Archive for the ‘Sophiensaele Berlin’ Category

Droge Theater – Drei Stücke über verschiedene Süchte auf Berliner Bühnen

Mittwoch, März 7th, 2018

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Unendlicher Spaß – Mit einem gut gelaunten Schauspielensemble bringt Thorsten Lensing Teile des großen Romans von David Foster Wallace auf die Bühne der Berliner Sophiensaele

Unendlicher Spaß nach David Foster Wallace – Foto (c) David Baltzer

Unendlicher Spaß heißt der berühmte, 1996 veröffentlichte Kult-Roman des US-amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, der sich 2008 mit nur 46 Jahren das Leben nahm. Das in der deutschen Übersetzung über 1.500 Seiten umfassende Buch hat sich nun Thorsten Lensing für seinen neusten Regiestreich an den Berliner Sophiensaelen vorgenommen. Und er hat dabei auch wieder ein auserlesenes Schauspielensemble am Start, das den Titel des Romans sozusagen fast wörtlich nimmt. Mit vier Stunden fällt die Lensing‘sche Bühnenfassung relativ schlank aus. Das liegt vor allem auch daran, dass sich der Regisseur – wie schon bei der Adaption von Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow – nur auf bestimmte Teile und Figuren dieses ausufernden Werks beschränkt.

Das sind hier vor allem die drei Söhne des Experimentalfilmers und Gründers der Bostoner Enfield Tennis Academy James O. Incandenza, genannt „Himself“. Der älteste Sohn Orin ist Footballspieler und Frauenheld; Mario, der mittlere, ist von Geburt schwer verkrüppelt und leidenschaftlicher Videofilmer; und der jüngste der drei Brüder, der 17 jährige Harold James Incandenza, ist angehender Tennisstar und ein wandelndes Lexikon, weshalb ihm der Autor wohl auch den Kurznamen Hal nach dem Superhirn-Computer in Stanley Kubricks Kultfilm 2001- Odyssee im Weltraum gegeben hat. In einer zweiten Querhandlung beschreibt Foster Wallace die Insassen der Suchtklinik Ennet House, die sich in unmittelbarer Nähe der Tennisakademie befindet. Eine der Hauptpersonen ist der seit vier Jahren von Schmerzmitteln cleane Pfleger Don Gately, der auch regelmäßig zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA) geht.

Eingebettet ist das alles in eine science-fiction-mäßige Rahmenhandlung in einer nicht näher bestimmten Zukunft, in der sich die Staaten Kanada, USA und Mexiko zur Organization of North American Nations, kurz O.N.A.N., zusammengeschlossen haben. Bekämpft werden die sogenannten O.N.A.N.isten (ein Foster-Wallace-Gag am Rande) von einigen Separatistengruppen wie den die rollstuhlfahrenden „Assassins des Fauteuils Roulants“ (A.F.R.). Sie sind auf der Suche nach der Master-Kassette, des Unendlicher Spaß genannten letzten Films von James O. Incandenza, der sich mit dem Kopf in der Mikrowelle das Leben genommen hat. Wer diesen Film sieht, verblödet innerhalb von Minuten und will nichts anderes mehr sehen. Eine kleine Kulturkritik auf heutige TV-Sender.

 

Unendlicher Spaß nach David Foster Wallace
Foto (c) David Baltzer

 

All das interessiert Thorsten Lensing eher nicht. Die Inszenierung konzentriert sich ganz auf die drei Incandenza-Brüder und die Insassen der Suchtklinik. Ein Familientrauma und die Geschichten von kaputten Existenzen, was nicht besonders weit voneinander entfernt ist, da auch die Tennisschüler wie Hal wegen des Erfolgsdrucks auf der Akademie Drogen nehmen und ihre Urinproben manipulieren. Das klingt eher nicht nach sehr viel Spaß, obwohl auch das Buch voll von Humor ist, dem sich das Ensemble teilweise gedienter Lessing-MitstreiterInnen auch vor der Pause bestens hingibt.

Es beginnt mit dem Aufnahmegespräch bei der University von Arizona, bei dem Ursina Lardi als Hal in weißer Tenniskleidung recht autistisch vor der Kommission steht und von seinen Vorzügen prahlt, aber nicht gehört wird. Eines der Kindheitstraumata des Jungen, dessen Vater in bereits als 10jährigen als verkleideter Konversationalist in einem gefakten Gespräch zum kultivierten Reden trainieren will, letztendlich aber auffliegt. Ursina Lardi und Sebastian Blomberg als Hals Vater versprühen hier erstmals eine Menge an Situationskomik, die sich in den folgenden Szenen fortsetzt. Wie etwa in den Telefonaten, die Hal mit seinem Bruder Orin (Devid Striesow) führt. Es geht auch hier neben Frauen, die Orin nur Subjekte nennt, meist um den Vater und dessen Suizid. Hal hatte ihn mit 13 in der Küche gefunden. Um bei seinem Trauma-Therapeuten nicht zu versagen und das von ihm Gewünschte „rüberzubringen“, liest er psychoanalytische Fachliteratur.

 

Unendlicher Spaß nach David Foster Wallace
Foto (c) David Baltzer

 

Wahrheit und Lüge sind immerwährende Begleiter der Familie. Berührend sind die fast philosophischen Bettgespräche Hals mit seinem anderen Bruder Mario, den André Jung mit hochgebundener Oberlippe und angebundenem Arm spielt. Die beiden lehnen dabei mit Kissen an der großen Stahlschalungswand, die die Grenze zum mit Müll verseuchten Gebiet der „Konkavität“ darstellt und über die die nicht mehr benötigten Requisiten geworfen werden.

Der Abend behält trotz der sich am Roman orientierenden episodenhaften Inszenierung durchaus seine Spannung und erlebt seinen komödiantischen Höhepunkt kurz vor der Pause, wenn Devid Striesow als Orin mal wieder mit Hal telefoniert, wobei sich Ursina Lardi im Zehennagelzielwurf übt, während Sebastian Blomberg eine Vogel darstellt, der schließlich tot in Orins Whirlpool landet. Auch nach der Pause glänzt das Team Blomberg/Striesow noch in weiteren komischen Szenen wie einem Umarmungsslapstick bei den Anonymen Alkoholikern. Ansonsten konzentriert sich das Geschehen nun auch mehr auf die Suchtklinik. Heiko Pinkowski ist ein begnadeter Don Gately, ein leidender Fleischberg, der um seine Seele ringt, den Zugang zu Gott oder den Gefühlen seiner Patienten aber nicht findet und am Ende angeschossen die Schmerzmittel aus Angst vor dem Rückfall verweigert.

Hier weist der Roman durchaus religiöse oder gar mythische Bezüge auf. Ist Pinkowskis Don der reine Schmerzensmann, dann ist Jasna Fritzi Bauer als cracksüchtige Mutter einer Totgeburt oder als verschleierte Madame Psychosis von der „Liga der absolut rüde Verunstalteten und Entstellten“, die die Männer nicht ihrem Blick aussetzen will, Schmerzensfrau und Medusa zugleich. „Selig sind die körperlich Armen.“ Ob nun Drogensüchtige oder privilegierte Tennisschüler, alle Figuren sind hier in ihrer Angst vor Nähe, dem Zulassen von Gefühlen oder davor nicht zu funktionieren, gefangen. Thorsten Lensing zeigt dieses Anderssein aber nicht ausschließlich als Makel, sondern als liebenswerten Tick. Ein sehr körperbetontes Spiel, das mit seinen relativ einfachen Theatermitteln und vor allem seinen tollen DarstellerInnen zu beeindrucken weiß.

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Unendlicher Spaß
Von David Foster Wallace
In der Übersetzung von Ulrich Blumenbach
Regie: Thorsten Lensing
Bühne: Gordian Blumenthal und Ramun Capaul
Kostüme: Anette Guther
Dramaturgie: Thierry Mousset
Textfassung: Thorsten Lensing
Mitarbeit Textfassung: Thierry Mousset, Dirk Pilz
Mitarbeit Regie: Benjamin Eggers
Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann
Mit: Jasna Fritzi Bauer, Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi, Heiko Pinkowski, Devid Striesow
Premiere war am 22.02.2018 in den Sophiensaelen Berlin
Eine Produktion von Thorsten Lensing in Koproduktion mit Schauspiel Stuttgart, Schauspielhaus Zürich, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Kampnagel Hamburg, Theater im Pumpenhaus Münster, HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste, Künstlerhaus Mousonturm, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und SOPHIENSÆLE

Weitere Termine:
2018: Mai in Stuttgart und Recklinghausen, Juni in Dresden-Hellerau, November in Luxembourg
2019: Januar in Zürich, März in Frankfurt

Infos: http://www.sophiensaele.de/

Zuerst erschienen am 24.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Menschen, Orte und Dinge – Bernadette Sonnenbichler inszeniert am Berliner Ensemble Duncan MacMillans Well-Made-Play über die Drogentherapie einer jungen Schauspielerin

Menschen, Orte und Dinge von Duncan MacMillan am BE
Foto (c) Matthias Horn

„Mehr Realität als hier geht nicht.“ So etwas auf einer Bühne zu sagen, dem Ort, an dem wohl mit am meisten gelogen wird, ist schon recht mutig. Die verabredete Lüge gehört hier sozusagen zum Programm. Dennoch hat sich das Berliner Ensemble unter der neuen Leitung von Oliver Reese vorgenommen, mit einem Schwerpunkt auf moderne Autoren die heutige Realität ins Theater zu bringen, und so langsam kommt sie da auch an. Das BE hat sich in dieser Woche Einiges vorgenommen: Rausch, Wahn, Sucht, verschwimmende Wirklichkeit bis zum totalen Realitätsverlust. Der Eingangssatz stammt aus dem neuen Stück des britischen Dramatikers Duncan MacMillan, gesprochen in einer Entzugsklinik, in die sich die junge Schauspielerin Emma selbst eingeliefert hat, nachdem sie mit einem drogenbedingten Blackout auf der Bühne zusammengebrochen war.

