Archive for the ‘Spielzeit Europa Berlin’ Category

Rast- aber nie atemlos – Clemens Schick rennt durch „Die Nacht kurz vor den Wäldern“. Antonio Latella inszeniert Koltès` Endlosmonolog bei der „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele

Samstag, Oktober 15th, 2011

„Ein Satz von vierzig Seiten, ausgestoßen in einem einzigen Atemzug, ohne Punkt und Komma, die an jeder Stelle die poetische Notwendigkeit des Wortschwalls unterbrechen würden. Die Nacht kurz vor den Wäldern ist die Bejahung eines Theaters als Gesang, ein Manifest des Schreies einer Seele, der Poesie wird, Musik ohne Ende und ohne Anfang. Ununterbrochener Regen wäscht den Körper und lässt die Worte absolut, pur erscheinen. Im pausenlosen Dahinströmen wird die Sprache, die an die Obsession und die Hoffnung eines gottlosen Gebets erinnert, zu Fleisch.“ Antonio Latella

Bernard-Marie Koltès

(9. April 1948 bis 15. April 1989) koltes.jpg

Eine fast schwärmerische aber durchaus passende Umschreibung für das, als schier endlosen Monolog geschriebene, 1976 beim Festival von Avignon uraufgeführte Stück des französischen Autors Bernard-Marie Koltès. Die Inszenierungen von Patrice Chereau haben ihn international bekannt gemacht. Der italienische Theaterregisseur Antonio Latella bringt das Stück jetzt in einer Koproduktion seiner STABILE/MOBILE Compagnia mit den Berliner Festspielen im Rahmen der „Spielzeit Europa“ auf der Seitenbühne des Festspielhauses in der Schaperstraße neu heraus. Koltès, Schwulen- und Künstlerikone der 80er Jahre, wird immer wieder gern genommen, um politisch zu provozieren oder mit seinen unangepassten Wortkaskaden zu experimentieren. Die Berliner Volksbühne hatte ihn öfter mal im Programm, zuletzt mit „Quai West“ in einer Inszenierung des 2010 verstorbenen Werner Schroeter.

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Koltès hatte die kaputte Welt, die er in seinen Stücken beschreibt, selbst bereist und benannte die Probleme des modernen Kapitalismus, wie  soziale Entfremdung und Globalisierung, noch bevor sie im Westen als solche überhaupt erkannt wurden. Sein Zorn dagegen mündete aber nicht in den blinden Aufschrei eines Wutbürgers, sondern in künstlerisch schwer zugängliche, verstörende Poesie. Wie einst Samuel Beckett, legte der bereits 1989 mit 41 Jahren an AIDS verstorbene Autor, schon zu seinen Lebzeiten strenge Aufführungsrichtlinien fest und erboste sich über die deutschen Inszenierungspraktiken seiner Stücke. In dieser Hinsicht war er strikt konservativ gegenüber dem Regietheater und lobte die Arbeiten von Chereau und Stein. Das hat ihn nicht davor bewahrt, immer wieder in die Dekonstruktionsmühlen interpretationswütiger Regisseure zu geraten.

Antonio Latella geht hier dann auch erst einmal ganz behutsam, fast ehrfürchtig mit Koltès‘ Text um. Er hat sich als Darsteller, des ruhelos durch die regnerische Nacht ziehenden Fremden, den Film- und Theaterschauspieler Clemens Schick geholt, noch bekannt aus Falk Richters Inszenierung von Tschechows „Drei Schwestern“ an der Berliner Schaubühne oder dem Solo „Windows“, einem Stück über Bill Gates, und ihn auf eine leere, tiefe nur mit großen Scheinwerfern bestückte Bühne gestellt. Er ist schon beim Einlass aus der Dunkelheit der Hinterbühne mit einigen Satzsplittern des Textes zu vernehmen. Erst nach und nach lassen die Scheinwerfer die Silhouette des Schauspielers erkennen. Schick, nur mit Hose und offenem Jackett bekleidet, den Wortschwall des Fremden hervorstoßend, beginnt nun leicht zu tänzeln und geht in einen immer schnelleren Laufmodus auf der Stelle über. Zwei Scheinwerfer leuchten in dabei scharf von der Seite aus.

