel zu erleben. Der totale mediale und theatrale Overkill.

Voges und seine dramaturgischen Mitstreiter betreiben nach eigener Erklärung mit ihrem Bilder- und Musiktheater eine Art „Meditation über Grenzen und ein Mash-Up der Ikonographien. Ein Abend mit weit über 30 beteiligten Künstlern über die Komplexität der Welt und die provozierende Einfachheit von Geburt und Tod – zwischen Bildender Kunst, Theater, Film und Liturgie.“ Das trifft es dann auch ziemlich gut. Die Inszenierung sampelt Teile aus so ziemlich allen Kunstgattungen, ist Installation, Aktion, Standbild und Kunstfilm zugleich. Sie spielt mit der Wahrnehmung der Zuschauer und der „Komplexität der Welt“, die durch eine „Gleichzeitigkeit des Ungleichen“ bestimmt zu sein scheint.

 

Die Borderline Prozession vom Schauspiel Dortmund
Foto (c) Marcel Schaar

 

Recht meditativ geht es noch im ersten, Alltag genannten Teil zu. So sieht man im Loop den DarstellerInnen bei der Verrichtung alltäglicher Handlungen zu – wie Morgentoilette, Verabschiedung zur Arbeit und Warten auf den Bus. Die Trinkhalle öffnet und schließt, ein Mann steigt aus dem Auto und wieder ein. Eine Mutter holt ihr Kind (Schauspieler mit Maske) vom Bus ab, und ein Tourist sucht mit Stadtplan nach dem Weg. Dazu hört man die Genesis aus der Bibel oder den Text vom verschwundenen Pfad aus Dantes Göttlicher Komödie. Die Suche nach dem „rechten Weg“ wird kombiniert mit philosophischen Erörterungen über Wahrnehmung, Bilder und Klischees, Texten über Oberfläche und inszenierte Bilder, von Goethe über Originalität, Werner Schwab aus Übergewicht, Unwichtig, Unform oder Allan Ginsbergs Prosagedicht Howl. Aktuell-politisch werden live erste Statements zur französischen Präsidentenwahl eingeblendet oder aus dem AfD-Programm gelesen.

Im zweiten Teil Krise nimmt die Sache Fahrt auf und Bilder- und Textdichte zu. Es kommt auf der Bühne zu Kriegshandlungen mit Soldaten, Geschützdonner, und MPi-Salven sind zu hören. Waterboarding und eine Vergewaltigung finden statt. Es tritt die Heilige Familie auf und Napoleon, den Hegel als „Weltgeist zu Pferde“ bezeichnete. Ein Mann in SS-Uniform zeigt den Hitlergruß, in der Küche werden Zwiebeln geschnitten, und im Bett des Schlafzimmers stirbt langsam eine Frau. Es geht um die Gleichzeitigkeit von Geburt und Tod, von Schönheit und Zerstörung, Freiheit und Unfreiheit, oft nur durch die räumliche Distanz getrennt. Wir hören und lesen Brechts Verse von den finsteren Zeiten, Zitate von Machiavelli, André Breton, Hannah Arendt und Alexander Kluge. Charles Bukowski sinniert über alltägliche kleine Katastrophen. Jemand bittet die Welt um Entschuldigung oder vergleicht Parteiprogramme. Verwirrung, Schuld und Abbitte – bis alles im Stillstand erstarrt.

Die Welterklärungs- und Erkenntnisproblematik verknüpft Voges mit dem experimentellen Gebrauch verschiedener Kunstformen, der Problematik aus vierter Wand, von Originalität und Authentizität. Rein ästhetisch scheint das in diesem durchaus bemerkenswerten Kunstwerk aufzugehen. Allerdings bringt die Inszenierung kaum den propagierten echten Überforderungsfuror und bleibt trotz der Fülle an Informationen in ihren Einzelteilen doch deutbar. Intellektuell gesehen ein philosophisches Schmankerl mit gut gewählter, pathetischer Sounduntermalung von Talk Talk über David Bowie bis zu Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie-Finale, in der, die Diktatur der Populisten karikierend, mit Jonathan Meeses Text vom Lolitatum das Diktat der Kunst gefeiert und in einer slapstickartigen Prozession der große Korse mit dem Zweispitz von lauter Lolitas zu Grabe getragen wird.