Die titelgebenden Menschen, Orte und Dinge gilt es dabei zu meiden, um nicht wieder in die Gewohnheit des eingeübten Suchtverhaltens zurückzufallen. Der zweite Drogenexperte dieser Woche in eigener Sache ist der deutsche Journalist und Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, der in Panikherz seine Drogenkarriere und verschiedenste Therapieversuche autobiografisch beschreibt. Bei ihm heißt es ganz ähnlich „Menschen, Orte, Situationen“, und auch sonst sind Stuckrad-Barre und Emma Geschwister im Geiste. Der Weg zur Selbsterkenntnis und Anerkennung des durch exzessiven Drogenkonsum verursachten Realitäts- und Kontrollverlustes ist hart – und schwierig die Rückkehr ins real life, in dem die Trigger an jeder Straßenecke, in der Wohnung, Bars oder Konzertsälen warten.

Im Kleinen Haus des BE hat nun die viel gelobte Regisseurin Bernadette Sonnenbichler MacMillans in Form eines Well-Made-Play geschriebene Therapiesitzung mit der als Nachwuchsschauspielerin des Jahres 2017 ausgezeichneten Sina Martens in der Rolle der Emma in deutscher Erstaufführung auf die Bühne gebracht. Und Martens legt sich von Anfang an mächtig ins Zeug. Ihrem Aussetzer in einer Vorstellung von Tschechows Möwe folgt ein Telefonat, in dem die sich auch später Nina oder Sarah nennenden Frau mit ihrer Mutter streitet. Die soll alle Drogen aus Emmas Wohnung mitnehmen. Nichts soll sie mehr an früher erinnern. Die Schauspielerin braucht einen Schein aus der Suchtklinik, um wieder ihren Beruf ausüben zu können. Doch macht sie allen etwas vor, trickst nicht nur bei ihrem Namen und belügt die Ärztin, sondern sabotiert auch die Gruppensitzungen bei Therapeutin Lydia (beide Josefin Platt), die sie beide als Abbild ihrer Mutter empfindet.

 

Menschen, Orte und Dinge von Duncan MacMillan am BE
Foto (c) Matthias Horn

 

Sina Martens zittert, kämpft, schwitzt sich durch das Stück und bekommt obendrein noch zwei Alter Egos (Cristiana Casadio und Anna Viktoria Valentiner) an die Seite, die sie im Entzugswahn heimsuchen und in choreografierten Tänzen quälen. Dazu werden wabernde Schwarz-Weiß-Videoprojektionen an die kargen Klinikwände geworfen. Störgeräusche, Black-Outs und weißes Rauschen sollen bildlich und akustisch das kaputte Innere Emmas zeichnen. Die weiteren Insassen und Angestellten der Klinik verunsichern die junge Frau zusätzlich. Pfleger Foster (Oliver Kraushaar) ist selbst psychisch labil, steht auf Regeln und hält sich einen gestörten Kampfhund, nach dessen Tod er sich das Leben nimmt. Paul (Owen Peter Read) plagen religiöse Wahnvorstellungen, und Mark (Patrick Güldenberg) wirft Emma ständig ihre Sprunghaftigkeit und den Hang zur Lüge vor.

Zwischen beiden könnte sich eine Beziehung entwickeln, aber Emma blockiert Marks Annährungsversuche und auch jedes therapeutische Rollenspiel sowie die in der Klinik praktizierten 12 Schritte zu Gott oder einem höheren Wesen, dem man sich zur Heilung anvertrauen soll. Als Schauspielerin lebt sie ihre Rollen. Die Kontrolle an jemand anderen abzugeben kommt für sie nicht in Frage. Die Welt ist das sinnlose Chaos, die Drogen bieten ihr Verlässlichkeit und haben sie nie enttäuscht. Erst sehr spät beginnt Emma sich zu öffnen und eine Strategie für einen Neuanfang zu entwerfen. Der Plot MacMillans ist hier allerdings recht einfach und vorhersehbar. Ihre eingeübte Rede an die Eltern klingt am Ende wie die Versprechen einer Firmenwerbung, die sie auswendig lernt. Die Eltern (Josefin Platt und Axel Werner) nehmen der scheinbar Geläuterten ihre Wandlung nicht ab. Hinzu kommt der nicht aufgearbeitete Tod des Bruders.

Das Ganze ist ein verzwickter Kreislauf. Das zumindest kann man aus diesem doch recht thesenhaften Therapie-Stück mitnehmen. Allerdings fällt es hinter vergleichbarer Dramatik wie etwa Sara Kanes 4.48 Psychose oder Gier zurück. Sind Sina Martens und Patrick Güldenburg in ihren Rollen auch sehenswert, kann der verstärkte Einsatz multimedialer Effekte nicht über die Schwächen dieses aufs Theater-Milieu abzielenden Well-Made-Plays hinwegtäuschen. Man ist gespannt, wie sich Intendant Oliver Reese am Samstag mit Stuckrad-Barres zeitgeistkritischem Drogenbericht schlagen wird.

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Menschen, Orte und Dinge
von Duncan MacMillan
Aus dem Englischen von Corinna Brocher
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Bernadette Sonnenbichler
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Tanja Kramberger
Musik: Christoph Cico Beck, Tad Klimp
Video: Stefano Di Buduo
Licht: Steffen Heinke
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Besetzung:
Sina Martens als Nina/Emma/Sarah/Lisa
Josefin Platt als Ärztin/Therapeutin/Mutter
Oliver Kraushaar als Foster
Patrick Güldenberg als Mark
Owen Peter Read als Paul
Axel Werner als Vater
Cristiana Casadio und Anna Viktoria Valentiner als Emmas Alter Egos
Die Premiere war am 14.02.2018 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, keine Pause
Termine: 15., 16., 17.03.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 16.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Panikherz – Oliver Reese bringt den autobiografischen Drogenbericht von Benjamin von Stuckrad-Barre als szenische Lesung mit angeschlossenem Pop-Konzert auf die Bühne des Berliner Ensembles

Panikherz nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre
Foto (c) Julian Röder

„KEINE PANIK“ steht in Versalien auf der Fassadenfront des Berliner Ensembles. Das Motto des deutschen Popentertainers Udo Lindenberg, Leitstern mehrerer Generationen Jugendlicher, die sehnsuchtsvoll die Feuerzeuge bei einem Udo-Konzert hochhalten, sich aus der Provinz wegträumend, es dann aber doch nur zum Besuch der Hamburger Reeperbahn schaffen. Aber auch für die jenseits des „Funset-Boulevards“ hat Udo eine Botschaft, die er in eine Hymne der geilen Meile, auf die er kann, verpackte. Auch der 10jähirge Pastorensohn Benjamin aus der niedersächsischen Kleinstadt Rotenburg an der Wümme erfährt in den 1980er Jahren über die Musik und die deutschen Texte von Udo Lindenberg seine Initiation zum Aufbruch in die große Welt. Sein Weg führt ihn über Göttingen, Hamburg, Köln, Berlin und Zürich schließlich auch in die Stadt seiner Träume Los Angeles.

Was ihm bis dahin wiederfahren ist, die Auf und Abs seiner Medienkariere beschreibt der Journalist und Autor Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem 2016 veröffentlichten Roman Panikherz, dessen Bühnenadaption Intendant Oliver Reese nun am Berliner Ensemble inszeniert hat. Es ist aber vor allem auch der selbstkritische Bericht einer exzessiven Suchtkarriere, die Stuckrad-Barre buchstäblich an den Rand des Wahnsinns und der eigenen Existenz treibt. Daraus einen funktionierenden Theaterabend zu bauen, ist fast genauso riskant wie ein Volle-Pulle-Leben, dass der Romanautor mehre Jahre im Vollrausch verbracht hat, bis ihn sein einstiges Idol, das er als angehender Musikkritiker von taz und Rolling Stone noch als Karikatur seiner selbst verrissen hatte, aus dem Drogensumpf zieht und ihn geradezu liebevoll in die „Udo-Familie“ aufnimmt.

Diese selbstlose, alles verzeihende Größe verhilft Stuckrad-Barre schließlich erst zu einer zweiten Karriere oder (wie er es in seinem Roman scheibt) einem zweiten Akt, den Größen wie der US-amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald ja für nicht existent hielten. Ein Leben also im beständigen Aufstieg, ohne retardierendes Moment und also auch im Abstieg immer konsequent im Hier und Jetzt, ohne Blick zurück. Diesen reflektierenden Blick erlaubt sich Stuckrad-Barre erst im legendären Hotel Chateau Marmont in Hollywood, in dem so einige Berühmtheiten ein- und ausgegangen sind. Und nicht nur sein Leben, auch die Begegnungen mit seinen Helden wie Helmut Dietl, Friedrich Küppersbusch, Harald Schmidt, Thomas Gottschalk und natürlich Udo Lindenberg, der ihn letztendlich an diesen Ort der inneren Ruhe führt, lässt der Autor Review passieren.

 

Panikherz nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre – Foto (c) Julian Röder

 

Regisseur Oliver Reese interessiert sich aber in erster Linie für die Lebensgeschichte Stuckrad-Barres, die im Roman natürlich auch den meisten Platz einnimmt. Dazu stehen Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp und Carina Zichner vom BE-Ensemble als vier wechselnd erzählende Benjamins auf der Bühne, die Hansjörg Hartung passend zum Udo-Style als mit Teppich ausgelegte Hotellobby mit Treppe und Bar im Hintergrund gestaltet hat. Bettina Hoppe beginnt mit einem der reflektierenden Zwischentexte, mit den der Autor auf die Zeit seiner Drogensucht zurückblickt. Nach dem Absturz folgt das Reset seines Lebens in einen nüchternen Alltag, bei dem dennoch die Sehnsucht nach dem Meer als Punk, dem alles egal ist, bleibt. Dazu stimmt die Schauspielerin Durch die schweren Zeiten, ein neueres Lied von Udo Lindenberg, an. Das Buch ist ja durchzogen mit Auszügen aus Songtexten von Udo L. über Oasis, Nirvana bis zu Rammstein.