Man kennt die lauten, nervenden Selbstgespräche kaputter Existenzen in den öffentlichen Verkehrsmitteln der großen Städte, man meint alles schon mal irgendwo gehört zu haben. Und doch ist da mehr in diesem Text über einen verzweifelt nach Gesellschaft suchenden Außenseiter. Es schwingt auch stolz über dieses Andersein sein mit, anders zu sein als die Arschgesichter, die ihren Schwanz nicht waschen, die ihn ignorieren, schlagen oder bestehlen. Er fühlt sich größer, schwärmt von einer Gemeinschaft jenseits der Fabriken, gar einer „internationalen Gewerkschaft der in den Arsch Getretenen“. Er ist aber auch ein Getriebener, die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit lässt ihn nicht los. Er sucht ein Heim, das er nach seinem Sinn gestalten kann und wird doch wieder nur in einem billigen Hotel landen. Er folgt seinem imaginären Traumbild durch die Nacht.

Latella lässt den Text durch Schick ganz Körper werden. Den Regen bedarf es nicht, Schicks Schweiß glänzt auf dem Gesicht und durchdringt die Kleidung. Seine immer wiederkehrenden Hassausbrüche quälen ihn. Latella macht das mittels schriller Klänge und einer Stimme vom Band deutlich, die sich nicht nur in das Hirn des Protagonisten frist. Im grellen Gegenlicht windet er sich. Das soll nicht nur einfach auf die Nerven, sondern im wahrsten Sinne auf alle Sinnesorgane gehen. Der andauernde stimm- und körperliche Parforceritt wird dadurch immer wieder kurz unterbrochen. Zeit zum Atem holen bleibt aber nicht, die Suche nach seinem Engel geht weiter, bis er meint ihn gefunden zu haben. Die Textmaschine ebbt schließlich ab und Schick knickt unmerklich, langsam in sich zusammen, bis er scheinbar völlig entspannt aber gebrochen am Boden liegt.

Was Antonio Latella hier gelingt, ist diesen Endlostext aus seinem vordergründig sozialprekären oder schwulen Kontext zu lösen und uns diesen vermeintlichen Außenseiter so viel näher zu bringen. Er scheint förmlich unserer Mitte entsprungen, wir stehen mit ihm im Rampenlicht. Natürlich bleibt Koltès‘ Text eine Anklage gegen Vereinsamung, Ausgrenzung und soziale Härte, er ist aber auch ein verzweifelter Sehnsuchtsschrei der menschlichen Seele, die nach außen dringt und hier in der eindrücklichen Darstellung von Clemens Schick nicht ungehört vorbeirauscht. Ihm vor allem ist es zu danken, dass diese körperbetonte Performance aufgeht. Man wird dieses Bild des getriebenen, zum Schluss in sich zusammensinkenden Bündels aus Körper und Sprache lange nicht loswerden.
Eine unbedingte Empfehlung, noch bis zum 16.10.2011 im Haus der Berliner Festspiele zu sehen. Weitere internationale Produktonen werden bis Ende Januar 2012 folgen.

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Sasha Waltz mit „Continu“ und Isabelle Huppert mit „Un Tramway“ bei der „Spielzeit Europa“ im Haus der Berliner Festspiele

Mittwoch, November 24th, 2010

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Sasha Waltz eröffnete am 11.11.10 mit „Continu die „Spielzeit Europa““