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Die Borderline Prozession. Ein Loop um das, was uns trennt
(Rathenau-Hallen, 07.05.2017)
von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin
Regie: Kay Voges
Director of Photography: Voxi Bärenklau
Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch
Kostüme: Mona Ulrich
Komposition / Live-Musik: Tommy Finke
Video-Art / Live-Schnitt: Mario Simon
Live-Sound: Joscha Richard
Dramaturgie: Dirk Baumann, Alexander Kerlin
Licht: Sibylle Stuck
Ton: Gertfried Lammersdorf
Coding: Lucas Pleß
Inspizienz: Tilla Wienand
Soufflage: Ginelle Lindemann
Mit: Andreas Beck, Ekkehard Freye, Frank Genser, Caroline Hanke, Marlena Keil, Bettina Lieder, Eva Verena Müller, Christoph Jöde, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth, Raafat Daboul
Studierende des 3. Studienjahrgangs der Folkwang Universität der Künste: Paulina Alpen, Amelie Barth, Carl Bruchhäuser, Thomas Kaschel, Nils Kretschmer, Anja Kunzmann, Lorenz Nolting, David Vormweg, Michael Wischniowski
Live-Kamera: Jonas Schmieta
Dolly Grib: Tobias Hoeft
Die Uraufführung war 14.06.2016 im Theater Dortmund
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, zwei Pausen

Infos: http://www.theaterdo.de

Zuerst erschienen am 09.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Klassikermodernisierung bei den Wiener Festwochen (Teil 3) – Ibsens John Gabriel Borkman am Akademietheater und Marlowes Edward II. am Schauspielhaus

Dienstag, Juni 9th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Geklonte Mammuts im Schnee – Regisseur Simon Stone veralbert Ibsens John Gabriel Borkman mit Starensemble am Wiener Akademietheater

Gerade eben erst beim Theatertreffen in Berlin – nun bei den Wiener Festwochen: Das alte Bankerdrama John Gabriel Borkman des Norwegers Henrik Ibsen mausert sich zum Hit der laufenden Theatersaison. Aus der Gruft altbackener Übersetzungen befreit, massenkompatibel aufbereitet und mit Starschauspielern aufgepeppt, kommt es nun als ironisch frische Boulevardkomödie daher. Eine Milieu-Studie der verkommenen bürgerlichen Mittelschicht, die sich in Karin Henkels Hamburger Inszenierung, nach vergangenem Ruhm und dem Saft der Jugend gierend, lustvoll als Zombis auf einer Showtreppe im Betonbunker-Grab präsentierte.

Am Akademietheater Wien erheben sich nun die Untoten aus hügeligen Schneeverwehungen, die Karin Brack auf die Bühne gehäuft hat. Es schneit unablässig im Heim der Borkmans, die seit Jahren ihr Haus nicht mehr verlassen haben. Doch unerwarteter Besuch klingelt an der Tür, und mit der Ruhe der „Mammuts“ im Permafrost-Zustand ist es alsbald vorbei. Die Metapher des alles, selbst die größte Schande überdeckenden Schnees verbindet Regisseur Simon Stone mit einer weiteren, wenn er den verlotterten Waldschrat Borkman (der vielgereiste Martin Wuttke mit zotteliger Langhaarperücke), der sich die Zeit vor einem alten Röhrenfernseher mit dem Sehen von Wissenschaftssendungen vertreibt, über geklonte Wollhaar-Mammuts sinnieren lässt. Deren DNA könnte man ja in einen Elefanten einpflanzen. Die Gesichter der anderen Tiere möchte er dann sehen. Und das Wiener Publikum sah.

Martin Wuttke (John Gabriel Borkman)

Martin Wuttke ist John Gabriel Borkman im Akademietheater Wien – Foto (c) Reinhard Werner

Mit dem Elefanten ist hier natürlich Sohn Erhart gemeint, der nicht nur die Nachfolge von John Gabriel antreten und mit ihm zu neuer Größe aufsteigen soll. Es gilt den Ruf des nach der Veruntreuung von Anlegergeldern zu fünf Jahren Gefängnis verurteilten Bankdirektors gegen alle Verächter zu verteidigen und den beschmutzten Namen schließlich voll auf zu rehabilitieren. Ähnliches hat Mutter Gunhild (Birgit Minichmayr) vor, nur ohne ihren Mann, dessen Namen sie auf ewig aus dem Gedächtnis der Welt tilgen möchte, und dazu ebenfalls ihren Sohn braucht. Die Dritte im Bunde ist Gunhilds Zwillingsschwester Ella (Caroline Peters) und wegen eines „Scheißjobs“ verhökerte Ex-Geliebte Borkmans, die Erhart nach dem Banken-Skandal eine Zeitlang aufnahm und dann nach der Pleite das Haus, in dem die Borkmans wohnen, gekauft hat. Nun will sie Erhart adoptieren, damit der Name Rentheim nach ihrem Krebstod nicht ausstirbt. Und wieder grüßt das Mamma-Mammuttier.