Die vier Benjamin-DarstellerInnen singen zwischen den Sprechtexten immer wieder einige dieser berühmten Songs. Begleitet werden sie dabei von den Live-Musikern Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Gerhard Schmitt, Tilo Weber und Manuel Zacek, die zu den fluffigen Arrangements von Jörg Gollasch die alten Udo-Songs im neuen Gewand spielen. Es entwickelt sich so ein musikalisch untermaltes Textaufsagen, bei dem zunächst über die vier Benjamins verteilt die Lebensgeschichte des Autors von seiner Kindheit als viertes Kind einer pazifistischen Öko-Pastorenfamilie, die Gymnasiastenzeit in Göttingen mit ersten Musikkritiken für das dortige Stadtmagazin bis zur Arbeit als Redakteur bei der taz und dem Rolling Stone und als Produktmanager bei der Plattenfirma Motor Music in Hamburg im Schnelldurchlauf abgespult wird. Das macht den Abend weitestgehend zu einer rhythmisierten szenischen Lesung mit angeschlossenem Pop-Konzert.

 

Panikherz nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre – Foto (c) Julian Röder

 

Nach der ersten Sozialisation in der Musikbranche, bei der hier noch der parallele Aufstieg der lokalen Punkband The Bates fehlt, folgt Stuckrad-Barre dem Ruf des TV-Moderators Küppersbusch nach Köln und wird nach der Absetzung von dessen Sendung Gagschreiber bei der Harald-Schmidt-Show. In diese Zeit fällt neben der Veröffentlichung seines ersten Buchs auch das Eintauchen in die Clubszene mit ersten noch euphorischen Drogenerlebnissen, die Stuckrad-Barre in Berlin vertieft. Was er auf seinen Lesereisen erlebt, kommt hier nicht vor, wie überhaupt der Autor im Folgenden nur noch als Drogensüchtiger und Bulimie-Kranker interessiert, dessen Absturz in allen Details von einer Suchtphase zur anderen unterbrochen durch etliche Therapieaufenthalte geschildert wird. Die Angst vor dem Nachdenken über das eigenen Ich treibt ihn in viele Pseudo-Projekte und die Kokainsucht.

Bebildert wird das mehr oder weniger durch viel Gehampel, Werfen mit Visitenkarten, säckeweise Verstreuen von weißem Pulver und dem Darstellen von delirierenden Wahnanfällen. Irgendwann klettert man auch mal ins Publikum, das zwischendurch immer wieder wie wissend über den ja durchaus witzigen Stuckrad-Barre-Sound lacht. Eine kritische Ebene, die der Autor ja durch seine Reflexionen auch des Systems der Sucht nach Erfolg und Ruhm einzieht sowie seine durchaus erhellenden Gespräche mit dem US-amerikanischen Schriftsteller Bret Easton Ellis (American Psycho), mit dem Regisseur Helmut Dietl oder Thomas Gottschalk fehlen in dieser leider komplett auf die Figur Stuckrad-Barres fokussierten Inszenierung. Eine kurz am Tresen genuschelte Udo-Persiflage verkauft die Abrechnung mit der Medienwelt des 20. Jahrhunderts, deren Teil Stuckrad-Barre ja auch bis zur kompletten Selbstentgrenzung war, endgültig an den totalen Fun.

Dass Suchtkrankheit und die Krankheit eines Systems, das so an den persönlichen Erfolg gekoppelt ist, nicht voneinander zu trennen sind, dürfte selbst Benjamin von Stuckrad-Barre nicht entgangen sein. Dass der Autor diese Welt des schönen Scheins, deren Gründungsidee nach seiner Aussage mal der Protest gegen die Wirklichkeit war, weiterhin liebt, wird man ihm nicht übelnehmen können. Dass aber Oliver Reese dies nicht erkennt, und das in einem Medium wie dem Theater, das sich eigentlich permanent selbst analysiert und auf die Bühne bringt, ist mehr als dürftig und die große Enttäuschung dieses Abends. Die nächste Chance gibt es in einem Monat am Thalia Theater in Hamburg.

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Panikherz
von Benjamin von Stuckrad-Barre
Regie/Fassung: Oliver Reese
Bühne: Hansjörg Hartung
Kostüme: Elina Schnizler
Musik: Jörg Gollasch
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie: Valerie Göhring
Mit: Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp, Carina Zichner
Live-Musik: Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Gerhard Schmitt, Tilo Weber, Manuel Zacek
Die Premiere war am 17.02.2018 im Berliner Ensemble
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, keine Pause
Termine: 08., 09., 16.03. / 02.04.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 18.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Untot und aus der Welt gefallen – Anne Habermehls „Outland“ in den Sophiensaelen und Ersan Mondtags „Letzte Station“ im Berliner Ensemble

Mittwoch, Dezember 20th, 2017

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Outland – Anne Habermehl inszeniert in den Sophiensaelen ihr neues Stück über Menschen, die aus verschieden Gründen aus der Welt gefallen sind.

Outland in den Sohiensaelen Berlin
Foto (c) Bettina Werner

Die Stücke der 1981 in Heilbronn geborene Dramatikerin Anne Habermehl sind bisher in Hamburg, München, Wien, Chemnitz oder Tübingen aufgeführt worden. Gern übernimmt sie dabei auch die Inszenierung selbst. So etwa bei Luft aus Stein am Schauspielhaus Wien oder Narbengelände am Thüringischen Landestheater Gera/Altenburg. Mit Letzterem, einem Generationenstück, das Lebensgeschichten im Vor- und Nachwende-Thüringen thematisiert, war sie 2011 zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Und auch in ihrem neuen Stück Outland, das Habermehl an den Berliner Sophiensaelen wieder selbst zur Uraufführung brachte, geht es um drei Generationen von Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben. Anhand von vier Episoden werden Menschen verschiedenen Alters vorgestellt, die aus Gründen körperlicher oder innerer Versehrung aus dieser Welt gefallen sind. Gesellschaftliche Verwerfungen haben auch hier Narben in den Seelen und Gemütern der ProtagonistInnen hinterlassen, was Habermehl in ihrer typischen, auch als „schmerzvoll-poetisch“ bezeichneten Sprache beschreibt.

Zunächst ertönt allerdings ein vierstimmiges Gewirr aus beängstigenden Zustandsbeschreibungen und zynischen Selbstoptimierungsphrasen, die mehr oder weniger Ausdruck allgemeiner Hilflosigkeit sind, wie etwa: „Ich funktioniere. Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Ich kann mit Enttäuschungen umgehen. Ich frage immer nach dem Sinn. Ich bin im freien Fall. Ich bin ein Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln gegen die Scheibe knallt. Ich suche nach dem Wir, Ich finde nur das Ich.“ Ob nun tatsächlich noch „in Balance“, oder schon „komplett im Arsch“, die Figuren leiden ganz offensichtlich unter einer rasenden Angst vor Kontrollverlust und Einsamkeit.

 

Outland in den Sohiensaelen Berlin – Foto (c) Detlev Schneider

 

Das kennzeichnet vor allem auch die Beziehungen untereinander. Eine junge Frau, die wieder mal ihren Job verloren hat, sucht Verständnis für ihre offensichtlich psychischen Probleme bei ihrem Chef, der in ihr aber nur einen seltsamen Menschen sieht und sich nicht für ihre Existenzprobleme zuständig fühlt. Auch von ihrer Mutter bekommt die junge Frau nur Vorwürfe zu hören. Man vermag nicht miteinander zu reden. Ähnlich ist es mit der zunächst großen Liebe eines Mädchens zu ihrem Freund. Gemeinsam fühlt man sich stark die Welt zu verändern, geht auf Konzerte, kifft und hört Joy Division. Als der Junge dann allerdings beginnt an einer schizophrenen Psychose zu leiden und Stimmen im Kopf ihn zu einen Selbstmordversuch treiben, kann das Mädchen mit dieser Situation nicht umgehen und verlässt den im Krankenhaus unter Psychopharmaka stehenden Freund.

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Anne Habermehl versucht in ihrer Inszenierung den Text vor allem in Bewegung zu übersetzen. Distanz und Nähe lassen sich im großen Saal auch besonders gut darstellen. Anne Haug und Ingo Tomi gehen als Liebespaar in den Clinch, erst klammert sie, dann geht sie wieder auf Abstand. Dazu kriecht irgendwann Sabine Waibel unter den weiten Strickpullover des schizophrenen Jungen. Dazu spielt Musiker Philipp Weber einen minimalistischen Keyboardsound, der sich zunehmend verstärkt, wenn das Ensemble Plastiksäcke mit Federn auf der Bühne entleert, darin tollt und viel im Kreis rennt.

 

Outland in den Sohiensaelen Berlin – Foto (c) Detlev Schneider

 

Den Geschichten verleiht das durchaus eine zusätzliche Intensität. Wie in einem weiten Feld aus Schnee steht einsam Sabine Waibel als Ärztin, die in einer Ethikkommission mitentscheiden soll, wann ein Leben zu Ende ist, aber gerade mit ihrem eigenen nicht klar kommt. Der Sohn ist weg, die Polizei kann keine Hinweise und nichts wirklich Seltsames auf seinem PC finden. Derweil demonstrieren radikale Christen vor ihrer Wohnung, in der sich die Mutter einen Joint des Sohns reinzieht und Visionen bekommt. Zunehmend ratlos googelt sie nach Problemlösungen, geht zu einem Priester, obwohl sie nicht gläubig ist, oder befragt die Lehrer ihres Sohnes. Irgendwann ist der Filius wieder da, war nur kurz im Wald und sagt seiner Mutter, dass nicht immer alles nur mit ihr zu tun hat.

Sabine Waibel spielt diese Hilflosigkeit einer Mutter glänzend. Die Suche nach dem Sohn wird zur Suche nach Erlösung. Die Fragen nach Liebe, Spiritualität, Lebensethik drehen sich beständig im Kreis, begleitet von einem mehrstimmigen Sound aus Stimmen, den die anderen Spieler wie ein atmosphärisches Summen besteuern. Den Kreis der Genrationen und seelisch wie geistig Versehrten schließt Manfred Andrae als ins Altersheim abgeschobener Großvater, der bisher im Rollstuhl saß und nun von den anderen in einen Anzug gekleidet und von der Seite souffliert einen Monolog aus Erinnerungen an sein Leben und seine Tochter hält. Ein langsam verlöschender Geist gefangen im verfallenden Körper, der nochmal die Fragen nach Schuld und Verantwortung stellt, während die anderen die Bühne säubern. Andrae spricht einerseits von einem Land, das weder Fragen stellt, noch Antworten will und anderseits sich von 14-16 Uhr im Flüchtlingsheim von seinem Gewissen und Geschichtskoma befreit. Das Hohelied der Liebe klingt hier wie Hoffnung und Abgesang zugleich.