Nachdem „Continu“ schon im Juni zu den Züricher Festspielen zu sehen war, kam Sasha Waltz nun zur Eröffnung der „Spielzeit Europa“ mit ihrem neuen Tanzstück zur Berlin-Premiere. Eine Fortführung ihrer Museumsbespielungen sollte es sein. Waltz spricht vom Kreislauf von Leben und Sterben in der Natur, Begierde und Verlangen in zwischenmenschlichen Beziehungen, vom zu weit gehen und starken Frauenfiguren. Sie hat dazu einen zweigeteilten Abend eingerichtet.
In Berlin nun hat Sasha Waltz die Abfolge der beiden Teile des Abends geändert. Sie beginnt mit dem meiner Meinung nach schwächeren weißen Teil, bis auf den sehr körperlichen Solopart am Anfang, der einen Tänzer ihrer Gruppe in fast artistischen Verrenkungen zeigt und das Ausloten des Existentiellen ihrer Aussage gut verkörpert. Danach gibt es Gruppenformationen auf einer weißen Papierfläche. Aus der Gruppe heraus bilden sich immer wieder Paare, die diese Spielfläche und den Raum erkunden und sogar die Wände hochgehen. Irgendwann wird das Papier in Spiralen beschrieben, dann lehrt sich Bühne immer mehr und die Papierbahn wird über die verbliebenden Tänzer geschlagen. Danach ist Pause.

Wahrscheinlich wirkte das aber irgendwie angeklebt in der ersten Version, denn der zweite schwarze Teil ist wesentlich kräftiger und auch sehr düster und bedrohlich. Die Choreografie hat etwas Archaisches, fast Diktatorisches, wenn zur gewaltigen Musik von Edgar Varèses „Arcana“ die Einzelnen aus der Gruppe Ausbrechenden immer wieder eingesogen werden und die Gruppe sich duckt und in Wellen durch den Raum gleitet. Als wenn es da etwas Überirdisches gäbe, an das die Tänzer gekoppelt sind, wie die drei Figuren die wie Marionetten an langen Fäden von der Decke hängen. Alles in allem ist das sehr klassisch von der Choreografie bis zu den Kostümen und der Musik. Es war eine durchaus beeindruckender Abend, aber irgendetwas fehlte, eine Linie, ein klares Konzept. Die minutenlange symbolische Exekution der Tänzer zum Schluss entlässt einen doch etwas ratlos. Ein Überlebender und der Schütze fliehen aus dem Saal, die Türen zu schlagend, ohne Möglichkeit einer Erlösung. Dadurch verliert nicht nur der erste Teil seine Kraft.

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Der Klempner von der Champs-Élysées – „Un Tramway“ mit Isabelle Huppert in einer Inszenierung von Krzysztof Warlikowski nach „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams in einer Bearbeitung von Wajdi Mouawad

In Krzysztof Warlikowski Version von Tennessee Williams „A Streetcar Named Desire” hält die Straßenbahn Sehnsucht an der Champs-Élysées in Paris. Er hat für die Inszenierung am Théâtre de l’Odéon den Kinostar Isabelle Huppert gewinnen können. Zu Beginn sitzt sie auf einem langen Laufsteg der die Bühne quert und drückt gequält erste Worte aus ihrem vollen Mund. Eine schon von Anfang an zerstörte Person die in Warlikowskis Bearbeitung des Williams-Stücks ein Opfer von sexuellen Obsessionen der Männer ist. Unbewusst erinnert man sich an die vielen Darstellerinnen die man im Lauf der Zeit auf deutschen Bühnen in der Rolle der Blanche DuBois sehen konnte. Zum Beispiel Susanne Lothar, Emanuela von Frankenberg, Maren Eggert oder erst letztens Jule Böwe an der Berliner Schaubühne und Wiebke Puls an den Münchner Kammerspielen. Nicht zu vergessen natürlich Silvia Rieger in Frank Castorfs „Endstation Amerika“ an der Berliner Volksbühne. Diese Rolle ist immer eine Herausforderung für eine Schauspielerin emotional an ihre Grenzen zu gehen. In Castorfs Stück-Zertrümmerung ist Blanche ein Opfer eines rohen Unterschichtenmachos. Die Vergewaltigung erfolgte in einem riesigen Lotterbett, das sich mit der Bühne heben und senken konnte.