So in etwa hält sich Regisseur Stone noch an Ibsens Plot, nur dass er den von Martin Thomas Pesl neu und alltagstauglich übersetzten Text „nach Ibsen“ nennt und zudem mit jeder Menge lässlicher Modernismen überziehen ließ. Und das beginnt sofort mit der Ankunft Ellas, die sich von Gunhild eine gefühlte halbe Stunde lang die letzten 8 Jahre der Borkmans als eine Geschichte der guten alten 90er Jahre von Stefan Raabs „Maschendrahtzaun“ bis zu Britney Spears‘ „Hit me baby one more time“ anhören muss. Ein verkorkstes Hausfrauendaseins in der Totalisolation, das sich zunehmend ins Internet verlagert hat. Gunhilds Lieblingsbeschäftigungen neben dem Alkohol sind nämlich das Internetshoppen, Play Station spielen und Googeln des eigenen Namens, den das allbekannte Suchprogramm mit Ergänzungen wie Betrug, Gefängnis usw. belegt. Der Gag trägt eine Weile, wirkt dann aber zunehmend fad, wenn auch noch die Problematik, wie man alte Partyfotos aus dem Netz gelöscht bekommt, diskutiert wird. Man denkt da unweigerlich an bestimmte Polit-Promis. Allerdings befindet man sich hier doch eher in der Polit-Provinz, wo man es anstatt ins Parlament oder Präsidialamt höchsten noch bis zum Bürgermeister schafft.

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) - Foto (c) Reinhard Werner

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) – Foto (c) Reinhard Werner

Das alles wird in nöligen Dauerschreikrämpfen unter der großzügigen Verwendung möglichst vieler Fäkalinjurien abgespult, die besonders bei Birgit Minichmayr und Martin Wuttke nur eine Tonlage kennen. Die Ehegemeinschaft bürgerlichen Rechts, die es acht Jahre lang geschafft hat, sich aus dem Weg zu gehen, holt nun binnen eines Abends all die nichtgehaltenen Konversationen nach. Die bevorzugten Kosenamen für John Gabriel sind dabei u.a. „alter Stinkstiefel“, „psychopatisches Arschloch“ oder auch schon mal „verfickter Neandertaler“. Borkman weiß sich da nur noch mit „Halt die Fresse!“ zu helfen. Eigentlich wollte er irgendwann mal wieder ganz groß rauskommen, derweil tut es aber auch einfach etwas mehr Senf auf dem Sandwich, das ihm der getreue Trottel Foldal täglich vorbeibringt. Roland Koch spielt ihn als gleichmütigen Schluffi, der, wie Borkman, alten Träumen und Idealen nachhängt, sich aber ansonsten seinen Möglichkeiten entsprechend eingerichtet hat.

Der Ruf des „alten Sexsacks“ Borkman nach mehr Eiern angesichts seines Sohnes Erhart (Max Rothbart), der auch bei Stone eigentlich nicht weiß, was er wirklich will außer sein eigenes Leben zu leben, wird zielsicher mit Fannys Rezepten auf Facebook getoppt. Da hat zumindest Tante Ella kein Profil und somit das Nachsehen. Die Entscheidung zwischen Backpacken in Mexico mit Fanny Wilton (Nicola Kirsch) und der coolen E-Gitarrenbraut Frida (Liliane Amuat) oder Abkacken mit den Wollhaar-Mammuts im ewigen Schnee fällt nach fast zwei Stunden Quarktreten, bis er vollkommen zerschneestöbert, ziemlich leicht. Simon Stone soll 2013 eine vielumjubelte Wildente zu den Festwochen serviert haben. Es fällt anhand des nun vorliegenden Fastfood-Borkmans mit zu wenig Jalapeños sehr schwer daran zu glauben. The Rest in Peace, John Gabriel Borkman.