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Outland (Sophiensaele, 02.12.2017)
Text und Regie: Anne Habermehl
Bühne: Christoph Rufer
Musik: Philipp Weber
Kostüme: Bettina Werner
Dramaturgie: Juliane Hendes
Licht, Technik: Joscha Eckert
Mit: Manfred Andrae, Anne Haug, Ingo Tomi, Sabine Waibel
Die Uraufführung war am 02.12.2017 in den Sophiensaelen
Termine: 03., 04., 05., 06.12.2017

Infos: http://www.sophiensaele.com/

Zuerst erschinen am 04.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Lahmes Zombietheater – Ersan Mondtag scheitert am Berliner Ensemble mit seiner düsteren Sterbeelegie Die letzte Station

Die letzte Station am Berliner Ensemble – Foto (c) Armin Smailovic

Zur Situation alter Menschen in unserer Gesellschaft gibt es recht wenig Stoffe für das Theater. Die wenigen, die sich mit den Problemen des Alterns und dem Sterben befassen, betrachten das meist aus dem Blickwinkel der jüngeren Generation, die am Totenbett eines Elternteils oder nach dem Tod beim Ausräumen der elterlichen Wohnung über verpasste Chancen der Verständigung und das eigene Leben reflektieren. Über den Prozess des Wegsperrens der Alten und ihr unwürdiges Dahinsiechen in Pflegeheimen hat die junge Schweizer Dramatikerin Katja Brunner mit geister sind auch nur menschen einen sehr starken Theatertext geschrieben, den die Regisseurin Claudia Bauer (mit 89/90 auf dem letzten THEATERTREFFEN) auf der kleinen Bühne des Schauspiels Leipzig in eindrucksvolle und bildstarke Choreografien übersetzte. Für das Berliner Ensemble unter dem neuen Intendanten Oliver Reese versucht Regie-Jungstar Ersan Mondtag nun Ähnliches. Die letzte Station heißt diese neue Bühnenarbeit, für die Mondtag und Ensemble in drei Berliner Alteneinrichtungen recherchiert haben.

Das ist leider gründlich in die Inkontinenzhose gegangen. Der gute Wille – bei Ersan Mondtag auch immer mit einem großen Willen zur Form gepaart – ist erkennbar, allerdings kommt der Abend nicht über eine in sämtliche Klischeefallen stolpernde Ärgerlichkeit hinaus. Zunächst aber herrscht Stille über einem Bühnensetting mit Tannenwäldchen, Ziehbrunnen und Holzhausskelet, vor dem Neu-BE-Schauspielerin Judith Engel mit Grauhaarperücke und beigefarbenem Kostüm sitzt und andächtig wartet. Worauf wird erst nach ein paar Minuten klar, wenn Constanze Becker in Nachthemd und Pantoffeln mit einem Koffer in der Hand somnambul in Richtung Wäldchen schlurft. „Gehen Sie ruhig weiter.“ wird ihr Judith Engel im Lauf des Abends immer wieder bedeutungsvoll zuraunen. Scheinbar ist sie aber noch nicht bereit, den letzten Schritt in Richtung Jenseits zu tun, von dem man wie in einem dichten Wald nicht weiß, was einen dort erwartet. Dagegen kommen nun weitere Figuren aus dem Wäldchen heraus, sich sanft wiegend und die alte, sichtlich verwirrte Frau in die Mitte nehmend. Sie gehören neben dem kleinwüchsigen BE-Schauspieler Peter Luppa hauptsächlich zur Tanzgruppe Dance On (also: Tanz weiter), das aus TänzerInnen deutlich jenseits der 40 besteht.

 

Die letzte Station am Berliner Ensemble
Foto (c) Armin Smailovic

 

Das hat zunächst durchaus auch etwas Unheimliches, für das die Gruselmärchen der Brüder Grimm Pate gestanden haben mögen. Ein leicht dementes Krippenspiel unter Heiminsassen wird hier gegeben, das sich nach und nach von „Stille Nacht“ zu einem Altersalbtraum in Moll verwandelt. Der etwas zähe Abend schwankt dabei zwischen senilem Dahindämmern, schwindenden Erinnerungssplittern der Frau an den Mann Karl (Laurence Rupp), ihre Kinder und das Sterben der Mutter sowie einer akuten Altersdepression, die sich hier in ein paar aggressiven Schüben seitens Constanze Beckers Figur Hanna äußert. Das Warten auf das Ende wird immer wieder durch kleine Zwiegespräche der beiden Frauen unterbrochen. Der ansonsten recht sparsame Text schwingt sich dabei sogar zu einigen philosophischen Betrachtungen auf. „Sie haben ihr Leben bekommen, sie mussten es leben, jetzt geben sie es wieder hin. Sie wurden in die Windel geboren, sie gehen in die Windel zurück.“ Dabei erweist sich angesichts der voranschreitenden Demenz letztendlich sogar der Jean-Paul-Aphorismus von der Erinnerung, als einzigem Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann, als schnöde Lüge.

Die vor sich hin dämmernde Inszenierung macht einem das Verstreichen von Lebenszeit bleiern spürbar. Wären da nicht die auflockernden Tanzeinlagen der Dance-On-Mitglieder, die wie untote Geisterwesen oder Hirngespinste Hannas sich mal ironisch kabbeln, mal slapstickartiges Ringelreihen, Square Dance oder eine hinreißende Tremor-Performance vollführen, man müsste wohl allein schon aus Langeweile zu Grunde gehen. Die Frage nach dem Danach erschöpft sich dann allerdings nur in einer unversöhnlichen Hass-Suada Constanze Beckers über ein angeblich friedvolles Ende in Sterbehotels am Stadtrand und die Verlogenheit der Weihnachtsgeschichte. Ein abschließender großer Knall mit Supernova, schwarzem Loch und Zombiefluch. Der Abend möchte einem die Wut der Vergessenen ins Gesicht schreien und dabei noch möglichst kunstvoll aussehen. Leider scheitert Ersan Mondtag bei dem Versuch, das in anschaubares Theater zu verwandeln.

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Die letzte Station (BE, Kleines Haus, 14.12.2017)
von Ersan Mondtag
Regie: Ersan Mondtag
Bühne: Stefan Britze
Kostüme: Raphaela Rose
Musik: Diana Syrse
Licht: Ulrich Eh
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Constanze Becker, Judith Engel, Peter Luppa, Laurence Rupp, Ty Boomershine, Brit Rodemund, Christopher Roman, Jone San Martin, Frédéric Tavernini
Die Uraufführung war am 14.12.2017 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: 90 Minuten, keine Pause
Termine: 19., 20., 21., 28., 29., 31.12.2017 / 09., 10., 11., 18., 19., 20.01.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 17.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Real Magic“ und „Five Easy Pieces“ – Vermeintlich kleine Off-Theater-Produktionen von Forced Entertainment und Milo Rau begeistern beim 54. Theatertreffens in Berlin

Mittwoch, Mai 17th, 2017

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„No, you are wrong, Jerry. Swap!” – Forced Entertainment vollführen mit Real Magic einen Loop des Lebens im HAU 2

Am vierten Tag wurde das 54. Theatertreffens der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum mal wieder international. Die Jury hat die britische Experimentaltheatertruppe Forced Entertainment mit ihrer europa- und amerikaweiten Koproduktion Real Magic nach Berlin eingeladen. Mitproduziert hat auch das Hebbel am Ufer, wo diese kleine Perle der Performancekunst, die im Mai 2016 im PACT Zollverein Essen Premiere hatte, schon im letzten Juni zu sehen war. Sie ist natürlich in englischer Sprache. Eine sonst übliche Übertitelung würde sich hier verbieten, da das Spiel der 1984 in Sheffield gegründet Künstlergruppe unter der Leitung von Tim Etchells ähnlich wie Monty Python von ihrem britischen Mutterwitz lebt.

Forced Entertainment verbinden Schauspiel mit Installation, Performance, digitaler Medienkunst und Film, passen also bestens ins Programm der diesjährigen 10er-Auswahl, die nach Abzug der aus schon erwähnten Gründen nicht beim Theatertreffen gezeigten Räuber– und Schimmelreiter-Inszenierungen aus München und Hamburg zum größten Teil multimedial oder anderweitig Genre-übergreifend daherkommt. Selbst die dröge Glashaus-Assemblage Drei Schwestern von Simon Stone aus Basel ist mehr Mikroport-tönende Bild-Klang-Installation als herkömmliches Sprechtheater.

Gesprochen wird bei Real Magic eigentlich auch recht viel, aber eben auch pausenlose 90 Minuten in Schleife. Der Plot ist schnell erzählt. Die drei Akteure Jerry Killick, Richard Lowdon und Claire Marshall performen eine absurde Game-Show, in der ein Spieler mit verbundenen Augen erraten muss, an was für ein Wort ein zweiter Spieler gerade denkt und auf einem beschriebenen Schild sichtbar hochhält. Vom Spielleiter, der an einem Mikrofonständer zwischen den beiden steht, bekommt der Rater dafür drei Versuche. Im Wechsel werden Schilder mit den Worten „Caravan“, „Algebra“ oder „Sausage“ hochgehalten. Natürlich geht dabei die Wahrscheinlichkeit, dass der eine Spieler die Gedanken des anderen errät, gegen Null. Mit an Irrsinn grenzender Penetranz wird erst „Electricity“, dann „Hole“ und schließlich „Money“ als Lösung angeboten.