Nicht so bei Warlikowski, seine Bühne ist fast aseptisch rein. Eine langgezogene Sanitärzelle, hinter Glaswänden zeigt den geliebten Rückzugsort von Blanche, darunter verlaufen Bowlingbahnen, die auch mal von Stan und Mitch benutzt werden. Die Wohnungseinrichtung besteht wieder aus einem Bett und einer modernen großen Couchgarnitur mit Tisch, der polnische Klempner hat sich einen gewissen kleinen Wohlstand erarbeitet. Obwohl Warlikowski den Stücknamen auch ändern musste, bleibt die Geschichte doch erkennbar, an Castorf erinnern nur die Videos und die Länge. Unter 2,5 Stunden macht es auch Warlikowski nie. Wer sein über 4-stündiges Opferdrama (A)pollonia gesehen hat, konnte wissen, was ihn erwartet. Auch in „Un Tramway“ fügt Warlikowski mehrere Werkzitate anderer Autoren ein und unterbricht das Spiel immer wieder mit Gesangseinlagen der großartigen Sängerin Renate Jett, die auch die Nachbarin Eunice spielt.

Castorf hatte einen weiteren Star, den Stan des begnadeten Henry Hübchen. Bei Warlikowski ist die Inszenierung ganz auf Isabelle Huppert zugeschnitten, wie eine abgehalfterte Diva im Glitzerfummel stöckelt sie über die Bühne und trinkt Stan, gespielt von Andrzey Chyra, den Kognak weg. Sie zieht alle Register ihres Könnens, erst abwertend tritt sie dem Polaken gegenüber, dann kindlich losgelöst tanzt sie zu einer rockigen Version des Pulp-Hits „Common People“, der tapsige Mitch des Yann Collet ist ihr nicht gewachsen und braucht auch mal Boxhandschuhe zur Gegenwehr. Erst langsam wird ihre letzte Hoffnung von der Intrige Stans zerstört. Andrzey Chyra spielt den Stan als kalten, berechnenden Chauvi, kein ungebildeter Prolet, seine Gewaltausbrüche finden hinter der Bowlingbahn statt, wo er Stella, treuherzig dargestellt von Florence Thomassin, schlägt oder Blanche schließlich vergewaltigt.

Die Frau im Geschlechterkampf zwischen Suche nach Selbstbestimmung und Unterlegenheit, so wie in den Zwischenstücken von Oscar Wilds „Salome“ oder in dem klagenden Chanson von Eric Carmen „All By Myself“, immer wieder dargebracht von Renate Jett. Sehr passend auch die Geschichte der Kugelmenschen aus Platons „Symposion“, dort vorgetragen vom Komödiendichter Aristophanes zu Ehren des Gottes Eros. Die einst vereinten Geschlechter wurden von Zeus geteilt und irren nun umher mit der Sehnsucht, sich mit ihrem verlorenen Teil wieder zu vereinen. Zum Finale gibt es eine Popversion von Monteverdis „Combattimento di Tancredi e Clorinda”, die Kreuzfahrersaga über den ungleichen Kampf zwischen dem christlichen Ritter Tancredi und der muslimischen Prinzessin Clorinda mit dem Text des italienischen Renaissancedichters Torquato Tasso, in dem Tancredi seine Geliebte unwissend aus Versehen tötet. Blanche ist hier dann auch zwangsläufig unterlegen und dem Wahnsinn anheim gegeben, ein Opfer ihrer unstillbaren Sehnsucht und sexueller Begierden nicht wie bei Williams eines der Unterschiede der Klassen und des Niedergangs der Kultur durch Neid und Gier. Warlikowskis überfrachtet seine wie immer bildgewaltig Inszenierung mit zu viel Bedeutung. Das wurde dann auch mit einigen Buhs aus dem Publikum quittiert, viel Beifall gab es aber für Isabelle Huppert und ihre grandiose Darstellung der Blanche.