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John Gabriel Borkman
nach Henrik Ibsen
von Simon Stone
Übertragung ins Deutsche: Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Tabea Braun
Musik: Bernhard Moshammer
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Klaus Missbach
Besetzung:
John Gabriel Borkman: Martin Wuttke
Gunhild Borkman, seine Frau: Birgit Minichmayr
Student Erhart Borkman, ihr Sohn: Max Rothbart
Ella Rentheim, Frau Borkmans Zwillingsschwester: Caroline Peters
Frau Fanny Wilton: Nicola Kirsch
Wilhelm Foldal: Roland Koch
Frida Foldal, seine Tochter: Liliane Amuat

Koproduktion Wiener Festwochen, Burgtheater Wien, Theater Basel

Premiere war am 28.05.2015 im Akademietheater Wien

Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06., 04.06., 06.-08.06., 13.06., 14.06., 18.06. und 20.06.2015

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/john-gabriel-borkman/

Zuerst erschienen am 30.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Edward II. Die Liebe bin ich – Christopher Marlowes Königsdrama in einer Neuübertragung von Ewald Palmetshofer am Schauspielhaus Wien.

Die mühsame Herrschaft und der beklagenswerte Tod Eduards des Zweiten heißt das Königsdrama, das der junge Dichter Christopher Marlowe 1591 geschrieben hat. Es ist in Blankvers und fünfhebigen Jamben verfasst – eine Sensation für das Theater des elisabethanischen Zeitalters und eine Inspiration nicht nur für Marlowes Zeitgenossen Shakespeare, sondern auch für zeitgenössische Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts wie etwa Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger, die 1923 eine Bearbeitung des Dramas vorlegten, oder den österreichischen Dramatiker Ewald Palmetshofer, dessen Neuübertragung Edward II. Die Liebe bin ich nun bei den Wiener Festwochen im kleinen, ganz dem zeitgenössischen Theater verpflichteten Schauspielhaus in der Porzellangasse Premiere feierte.

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (c) Alexi Pelekanos

Das Besondere an Marlowes Stück über den englischen König Edward II. ist, dass die historische Figur hinter den eigentlichen Menschen zurücktritt. Edward führt einen persönlichen Kampf gegen die Macht der Peers für seinen, ihm sehr nahe stehenden Günstling Gaveston, einem Emporkömmling von niederem Stand, und riskiert so die Staatsführung aus den Augen und Händen zu verlieren. Ein Drama über Macht und Ränke, die verbissen und blutrünstig geführt, England in die Unregierbarkeit treiben und einige der Lords und kirchlichen Würdenträger, sowie Gaveston und schließlich Edward selbst das Leben kosten.

Palmetshofer fokussiert in seiner Bearbeitung noch viel mehr auf die schwule Liebe Edwards, als es Marlowe zu seiner Zeit konnte. Edward (ganz in Gold: Simon Zagermann) spricht hier frei von seiner Zuneigung zu Gaveston (Thiemo Strutzenberger) und stellt die Liebe zu ihm über den Staat. Dagegen stehen die hier ganz offensichtlich homophoben Lords des englischen Hofs und die Vertreter der päpstlichen Kirche zu Rom. Sie wollen den „lüsternen, liederlichen und geilen Gaveston“ von der Seite des Königs entfernen. So ist Lord Mortimers (Michael Wächter) Ansprache an die Peers zu Beginn des Stücks auch ein klares Signal, gegen den aus der französischen Verbannung Heimgekehrten vorzugehen. Mortimer weiß hier geschickt die Ressentiments und den Neid der Kirche und der übrigen Lords zu schüren und dabei das Wohl des Landes („wie eine Frau im Wochenbett ausgeblutet“) vorzuschieben.

Gespielt wird bei der Uraufführungsinszenierung von Regisseurin Nora Schlocker auf einem goldbronzenen Bühnenpodest von Marie Roth, zu dem einige steile Stufen hinauf führen. Davor befindet sich eine mit Gitterrosten abgedeckte Wassergrube. Das Setting ist klar in oben und unten eingeteilt. Und nach oben gelangt man zunächst nur durch die Gunst des Königs. Palmetshofer hat Marlowes Stückpersonals auf knapp ein Drittel der Rollen zusammengestrichen. Florian von Manteuffel, Thomas Reisinger und Elias Eilinghoff geben die hier nicht näher benannten Lords und Bischöfe, die gegen Edward aufbegehren. Als zurückgesetzte, eifersüchtige Königin Isabella ist Myriam Schröder zu sehen.