 

Real Magic von Forced Entertainment
Foto (c) Hugo Glendinning

 

Und so scheitern dann auch alle drei immer wieder im ständigen Wechsel, ein ums andere Mal. Dass dies nicht langweilig wird, liegt am virtuosen Spiel der Performer, die alle Register ihres Könnens ziehen. Es entspinnt sich ein irrwitziger Reigen aus Rollen-, Kostüm- und Tempowechseln, gemischt mit Slapstick, Elementen der TV-Comedy und des schräges Kabaretts mit von der Konserve eingespielten Lachern. Eine Persiflage auf die Unterhaltungsindustrie mit ihren billigen Rate- und fragwürdigen Zauber-Shows, aber auch eine Kritik am Sinn und Unsinn eines Lebens im Loop.

Natürlich ist in erster Linie Samuel Beckett, der Meister des theatralischen Scheiterns, ein Vater des Gedankens, das moderne Leben auf eine sinnlose Gameshow zu reduzieren. Die drei ziehen sich immer wieder gelbe Hühnerkostüme über, vollführen einen albernen Chicken-Dance als Pauseneinlage und beginnen ihr sinnloses Tun trotzt beständigem Scheitern immer wieder von vorn. Aber so sehr sich der eine auch anstrengt und der andere ihm das Schild schon vor die mittlerweile nicht mehr verbunden Augen hält, die Anweisung des Showmasters „Think harder!“ führt nur zu komischen Verrenkungen. Selbst mehrmaliges Nachfragen und schließlich Einflüstern hilft nicht.

Letztendlich bleibt die Antwort immer die falsche. Scheitern, Wechsel und Neubeginn sind vorprogrammiert. Tiefer führende Gedanken an politische Verkrustung, ans ständige Wegschauen und alternativlose Weitermachen werden dem Spiel im Programmheft impliziert. Sogar Grenzschließungen und Brexit angeführt. Wer mag, kann in den pantomimischen Einlagen und Wortspielen wie „Hole in the Pocket“ oder „The whole World“ danach suchen. In Real Magic spiegelt sich die Tragik des Lebens in der Komödie. Und diese gibt es hier satt und relativ unverkopft, was für einen frischen Wind auf dem Theatertreffen sorgt und in seiner unverkrampften Leichtigkeit eine durchaus bemerkenswerte Magie ausstrahlt.

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Real Magic (HAU 2, 09.05.2017)
Idee und Konzept: Forced Entertainment
Künstlerische Leitung: Tim Etchells
Lichtdesign: Jim Harrison
Design: Richard Lowdon
Produktionsmanagement: Jim Harrison
Mit: Claire Marshall, Richard Lowdon, Jerry Killick
Koproduktion: PACT Zollverein, Essen / HAU Hebbel am Ufer, Berlin / Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt / Tanzquartier Wien / ACCA Attenborough Centre for the Creative Arts, University of Sussex / Spalding Gray Consortium – On the Boards, Seattle / PS122 NYC / Walker Art Center, Minneapolis / Warhol Museum, Pittsburgh
Die Uraufführung war am 04.05.2016 im PACT Zollverein Essen
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.pact-zollverein.de
http://www.hebbel-am-ufer.de

Zuerst erschienen am 10.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Der Schweizer Theatermacher Milo Rau erhält für sein Theaterstück Five Easy Pieces über den belgischen Kindermörder Dutroux den 3sat-Preis des 54. Theatertreffens

Mit Five Easy Pieces vom Schweizer Theatermachers Milo Rau gab es auf dem an performativen Formaten nicht armen 54. Theatertreffen eine weitere ziemlich bemerkenswerte Inszenierung. Rau hat dabei (wie sooft in seinen Stücken) zu einer wahren Begebenheit, hier zum Fall des belgischen Kindermörders Marc Dutroux, recherchiert und lässt das Material in einer Form des reflektierenden Reenactment szenisch performen. Die Besonderheit ist diesmal, dass er dafür sieben belgische Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren besetzt hat, die angeleitet vom Schauspieler Peter Seynaeve den Stoff in einer Art gespieltem Probenprozess erarbeiten.

 

Five Easy Pieces beim 54. Berliner Theatertreffen
Foto (c) Phile Deprez

 

Wie immer geht es Rau dabei natürlich auch um das Medium Theater selbst. Schon mit dem vorangestellten nachgespielten Casting befragt der Regisseur – hier stellvertretend durch Peter Seynaeve – seine Methode der Darstellung. So sollen die Kinder, die dabei nacheinander vorgestellt werden, erzählen, was sie am Theaterspielen interessiert, welche Rollen sie gern übernehmen wollen, oder sie führen kleine Kostproben ihres Können wie Klavier- und Akkordeonspiel oder Tanz- und Gesangseinlagen vor. Immer dabei ist die obligatorische Livekamera, deren Bilder auf einen großen Videoscreen übertragen werden. Die Kinder und ihre Vorstellungen bleiben so im direkten Fokus.

Man merkt sofort, dass den Kindern Theaterspielen nicht fremd ist. Milo Rau kooperiert für Five Easy Pieces mit dem Theater CAMPO Gent, das schon seit Jahren mit Kindern Theater für Erwachsene macht. Die Frage steht trotzdem im Raum und wird auch diskutiert, ob der Regisseur hier nicht Kinder für seine Ziele ausbeutet. Eine moralische Frage, der man sich nicht ganz entziehen kann, und die in den einzelnen Spielszenen auch immer mitschwingt. Eine weitere Gedankenebene zieht Rau mit der Thematisierung der belgischen Kolonialvergangenheit ein. In einem ersten Video wird von erwachsenen Schauspielern die Feier zur Entlassung des Kongo in die Unabhängigkeit gespielt. Die Szene wird von den Kindern in Kostümen parallel reenactet und gesprochen. Rau nutzt die Parallelität der geschichtlichen Ereignisse zur Kindheit Dutroux‘, der im Kongo als Sohn eines Soldaten aufwuchs, um zwei Geschichten unaufgearbeiteter Vergangenheit zu beleuchten.

 

Five Easy Pieces beim 54. Berliner Theatertreffen
Foto (c) Phile Deprez

 

Rede und Ermordung des ersten Ministerpräsidenten des Kongo, Patrice Lumumba, sowie die Ereignisse um die späteren Kindermorde Marc Dutroux‘ sind für Rau doppeltes Trauma eines Landes, in dem die Bilder beider Männer jedem Kind präsent sind. In einem vor Livekamera nachgespieltem Interview erzählt Maurice Leerman, der unbedingt geschminkt einen alten Mann darstellen wollte, als Dutroux‘ Vater dessen Geschichte. Und so steigen die Kinder immer wieder in die Rollen von Polizisten, die den Tatort begehen und vor der Kamera über die Ermittlungen und deren politische Pannen berichten, oder die der Eltern eines der entführten Kinder, wenn sie davon erzählen, wie sie die Nachricht des Todes ihrer Tochter erfahren haben.

Das sind natürlich hochemotionale Momente, die allerdings dadurch gebrochen werden, dass (wie am Filmset) Takes wiederholt werden oder gar ein Tränenstift zum Einsatz kommt. In kleinen Runden zwischendurch reflektieren die Kinder zusammen mit ihrem Regisseur über den Tod, das Töten oder die Trauer. An seine Grenzen gerät das Format, wenn die erst 8jährige Rachel Dedain den Brief eines entführten Mädchens aus ihrem Kellerverlies vorliest und Peter Seynaeve die sich schämende Rachel auffordert, sich wie verabredet bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Die Problematik von Macht und Ohnmacht bleibt hier immer präsent. Letztendlich zeigt aber die Souveränität, mit der die Kinder ihre Rollen ausfüllen, dass ihnen die Konfrontation mit der Wahrheit zumutbar ist.

Den Titel Five Easy Pieces hat Milo Rau den Klavierstücken für Kinder von Igor Strawinsky entlehnt. Thematisch umkreist er sein Rechercheobjekt Dutroux in fünf als Proben angesetzten Übungen für Theater mit den Überschriften: Vater und Sohn, Wunschtraum Schauspieler, Versuch über die Unterwerfung, Allein in der Nacht und Was sind Wolken. Im letzten Kapitel erzählt Polly Persyn die Geschichte eines Marionettentheaters, deren Puppen noch nie Wolken gesehen haben und erst nach der Pleite des Theaters ohne ihre Fäden auf der Müllkippe erstmals den Himmel sehen. Eine schöne Parabel auf die Ambivalenz von Abhängigkeit und Freiheit. Raus Theater verbindet hier auf wundersame Weise das kathartische Spiel mit dem epischen Theater Brechts, indem es die Kinder ihre Sicht der Dinge und die Darstellbarkeit des vermeintlich nicht Darstellbaren vorführen lässt. Man bleibt davon nicht unberührt. Milo Rau bekam nach der Premiere auf dem Festival für seine Inszenierung den 3sat-Preis überreicht. Eine durchaus vertretbare Entscheidung.

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Five Easy Pieces (Sophiensæle, 13.05.2017)
von Milo Rau und Ensemble
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüm: Anton Lukas
Video und Sound: Sam Verhaert
Dramaturgie: Stefan Bläske
Von und mit: Rachel Dedain, Maurice Leerman, Pepijn Loobuyck, Willem Loobuyck, Polly Persyn, Peter Seynaeve, Elle Liza Tayou, Winne Vanacker
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Die Uraufführung beim Kunstenfestivaldesartes Brüssel war am 14. Mai 2016
Die Berlin-Premiere in den Sophiensælen war am 1. Juli 2016
Weitere Termine auf dem Theatertreffen: 20. und 21. Mai 2017 im Haus der Berliner Festspiele

Infos: http://www.campo.nu ; http://www.kfda.be

http://international-institute.de/

Zuerst erschienen am 15.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Zweimal Nis-Momme Stockmann in Berlin – „Die kosmische Oktave“ in der Regie von Ulrich Rasche an den sophiensaelen und Milan Peschels Inszenierung „Der Freund krank“ an den DT-Kammerspielen.

Samstag, März 29th, 2014

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Lass uns von Liebe sprechen! – Regisseur Ulrich Rasche inszeniert Die kosmische Oktave von Nis-Momme Stockmann in den Sophiensælen

„Zeit ist die Schwingungsdauer periodischer Erscheinungen“ heißt es in dem Buch Farbton, Tonfarbe und die Kosmische Oktave von Hans Cousto. Der schweizer Mathematiker, Musikwissenschaftler und Astrologe entwickelte in den 1970er Jahren das alte Prinzip weiter, dass jedem Planeten eine Frequenz bzw. ein bestimmter Ton zugeordnet werden kann. Cousto versuchte mittels des Oktavgesetzes diese Töne hörbar zu machen. Er benutzte dafür tatsächliche Frequenzen, die sich auf die periodischen Umlaufzeiten der Planeten bezogen. Zwischen den einzelnen Frequenzen der Planeten wirken dabei gewisse Verwandtschaften. Auch in Hermann Hesses Roman Das Glasperlenspiel gibt es solche Verknüpfungen von Musik und Mathematik. Cousto bezog sich bei seinen Betrachtungen auf Johannes Keplers Werk Harmonices mundi (Harmonik der Welt), das wiederum auf Pythagoras’ Harmonien im All zurückgeht.

„Ich fühle mich von einer unaussprechlichen Verzückung ergriffen ob des göttlichen Schauspiels der himmlischen Harmonie.“ schwärmte Keppler, und Goethe, als großer Universalgelehrter, hatte im Faust I gedichtet: „Die Sonne tönt nach alter Weise / In Brudersphären Wettgesang, / Und ihre vorgeschriebne Reise / Vollendet sie mit Donnergang.“ Einmal Gott als Baumeister der Ordnung der Welt und des Universums. Daneben die Naturphilosophie der Pantheisten. In beiden Prinzipien schwingt die kosmische Oktave als Urgesetz der Harmonie. In der spirituellen Meditation wie auch in der Musik stimmt man sich z.B. mittels Klangschalen oder Stimmgabeln auf einen bestimmten Grundton ein. Mit diesen Prinzipien kennen sich Dramatiker Nis-Momme Stockmann, der auch tibetische Sprache und Kultur studiert hat, sowie Regisseur und Musiktheaterspezialist Ulrich Rasche anscheinend bestens aus.

Die kosmische Oktave. Corinna Kirchhoff in den Sophiensaelen. Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Die kosmische Oktave. Corinna Kirchhoff in den Sophiensaelen. Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Nun muss man keine Angst haben, dass das hier in einem astrologisch-esoterischen oder musiktheoretischen Vortrag endet. Das Prinzip der kosmischen Harmonie übersetzt Stockmann in seinem Text Die kosmische Oktave als einen zeitlich periodisch immer wiederkehrenden, eintönigen Gleichklang, den er schlicht mit dem menschlichen Leben selbst gleichsetzt, und dabei insbesondere mit der Zeiteinheit von Dekaden bzw. Generationen als sich unabänderlich wiederholende Konstante arbeitet. Wieder Goethe griff in seinem Roman Die Wahlverwandtschaften auf die Wirkungsweise chemischer Elemente als Vergleich von zwischenmenschlichen Beziehungen mit den Naturgesetzen zurück. Der Versuch, im Zuge der Aufklärung – dem Zeitalter der Entdeckung des Ichs – zu untersuchen, inwieweit Leben und Liebe wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten oder dem eigenen Willen unterliegen. Und das ist dann die zweite, eigentliche Beziehung, auf die sich Nis-Momme Stockmann bei seinen Überlegungen beruft.

Es geht also kurzgesagt um Zeit, Generationenkonflikte, die Chemie zwischen den Menschen und das große Ganze, die Welt an sich. Wo es bei Goethe noch an den herrschenden Konventionen scheitert, die die Protagonisten an der Entfaltung ihrer selbst hindern, kommt Stockmann Generationen später in seinem Text zu der Erkenntnis, dass nun dem Menschen plötzlich sein eigenes Ego im Weg steht. Dabei tritt der Mensch seit Jahrzehnten eigentlich schon entwicklungstechnisch auf der Stelle, was hier nicht den wissenschaftlichen Fortschritt meint, sondern den ganz persönlichen, menschlichen Entwicklungsprozess. Als Objekt seiner Untersuchung wählt Stockmann dann ganz naheliegend auch die deutsche Kleinfamilie und sich selbst als Haupt-Protagonisten. Zumindest ist dieser ein Alter-Ego des Autors. Sein Goethe’sches Landgut ist die heimatliche Insel Föhr, auf der er mit seinen Eltern und dem Bruder aufgewachsen ist.

Zunächst jedoch schält sich in den Sophiensælen die Schauspielerin Corinna Kirchhoff aus dem Dunkel und führt einen langen Monolog der inneren Erstarrung. Nach dem Motto: „Wie konnte das passieren?“ denkt ihre müde Figur am Totpunkt ihrer Geschichte über vor Jahren gefasste Ziele nach und resigniert. Hat sich aufgegeben wie kaltes, totes Fleisch. Letztendlich entspringt dieses Loslassen aber auch einer Art befreiender Müdigkeit, in der sie liegt wie einem Boot. Völlig ruhig und entspannt zerdehnt Corinna Kirchhoff dabei langsam die Silben, deklamierend wie noch bei Peter Stein an der alten Schaubühne. Die anwesende Edith Clever dürfte dabei ihre helle Freude gehabt haben. Förmlich in sich ruhend spricht die Kirchhoff dann vom Gongschlag auf die Mitte des Universums, vom perfekten, runden Ton.

Danach werden drei große Laufbänder angeworfen und die Darsteller beginnen sich auf ihnen fast unmerklich gegen die Laufrichtung zu bewegen, wie gegen einen unsichtbaren Strom. Dazu erklingen leise monotone Bassläufe. Passend zum formal strengen Inszenierungsstil von Regisseur Ulrich Rasche hat der US-Amerikaner Ari Benjamin Meyers eine ruhige, minimalistische Musikuntermalung für Stockmanns Fließtext komponiert. Die Darsteller teilen sich wechselnd die Erzählstimme und im Zusammenwirken von Text, Schrittfolge und Musik entsteht ein Sog, der einen versucht in die Geschichte hineinzuziehen. Stockmann spricht von seiner Kindheit, der abgeschlossenen Welt seiner Eltern mit ihrer 60er und 70er-Jahre-Einstellung, einer freundlichen, gutgelaunten Strickpullover- und Latzhosen-Mentalität. Er selbst ist ein Kind der 80er, die ihm nicht viel sagen mit ihren schnelllebigen Modetrends, Popmusik, Zynismus und Depressionen, die seine Eltern schon erfasst haben. Einerseits ergreift ihn die Angst, an dieser Zukunft eifrig mitzuschrauben, selbst „Fürsprecher der kapitalistischen Grundordnung“ zu werden. Anderseits findet er sich auch cool in seiner Außenseiterrolle auf Föhr.

Die kosmische Oktave. Timo Weisschnur, Miguel Perez Inesta Sax, Toni Jessen, Guillaume Francois / Tenor und Bettina Hoppe in den Sophiensaelen. Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Die kosmische Oktave. Timo Weisschnur, Miguel Perez Inesta Sax, Toni Jessen, Guillaume Francois / Tenor und Bettina Hoppe in den Sophiensaelen. Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

Stockmann zeigt hier ein sich selbst reflektierendes Ego, aber auch eine ganz normale, universelle Einzelbiografie verloren im Massenphänomen eines normativen Individualismus mit der Sehnsucht zur Uniformierung. Die Schizophrenie einer Gesellschaft, ausgedrückt durch ein ins Vielfache transformierte Individuum, das wie auf einem Laufband ständig auf der Stelle tritt. Eingesperrt in einen bestimmten Zeitkosmos mit Cokooning und Tunnelblick. Sei individuell! Glaube an dich selbst! Das sind die Parolen dieser Zeit. Aber was ist noch wahr und was kann man denn überhaupt sein? Nicht dies, noch das, wie er verwirrt feststellt. Nur Schriftsteller, ein Berufsbild für die Ewigkeit, sozusagen. Womit ein neues Dilemma auftaucht: Worüber schreiben? Stockmann kombiniert und variiert hier Themen seiner bisherigen Werke zu einer kritischen Selbstbetrachtung inklusive weit ausholendem Rundumschlag auf Weltall, Erde, Mensch. Es kommt nicht gut weg bei ihm, was sich da so aus der harmonisch wabernden, kosmischen Ursuppe erhoben hat. Aus diesem Schlamm will der junge Autor aufsteigen, dem System der Heuchelei die bürgerliche Maske abreißen.

Das ist groß gedacht und knallig hingerotzt. Stockmann kleckert nicht mit Worten. Er klotzt und kotzt die Monologe und später auch dialogähnlichen Passagen aufs Papier. Vom pubertären Autismus eines leicht adipösen Jungen, der alles in sich hineinfrisst und im dänischen Feriencamp seine erste, unerfüllte Liebe erfährt, von der herablassenden Beziehung zu seinem kleinen Bruder, den er quält und dem später zum bodenständigen Sozialpädagogen Herangewachsenen Naivität vorwirft. Um das Wechseln von Winterreifen entspinnt sich zwischen beiden ein zynischer Dialog über die Größe von Lebensentwürfen und des eigenen Egos. „Du bist ein trauriges, selbstgerechtes narzisstisches Arschloch“, ist die scharfe, treffende Analyse des Bruders. Den nächsten Ego-Dämpfer erhält der Jungdramatiker von seiner Koffer packenden Ex, die ihm im Gehen noch unter die Nase reibt: „Du weißt gar nichts über Liebe. Du solltest auch wirklich nicht darüber schreiben. Du solltest einfach mal die Fresse halten.“ Der hehre Anspruch des Dichters scheint am eigenen kleinen Leben zu scheitern.