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (C) Alexi Pelekanos

Kostümbildnerin Sanna Dembowski hat die Darsteller in schwarze Renaissance-Kleider mit Pluderhosen und weißen Halskrausen gesteckt. Königin Isabella trägt einen Reifrock. Das passt zwar nicht in die eigentliche Zeit Edwards II. (1284-1327), aber in die Marlowes und seiner Sprache, die Palmetshofers kunstbetonter Jambentext einerseits erhalten möchte, aber andererseits auch „ins Gegenwärtige laufen zu lassen“ versucht. Das gelingt nicht immer überzeugend, hebt sich aber wohltuend von sonstigen Modernisierungsversuchen ab. Als Ausdruckmittel der beiden Liebenden funktioniert die Sprache jedenfalls recht gut, besonders bei Edwards Plädoyer für die Liebe, „diesem Gott der keiner ist“. Gegen die Macht der Pfaffen huldigt er seinem Priester Gaveston, der ihm dafür eine hoch poetische Beschreibung eines Liebesaktes schenkt, bei dem er seine Zunge den Körper des Königs entdecken lässt. In einer weiteren Szene badet Edward Gaveston in einem Zuber.

Palmetshofer schreckt hier weder vor Kitsch und großem Pathos noch vor expliziten Worten zurück, wenn er Edward nach dem gewaltsamen Tod des Gaveston, der nackt vor den hämischen Lords in seinem Blut liegt, das Blut der Pfaffen fordern lässt. Trotzdem schwankt der König immer wieder zwischen seiner Liebe, seinen Rachegefühlen und den Forderungen aus Rom, den Erhalt der gottgewollten Ordnung betreffend. Nach der Flucht seiner Gattin mit dem Prinzen und später auch der des Intriganten Mortimer nach Frankreich rollen die Köpfe der Peers und versinkt das Land im Bürgerkrieg. Das ist auch die Wende in der bislang recht intensiven Inszenierung mit ihren schnellen Auftritten aus dem Zuschauerraum heraus, die die verkürzte Handlung dennoch jederzeit nachvollziehbar machen.

Die Hybris der Liebe muss sich schließlich der geforderten Staatsräson beugen. Nach der Pause, wenn König Edward zum Abdanken gezwungen, gedemütigt und selbst beschmutzt in der stinkenden Gosse liegt, aus der sein Günstling einst kam, verliert die Inszenierung auch ihr eigentliches Zentrum, das die nun fast endlos folgenden Machtspielchen zwischen Prinz Edward, Königin Elisabeth und ihrem Liebhaber Mortimer nicht mehr ausfüllen können. Da zollt auch der Fall ins allzu Private zuvor seinen Tribut an das eigentliche Drama. Das weitere Intrigenspiel um die vakante Krone kann lange nicht mehr so berühren wie der Kampf um die Liebe zuvor. Schließlich erfasst die einstige Hybris des Vaters auch den Sohn, der sich nach dem Mord an Edward gegen die eigene Mutter stellt und den Kopf des stetig nach oben strebenden Mortimer, den man ihm als roten Fußball überreicht, die Stufen wieder nach unten kickt.

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Edward II. Die Liebe bin ich (UA) – (29.05.2015)
Text von Ewald Palmetshofer
nach dem Drama Edward II. von Christopher Marlowe
Premiere war am 26.05.2015 im Schauspielhaus Wien
Regie: Nora Schlocker
Bühne: Marie Roth
Kostüme: Sanna Dembowski
Musik: Hannes Marek
Dramaturgie: Constanze Kargl
Besetzung:
Peer #1: Florian von Manteuffel
Peer #2 / Spencer: Elias Eilinghoff
Peer #3 / Bischof: Thomas Reisinger
Mortimer: Michael Wächter
Gaveston: Thiemo Strutzenberger
Edward II: Simon Zagermann
Isabella: Myriam Schröder
Prinz Edward: Rafael Lesage / Fabian Rihl

Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Theater Basel und dem Schauspielhaus Wien

Dauer: 2 Stunden, 35 Minuten, inklusive einer Pause

Weitere Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06. und 02.06.2015

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/edward-ii-die-liebe-bin-ich/

Zuerst erschienen am 31.05.2015 auf Kultura-Extra.

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