Regisseur Ulrich Rasche teilt Nis-Momme Stockmanns Textschwall geschickt auf und zwingt seine sieben Darsteller in formal streng durchchoreografierte Schrittfolgen, die sie auf den parallel nebeneinanderstehenden oder auch mal schräg voneinander weglaufenden Bändern performen. Neben Corinna Kirchhoff stehen hier Toni Jessen, Bettina Hoppe, Kornelia Lüdorff, Dorothea Arnold, Timo Weisschnur und Dominik Paul Weber auf dem Band. Sie werden beim Sprechen und auf der Stelle Schreiten vom Tenor Guillaume Francois und den Musikern des Zafraan Ensembles Miguel Pérez Iñesta, Zoé Cartier und Thomsen „Slowey“ Merkel begleitet. Durch den permanenten Gleichschritt und Gleichklang bekommt das Gesagte Stringenz und eine Bedeutsamkeit, die man dem Text allein vielleicht absprechen würde. Dennoch hätte man sich im zweiten Teil nach der Pause durchaus auch eine Schrittfolge die über den Wechsel von frontalem zu seitwärts ausgestelltem Laufbandtreten hinausgeht.

Stockmann geht nun noch einmal in die 80er Jahre nach Föhr und berichtet vom Ausbruch der Mutter aus den eingefahrenen familiären Bahnen. Ein Akt der Befreiung aus der Melancholie und ständigen Verfügbarkeit. Sie sieht im bundesrepublikanischen Modell der Kleinfamilie nicht mehr ihre Möglichkeiten. Die Enttäuschung des Ich-Erzählers äußert sich in einer weiteren wortreichen Abrechnung mit den bürgerlichen Kleinzielen, der Bereitschaft zum Selbstbetrug, in dem sich alles aufzulösen beginnt. Daraus folgt tiefschwarzer Zorn, aber auch die Erkenntnis, sich immer wieder für die Liebe zum Idioten machen zu wollen. Das Stück kulminiert schließlich in einer großen Philippika für die Liebe, die Toni Jessen nun ganz allein auf dem Band halten darf. Dazu brandet endlich auch die Musik noch mal auf und treibt Worte und Erzähler förmlich an. „Lasst uns von Liebe sprechen!“ ist seine Aufforderung. „Sie existiert. Lasst uns sie zurückholen in den Raum der Möglichkeiten.“ Ein Plädoyer fürs große Gefühl, dafür aus dem Gleichklang des eigenen kleinen Zeitkosmos‘ auszubrechen, und das Grundprinzip der Harmonie in der Liebe wieder zu beleben. Denn diese Liebe zieht an uns. Und da ist Stockmann bei aller Moral auch ganz romantischer Idealist.

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DIE KOSMISCHE OKTAVE
Sophiensæle
Premiere war am 21.03.2014

REGIE, BÜHNE Ulrich Rasche
TEXT Nis-Momme Stockmann
MUSIK Ari Benjamin Meyers
KOSTÜME Sara Schwartz
MIT Corinna Kirchhoff, Toni Jessen, Bettina Hoppe, Kornelia Lüdorff, Dorothea Arnold, Timo Weisschnur, Dominik Paul Weber sowie Guillaume Francois (Tenor) und Mitgliedern des Zafraan Ensemble: Miguel Pérez Iňesta, Zoé Cartier, Thomas Merkel
PRODUKTIONSLEITUNG Eva-Karen Tittmann
TECHNISCHE LEITUNG, LICHTDESIGN Arne Schmitt
TON Marian Kuch
REGIEASSISTENZ Benjamin Eggers

Dauer: ca. 160 Minuten mit Pause

Eine Produktion von Ulrich Rasche in Koproduktion mit Kampnagel Hamburg, Kunstfest Weimar und SOPHIENSÆLE. Mit freundlicher Unterstützung des Schauspiels Frankfurt / Main.

Weitere Infos: http://www.sophiensaele.com/produktionen.php?IDstueck=1213&hl=de

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Gegen die gut gepamperte Selbstgewissheit – Der Freund krank von Nis-Momme Stockmann in der Regie von Milan Peschel an den DT-Kammerspielen.

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält, in derber Liebeslust, Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust Zu den Gefilden hoher Ahnen.“ Johann Wolfgang Goethe, Faust I

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Nis-Momme Stockmann bei der Konferenz Theater und Netz im Mai 2013 - Foto: St. B.

Der große zornige Grübler. Nis-Momme Stockmann bei der Konferenz Theater und Netz im Mai 2013
Foto: St. B.

Irgendwie scheint dieser Ich-Charakter aus Nis-Momme-Stockmanns Stück Der Freund krank nicht allein für eine einzige Figur geschaffen zu sein. In der Frankfurter Uraufführung mühten sich ganze drei Darsteller mit ihm ab. In der obligaten Zweitaufführung, die Milan Peschel an den DT-Kammerspielen besorgte, kommt man nun mit nur zweien aus. Wobei einer wenn er nicht gerade dem anderen ins gedankenschwangere Wort fällt, auch mal regungslos den gewindelten kranken Freund Mirko aus dem Titel des Stücks geben muss. Moritz Groove und Daniel Hoevels, zwei der wohl derzeit besten Schauspieler des DT-Ensembles, teilen sich diesen zwiegespaltenen Ich-Part ganz kameradschaftlich selbstlos, und der typisch lustbetonte Regiestil von Milan Peschel sorgt wie nebenbei für einige sehr schöne Slapstickmomente, für die wohl nicht nur allein Buster Keaton Pate stand.

Das Bühnenbild von Nicole Timm zeigt einen toten Ort als Westernstadtkulisse an der einst Prosperität und Leben bringenden Bundestraße 1, die nun, bald selbst umgeleitet, einer noch schnurgeraderen, anonymen Autobahn weichen muss, einer dieser pulsierenden Verbindungsadern durch unsere schöne Fortschrittswelt. Aus dieser kommt der Ich-Erzähler ohne Namen und Eigenschaften mit Koffer und Verstärker in der Hand, um seine alten Freund Mirko zu besuchen. Der scheint den Verstand verloren zu haben, liegt er doch seit Wochen reglos im Bett und muss von seiner Frau Nora (die nicht minder großartige Kathleen Morgeneyer) gewindelt werden. An diesem Ort nun holt den sich verdoppelnden Charakter seine Vergangenheit ein. Trübe Kindheitserinnerungen von ihn verprügelnden Baschis, herumhängenden Moped-Gangs und dem Nachbarn Trullmann mit seinem bellenden „Woll, ja“ nehmen wieder Gestalt an. Peschel-Unikum Martin Otting bekleidet mit seinem unnachahmlich kratzigen Organ kongenial einige dieser komischen Nebenrollen.

Nach Schließung der hiesigen Aromafabrik werden bald nur noch Auspuffemissionen die Luft anreichern. Zukunftsangst und Lethargie machen sich breit. Wie in einem Wild-West-Film lässt Peschel dieses Albtraum-Kopfkino des sich von der Meute gehetzt fühlenden Ichs vor uns ablaufen. Und irgendwie fühlt sich der Gespaltene schuldig an der Situation. Zwischen dem Gefühl einfach nur helfen zu wollen und der wieder aufkeimende alten Liebe zu Nora, die nun ein Kind von Mirko erwartet, ist er hin- und hergerissen. Diese Unsicherheit nutzt Peschel dann für sein Slapstickfeuerwerk mit Küchenstuhl und Kaffeetassen. In billigem Wohnküchenambiente ringt der Ich-Erzähler nach Worten, und seine mit den Jahren gut gepamperte „Scheiß Souveränität“ fällt langsam in sich zusammen, wie der leblose Körper seines Freundes. Dass es in seinem Inneren tatsächlich eine zweite dunkle Seite gibt, erfährt man erst, als der eigentliche Immobilienhändler bereits die gesamte Stadt verkauft hat.

In ihm wohnt wie bei vielen ein Geist, der stets nur Gutes will und dennoch Böses schafft. Das auch wissend, kann er dennoch nicht die richtigen Entscheidungen treffen. Nun ist Stockmanns Ich-Figur beileibe kein Mephisto oder Faust, obwohl er seine Seele für etwas scheinbar Höheres an den Teufel Mammon verkauft hat. Mit letzter Energie klammert er sich aber noch an ein Gefühl lebendig zu sein, eine Vorstellung von Liebe und einem Leben mit Nora und Kind. Ein Traum den er zum Schluss mit seiner alten abgelegten Haut begraben muss. Einst einfach abgestreift, haften Freund und leblose Hülle nun wie ein schlechtes Gewissen aus der Vergangenheit hinderlich am Protagonisten. Nun selbst in Windeln werfen Grove und Hoevels Schaufeln voll Erde auf die Bühne. Hand in Hand stehen dann beide vor der Videoprojektion einer Straße ins Nirgendwo.

Irgendwann wird im Hintergrund mal ein überdimensionaler Falten-Albtraum aufgeblasen. Ein Riesenbaby, das nach und nach wieder in sich zusammensackt. Vielleicht lässt Peschel aber auch nur die überschüssige Luft aus Stockmanns 160-Seiten-Skript. Zu einem ausgelassenen „Go Your Own Way“ wird der leere Sack dann gemeinschaftlich entsorgt. Das es Stockmann auch ernst ist, mit seinem moralischen Appell an Deutschland (Was für ein Land?), versucht Peschel aber nicht etwa einfach nur billig zu verjuxen. Er gibt dem antikapitalistischen und zivilisationsmüden Wutgeheul der Ich-Figur genügend Raum. Es geht um verlorene und falsche Werte, einfache Menschen mit ihrer antrainierten Aufrichtigkeit und die Möglichkeit einer totalen Verweigerung. Nicht ohne angemessenen Strich, den diese ausufernden, von lauter Selbstzweifeln diktierten Reflexionen, mit philosophisch-literarischen Zitaten von Goethe über Nietzsche bis zu Scott Fitzgeralds „Großem Gatsby“ angereichert, auch dringend nötig haben.

Deutsches Theater und Kammerspiele - Foto: St. B.

Deutsches Theater und Kammerspiele
Foto: St. B.

Ein nur gefälliger Abend ist daraus dennoch nicht geworden. Es ist das Beste was Stockmanns für das herkömmliche Theater relativ unangepasstem Text auf der Bühne passieren konnte. Eine gute und ungemein wichtige Inszenierung für Nis-Momme Stockmann und das Deutsche Theater Berlin. Als echte Uraufführungsbühne für junge Dramatik hängt das DT trotz einiger Bemühungen ja leider immer noch meilenweit hinterher. Wer Stockmanns neuestes Stück „Der Clown“ sehen will, muss dann Anfang Juni nach München fahren.

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Der Freund krank
von Nis-Momme Stockmann

Premiere vom 22. Februar 2014
an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin

Regie: Milan Peschel
Bühne und Kostüme: Nicole Timm
Dramaturgie: Juliane Koepp
Licht: Marcus Scherle

Mit: Moritz Grove, Daniel Hoevels, Kathleen Morgeneyer, Martin Otting

Dauer: 120 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/spielplan/der_freund_krank/

Zuerst erschienen am 23.02.2014 auf Kultura-Extra.

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Tschechows „Kirschgarten“ inszeniert von Thomas Langhoff am Berliner Ensemble und Lensing/Hein in den Sophiensaelen

Donnerstag, Dezember 15th, 2011

„Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow scheint mal wieder das Stück der Stunde zu sein. Die dekadenten Besitzer einer Schrottimmobilie, mit nur noch rein ideellem Wert, stellen sich als dem realen Markt nicht mehr gewachsen heraus und verlieren ihren hoch verschuldeten Grund und Boden samt enzyklopädischem Kirschgarten an einen neureichen Emporkömmling, dessen Eltern sie früher nicht einmal in die Küche vorgelassen hatten. Tschechow sezierte ziemlich genau einen Querschnitt durch die russischen Landbevölkerung um die Jahrhundertwende und beschrieb den Niedergang des alten Landadels und die Geburt der neuen Schicht des aufstrebenden Kleinbürgertums. Heute geht es der Mittelschicht immer mehr an den Kragen, der monetäre Hintergrund ist dabei größtenteils gleichgeblieben. Und auch am Leben auf Pump hat sich seither nicht viel geändert.

In Berlin gab es in diesem Jahr für Tschechowliebhaber bereits mehrmals die Gelegenheit den „Kirschgarten“ mit mehr oder minder Geschick auf dem Theater abgeholzt zu bekommen. Bereits beim Theatertreffen im Mai lieferte Karin Henkel in einer Kölner Inszenierung eine recht lahme Zirkusvorstellung ab. Dauermüde Clowns in einer Manege der Langeweile. Nur Lina Beckmann als Warja sorgte noch für etwas Stimmung, was sie dem Fernsehkommissar auf Theaterurlaub Charli Hübner als Neukapitalist Lopachin aber stückbedingt auch nicht näher brachte. Keine neuen Erkenntnisse konnten vermittelt werden, für die Lebensweisheiten des Dieners Firs kein Platz mehr, die Schlussszene gestrichen. Mit abgespecktem Personal und gerade mal zwei Stunden Spieldauer, war das im wahrsten Sinne des Wortes zum Vergessen.

tschechow.jpg
Tschechow am BE. Foto: St. B.

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Fabian Hinrichs Ein Koffer voller Schmerzen in den Sophiensaelen Berlin

Donnerstag, April 1st, 2010

Meine letzten Vorlesungserfahrungen liegen mit Sicherheit mehr als 15 Jahre zurück, und in unguter Erinnerung daran, habe ich mich zu diesem erneuten Selbstversuch, nicht ohne Koketterie behauptet, auch selbst überreden müssen. Letztendlich gelockt hat mich, die Ankündigung, das Fabian Hinrichs hier „eine Art öffentlichen Rechenschaftsbericht über eine Arbeit, die man mich im übrigen mehr oder weniger nach meinem Gutdünken verrichten lässt“ ablegen will. Was muss man sich darunter vorstellen, wenn ein 35jähriger sich freiwillig wieder auf die harten Sitze der Hörsäle der Freien Uni Berlin setzt und Vorlesungen zur Politikwissenschaft hört, um uns dann an den Ergebnissen teilhaben zu lassen? „Wie werde ich in einer, in eineinhalb Stunden, dieses oder jenes vorstellen können, ohne die Leute allzusehr zu langweilen?“ Eine Frage die sich jeder Besucher vorher auch selbst gestellt haben wird und sicher auch die, was er nun am Ende damit anfangen wird. Diese Antwort verweigert uns Fabian Hinrichs von Anfang an. „Es geht mich insofern nichts an, als ich nicht zu entscheiden habe, was Sie damit machen.“ Also der Programmzettel hilft schon mal nicht weiter. Dafür gibt es ein mehrere Seiten dickes Skript, wie es sich für eine richtige Vorlesung auch gehört. Das Konzept lautet aber „Songs ohne Namen, Interview ohne Namen, Vorlesung ohne Namen“.
Der Autor der Vorlesung, Zeit und Ort bleiben im Verborgenen, wir können nur aus dem Text erahnen, das der Referent bereits in den 20er und 30er Jahren in Jugendberatungsstellen mitgearbeitet hat und eine süddeutschen Dialekt (vermutlich bayrisch) spricht. Aber zuerst, nachdem die Besucher der Vorlesung die auf den Sitzen des Saales liegenden Zettel mit der seltsamen Aufschrift „Reserviert für F. Hinrichs!“ entfernt und sich gesetzt haben, werden zur Einstimmung Gesprächsfetzen, Musik (u.a. Reinhard May), Kabaretteinlagen vom Band gespielt. Fabian Hinrichs sitzt in Jeans und weißem Unterhemd auf einem Stuhl und versucht gegen das Bühnenlicht unsere ersten Reaktionen einzufangen. An die Wand werden mittels Beamer immer wieder Bilderfetzen von Menschen, die einem wahrscheinlich bekannt vorkommen sollen, geworfen.
Endlich beginnt Hinrichs mit den Worten: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Titel, der für diesen Vortrag ausgewählt wurde, lautet: ‚Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn’.“ Es geht also um nichts mehr oder weniger als den Sinn des Lebens.
Spätestens hier dürfte so mancher Zuhörer und mit Sicherheit jeder Kritiker in eine sofortige Sinnkrise geraten. Diese Vorstellung die uns Hinrichs nun bietet entzieht sich natürlich jeder Bewertung, wenn man nicht vor hat ein Essay über den Sinn des Lebens zu verfassen. Das Ganze ist zumindest sehenswert, Fabian Hinrichs trägt in Mimik, Gestik sowie Tonfall den Autor aufs Genaueste imitierend den gesamten Vorlesungstext vor. Es wird kein Versprecher, kein Räusperer und kein „äh“ ausgelassen. Der zum Teil bayrisch eingefärbte Dialekt wirkt komisch, ein verschmitztes Lächeln kann sich selbst Hinrichs nicht verkneifen.
Der Inhalt in Kurzform gebracht, handelt von der ewigen Sinnsuche im Leben. Es werden Beispiele für die gescheiterte Sinnsuche im Selbstmord mit einem „gestorbenen Nein“ als Antwort dargebracht. „Das Sinnlosigkeitsgefühl als das existentielle Vakuum“, das Leiden am sinnlosen Leben. Einen kleiner Lacherfolgt bringt die Beschreibung des Eindringens dieses Leeregefühls anhand des Büchleins „Das Leiden des sinnlosen Lebens“ ohne Visum in die sozialistischen Länder, trotz Einfuhrverbot fürs existentielle Vakuum. Im Weiteren wird von Verhaltensforschung, Reiz-Antwort-Mechanismus und dem Menschen als sich abreagierendem Wesen gesprochen. Wir hören Schlagworte wie Wohlstandsgesellschaft, Konsumgesellschaft, das Erzeugen und Befriedigen von Bedürfnissen, außer des Sinnbedürfnisses des Menschen. Der Mensch als triebgesteuertes Wesen? Alles „erstunken und erlogen“, gesteuert durch die Massenmedien. Nachdem Psychodynamik und Behaviourismus anhand der Widerstandskämpfer im Nazionalsozialismus widerlegt sind, wird der Mensch als sich selbst transzendierendes Wesen erkannt. Ab jetzt wird es hoch philosophisch, Ontologie bzw. Metaphysik halten Einzug und es gipfelt in der Selbstverwirklichung und deren Nebeneffekten wie Sexualneurosen von Männern mit Orgasmusstörungen. Das sorgt immer wieder für Belustigung, genauso wie die Feststellung dass das Leben ja auch nichts weiter als ein Oxidations- sprich Verbrennungsprozess ist, was das sprichwörtliche Erlöschen des Lebenslichtes beim Tode erklären dürfte.
Wo bleibt nun die Antwort auf den Sinn des Lebens? Liegt er in dem was wir tun, kann man Sinn tradieren? „Alle Werte sind tot, es lebe der Sinn!“ Sinnfindung in einer hoffnungslosen Situation, einer unheilbaren Krankheit, Unfall, etc.? „Eine Tragödie in eine persönlichen Triumph zu verwandeln“, als menschlichste aller Fähigkeiten. Suchen sie sich etwas aus. Grundsätzlich ist Sinnfindung für jeden Menschen möglich, ist die Quintessenz des Vortrags. Wer hätte das gedacht? Der Vortrag schließt mit der Feststellung, das jene politische Partei, welche auf die Sinnfrage eine Antwort bietet, von deren Faszination profitieren kann und man hofft das der Staat daran keinen Schaden nehme, „Videant consules!“. Welche Partei wird das wohl sein?
Das alles kennen wir irgend woher und der Meister im Beschreiben politisch, philosophischer Vorgänge in der Gesellschaft am Theater ist auch anwesend, es ist niemand anderes als Rene Pollesch.
Hinrichs hat mit ihm schon die Frage des Verblendungszusammnenhangs zu klären versucht und dieser Abend schließt nahtlos daran an. Mit traumwandlerischer Sicherheit führt er uns wieder hinters Licht, wir gehen ihm mit Vergnügen auf den Leim und die Schilder auf den Sitzen sagen nichts anderes, als das wir nun erleben, was Hinrichs in den Wochen vorher an der Uni durchlebt hat. Wir sehen eine Persiflage dieser hochwissenschaftlichen Welt.
Das Wir als potenzierter Fabian Hinrichs, das ist doch schon mal was.